er sanft . Wie denken Sie sich denn eigentlich den Dichter ? « » Genau so wie Sie nicht sind , « erwiderte ich schnell . » Wollen Sie mir absichtlich weh thun , gnädigste Frau ? « fragte er mit Kälte . » Wie käme ich dazu ? sprach ich noch kälter . Aeußerlich warm , schlicht und wahr , innerlich durchflutet vom Strom großer Gedanken und vom Sturm hoher Leidenschaften - daher unfähig kleinlicher Gedanken und dürftiger Gefühle : so denke ich mir den Dichter und so sind Sie nicht . « » Sagen Sie lieber : so ist er nicht . « » Weil Sie nicht so sind ? fragte ich spottend . Das hieße doch dem Dichter Unrecht thun . « Astrau sah mich starr an : » Und dies Alles .... weil ich Lady Arabella nicht liebe ? « » O Gott ! rief ich lachend , wir verstehen uns ja gar nicht , guter Graf ! ich spreche von meinem Dichterideal , und Sie halten mich für einen Advokaten ! « » Lassen Sie mir die Hofnung daß wir uns verständigen werden , « sprach Astrau und Besuche störten dies Gespräch , das erste welches mir eine Erinnerung zurückließ . Seitdem unterhielten wir uns viel . Ich kann nicht sagen daß Astrau sich ausschließlich mit mir beschäftigt hätte , allein er war für keine andre Frau aufmerksamer . In dieser Season spielten die Passionen der Damen für ihn keine so große Rolle als in der vorigen ; das stand ihm besser . Uebertriebene Huldigungen geben dem Gegenstand derselben immer etwas Lächerliches - denn wahre Liebe , wahre Bewunderung , wahre Ehrfurcht werden nie in kindisch albernen Fetischdienst ausarten . Ihrer Natur nach sind sie wie alle Innerlichkeit schweigsam , ernst und gehalten , und nur in gewichtigen Momenten geben sie ihre Macht und Tiefe kund . Es ist ein großes Unglück wenn talent- und genievolle Menschen wie Astrau , durch die Gesellschaft zum » lion of the day « gemacht werden und sich dazu hergeben . Statt ihr Leben zu leben spielen sie nur ihre Rolle . Weshalb Graf Astrau anfing sich mit mir zu beschäftigen weiß ich nicht ; glaube aber deshalb : weil ich so ungewöhnlich gleichgültig für ihn und überhaupt für Alles war . Das Leben trug nicht die Glorie von Glanz , Glut , Majestät und Wonne , nicht den Purpurmantel , nicht die Rosenkrone , nicht den Sternenschleier womit ich dessen heilige Gestalt in meinen Kinderträumen auf den grünen Hügeln von Engelau ausgeschmückt hatte . Es kam mir Alles so mittelmäßig vor ! ich kannte manche gute Menschen - doch sie hatten große Fehler ! manche kluge - doch sie hatten große Schwächen ! Ich sah wol daß recht viel und mitunter auch recht Tüchtiges gethan wurde ; aber es wurde nichts Großes geleistet wie ich mir das Große dachte : im gottbegnadeten Individuum als eine neue Sonne aufgehend zu der die Menschheit betet . Ich sah mir die Liebe an zwischen den Menschen : hatte sie Schwung , so brauchte sie ihre Flügel um bald zu entfliehen ; - hatte sie keinen , so blieb sie wie sie war , matt und lahm ; - für junge Herzen war sie ein Rausch , für alte ein Irrthum , eine Krankheit , ein Traum - zuweilen , aber ganz ausnahmsweise ! ein tiefer Ernst , der mit fürchterlichen Schmerzen , mit trostlosen Erfahrungen , mit Märtyrerleiden erkauft werden mußte . Ich sah mir den Genius an zwischen den Menschen : auch an seinen vollkommensten Schöpfungen haftete Staub ; und Neid , Verleumdung , blinder Haß , Fetischdienst umschwirrten und verdunkelten ihn - während nun gar der Träger des himmlischen Funkens ein schwacher Sterblicher