hatte , regte sich in ihrem Herzen . » Bist Du etwa schlechter als jene vornehmen Damen , die mit verächtlichem Lächeln auf die Dirne herabsehen , wenn ihr Auge zufällig auf Dich fällt ? Ist es Deine Schuld , daß Du so wenig gelernt hast ? Ach , wenn ich schneidern lernen könnte , ich wollte doppelt so viel arbeiten . « Die arme Anna - sie kannte kein höheres Ideal , als das Schicksal einer Putzmacherin . - - Thränen traten in ihre Augen . - Vertieft in ihre Gedanken bemerkte sie nicht , daß schon seit längerer Zeit Jemand ihr auf dem Fuße gefolgt war . Es war - so viel man in der trüben Atmosphäre bemerken konnte - ein noch junger , seiner Kleidung nach den höheren Ständen angehörender Mann , der Anna beim Heraustreten aus dem Laden bemerkt und sie seitdem mit keinem Blicke verlassen hatte . In der Nähe des Thors schien er zu einem Entschlusse gekommen zu sein . - So spät und in dieser Gegend allein , schönes Kind ? Fürchtest Du Dich nicht ? - Anna erschrak zuerst bei dieser plötzlichen Anrede einer unbekannten Stimme . Dann sah sie den unberufenen Frager groß an . - Warum sollte ich mich fürchten ? - gegenfragte sie . - Diese » Gegend « ist mein Vaterland . Es war gewiß ein sonderbarer Ausdruck , die Gegend einer Stadt sein » Vaterland « zu nennen . In Anna ' s Munde klang es jedoch ganz unaffektirt , obschon die Bitterkeit ihres Herzens sich darin mit einer für den Indifferenten nicht erkennbaren Wahrheit kund gab . In der That , wer im Berliner Voigtlande geboren und erzogen ist , für den giebt es keine Vaterstadt , sondern nur ein Vaterland , das Vaterland der Entbehrung , der Menschenknechtung , der Seelenschändung . Die Bewohner und Bewohnerinnen des Voigtlandes stehen außerhalb der menschlichen Gesellschaft , sie haben ihre eigenen Gesetze , ihre eigene Sitte , ihren eigenen Glauben . Sie bilden eine Nation für sich , eine Nation der Entwürdigung im Schooße der glänzenden Residenzstadt des mächtigen , frommen , intelligenten Preußens . Auch den Unbekannten mußte jener sonderbare Ausdruck frappiren , denn er konnte sich nicht enthalten zu fragen : Du willst sagen , daß Du Berlinerin bist , nicht wahr ? - Nein - antwortete Anna in demselben kalten und bittern Tone - ich bin Voigtländerin . Doch was geht Sie das an ? Was kann Ihnen daran liegen , wo ich geboren bin ? - Sehr viel - erwiederte der Fremde , fast verwirrt . - Ich gehe ein Stück mit Dir , wenn es Dir recht ist . - Es ist mir gleichgültig - erwiederte Anna , ohne sich weiter an ihren Begleiter zu kehren . Dieser war offenbar in Verlegenheit . Nach einer Pause , während welcher sie das Thor bereits passirt hatten , bot er ihr seinen Arm an . Anna sah ihn erstaunt an , lehnte es jedoch nicht ab , ihn anzunehmen . - Hast Du noch Eltern ? - - Ja und fünf Geschwister - - Da lebt ihr wohl sehr kümmerlich - Anna seufzte und schwieg . - Sei offen zu mir , Kind . Ich interessire mich für Dich . Vielleicht kann ich Dir helfen - wenn Du hübsch freundlich zu mir sein willst . - Und was würde Ihnen meine Freundlichkeit nützen ? Sie treiben Scherz mit mir . - Nein , wahrhaftig nicht - betheuerte der Fremde , welcher in Anna ' s Antwort eine halbe Nachgiebigkeit zu erkennen glaubte . - Damit Du siehest , daß ich nicht scherze , so höre meinen Vorschlag . Ich weiß , Du arbeitest jetzt bei P .... , nicht wahr ? - Ja - sagte Anna erstaunt , da sie sich nicht erklären konnte , woher der Unbekannte dies erfahren haben mochte . - Wie viel verdienst Du dort ? - Je nachdem ; wenn ich fleißig bin und des Tages 11 Stunden arbeite , 4 bis 5 Silbergroschen . - Wohlan , ich will Dir das Dreifache geben . - Fabriciren Sie auch Cigarren ? - fragte Anna naiv . Der Unbekannte lachte . - Nein , aber ich rauche welche , - antwortete er scherzend . - Dann kann ich nicht zu Ihnen kommen . - Und warum nicht ? - fragte Jener erstaunt . - Weil ich nichts Anderes verstehe . - Ah , dummes Zeug . Du wirst doch Stuben reinigen können ? - - Ja , das kann ich - sagte Anna erfreut . - Und Geschirr blank putzen ? - - Ja wohl , das kann ich auch - sagte sie , und ihre Freude stieg . - Und Gänge in die Stadt machen und einkaufen auf dem Markte ? - - Ei , versteht sich . Ich kann sogar etwas kochen . - Vortrefflich . So sind wir also einig . - Einig ? vorüber ? - Nun , daß Du zu mir ziehst , in meinen Dienst , meine ich . Ich gebe Dir monatlich 15 Thaler und freie Wohnung . Bist Du damit zufrieden ? - Gehen Sie , Sie wollen mich zum Besten haben . - Du bist sehr ungläubig , mein Kind . Um Deine Zweifel zu lösen , sieh ' hier Dein Handgeld . Er drückte ihr ein Goldstück in die Hand . - Mein Name ist Möller und meine Wohnung Behrenstraße * * . Morgen Vormittags um 11 Uhr erwarte ich Dich . Adieu . - Und Sie fragen gar nicht , wer ich bin und wo ich wohne . - Wozu ? - Morgen wirst Du mir ' s sagen . - Aber , wenn ich nicht komme ? - Nun , dann ? - Dann hätte ich das Goldstück umsonst bekommen . - Du bist eine Närrin - dann gingen Dir ja die 15 Thaler verloren und außerdem weiß ich ja , daß Du bei P .. arbeitest . - Das ist wahr . Sie waren indeß an ein großes , finster aussehendes Gebäude gekommen . Kein Licht zeigte sich an den Fenstern , so daß es ganz unbewohnt schien . Nur aus den Ritzen der festverschlossenen Kellerläden blickte ein schwacher Lichtschimmer hindurch . - Hier müssen wir uns trennen - sagte Möller stille stehend . Anna blieb ebenfalls stehen und schien zu erwarten , daß ihr Begleiter sich entferne . - Du wohnst doch nicht in diesem Hause ? - fragte dieser endlich . - Nein , aber mein Bruder ist darin . Er wartet auf mich . - Wie heißt er ? Ich werde ihm sagen , daß er heraus kommen soll , denn ich habe darin zu thun . - Rudolph Naumann . - So ? - sagte lang gedehnt Möller . - Nun , dann versprich mir , ich habe meine Gründe dazu , versprich mir , Rudolph noch nichts von unserer Verabredung zu sagen , auch nicht , daß Du Geld erhalten hast . - Ei bewahre . Das bringe ich nach Hause . - Gut . Dann warte einen Augenblick . Möller stieg die Treppe hinab und verschwand im Innern des Hauses . Nicht lange darauf erschien Ralph . - Gut , daß Du kommst , ich habe schon gewartet . Nun , was bringst Du ? - fragte er Anna . - Hier - sagte sie , ein Pack Cigarren aus ihrem Handkorbe nehmend - Ebert läßt Dich grüßen ; er habe nichts bekommen können . - Nichts wie Ausreden , - brummte Ralph - aber er mag sich in Acht nehmen . Die Zeit ist nahe , wo wir Abrechnung halten . Sonst nichts Neues ? Was ist Dir ? Du zitterst ja . - Mich friert - sagte Anna - auch hab ' ich Hunger . Ich bin zu Mittag in der Fabrik geblieben . - Hier - entgegnete Ralph , ihr ein Stück trocken Brod reichend - und nun mache , daß Du nach Hause