Uli , » das ist eine Sache , sie hat mich schon lange zu sinnen gemacht , « und kratzte dabei am Kopf , als ob er einen Splitter aus dem Fleische ziehen wollte ; es war einer der Kopfnägel , welche Joggeli unvermerkt ihm eingetrieben . » Sieh , wir sind gar zu teuer drin . Für die Dienstenlöhne , welche ich zahlen muß , könnte man ein ordentlich Gut in Pacht nehmen ; denke , zweihundert Taler , die Taglöhner nicht gerechnet , und Schmied und Wagner und Schneider und Schuhmacher nicht . Ich weiß weiß Gott nicht , wo ich all das Geld auftreiben soll . Da habe ich gedacht , ich könnte es mit wohlfeilern Diensten ebenso gut machen und wenigstens fünfzig Taler an einem Punkte ersparen . Daneben , wenn du Mädi behalten willst , so habe ich nichts dawider . Vielleicht daß es mit etwas weniger Lohn auch zufrieden ist , denk , es hat vierundzwanzig Taler im Jahr , ein Paar Schuhe und zwei Hemden , das ist ja ein Knechtenlohn . « » Zweifle , daß es weniger nimmt . « sagte Vreneli , » ein Mädchen im besten Alter schlägt mit dem Lohne eher auf als ab , und Mädi verdient ihn wirklich besser als mancher Knecht , der einen doppelt so großen Lohn hat . « » Habe nichts dawider , aber mit einem Mindern könnte man es auch ; denk , vierundzwanzig Taler ohne Zugaben ! « » Aber Uli , « sagte Vreneli , » was denkst und wie rechnest ! Ja , das Jahr geht vorbei , habe man gute oder schlechte Dienstboten , und alle Tage hat man dreimal gegessen , geheuet , geerntet und geemdet ; aber wie ging alles und wie viel Zorn und Galle hat man geschluckt und wie selbst schaffen müssen ! Und am Ende für was ? Um zu erfahren , daß man nicht alles alleine machen kann und erzwingen , so wenig als ein Hauptmann ohne Soldaten keine Schlacht gewinnt . « » Ja , alleine wollen wir diesen Hof auch nicht arbeiten , « sagte Uli , » so dumm , wie du meinst , bin ich doch nicht , aber mit wohl , feilern Leuten . Wenn man diese recht anführt und brichtet , so sind sie oft besser als die teuersten , welche Köpfe machen und alles besser wissen wollen . Der beste Soldat war einmal Rekrut . « » Lieber Uli , disputieren unnütz wollen wir nicht , du weißt ja am besten , wie ich es meine , du weißt am besten , wie man so mit halbbatzigem Zeug daran ist . Auf alles muß man ihm die Nase stoßen , ist man nicht immer dabei , so ist nichts gemacht . Was sie im Stall beim Füttern , kurz überall verwahrlosen können , weißt , mußt das Meiste selbst machen , bleibst in allen Arbeiten zurück , und wenn man am Ende zusammenrechnen würde , ohne noch zu rechnen , was man für das Abtreiben der Galle gebraucht , so hat man sicher mehr als doppelt so viel Schaden , als man am Lohn erspart hat , du würdest es erfahren . « » Das frägt sich noch , « sagte Uli , » wenn man recht zur Sache sieht und jedes von uns tut , was es kann . Man kann die Leute dressieren ; sieh , Großtun ist lustig , aber es kömmt bei reichen Leuten nicht gut , geschweige bei armen . Was würden die Leute sagen , wenn wir fortfuhren groß tun mit kostbaren Dienstboten ? Da erst würden die Bettler kommen und uns fressen von Haus und Heim , die Leute glauben , wie eine geringe Pacht wir hätten . Joggeli hat mir das schon um die Nase gerieben , und er ist imstand , er läßt sich aufweisen , kündet uns die Pacht unter irgend einem Vorwand . « » So , ist der alte Schelm dahinter , dachte ich es doch , « sagte Vreneli . » Der kann sein Lebtag nichts anders als Unheil stiften . Das ist einer , der einmal dem Teufel ab dem Karren fiel , als derselbe eine Ladung heimkutschierte . Indessen mach , was du willst , ich will nicht regieren , am Ende mußt du dabei sein ; der Leute wegen würde ich es weder so noch anders machen , sie helfen dir doch nicht , wenn du nicht kommen magst , sei es mit der Arbeit , sei es mit dem Gelde . Hast du mich aber lieb , so laß mir Mädi . Wenn ich dahinten bleiben muß , wer sollte die Haushaltung machen ? Mädi ist treu wie Gold und weiß alles ; wenn ich einer Fremden alles in die Hände geben sollte , ich wäre keine Stunde ruhig im Bette . « » Wider Mädi habe ich nichts , daneben wäre es für ein paar Tage nicht gefochten , « antwortete Uli . » Du weißt nicht , wie es gehen kann , « sagte Vreneli , » manchmal geht es ein paar Wochen , und manchmal kann man sterben und ist dann aller Not und Elend ab . « » Bist bös ? « sagte Uli , endlich aufmerksam werdend . » Bös wollte dich nicht machen . Zürn mir nicht , ich meine es für mich und dich gut . Wäre es dir anständig , wenn im ersten Jahre wir mit dem Schelmen draus müßten , wie es schon so Vielen ergingen , wie Joggeli an der Sichelten erzählt hat ? Ja , und die Sichelten , was die gekostet hat , weißt du ; wenn wir nicht so fortgefahren hätten , im Gleichen mit den gleichen Dienstboten , so wären die Bettler auch nicht so dahergekommen . So hätte er es nie gesehen , hat Joggeli mir gesagt , er hätte ein rechtes Bedauern mit uns bekommen , es hätte ihm übel gegraust . « » So , das alles hat dir der alte Schelm gesagt , Ich wollte , daß der wäre z ' hinderst am hintersten Stern , wo nirgends eine Seele mehr ist , nicht einmal ein Teufel . Wenn Teufel dort wären , so hätte er noch seine Freude , er könnte ihnen die Haare zusammenknüpfen und sie hintereinander bringen . Wo aber niemand ist zum Aufweisen , wo er alleine ist , da ist seine Hölle und er der einzige Teufel darin , der Unflat was er ist , der Allerweltsvergifter ! « Vreneli war zornig , und wenn Vetter Joggeli in der Nähe gewesen wäre , so hätte er Sorge tragen können zum Rest seiner Haare . Uli besänftigte , aber es gibt wenige Leute , welche , statt zu besänftigen , nicht Öl ins Feuer gießen . Besänftigen ist eine rare Kunst ; um sie zu üben , muß man das Herz , welches man besänftigen will , vollständig kennen und aller seiner Schwingungen Meister sein . Uli rühmte den Joggeli , wie er es gut meine , ein erfahrener Mann sei , von allem einen guten Begriff habe , und wie man ihn in Hulden behalten müsse , denn er sei ihre eigentliche Stütze . Man müsse nicht so sein und einen Menschen , wenn er es so gut meine , mit Händen und Füßen von sich stoßen , man könnte sich einst reuig werden . » Das meine ich auch « sagte Vreneli , » man könnte reuig werden , wenn man einfältig genug ist , wegen ein paar guter Worte und einiger Gläser Wein zu vergessen , was man an einem Menschen seit Jahren oder wie ich von Kindesbeinen auf erfahren hat , und einem zu glauben , der keinem Menschen traut und nur daran Freude hat , alles hintereinander zu hetzen . Wie hat er es gehabt mit seinen Leuten , Hätte er einen guten Begriff gehabt vom Bauern und wie man es machen müsse , um vorwärtszukommen , es wäre ihm besser gegangen . Weißt du schon nicht mehr , wie du es angetroffen hast und wie er es dir gemacht « » Nun , du weißt , jeder Meister kann mit seinem Gesinde bös zwegkommen , und ist einmal ein böser Geist eingerissen , so hat man es damit wie mit dem Schwamm in den Häusern , man bringt ihn nicht weg , wenn man schon ein- oder zwei- mal ändert . Daneben mußt du denken , die Menschen können sich ändern . Joggeli weiß , wer