Charakters gegenüber - nur bestimmt sie in all ihrer Unbedeutenheit erst diesen , dann den nächsten Augenblick , reiht Schritt an Schritt und Stunde an Stunde . Und auf diese Weise ist manche vornehme und sogar manche dabei recht häßliche und nicht sonderlich geistreiche Frau zur Circe gescheiter und ausgezeichneter Männer geworden . Und nun Anna , Anna , die mit dem sichersten Weltanstande das einfache , wohlwollende Gefühl eines Kindes vereinte , Anna , die nichts für sich suchte , keine Art heimlichen Strebens hinter angenommenen Formen barg , in der Alles lauter Wahrheit geblieben war , wie hätte Otto sich ihr zu entziehen vermocht ! Bald sah er sie täglich ; sie war wieder eben so freundlich und herzlich zu ihm als in den Zeiten ihres früheren Beisammenlebens . Wie hatte sie jede Erinnerung derselben sich zu bewahren gewußt ! und dennoch mischte sich auch nicht die leiseste Andeutung eines Gedankens seiner damaligen Liebe in diese Bilder , die sie im magischen Glanze seinem Blicke täglich aufs Neue entfaltete ; ja , oft vermochte er , ihr gegenüber , selbst kaum mehr daran zu glauben , daß sich damals sein leidenschaftliches Gefühl gegen sie ausgesprochen , daß er in jener unvergeßlich schönen , traurigen Stunde ein Glück geträumt , vor dem ihm jetzt schwindelte , daß er seine heißen Wünsche ihr gestanden , seine Hand ihr geboten . Und doch war Otto keiner von den Männern , die sich die Vergangenheit absprechen , sie annulliren wollen , weil sie nicht mehr in ihre Gegenwart paßt . Der helle Strom des Lebens floß ihm voll und tief durch die Seele und er scheute den Rückblick auf dessen veränderte Ufer nicht . Es ist unbegreiflich , wie wenig Menschen den Muth haben , wirklich glücklich oder elend zu sein , wie die meisten aus purer Feigheit mit einem Mittelzustande sich begnügen . Otto traute sich zu beiden die Kraft zu , darum schloß er die Augen nicht vor dem , was abgegrenzt , schmerzlich weit hinter ihm lag ; er vergaß es nur momentan , weil sie es so wollte . Anna dagegen berührte das Verlassen ihres väterlichen Hauses ungern . Es war der Wendepunkt ihres Daseins gewesen , es hatte ihrer Existenz eine andere fremdartige Färbung gegeben , die sie nicht mit Bewußtsein sich gewählt , die nicht ihr ganzes Wesen durchdrungen ; in einzelnen Stunden war sie sich dessen bewußt . Wenn sie von ihrer Mutter sprach , war es von deren Leben , ihren Tod erwähnte sie nie . Sie sprach überhaupt ungern vom Tode - er ist so räthselhaft , sagte sie , und darum schaudert mir vor ihm ; es geht mir wie den Kindern , die sich vor allem fürchten , was sie nicht kennen . Könnte ich ergründen , was der Tod ist , mir würde nicht mehr bangen . Anna ehrte die christlichen Dogmen aus innigster Ueberzeugung , nur , äußerte sie oft , hat Christus selbst zu wenig über den Tod gesagt , denn die Auferstehung erklärt den Tod nicht ; sie springt über das Grab hinaus in einen neuen Zustand mitten hinein . Auch die Fabel der Alten , das schöne Bild geistiger Verklärung , der Psyche-Schmetterling , genügte ihr nicht . Die Raupe ist geflügelt worden , hat ihre Farben gesteigert , ihre Formen entwickelt und hinterläßt die Larve , wie eine Blume ihre Knospenkapsel , aber des Menschen Leib verwelkt und bricht endlich ganz und gar zusammen , ihm entsteigt keine sichtbar veredelte und doch seiner Urform verwandte Gestalt . Ich glaube an die Fortdauer , eben darum graust mir vor den unlösbaren Räthseln des Todes . Als du ein Kind warst , erwiderte Otto lächelnd , hast du mich oft