kommst . - Kommst Du nicht auch bald nach ? - fragte Anna schüchtern . - Was kümmerts Dich ? - erwiederte er barsch und kehrte , als Anna sich entfernte , wieder in den Keller zurück . Sollte man aus dem Ton , der zwischen den Geschwistern herrschte , wohl schließen , daß sie einander liebten , mit einer Liebe wie man sie in den » höhern Regionen « der Gesellschaft selten oder nie findet ? Anna und Rudolph waren für einander jedes Opfers fähig , aber sie wußten es kaum , am allerwenigsten zeigten sie es in ihrem äußern Benehmen . So preßt des Proletariers Dasein sein Siegel selbst auf die bessern Gefühle , die sich im Herzen der in seinen Fesseln Schmachtenden etwa noch vorfinden . Als der Begleiter Anna ' s in den Keller trat , tönte ihm schon von fern ein wildes Geschrei und Gläsergeklirr entgegen . - Die verdammten Jungen - brummte er - werden uns noch die Polizei zu früh auf den Pelz locken . Er trat in einen engen Gang , dessen Windungen ihm aber bekannt zu sein schienen , und der durch eine schwere , eisenbeschlagene Thür begrenzt wurde . Er steckte leise einen Schlüssel in die Thür und öffnete sie . Ein dichter Tabacksqualm , der die beiden auf einem langen mit Gästen besetzten Tisch brennenden Lichter fast erstickte , strömte ihm entgegen . Als sich seine Augen und seine Lunge an diese Atmosphäre etwas gewöhnt hatten , unterschied er - unter der Thüre stehen bleibend - die einzelnen Gestalten . Es mochten 15 bis 20 junge Männer sein , ihrem Aeußern nach zu urtheilen , meist dem Arbeiterstande angehörig , kräftige Gestalten und intelligente , aber meist düstere Physiognomien . Vier oder fünf unter ihnen gehörten offenbar einer gebildeten Klasse der Gesellschaft an , doch war es schwer zu entscheiden , waren es Künstler , Gelehrte oder Kaufleute . Die Gesellschaft schien in einen heftigen Streit gerathen zu sein , den der an einem Ende des Tisches sitzende Präses vergebens zu beschwichtigen versuchte . Er war mit dem Rücken nach der Thüre zugewendet , so daß er den Neuhinzugekommenen nicht bemerkte ; die Andern waren zu sehr in ihren Streit vertieft , um auf irgend etwas anders als auf ihre Gegner Acht zu geben : so stand Jener wohl eine halbe Minute , indem er sich an dem Wirrwarr zu ergötzen schien . - Holla , ihr Großmäuler , nennt Ihr das eine geordnete Debatte ? Warum ist keine Wache ausgestellt , Ralph ? Antworten Sie , Herr Präsident ! Diese unerwartete Anrede brachte eine plötzliche Verwandlung in der Versammlung hervor . Alle sprangen von ihren Sitzen empor und drängten sich begrüßend , fragend um den Eingetretenen mit dem Rufe : Das ist Gilbert ! Willkommen Gilbert ! ! - Ruhig Brüder ! Bezähmt Eure Neugier - sagte der Unbekannte , welcher sich der guten Anna , wie es scheint , unter falschem Namen bekannt gemacht hatte . - Zum Teufel , so laßt mich in Ruhe und setzt Euch wieder um den Tisch . Du , Ralph , wirst draußen verlangt . Beeile Dich aber , daß Du wieder herein kommst . Ralph entfernte sich , und Möller , oder vielmehr - wie er von der Gesellschaft genannt wurde - Gilbert nahm seinen Platz ein . Sogleich trat ein allgemeines Schweigen ein ; Aller Augen richteten sich mit gespannter Aufmerksamkeit auf Gilbert . Dieser aber schien ihre Neugierde noch nicht befriedigen zu wollen , sondern sagte nur : - Nun , worüber seid Ihr denn so in Hitze