Geberin , sprach mit ihrem Gatten nicht darüber , und befriedigte davon einige Bedürfnisse , deren Nothwendigkeit dem Männerauge entgangen war . Nach einigen Tagen , als sie auch die Treppen allein zu gehen wagen konnte , ging sie zu Bella , um derselben ihren Dank zu sagen . Die Kammerfrau öffnete sogleich die Thüre , welche in das Zimmer der Sängerin führte . Amalie trat ein . Sie warf einen Blick im Zimmer einher und sank an der Schwelle mit einem Schrei bewußtlos in sich selbst zusammen . Amalie hatte auf dem Sopha neben Bella Jaromir gesehen . Nur einen Blick hat die unglückliche Frau hingeworfen : er hatte ihr gezeigt , wie schön und lebendig Bella war - wie geschmackvoll und prächtig Alles , was sie umgab , mit welchem feurigen Blick sie zu Jaromir aufsah , wie vertraulich ihre kleine weiße Hand auf seinem Arm ruhte . Mir diesem einen Blick sah Amalie , wie Jaromir es gewohnt sein müsse , diesen Platz einzunehmen - wie heiter er eben jetzt gescherzt haben mogte - sie liebten einander und waren glücklich und heiter - vielleicht waren sie verlobt - es war nur ein Moment , in dem Amalie dies Alles dachte , und in demselben Moment vergingen ihr die Sinne . » Mein Gott , die arme Frau ist gewiß noch kränker , als sie denkt ! « rief Bella , indem sie , aufstehend , die Klingel zog , und die Hingesunkene aufhob . » Kennen Sie diese Frau ? « sagte Jaromir , der auch aufgesprungen war , und mit unruhigen Blicken zu Amalien hinstarrte . » Sie wohnt mit in diesem Hause , « sagte Bella unbefangen , » es ist die Frau des Doctor Thalheim , mit dem Sie neulich das geheime Geschäft abzumachen hatten , wodurch Sie so verstimmt , und deshalb so unhöflich geworden waren . Ach , ich weiß es noch recht gut . « Sie drohte dabei lächelnd mit dem Finger , und fuhr dann weiter fort : » Sie kommt das erste Mal zu mir , vielleicht ist es ihr erster Gang die Treppe herauf , und das wird sie zu sehr angegriffen haben . « Jaromir verstand die Ursache von Amaliens Zustand besser , er schwieg jetzt , und griff nach seinem Hut , während eine eingetretene Kammerfrau sich um die Ohnmächtige beschäftigte . » Warum wollen Sie nun plötzlich fort ? « fragte Bella . » Es ist besser , ich gehe jetzt , fragen Sie weiter nicht , « antwortete Jaromir in einem sanften Tone , aber mit jenem eigenthümlichen entschiedenen Ausdruck der Stimme , welcher keinen Widerspruch gestattet . Er warf noch einen Blick zurück auf Amalie und ging . Dieser Blick brachte sie wieder zum Bewußtsein . Sie schlug in demselben Moment die Augen auf , als er die seinen eben wegwandte , und hastig das Zimmer verließ . » Er geht , « flüsterte sie leise , dann suchte sie sich zu fassen , und stand auf . » Ist Ihnen schon besser ? « fragte Bella , indem sie sich wieder nach ihr umgewandt hatte . » Ich bitte um Vergebung , daß ich gestört habe - man wieß mich sogleich in dieses Zimmer , es war nicht meine Schuld , daß ich eintrat - ich wußte nicht , daß ich noch so schwach war . « Amalie sagte dies mit zitternder Stimme , aber nicht ohne leise Bitterkeit , welche der Sängerin nicht entging . Sie konnte aber eher dazu jeden anderen Grund vermuthen , als den wahren , denn wie hätte sie je glauben können , daß Jaromir , um dessen freundliches Lächeln sich so manches schöne Weib umsonst bemühte , er , der in den