Sterbebette versprochen , ich wollte fort . - Breidelford , sagte ich ihm , stirb ruhig - ich gehe nördlich , wenn Du einmal nicht mehr bei mir bist - aber , Du lieber Gott , eine arme alleinstehende Frau , die kann ja nicht , wie sie wohl gern wollte . Man will ja doch leben , und hier , wo ich einmal nothdürftig meine Nahrung habe , werde ich wohl bleiben müssen , denn ich sehe nicht ein , ob , wie und mit was ich an einem andern Orte wieder beginnen könnte . Fleißig bin ich , das muß mir der Neid lassen . Mein lieber seliger Mann sagte immer , Louise , sagte er , Du arbeitest Dich noch todt - Du bedenkst gar nicht , daß Du zum zarten Geschlecht gehörst . Später wirst Du es aber noch einmal einsehen - sagte er , wenn Du Deine Gesundheit ruinirt hast und wenn ich nicht mehr bin . Sie glauben gar nicht , Mrs. Dayton , wie der Mann Alles vorausgesehen und gesagt hat - eine wahre Prophetengabe war es , es könnte Einem jetzt beinahe noch die Haut schaudern , wenn man bedenkt , daß so etwas menschenmöglich ist . - Auch was mein Alleinwohnen anbetrifft , denken Sie sich nur , Mrs. Dayton , auch darüber hat er mir , noch eine Stunde vor seinem Tode - ich sehe das liebe Herz noch mit seinem bleichen , eingefallenen Antlitz und den blauen Lippen vor mir liegen - Vieles gesagt und mich gewarnt , denn , Louise , sagte er - « » Ich hoffe doch , daß jetzt Jemand bei Ihenn zu Hause ist ? « fiel hier Mr. Smart schnell und , wie es schien , mit besonderer Theilnahme in die Rede . » Bei mir ? « rief , von dem Ton und der Frage erschreckt , Mrs. Breidelford , während sie schnell von ihrem Sitz emporfuhr - » bei mir , Mr. Smart ? Keine Seele ist zu Hause , denn den Deutschen , den ich bis jetzt für die grobe Arbeit bei mir hatte , mußte ich heute fortjagen , weil er einen Ton gegen mich - aber um Gottes willen , Sir - Sie machen ja ein solches bedenkliches Gesicht . - Es ist doch nichts bei mir vorge - Mr. Smart , ich beschwöre Sie , bei Ihrer männlichen Ehre - « James Lively und Squire Dayton mußten ihre Stühle rasch zurückschieben , denn Mrs. Breidelford kam mit solcher Allgewalt hinter dem Theetische vorgefahren , daß sie ihr kaum aus dem Wege rücken konnten - Mr. Smart blieb jedoch ganz ruhig und sagte : » Aengstigen Sie sich doch nicht nutzlos , Madame - - das , was ich gesehen habe , hat ja vielleicht - « » Was um aller lieben Engel im Himmel willen haben Sie denn gesehen ? « rief Mrs. Breidelford , die übrige Gesellschaft kaum mehr beachtend , in Todesangst . » - gar nicht so viel zu bedeuten , als Sie gegenwärtig zu glauben scheinen , « fuhr Smart in seiner Rede fort . - » Herr - Mensch - Sie bringen mich noch zur Verzweiflung ! « schrie Mrs. Breidelford mehr als sie rief ergriff mit der Linken ihr Bonnet , das sie sich in Mißachtung jeder Façon und Mode auf den Kopf stülpte , wahrend sie mit der Rechten einen Knopf von Mr. Smart ' s blauem Frack zu erhaschen suchte . Diesem Angriff begegnete er jedoch dadurch , daß er ihre nach ihm ausgestreckte Hand erfaßte und herzlich schüttelte . » Was haben Sie gesehen ? So sprechen Sie doch nur in des Teu - in des lieben Himmels Namen ! « » Eigentlich gar nichts von Bedeutung , « erwiderte Smart , noch immer die einmal gefaßte Rechte der sonderbarer Weise so in Eifer gerathenen Frau nicht loslassend . - » Als ich vor etwa einer Viertelstunde an Ihrem Hause vorbeiging stand Jemand am hintersten Fensterladen und klopfte dort an . Wie wir uns nun so manchmal , wenn wir weiter nichts , thun haben - « » Und was machte der Mann weiter ? « frug Mrs. Breidelford ungeduldig . » - um allerlei Sachen bekümmern , die uns sonst wenig interessiren würden , so blieb ich einen Augenblick stehen und sah , was dieser Jemand - von dem ich übrigens keineswegs gesagt habe , daß es ein Mann gewesen - im Gegentheil war es eine Frau - denn eigentlich wollte . « » Eine Frau ? « rief Mrs. Breidelford erstaunt . » Der Laden blieb verschlossen , « erzählte der Yankee weiter , » und die Dame ging jetzt um das Haus herum - wobei ich mir ebenfalls die Freiheit nahm , ihr zu folgen - und probirte dort , an der Thür angelangt , nachdem sie auch hier wieder einige Male angeklopft - zwei verschiedene Schlüssel . « » Ei , die Canaille ! « rief Mrs. Breidelford in höchster Entrüstung - » und schloß sie auf ? « » Es thut mir wirklich leid , Ihnen das nicht genau sagen zu können , Madame . - Ich sah in diesem Augenblick nach meiner Uhr und fand , daß ich schon eine halbe Stunde später hierher kommen würde , als ich dem Squire versprochen hatte , verließ also die Dame bei ihrer , wie ich jetzt allerdings hoffen will , vergeblich gewesenen Bemühung . « » Und Sie haben sie nicht gefaßt und den Gerichten übergeben ? « rief Mrs. Breidelford in unbeschreiblicher Entrüstung , während sie in wilder Eile ihren Mantel umwarf , ihre große Arbeitstasche ergriff und überall im Zimmer noch nach einem andern Gegenstande umher suchte - » Sie haben nicht nach Hülfe gerufen und die Diebin zu Boden geschlagen , die in friedlicher Leute Häuser bei Nacht und Nebel einbrechen wollte ? - Sie haben - « » Aber , beste Mrs. Breidelford , « frug Adele besorgt , » was suchen Sie denn noch - kann ich Ihnen nicht helfen ? « » Nein - mein Bonnet , beste Miß - mein Bonnet , « sagte die Dame , während ihre Säcke von einem Ende des Zimmers zum andern flogen . » Ist auf Ihrem Kopfe - wertheste Madame , « sagte mit freundlicher Verbeugung der Yankee . » Gute Nacht , Mrs. Dayton , gute Nacht , Mr. Lively - ach ! Squire , wenn Sie mir die Liebe erzeigen wollten , mit mir zu gehen « - rief jetzt Mrs. Breidelford - » Sie sind doch hier Friedensrichter , und wenn wirklich Diebe und Mörder - « Der Richter machte eine Bewegung , als ob er der Bitte Folge leisten wollte , Smart schüttelte aber hinter Mrs. Breidelford ' s Rücken so angelegentlichst und mit so komischem Ernste den Kopf , daß er , wenn das wirklich seine Absicht gewesen wäre , sie aufgab und nur , die Dame zu beruhigen , sagte : » Recht gern würde ich mit Ihnen gehen , beste Madame , ich habe aber mit Herrn Lively noch ein wichtiges Geschäft , und zwar gleich jetzt , abzumachen , das keinen Aufschub weiter leidet . Mein Bursche soll Sie jedoch begleiten , und wenn es sich nöthig zeigt , dann requiriren Sie nur gleich in meinem Namen den Constabler und schicken mir Jemanden her . - Ich komme dann selbst hinunter . « Mrs. Breidelford hatte die letzten Worte schon gar nicht mehr gehört , packte nur den unten an der Treppe stehenden Mulattenknaben am Handgelenk fest und zog den Ueberraschten , der ängstlich nach seinem Master zurückblickte , mit