mit dergleichen Fragen und Aeußerungen geplagt , die ich , der Sprache nie sonderlich mächtig , dir nicht zu beantworten vermochte . Weißt du noch , wie ich mir damals half ? Ich zeigte dir auf einem der Blätter im großen Bilderbuche der Natur die Antwort . Ich will ' s heute wieder so machen und aus unscheinbaren Substanzen , aus Gas und formenlosen Stoffen eine Gestalt dir erwecken , die wir zu den Urformen der unorganischen Natur zählen . Er ließ nach bekannten chemischen Proceduren einige Stoffe sich krystallisiren und fragte ganz trocken : Auf die Größe kommt es dir doch nicht an ? Nun , könnte denn die flüchtige Substanz der Seele im Uebergange mit uns noch unbekannten Stoffen sich nicht wie dieser Krystall zur eigenen Urgestalt erwecken ? Da hättest du die Auferstehung des Geistes , die Verklärung seiner früheren , verborgenen Wesenheit . Laß den Körper als bloße Schale der Erde . Du bist , sagte Anna , trotz all deiner Gelehrsamkeit immer noch der alte philosophirende Phantast , und glaube mir , ich bin immer noch das gläubige , aus allen Kräften der Seele aufhorchende Kind . Ja , ja , sagte Kronberg ein wenig schläfrig , Sie beide harmoniren als unbewußte Poeten im Märchenfache , das merke ich ; gedenken Sie aber einmal der Realität eines unpoetischen , ungelehrten , krüppelhaften - Und krystallisiren Sie ihn in seine Urform als Whistspieler , setzte Anna scherzend hinzu . Allerdings spielte ich gern , wenn wir einen vierten Mann hätten . Vor dem todten Whistmann fürchte ich mich gar nicht , versicherte Anna . Und alle Drei setzten sich lachend an den Spieltisch und Kronberg fand seine Frau allerliebst . Kronberg war ein wirklich gebildeter , unterrichteter Weltmann ; die Naturwissenschaften aber waren damals keineswegs ein Gemeingut der Gesellschaft . Nur wenn durch seine Anwesenheit ein hochberühmter Reisender sie zum belehrenden Gesprächsstoff umschuf , erweckten sie ein durchgehendes Interesse , das demnach in den meisten Fällen entschieden der Persönlichkeit des Erzählers viel zu danken hatte . Es war daher Kronberg durchaus nicht zu verargen , daß ihn Otto ' s Gespräche mitunter langweilten und er sich ärgerte , daß , wie er oft Annen versicherte , ein so grundgescheiter Mensch nicht im Stande sei , eine ordentliche Conversation zu machen - und nicht einmal dir gegenüber ! setzte er kopfschüttelnd hinzu . Eigentlich hatte Otto überhaupt noch nie ordentlich mit einer Dame gesprochen ; die jungen Mädchen , mit denen er auf selten besuchten Bällen verkehrt hatte , verstanden es eben so wenig als er , ein fortgesetztes Gespräch zu führen . In so jungen Jahren ist es meistens der Liebe allein vorbehalten , die Brücke des Verstehens zwischen den Geschlechtern zu schlagen . In Bern erst war er einem Mädchen begegnet , mit der zu reden ihm gelungen war , er wußte kaum selbst , wie es zugegangen . Es war die Tochter eines armen Schreiblehrers . Der Vater , gelähmt und altersschwach , wünschte sie in einem Institute , in welchem er selbst bisher den Dienst versehen , an seiner Statt als Lehrerin unterzubringen . Die dem Plane sich entgegenstellenden Schwierigkeiten hatten Otto in dem Hause , in welchem er bei einem älteren Collegen wohnte , mit dem hübschen Vrenely zusammengeführt . Die Professorin interessirte ihn für das arme Kind und suchte seine Fürsprache bei dem ihm befreundeten Institutsdirector für dasselbe zu gewinnen . Trotz ihrer niederen gesellschaftlichen Stellung war das Vrenely ungemein beliebt in Bern . Der Vater mochte auch