gerathen ? Ein Dutzend Köpfe streckten sich vor , um zu antworten , aber die aufgehobene Hand Gilberts band ihre Worte an die redelustigen Zungen . - Hartwig , mein braver Junge , antworte Du . Ich sehe hier Meister Proudhons Buch » über das Eigenthum « aufgeschlagen . Es war also eine socialistische Frage , die Euch so in Harnisch brachte . Hartwig , der Angeredete , seines Berufs ein Mechaniker , war ein junger Mann von einnehmendem Aeußern . Verschieden von den Andern sprach sich eine derbe Offenheit in seinem heiteren , jetzt von der Leidenschaft des Streites geröthetem Gesicht aus . In seinen hellblauen Augen lag Entschlossenheit des Charakters ; das Gefühl des » Sich auf sich selbst Verlassen könnens « war unverkennbar seinem ganzen Wesen aufgeprägt . Hartwig war ein durchaus zuverlässiger Mensch , oder wie Gilbert sagte : » ein braver Junge . « - Was wird ' s gewesen sein - sagte er halb ironisch , als die Frage über die Quadratur des Zirkels für alle Proletarier , das Eigenthumsrecht . - » Eigenthumsrecht « - brummte Hartwigs Nachbar , ein alter Griesgram mit weißen Haaren , der mit ihm in derselben Werkstätte arbeitete , - dummes Zeug : das ist ja eben die Frage , ob Recht oder Unrecht . Schwatzt der Gelbschnabel von Eigenthumsrecht ; ich aber sage , es giebt kein Eigenthumsrecht , es giebt nur ein Eigenthumsunrecht . - Bravo , Vater Steiger ! - rief Gilbert aus - Du kennst Deinen socialistischen Katechismus wie das Vaterunser , oder noch besser . Aber stör ' uns jetzt nicht . Fahr fort , Hartwig , mein Junge . - Ralph , der immer den Superklugen spielen will , fing damit an , den ersten Satz Proudhons , » das Eigenthum ist Diebstahl « , zu erklären und meinte , man müßte ihn eigentlich umdrehen und sagen : der Diebstahl , oder noch deutlicher , der Dieb ist der wahre Eigenthümer . - Und das ist auch ganz vernünftig - brummte Vater Steiger . - Das läßt sich hören - meinte gravitätisch Gilbert . - Und wer unternahm es , dem zu widersprechen ? - Ich - sagte mit Stolz Hartwig . - Und ich glaube , ihn vollständig geschlagen zu haben . - Nun laß hören - sagte lächelnd Gilbert - Wenn der Dieb der wahre Eigenthümer sein soll , und dies allgemein anerkannt wird , so kann dies nur soviel heißen , als : die Menschen sind berufen , Diebe zu sein ; damit hört aber zugleich der Diebstahl auf , ein Unrecht zu sein , und man kann folglich gar nicht mehr davon reden . Wenn aber kein Dieb mehr existirt , so kann man auch gar nicht mehr den Satz aufstellen , daß der Dieb der wahre Eigenthümer ist . Soll also dieser Satz einen Sinn haben , so kann er nur der sein : ein wahrer Eigenthümer existirt nicht , sondern wer sich als Eigenthümer gerirt , der allein ist als Dieb zu betrachten , weil er für sich allein behalten will , was Allen gehört . - - Dummes Zeug ! - meinte der alte Steiger . - Bist ein tüchtiger Logiker , mein Junge - sagte beifällig lächelnd Gilbert - und nun der Schluß ? - Sagen wir also - fuhr jener fort - was ich bewiesen habe : Wer als Eigenthümer für sich auftritt , ist als Dieb an dem Eigenthum der Gesellschaft zu betrachten - so sind wir damit auf den Proudhon ' schen Satz : la propriété c ' est vol zurückgekehrt , woraus folgt , daß wenn die Umkehrung des Satzes einen Sinn haben soll , dieser kein anderer sein kann , als der in dem nicht umgekehrten Satze liegt . Ein großer Theil der Gesellschaft , welche der mit überzeugungsvoller Bestimmtheit vorgetragenen Schlußfolge mit der größten Aufmerksamkeit zu folgen versuchte , ohne daß ich indeß behaupten will , daß das Resultat der Bemühung eines Jeden entsprochen hätte , spendete dem Redner einen lauten Beifall , welcher sofort eine eben so laute Opposition von der andern Seite hervorrief . - Ruhig - rief Gilbert mit donnernder Stimme dazwischen , indem er mit geballter Faust auf den Tisch schlug . - Könnt Ihr nicht Ordnung halten ? In diesem Augenblicke trat Ralph wieder ein . Gilbert warf einen schnellen forschenden Blick auf ihn , um in seinen Gesichtszügen zu lesen , ob ihm seine Schwester über ihr Gespräch Mittheilungen gemacht . Ralphs Miene war nicht düsterer wie sonst und beruhigt wandte sich Gilbert mit der Frage an ihn : - Und was ist denn Deine Ansicht hierüber ? - Er wies auf das vor ihm aufgeschlagene Buch . - Ist es wahr , daß Du , wie man erzählt , eine Spitzbuben-Republik stiften willst ? - Es lag ein Beigeschmack von höhnender Ironie in diesen mit lächelnder Miene vorgetragenen Worten , welche den stolzen Sinn Ralphs verletzte . Indeß theilte er die Scheu , welche seine Gefährten vor Gilbert hatten , wenigstens in so weit , um seinem ausbrechenden Zorn einen Zügel anzulegen . Nur seine Stirn war noch finsterer und seine Augen tiefer , als er , einen langen verächtlichen Blick über die Gesellschaft werfend , erwiederte : - Meine Meinung ist die , daß wir endlich mit dem Hin- und Herreden aufhören und mit dem Handeln beginnen . Lassen wir also den läppischen Streit über das Eigenthum und kommen wir zur Sache . Du versprachst uns heute Nachrichten aus Wien , Gilbert . Wie steht ' s damit ? - Wahrhaftig Du hast recht , Ralph - versetzte Gilbert mit seiner gewöhnlichen Bonhommie , ohne von dem fast drohenden Ernst in Ralphs Ton Notiz zu nehmen . - Es ist Zeit , daß wir zu handeln beginnen . Aber meinst Du - fuhr er fort - meinst Du , daß ich unterdeß geschlafen habe , während Ihr hier Euch an fruchtlosen Debatten ergötztet ? Habt Acht , Freunde , daß , wenn die Stunde des Handelns kommt , ihr eben so darauf vorbereitet seid , wie ich . Und diese Stunde ist Euch näher als Ihr in diesem Augenblicke vermuthet . Darum laßt uns vor Allem unsere Kräfte prüfen . Ich komme so eben von der Gräfin . Die Blüthe unserer Aristokratie war wieder versammelt . Unsere Junker vom Heere und von der Diplomatie haben keine Ahnung von den Dingen , die ihrer warten . Zwar beunruhigt sie der Gedanke an die französische Republik und die Flucht Louis Philipps , des bösen Blutes wegen , das so ein Beispiel diesseits des Rheins hervorbringen könnte . Doch sind sie eben so sehr davon überzeugt , daß die Republik keinen Bestand haben könne , wie davon , daß dies böse Beispiel in unserm lieben Deutschland keine Nachahmer finden werde . Ich erwähne diese Stimmung in den » höheren Regionen « übrigens nur beiläufig , als schlagenden Beleg für die Wahrheit , daß Gott den mit Blindheit schlägt , den er verderben will . Denn im Uebrigen ist unsere Sache nach allen Anzeigen so weit gediehen , daß wir theils nicht mehr Rücksicht auf » Stimmungen « zu nehmen brauchen , theils auch nicht mehr können . Auch die Nachrichten aus den Provinzen lauten günstig . Man spricht sogar von einer Lossagung der Rheinlande