wir sind , darum hat er uns den Hof gegeben . Ein Mann , der so viel betrogen worden ist wie er , der darf wohl mißtrauisch sein , aber sieht er einmal , daß man es gut mit ihm meint , so kann er ganz anders auch sein . Gegen mich , ich muß es sagen , hat er sich ganz geändert , er ist fast wie ein Vater gegen mich , ich muß es sagen , ich hätte nie gedacht , daß er so sein könnte ! « Solche lange Rede tat Uli dar . » Nun so dann , so halte ihn als Vater , dann kömmt es gut . Kratzen wirst du einst in den Haaren , aber es wird zu spät sein . Lebt wohl , Friede und Einigkeit ! Wo der Teufel dazu kann , da ists vorbei damit , und daß du so verblendet werden könntest , hätte ich nie geglaubt ! Ach , ach , ich wollte lieber , es wäre uns die Ernte verhagelt worden , es wäre ein kleines Unglück gewesen ! « Und bitterlich weinte und schluchzte Vreneli . Uli ward sehr mißstimmt , fast böse . Hatte er doch so vernünftig und sachgemäß geredet , hatte zum Frieden ermahnt , wie es einem Christen ziemt , und Vreneli wollte keinen Verstand brauchen , sich nicht begütigen lassen . Daß es so aus dem Häuschen fahren könnte , hatte er gar nicht geglaubt , und eine Frau alles erzwingen lassen dürfe man doch nicht , am wenigsten mit Wüsttun , dachte er . » Ja . « sagte Uli , » wenn du so tun willst und nicht Verstand brauchen , so kann man nicht mit dir reden . Gut Nacht ! « Vreneli schluchzte laut auf , konnte nicht einmal » Gute Nacht auch , « erwidern . Das war das erste Ehegewitter , welches bei ihnen stattfand . Kleine Stäupeten oder Schauer hatte es wohl schon gegeben , aber war die Wolke vorübergezogen , schien die Sonne wieder . Das erste Gewitter dagegen zieht gerne trüb und namentlich kalt Wetter nach sich , denn es verzehrt allzu viel Wärme , und die wäre der frisch erwachten Erde so nötig , sie vermißt sie so schmerzlich ! Trübe wars auch am folgenden Morgen an ihrem Ehehimmel , daß das Gesinde sich fragte : was es wohl gegeben zwischen der Meisterfrau und dem Meister ? Sie hätten sich heute noch nicht angesehen , geschweige ein Wort zu einander gesagt . Vreneli war am Morgen im Garten und zog Salat aus . Es hatte seit jenem Gewitter nicht geregnet , es war sehr trocken ; wahrscheinlich glaubte Vreneli , ein weicher , warmer Regen , komme er nun aus dem Himmel oder aus eines armen Weibes Augen , täte dem Kraut wohl . » Bist fleißig , « erscholl hinter ihm der Base währschafte Stimme . » Muß den Salat nehmen , er stengelt sonst auf , und wenn es so heiß ist , essen die Leute nichts lieber als Milch und Salat , süß und sauer durcheinander , wie es auch geht in der Welt , « entgegnete Vreneli , sah aber nicht auf . » Ja , warum ich komme , « sagte die Base , » habe was Merkwürdiges vernommen , muß es dir erzählen , aber mach nur . Wenn du genug Salat hast , so will ich dir ihn rüsten . Denk , diesen Morgen war ein Besenmann da aus dem Emmental , wo die guten Birken wachsen , und sagte , was da oben einem Bauer , der Gott und Menschen nichts nachfrägt und bloß nach dem eigenen Kopf fahren will , begegnet ist . Am Sonntag nach eurer Sichelten , wo unser Alter so naß geworden ist , daß er drei Tage im Bette lag und immer klagte , er könne nicht erwarmen und nicht ertrocknen , am selben Sonntage hatte bei ihnen oben ein Bauer viel Korn draußen liegen gehabt . Als er nachmittags an den Bergen die Wolken gesehen und die nasse Brunnröhre , die ordentlich tropfte , da habe er das Gesinde zusammengerufen und gesagt : Rasch hinaus , gehäufelt und gebunden ! Es wettert auf den Abend , bringen wir tausend Garben trocken ein , so gibts darnach Wein genug . Das habe seine Großmutter gehört , die sei achtzig Jahre alt und gehe an zwei Krücken ; die sei mühsam dahergekommen und habe gesagt : Johannes , Johannes , was denkst doch auch ? So lange ich mich zurückerinnern mag , ward hier am Sonntag nie eine Handvoll eingeführt , und meine Großmutter hat mir gesagt , sie wisse auch nichts darum , und doch sei immer Segen bei der Sache gewesen und von Mangel habe man hier nichts gewußt . Und wenn es noch Not am Mann wäre , Johannes , ein naß Jahr ! Aber trocken wars bis dahin und trocken wird es wieder werden , und naß werden schadet dem Korne nichts , und würde es ihm schaden , so hast du zu denken , der Herr , der das Korn gegeben , gibt auch den Regen , und wie ers gibt , hast du es anzunehmen . Johannes , tue es nicht , ich halte dir dringlich an . Das Gesinde sei umhergestanden , die Alten hätten ernsthafte Gesichter gemacht , die Jungen gelacht und unter sich gesagt , das Altväterische sei abgetan , jetzt sei es eine neue Welt . Großmutter , habt nicht Kummer , hat der Bauer gesagt . Alles muß einmal zum erstenmal geschehen , und deretwegen ists nicht bös . Unserem Herrgott wird das nicht viel machen , ob wir heute schaffen oder schlafen , und ebenso lieb wird ihm das Korn am Scherm als am Regen sein . Was drin ist , ist drin , man braucht deswegen nicht Kummer zu haben , denn wie es morgen sein wird , weiß niemand . Johannes , Johannes , drin und draußen ist die Sache des Herrn , und wie es diesen Abend sein wird , weißt du nicht ; aber das weißt , daß ich deine Großmutter bin und dir den tusig Gottswille anhalte , laß heute dein Korn draußen ! Ich will , wenn du es sonst nicht machen kannst , ein ganzes Jahr kein Brot mehr essen . Mutter , hat darauf der Johannes gesagt , deretwegen sollt Ihr nicht desto weniger Brot haben , aber eine Zeit ist nicht alle Zeit , es gibt alle Jahre neue Bräuche und dSach sucht man alle Tage besser zu machen . Aber Johannes , hat die Mutter gesagt , die Gebote bleiben die alten und kein Düpflein wird daran vergehen , und hast du dein Korn unter dem Dache , was hilft es dir , wenn du Schaden leidest an deiner Seele , Für die kümmert nicht , Mutter , hat der Johannes gesagt , und jetzt , Buben , auf und gebunden , was das Zeug hält ! Die Zeit wartet nicht . Johannes , Johannes ! hat die Mutter gerufen , aber Johannes hörte nicht , und während die Mutter betete und weinte , führte Johannes Garben ein , Fuder um Fuder , mit Flügeln schienen Menschen und Tiere behaftet . Tausend Garben waren unter Dach , als die ersten Regentropfen fielen ; schwer , als wären es Pfundsteine , fielen sie auf die dürren Schindeln . Jetzt , Mutter , sagte Johannes in die Stube tretend mit seinen Leuten , jetzt ists unter Dach , Mutter , und alles ist gut gegangen ; mag es jetzt stürmen , wie es will , und morgen schön oder bös Wetter sein , ich habs unter meinem Dach . Johannes , aber über deinem Dach ist des Herrn Dach , sagte die Mutter feierlich , und wie sie das sagte , ward es hell in der Stube , daß man die Fliegen sah an der Wand , und ein Donner schmetterte überm Hause , als ob das , selbe mit einem Streich in millionenmal Millionen Splitter zerschlagen würde . Herrgott , es hat eingeschlagen , rief der Erste , der reden konnte , alles stürzte zur Türe aus . In vollen Flammen stand das Haus , aus dem Dache heraus brannten bereits die eingeführten Garben . Wie stürzte alles durch einander ! Wie vom Blitz geschlagen war jede Besonnenheit . Die alte Mutter alleine behielt klare Besinnung , sie griff nach ihren beiden Stecken , sonst nach nichts , suchte die Türe und einen sichern Platz und betete : Was hülfs dem Menschen , wenn er die ganze Welt gewönne und er litte Schaden an seiner Seele ? Dein und nicht mein Wille geschehe , o Vater ! Das Haus brannte ab bis auf den Boden , gerettet wurde nichts . Auf der Brandstätte stand der Bauer und sprach : Ich habs unter meinem Dach ! Aber über deinem Dache ist des Herrn Dach , hat die Mutter gesagt . Und seit dieser Stunde spricht er nichts mehr als : Ich habs unter meinem Dach ! Aber über deinem Dache ist des Herrn Dach , hat die Mutter gesagt . Gar grausig soll das anzusehen sein . Viele Leute gehen hin und nehmen ein Exempel daran , daß alles in des Herrn Hand ist , sei es auf dem Acker oder unter einem Dache , daß was man vor dem Regen geflüchtet , vom Blitz ereilt werden könne , wohin man es auch geflüchtet . « So sprach die Base . Unterdessen hatte Vreneli den Salat ausgezogen ; wie langsam es auch machte und wie andächtig und gsatzlich die Base erzählte , so mußte es doch endlich aufstehen , und wenn es schon nicht die Augen aufschlug , so sah die Base doch alsbald , daß es geweint hatte . » Was hast ? Meitschi , hätte ich bald gesagt , du und weinen ! Was zum Tütschel hast du Unebenes ? Oder etwa Kummer , du kommest mit dem Leben nicht davon ? Du Tröpflein , alte Soldaten gibt es ja mehr als genug und erst alte Weiber ganze Dörfer voll , du dummes Tröpflein ! Aber das wird wohl was andres sein . Was hast ? Wenn du Glauben an mich hast und ich dir helfen kann , so sags . Meinst , du könnest es alleine verwerchen , so schweige , sag es aber auch sonst niemanden ! « » Base , « sagte Vreneli halblaut , » es kam ein Jemand zwischen uns . « Da fuhr die Base einen Schritt zurück und rief : » Was du nicht sagst ! Mädi ? « » Nein , Base , was denkt Ihr ! So schlecht ist Uli nicht , deretwegen habe ich nichts zu fürchten und kann ruhig sein . « » Wer dann , « frug die Base , » wenn es nicht selb ist ? « » Sollte es nicht sagen « entgegnete Vreneli , » aber kann weiß Gott nicht anders , waret Ihr doch immer Mutter an mir . Euer alter Gnäppeler ists , der hat Uli über Ort gebracht . « Da lachte die Base , daß es sie schüttelte über und über , und sagte : » Oh , wenn ich ein so jung , hübsch Fraueli wäre , wegen einem ganz grauen und halblahmen Mannli wollte ich nicht aus der Haut fahren ; wäre es ein hübsch Dirnchen , selb wäre eine andere Geschichte , du Babeli , was du bist ! Uli kennt ja den Alten so gut als du ; du wirst ihn unrecht verstanden haben , da hat er den Kopf gemacht und du hast ihn gemacht , aber das kommt schon alles wieder gut . Glaube mir , es ist nicht das erstemal , daß das so gegangen ist in der Welt . « » Kommt , Base , « sagte Vreneli , » Ihr seid meine Mutter gewesen von je , Euch darf ich es wohl klagen , sonst vernimmt es niemand in der Welt . « Nun erzählte ihr Vreneli , wie der Vetter sich an Uli gemacht , ihm den Kopf groß gemacht wegen vielem Brauchen und kostbaren Dienstboten und ihn eingenommen , daß Uli auf einmal das beste Zutrauen zu ihm habe , glaube , es meine es niemand auf der ganzen Welt so gut mit ihm als der Vetter Joggeli , und alles vergessen habe , was er vorher an ihm erfahren . So dumm und leichtgläubig hätte es sein Lebtag Uli nicht geglaubt , wenn das so sei , so könne jedes alte Weib ihm den Kopf kehren , und so komme es wahrhaftig nicht gut . Es habe ihm sagen wollen , wie die Sache sei , da habe er ihm abgeputzt