wol bessere Tage gekannt haben , wenigstens hatte er seinem Töchterchen eine sorgfältige Erziehung gegeben . In einigen höheren Kreisen freundlich aufgenommen , hatte das schöne junge Mädchen durch die Lieblichkeit seiner äußeren Erscheinung , durch die Anspruchlosigkeit seines ganzen Wesens die regste Theilnahme sich erworben . Vrenely war durchaus von Anna verschieden ; sie hatte wenig Muth , aber viel Pflichtgefühl , das den Mangel an jenem übertrug , und so unternahm sie in fast gleicher Lage mit der , aus welcher Anna zu ihrer jetzigen Stellung durch die Generalin von Geiersperg gelangte , ihren eigenen Weg zu gehen , weil sie für ihren Vater es als nöthig erkannte . Mit vierzehn Jahren schon hatte sie kleine Kinder im Lesen , Rechnen und Schreiben unterrichtet und den Alten fast ganz und gar erhalten . Jetzt war sie siebenzehn . Es war die Rede davon , sie bei einem Doppelinstitute für Knaben und Mädchen , statt besoldeten Lehrers , die Stunden geben zu lassen ; der Fall war noch nicht vorgekommen und der größte Theil der Gesellschaft interessirte sich für sie und ihr Anliegen . Vrenely war , wie sonst wol eigentlich echte Katholiken zu sein pflegen , fromm und still die lange Arbeitswoche , ja den ganzen Sonntagsmorgen hindurch , dann aber nach vollendetem Geschäft fröhlich und guter Dinge , als breite das Leben einen Reichthum von Festtagen um sie her . Sie hatte den vollen kräftigen Wunsch , das Dasein zu genießen , aber auch den Genuß zu verdienen . Sie hoffte unendlich viel von der Zukunft und stellte in ihrem Herzen jedem Worte , das sie ihren kleinen Zöglingen vorschrieb , eine mit allen Farben einer regen Phantasie ausgeführte Initiale voran , aus Engeln und Blumen zusammengesetzt ; aber alle flossen in einen einzigen Wunderrahmen zusammen , der sich um ein schönes ritterliches Heiligenbild hinzog , als sie Otto gesehen . Er fand sie fast jeden Abend bei der alten Professorin ; ihr gefälliges Aeußere und ihre Herzensgüte gewannen ihn . Das Mädchen schien ihn zu lieben , aber sie dachte weder an Liebe noch an Heirath dabei , sie dachte nur - an Ihn . Sie hatte auch gar keine Zeit , ihr Gefühl zu betrachten oder zu analysiren ; sie ließ es in sich walten , wie man die Sonne sich bescheinen läßt . Da sah Otto unvermuthet Annen wieder . Es war vorbei , er dachte nicht mehr an das Vrenely ; er kam gar nicht mehr herunter zur alten Frau Professorin und hatte des selbst kein Arg . Ihn hatte eine höhere Gewalt ergriffen , seine Seele war wie von einem Blitzstrahl durchleuchtet , er konnte sich auf nichts Anderes besinnen . Anna war wirklich unbefangen geworden ; sie hatte die kurze Störung einer ihr unsäglich lieben Vergangenheit vergessen wollen , um den Jugendfreund sich zu bewahren , und es war ihr gelungen . In solchen Fällen ist das Gemüth der Frauen beweglicher , ja wechselnder , als das der Männer . Mit jedem Tage fühlte sich Kronberg mehr und mehr gesunden ; er betrachtete sich als völlig hergestellt und stand in eifriger Correspondenz mit dem Fürsten H. , dem allgewaltigen Minister , der ihm gewogen war und durch dessen Gunst er eine wirkliche Gesandtenstelle in Rom , Florenz oder Neapel zu erlangen hoffte . Die nächsten Wochen , oder wenigstens die nächsten Monate mußten hierüber eine Entscheidung bringen . Kronberg schwankte , ob er dieselbe in der Schweiz abwarten solle oder nicht . Die Verhältnisse in Deutschland waren ihm unangenehm , sie drückten ihn . Mit einer rein legitimen , fast ritterlich poetischen Anhänglichkeit an