höchsten Zirkeln lebend , schon von Manchem angewidert ward , was dem anmuthigsten und , wenn man so sagen will , ästhetischsten Luxus nicht genügte , daß er , der Alles besaß , was ein Leben beneidenswerth machen kann , Reichthum und Standesvortheil , Ruf und Ruhm , Jugend und Schönheit - in irgend einem Verhältniß stände zu einer armen , beinah häßlichen Frau , welche jetzt Krankheit und Elend fast zehn Jahre älter erscheinen ließen , als sie wirklich war ? - Bella nahm Amaliens Ohnmacht für ein wahres Zeichen einer noch nicht gehobenen Krankheit , und den bittern Ton ihrer Stimme schob sie auf Rechnung eines kleinbürgerlichen , philiströsen Sinnes , welcher es unschicklich finde , eine Dame an der Seite eines schönen Mannes allein zu treffen - und ob zwar sich Bella gestehen mußte , daß durch Jaromirs plötzliches Entfernen es wirklich scheinen konnte , als hätte sie Ursache gehabt , sich nicht gern in seiner Nähe überrascht gesehen zu haben , so verdroß sie es doch , daß Amalie , welche gewiß kam , um ihr zu danken , ganz im Gegentheil davon sie mit einer Art von Vorwurf begrüßte . Bella gerieth dadurch selbst unwillkührlich in eine bittere Stimmung gegen Amalien , welche sie gegen diese weniger freundlich erscheinen ließ , als sie außerdem gewesen sein würde . Amalie begann wieder : » Ich kam nur , um Ihnen zu danken - « » Lassen Sie das , « fiel ihr Bella in ' s Wort und wollte noch Etwas beifügen , als zum Glück für die ziemlich peinliche Stellung , in welcher sich beide Frauen einander gegenüber befanden , Baron von Füßly gemeldet ward , und auch sogleich eintrat . Amalie bat um Erlaubniß , sich entfernen zu dürfen , um sich von der gehabten Ohnmacht auf ihrem Lager zu erholen . Bella ' s Kammerfrau begleitete sie die Treppe hinab . » Sagen Sie mir doch , « begann Amalie mit vertraulichem Tone , obwohl dabei ihre Stimme merklich zitterte , » kommt der Graf oft zu Ihrer Dame ? « » Meinen Sie den Grafen Szariny oder den Herrn , welcher eben jetzt kam ? Sie wohnen mit uns in einem Haus , und sollten nicht wissen , was die ganze Stadt weiß ? « gegenfragte die Kammerfrau . » Mein Gott , so ist es wohl ihr Verlobter ? - Den Graf Szariny mein ' ich , « sagte Amalie immer aufgeregter . Die Antworten der Kammerfrau blieben unbefangen : » Nun , das geht doch wohl nicht so schnell - eh ' sich eine so gefeierte Sängerin , wie meine Herrschaft , zu einer Heirath entschließt , kann schon manches Jahr vergehen , und ein eben so gefeierter , als reicher Graf , wie dieser , findet es auch bequemer , den Liebhaber zu spielen , als den Ehemann . Die Sache ist einfach die , daß er schon in Berlin meiner Dame ihr größter Günstling war , und daß er ihr hierher nachgereist ist , um es wieder zu sein . - Natürlich ist meine Dame durch diesen Beweis von Anhänglichkeit sehr gerührt , denn sie weiß recht gut , daß es dem Grafen an Eroberungen weiblicher Schönheiten weder jemals gefehlt hat , noch fehlen kann , da er neben allen seinen bestechenden Eigenschaften zugleich eine sehr glänzende Partie ist - daher kommt es denn , daß sie sich von ihm sogar manche unhöfliche Sonderbarkeit gefallen läßt , die sie niemals einem andern Mann nachsehen wird . - - Aber es scheint , als würde Ihnen wieder unwohl ? Sie zittern ja so , halten Sie sich fester an mich , damit