von Preußen und einer Anschließung an die französische Republik . Schlesien ist noch ruhig , aber hält seine Blicke fest auf den Rhein gerichtet . Vorzugsweise aber regt sich ' s in Posen . Es wird dort bedeutend gearbeitet . Was mich tief niedergeschlagen hat , ist die Bemerkung , daß alle Briefe , die ich erhalten , von Berlin nichts erwarten . Nun , ich hoffe , Berlin wird sich Achtung zu erzwingen wissen . - Aus Wien habe ich ebenfalls Nachrichten vom Präsidenten der Achtzehner und vom Pater Angelikus . Beide lauten günstig und übereinstimmend dahin , daß Alles auf ' s Beste vorbereitet ist und der Hauptschlag wahrscheinlich schon erfolgt ist , wenn wir dieses lesen . Ein Gemurmel des Beifalls lief über die Lippen der Anwesenden bei dieser Nachricht . - Diese Briefe habe ich vor einer halben Stunde von einer Freundin erhalten ; und nun rathet einmal , wer sie mir gebracht hat ? - - Unsere Präsidentin . Diesmal hatte es nicht bei einem bloßen Gemurmel sein Bewenden . Die Gesellschaft brach in einen Schrei des freudigsten Erstaunens aus und bestürmte den lächelnden Gilbert mit Vorwürfen , daß er Alicen nicht mitgebracht . Nur Ralph verharrte düster und in sich gekehrt auf seinem Platze . - Es war unmöglich - fuhr Gilbert fort - Alice war zu angegriffen von der schnellen Reise , auch war ich nicht gewiß , ob die Versammlung vollzählig sein würde . Auf Morgen denn . - Nun kommt die Reihe an Euch , Rapport abzustatten . Wo ist der Lieutenant ? - Er ist heute nicht hier gewesen - lautete die Antwort . - Ha , - das ist fatal . Was kann die Ursache davon sein ? - sagte Gilbert nicht ohne Unruhe - Ihr hättet nach ihm schicken sollen . Holm ! - Hier - antwortete eine Stimme am Ende des Tisches . - Gut - sagte Gilbert , eine Schreibtafel hervorlangend . - Was hast Du von den Künstlern zu berichten ? - Wir sind jetzt auf 85 angewachsen , lauter sichere Leute , meistens Bildhauer und Maler . Mit den Musikern will ' s nicht recht gehen . Die Kerls sind unzuverlässig und feige . Schade , sie sind der Zahl nach am stärksten . Aber wir mußten vorsichtig sein . Mit der Bewaffnung will ' s auch nicht recht vorwärts . Wir haben einige zwanzig Büchsen , aber keine Munition . Hier ist mein Beglaubigungsmandat für den Fall , daß Beschlüsse gefaßt werden sollten . - Wo ist Euer Versammlungslokal ? - - Unser Versammlungslokal ? - fragte der junge Maler erstaunt . - Nun , allerdings . Was wunderst Du Dich darüber ? Oder haltet Ihr keine Versammlungen ? - Freilich halten wir Versammlungen . Allein - Ralph , der bei der ersten Frage Gilbert schon mit aufmerksamem Auge betrachtet , sagte jetzt , einen festen Blick auf ihn richtend : Die einzelnen Versammlungslokale werden nicht angegeben ; wir haben das so ausgemacht , damit , wenn ja ein Verräther unter uns sein sollte , wenigstens nur wir , die Vertreter der verschiedenen Corps , nicht die ganzen Corps compromittirt werden können . Wir müssen sicher gehen , das werdet Ihr einsehen . Gilbert antwortete kein Wort , doch wer , wie Ralph , ihn mit mißtrauischem Auge betrachtete , würde bemerkt haben , daß ihm diese Einrichtung nicht angenehm war . - Außerdem - fuhr Ralph in demselben düstern Tone fort - ist ausgemacht , daß Niemand Etwas unter uns aufschreibe von Dingen , die die Gesellschaft betreffen , und deshalb nehme ich mir die Freiheit , dieses Blatt zu zerreißen . - Er ergriff mit diesen Worten die Schreibtafel Gilberts und war im Begriff , sie in den Kamin zu werfen , in dem noch einige Kohlen brannten , als Gilbert mit einer Hast , die von Ralph nicht unbemerkt blieb , ihm in den Arm fiel und ihn so an seinem Vorhaben hinderte . - Was soll das bedeuten , Bursche ? - rief er aus , indem er krampfhaft die Faust ballte . - Hast Du Lust , hier den Diktator zu spielen ? Es herrschte während dieser Scene ein peinliches Stillschweigen in der Gesellschaft , bis endlich der alte Steiger , von seinem ihm durch das Alter gewährten Vorrecht Gebrauch machend , sich in ' s Mittel legte . - Das fehlte noch , daß die Beiden einander in die Haare geriethen . Seid gescheut , Gilbert , und nehmt ' s Euch nicht zu Herzen . Und Du , Freund Grobian , machst mir keine dummen Streiche , hörst Du ? - Ein vielsagender Blick , den Ralph vom alten Steiger erhielt , schien endlich auf ihn zu wirken . Er reichte demselben die Hand und verließ , ohne ein Wort weiter zu sagen , das Gemach . Gilbert fühlte sich durch Raph ' s Entfernung offenbar erleichtert und wandte sich jetzt an Steiger mit dem Ersuchen , seinen Rapport abzustatten . - Nun bei uns - sagte dieser - steht ' s besser , mein ' ich , das kann der Gelbschnabel da - er zeigte auf Hartwig , den er nächst Ralph am meisten liebte , was er dadurch zu erkennen gab , daß er am meisten mit ihnen zankte - das kann der Gelbschnabel da am besten bezeugen . Wir sind unser nahe an 400 , lauter » stramme Burschen , « hart wie Eisen , das wir bearbeiten . Und was das Uebrige betrifft , Waffen und so weiter , so wird ' s uns auch wohl nicht fehlen , wenn wir auch gerade keine Büchsen haben . Eine tüchtige Brechstange thut auch ihre Dienste . - Bravo , Vater Steiger - lächelte Gilbert , der seinen Gleichmuth wiedergefunden hatte . - Nun kommt an Dich die Reihe , Straubig . - Straubig war Student . - Laß mich in Ruhe - sagte der mürrisch - die Berliner Studenten taugen den Teufel nicht wozu . Räsonniren können sie genug , aber wo es darauf ankommt , etwas zu thun , da bekommen sie das Kanonenfieber wie der jämmerlichste Fuchs , wenn er zum ersten Mal auf der Mensur steht . Unter den zweitausend Burschen giebt ' s kaum 150 , auf die wir uns verlassen können . Aber diese 150 , das ist wahr , die sind tüchtige Kerle . Sie sind in Sektionen getheilt und beziehen sektionenweise ihre bestimmten Kneipen . Mit den Waffen sieht ' s freilich auch bei uns nicht besonders aus . Hieber und Rappiere haben wir wohl genug , auch einige 50 paar Pistolen , aber das will nicht viel sagen . Schadet nichts - erwiederte Gilbert - die Waffen werden sich finden , verlaßt euch darauf . Ist ' s erst so weit , daß wir losschlagen können , so ist jeder Waffenladen ein Zeughaus für uns . Vor allen Dingen laßt euch durch den Mangel an Waffen nicht abhalten , so viel Pulver und Blei im Einzelnen einzukaufen , als ihr irgend könnt , ohne Aufsehen zu erregen . - In diesem Augenblick wurde die Thür mit einer Hast aufgerissen , die eine allgemeine Bestürzung hervorbrachte . Es war Ralph . Seine verstörten Gesichtszüge schienen nichts Gutes zu verkünden . - Die Polizei ist uns auf der Spur - rief er aus . - Schnell die Lichter ausgelöscht bis auf Eins . - Es geschah . - Folgt mir jetzt . - Er ergriff das letzte Licht