durch den Becherklang . Hoch war die Halle gerade nicht , und auch nicht gewölbt . Die Balken angerußt vom Rauch , wenn er aus dem Kamin zurückschlug , drückten wie braune Rippen über den Köpfen , und was von Schnitzwerk ehemals daran gewesen , davon war nicht mehr viel zu sehen ; und wo die Schnörkel und Spitzen noch hielten , hatte man sie benutzt , wie man mit Wandnägeln thut . Da hing ein Schild , ein Harnisch , ein Helm , auch wohl ein Kessel , oder gar ein Schinken daran . Der Boden war festgestampfter Lehm und die Tische und Bänke von solchem Kerneichenholze , daß es dem Zimmermann Schade gedünkt , viel mit Hobel und Meißel daran zu schnitzen und zu glätten . Eine Schwelle nur und eine Thür schied die Halle vom Hofe . Wenn die Thür aufging , drang Regen und Wind ein ; darum that man sie lieber nicht zu , wenn es nicht zu arg stürmte und stiebte . Und das kam dem Feuer im Kamine zu gut ; denn wenn der Rauch , der seine Launen in alten Häusern hat , nicht hinaus wollte , wo er hinaus soll , und lieber im Saal bleiben mochte , zwang ihn die Zugluft , daß er prasselnd durch den Schlott fuhr . Und für den Schornstein war es auch gut , daß die Flammen nicht zu lange darin spielten und weilten , denn er war von Holz ; zwar waren ' s junge Eichenstämme , mit Weidenruthen durchflochten und mit Lehm gefüttert ; aber wenn das Feuer nicht durch wollte , fingen die Wände doch auch an zu sengen , und wenn die Frau es merkte , mußte ein Knecht auf ' s Dach und einen Eimer Wasser hinuntergießen . Schadete gar nichts ; der Rauchfang stand schon über hundert Jahre und noch mehr konnte er stehen , wenn nur immer Einer da war mit einem Eimer Wasser . Zwar das Feuer ging dann aus , aber Holz war immer da . Holz und Luft war der Reichthum unserer Väter , und an beiden war auch im Saal der Bredows auf Hohen-Ziatz ein Ueberfluß . Die Luft kam wie gesagt durch die Thür und durch den Schlott , aber außerdem auch durch die Treppenmündung aus dem oberen Geschoß . Denn nicht weniger als zwei Treppen führten zu beiden Seiten des Heerdes , den wir eigentlich mit Unrecht Kamin nannten , hinauf , schwer , eckig und fest und mit rothem Schnitzwerk verziert . Und so wenig es an der Treppe , war das Holz an den Wänden gespart , die mit glatten , bunt gestrichenen Bohlen von oben bis unten ausgelegt waren . Wäre der Rauch und das Alter nicht gewesen , hätte man noch die sieben Todsünden daran erkennen und manchen frommen Spruch lesen mögen . Aber das Alter drückte überall auf das Haus und seine Balken , und was ehedem in der Richte war und sich schickte , das war heute nicht mehr in der Richte und schickte sich auch vielleicht nicht mehr . Ehedem , wenn hier der Herr saß und tafelte mit seiner Familie und seinen Knechten , die Herren und die Nächsten ihm oben am Feuer , die Knechte unten an der Thür , ward wohl noch an dem Herde selbst gebraten und gekocht ; jetzt war schon seit zwei Menschenaltern die Küche in ein Seitenhaus gebracht . Nur ein warmes Morgenbier oder eine Ingbersuppe kochte bisweilen die Burgfrau ihrem Eheherrn hier , wenn er über Land ritt und es zu garstig blies . Getafelt ward noch , aber es waren nicht mehr die alten lustigen Zeiten . Herr Gottfried war grämlich , und wenn er lustig ward , dann schickte Frau Brigitte die Knechte hinaus . Die Knechte waren eigentlich froh , wenn sie ihre Schüssel Brei im Stall oder auf dem Hofe verzehren konnten , und die Hausfrau war auch froh , wenn sie früher den Tisch aufbrechen konnte . Sie meinte , was das lange Plaudern thäte . Gescheidtes käme nicht raus . Herr Gottfried Bredow aber meinte , sie hätte Unrecht , denn der Wein sei