König und Vaterland , die ihm sein kurzer Kriegerstand zurückgelassen , verband er den schon damals erwachenden , in unsern Tagen so allgemein und allgewaltig heranwachsenden Drang nach persönlicher Freiheit ; die amtlichen Verhältnisse , wie günstig sie sich ihm auch gestalten mochten , ekelten ihn an ; die für ihn zu hoffende Carrière , welche ihn unter unmittelbare Leitung des Ministeriums stellen mußte , genügte ihm durchaus nicht ; nur ein Gesandtenposten , wo möglich der eines Ministerresidenten , gewährte , selbst wo er ihm die größten Rücksichten aufzubürden schien , seiner Ansicht nach , die Garantie einer persönlichen Unabhängigkeit , die ihn , trotz allen mit ihr verbundenen Lasten der Gesellschaft , lockte und alle ihm sonst gebotenen Vortheile abweisen ließ . Aber , sagte ihm Otto in einer langen Unterredung über diesen Gegenstand , fühlen Sie denn nicht , Herr Graf , daß im Verhehlen einer Gesinnung , in Darstellung irgend einer Thatsache , deren Färbung ein bestimmter Zweck bedingt , auch ein Zwang liegt ? Und sollte dieser nicht größer sein als der eines Amtes , das seine feststehenden Formen und seinen festsitzenden Schlendrian mit sich führt ? Lieber Freund ! erwiderte Kronfeld , man wird identisch mit seinem Staate und verhehlt , beschönigt , verschweigt gerade so , wie etwa der Einzelne in der guten Gesellschaft sich gern von der besten Seite zeigt . Glauben Sie mir , der Triumph eines feinen Diplomaten ist der süßeste auf Erden , - ausgenommen der einer schönen Frau , schloß er lachend , zu seiner Gemahlin gewendet . Pardon ! Er küßte ihr schmeichelnd die rosigen Fingerspitzen . Otto fühlte sich unangenehm berührt , ja wunderlich geärgert und verletzt . Diese Galanterie , mochte sie noch so zart und ritterlich sein , verwundete ihn jedesmal , wenn Anna der Gegenstand derselben war . Sie war ihm so heilig und er noch ein recht gläubig Liebender . Er ließ das Gespräch fallen . Kronfeld glaubte , er habe ihn nicht verstanden . Diese Gelehrten , sagte er verdrießlich zu sich selbst , vermögen mit ihrer mathematischen Weisheit die Sonnenstäubchen zu berechnen , aber im gemeinen Leben können sie nicht drei zählen . Wenn ' s Glück gut ist , meint der , ich wolle den p ..... schen Staat auf meine Schultern nehmen und durchs Weltmeer tragen , wie St. Christophorus den Herrn ! Anna sah Beide an und lächelte , sie verstand Beide , nur hielt sie Otto ' s Liebe für minder ernst ; sie hatte gerade genug über das hübsche Vrenely gehört , um nicht an die Unvergänglichkeit dieser Liebe für sich selbst glauben zu müssen - so glaubte sie nicht daran . An die Möglichkeit einer heftigen Leidenschaft dachte sie gar nicht , theils traute sie dem Jugendfreunde sie nicht zu , theils fehlte ihr der Maßstab für dieselbe , und überhaupt träumte Anna nicht und wiegte sich nicht in Emotionen . Ihr ernster Charakter gehörte nicht zu den romantischen ; sie bebte zurück vor der eigenen Kraft und Tiefe ihres Wesens , wenn irgend ein Umstand den Schatten derselben an ihr vorübergleiten ließ , ohne ihn zu erkennen , wie zuweilen ein unverstandenes Geisterleben durch einen Mark und Bein erschütternden Schauder uns schreckt , den wir nicht zu erklären vermögen . So vergingen mehre Wochen . Otto fing indessen doch allmälig an , sehr zu leiden ; er sah täglich mehr ein , daß Anna weder ihn , noch seine Liebe begriff - und die Leidenschaft will verstanden sein , um jeden Preis verstanden ! Er verlangte , daß sie wisse , was er um sie erduldet , wie damals ihr Verlust