Sie nicht etwa auf der Treppe hinsinken . « Amalie zitterte allerdings heftig - sie dachte aber immer noch , sie habe nicht recht gehört , es sei vielleicht doch noch ein Irrthum möglich , und fragte wieder : » Sie nannten den Grafen reich - ich habe geglaubt , er sei sehr arm - er habe in Polen Alles verloren . « » Sie scheinen sehr über den Grafen unterrichtet . - Haben Sie ihn gekannt ? « » Nein , nein ! - Aber man hört doch , was die Leute reden . « » Er hat sein Vermögen wieder ; jetzt ist es gewiß , daß er sehr reich ist - aber ich habe ihn manchmal darüber scherzen hören , wie elend er früher gelebt - dadurch ist er den Leuten nur noch interessanter geworden . « » Leben Sie wohl , « sagte jetzt Amalie schnell , indem sie vor ihrer Thüre stand , und deren Schloß hastig erfaßte , wie um sich daran zu stützen , » ich danke für Ihre Begleitung . « Sie öffnete schnell , ging hinein , verschloß die Thüre wieder hinter sich , und warf sich mit einem lauten . Schrei und krampfhaften Zucken auf ihr Bett . Sie war allein . Erst fühlte sie gar Nichts . Dann kam sie nach und nach zum Gefühl , zum Gefühl eines einzigen riesenhaften Schmerzes . Dann dachte sie über diesen Schmerz , über sein Entstehen , seine Ursachen , über Alles , was sie soeben erlebt , über Alles , was sie soeben gehört hatte . Es schien ihr Alles plötzlich klar geworden : Jaromir hatte sie vergessen - er war reich geworden , er lebte in einer andern , in der großen Welt , er dachte ihrer nicht mehr , er verachtete sie vielleicht jetzt , und prieß das Schicksal und ihre Untreue , die ihn vor einer Mesalliance bewahrt hatten . Er liebte Bella jetzt , wie einst sie , und war um Bella ' s willen hierher gekommen , um Bella ' s willen an diesem Hause vorübergegangen - und sie hatte geglaubt , es sei das unerloschene Feuer der Liebe für sie selbst , was ihn dazu treibe , sie hatte ihm die Blumen zugeworfen , und wer weiß , wie er sich darüber lustig gemacht hatte - sie hatte ihn zu sich beschieden , und er war gekommen , aus Mitleid gekommen - nur aus Mitleid , wo sie an Sehnsucht gedacht hatte . Vielleicht war er von ihrem Sterbebette in Bella ' s Arme geeilt , und hatte ihr die Scene , die sie sich so erhaben gedacht hatte , als eine Lächerlichkeit erzählt - hatte ihre Armuth gesehen , und das Geld , was Amalie durch Bella empfing , war gewiß aus seinen Händen gekommen , er hatte vielleicht diesen Weg gewählt , um sich so nicht verrathen und die Gabe abgewiesen zu sehen - und deshalb hatte sie Bella in ihrem Billet gebeten , es dem Gatten zu verheimlichen - wie sie bei diesen Gedanken ankam , verhüllte sie ihr Gesicht , und schrie auf : » Es giebt keinen größern Fluch , als die Armuth ! « Sie hätte so gern das Geld zurückgegeben , das sie nun so drückte und so beschämte und so demüthigte - aber sie war es nicht mehr im Stande , sie besaß es nicht mehr , sie hatte es ausgegeben . Und wo war die Möglichkeit , bald im Besitz einer gleichen Summe zu kommen ? » Die Armuth darf ja keinen Stolz und keine Scham haben , « sagte sie stöhnend zu sich , » was bei den Reichen Tugend und Recht ist , ist bei den Armen Verbrechen und Unrecht . « Von diesem einen Augenblick an war ihre Liebe zu Jaromir in Haß umgewandelt . Sie war es zufrieden , ja sie war froh darüber , daß sich Thalheim von ihr