sich fort , der Hausthür zu . Mr. Dayton winkte ihm aber lachend nur getrost zu folgen , und die Beiden verschwanden gleich darauf durch die Hausthür , der bedrängten Wohnung einer » armen verlassenen Wittwe « zu Hülfe zu eilen . » Aber , bester Mr. Smart , « sagte jetzt Mrs. Dayton , während sie an ' s Fenster trat und der Frau besorgt nachsah - » wenn Sie doch nur wenigstens die Fremde angeredet hätten , die an Mrs. Breidelford ' s Thür einen Schlüssel probirte . « » Das wäre allerdings ein schwierig Stück Arbeit gewesen , « lächelte der Yankee und rieb sich vergnügt die Hände . - » Mrs. Breidelford ist auf einer wilden Gänsejagd , das heißt , sie wird sich außerordentliche Mühe geben , Jemanden zu finden , der gar nicht existirt . « » Nicht existirt ? « rief Adele verwundert , und James , der den Yankee von früher kannte , lachte laut auf - » nicht existirt ? Die Frau , die Sie gesehen haben - « » Ich habe keinen Menschen gesehen , « erwiderte Jonathan , während er seinen verlassenen Sitz einnahm und Mrs. Dayton die geleerte Tasse so ruhig zum Wiederfüllen hinüberreichte , als ob hier nicht das mindeste Außergewöhnliche indessen vorgefallen wäre . » Und die Frau mit dem Schlüssel ? « rief lächelnd Squire Dayton . » War der beste Einfall , den ich je gehabt habe , « bemerkte - immer noch ohne eine Miene zu verziehen - der Yankee » Mrs. Breidelford hätte uns sonst noch den ganzen Abend Selbstbiographien und geschichtliche Abrisse aus dem Leben ihres lieben Mannes zum Besten gegeben . « Hätte die arme , in Schweiß fast gebadete Mrs. Louise Breidelford das Gelächter hören können , das in diesem Augenblicke die Spiegelfenster des kleinen freundlichen Zimmers erzittern machte , und dann auch noch die Ursache desselben gewußt , ihr Zorn hätte keine Grenzen gekannt . Unaufhaltsam fort aber , den unglücklichen Mulattenknaben im Schlepptau , stürmte sie der eigenen , bedroht geglaubten Wohnung zu , und geheimnißvolle , düstere Worte waren es , die sie dabei vor sich hinmurmelte . Die kleine , jetzt von ihrer lästigen Gegenwart befreite Gesellschaft rückte aber indessen in der besten Laune von der Welt dichter um den Tisch herum , und selbst James verlor zum großen Theil seine frühere Scheu . Die allgemeine Fröhlichkeit hatte ihn den Frauen näher gebracht , und er gestand nun in aller Unschuld , daß er zum Tod erschrocken sei , als Mrs. Breidelford die Einladung , die doch eigentlich nur den beiden Damen des Hauses gegolten , so ganz ohne Weiteres auf sich bezogen und angenommen habe . » Daheim , « sagte er , » würden sie schön schauen , wenn sie ihre Drohung wahr machte , denn böse Geschichten sind ' s , die über die Frau erzählt werden . « » Weiß auch der liebe Gott , wie wir zu der Ehre ihres Besuches kommen , « meinte Mrs. Dayton . » Das ist nun schon das dritte Mal , daß sie uns besucht und bis spät in die Nacht dableibt , ohne daß wir einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt , oder sie auch nur gebeten hätten , ihren Besuch zu wiederholen . Was will ich aber machen ? Sie kommt , setzt sich hin , quält uns Stunden lang mit ihren schrecklichen Erzählungen und borgt beim Weggehen gewöhnlich noch eine Masse von Kleinigkeiten , wie Nadeln , Seide , Stückchen Leinenzeug oder Küchengeschirr und sonstige Sachen , die sie