sein ganzes Dasein umgestaltet , welchen unermeßlichen Schmerz sie ihm gegeben . Mehr forderte er nicht ; er suchte nichts zu erreichen , nicht einmal ihre Liebe . Was konnte diese Liebe ihm gewähren ! Otto war ein frommer , ganz einfacher Mensch ; ihm war die Ehe eine chinesische Mauer , die unwiderruflich von jeder Hoffnung auf die Geliebte ihn schied . Auch Vrenely ward des eigenen Herzens sich mehr und mehr bewußt ; es war so finster in ihrer Seele geworden . Der frohe Muth , mit dem sie sonst allmorgendlich erwachte , war plötzlich wie versunken in ihrer Brust . Wie ward ihr Alles so bitter schwer . Sie hatte nun die lange gewünschte Stelle erhalten ; sie konnte ihren alten Vater ernähren und pflegen - aber , ach ! ihre Stunden gab sie nicht mehr gern . Wie erbärmlich kam es ihr jetzt vor , nur kleine Kinder schreiben und buchstabiren zu lehren ; wie gar gering , wie mangelhaft war nicht eine solche Kenntniß ! Was mußte nicht die wunderschöne Frau , die sie so oft mit Otto am Schulhause vorübergehen sah , alles wissen und Ihm sagen können . Sie besann sich jetzt auf jedes Wort , das er früher mit ihr gewechselt , - das hatte sie sonst auch wol Nachts oder in einzelnen freien Stunden , und , ach ! wie gern gethan , aber damals war es ihr immer vorgekommen , als enthalte die ganze Welt nichts Schönes oder Edles , das sie nicht mit ihm besprochen - nun sie es sich so recht innig-grausam überlegte , hatte er ja nur ganz oberflächlich von dem Nächstliegenden zu ihr geredet . Er hatte ihr Vieles erzählt , aber vielleicht hatte er damals schon bei dem Allen gar nicht an sie gedacht , sondern immer nur an die schöne Fremde mit den langen blonden Locken . Otto ahnte von dem Allen nichts . Gibt es etwas Traurigeres , als dieses Nebeneinanderleben und Leiden , wo keiner auf den Andern sieht , ja nicht einmal die Qual eines nahen und liebenden Herzens beachtet ? Und jeder meint dennoch , eine Unermeßlichkeit der Empfindung in sich zu tragen , und sie reicht nicht einmal für den dicht neben ihm Stehenden , neben ihm Weinenden aus ! Das Ende der Herbstferien nahte , mit Entsetzen dachte Otto des Augenblicks , der ihn von Annen trennen mußte . War er schon nicht glücklich in ihrer Nähe , empfand er dennoch einen Todesschauer bei dem Gedanken , die Abende , die er jetzt großentheils bei Kronfelds zubrachte , künftig ohne sie in Basel durchleben zu müssen . Unwillkürlich ging er jeden Tag etwas früher hinüber , mit jeder Stunde , ach , mit jeder Minute hätte er geizen mögen ! Eines Abends , als er dem Hause zueilte , gewahrte er den Reisewagen des Grafen , der eben , schwer bepackt , aus dem Hofthor und die Straße entlang rollte ; Duguet , mürrisch , in seinen dicken Pelz gehüllt , saß auf dem Bock - das mußte nach Norden , die Nacht hindurch , weit , weit gehen , großer Gott ! war sie ihm denn schon wieder verloren ? Das nämliche Gefühl , mit dem er einst den Brief aus der Hand legte , der ihm Anna ' s Reise nach Berlin verkündigt hatte , überfiel ihn jetzt mit plötzlicher Gewalt und wälzte sich erstickend auf sein Herz ; ihm vergingen die Sinne . Ohne zu bedenken , daß er auf offener Straße sei , lief er dem Wagen eine weite Strecke nach ; als die Unmöglichkeit , ihn zu erreichen , endlich seine Schritte hemmte , stürzte er eben so mechanisch in wilder Hast zurück und dem Hause zu , das die Familie bewohnte . Unten im Hofraum stand Philipp , des Grafen Reitknecht , und wusch den zweiten Wagen , in welchem Anna häufig auszufahren pflegte . Sie ist noch