sehne mich nach Dir , als ob Du nicht achtzehn Stunden , sondern achtzehn Monate fort wärest . Auch Felix fragt unablässig nach Dir , und daß in der Wirthschaft ohne den Herrn , trotz meiner strengen Aufsicht , Alles verkehrt gehen wird , kannst Du Dir denken . Ich habe nun gesehen , daß Du mich verlassen könntest ; nun Du mir die harte Lehre gegeben hast , wird es wohl für beide Theile genug sein . Ich will vergeben und vergessen , darum komme nur bald zurück . Zugleich könntest Du mir ein Dutzend Handschuhe , halb hell , halb dunkel mitbringen , und der B. sagen , daß ich einen Herbsthut in rosa und einige Hauben spätestens kommende Woche haben muß . Adieu , lieber Alfred ! auf baldige Rückkehr ! Frage doch auch wegen der Ofenschirme nach , von denen wir neulich sprachen , und vergiß meiner nicht in Berlin , sondern denke an Deine treue , Dich liebende Caroline . « Während des Lesens verdüsterte sich Alfred ' s Stirne . Der Brief war ein so treues Bild von Carolinen ' s unliebenswürdiger Weise , von der Unbildung ihres Geistes und Herzens , daß er ihn nicht zu Ende zu lesen vermochte . Er warf ihn verdrießlich auf den Schreibtisch , ging heftig im Zimmer umher und setzte sich dann zum Schreiben nieder , tief aufathmend wie Jemand , der an ein schweres Geschäft geht . Er schrieb lange . Es ward spät in der Nacht , und als er geendet hatte und den Brief durchlas , fand er , der das Wort so gewaltig zu brauchen wußte , daß er nichts von alle Dem gesagt hatte , was er sagen wollen . Er wünschte Caroline nicht nur auf eine Trennung , sondern auf eine gänzliche Scheidung vorzubereiten , die ihn nach dem Empfang ihres Briefes nur noch unerläßlicher dünkte , weil er fühlte , daß zwei so verschiedene Naturen sich nie verstehen würden . Aber wo er mit höchster Schonung zu verfahren gewünscht , klangen seine Worte streng ; wo er zart zu sein gestrebt , schien ihm die Wendung kränkend . An andern Stellen fürchtete er , Caroline könne den Wunsch nach neuer Vereinigung darin angedeutet finden , die ganz außer seiner Absicht lag . Er fühlte , daß er in dieser Angelegenheit seine gewohnte Klarheit nicht besitze , daß er nicht Ruhe genug habe , selbst für sich zu handeln , deshalb zerriß er das Geschriebene wieder und seine Hoffnung richtete sich auf den Präsidenten . Er nahm sich vor , sobald als möglich mit diesem Rücksprache zu halten , was er für Caroline thun und wie man es anfangen solle , die schmerzliche Angelegenheit so gelinde als möglich zu behandeln und zu erledigen . VIII Als Alfred an einem der folgenden Abende in das Zimmer des Freundes trat , fand er ihn in Aktenstößen vergraben , mit einem seiner Beamten über eine Rechtsfrage verhandelnd . In dem strengen Ernste des Geschäftsmannes , in der schlagenden Kürze seiner Beweise erkannte man den Lebemann nicht wieder , der so weitläufig über die Bereitung einer Mahlzeit zu sprechen verstand . Er fertigte seinen Untergebenen schnell , aber sehr zuvorkommend ab und wendete sich dann mit freundlicher Begrüßung dem Freunde zu . Dieser erklärte ihm gleich , welche Angelegenheit ihn beschäftige , und bat um den Rath des Präsidenten . Ich dachte , sagte er , als ich von Hause schied , nur an eine Trennung von meiner Frau ; ja , ich war in diesen Tagen schon wieder einer Aussöhnung nicht abgeneigt , denn Du kannst Dir denken , daß ein solcher Entschluß mir hart ankommt . Ein Brief , den ich neulich von ihr erhielt , hat mich indeß in meinen Vorsätzen befestigt . Ich fühle , daß wir uns nie verstehen werden , daß ich in dem ewig schwankenden