und den Vetter erhoben , als ob er ein Seraphim oder gar ein Cherubim wäre , das alte Giftbecherli ! » Und daß er glaubt , so einer meine es besser mit ihm als ich , selb will mir fast das Herz abdrücken . « Erst ward die Base bös und sagte : » Dä Tüfels Alt , kann der das nicht lassen ! Ich glaube , er wäre imstande , die Engel im Himmel hintereinander zu bringen . « Doch , erfahren im Besänftigen , sagte sie : » dSach würde mich auch böse machen , daneben danke Gott , daß es nur das ist , es könnte leicht was anders sein , welches hundertmal schlimmer wäre . « » Aber Base , wenn Uli mit wohlfeilen Dienstboten fahren will , kommen wir in ein Wesen hinein , daß ein Wespennest ein Himmelreich dagegen ist , und wenn Uli andern Leuten mehr glauben will als mir , so begehre ich gar nicht mehr dabeizusein , « eiferte Vreneli . Da lachte die Base und sagte : » Zürne nicht , daß ich lache , das Weinen wäre ja freilich anständiger , aber ich kann nicht anders . Was meinst , wenn alle Weiber sich hängen oder ersäufen wollten , deren Männer andern Leuten zuweilen mehr glauben als ihren Weibern , was meinst , Vreneli , wie manches lief lebendig herum ? Meinst nicht , es hingen mehr Weiber an den Bäumen als Kannenbirnen , schwämmen mehr in den Flüssen als Hechte und Forellen , Die Sache ist auch nicht halb so schlimm , als man meinen möchte , wenn man sie nur so von ferne ansieht ; hab es selbst erfahren , kann davon reden . Meinte es auch so wie du , hatte auch Ursache dazu ; war eine Bauerntochter , von Jugend auf bei der Sache , und kam nicht mit leeren Händen , daß Joggeli hätte meinen können , es ginge bloß um seine Sache . Aber ich mußte mich anders gewöhnen , es hielt hart und war doch gut . Es ist nicht gut , wenn man sich gewöhnt , alles nach seinem Kopfe erzwingen zu wollen . Das gibt am Ende einen Zwang , unter dem die Andern leiden , alles versteht man doch nicht , und wenn es nicht gut kommt , so muß man dann auch alleine an allem schuld sein . Wenn die Andern auch ihr Recht haben , ihrem Kopf nach fahren oder anderer Leute Räten und es kommt nicht gut und sie sagen , daß es gut gewesen , wenn sie nur geglaubt , so ist das kommod für ein andermal , es stärkt das Vertrauen . Denn sieh , liebes Kind , man muß nie glauben , das Vaterland hänge an einem Haar und alles Heil daran , daß es so und nicht anders gehe . Man wird gar unglücklich , wenn man so den Kopfmacht , und zuletzt wird man auch mit dem lieben Gott unzufrieden und hadert mit ihm alle Tage . Nein , lieb Kind , so den Kopf machen muß man nicht . Denken , sagen , tun muß man so gut als möglich , aber dann daran festhalten , daß , es geschehe was da wolle , es denen , die Gott lieben , zum Besten und zur Seligkeit dienen müsse , und dies ist am Ende doch die Hauptsache . Man muß sich nur nie lassen verbittern , nie rachsüchtig werden oder schmollsüchtig , sondern sanftmütig bleiben und demütig , grad zu machen suchen , was Andere krumm gemacht . Die Sache mag sein , wie sie will , wenn man nur kann zufrieden bleiben dabei mit einander , das Hauptglück ist doch immer im Gemüte . Es ist freilich eine schwere Sache , und manchmal kam es mir vor , ich hätte einen halben Zentner Pulver im Leibe , es gehe an und ich müsse bolzgrad auf in die Luft , und kein gut Wort wolle ich mein Lebtag mehr einem Menschen geben . Am Ende wurde ich wieder zufrieden , die Sache machte sich auch nicht so schlecht , als ich dachte ; es ging nicht ums Leben , nicht um Hab und Gut , und allweg lernte ich was , ward weiser und erkannte