da ! schlug es an Otto ' s Herz ! Er trat in das Haus , die Mägde waren emsig mit der täglichen Arbeit beschäftigt , nirgend gewahrte er eine Spur von Reiseanstalten oder Unruhe . O guter Gott , sie ist noch da ! Er lehnte sich erschöpft an die Treppenbalustrade und vermochte nichts weiter zu denken , kaum sich auf den Füßen zu erhalten . Ein Strom von Glück und Dank flutete auf in seinen Adern , in seiner Seele . Sie mußte noch da sein , da lagen ihre Handschuhe , ihr Hut . Sie war im Nebenzimmer ; sechs Schritte , so stand er ja vor ihr . Der starke Mann zitterte wie ein Kind und hatte lange nicht den Muth , die sechs Schritte zu thun . Endlich öffnete er die Thür des Salons ; am Tische saß das Vrenely zwischen den beiden kleinen Knaben und gab ihnen Schreibstunde . Otto rang nach Athem und blieb an der Schwelle stehen , da trat Anna hinzu ; sie war im Hintergrunde des Zimmers gewesen . Das Vrenely war aufgesprungen von seinem Stuhl , die beiden Frauen standen neben einander . Zum ersten Mal durchzuckte ihn eine Erinnerung an sein früheres Benehmen gegen das Mädchen , welches schon wieder zwischen den Kindern saß . Seit den acht Tagen , da die Stunden begonnen , hatte sie ja Zeit gehabt , auf diesen innerlich schon hundertmal durchlebten Augenblick sich vorzubereiten , sie beugte sich unter dessen Gewalt , wie eine Lilie unter dem aufstürmenden Nachthauch , aber sie blieb gefaßt . Anna war ruhig , wie immer ; sie blickte sinnend bald Otto , bald das Vrenely an . Ob er sie liebt ? fragte sie sich leise und eine helle Röthe überflog ihre Wangen ; sie wußte ja , er liebe sie selbst . Otto blickte mit tiefer Glut auf Anna ' s schöne Züge , die der rosige Hauch verklärte ; er hatte das arme Vrenely bereits wieder vergessen . Ich glaubte dich fort , Anna ! ich hatte den Wagen gesehen , entrang sich fast tonlos seiner Brust . Du ! er nennt sie Du ! widerklang es in Vrenely ' s Herzen . Fort , ohne dir Lebewohl gesagt zu haben ? wie wäre das möglich , Otto ! Hast du es nicht bereits einmal gethan ? fragte Otto sehr bitter . Zum ersten Mal war er empört über Anna ' s Unbefangenheit . Die Röthe auf ihren Wangen wich , sie ward blaß , sehr blaß . Du solltest jetzt und überhaupt niemals mich daran erinnert haben , Otto ! es wäre großmüthiger gewesen , edler . Du hast Kronfeld ' s Reisewagen gesehen , er ist nach Karlsruhe . Der Minister H. kommt auf der Rückreise dort durch . Roderich will ihn sprechen . Es hat sich schnell , in wenig Stunden gemacht . Nach beendigter Lection der Knaben wollte ich zu dir schicken , dir es sagen zu lassen . Kronfeld grüßt dich herzlich , er kommt in sechs bis acht Tagen zurück . Uebrigens , mein Freund ! fuhr sie freundlicher und sehr weich fort , übrigens sollte man Todte ruhen lassen , und diese Vergangenheit mit all ihrer Lust und all ihrem Leide muß todt sein - sie ist an der Gegenwart gestorben . Otto , ist uns denn nicht noch unendlich viel an einander geblieben ? Sie bot ihm mit tiefer Rührung die Hand . Vrenely saß mit dem Rücken gegen die Sprechenden gewandt , aber sie hörte das halblaut geführte Gespräch . Sie hatte ihre Stärke überschätzt , das empfand sie jetzt erst . Hatte sie doch das ganze Anerbieten , den Kindern Stunde zu geben , nur angenommen , weil sie Ihn sehen wollte . Ihn neben ihr ! Es war ihr gewesen , als müsse sie dann mit einem Male genesen von all der Qual , oder daran sterben , und nun tödtete das Allerunerwartetste sie nicht , sondern die Qual wuchs und überwuchs in tausend Gestalten zugleich