eben so regelmäßig wieder zu schicken vergißt . « » Ich kann wohl gestehen , « sagte Smart , » daß ich erstaunt war , sie hier in Ihrer Gesellschaft zu finden . - Mrs. Breidelford genießt in Helena nicht einmal mehr einen zweideutigen Ruf , und das will viel sagen . Die wirklich wenigen Guten , die noch hier sind , haben sich nicht allein von ihr zurückgezogen , sondern ihr sogar das Haus verboten . Auch Mrs. Smart hatte eines schönen Morgens ein sehr lebhaftes und für Mrs. Breidelford keineswegs schmeichelhaftes Gespräch mit dieser Dame , das seitens meiner Frau von dem obern , seitens jener Lady von dem untern Theil der Veranda geführt wurde , zu welchem sie durch den Neger aus dem Hause begleitet worden war . Allerdings behauptete in diesem Zungenkampf Mrs. Breidelford das Feld , denn von einem sehr großen und sehr zerlumpten Theil des jungen Helena unterstützt , verblieb sie noch mit eingestemmten Armen und äußerst rothen Gesichtszügen eine ganze Weile auf ihrem eingenommenen Posten , während ich Mrs. Smart , freilich nicht ohne bedeutenden Widerstand , hinterrücks und indem sie immer noch nach außen hin eiferte , in das Haus zurückzog . Seit der Zeit hat Mrs. Breidelford natürlich unsere Wohnung nicht wieder betreten dürfen , scheint aber den darüber gehegten Groll keineswegs bis auf mich ausgedehnt zu haben , denn sie war heut Abend ungemein , ja fast auffällig freundlich und zuvorkommend gegen mich . « » Ich glaube , man thut dieser Mrs. Breidelford - so wenig ich sie auch selbst persönlich leiden kann , doch Unrecht , « nahm hier der Squire das Wort . » Ich kenne so ziemlich Alles , was an Gerüchten über sie im Umlauf ist , und habe sie scharf beobachtet und beobachten lassen . Das Einzige jedoch , wegen dessen ich sie in Verdacht habe und was wirklich straffällig wäre , ist der geheime Verkauf von Whisky an Neger . Zeigt sich das als begründet , so werde ich sie auch deshalb , wie es ja als Richter meine Pflicht ist , in Strafe nehmen , und weder ihre Freundschaft noch ihr Haß soll mich daran hindern . Lieb wäre es übrigens auch mir , wenn sie uns mit ihren Besuchen verschonen wollte , doch - Sie wissen , wie das hier in Arkansas ist . - Wollte man es den Leuten förmlich verbieten , die ganze Stadt schriee dann über Stolz und Hochmuth ; da unterzieht man sich lieber dem kleinere Uebel und hat dafür mit weniger Unannehmlichkeiten und bösem Willen zu kämpfen . « » Ja , Squire , « sagte James und wurde feuerroth , hier vor den beiden Damen das Wort zu nehmen , » das mag ganz gut sein , so lange es sich auf arme einfache Leute bezieht . Wenn aber bei uns auf dem Lande draußen Jemand einmal als schlecht erkannt ist , und man giebt sich dann nicht mit ihm ab , dann wirft Einem das kein Mensch mehr vor - mein ' ich . « » Mr. Lively hat ganz Recht , Dayton , « fiel hier Adele lebhaft ein - » mit solcher Frau würde ich auch keine Umstände weiter machen . - Was kann sie uns denn thun , wenn wir ihr das Haus verbieten ? Und wir würden dadurch eine Pein los , die manchmal wirklich kaum zu ertragen ist . Nun , Mr. Lively wird es noch bereuen , uns eingeladen zu haben . « » Miß Adele - « stotterte James und erfaßte mit beiden Händen fest und krampfhaft den untern Theil seines Stuhls , als ob er sich einen Zahn wollte ausziehen lassen - » Mutter wird - Sie können gar nicht glauben wie - ich wollte sagen - versuchen Sie ' s nur , kommen Sie nur einmal heraus - und wenn ' s auch nicht draußen so schöne Blumen giebt wie - « um sein Leben gern hätte er » wie Sie « gesagt , aber es ging nicht - es ging wahrhaftig nicht . Die Worte staken ihm Harpunen gleich in der Kehle , und er brachte sie nicht heraus . » Wie hier , Mr. Lively ? « lachte Adele , die das wie auf Helena bezog , oder ihm doch wenigstens schnell damit in die Rede fiel - » wie hier ? Ach , Du lieber Gott , hier sieht ' s mit Blumen trüb und traurig aus , denn der Wald in der ganzen Nachbarschaft herum ist zerstampft und zertreten , und selbst den Bäumen scheint der ewige Qualm und Rauch und das wilde , rohe Toben der Menschen nicht zu behagen . Sie sehen in der Nähe der Stadt häßlich und vertränkt aus , während sie weiter davon entfernt viel frischere , lebendigere Farben , viel würzigeren Duft zu haben scheinen . « » Ach , Miß - Sie sollten nur jetzt einmal sehen , wie schön , wie herrlich es bei uns ist ! « rief Lively , dem der Gedanke an seinen Wald frischen Muth gab - wenn er es auch nicht wagte , dem jungen Mädchen zu sagen , wenn er vorhin mit den Blumen gemeint . » Es ist ja nirgends herrlicher in der Welt , als im Walde draußen , und ein Morgen , ein Sonnenaufgang unter den frischen , thauigen Blättern wiegt ein ganzes Jahr aus dem häßlichen Treiben der Städte auf . Die wilden Thiere und Vögel wissen das auch recht gut . - Dorthin , wo es am heimlichsten , am ungestörtesten ist , dahin flüchten sie sich , und wo kein menschliches Auge sie erreichen kann , da spielt die Hirschkuh mit dem Kalbe , und die munteren Sänger schlagen die herrlichsten Triller dazu , und singen so lange und so wunderschön , bis die Blätter ordentlich anfangen unruhig zu werden und zu tanzen . « » Ei , sieh da , Mr. Lively « - lächelte Squire Dayton , während er sich ein schmales Stück Kautabak abschnitt und das Uebrige an Jonathan Smart hinüberreichte - » ob er uns am Ende nicht noch ganz poetisch wird - haben Sie schon einmal Verse gemacht ? « » Ich ? « rief James und sah jetzt erst zu seinem unbegrenzten Entsetzen , daß die Augen der ganzen Gesellschaft auf ihm allein gehaftet hatten - » ich - nein - im Leben nicht , « und seine Hände griffen vergebens nach ihrem früheren , im Eifer des Gesprächs verschmähten Anhaltepunkt . » Mr. Smart soll aber schon Verse gemacht haben , « sagte Mrs. Dayton und suchte durch diese Wendung dem armen Burschen aus der Verlegenheit zu helfen . Jonathan Smart blickte Mrs. Dayton von der Seite an . » Ein Yankee und Verse machen ? « sagte er endlich schmunzelnd und nahm sein linkes Knie zwischen die beiden Hände - » prächtige Idee das . Nein , Mrs. Dayton , damit befasse ich mich weniger ; Verse bringen nichts ein . - Un doch - so komisch Ihnen das auch vorkommen mag , habe ich wirklich einmal ein Gedicht , und zwar an meine Alte , gemacht , als wir noch Brautleute waren . « » O bitte , bitte , Mr. Smart , das Gedicht müssen Sie uns einmal zeigen , « bat Adele - » Ich lese so ungemein gern Gedichte - « » Und solche besonders , « lächelte der Wirth , » nicht wahr , wo man sich vor Lachen dabei recht ausschütten kann ? - Ih nun , wenn ich ' s noch hätte , wär ' mir ' s recht . - Später mußte