gleich uns Anderen war ! - - Da weder die That , noch die Liebe , noch das Genie sich zu jener ätherreinen Höhe aufschwang , die so hoch ist , daß es unter ihr weder Aufgang noch Niedergang giebt , weil sie Ruhe in der Einheit des ganzen Wesens gewährt : so mußte ich darauf gefaßt sein in den untergeordneten Richtungen und Sphären des Seins noch größeres Stückwerk , noch mehr Zersplitterung und Mangel an Zusammenhang zu finden ; - und ich fand sie ! Es befremdete mich nicht . Wer Paläste zusammenstürzen sieht erstaunt nicht wenn Hütten einfallen . Die Aufgabe meines Lebens wäre also gewesen : mich in der Mittelmäßigkeit zurecht zu finden , und sie in mir und in meinem Kreise bis zu dem ihr gegönnten Grad von Vervollkommnung auszubilden . Dies ist überhaupt die ganz allgemeine Aufgabe jedes Menschen , und wer schlecht und recht , warm und wahr , mit klarem Kopf und redlichem Willen an ihr arbeitet , löst sie theilweise gewiß - wenn auch mit blutender Hand und mit blutendem Herzen . Aber ich hatte mich viel zu tief in ein phantastisches Traumdasein eingesponnen um jenes zu versuchen . Hätte Paul mich aufgerüttelt und aufgeweckt , hätte er irgend etwas Bestimmtes , Schweres von mir verlangt , so mögte ich zur Besinnung gekommen sein und mich ermannt haben . Jezt fühlte ich mich beständig wie in einer grauen Dämmerung , die man verschlafen und verträumen müsse . Die Spiegelbilder meiner Träume waren dann einzelne Handlungen , die ich unsinnig nennen muß , weil sie das Gleichgewicht meiner Verhältnisse störten - wie meine kolossale Wolthätigkeit und meine Liebhaberei für Wasserfahrten im großen Styl das ganz natürlich mit sich brachten . Für die Welt mit ihren Freuden und Genüssen war ich gleichgültig . Die fürchterliche Oberflächlichkeit ihres Lobes , ihres Tadels , ihres Beifalls , ihres Urtheils überhaupt , widerte mich an . » Armer Graf ! sagte ich einmal zu Otbert , der mit trivialen Lobeserhebungen überschüttet worden war ; - wie bewundere ich Sie daß Sie nicht gähnen . « » Gähnen wenn man mir angenehme Sachen mit freundlichem Lächeln und holdem Blick sagt ? - wie unnatürlich wäre das ! Kann ich denn etwas Anderes wünschen als die Seelen zu erfreuen ? und wenn die Lippen stumm für mich bleiben , wie soll ich erfahren ob es mir gelungen ist ? « » Das muß Ihr Genius Ihnen sagen . « » Gnädigste Frau , mein Genius thut genug für mich indem er mir meine Poesien zuflüstert . Sie hinterdrein auch noch zu loben ist nicht mehr sein Fach ; - das überläßt er Anderen und ich habe dies Lob von Anderen nöthig - nicht um zu dichten , aber um mich dieser Gabe mit Freude hinzugeben . Empfindungen zu wecken , Gedanken anzuregen ist mein Streben : Lob und Dank sind mir Bürgschaft des Gelingens . « » Ja , wenn ein würdiger Areopag sie Ihnen darbrächte ! aber diese Leute - was wissen die von Poesie ! « » Und was wissen Sie mehr von ihr ? « fragte Astrau höchst ungeduldig . » Ich weiß daß Poesie ein Dreiklang ist , dessen Töne Liebe , Sehnsucht und Gebet heißen . « » Sie wissen himmlische Geheimnisse , nahm Astrau nach einer langen Pause das Wort , aber von Liebe - wissen Sie nichts . « » Das ist eine Phrase welche die Frau oft hört . « » Nicht oft .... denn die eigentliche Wissenschaft der Frau ist die Liebe . « » Und dennoch oft ! .... und zwar immer wenn ein Mann ihr seine Liebe eingestehen oder die ihre begehren mögte . « » Das glauben Sie von mir ? « rief Otbert