Zustand nicht leben kann . Ich hoffe nicht auf Glück , aber ich verlange Ruhe , innere Ruhe und meine Freiheit wieder . Unsere Ehe muß gerichtlich geschieden werden . Ich kenne die Schwierigkeiten , die man dabei macht ; deshalb komme ich , Dich zu fragen : wie hilft man sich am leichtesten darüber fort ? Ist Deine Frau mit der Scheidung einverstanden ? fragte der Präsident . Sieh , lieber Freund , da fangen die Schwierigkeiten gleich an . Du weißt es ja selbst , daß Caroline und ich katholisch sind . Nun fürchte ich , sie wird nicht in die Scheidung willigen , einmal , weil sie sich nicht so unglücklich in unserer Verbindung fühlt , als ich ; zweitens , weil ihr die Trennung von Felix schwer sein wird , und endlich , weil sie nach ihren Begriffen durch die Scheidung eine Sünde begeht , ein Sakrament bricht . Nicht zu vergessen , daß Du Dich leicht zu einer neuen Ehe entschließen dürftest , was Deiner Frau von den Pfaffen verwehrt werden möchte , ergänzte Julian mit seinem ironischen Lächeln . Alfred beachtete die Worte nicht und fuhr fort : Ferner habe ich die Güter von meinem Großonkel , dem Domherrn , ererbt , und das Testament verlangt , daß sie immer von einem der katholischen Religion angehörenden und ergebenen Nachkommen der Reichenbach ' schen Familie besessen werden , wo nicht , der Kirche zufallen sollen . Ich zweifle keinen Augenblick , daß die katholische Geistlichkeit des betreffenden Klosters , die eine Abschrift des Testaments besitzt , ihre Ansprüche gegen mich erheben wird , wenn sich ihr die Möglichkeit dazu eröffnet . Dasselbe könnte auch von Seiten eines sehr entfernten Agnaten geschehen . Ich für mein Theil würde mich unschwer entschließen , der Erbschaft zu entsagen , wenn dies das einzige Mittel wäre , mich frei zu machen . Ich habe durch die Fabriken , die ich angelegt , ein selbstständiges Vermögen erworben , das ich mein nennen darf , abgesehen davon , daß mir meine literarische Thätigkeit ein mäßiges Kapital abgeworfen , welches ich bis jetzt nie benutzt habe . Die Frage ist nur , ob es irgendwie bedenklich ist , daß mein Felix , als nächster Erbe , die Erbschaft antritt , wenn ich darauf verzichte ? Das hängt ganz von dem Testamente ab , meinte der Präsident , und ich würde Dich bitten , es mir zur Prüfung zu übergeben . Ich habe es Dir zu dem Zwecke mitgebracht , hier sind die Papiere . Hast Du Muße , Dich gleich jetzt damit zu beschäftigen , so möchte ich den Bescheid bei Deiner Schwester abwarten . Thue das , lieber Freund ! sagte der Präsident , und setzte sich an die Arbeit , nachdem Alfred sich bei Therese hatte melden lassen . Er fand sie schreibend und entschuldigte sich wegen der Störung . Es ist mir eine Freude , sagte sie , daß Sie kommen und daß es überhaupt diesen Winter recht lebhaft in unserm Hause werden wird . Sie waren der Erste , der sich uns als einen Gast für die langen Abende meldete , und Sie scheinen uns Glück gebracht zu haben . Unser Kreis wird sich noch um eine oder gar um zwei Personen vergrößern . Und darf ich fragen , wer diese sein werden ? Der eine Gast wird ein junger Sternau sein . Ein Verwandter von Ihnen ? fragte Alfred . Nein , antwortete Therese , ich kenne ihn gar nicht und darum bangt mir etwas bei dem Gedanken an seine Ankunft . Er soll ein liebenswürdiger junger Mann , von tiefem Gemüth , aber sehr kränklich und von der Mutter , deren einziges Kind er ist , körperlich und geistig verweichlicht worden sein . Der Vater , um ihn ins Leben einzuweisen , hat ihn angehalten , die juristische Laufbahn zu verfolgen , während des jungen Mannes Neigung ihn zum Landleben hinzog , für das der reiche Landbesitz des Vaters , der selbst Landwirth ist , ihn zu bestimmen schien . Das hat Teophil in mancherlei Zweifel gestürzt und eine unglückliche Liebe soll ihn in der letzten Zeit noch mehr entmuthigt haben . Er soll kränkeln und einen Lebensüberdruß verrathen , der selbst den ruhigen Vater sehr besorgt macht . Während nun der Sohn mehr als je nach der Einsamkeit verlangt , sieht der Vater für ihn nur in angestrengter Thätigkeit Rettung , und die Mutter wünscht , daß er sich hier der Behandlung eines bedeutenden Arztes unterziehe . Beide Eltern haben sich an meinen Bruder gewendet , mit dem sie sehr befreundet sind , und dieser hat , als ob es von ihm ausginge , den jungen Mann auf seiner Reise besucht . Er hat sein Vertrauen erworben , ihn überredet , als Hilfsarbeiter bei seinem Collegium einzutreten und als willkommener Gast in unserm Hause zu leben . Morgen vielleicht dürfen wir ihn bereits erwarten . Da sollen Sie also eine Erziehung übernehmen , eine Bekehrung machen ! Beides ist entweder sehr leicht oder sehr schwer , bemerkte Alfred . Das empfinde ich so lebhaft , sagte Therese , daß ich es fast abgelehnt habe , einer Freundin gefällig zu sein , die mir ihre sechzehnjährige Tochter für einige Zeit anvertrauen will , damit sie hier Unterricht im Tanzen und im Französischen nehmen könne . Es ist nicht zu berechnen , welchen Eindrücken solch ein junges Mädchen in ganz ungewohnter Umgebung ausgesetzt ist , und wie sie nachhaltig wirken können . So lieb mir die kleine Agnes war , als ich sie vor Jahren sah , so habe ich doch noch nichts bestimmt versprochen , weil ich mich vor der Verantwortung fürchte , wenn der Aufenthalt in der Residenz das Mädchen in seinen Wünschen und Ansprüchen verändern sollte . Bei diesen Worten Theresen ' s trat der Präsident in das Zimmer . Ich bin in der Prüfung Deiner Papiere mehrmals durch unabweisliche Besuche gestört worden , bester Reichenbach , sagte er , und muß sie nun auf die Frühstunden des nächsten Morgens verschieben , die immer meine ruhigste Arbeitszeit sind . Gönne mir Frist bis dahin . Ich bin ermüdet von der heutigen endlosen Sitzung , und mehr aufgelegt , mit Dir und Therese eine Stunde zu verplaudern , als angestrengt eine so wichtige Sache zu prüfen . - Wovon war die Rede , als ich Euch unterbrach ? Von den Hausgenossen , die man uns für den Winter zugedacht hat , sagte Therese , und von all den Bedenken , die sich in mir dagegen regen . Ich begreife diese Besorgnisse nicht , meinte der Präsident . Wären wir Eheleute , ich würde denken , die Erinnerung an Goethe ' s Wahlverwandtschaften mache Dich ängstlich , in denen durch den Zutritt neuer Personen ein altes , anscheinend wohl begründetes Verhältniß zerstört wird ; denn allerdings hat unsere Lage mit den dortigen Zuständen eine gewisse Aehnlichkeit . Therese lächelte und sagte erröthend : Wirst Du mich eine Thörin schelten , wenn ich Dir bekenne , daß gerade dieser Gedanke mir selbst gekommen ist und mich beunruhigt hat ? Wer weiß , ob Dir unsere Häuslichkeit nicht einsam erscheinen wird , wenn unsere Gäste uns verlassen , ob ich Dir nicht eine zu ernste Gesellschafterin sein werde , wenn Dich die kleine Agnes an größere Fröhlichkeit gewöhnt haben wird . Dacht ' ich ' s doch ! das ist echte Frauennatur ! rief lachend der Präsident . Sie ist wirklich im voraus eifersüchtig auf ein Kind , das ich noch gar nicht kenne . Aber fürchte nichts ! sagte er , indem er ihr die Hand bot , lasse die Kleine