trennen wollte . Für sie sorgen würde er , das wußte sie - seine Gegenwart aber , seine Nähe vermogte sie , wie nun sich Alles vor ihren Blicken enthüllt hatte , noch weniger ohne Scham zu ertragen , als selbst damals , wo sie ihm das Geständniß gemacht hatte , ihn nicht zu lieben . Denn wie sich jetzt Amalie in ihren eignen Augen gedemüthigt fühlte , so fühlte sie sich es noch um so mehr ihrem Gatten gegenüber . Konnte er es nicht schon vielleicht längst wissen , daß Szariny Bellas Geliebter sei , daß er niemals mehr der einstigen Braut gedacht habe , welche ihm die Treue gebrochen ? - Amalie fühlte , daß das , was ihr ihre heiligsten Gefühle geboten hatten - ohne daß sie selbst es geahnt , sie zu einer Lächerlichkeit geführt hatte - und man weiß , wie eher ein Unrecht Vergebung findet , als eine Lächerlichkeit ; darum konnte Amalie jetzt um dieser willen am Meisten mit sich zerfallen . Von einer zu bereuenden That sich wieder zu erheben , würde sie Kraft gefunden haben - aber von einer Handlung , welche sie nicht als eine unbesonnen Fehlende , sondern als eine eitle Thörin erscheinen ließ , vermogte sie nicht , ihre niedergeworfenen Gefühle wieder aufzurichten . - Sie fühlte das Alles schon in dieser ersten Minute der bittern Enttäuschung , und wie um ihrem Groll nur in Etwas Luft zu geben , öffnete sie hastig eine Commode , nahm aus derselben ein kleines verschlossenes Kästchen , öffnete auch dieses , welches Briefe und verwelkte Blumen enthielt . Es waren Liebespfänder von Jaromir . Sie nahm sie heraus , öffnete die kleine Thüre des Ofens und warf die Blumen da hinein . Auch die Briefe wollte sie folgen lassen . Plötzlich aber zog sie die Hand wieder zurück , that die Briefe wieder in das Kästchen , und murmelte für sich : » Liebespfänder können ja auch zu Rachepfändern werden - ich werde sie sorgfältig bewahren , wie sonst . « VI. Trennungen » Und ich sah ' s , und habe sinnend An das Einst und Jetzt gedacht : An ein Leben , das beginnend , Und ein Leben , das vollbracht . - « Eduard Mautner . Elisabeth und Pauline waren die Wohlthäterinnen des kleinen Mädchens geworden , welches bei jener Gartenscene , wo es nach Mamsell Paulinchen gefragt hatte , so arg von den Pensionärinnen verhöhnt worden war . Durch diese mein schaftliche Handlung hatten sich jene Beiden einander sehr genähert , und einander liebgewonnen , indem sie sich gegenseitig , was unter Mädchen so zarten Alters allerdings selten ist , mehr Achtung abnöthigten , als sich gerade Vertrauen zollten . Die arme Christiane , so hieß das Mädchen , welches Paulinens Schützling war und in Thalheims Dienst stand , hatte zuweilen ein Wort über dessen häusliches Unglück fallen lassen , welches Elisabeth auf ' s Schmerzlichste erschütterte . » Ach , « sagte sie dann wohl zu Paulinen , » hast Du es gesehen , um wie viel ernster und bleicher er jetzt geworden ist ? - So tief kann Armuth allein einen solchen großen Menschen nicht beugen , eher , eher kann dies vielleicht - unglückliche Liebe . « » Kennst Du die Macht der Liebe ? « sagte Pauline . » Mir klingt das Wort wie aus einem Mährchenlande , darin es wunderbare Formeln giebt , die man wohl niemals zu lösen vermag , ja , welche vielleicht nicht einmal eine Lösung haben - aber die Macht der Armuth , der bin ich schon hundertfach im