Reißaus nehmen muß vor dem Tod in uns . Aber nicht wie ihr fälschlich meint , daß der Tod über einen komme wie der Dieb in der Nacht . Und wenn er käme , wer wird denn Anstalten machen für diesen Esel , der so schlecht das Lautenspiel versteht , daß er damit schon einer schwachen Seele den Garaus macht ! Nein ! Wie ich Dir hier noch einmal sage , das Leben flieht die Wüste des Todes , aber dem Tod eine Macht zuschreiben über das Leben , das ist Unsinn . Es ist aber noch ebenso dumm , irgendeine Macht anzuerkennen über uns als nur das Leben selbst , und leg Dir ' s zurecht wie Du willst , ich kann ' s nicht weiter ausdrücken , ich kann nur sagen , was auch in der Welt für Polizei der Seele herrscht , ich folg ihr nicht , ich stürze mich als brausender Lebensstrom in die Tiefe , wohin mich ' s lockt . - Ich ! Ich ! Ich ! - Ich greife um mich mit meinen Fluten , ich eile in stolzen Wogen durch die Triften . Ich durchziehe euch , ihr Haiden , - dort kommen die Berge , die Welt ist rund , mir ist jedes Tal die Höhe , die mir zu durchbrausen beliebt , denn eben weil die Welt rund ist . - Clemens ! Ich weiß , daß Du diese Wellen des Vertrauens gerne aufnimmst , und ich weiß , daß bei Dir gut weilen ist , drum wird der Lebensstrom auch nur ganz langsam fließen , solang er durch Deine Lebensgegenden zieht , aber über meine Neigungen kannst Du nicht disponieren . Weiß ich doch nicht , was mich Dich lieben heißt , ich gehe Dir nach , ohne zu wissen , warum , wenn ' s nicht der Lebensstrom wäre , der eigenmächtig durch Deine Fluren wallet und sich wohl befindet so , ja , es ist sein selbstherrschender Wille , der sich durch Deine Lebensgebiete drängt , ach und er strömt so voll , so selbstgefühlig in diesem reinen edlen Bett , über Perlen und Goldsand , und die Ufer so blütenreich gratulieren meinem stolzen Wogengang . - Heut bin ich närrisch , Clemente ! - Der Frau Gachet kann ich auch nur im Vorüberströmen günstig sein , aber sie lieben wie Dich selber , liebes Flußbett , was fällt Dir ein . - Der Fluß strömt nur Dir freundlich und gutwillig , gegen andre ist er rebellisch und rauh , ich will wohl mit der Gachet umgehen und ein bißchen an ihr nagen mit meinen Wellen , aber mich ihr hingeben , von ihr mich leiten lassen , was fällt Dir ein ? - Ich brause vor Zorn , daß einer etwas über mich vermögen soll , was nicht ich selber bin ? - Nein , Clemens ! Welches Menschenschicksal auch über mich komme , das ist mir so jetzt ganz nicht von Gewicht , aber mich durchreißen , Ich selber zu bleiben , das sei meines Lebens Gewinn , und sonst gar nichts will ich von allen irdischen Glücksgütern . Gute Nacht für heute . Eben jetzt bekomme ich Deinen letzten Brief und bin froh , daß Du selbst bekennst , ein wenig übereilt geschrieben zu haben . - Sie hat gar nichts mit mir gesprochen und Deinen Brief mir sehr freundlich in die Hand gedrückt , sie sah mich oft ganz starr an , als wolle sie mir etwas sagen , Du kannst überzeugt sein , daß ich mich ihr nicht zu Füßen und auch nicht um den Hals werfen werde , ich werde alles , was ich von ihrem Geist begreife und erlerne , Deinem Urteil unterwerfen , mein Leben und mein Glaube und die Lust , zu bekennen , was ich will und suche , sind ja Dein , und was meine Sprache nicht auszudrücken vermag , Du mußt ' s finden in mir , die Dir nicht fremd ist . - Unter allen frohen Stunden bleibt die mir am lebendigsten , wo Du mich zur Lust am Leben angemahnt . Ich begreif doppelt rasch , ich weiß , wo mir ' s herkommt , daß ich in den nächsten Lebensmoment schaue als in einen reichen Schatz , der mir wie ein Demant