und schloß eine kleine , mit Eisen beschlagene Thüre auf , die durch einen langen unterirdischen Gang nach dem Hintergebäude führte . Nachdem er sie hinter sich wieder verschlossen hatte , eilte die ganze Gesellschaft mit schnellen aber unhörbaren Schritten den Gang entlang . Bald darauf erschien das Licht auf der andern Seite des Hofes und verschwand endlich . Eine Minute später traten zehn Gensdarmen und ein Polizei-Commissarius mit Blendlaternen in den Keller . - Das Nest ist leer - rief der Anführer . - Aber die Vögel können noch nicht lange ausgeflogen sein - antwortete der Commissarius , indem er , um den Grund zu seiner Behauptung deutlich zu machen , auf die glimmenden Kohlen zeigte . Nichts blieb ununtersucht . Die eisenbeschlagene Thür war bald aufgefunden , aber sie widerstand allen Oeffnungsversuchen . Die Häscher mußten unverrichteter Sache wieder abziehen . II Als Anna sich von ihrem Bruder getrennt hatte , eilte sie zuerst in einen Viktualienkeller , und dann mit den gemachten Einkäufen frohen Muthes nach Hause , um ihren Eltern das glückliche Ereigniß , welches ihr wiederfahren war , mitzutheilen . Fast athemlos und mit pochenden Herzen eilte sie die drei alten morschen Treppen des Familienhauses hinauf und stand endlich vor der Thür ihrer Wohnung - wenn man so den Aufenthaltsort für eine aus 7 Personen bestehende Familie nennen konnte , der in einer weißgetünchten 20 Fuß langen und 15 Fuß breiten Bodenkammer bestand . - Drinnen vernahm sie die polternde Stimme ihrer Mutter , die über das lange Ausbleiben der » faulen Dirne « und des » liederlichen Buben « schalt , die gewöhnlichen Bezeichnungen für sie und Ralph . Sie war es gewohnt , hart und ungerecht behandelt zu werden ; und doch seufzte sie heute und öffnete mit einer ihr sonst fremden Bangigkeit die Thüre . -- Bist endlich da , Rumtreiberin ? - grollte die Mutter mit erstickter Stimme , als Anna in die Stube trat . - Um 8 Uhr wird die Fabrik geschlossen und jetzt ist ' s schon 9 vorbei . Wo hast ' unterdeß ' rumgelumpert , he ? Und wenn Du noch was dabei verdientest ! - Aber Du bist zu Nichts nütze . - Schweig ' doch , Alte - sagte der alte Naumann , welcher mit dem jüngsten Kinde auf dem Schooß sich vor dem kleinen Ofen niedergekauert hatte , in dem noch ein paar Coakskohlen glühten . - Es ist ja heute Zahltag gewesen , und da wird sie länger aufgehalten sein . Die Anna ist ein gutes Mädchen , auf die laß ich nichts kommen . Aber der Junge , der Junge - er stützte den Kopf in die Hände und starrte in die verglimmende Kohlenglut . Anna sagte Nichts , weil sie wußte , daß Widerspruch von ihrer Seite ihre Mutter noch mehr aufzubringen pflegte . Sie holte ein Talglicht aus ihrem Arbeitskorbe , steckte es in den Hals einer alten Flasche und zündete es an einer Kohle an . Während die Mutter fort und fort zankte , wie ungebildete Menschen es thun , die den Groll über ihr trauriges Schicksal an denen auszulassen pflegen , die am wenigsten daran schuld sind - benutzte Anna den Augenblick , wo sie am Ofen beschäftigt war , um ihrem Vater das von Gilbert empfangene Goldstück in die Hand zu drücken , damit es nicht etwa in die habgierigen Hände ihrer Mutter gelangte , die ihre Nahrungssorgen nicht selten in Branntwein zu ertränken pflegte . Der alte Naumann sah bald seine Tochter , bald das Goldstück an ,