da , daß er des Menschen Herz erfreue ; mit Andern zusammen trinken , sei eine gute Gewohnheit aus alter Zeit , aber da die gute alte vorüber sei , müsse er sich in die Zeit schicken , wie sie ist , und allenfalls auch allein trinken . Schien es doch , als habe der Wein die Geister diesmal nicht aufgeregt : sie saßen alle da , nicht schläfrig , aber auch nicht lustig um den schon etwas dunklen Tisch . Denn das Feuer auf dem Herd verglimmte , und die Kienfackeln an den Pfeilern hingen mit langen Aschenzöpfen zur Erde gesenkt . Der Zeiger der Thurmuhr hatte neun geschlagen . » Müßte man sich doch grauen zu Bett zu gehen , « sprach Einer . Der Dechant , der eine Weile vor sich sinnend gesessen , räusperte sich : » Mit Nichten , werthe Herren ! Bei den furchtbaren Meteoren sah wohl Keiner recht genau , was ihm und Andern passirte . In solchen Augenblicken des Schreckens und der Verwirrung glaubt der schwache sündige Mensch allerlei außer ihm zu erblicken , was nur in ihm ist . « Ihr Gespräch hatte sich um die kurz erlebten Begebenheiten gedreht : ob der Junker Hans Jochem wirklich verhext gewesen , ob man Hexen im Sturm daher fahren gesehen , und ob der Krämer , wie einige behaupteten , den bösen Blick habe ? Ein halb dunkles Zimmer , in einer einsamen Burg , bei einbrechender Nacht ist nicht geeignet die Gespensterfurcht zu vertreiben . Und doch wollten die , welche vorhin sichtlich dieser Angst erlegen waren , es jetzt am wenigsten haben . Hans Jochem war wieder oben auf und meinte , die Finger wären ihm verklammt gewesen , sonst hätte er das Zeug gleich vom Leib gerissen . Nur Peter Melchior schwor Stein und Bein , daß es nicht mit rechten Dingen zugegangen , wobei er doch auch der Lust nicht widerstand , den Dechanten zu hecheln . Der gab es redlich wieder , was Peter Melchior ihm versetzte , nur daß er nicht wie dieser die Gelegenheit vom Zaun brach , sondern sie im Augenblick faßte , wo sie ihm handrecht entgegen kam . Das Schrauben ist eine uralte Lust bei den Menschen , wenn Mehre bei einander sind , und Einer dünkt sich klüger als der Andere . Nun kömmt ' s aber , daß Einer in dem einen Ding und der Andere im andern sich klüger dünkt ; und wenn sie dann sich Einer den Andern schrauben , giebt das viel Lustigkeit , zuweilen aber auch ein traurig End . Die beiden jungen Vettern hörten vergnügt zu , wie der geistliche Herr und der Junker sich aufzogen , und Hans Jochem gab auch wohl mit sein Wort zu , wo es sich schickte , und wo sich ' s nicht schickte ; nur Hans Jürgen hörte , ohne ein Wort zu sagen , im Winkel zu . Nun war es Allen bekannt , daß der Junker Peter Melchior ein Verschwender war , der das Seine verthan hatte und auch wohl noch verthat , wenn er wieder was fand . Und wenn er nichts hatte , zechte er bei seinen Vettern und Freunden umher . So ward es dem geistlichen Herrn leicht ihm auf die Finger zu klopfen , mit denen er eben seinen Gegner gekitzelt hatte . Und wie der Junker unverdrossen im Angreifen war , so war er dafür gar leicht verdrossen und geschlagen , wenn Einer ihn bei seiner Schwäche stachelte . Da stritten sie , was der Teufel lieber fasse , einen Pfaffen oder einen Junker . Peter Melchior versicherte , Satan wäre nichts lieber , als viel Pfaffen unten in der Hölle . Der Dechant sagte , das glaube er wohl , dann hätten die Junker oben frei Spiel und kämen ihm von selber zugelaufen . Peter Melchior versicherte , dem Gottseibeiuns mache nichts mehr Vergnügen , als wenn er einen dicken Chorherrn bei den Haaren durch die Luft schüttele . » Was hätte er auch zu schütteln bei manchem Junker , « entgegnete der Dechant , » wenn er sie