all ihre Vorsätze und Kräfte . Anna und Otto standen in einer Fensterbrüstung vor einander und sahen sich wehmüthig an , das Vrenely hatten jetzt Beide vergessen . Anna , flüsterte er endlich , die dargebotene Hand leidenschaftlich an sich ziehend , ich habe es lange schweigend ertragen . Warum hattest du mir das gethan ! War ich dir denn damals gar nichts ? Ist dir denn in diesen vielen Jahren nie eingefallen , was du in mir zerstört , was ich um dich gelitten . Otto , ich war ein Kind , funfzehn Jahre . Kannte ich denn das Leben , wußte ich , was ich that ? Jetzt weiß ich es , ich hätte anders handeln sollen und müssen . Ach ! glaube mir , es hat mir oft unsäglich leid gethan . Wo wäre die Liebe , die bei solchen , wenn auch absichtslos gesprochenen Worten nicht , von tausend zündenden Funken durchglüht , aufloderte zur verzehrenden , jedem Gesetze Trotz bietenden Leidenschaft ? Anna , die er so kalt geglaubt , Anna fühlte also , daß sie unrecht an ihm gehandelt ; sie hatte es bereut , sie hatte um ihn , mit ihm gelitten . Wie anders wäre vielleicht Alles gekommen , wenn Josephine sie nicht überredet , ja durch ihr Uebergewicht sie vielleicht gezwungen . Jeder Vorwurf , den er der Geliebten gemacht , war aus seinem Gedächtnisse entschwunden . O wie sophistisch ist die Neigung ! Otto vergaß die ganze schmerzliche Vergangenheit , ja die ganze noch schmerzlichere Gegenwart , er zog schweigend Anna ' s zitternde Hände an seine Lippen und zum ersten Mal im Leben überströmten heiße Thränen das schöne männliche Gesicht . Anna erschrak , sie wußte nicht , was zu thun ; sie empfand ihre eigne Unvorsichtigkeit , ihrer Kinder und Vrenely ' s Nähe . Sie vermochte nichts , als ihn bittend anzusehen und leise ihre Hände den seinen zu entziehen . Jetzt kehrte auch ihm die Besinnung und das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes zurück , schneidend kalt ließ er sie los und wandte sich von ihr ab . Mußt du die Wege noch weiter von einander leiten , Otto ? fragte sie mit einem unaussprechlich trüben ernsten Ausdruck . Aber der Schmerz hatte ihn überwältigt ; er zitterte heftig und griff in der Aufregung nach einem in der Nähe stehenden Tischchen , um sich zu stützen ; die auf demselben befindlichen Gläser klirrten gegeneinander und Vrenely wandte unwillkürlich den Kopf . Er weinte ; nun wußte sie ja Alles ! und so ganz war sie vergessen , daß er in einem solchen Augenblicke nicht einmal ihre Anwesenheit gewahrte . Auch das Mädchen weinte heiß und still , aber die arbeitgewohnte Hand führte dennoch die kleine Hand des Knaben , der eifrig seine Grundstriche machte . Das arme Vrenely war nicht an heftige Aeußerungen gewöhnt . In Anna ' s Seele regte sich jetzt zum ersten Mal eine Ahnung der tiefen Leidenschaft , die Otto seit Jahren für sie empfunden und treu bewahrt hatte , und vor ihr richtete , einem Gorgonenhaupte gleich , die Verantwortlichkeit sich auf ; der leiseste Hoffnungsschimmer mußte ihn verwirren , die entschiedene Zurückweisung konnte seine Thatkraft hemmen im Augenblicke ihrer Entwicklung . Ach , und die Seele hat auch ein Janushaupt mit doppeltem Antlitz ! Mitten in diese wahrhaft edle Empfindung mischte sich der egoistische Schmerz : Beide nicht glücklich , beide liebelos den langen leeren Weg des Lebens ! Noch nie hatte Anna so klar sich ' s einzugestehen gewagt , daß sie ihren Gemahl eigentlich nie geliebt ; vor der ungeheuern Wahrheit in Otto ' s Gefühl brach plötzlich diese Ueberzeugung herzzerreißend , fast vernichtend