starr vor Erstaunen sich in dieser keimenden Richtung schon errathen zu sehen . Aber ich hatte nur instinctmäßig gesprochen . Ich entgegnete : » Von Ihnen glaube ich nichts , denn ich glaube überhaupt nicht an Sie . Was ich sagte war nur eine allgemeine Bemerkung , die sich auf Erfahrung stützt . « » Sehen Sie mich einmal an ! « rief Astrau , setzte sich plötzlich zu mir auf die Causeuse , nahm meine Hand und fixirte mich scharf . Ich ertrug das höchst gelassen und nach einer Weile sprach er : » Wie kann man so unglaublich schön und zugleich so unglaublich nichtssagend aussehen ! « » Wenn ich nichts zu sagen habe muß ich wol nichtssagend aussehen . « » Aber was sind Sie denn für ein merkwürdiges seltsames Geschöpf , daß man Sie gar nicht necken , verwirren und ärgern kann ! Sie sehen aus wie ein engelhaftes Kind und sprechen wie eine fünfzigjährige Frau ! Sie kennen nichts und wissen Alles ! Sie lassen Ihre Gestalt zwischen uns auf der Erde umherwandeln und Ihre Seele macht während der Zeit Peregrinationen durch andre Welten ! Sie müssen sich sammeln , denn dies ist ein ganz unnatürlicher Zustand ! Sie müssen sich auf einen Punkt zu concentriren suchen « .... - - - » Richtig ! unterbrach ich ihn , dieser eine Punkt ist ja eben das unbekannte Gut . « » Suchten Sie es schon ? und wo suchten Sie es ? « » In einer Höhe und in einer Tiefe die mir Beide unzugänglich zu sein scheinen . « » Suchen Sie es doch vor sich ! « Ich blickte starr gradeaus und sagte : » Da ist es nicht ! da gewahre ich immer das Ende , entweder im Leben oder im Tode . « Astrau schüttelte ein wenig meinen Arm . » Sibylle wach auf ! sprach er ; so werde ich ein Gedicht für Sie machen . « » Das thun Sie , lieber Graf ! « » O , Sie sind ein verschrobenes Geschöpf , das mir fast Grauen einflößt , sagte er unmuthig . Sein Sie doch jung , fröhlich , genußbegierig , glücksdurstig . Sie verlieren ja Ihr Leben und das ist Schade für Sie und für Andere . Nach dreißig Jahren dürfen Sie denken und träumen ; bis dahin müssen Sie leben . « » Leben ? das heißt das unbekannte Gut finden , den Punkt in welchem sich das Wesen für die Ewigkeit sammelt und ruht ; - denn Leben heißt doch ein ewiges Sein - nicht wahr ? « » Wir wollen uns mit dem Leben beschäftigen welches der Endlichkeit angehört , sagte Otbert und als Paul eintrat rief er ihm zu indem er auf mich deutete : » Diese Richtung ist doch allzu transcendental . « Paul und ich wir lächelten Beide ; aber von dem Augenblick an beschloß Otbert mich zu gewinnen . Nicht daß ihm eine gemeine Verführung in den Sinn gekommen wäre ! solch leichtes Glück lockte ihn nicht ; aber ich sollte ihn lieben . Die Liebe zu ihm sollte die Morgensonne sein die mich aus dem Schlaf meines Herzens weckte ; - aus ihrer unentwickelten Existenz wollte er meine Seele erlösen und die grüne Knospe an das Licht bringen damit sie sich in holden Farben entfalte . Wie jene durch Liebe beseelte Statue an ihrem Bildner hing , so sollte ich an ihm hängen und durch diese Liebe mich selbst und das Leben und das Glück verstehen lernen . Er dichtete sich ein Poëm zurecht und beschloß dasselbe zuerst zu leben und später etwa als Stoff oder Sporn zu Gedichten zu benutzen . Er wurde immer allmälig wärmer , wenn er sich auf den Wellen der Poesie schaukelte ; und so wurde er denn auch nach und nach so warm in dieser poetischen Phase , daß er sich bis zur Glut steigerte , gänzlich vergaß daß