immerhin kommen , wie ich den Telemach kommen lasse , zu dessen Mentor man mich erkoren hat . Mich und Dich trennt Niemand . Therese drückte dem Bruder die Hand und sagte dann nach einer kleinen Pause : Erinnern Sie sich wol , Herr von Reichenbach , daß Sie es waren , der mich zuerst mit den Wahlverwandtschaften bekannt gemacht hat ? Gewiß ! antwortete Alfred , und ich weiß es gar wohl , daß es mir Vorwürfe von Ihrer Frau Mutter zuzog , weil selbst diese verständige Frau von dem Glauben befangen war , daß die Tendenz des Romanes eine unsittliche sei . Und ist sie dies nicht wirklich ? fragte Therese . Nichts weniger als das ! erwiderte Alfred . Unsittlich ist die Tendenz eines Buches , wenn Das , was gegen die Moraloder die hergebrachten Sittengesetze verstößt , beschönigt , als Recht dargestellt und vom Glück gekrönt wird , wie das jetzt oft in den französischen und deutschen Romanen geschieht . Davon aber finden Sie in den Wahlverwandtschaften kein Beispiel ! Und wie wollen Sie es nennen , fragte Therese , wenn Gatten den Schwur der Treue brechen , der sie unauflöslich an einander bindet ? Wie nennen Sie Charlotten ' s Liebe zu dem Hauptmann , Eduard ' s Leidenschaft für Ottilie ? Wie wollen Sie das entschuldigen ? Entschuldigen ! rief Alfred . Liebe , Leidenschaft entschuldigen ? Liebe und Leidenschaft an sich bedürfen nie und nirgend einer Entschuldigung . Jede wahrhafte Liebe trägt wie ein Gottesurtheil ihre Freisprechung in sich . Und so finden Sie die Personen des Romans frei von aller Schuld ? fragte Therese zweifelnd . Mir scheint , mit dieser Ansicht von dem Recht der Liebe heben Sie das heilige Recht der Ehe auf . Nach Ihrer Theorie hätte jeder das Recht , eine Ehe aufzulösen , wenn er neue Liebe in seinem Herzen sich regen fühlt und - - sie stockte , im Bewußtsein , einen Gegenstand berührt zu haben , der dem Gaste peinlich sein könnte ; Alfred selbst aber nahm das Wort . Glauben Sie denn nicht , rief er , daß in tausend Fällen die Trennung einer Ehe eine hohe , sittliche That sein könne , ja , das sie in solchen Fällen zu einer heiligen Pflicht werden kann ? Gewiß ! sagte der Präsident , denn im Grunde ehrt jede Ehescheidung den Gedanken der Ehe . Wenn zwei Menschen empfinden , daß sie dem Gedanken einer wahren Ehe nicht genügen können , daß sie innerlich getrennt sind , daß sie eigentlich nie zu einander gehörten und sich nur aus jugendlichem Misverstehen verbanden , sollen diese lebenslang zusammengeschmiedet bleiben ? Sollen sie mitsammen leben , Unfrieden , Gram , und vielleicht am Ende noch eine wahre und edle Liebe für einen andern Gegenstand im Herzen ? fragte Alfred heftig . Therese schwieg mit scheuer Zurückhaltung und Alfred fuhr fort : Verbrechen werden allerdings in den Wahlverwandtschaften begangen . Daß Eduard aus eigensinniger Laune auf eine Verbindung mit der einst geliebten Charlotte besteht , daß diese , ganz gegen ihre bessere Ueberzeugung , aus Eitelkeit nachgibt , das ist das erste Verbrechen , das begangen wird . Wenn dann die verständige Charlotte den Hauptmann , Eduard die himmlische Ottilie liebt , so folgen sie nur dem Gesetz der Natur , die Ungleiches trennen , Zusammengehörendes verbinden will . Das fühlen Alle und hier tritt der Fall ein , in dem die Trennung einer Ehe , wie ich es nannte , zu einer hohen sittlichen That wird . Aber solche Thaten fordern Muth , fordern ein großes , sittliches Bewußtsein . Dies hat in dem Roman keiner von Allen , die es haben müßten . Von Ottilie ist es nicht zu verlangen ; Charlotte hat die Einsicht , aber ängstliche Scheu vor dem Tadel der Welt , vor großem Aufsehen hält sie zurück . Der Hauptmann schweigt aus falschem Stolz , Eduard gibt nach aus kleinlicher Schwäche . Das sind die Verbrechen , die Sünden , welche begangen werden in dem Roman , und das ist es , was alle Betheiligten in die Hände der vergeltenden Nemesis liefert , die hier , wie in der antiken Tragödie , furchtbar waltet . Ich stimme Dir ganz bei , sagte der Präsident , und habe selbst oft gestrebt , Therese für diese Ansicht zu gewinnen . Ich wüßte kaum eine andere Dichtung , in der diese Idee so rein und vollendet ausgesprochen wäre . Denken Sie nur , rief Alfred , der sich um so mehr von dem Gegenstand hinreißen ließ , als er sein innerstes Seelenleben so nahe berührte , denken Sie nur , meine Freundin ; Ottilie , der sanfte , hingebende Engel selbst , muß das Werkzeug werden zum Tode des Kindes , das aus der verbrecherischen Umarmung der Gatten entsprang . Sie stirbt verzweifelnd , Eduard folgt ihr nach . Charlotte steht einsam zwischen den Gräbern aller Derer , die sie einst liebte , durch diese Gräber für immer von dem Hauptmann getrennt . Ihr wird das schwerste Loos , zur Strafe , weil sie es gewesen ist , welche den Fluch bannen konnte und aus selbstischen Rücksichten das Zauberwort verschwieg . Ich muß Ihnen in gewissem Sinne beistimmen , sagte Therese , und doch kann ich des Widerwillens gegen diesen Roman nicht Herr werden . Schon auf den ersten Seiten , schon bei dem ersten Schritt in diesen Zauberkreis fühlt man den Athem der Dämonen wehen , die hier walten . Man möchte fliehen , sich losreißen , weil man die Nähe eines furchtbaren Geschickes , die Nähe schwerer Schuld empfindet ; aber man ist gebannt durch das allmächtige Wort des Dichters , der uns zu Mitschuldigen macht , weil wir selbst zuletzt Recht und Unrecht kaum noch von einander zu scheiden vermögen . Alle Personen des Romans , Ottilie ausgenommen , sehen die Leidenschaften und die Drangsale hereinbrechen und Jeder überläßt sich in weicher Schwäche der unerlaubten Neigung . Darum nenne ich das Buch unsittlich , darum flößt es mir , ungeachtet all Eurer Erkärungen , ein heimliches Grauen ein , und doppeltes Grauen , weil ich den Sündern nicht zürnen kann , weil ich mich zuletzt , wie sie selbst , willenlos an die Gewalt ihrer Leidenschaft hingebe . Das gerade ist der Triumph der Wahrheit in der Dichtung , sagte Alfred . Oder das Verbrechen des Dichters , meinte Therese . Es ist die Wahrheit des Romans und Goethe ' s vollendete Kunst in der Technik , die das Werk zu einem Meisterstücke machen . Es beweist für die tiefe Einsicht Goethe ' s in das Menschenherz , bemerkte der Präsident , daß wir in seinen Romanen niemals den ganz unnatürlichen Engels- oder Teufelsfiguren begegnen , die uns so häufig geboten werden . Wenn dichtende Frauen uns Engelsgestalten vorführen , die unter dem Mantel ewiger Entsagung , nicht Fleisch , nicht Blut , sondern nur einen zarten Teint und eine frische Toilette haben ; wenn ihnen jeder Mensch mit heißem Blut und daraus entspringenden Fehlern gleich wie ein Dämon vorkommt , so liegt das in einer an sich sehr schönen Eigenschaft des weiblichen Gemüths , aber mehr noch an gänzlicher Unkenntniß des Menschen und des Lebens . Diese würde ich den Frauen zur Ehre rechnen , falls sie nur nicht schreiben wollten . Daß aber auch Männer uns mit Engeln und Teufeln behelligen , die immer ganz uninteressant sind , weil ihnen die Wahrheit fehlt , das hat mich oft überrascht . Darin liegt nichts Auffallendes , meinte Alfred ; es ist nur ein Zeichen , daß sich auch in der Literatur , wie in allen Künsten , jetzt viel Stümperhaftes findet . Ein schlechter Maler , unfähig selbständig zu schaffen , und eben so unfähig , Das , was er wirklich gesehen hat , treu und schön wiederzugeben , wird aus jedem Portrait eine Caricatur machen , indem er Schönes sowohl als Unschönes übertreibt . Das begegnet in unsern Dichtungen ebenfalls täglich . Das Schlimmste aber scheint mir , wenn das fehlende Interesse an den Gestalten durch die Sonderbarkeit der Begebenheit ersetzt werden soll . Die fabelhaftesten Ereignisse werden aneinander gereiht , mit unnatürlichen Verbrechen , mit Verwirrungen , die ein Wort lösen könnte , stürmt man auf uns ein . Man hetzt uns , da das Reisen Gebrauch ist , durch alle Weltheile , wir müssen mit dem Helden unter den Cedern des Libanon jauchzen , auf Sibiriens Schneefeldern seufzen und haben wir das Alles überwunden , sind wir endlich an das Ziel gelangt , so sind wir nur zu oft herzlich müde und ohne alle innere Anregung , ohne geistige Befriedigung geblieben . Man hat uns ein Märchen erzählt und wir haben die Zeit verloren . Daß Goethe uns in schlichtester Umgebung , in ganz gewöhnlichen Ereignissen das Menschenherz mit seinen Leidenschaften darzulegen weiß , daß er im Gefühl , Wahrheit sei Schönheit und Schönheit bedürfe der Zierrathen nicht , stets ebenso einfach als edel bleibt , das macht seine Dichtungen für alle Zeiten zu einem Vorbilde , das macht ihn zu einem classischen Dichter . Alfred schwieg nachsinnend , denn obgleich er mit Theilnahme über die Schönheit der Wahlverwandtschaften gesprochen hatte , so war es doch vornehmlich die Tendenz des Buches , die ihn in diesem Augenblick beschäftigte . Er war leidenschaftlich bewegt , seine Freunde fühlten mit ihm und , nachdem man ihm Zeit zu innerer Beruhigung gegönnt , lenkte man die Unterhaltung andern Gegenständen zu und der Abend ging in erheiternden Gesprächen schnell vorüber . IX Am folgenden Tage langte , wie man es erwartet hatte , Teophil an und fand sich bald heimisch in dem Hause und der Gesellschaft seiner Gastfreunde . Er war ein hübscher , blonder Mann mit fast weiblichen Zügen und einem gut durchgebildeten , stillen Wesen , das auf Therese einen wohlthuenden Eindruck machte , weil sie edle Formen im Betragen besonders hochschätzte . Man ließ dem jungen Manne Zeit , sich in die neue Häuslichkeit und die fremde Umgebung zu finden , man wollte ihn nicht gewaltsam sich selbst und seiner gewohnten Weise entreißen und erst , nachdem er selbst den Wunsch ausgesprochen , führte der Präsident ihn in das Collegium ein . Theophil ging mit redlichem Eifer , ja mit einer gewissen Freudigkeit an das Geschäft . Julian ' s feurige Thätigkeit schien ihn zu beleben und , wenngleich körperlich ermüdet , kam er doch gewöhnlich mit ziemlicher Heiterkeit aus den Sitzungen des Collegiums und von seinen Arbeiten zu Therese zurück , der er bald ein angenehmer Gesellschafter wurde . Er war sehr viel gereist , hatte Menschen und Gegenstände mit Verstand betrachtet , mancherlei Kenntnisse sich zu eigen gemacht und , wenn man ihn auch in keiner Beziehung als besonders bedeutend ansprechen konnte , so mußte man ihn doch für einen liebenswürdigen jungen Mann erklären , der das Talent , angenehm zu plaudern , in hohem Maße besaß . Dabei entwickelte er in näherem Umgange eine solche Geradheit der Gesinnung , eine so große , fast kindliche Gutmüthigkeit , daß man ihm ein herzliches Wohlwollen nicht versagen konnte und Nachsicht mit seinen Schwächen