ich selbst darüber lachen . « » So haben Sie es vernichtet ? « » Oh nein , im Gegentheil , das ist in den Händen Derselben , an die es gerichtet gewesen . « » In Mrs. Smart ' s Händen ? « » Zu dienen , und wird jetzt etwa in derselben Art , wie die schlecht geschleuderten Wurflanzen der Indianer , von der nämlichen Person , den oder die es hätte treffen sollen , als Waffe gegen den Absender gebraucht . « » Das ist ein Räthsel , « sagte Mrs. Dayton . » Aber leicht zu lösen , « fuhr der Yankee fort . » Ich machte nämlich in einer mehr als gewöhnlich schwärmerischen Stunde - nicht wahr , Mr. Lively , Sie haben deren auch manchmal ? - ein Gedicht auf die damalige Miß Rosalie Heendor . Darin pries ich denn , wie das in solchen Gedichten gewöhnlich geschieht , nicht allein ihre unvergleichliche Schönheit und Liebenswürdigkeit , wobei ich die einzelnen Reize unter den Rubriken : Alabaster , Perlen , Elfenbein , Sterne , Sammet , Rosen , Veilchen ins besonders aufführte , sondern ich bekannte auch mit einer wirklich Alles hintansetzenden Bescheidenheit und - Unvorsichtigkeit - meinen eigenen Unwerth , ein solches Ideal zu besitzen ; hielt aber am Schluß nichtsdestoweniger sehr ernstlich um dessen Hand an . So weit ging die Sache gut ; Miß Rosalie war nicht von Stahl , und Jonathan Smart auch damals noch ein ganz reputirlicher junger Bursche , der seine sechs Fuß zwei Zoll in seinen Strümpfen stand . Mehrere Jahre hatten wir auch so , ruhig und vergnügt , mit einander verlebt , und mir war das Gedicht und dessen Inhalt natürlich ganz und gar entfallen . Da geschah - « » Ein Brief an Squire Dayton , « sagte Nancy , die in diesem Augenblick die Thür öffnete und ein leicht zusammengefaltetes Papier hereinreichte . » Wer hat es gebracht ? « frug der Squire . » Der Mailrider , « erwiderte die Mulattin , » er sagte , es hätte Eile ! « Squire Dayton öffnete das Schreiben und drehte sich damit nach dem Lichte herum , um es besser lesen zu können ; Jonathan aber , der während der Unterbrechung einen Augenblick stillgeschwiegen hatte , fuhr jetzt ruhig in seiner Erzählung fort , und zwar , nach seiner gewöhnlichen Art , gleich mit dem Worte , bei welchem er stehen geblieben war : - » es einst , daß Mr. und Mrs. Smart , wie das bei Eheleuten wohl manchmal vorfällt , einen kleinen Wortwechsel hatten , in welchem der Gentleman seiner Lady hinsichtlich ihrer persönlichen Eigenschaften einige vielleicht nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen machte . Darauf schien diese übrigens vorbereitet , denn plötzlich und ohne alle vorherige Warnung tauchte jetzt - nichts Anderes als das längst verjährte Gedicht auf , und mit lauter - ja immer lauterer Stimme , je mehr ich dagegen protestirte , wurde mir der mit meinen eben gemachten Aeußerungen allerdings etwas im Widerspruch stehende Inhalt triumphirend vorgelesen . Diese Scene hat sich seitdem einige Mal wiederholt , und wenn man nach gemachten Erfahrungen berechtigt ist , die Jugend zu belehren und vor Mißgriffen zu warnen , so möchte ich dem hier anwesenden jungen James Lively allerdings sehr dringend empfehlen , keine Gedichte solchen Inhalts der jungen Dame zu übersenden , die er dereinst als ehrbare Hausfrau heimzuführen gedenkt . - Schon gewählt ? « - Und die Frage traf Den , an den sie