von Tag zu Tag besser die Hand Gottes in allem und wie er alles zum Besten leitet . An den mußt du denken , wenn es dir übers Herz kommen , dich dünken will , es werde dir schwarz vor den Augen , und vor den Füßen sei dir die Hölle . Bete und lasse nicht ab , zähle darauf , es wird dir wieder heiter vor den Augen und leicht werden dir die Füße , daß es dich dünkt , du könnest springen eines Satzes über die Hölle hinweg in den Himmel mitten hinein . Was ich ausgestanden , weißt du nicht , und Uli ist noch lange nicht Joggeli . Es ist allweg dumm von Uli , wenn er mit halbbatzigem Zeug fahren will , es wird ihm schon erleiden , er ist am meisten plaget damit , aber z ' töten geht es doch allweg nicht , und ist man genug dabei gewesen , so kann man das wieder ändern . Ach Gott , es gibt Sachen , welche man nicht mehr ändern kann , und wenn man das Leben dafür geben wollte ; da ists böse , sich hineinzuschicken , und doch muß man , was will man anders ! Mach nur kein so trübes Gesicht , tue , als sei gar nichts vorgefallen , schmollen tut nie gut . « So sprach die Mutter , ward selbst gerührt und fuhr oft mit der Hand über die Augen , besonders als sie davon sprach , daß es Dinge gebe , welche man nicht ändern könne . Sie dachte an Elisi und daß sie da auch etwas habe machen helfen , welches bodenbös sei . Vreneli hatte manchmal dreingeredet , endlich sagte es noch : » Ach ja , Base , recht werdet Ihr haben , mehr als recht , aber wer wollte das können , so sich in alles schicken wie ein Lamm , besonders wenn man genaturt ist wie ich und so heißes Blut hat ! « » He , Kind , für was bist auf der Welt ? Etwa für Lehenmannin auf der Glungge zu sein , ein Dutzend Kinder aufzustellen und ein paar tausend Gulden an einen Haufen zu kratzen ? Eben um dich zu ändern , zu lernen , was du nicht kannst , statt der alten Natur nach einer neuen zu trachten , dafür bist du da , dafür bist du getauft und unterwiesen . Sieh , ich rede von solchen Dingen nicht gerne , die gehören in das innerste Herzkämmerlein . Wie ein jung Mädchen nicht gerne von seinem Schatz redet als mit der allerbesten Freundin und allemal rot wird , wenn es dessen Namen hört , so habe ich es mit dieser Sache und mit dem , der mich allein selig machen kann . Dir will ich sagen , daß er mein einziger Trost ist im Leben und im Sterben , und ohne ihn hätte ich es wahrhaftig nicht ausgestanden hier auf der Welt . Am Morgen Verdruß und am Abend Verdruß . Da hätte ich unsern Herrgott fragen müssen : Herr , warum bin ich da , woran habe ich mich so schwer versündigt , oder ist die Welt ein Narrenspiel ? Aber so fragte ich nicht , ich erkannte , warum ich da war : ich sollte Gott erkennen , seinen Willen tragen lernen , mich ändern und bessern , daß ich geduldig und sanftmütig aushalten könne vom Morgen bis zum Abend , wie Gott ja auch alle Menschen ertragen muß und doch langmütig bleibt , was uns wohl kommt . Als ich das einmal begriffen hatte , ward das , was mir vorher Hauptsache war , Nebensache , und woran ich nicht gedacht , ward mir zur Hauptsache . Butter , und Milchgeld am Abend zu zählen , war nicht mehr meine größte Freude , sondern zu rechnen , was ich an der Seele gewonnen und gewerchet . Von da an ward mein Leben anders ; ich konnte es aushalten , konnte wieder lachen , konnte Gott danken für alles , was er tat , stach er mich oder hieb er mich . Aber was ich dir da sage , sage niemanden , ich schämte mich , wenn jemand wüßte , wie es mir wäre im Gemüte . Dir wollte ich es sagen , du lachst mich nicht aus