entgegenblitzt und mich begierig macht auf ihn . Der ungehemmte Lebensatem , von dem das volle Herz getragen wird . Vernähme der Mensch besser , was ihm die Sterne zuwinken , so würde er sich im Flug entfalten , und könnt ich ' s besser sagen , so sähest Du deutlich und klar , der Sinn kann sich nicht ändern , er dient Dir so willig , um treu bleiben zu dürfen , so kann er keinem andern sich zuwenden wollen , um ' s besser zu haben . Adieu , lieber Clemens , Du bist mir den Abschiedskuß noch schuldig . Deine Bettine Wo bleibt denn nun jetzt die Walpurgis und die schönen Lieder der Liebe ? - Nicht wahr , jetzt bist Du nicht mehr eifersüchtig auf den Bettelmann ! Liebe Bettine ! Ich danke von ganzer Seele für den beruhigenden Klang Deines Briefes , in dem sich Selbstgefühl und Liebe so schön durchdringen . Ich weiß nun mehr über die de Gachet , Du kannst mit ihr sein und kannst sie auch vermeiden , wenn sie Dir nicht zusagt , denn ein Herz , was so herrlich grünt und blüht wie Deines , bedarf keiner Seele als nur der Liebe ; die hast Du von mir . Bleibe über alles Zufällige erhaben , folge Deinem inneren Ruf , er ist zu stark in Dir , wer wollte Dich ihm entziehen ? - Es wäre Frevel , es zu wollen , da wir alle noch nicht da sind , wo wir mit uns selbst rechten können , ob wir irgend etwas wollen sollen oder nicht , so würde der rein als Natur hervortretende Instinkt ja nur in sich selbst erkranken , sollte er bezwungen werden durch Reflexion , und sein Genie , die Rettungskraft aus dem Irrtum heraus , wär ihm dadurch gebrochen . Daß die Welt den großen Kreislauf macht durch Irrtum und leidenschaftliche Verkehrtheit , hat Dir selbst ja bei Deinem ersten Blick in die Welt eingeleuchtet , daß sie aber zu ihrer Ursprünglichkeit zurückkehren solle in vollem Bewußtsein und mit aller Gewalt , die dieses Bewußtsein gibt , das soll in jedem einzelnen wahr werden , oder er wär dieser Welt verloren . Und außer ihr sein wollen ist Vernichtung . Nein ! Jede individuelle Kraft kann nur durch und in der Allgemeinheit Wurzel fassen , kann nur in ihr sich selbst verstehen lernen ; und kann nur an ihr sich erproben . Drum ist die Geschichte der Dinge das wahre Element der Geister , und darum hat diese de Gachet eine elektrische Wirkung auf die Menschen , weil ihre Eigentümlichkeit sogleich an der Geschichte sich entzündet und drin aufleuchtet , ja wenn der Mensch erst da steht ( das heißt oben ansteht ) , dann ist sein Leben ein fortwährendes Weltwirken . Alle kühnen Taten großer Menschen sind ein unwillkürliches , aber ganz naturgemäßes Mitwirken der Gesamtheit , oder der Geschichte der Dinge , deren Erzeugnis ja auch der Geist ist ; und Mirabeau würde nicht so Schlag auf Schlag getan haben mit jedem Worte , wäre seine Eigentümlichkeit nicht fortwährend elektrisch eben von dieser Geschichte seiner Zeit entzündet worden . Man beurteilt zwar oft die Menschen nach einem sittlichen Wert oder Unwert , dieser ist aber im allgemeinen Weltgeschick nicht mehr zu rechnen . Wer wird dem Mirabeau seine moralische Vergehen anrechnen ? - Sie sind geschleuderte Blitze seiner Sinne und seines Geistes , je nachdem sie in fortwährender elektrischer Reibung mit der Geschichte der Dinge sich entladen . Die Revolution hat unendliche derartige Charaktere hervorgebracht , sie haben alle geleuchtet , sind scheinbar wieder verschwunden , ob sie noch wirken ? - Daß sie noch wirken , das weißt Du wohl am besten , da Du oft Deine höchste Begeisterung für sie ausgesprochen hast und hierdurch die erste und tiefste Grundlage Deines Begriffes in Dir geworden ist . Ganze