gerichtet war , so plötzlich , daß er erschrocken auf seinem Stuhl zusammenfuhr . Mr. Dayton selbst ersparte ihm aber diesmal eine Antwort , denn er stand schnell auf , ging zum Fenster und blickte hinaus , sah nach der Uhr und sagte dann : » Liebe Frau , ich bekomme hier eben höchst fataler Weise einen Brief , daß ich heut Abend noch einen sehr gefährlich Kranken besuchen muß . « » Hier in Helena ? « frug Mrs. Dayton besorgt . » Nein , leider nicht , « sagte der Squire - » zehn Miles im Lande drin . Da werde ich denn allerdings vor morgen früh , wenn das überhaupt der Zustand des Patienten erlaubt , nicht wieder hier sein können . Höre , Nancy , sage doch Cäsar , daß er mein Pferd sattelt und aufzäumt . « Mrs. Dayton seufzte tief auf . » Ach , Georg , « flüsterte sie traurig , » es ist ja wohl recht gut für Dich , daß Deine Fähigkeiten so in Anspruch genommen werden , aber ich weiß nicht , ich wollte doch , Du könntest ein wenig mehr zu Hause bleiben . - Die häufigen Nacht-Ritte müssen ja auch Deine eigene Gesundheit ruiniren . « » Sei unbesorgt , « lächelte der Gatte und zog den Oberrock an , den auf seinen Wink Nancy indessen gebracht hatte - » Schaden thut es mir sicher nicht , aber allerdings bliebe ich auch lieber bei Euch ; doch was will ich machen ? Soll ich die Kranken , die mir nun einmal vertrauen , in Angst und Sorge liegen lassen , weil ich mich nicht gern in meiner Bequemlichkeit gestört sähe ? Mir thun sie leid , die Armen , da ja überhaupt die Heilkunde des ganzen Staates fast nur in den Händen von Quacksalbern ist . « » Da hat der Squire wohl Recht , « sagte Jonathan , » eine Wohlthat ist ' s , für die man nicht genug dankbar sein kann , wenn man im Stande ist , einen ordentlichen Arzt zu bekommen . Doch , aufrichtig gesagt , möchte ich Der nicht sein , der nie weiß , ob er sich am Abend ruhig in sein Bett legen kann oder nicht . Mit der Bezahlung dafür sieht ' s nachher auch immer windig genug aus . - Wer ist denn krank ? « » Der Deutsche , der sich erst vor Kurzem dort angesiedelt hat , « sagte der Richter - » Brander heißt er , glaub ' ich . « » Aha - kaltes Fieber wahrscheinlich - nun , das ist nicht so gefährlich . Doch ich höre das Pferd unten kommen ; also , Ladies , ich werde mich jetzt ebenfalls empfehlen . Mr. Lively , gehen Sie auch mit , oder bleiben Sie noch bei den Damen ? « » Nein , bewahre « - sagte James schnell , und erschrak doch auch gleich darauf wieder über die Ungezogenheit - » Ich - ich wollte nur sagen , daß ich auch nach Hause muß , es wird sonst zu spät . - Reiten wir einen Weg , Mr. Dayton ? « » Schwerlich , « erwiderte dieser , während er den linken Sporn anschnallte - » ich reite den Fußpfad , der nach Bailys hinüberführt . Es ist etwas näher . « » Da müssen Sie aber durch den Sumpf unten , « sagte James . » Das ist ein Weg , wo man jetzt kaum am hellen Tage durchkommt . « » Hat nichts zu sagen , « lächelte der Squire , » ich kenne da jeden Zoll Landes und habe mir erst neulich das überhängende Rohr ein bischen aus der Bahn gehauen . Also gute Nacht , Kinder , gute Nacht . Morgen früh , hoff ' ich , trinken wir wieder zusammen Kaffee , und dann kann ich mich nachher recht ordentlich ausruhen . « » Ladies , « sagte Lively und machte , ohne Adele dabei auch nur von der Seite anzusehen , eine tiefe Verbeugung vor Mrs. Dayton - » darf ich also den Eltern sagen , daß Sie - morgen kommen werden ? « » Das und noch viele , viele Grüße an die Mutter , « erwiderte Mrs. Dayton freundlich und reichte dem jungen Mann die Hand . Dieser drückte sie herzlich , ließ sie aber in aller Verlegenheit auch gar nicht wieder los , da er im Geist jetzt ebenfalls eine Anrede an Miß Adele vorbereitete . Mrs. Dayton mochte jedoch eine Ahnung von dem haben , was James ' Seele vorging , denn sie sagte lächelnd : » Und darf ich also Adele auch mitbringen ? « James drückte ihr die Hand , daß sie hätte aufschreien mögen , fuhr dann aber schnell zurück und sagte , roth wie Blut : » Miß Adele wird sich freilich draußen gewaltig langweilen . « » Dann soll ich vielleicht hier bei Mrs. Breidelford bleiben ? « frug das schelmische Ding . » Miß - « stotterte James . » Nun wird ' s , Lively ? « rief Smart schon von der Hausthür aus - » Euer Pferd steht auch mit hier . « » Wir kommen also Beide , Mr. Lively - bestimmt « - lächelte Mrs. Dayton , und James , dem Nancy indeß seinen lange gesuchten Hut gebracht hatte , sprang mit einem fröhlichen : » Gute Nacht zusammen ! « die Treppe hinab und unten mit einem Satze in den spanischen Sattel des muntern Ponys , das ihn dort freudig wiehernd begrüßte . Wenige Secunden später sprengten Dayton und Lively auf zwei verschiedenen Wegen fort . Smart aber drückte den Hut fest auf die Stirn , schob beide Hände tief , tief in seine Beinkleidertaschen und schritt dann , höchst selbstzufrieden vor sich hinpfeifend , die Straße hinab . Indessen ging er nicht gleich dem eigenen Hause zu , denn die Ruhe der Stadt verbürgte ihm dessen Sicherheit - sondern erst einmal nach der Flatbootlandung des Flusses , wo etwa zwölf oder dreizehn jener langen unbehülflichen Fahrzeuge angebunden lagen . Die Boote hingen nur an Tauen fest , breite Planken lagen aber vom Lande aus hinüber und vermittelten die Verbindung mit diesem . Dienten doch diese Boote auch als schwimmende Kaufläden , von denen die Bewohner der südlichen Staaten die Producte des Nordens zugeführt bekamen . 5. Die nächtliche Fahrt . - Die Insel . Der Mond schien hell und freundlich auf die rasch dahin strömende , undurchsichtige Fluth herab , während nur dann und wann einzelne dünne Wolken die helle Scheibe für kurze Momente verdüsterten und ihre Schatten über die weite Niederung deckten . Leise gurgelte dabei das Wasser unter den gewichtigen Booten , und die Strömung warf schmutziggelbe Schaumblasen gegen die Planken derselben an . Hier und da trieb ein von dem tückischen Nachbar seinem sichern , Jahrhunderte lang behaupteten Platz entrissener Baumstamm vorüber und streckte die langen Riesenarme wie Hülfe suchend nach den ruhig neben ihm fortrauschenden Brüdern aus , und der Schrei des Loon gab manchmal , oft wie spottend , den rohen Jubelruf der Zechenden zurück , der noch immer aus einem der im Innern hell erleuchteten Boote und einem weiter oben gelegenen Trinkhaus erschallte . Oft sprang auch ein gewaltiger Catfisch aus seinem kühlen Element empor , und die glatte , silberfarbene Haut blitzte dann im Mondenlicht . - Sonst aber lag Ruhe - stille , unheimliche Ruhe auf der breiten Fläche des Stromes und stach nur um so schauriger gegen das rohe Jauchzen der wilden