kriegt , ist gemeinhin ihr Bestes schon fort . « Darauf stritten sie , wer den Teufel am besten zu betrügen verstände , und der Dechant schien gar nicht abgeneigt , dem Junker zuzugeben , daß die geistlichen Herren darin noch geschickter wären als die Weiber , denn den Teufel betrügen sei eigentlich keine Sünde . Vielmehr sei es die Aufgabe eines guten Christen , den Teufel um seinen Antheil zu täuschen so gut er könne . Peter Melchior erzählte die Geschichte von dem Abt , der mit dem Teufel um seine Seele gewürfelt . Der Teufel verlor . » Als er nun abzog , lachte er . Und wißt Ihr warum ? In der Tasche hatte er die Seele nicht , aber er hatte sie doch gewonnen . Der Abt hatte mit falschen Würfeln gespielt . Man soll auch nicht den Teufel betrügen . « » Wie war doch die Geschichte mit dem Nippel Bredow ? « sagte der Dechant nach einigem Schweigen , als wisse er auf den Trumpf des Junkers einen Gegentrumpf . Hans Jochem ' s muntere Augen glänzten schalkhaft , er verstand den Blick , den der Dechant ihm zuwarf . » Die weiß ich haarklein und kann sie Euch erzählen . Ihr meint doch den Nippel , der in Saus und Braus lebte , und immer Alles ausgegeben hatte , eh ' er ' s eingenommen . So was kann auch nur in der Heidenzeit geschehen sein , was man davon erzählt . « Aber Alles , was der Schalk erzählte , von den sechs Trompetern , die zu Tische blasen müssen , wie er die Brosamen den Hunden vorwerfen ließ , statt sie den Armen zu geben , wie er dann ein Gut ums andere versetzt , bis er durch die Hinterthür auch aus dem letzten bei Nacht und Nebel ausgeritten , war vielleicht die Geschichte Nippel Bredow ' s , aber gewiß auch die Peter Melchior ' s , nur etwas in ' s Boshafte übersetzt , weshalb man den Junker wohl spottweis den armen Nippel nannte . Der Junker verstand es vollkommen , weshalb er Hans Jochem einen bösen Blick zuwarf . Sie konnten sich beide nie gut leiden . » Und darauf verschrieb sich der arme Nippel dem Teufel , « sagte der Dechant ! » Das pflegt wohl so zu gehen in der Welt , wenn man nicht mehr aus und ein weiß . « » Und Niemand mehr borgen will , « sagte Hans Jochem , » dann borgt der Teufel . « » Erzählt doch weiter , lieber Herr von Bredow ; ich will Euch nachher auch eine Geschichte erzählen , « sagte Peter Melchior , mit anscheinender Ruhe . » Da lebte denn der Nippel wieder groß wie vorher « , fuhr Hans Jochem fort , » bis die Zeit heranrückte , wo der Vertrag zu Ende ging . Er hatte ihm nichts verschrieben für alle die Herrlichkeiten , als seine Seele , weil Nippel gar nichts weiter zu geben hatte . Da wards ihm aber ganz kurios zu Muthe , und sein großes Maul wurde mit einem mal klein . Wenn ' s Abend wurde , graute ihn . Es durfte Niemand von Gespenstern reden , und wenn der Wind Spreu und Lumpen trieb , sah er nichts als Hexen reiten . Nun hatte er einen Schäfer , der war klüger als sein Herr . Der merkte , was ihm war , und Nippel , der keinem Priester beichten durfte , beichtete dem Schäfer . Der Schäfer sann eine Weile nach , und endlich knipste er mit den Fingern und sagte , ich hab ' es ! Muß Euch nicht gnädiger Herr , der Teufel bis auf die letzte Stunde thun , was Ihr verlangt ? - Freilich so ist der Pact . - Nun dann ist Alles gut , sagte der Schäfer . Da gruben sie des Nachts , der Schäfer und sein Herr , beim Dorfe Landin das Loch in den Berg , das noch da ist , und der Berg heißt heut noch der Teufelsberg , aber noch , viel tiefer , so tief , daß gar kein Ende da war . Und darüber stellten sie einen Scheffel , aber so , daß wenn er voll war , schlug er über , und Alles , was drin war , rollte ins Loch . Nächste Nacht nun rief