Leben begegnet - ich glaube , das ist eine furchtbare Gewalt , welche aus guten Menschen Verbrecher machen kann , aus sanften Charakteren wüthende und erbitterte , eine Macht , welche auch die größten Geister so herabdrücken kann , daß sie ganz und gar von dem Staube , der sie wider ihren Willen herabzieht und seine Rechte fordert , bedeckt und überwältigt werden . « Es war im Garten , wo die beiden Mädchen so allein in einer Laube sprachen - sie bemerkten nicht , wie Thalheim während Paulinens Rede sich ihnen genähert hatte ; noch verbargen ihn grüne Ranken halb - auch hatten die Mädchen ihre Augen auf den Boden geheftet , und sahen Beide sinnend nieder . Elisabeth drückte Paulinens Hand , indem sie sagte : » Vielleicht hast Du Recht - was ich Liebe nenne , muß immer nur erheben können , ja , beseligen , allein durch sich selbst - aber die Armuth muß niederdrücken , ja vielleicht gar vernichten . « » Aber es ist auch ein Segen darin für die Andern , « begann Pauline . » Siehst Du , wen Liebe unglücklich macht , den muß man es schon sein lassen - aber wer durch Armuth unglücklich ist , dem kann man helfen - darum freue ich mich darauf , wenn ich in das Vaterhaus komme , ich werde dort wohl den Armen , denen mein Vater Arbeit und Brod giebt , noch manche Wohlthat erzeigen können . Wenigstens soll dies mein Streben sein - es wird dort in der friedlichen Einsamkeit mein Glück ausmachen . Die Gefährtinnen hier haben oft gesagt , daß ich mit ihnen Nichts gemein habe , daß ich zu den Niedriggeborenen gehöre - so will ich es beweisen , daß es mein Stolz sein soll , eine Schwester dieser Armen zu sein . « Thalheim hatte mit einem schmerzlichen Lächeln diese naiven Worte eines unschuldigen Kindes angehört , welches es sich so leicht dachte , Elend zu lindern - aber um so mehr rührte ihn diese edle kindliche Gesinnung , und indem er jetzt vortrat , sagte er : » Pauline - versprechen Sie es in die Hand Ihres Lehrers , niemals diesem edlen Vorsatz untreu zu werden - versprechen Sie es mir , wenn nicht die Schwester , doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein , und niemals die schönen Regungen des Mitgefühls dadurch ersticken zu lassen , weil Sie vielleicht gewaltsam daran gewöhnt werden , das Elend um sich zu sehen , weil Sie vielleicht eines Tages sich sagen werden : was ich thun kann , um die Noth zu verringern , ist nur ein Tropfen , den ich hinwegschöpfe von der Fluth des Unglücks , die Alles überschwemmt - - - - versprechen Sie mir das in dieser Stunde , wo ich Sie vielleicht zum letzten Male sehe ! « » Gewiß , ich verspreche es ! « sagte Pauline gefühlvoll , indem sie ihre Hand in die seinige legte , die er ihr bot . Aber Elisabeth blieb regungslos sitzen , und sah ihn starr an , keines Wortes fähig . Er fühlte diesen Blick , verstand , was er fragte , und sagte erklärend : » Ja , ich komme , um Abschied zu nehmen . Man hat mich aufgefordert , ein paar junge Leute auf Reisen zu begleiten - ich fand es unnöthig , vorher davon zu sprechen - ich habe den Stellvertreter gefunden , der mich bei Ihnen ersetzt , und bin nun im Begriff , in wenig Tagen abzureisen . « Elisabeth war todtenblaß geworden - sie senkte ihre Augen nieder , öffnete ihre Lippen , als ob sie sprechen wollte , brachte aber kein Wort heraus . » Auch für Sie , « sagte