er sich in dieselbe hineingearbeitet hatte und von der Aufrichtigkeit seiner Liebe überzeugt war . Er glich jenen wunderbaren Schauspielern welche auf der Bühne dasjenige wirklich empfinden , was sie darstellen sollen , so daß ihre Thränen , ihre Leidenschaft , ihr Schmerz keinesweges erkünstelt oder gar erheuchelt zu nennen , und daher von wundersam hinreißender Wirkung sind . Man konnte Otbert nicht Lügner , Heuchler oder Betrüger nennen , wenn er nach erreichtem Zweck plötzlich gleichgültig ward , oder sich und sein Streben ironisirte , oder erschöpft sich selbst wie ein Maskenkleid fallen ließ . Es war in ihm eine unbewußte Verachtung der Wahrhaftigkeit , die ihn antrieb sein Wesen in immer neue Gestaltungen umzuformen . Statt in den Schöpfungen seines Geistes zu leben , wollte er stets von Neuem sich selbst gleichsam erschaffen fühlen . Fest glaubte er an die Metempsychose und schmachtete danach sie schon bei lebendigem Leibe an sich zu erfahren . Daher sein wahnsinniger Durst nach An- und Aufregung . » Dann kommt ein neuer Geist über mich , « pflegte er zu sagen . Hätte sein Character seinem Talent das Gleichgewicht gehalten , so wäre er ein großer Dichter geworden ; bei seinem Mangel an Wahrheitsdurst , an Ernst , Tiefe und Würde fehlte ihm natürlich der Glaube an sich selbst . Man muß sich berufen fühlen um berufen zu werden . Wen dies Gefühl nicht umpanzert , der hält die Hammerschläge nicht aus , welche das Schicksal auf das Genie führt um das Götterbild aus dem Marmorblock zu schälen . Otbert konnte sich jenen Glauben vorspiegeln , allein er vermogte nicht ihn festzuhalten : deshalb war er eitel , nach Beifall lechzend ; und mit einer Offenheit die etwas Kindliches und Rührendes haben konnte , gestand er selbst diese Schwäche ein . Schmeichelei that ihm wol . Kleine Seelen schmeicheln gern ; sie meinen von dem Nimbus welchen sie um eine ausgezeichnete Persönlichkeit verbreiten helfen , falle doch wol ein Stral auf die ihre herab , so litt Otbert nicht Mangel an Schmeichelei , doch sie befriedigte ihn nicht . Daher waren ihm Emotionen ein Bedürfniß , denn sie betäubten ihn wie Opiumrausch gegen eine unabweisliche innere Leere , die er sich bei all seinem Talent und Verstand nicht ableugnen konnte . Dieser Punkt war derjenige auf welchem wir uns begegneten - nur mit dem Unterschied daß er diese Leere um jeden Preis auszufüllen und auszuschmücken versuchte und daß es mir graute und ekelte die Lücke in mir mit Phantomen zu schließen , - - die Urbilder hielten mir ja nicht Farbe ! In Thränen aufgelöst kam eines Tages Arabella zu mir , überhäufte mich mit Vorwürfen und nannte mich eine falsche Freundin , die ihr Otberts Herz entwende . » Erstens ists fraglich ob Astrau ein Herz hat , entgegnete ich gleichmüthig ; doch habe er es und es sei Dir gegönnt ! - Du weißt , Arabella , ich liebe nicht die Sorte von Liebe die in der Gesellschaft Mode ist . « » Aber er liebt Dich - kannst Du ' s leugnen ? « » Nennst Du Liebe daß er fünf Mal in der Woche bei mir speist ? « » Er kommt am Morgen , er kommt am Abend , Ihr seid den halben Tag beisammen und häufig allein .... und Du solltest ihm gleichgültig sein ? « » Gleichgültig bin ich ihm nicht ! ich bin für ihn ein Buch mit sieben Siegeln das er enträthseln mögte . « » Um diese Mystik schwebt immer Liebe - entweder Liebesahnung oder Liebesbedürfniß .... und das ist sehr lockend . Du bist gefährlich , Sibylle , und es ist glücklich für Dich und Andere daß Du Deine Waffen nicht zu brauchen verstehst . Du könntest Otbert in ewige Fesseln schlagen . « » In ewige ? « fragte ich zweifelnd . » Ja ja ! in ewige ! wiederholte sie eifrig . Grade dadurch daß Du so verhängniß- und verheißungsvoll aussiehst und Dich nicht zur Gewährung herablassen kannst . « Sie sprach noch lange .... ich hörte nichts mehr . Das Wort » ewige Fesseln , « hatte Wurzel in mir gefaßt . Es warf einen Zauber über die Zukunft . Wie ein Glanzmeer breitete sie sich vor mir aus und ich starrte geblendet in sie hinein . Als ich Otbert wiedersah kam er mir verändert vor . Nicht er war es , sondern ich . Mein Auge war bestochen durch die Vorstellung dieser rastlosen umherschweifenden Seele ewige Fesseln anlegen zu können . Er bemerkte natürlich meine Veränderung auf der Stelle . Es war auf einem großen Rout . Die Menschenmasse stand wie eine Mauer . Ich lehnte am Kamin um wenigstens den Rücken frei zu haben ; Paul sprach angelegentlich mit der östreichischen Botschafterin die ihn sehr auszeichnete . Otbert fand Mittel vom andern Ende des Saales zu mir zu dringen . » Mirakel ! « sagte ich als er neben mir stand . » Kein Mirakel .... schwarze Kunst hat mir geholfen , « sagte er mit leichter Handbewegung gegen mich . Ich trug ein Kleid von schwarzen Spitzen über rosenfarbenem Tafft und einen Kranz von schwarzen Sammetrosen mit Laubwerk von rosenfarbenem Atlas um die Stirn geschlungen . Das Haar fiel in schweren Locken zu beiden Seiten lang herab . Lawrence malte mich in diesem etwas phantastischen Anzug , der ebensoviel Furore machte als das Gemälde selbst . » Die Wunder des lieben Gottes heißen Mirakel und die der Menschen schwarze Kunst . Ihn betet man dafür an und unsereins wagt den Scheiterhaufen . Ist das gerecht ? « » Indessen ist doch zu bemerken , erwiderte Astrau trocken , daß diese Scheiterhaufen nicht für den errichtet werden der schwarze Kunst treibt , sondern von ihm . « » Nun dann gerathen Beide in die Flammen und haben ihren Lohn dahin : der Schwarzkünstler für seine Vermessenheit und der Wundersüchtige für seine Neugier , « antwortete ich munter und in heiterm Ton scherzten wir fort . Da streifte Arabella an uns vorüber . Ihr vorwurfsvoller Blick machte mich traurig und ich wurde einsylbig . » Wie Sie ungleicher Laune sind ! rief Otbert unmuthig ; ein Nichts stimmt Sie um ! mitten im Scherz verfallen Sie in Grübeleien , und plötzlich fahren Sie aus denselben mit einem Scherz empor . Es ist gar nicht mit Ihnen zu leben , und doch hat man unwiderstehliche Lust dazu . Ihr Gemal muß übermenschliche Geduld besitzen . « » Das ist wahr ! « bekräftigte ich aus voller Seele . » Ich habe gar keine mit Weiberlaunen . « » Ihre dereinstige Frau wird sie Ihnen schon beibringen ! « sagte ich zuversichtlich . » Ihre Naivetät versöhnt mich immer wieder mit Ihnen , erwiderte Otbert lachend . Halten Sie es denn für möglich , daß der Dichter auch Gatte und Familienvater sein könne ? « » Aufrichtig gestanden - nein ! - Aber Sie sind kein Dichter - Sie dichten nur . « » Ich bin nun einmal an die bittersten Wahrheiten aus Ihrem holden Munde gewöhnt , sprach Otbert gutmüthig ; aber sagen Sie mir doch weshalb behandeln Sie mich härter als alle unsre deutschen Recensenten thun ? « » Car tel est notre plaisir , lieber Graf , « entgegnete ich und besah meinen Fächer . » Sie sind eine Erz-Kokette ! « » Beruhigt