Nippel den Teufel und sagte ihm : Füll ' mir den Scheffel mit Gold . Der Teufel sah ihn verwundert an ; Denkst du Alles noch zu brauchen , dachte der Teufel . O noch viel mehr , dachte Nippel . Und der Teufel ging an die Arbeit . Einen Sack um den andern schmiß er in den Scheffel , um bald fertig zu werden , aber sobald er sich umdrehte , kippte der Scheffel um , und wenn er mit einem neuen Sack wieder kam , war der Scheffel leer und kaum ein paar Goldstücke lagen am Boden . Zuerst merkte er ' s nicht . Nippel hatte ihn vielleicht aus dem Schlaf geweckt , oder der arme Teufel hatte auch einen Schluck über den Durst genommen . Als er ' s aber inne ward , da ward er erst gar hitzig und heulte und warf und schmiß , denn er meinte , jedes Loch müsse doch ein Ende haben . Endlich rief er zornig aus : Nippel , Nappel , Neepel , Wat hest vöörn grooten Scheepel ! und er fragte den Herrn , ob er denn wirklich schütten solle bis er voll sei ? - Eher darfst du nicht ausruhen , antwortete Nippel . Da der arme Teufel nun voraussah , daß er dann bis an ' s Ende der Welt tragen und schütten müßte , und schon ganz außer Athem war , rief er ärgerlich : Hol ' der Teufel nun solchen Vertrag ! und raus zog er das Pergament aus der Brust , zerriß es , schmiß es Nippeln vor die Füße und , den Schweif zwischen den Beinen , flog er wie eine Fledermaus davon . « Der Dechant schielte auf den Junker : » Daß nun dem armen Nippel all sein Witz nichts geholfen hat ! Weil er mit falschem Spiel den Teufel betrog , mußte seine Seele auch ohne Teufel zur Hölle fahren . So meinet Ihr ja wohl ? « » Ich meine , « sagte Peter Melchior , » daß ich dem Junker da auch eine Geschichte erzählen will . - Wißt Ihr , woher die vielen Bredows ins Havelland kommen ? Vor alten Zeiten mal stand es schlecht auf der Welt . Zu unserem Herrgott im Himmel kamen so viele Klagen über die Edelleute von damals : sie scharrten zusammen und gäben nichts wieder aus . Wenn einer zu seinen Freunden käme , dem ' s mal schlimm ginge , da zuckten sie die Achseln , klammten die Hände zusammen und verredeten ihn gar noch . Da sprach unser Herrgott ärgerlich zum Teufel : Dazu hab ' ich die Edelleute gemacht , daß sie ausgeben sollen , was sie einnehmen ; er solle mal Musterung halten , und wenn ' s so wäre , die Knauser und Filze gleich mitnehmen . Also mein Teufel nimmt einen großen Sack und fliegt durch die Länder und mustert . Da hatte er bald eine Ernte gemacht , und der Sack war schon übervoll , als er zur Hölle fuhr . Aber weil der Sack so schwer war , mußte er niedrig auf der Erde fliegen , und so ging ' s über die Mark Brandenburg weg . Aber gerade über Stadt Friesack wird ihm der Arm so schwer , daß er den Sack etwas sinken läßt , und da streift er mit dem untern Ende an dem Kirchthurm . Der Teufel war auch müde wie der , den Euer Nippel halbirte , denn er merkte es nicht , daß der Sack riß und wohl ein Viertel von seinen Edelleuten raus fiel . Vielleicht hat er ' s auch gemerkt , aber er dachte , was thut ' s , die Hölle ist doch voll genug . Wie er mit dem Sack schlenkerte , da fiel der erste in Friesack nieder , was davon seinen Namen hat , daß hier der Sack frei wurde . Das sind die Bredows auf Friesack . Der sagte nun zum zweiten , der nach ihm fiel , daß er weiter hin gehen sollte , er wolle Friesack für sich allein behalten . Besser hin ! ( Beß hin ) rief er ihm zu , bis er weit genug war und sitzen blieb . Davon heißen die Bredows noch die auf Peßin . Den Dritten , der gern mochte bei ihnen sitzen bleiben am großen Luch , wiesen sie auch fort , landeinwärts : Land in ! riefen sie ihm zu , davon heißt sein Dorf Landin . Der vierte ging denselben Weg lang , und wo er sich niederließ , heißt noch Selvelang . Der fünfte ging rechts zu , ( rechts to ) , und jedes Kind weiß , daß die Bredows in Retzow sitzen . So sind also die Bredows des Teufels Bescheerung im Havelland . - Der sechste , als er aus dem Sack fiel , stieß mit der Stirn grad an ein Brett . Da rief er : O ! Davon heißt er Bredow . Junker Hans Jochem , wenn ich recht gehört , war das Euer Urgroßvater . Nehmt Euch in Acht , daß ihr mit Eurem Witz nicht an ein Brett stoßt , denn das Brett stößt wieder . Dem Brett thut ' s nicht weh , sondern Euch , und wenn Ihr sie lachen hört , lachen sie nicht das Brett aus , sondern Euch . « Peter Melchior war aufgestanden , und den Hut aufgestülpt , legte er die Hand dem Junker auf die Schulter , wie Einer , der mit sich zufrieden ist . » Für heute gute Nacht ! « sprach er . Aber als er hinaus wollte , war Hans Jürgen von der Bank aufgestanden und vertrat ihm den Weg . » Ich heiß ' auch Bredow , Herr von Krauchwitz , Hans Jürgen Bredow aus Selbelang bin ich , vom Havelland . « » Wahrhaftig ! Du bist Deines Vaters Sohn . « Hans Jürgen ward über und über roth : » So Einer auf meine Sippschaft losziehen thut , und die Andern , die reden sollten , das Maul zuthun - « » Sperrst Du ' s auf ! Nimm Dich in Acht ; es fliegen keine gebratene Tauben ' nein . « Hans Jürgen ballte die Hand : » Ich frag nicht viel , wer vor mir steht . « » Du bist Hans Jürgen . « Damit ging er an ihm vorüber , und seine Sporen klirrten , als um Hansen zu bedeuten , daß er noch keine habe . Alle lachten , auch Hans Jochem , der noch eben verdrießlich schaute . » Hans Jürgen , Du bist nicht zum Ritter gemacht , « sprach die Edelfrau , die durchging nach der Thür draußen , da es im Hofe laut ward und der Thürmer blies . Die Andern folgten ihr . » Warum denn nicht ! « brummte Hans Jürgen . » Er hat meinen Vater seliger schlecht geredet . « Sechstes Kapitel . Der späte Gast . Die Hunde klafften und der Thürmer stieß ins Horn . Ein einzelner Reiter hielt vor der Zugbrücke . Kaum daß er den Namen genannt , als man sich fast übereilte das Gatter aufzuziehen und die Zugbrücke niederzulassen , derweil Andere ins Herrenhaus liefen , den unerwarteten , seltenen und wie es schien , vornehmen Gast anzumelden . Die brennenden Kienspähne beleuchteten eine nicht unedle , hohe ritterliche Gestalt . Auf einem schönen Rappen ritt er jetzt , etwas gebückt , durchs Thor . Dem Reiter und seinem Thiere sah man es an , daß Wald und Nacht für gewöhnlich nicht ihr Nachtquartier waren , daß der Reiter auch gewohnt sein mochte in stolzeren Schlössern einzureiten und sein Roß in besseren Ställen zu nächtigen . Sichtlich hatten beide mit Wind und Wetter zu kämpfen gehabt , und es brauchte kaum beim Willkomm ausgesprochen zu werden , daß er verirrt war und Sturm und Nacht ihn in diese abgelegene Burg verschlagen hatten . Als ihn die Burgfrau sah , kannte man kaum Brigitten von vorhin wieder . So verwundert war sie , so tief neigte sie sich vor dem Herrn , und in einem ganz anderen Tone sprach sie : » Gottes Wunder , Herr von Lindenberg , wie kommen wir zu der Ehre ? « » Alle Heiligen mit Euch , liebe Base , daß weiß ich selbst nicht . « » Und ganz allein ? « » Mutterseelenallein . Wenn der Teufel die Andern nicht holt , so thut ' s der Sturm und das Wetter . « » Und Seine - « der Ritter errieth das Wort , das auf den Lippen der Edelfrau erstarb . » Der Himmel und der heilige Johannes wird Seine kurfürstlichen Gnaden , hoffe ich , besser nach Berlin bringen , als mein Gaul mich durch die Heiden und Sümpfe der Zauche hierher jagte . Ihr seht , ich bin verwirrt . Auf der Jagd war ich in der Belziger Forst mit dem Kurfürsten . Zur Jagd kann ich nicht zurück , denn die Jagd ist aus . Zum Kurfürsten kann ich auch nicht , denn da dies Haus , wie ich mit Vergnügen sehe , Hohen-Ziatz ist , bin ich ganz aus der Richte gekommen und mein Herr ist , aller Vermuthung nach schon über den Teltow nach Berlin geritten . Ich muß den nächsten Weg wählen über Potsdam . Da aber weder ich dazu Lust , noch mein Pferd die Kräfte hat sogleich aufzubrechen - auch meine liebe Base ein so freundlich Gesicht macht , muß ich es schon vorziehn , ihre Gastfreundschaft auf ein Paar Stunden anzusprechen . « » Konrad , Ruprecht ! Ihr seid recht müde ! Ach und Euer Roß , was ist ' s im Schweiß ! « Konrad und Ruprecht griffen ihr zu ungeschickt zu . Die Edelfrau stieß Hans Jürgen heran , daß er dem edlen Gast die Steigbügel halte , was in der That nöthig schien , denn als er vorhin den Versuch machte am Prallstein abzusteigen , war das Thier störrig oder dem Reiter versagten nach dem langen Ritte die Kräfte . Auf Hans Jürgens Schulter sich stützend , schwang er sich aber jetzt mit ritterlichem Anstand auf die Erde . Der Fackelschein fiel gerade auf Hans Jürgens gar nicht vergnügtes Gesicht , weil er zu einem Dienst gezwungen war , der ihm für eines Ritters Sohn und noch dazu gegen einen Hofmann , nicht sehr ehrbar schien . Der Ritter sah ihn flüchtig , aber scharf an . » Ei welchen vornehmen Dienstmann meine Base die Güte hat , mir zu bestellen . Der Junker von Selbelang , wenn ich recht sehe . Wie geht es , Herr von Bredow ? « » ' S ist nur Hans Jürgen , « flüsterten die Leute , der vornehme Herr reichte ihm aber doch verbindlich die Hand und neigte sich freundlich zu ihm , ehe er die der Base ergriff und schöne Worte ihr sagte von alter Freundschaft und den guten Zeiten , die gewesen und nicht wieder kämen . Als sie ihn neckisch schalt , daß er so lange schon in Hohen-Ziatz sich nicht blicken lassen , antwortete er , wenn Einer dabei verloren , sei er es . » Ach diese guten , alten Zeiten , als ich noch ein freier Mann war ! « Er seufzte und nun sah er den Junker Peter Melchior . » Welche Freude , einen so alten Freund zu sehen ! « Er ließ es nicht bei einem Händedruck genügen . » Und welche Ueberraschung , auch den würdigen Dechanten von Alt-Brandenburg ! Ist ' s doch fast , als hätten die Hexen mich in ein Zauberschloß geführt , wo ich lauter alte , liebe Bekannte finde . « » Sprecht nicht von Hexen , Herr von Lindenberg , « sagte Peter Melchior . » Mit denen ist nicht zu spaßen . « » Ihr habt recht , « lachte der Gast . » Es wär übel , wenn ich plötzlich erwachte , Alles wäre verschwunden , und ich läge allein im Moor . Aber wo ist unser biederer Wirth ? Ei , wo versteckt sich Herr Gottfried ! « Die Edelfrau schlug die Augen nieder : » Ach Herr von Lindenberg , seit er aus Berlin kam - « Er ließ sie nicht aussprechen : » Richtig , ich entsinne mich , er kommt vom Landtage . « » Und da ist er noch etwas angegriffen . « » Er that dem Landmarschall Bescheid , Base , Bescheid wie ein Edelmann , das kann ich versichern . Ein wackerer Ritter , recht aus der alten Zeit . Will keinen über sich kommen lassen . Man lobte ihn allgemein in Berlin , als er in den Wagen gehoben ward . Der Kurfürst , darf ich Euch vertrauen , war sehr zufrieden , wie er sich beim Landtage benommen . Das ist ein braver Mann , sagten Seine Gnaden , der gehört nicht zu den Stänkerern , die alles besser wissen wollen als ich . « Nach einem langen Ritt durch Nacht und Wald war auch ein Hofmann jener Tage hungrig und durstig ; darum nahm er gern den Arm der Hausfrau , als diese ihn aufforderte , unter ihrem schlechten Dach vorlieb zu nehmen , mit was der Tisch und Keller noch biete . Aber an der Schwelle wandte er sich rasch um : » Mein Pferd ! « » Für das ist gesorgt . « » Nicht wie es sollte ! « Leicht gegen die Edelfrau sich verneigend , sprang er rasch zurück auf den Hof , wo Hans Jürgen , der nur einem Wink seiner Verwandtin , diesmal minder verdrossen , gefolgt war , eben im Begriff stand , den Rappen des Herrn von Lindinberg in den Stall zu führen . » Ihr irrt , Junker Bredow , es ist mein Pferd . « » Weiß wohl ; ich thät ' s in den Stall führen . « » Das ist Knechtes Arbeit , nicht eines Adligen . Ein Edelmann darf nur für sein eigen Roß sorgen . « Ehe er ' s ausgesprochen , hatte er Hans Jürgen den Zügel entnommen , ihn mit einem Wurf und einem herrischen Blick dem nächststehenden Knecht über den Arm geworfen , dem Rappen einen liebkosenden Schlag auf den Hals gegeben , und dann wieder vertraulich die Hand auf Hans Jürgens Schulter gelegt : » Nun Junker von Selbelang , wollen wir miteinander einen Humpen leeren aufs Andenken Eures Vaters . Das war ein lieber Mann , mein Freund , ein wahrer Edelmann , der wußte zu leben . Schade um ihn , daß er so früh das Zeitliche gesegnen mußte . « Die Halle war schnell erhellt von Fackeln und Lichtern . Was hatte die Hausfrau zu sorgen , zu klingeln , rufen , schelten , flüstern , daß ihr Haus Ehre habe vor dem späten Gast . Fast war es zuviel Sorge und Arbeit , noch in die Nacht hinein nach einem Sturm und einer großen Wäsche . Doch der Gast verdiente es . Er war ein Mann etwa in den Vierzigern , hoch und stattlich gewachsen ; im Gesicht den Hofmann und den Ritter nicht verleugnend . Sein Tritt , seine Bewegungen waren sicher und fest , aber dabei fein und geschmeidig ; seine Tracht der Sitte der Zeit , wenigstens in Brandenburg , um etwas vorangeeilt . Das schon besprochene Kleidungsstück , welches damals anfing , so viel Gerede zu machen , würde auch seinem Körper wohl gestanden haben , aber er kam nicht vom Hofgelage , sondern von der Jagd . Ueber den hohen braunen Stiefeln mit Silbersporen , die bis über die Knie reichten , schmiegten sich engere Hosen an den markigen Wuchs , die nur am Leibe , nach der burgundischen Mode , in leichte Puffen ausgingen . Nach derselben Mode war auch sein gesticktes Tuchwams , welches sich in einer Spitze tief zum Nabel senkte und von einem ausgelegten Gurt festgehalten wurde . Daran hing der kürzere Jagddegen , auch ein feines Stück Arbeit . Um den Hals schmiegte sich eine Krause , die den Hofmann , der das Ausland gesehen , deutlicher noch verrieth und selbst den Stürmen des nächtlichen Rittes widerstanden hatte . Seine Stirn war nicht zu hoch , sein Bart nicht zu lang , aber sorgfältig gekräuselt , und die ins Röthliche spielenden Haupthaare waren fast glatt geschnitten . Locken , die in wildes Haar ausarteten und struppige Bärte galten in jener Zeit noch als ein Zeichen männlicher Kraft und adligen Muthes in diesem Lande . Wenn er sich durch diese Kennzeichen merklich von allen hier Anwesenden unterschied , so war er ' s noch weit mehr durch sein einnehmendes Wesen und die feine Art , wie er mit jedem sprach . Wie verbindlich reichte er dem Hans Jochem die Hand , sich entschuldigend , daß er ihn vorhin nicht gleich erkannt . Zur Wirthin redete er so traulich und scherzhaft , wie Einer , der eine Frau , die ihm nicht gleichgültig war , nach langen Jahren wiedersieht , und es tauchen allerhand liebe Erinnerungen auf , so süß und schön , daß beide darüber die Jahre und Runzeln vergessen . Was sie erzählte und erwähnte , wie bald entsann er