er , indem er sich zu Elisabeth ewandte , » habe ich ein letztes Wort . Sie werden dem Lehrer eine aufrichtige Mahnung gestatten - besonders jetzt , wo wir ohne fremde Zeugen sind , und wo ich von ihnen scheide , wo Sie bald meiner nur vielleicht wie eines ernsten Traumbildes gedenken werden . « Sie winkte ihm mit einem flehenden Blick , zu reden , aber selbst vermogte sie Nichts zu sagen . Ihr Herz schlug laut und stürmisch , ihre Züge versuchten umsonst , die leisen Schauer , welche über Stirn und Wangen glitten , durch den Ausdruck der Ruhe zu verscheuchen . » Meine erste Bitte , « sagte Thalheim , » ist an Beide . Versprechen Sie mir , einander Freundinnen zu bleiben ! - Ich war überrascht , aber erfreut , als ich diesen Bund entstehen sah - versprechen Sie mir , ihn niemals zu lösen . Sie , Pauline , bedürfen es , an ein starkes , muthiges Herz sich zu schließen , und Sie , Elisabeth , bedürfen eine sanfte und milde Seele , um sich ausruhend an sie zu schmiegen - darum müssen Sie beisammen bleiben . « Elisabeth umarmte Paulinen und Beide sagten : » Wir geloben Alles ! « - » Alles , was Sie gebieten , « fügte Elisabeth erröthend hinzu . » Vielleicht , « sagte Thalheim , » wird dieser Bund nicht ohne Prüfungen sein - und gerade deshalb freut er mich . - Sie werden Beide stark genug sein , sie zu bestehen , Sie werden zu stolz sein , um Ihre Neigung irgend einem Vorurtheile auszuopfern - wenn Sie das Leben kennen lernen , so werden Sie finden , daß immer das Beste den größten Kampf kostet aber auch nur das Beste ihn verdient - dann wird es gut sein , wenn Sie sich vorher geübt . « Er nahm Elisabeths Hand , sie zitterte krampfhaft in der seinen , er hielt sie so fest , daß sie nicht mehr zittern konnte , und sagte : » Sie schrieben einmal einen Aufsatz über das Bibelwort : Wem Viel gegeben , von dem wird man Viel fordern - beherzigen Sie das wohl - machen Sie die großen Erwartungen wahr , zu denen Ihr Charakter berechtigt - und nun leben Sie wohl , und weihen Sie mir zuweilen einen Augenblick freundlicher Erinnerung . « » Leben Sie wohl , « sagte Pauline unter Thränen , » wir werden Sie niemals vergessen , wir werden oft zusammen von Ihnen sprechen , vergessen Sie auch Ihre Schülerinnen nicht ganz . « » Leben Sie wohl , « antwortete Elisabeth - sah ihn noch mit einem unaussprechlichen Blick an , und wie er ihre Hand los ließ , warf sie sich an Paulinens Brust . Thalheim verließ schnell den Garten . Jetzt erst brach Elisabeth in lautes Schluchzen aus - nach einer Weile sagte sie : » Es kann , es darf nicht sein ! « In diesem Augenblick kam Aurelie in den Garten und in die Laube . » Ei , « sagte sie lachend , » Ihr befindet Euch ja in einer ganz besonders zärtlichen Stellung - wenn diesem weinerlichen Duo etwa ein schmachtendes Finale vorhergegangen , wobei Thalheim , wie die Theaterkritiker sagen , einen glänzenden Abgang gehabt , so bin ich froh , daß er von mir in corpore mit den andern Mädchen Abschied genommen , und mir nicht die Auszeichnung mit Euch zu Theil geworden ist . « Die Beiden würdigten sie keiner Antwort . Dies gefühllose Geschwätz Aureliens drängte diese vollends und für immer aus Elisabeths Herzen . » Nun , das ist ja allerliebst , « fuhr Aurelie spöttisch fort , » die Damen sind nicht einmal mehr so höflich , zu antworten , und ich kam gutmüthig genug hierher , um Dir , Elisabeth , zu sagen , daß ich mich wahrscheinlich verloben werde . « » Was ist das wieder für ein schlechter Spaß ? « fragte Elisabeth ärgerlich , und nachdem sie hastig ihre Thränen zurückgedrängt hatte . » Gar kein Spaß - da ist der hübscheste Liebesbrief , das formellste Anhalteschreiben vom Baron von Füßly , derselbe , der sich auf den ersten Blick im Theater sterblich in mich verliebt hat , mich dort öfter gesehen , und im letzten Conzert so Viel mit mir gesprochen hat . Er weiß , daß heute mein Theatertag ist , und wenn ich ihm Hoffnung gebe , soll ich eine rothe Rose anstecken , außerdem eine weiße . Nach diesem Zeichen meines Einverständnisses will er bei meinen Eltern um mich anhalten . Ist das nicht allerliebst , mit sechzehn Jahren schon die Braut eines so zierlichen Herrn zu sein ? Damit er ja keinen Zweifel hat , will ich lieber gleich einige rothe Rosen anstecken , und um mir diese zu holen , kam ich eigentlich herab . « » Aber Aurelie - Du wirst doch keine leichtsinnige Uebereilung begehen ? « sagte Elisabeth warnend . » Laß jetzt Deinen Gouvernantenton , er macht keinen Eindruck auf mich , und ich habe jetzt nicht einmal Zeit , Dich anzuhören , denn meine Toilette muß heute besonders niedlich werden , und da brauch ' ich wenigstens ein paar Stunden Zeit , und habe also gar keine dazu übrig , langweilige und abgeschmackte Moralpredigten anzuhören . « Und indem sie dies sagte , entfernte sich Aurelie trallernd und tänzelnd . » Pauline , « sagte Elisabeth , » ich muß Thalheim noch ein Mal sehen - noch ein Mal wenigstens ! - Laß die kleine Christiane herkommen , wir können uns von ihr ja Blumen bringen lassen - sie muß dann für uns erfahren , wann Thalheim , und auf welcher Straße er abreis ' t - das Weitere wird sich finden . « Ein paar Tage waren vergangen - der Morgen von Thalheims Abreise war angebrochen . Es war noch sehr früh . Amalie hatte ihm zum letzten Mal das Frühstück bereitet , sie war ihm freundlich behilflich , wie er sich reisefertig machte , aber sie sprachen Wenig zusammen . Die kleine Anna schlief noch sanft in ihrem kleinen Bettchen . Sie hatte sich die Wangen roth geschlafen , und ihr rechtes Händchen ruhte auf ihren goldnen Locken - so glich sie einer rosigen frischen Apfelblüthe mit goldenen Fäden . Der Vater neigte sich auf das Bettchen , ganz verloren in den holden Anblick des theuern , einzigen Lieblings - eine Thräne fiel aus des Vaters Augen . Ach diese Thräne ! Wie viel Sorgen und Schmerzen lagen nicht darin , wie viel bange Fragen an das Schicksal ohne Antwort , wie viel stumme Gebete gen Himmel . Er zog seine Hand an die andere Seite des Bettchens , er reichte ihr über dasselbe hinweg seine Hand . » Das ist eine heilige Stelle , an der wir stehen , « sagte er , » ich kenne keine heiligere . Ich verlasse Dich , weil wir jetzt nicht ohne Selbstvorwürfe , Heuchelei oder Bitterkeit und Kummer neben einander zu leben vermögen - wir werden so eher wieder Frieden finden , und vielleicht kommt noch ein Tag , der uns wieder durch Vereinigung glücklich macht . - Aber unsere Anna ! Von ihr scheide ich mit schwerem Herzen . Du mußt ihr nun Beides sein - Vater und Mutter zugleich . Ach Amalie - nimm mir die Liebe unsres Kindes nicht ! Laß es mein Bild rein und