Sie dieser Glaube ? « » Ich bedarf keiner Beruhigung , denn Ihre im steten Halbschlaf gesprochenen Worte können mich nicht erzürnen . « Er war aber doch erzürnt , denn er fand mich nicht so einfältig wie er vorgab , und es reizte ihn heftig daß ich ihm weder Bewunderung noch Theilnahme aussprechen wollte . » Und weshalb , fuhr er fast heftig fort , haben Sie mich vorhin ganz freundlich angesehen , wenn Sie doch nur in Ihrer kleinen falschen Seele darauf sinnen mich zu kränken ? « Ich brach in helles Gelächter aus . » Nun muß ich mir auch noch gefallen lassen von einem Kinde ausgelacht zu werden ! « sagte Otbert selbst lachend und mit einer Harmlosigkeit die ihm sehr gut stand . Es war etwas das uns zu einanderzog , und sich in Scherz und Neckerei als in das unverfänglichste Gewand kleidete . Gegen das Ende der Season fragte er mich : » Würden Sie es ungern sehen , wenn ich Ihr Reisegefährte bis Barcelona würde ? Ihr Gemal und ich haben heute beim Spazierritt diesen Plan ausgesponnen . Sie haben eine unbenutzte Cabine in Ihrer Yacht - was meinen Sie dazu ? « » Daß es ein hübscher Plan ist ! nun werden wir uns genau kennen lernen . « » Immer wissen , immer auf den Grund gehen - wie unnütz das ist ! ich freue mich auf die schöne Meerfahrt , und die angenehme Gesellschaft - Sie hoffen durch irgend ein Guckfensterchen irgend einen Abgrund in meiner Seele zu erspähen . Kann Ihnen das wirklich Freude machen ? « » Die allergrößte ! rief ich . Wissen wie es in den Menschenseelen - besonders in den reichbegabten - hergeht , welche Keime Blüten treiben , welche Gebilde Form finden , wie die Intelligenz arbeitet , wie Leidenschaft und Wille ihre Kämpfe haben , wie heimliche Vulkane und Erdbeben sich austoben , was sie zerstören , befruchten , erzeugen - o Gott ja ! das in Bildern vorüberziehen zu sehen ist mir eine Wonne . « » Gnädige Frau , diese zersetzende Beobachtung macht nicht glücklich . Lassen Sie doch Ihrer Jugend das Vorrecht derselben : heitern Genuß der Erscheinung wie sie sich darbietet - ohne Kritik . « » Ich habe nun einmal nicht die Gabe der Besinnungslosigkeit ! « unterbrach ich ihn . » Leider ! fuhr er fort ; contemplativ und reflectirend wie Sie durch Natur , Erziehung und Gewohnheit geworden sind , gönnen Sie dem Zweifel zu viel Spielraum , und der macht so müde . « » Mit allen meinen Gefühlen habe ich Schiffbruch gelitten ! rief ich bitter , wie sollte ich nicht an Ihnen zweifeln ! « » Die Macht des Gefühls haben Sie bis jezt noch nicht gekannt , gnädige Frau ; vielleicht nur dessen Ueberfülle , wilde Ranken , doppelte Blüten ; - das Alles muß geknickt werden damit jene Platz finde . « Diese Worte ermuthigten mich unsäglich . Ich wurde heitrer als ich je gewesen . Paul fragte mich seinerseits ob Otberts Begleitung mir nicht lästig sein würde . Ich versicherte das Gegentheil und fügte hinzu : » Es ist mir sehr lieb daß ich auf unsrer Yacht gastfreundliche Rücksichten zu nehmen habe , denn wenn wir Beide allein sind , Paul , so sind doch alle Rücksichten für mich . « » Nun , Astrau wird sie nicht mißbrauchen , entgegnete Paul , es ist so leicht und bequem mit ihm zu leben wie mit wenigen Männern , und es freut mich recht daß Du Dein Vorurtheil gegen ihn hast fahren lassen . « » Ich habe nie ein Vorurtheil gegen ihn gehabt ! versicherte ich ; sein Benehmen im Salon zwischen den Frauen gefiel mir nicht und gefällt mir noch jezt nicht . In der