gewann , die namentlich Therese nur seiner Kränklichkeit zuschreiben wollte . Eva , neugierig und lebhaft , wie die Stammmutter im Paradiese , war gleich nach Theophil ' s Ankunft den Gast ihrer Freunde , wie sie es nannte , besehen gekommen und hatte es nicht verschmäht , ihre fröhlichste Laune , ihre tollsten Einfälle zur Erheiterung desselben mitzubringen . Die laute Fröhlichkeit der jungen Wittwe schien ihn aber mehr zu peinigen , als zu erfreuen , während der Präsident sich davon zu gleicher Heiterkeit hinreißen ließ und auch Alfred , der gegenwärtig war , sich dem belebenden Einflusse der Schalkhaften nicht entzog . Das hatte einen gar fröhlichen Abend gegeben , und je kürzer die Tage wurden , je mehr das schnell wechselnde Wetter den herannahenden Herbst verkündete , um so mehr gewöhnten die Männer sich , die letzten Stunden des Tages bei Therese zuzubringen , wo sich denn auch Eva , sicher , die Freunde zu finden , noch häufiger als sonst einstellte . Hier im traulichen Kreise ward es Theresen sehr wohl . Sie liebte die großen Gesellschaften nicht , ihre ganze Natur hatte etwas in sich Gekehrtes und es war ihr gradezu peinlich , sich über Gegenstände , an denen sie einen wahren Antheil nahm , mit fremden Personen zu unterhalten . Deshalb galt sie bei Leuten , die sie nicht kannten , bald für kalt , bald für stolz oder gar für unbedeutend , während Diejenigen , die ihr nahe standen , an ihr die seltensten Eigenschaften des Herzens und des Geistes verehrten . Von der Mutter zur tüchtigen Haushälterin gebildet , durch Julian ' s Bequemlichkeitsliebe an höchste Sorgfalt für häusliches Wohlsein gewöhnt , war sie das Ideal einer sorgsamen und angenehmen Wirthin geworden . Man empfand in ihrem Hause , in ihrer Nähe ein körperliches Behagen , das sich ganz unmerkbar dem Geiste mittheilte , so daß Jeder sich nicht nur frei und ungehindert , sondern durch die Liebenswürdigkeit der Geschwister selbst geistig gehoben bei ihnen fühlte . Auch Julian fand die neue Lebensweise in seinem Hause sehr angenehm , und während er sonst an jedem Abend , wäre es auch nur für eine Stunde gewesen , zu Sophie zu gehen pflegte und das französische Theater nie zu besuchen versäumte , so oft diese auftrat , unterließ er jetzt bald das Eine , bald das Andere , sich bei sich selbst und bei der klagenden Geliebten mit Rücksichten für seine Gäste oder mit andern Gründen entschuldigend . Therese sah das mit großer Freude . Ihr war des Bruders Verhältniß zu Sophien immer ein Gegenstand des Kummers und manch schmerzlicher Berührung gewesen , und sie hatte nie aufgehört , eine Lösung dieser Verbindung zu wünschen . Aus Widerwillen gegen Sophie hatte sie das französische Theater selten besucht , Julian sie niemals dazu zu überreden gestrebt . Er war stets allein hingegangen , so sehr er bei allen anderen Anlässen die Begleitung seiner Schwester geliebt , und hatte seinen Platz zunächst der Bühne gehabt , um ganz in Sophien ' s Nähe zu sein . Deshalb überraschte es Therese , daß Julian an einem Abend den versammelten Freunden den Vorschlag machte , ob man nicht für das Benefiz eines beliebten französischen Schauspielers am nächsten Tage eine Loge bestellen und gemeinschaftlich das Theater besuchen wolle ? Alle waren damit einverstanden und um die bestimmte Zeit fanden sie sich in der Loge zusammen . Man gab ein neues Schauspiel , in welchem auch Sophie eine Hauptrolle zu spielen hatte . Sie trat mit gewohnter Sicherheit und Anmuth auf , und Alfred , der sie noch nicht gesehen , war von dem edeln Ausdruck