grell an das Licht , aber sie stand ruhig , den Blick zur Erde gesenkt und nur die blonden Locken zitterten über der heftig pulsirenden Ader an den Schläfen . Gerade dies Schweigen vernichtete den letzten Rest der Kraft in Vrenely ' s Brust ; sie hielt diese plötzliche Stille für den lautlosen Ausdruck des Glücks , weil sie selbst wortlos so unsäglich glücklich gewesen ; ihr war , als stürbe sie in diesem Augenblick , ihr Köpfchen sank auf die Lehne des Stuhls , auf welchem ihr kleiner Zögling saß , und unaufhaltsam flossen ihre Thränen . Da trat Sophie zu ihr , die vor wenig Secunden durch die Alkoventhür hereingekommen war ; die Stunde hatte geschlagen , ma bonne wollte die Knaben abholen . Der kleinste saß in seinem hohen Stühlchen fest eingeschlafen , Vrenely hatte es nicht bemerkt ; der ältere schrieb noch , aber in immer krauseren Schriftzügen . Sophiens Falkenauge überflog die beiden Gruppen , sie begriff alles . Sie sind unwohl , liebe Mamsell , sagte sie leise , indem sie hinter des Mädchens Stuhl trat , um die Weinende mit ihrer Gestalt den im Fenster Stehenden zu verdecken . Fürchten Sie nichts , es hat ' s niemand gesehen . Kommen Sie , wir wollen auf mein Zimmer oder in den kleinen Hausgarten gehen ; es ist beklommen hier , frische Luft wird Ihnen wohlthun . Vrenely richtete das freundliche Auge dankend zu ihr auf , an den langen schwarzen Wimpern hingen die hellen Thränen , wie Thau an einer dunkeln Blume ; sie war keines erwidernden Lautes mächtig . Die Kinder - der Kleine war erwacht - sprangen fröhlich auf die Mutter zu , Anna beugte sich liebkosend zu ihnen nieder ; ihr Herz ward stiller . In Otto regte sich plötzlich bei diesem Anblicke die entzügelte Furie der wildesten Eifersucht , mit einem unterdrückten Schmerzensschrei schlug er beide Hände vor das Gesicht . Vrenely war aufgestanden und schwankte eben an Sophiens Arme der Thüre zu ; der leise Aufschrei traf ihr Ohr . Unfähiger noch , seinen als den eigenen Schmerz zu ertragen , erlag das arme Kind so vielen zugleich es bestürmenden heftigen Gefühlen , es fiel ohnmächtig in ma bonne ' s Arme und mußte hinausgetragen werden in deren Stube . In tiefster Seele erschüttert , blieben Otto und Anna zurück , des Mädchens Schmerz hatte zu unwiderlegbar laut gesprochen , er bedurfte wenigstens vor diesen Beiden keiner Erklärung . Lange fanden weder sie noch er ein Wort , Otto stand mit untergeschlagenen Armen , als trotze er der neuen Qual , die ihren Schatten über seine Tage legte ; die Gräfin saß wie am ersten Abende im Fauteuil am Fenster , aber sie blickte nicht mehr auf die erglühenden Gletscher und Alpen , sondern in die viel starrere und schroffere Natur des menschlichen Gemüths . Was wirst du thun ? fragte sie endlich . Ich weiß es nicht , antwortete er wild , und es kümmert mich nicht ; ich bin an dem allen nicht Schuld . Leide ich denn etwa nicht ? Otto , sagte sie sehr sanft , ich glaube , du mußt uns so bald wie möglich verlassen . Du willst mir die einzige kurze Freude meines geknickten Jugendlebens misgönnen ? Bleibt mir denn etwa außer diesen paar Augenblicken mit dir noch so gar viel , daß ich sie wegwerfen könnte , wie welke Blüten , oder sind sie dir eine Last ? Hat dich meine Leidenschaft etwa überlaufen wie ein zudringlicher Gläubiger ? Habe ich irgend etwas verlangt ? dir eine Untreue , eine Erwiderung aufgebürdet ? Ich will ja nichts von dir , als deine Gegenwart , die jeder Bettler hier mit mir theilt . Anna , Anna ! fuhr er fort , immer heftiger im Zimmer auf-