Intimität ist er jedoch weit angenehmer - das finde ich seitdem ich ihn von dieser Seite kennen gelernt ; allein Du wirst doch auch eingestehen müssen , daß der Zauber des Genius ihn nicht umgiebt . « » Ich glaube überhaupt nicht , liebe Sibylle , daß der Zauber des Genius sich auf die persönliche Erscheinung eines Künstlers und Dichters erstreckt : aus seinen Schöpfungen spricht er uns an . Große Künstler sind oft einsylbige , unbeholfene , in sich versunkene , schweigsame , langweilige Leute - was geht uns das an ? wir haben nur mit ihren Kunstschöpfungen zu thun . Ich finde es eine übertriebene Anfoderung daß sie noch ganz besonders liebenswürdig sich geberden sollen ! Die Liebenswürdigkeit erheischt wiederum ihr eigenes und ganz specielles Genie . Indessen mag es Ausnahmen geben . « » Aber weshalb stellt man den Menschen in die Glorie welche dem Künstler gebührt ? « » Weil man unersättlich ist und dadurch das klare Urtheil verliert . Einer meiner Freunde verlor augenblicklich seine Passion für eine wunderschöne Figurantin der großen Oper , als er das arme Ding einmal mit schwarzwollnen Strümpfen und derben Lederschuhen durch den Straßenschmutz gehen sah . Sein ästhetisches Gefühl empörte sich diese Nymphe , Elfe und Najade in so gemeinem Aufzug erscheinen zu sehen . Und so geht es uns Allen häufig . Die prosaische Wirklichkeit wirft einen Schatten auf die poetische Gestalt ; wir können ihn nicht leugnen und mögen ihn nicht dulden - das macht uns ärgerlich und ungerecht , und Dir ist es mit Astrau nicht anders ergangen . « Ich mußte das eingestehen . - Wir traten sehr munter unsre Reise an . Jeder von uns hatte seine kleine Cabine , die ihm zum Schlaf- und Toilettenzimmer diente . Im Eßzimmer waren Waffen an den Wänden aufgehängt ; im Salon befand sich eine kleine Bibliothek und ein Pianino . Keiner von uns litt durch die Seekrankheit , Keiner fürchtete sich vor Stürmen , Keiner langweilte sich . Wir machten Musik , sangen , lasen , Otbert schrieb viel ; zuweilen mußte der Schiffskapitän sich zu den beiden Herren gesellen um eine Whistpartie zu machen . Ich lag meistens bei gutem Wetter in meiner Hängematte auf dem Verdeck . In träumerischer Seligkeit lag ich da .... und phantasirte wenn das schlanke Schiff mit ausgespannten Segeln pfeilgeschwind über die blauen Wellen flog . An die geflügelten Chimären die ich auf pompejanischen Wandgemälden gesehen , dachte ich : sie tragen ein Weib auf ihrem Rücken - wohin ? Ich schloß die Augen . Unbestimmter bläulicher Glanz flimmerte vor meinen Wimpern ; war es der Aether ? waren es die Wellen ? ging es in die Höhe oder in die Tiefe , in den Himmel oder in den Abgrund ? .... und war es mir nicht ganz , ganz gleichgültig , wenn mich nur - meine Chimäre trug ! - Und an die abendlichen Schlittschuhfahrten meiner Kindheit dachte ich , wie so anders die waren ! harter Himmel , starres Eis , schneidende Luft - lauter Gegensätze zur süßen südlichen Lauheit und Beweglichkeit ; und doch so viel Aehnlichkeit ! dies Fessellose , Fliegende , Fortreißende ! auch damals war ich ja nicht auf der Erde und versetzte mich in Regionen , welche der menschliche Fuß nicht betreten kann . - Ich rauchte in meiner Hängematte spanische Cigaritos , oder summte spanische Melodien die ich mit dem Gerassel der Castagnetten und mit dem eintönigen fronfron der Guitarre , wie die Spanier sie spielen , begleitete . Bei dem Allen aber schlief