ihres Profils , wie von ihrer ganzen Erscheinung lebhaft angezogen . Sie stellte eine Frau dar , die von ihrem Gatten verrathen , von ihm aus blinder Eifersucht der Untreue angeklagt wird , während sie ihn leidenschaftlich liebt und in stiller Demuth die ungerechten Vorwürfe , die bittern Kränkungen erträgt , nur bemüht , dem Auge der Welt das unwürdige Betragen ihres Mannes zu verbergen , um ihn und seine Ehre nicht dem Tadel der Fremden preiszugeben . Sophien ' s erster Blick suchte den Präsidenten auf dem gewohnten Platze . Sie hatte ihn mehrere Tage nicht gesehen , ihn schriftlich gebeten , mindestens im Theater zu erscheinen , und er hatte es ihr zugesagt . Nun sie ihn vermißte , schien sie unruhig zu werden , und Julian , der jede ihrer Bewegungen kannte , dem kein Ton ihrer Stimme fremd war , konnte bemerken , daß sie ihrer Aufregung kaum Herr zu bleiben vermochte , als sie ihn mit Therese und Eva in der Loge erblickte . Sie kannte Eva dem Namen nach ; das Gerücht einer möglichen Verbindung zwischen dieser und dem Präsidenten hatte ihr Ohr erreicht und war ihr ein Anlaß zu lebhafter Eifersucht geworden . In diesem Augenblick hielt sie ihr Schicksal für entschieden und , so sagte sie sich , der Treulose hatte nicht einmal die Rücksicht für sie , ihrer glücklichen Nebenbuhlerin den Anblick der Verzweiflung zu entziehen , die ihre Brust zerriß und die , das fühlte sie , aus jedem Worte widerklingen mußte , das sie aussprach . Sie war dem Erliegen nahe . Aber sie raffte sich empor und mit der edelsten Haltung spielte sie ihre Rolle weiter , die in vielen Scenen eine verhältnißmäßige Aehnlichkeit mit ihrer eignen Lage darbot . Als sie dem ungetreuen Gatten Vorwürfe machte , als sie von ihrer glühenden Liebe sprach , von der Unmöglichkeit , für einen Andern zu leben , und ihr flammendes Auge dabei zu Julian emporblickte , verließ dieser die Loge . Therese ward tief erschüttert . Sie weinte , fast kein weibliches Auge im Theater war ohne Thränen und das ganze Publikum überhäufte die beliebte Künstlerin mit einem Beifallssturm , wie ihn nur die wirkliche Bewunderung hervorzurufen vermag . Alfred war ganz entzückt von der Darstellung . Theophil lehnte sinnend in der Logenecke und schien Eva ' s Plaudern gar nicht zu bemerken , die während der rührendsten Scenen ihn bald dies , bald jenes gefragt hatte und fröhlich lachend auf die Bühne hinabsah , während Sophien ' s Klagen rührend die Seelen der Hörer durchzitterten . Wie ein Dolchstoß zuckte dies Lachen durch Sophien ' s Brust , sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen , spielte , immer leiser sprechend , weiter , sank dann ohnmächtig ihrem Mitspielenden in die Arme und die Vorstellung mußte beendet werden . Zeichen der allgemeinsten Theilnahme , des wirklichen Bedauerns wurden laut . Nie war der gefeierten Künstlerin ein ähnlicher Anfall zugestoßen . Man blieb noch in den Logen , man wollte Nachricht von ihrem Ergehen haben , die Ursache des Zufalls wissen . Therese , der ihr weibliches Gefühl die Lösung des Räthsels leicht machte , war sichtlich bewegt und wendete sich von Eva ab , die , noch immer lachend , sagte : Wenn ihr eine Vorstellung hättet , wie komisch all das Tragiren erscheint , wenn man , wie ich , nicht ein Wort Französisch versteht , ihr würdet lachen wie ich . Ich bin heute zum ersten Mal in einer französischen Vorstellung und es ist ein wahres Glück , daß der Präsident uns grade in ein Trauerspiel geführt hat , denn wäre es noch obenein ein Lustspiel gewesen , ich hätte vor Lachen sterben müssen