treu bewahren , bis ich es wieder einmal selbst an das Vaterherz drücken darf . Laß es fromm und gut werden , und störe den heitern Frieden seiner Unschuldsjahre nicht . Versprichst Du mir , Alles das wenigstens zu versuchen ? « » Ich verspreche , « sägte sie gerührt und drückte ihm die Hand . » Wenn ich Deinen Aufenthalt weiß so werde ich Dir zuweilen von Anna schreiben - und sobald sie es selbst kann , will ich sie lehren , den ersten Brief an ihren Vater zu schreiben . « » So scheide ich ruhiger , « sagte er , » aber nun muß es sein - der Wagen wartet unten . - Lebe wohl , Amalie , lebe wohl , Anna ! « Und er küßte das Kind noch ein Mal - es zuckte leise im Schlaf zusammen , aber schlief dennoch ruhig und ahnungslos fort . Thalheim eilte die Treppe hinab , und sprang in den Wagen , in welchem Graf Osten ihn auf sein Gut , wo sein Sohn des Reisebegleiters wartete , abholen ließ . Es war ihm seltsam zu Muthe , unendlich traurig und unendlich leicht zugleich - er hatte nun die Trennung hinter sich , mit all ' ihrem Weh , und ein neues Leben vor sich - aber er hatte sich auch aus alten Banden gerissen , die ihn einst beglückt hatten - und immer mußte er wieder an seine kleine Tochter denken , und wie leicht Amalie sie falsch erziehen könnte - da wurde ihm bang und traurig zu Sinn . Elisabeth hatte die Stunde von Thalheims Abreise erfahren . Sie fühlte nur , daß sie ihn noch ein Mal sehen müsse - weiter war sie sich in Nichts klar , aber dies Eine war bei ihr unumstößlichste Gewißheit geworden . Beim ersten Morgengrauen war sie aufgestanden nach einer schlaflosen Nacht . Sie hatte sich angekleidet , und war leise aus ihrem Zimmer durch den Corridor und die Treppen hinab geschlichen . Alles im Hause schlief noch , und Todtenstille herrschte . Sie weckte den schlafenden Portier : » Oeffnen Sie mir die Hausthüre ! « sagte sie ihm . Der Portier zauderte . Sie gab ihm ein großes Geldstück und sagte , auf den Nelkenstrauß deutend , den sie in ihrer Hand hielt : » Es gilt eine Ueberraschung bei einem Geburtstage , ich habe Niemand ein Geheimniß daraus gemacht , und wenn ich zurückkomme , werde ich Alles verantworten . « Geld öffnet ja so viele Thüren - warum nicht auch die einer Erziehungsanstalt ? Elisabeth durfte sie ungehindert verlassen . Die Entschiedenheit , mit der sie es als ein Recht verlangte , frappirte ihn - er dachte , um das zu wagen , müsse sie wohl wissen , daß sie es wagen dürfe - und so öffnete ihr der Portier . Sie eilte hastig durch die noch ziemlich menschenleeren Gassen dem Thore zu , durch welches Thalheim fahren würde . Es war noch nicht fünf Uhr - um diese Stunde hatte er fort gewollt - das rasche Klopsen ihres Herzens benahm ihr oft fast den Athem , ihre Pulse bewegten sich fieberhaft , stürmisch - sie hatte gar keinen klaren Gedanken , nur auf einen Punkt richtete sich ihr Geist : sie mußte ihn noch ein Mal sehen - zum letzten Mal - alles Andere lag vor ihr in Nebel gehüllt , wie die Thäler und Bäche und all ' die Fernen , über welche der Morgen erst leise aufdämmerte - nur die Berge hatte er schon mit blitzendem Sonnengold gekrönt . Sie ging ein Stück auf der Straße fort bis zu einem kleinen Rasenhügel , auf dem eine Steinbank zwischen hohen Lindengruppen angebracht war . Hierher setzte sie sich , denn von hieraus konnte