das Herz und nur die Phantasie wachte . Otbert betrachtete mich kopfschüttelnd . Das Gegentheil hatte er gehoft , gewünscht und geglaubt . Er behauptete ich besitze die Gaben , welche zur höchsten Vervollkommnung befähigten , allein sie wären so wunderlich gemischt , daß immer die eine der andern im Wege wäre - weshalb ich denn auch eines der unvollkommensten Geschöpfe auf der Welt sei . » Sie werden erst dann zur Besinnung und durch sie zur Energie kommen , sagte er einst , wenn Ihnen das Herz brechen wird . « » So möge es geschehen ! « entgegnete ich . » Frevle nicht , Sibylle ! rief Paul und sprach zu Astrau . Mißgönne ihr doch nicht ihre zarte Unerfahrenheit ! es ist so selten und so schön wenn das Weib sie hat . « » Ja wol ! dann müssen aber auch die Gedanken unerfahren sein - und hier haben sie schon Kämpfe , Zweifel und Enttäuschungen durchgemacht . « Dies war so richtig daß mir Thränen aus den Augen stürzten . Paul beachtete es nicht . » Wer im Strudel der Welt den Kopf oben behalten will muß manche Illusionen aufgeben , entgegnete er , und man wird sich deshalb nicht tiefunglücklich fühlen . Aber die herzbrechenden Geschicke sollte man nicht herausfodern und nicht wünschen ! bilden sie den Menschen , so zerstören sie ihn auch eben so oft und eben so leicht . « Ich umarmte Paul und sagte : » Ich danke Dir für Deine grenzenlose Nachsicht . « Astrau sagte : » Und ich tadle Dich deshalb ! Ja ja , holdeste Sibylle , ich tadle Ihren Gemal . Wozu denn die ewigen Schlummerlieder ? ein Wächterruf von der Zinne wäre Ihnen heilsamer . « Mir schien als habe Astrau Recht . Mir war zu Sinn als müsse ich mich in seine Arme werfen und ihn fragen : » Kannst Du mich wecken ? « Unsre Reise ging glücklich von Statten . In den Hafenstädten machten wir nach Gutdünken längeren Aufenthalt , und zuweilen Excursionen tiefer ins Land hinein . Bordeaux war unsre erste Station ; dann Lissabon . Andalusien fesselte uns mehr als alles Uebrige . Land , Volk , Leben , Kunst - trugen damals noch ein Gepräge von Originalität , welches bereits im übrigen Europa verwischt war , und es gegenwärtig auch dort sein mag . Astrau war ganz hingerissen . » Andalusien ist ein Land für den Dichter ! rief er oftmals ; da ist Leidenschaft - folglich Wahrheit und Natur , und das sind die Urelemente der Schöpfung , denen er sich nähern soll . « Er und Paul lernten in der größten Geschwindigkeit genug spanisch um den Frauen sagen zu können - was sie gern hören , und zum ersten Mal in meinem Leben fand ich mich - vernachlässigt ! so weit es mit allem Anstand und aller Rücksicht möglich war - vernachlässigt ! Das kränkte mich über alle Maßen , ich kann nicht entscheiden ob mehr von Paul oder mehr von Astrau . Letzteren sah ich in Cadiz fast gar nicht . Wir wohnten und schliefen an Bord , und fuhren Morgens zur Stadt und Abends zur Yacht zurück . Astrau aber nahm eine Wohnung in der Stadt ; Paul war fast immer bei und mit ihm . Da es in Cadiz nicht viel Sehenswürdigkeiten giebt , mogte ich nach einigen Tagen nicht mehr hereinfahren , und da wir vierzehn Tage dort blieben war ich fast beständig allein . Mich ergriff zuweilen eine ganz kindische Ungeduld . Unbeschäftigt wie ich war , arbeitete ich mich innerlich desto mehr ab ; ich wollte durchaus etwas ersinnen um mein Leben voll , glänzend und reich zu machen ! aber das hat noch Niemand ersonnen , denn nur Genie und Schicksal geben Fülle und Glanz