Generationen sind vorübergegangen , wo gar kein Weltbegriff in den Nationen hervorgetreten war , und das ganze Menschengeschlecht im Willen und im Geist am Boden verkeimte , darum war aber auch keine Geschichte , erst indem sie sich zum wirklichen Leben entzündete , regte sich diese Saat selbstwirkender Eigentümlichkeiten ; und diese Gachet - was auch von der Philisterzunft ihr Nachteiliges möchte nachgesagt werden , war doch von ihrem Zeitalter tief bewegt ; sie zählte mit , sie hatte ein Geschick , und dies webte sie kühn und lebenskräftig in die grausamen überwältigenden Weltgeschicke mit ein . - So manches Wagnis führte sie oft nur aus um eines einzigen armen Bauern willen , dem sie nachts vielleicht ein Brot brachte in seinen Versteck , oder dessen Kinder und Weib sie nährte , während der Mann nicht für sie sorgen konnte . Authentische Papiere , meinem Freund Ritter von ihr mitgeteilt , legen es dar . In einer wilden , nicht geheuren Zeit - was wir unendlich menschliches Elend nennen würden , das wurde dort nicht geachtet , nicht empfunden , es war angemeßnes Tagwerk , diesem Elend der Lebensbedürfnisse zu steuern ; - waren sie in etwas befriedigt , so sprühte auch gleich wieder jener elektrische Funke , der die Weltgeschicke durch große Charaktere herausbildet und aufbaut , oder sie reinigt oder erzeugt . - Wem hat diese Frau gedient in jedem Bauern , dem sie Hilfe leistete ? - Einem vertriebenen König , sie konnte das nicht anders wollen , obschon auch ihr die Not und die Berechtigung und die Würde der Nation heilig waren . Und nachdem nun dies schauerhafte Gewitter , was den ganzen Erdenhimmel entzündete , wo kein Blitz aus den Wolken fuhr , der nicht traf , allmählich ausgerollt und sich entladen hat , - da sind alle die Ihren vom Blitz getroffen , sie bleibt allein stehen und ergreift die Wissenschaft zu ihrem Freundesstab und sucht die edelsten Geister auf in Deutschland , weil ihr der Vaterlandsboden durch unendlich schwere Jammerszenen unerträglich und auch verpönt ist . Dies alles ist schön und edel , und es ist beglückend , mit solchen Menschen sich berühren dürfen ! Das mußte ich Dir sagen , auf Deine Verteidigung Deiner Lebenseigenmacht ; sie sei Dir ganz individuell , unverletzt , so kann sie doch nur als gesamtmitwirkend Dir selber wieder zugute kommen . Das ganze Du der Menschheit muß ein Ich werden , große Menschen denken und fühlen nicht anders . Und so sollst Du auch sein mit ihr , die ein Du für Dich ist , in der schönen und edlen Seite aber dein eignes Ich sein muß . Es wird Dir vielleicht seltsam deuchten , als ob ich Dich von der einen Seite warne , auf der andern aber sie Dir im verklärten Lichte zeige , und so ist es auch . Ich will nämlich nicht , daß Dein eigner Charakter , der so fest und so entschieden sich schon ausspricht , sich allenfalls einem andern , der so mächtig einzuwirken vermag , sich unterwerfe , ich will aber auch nicht , daß den Handlungen , die nur der wirklich große Mensch begehen kann , ein schlechtes Urteil gesprochen werde . Was ich Dir übrigens über die de Gachet hier schrieb , ist teilweise aus dem Brief meines Freundes Ritter an mich , dieser große Mensch , der in seinem innern Wissen und Wirken die Zeiten überragt , hat eigentlich hierin den Begriff von sich selber niedergelegt . Ihn mußt Du auch noch kennen lernen , es kann sich Dir nichts Schöneres enthüllen von Menschensinn als dies kindliche , bis ins Antike hinaufragende Gemüt . Wenn ich von der gewohnten Weise , mich mit Dir zu verständigen , hier abgewichen bin , so ist ' s , weil ich die reine Menschlichkeit in Ritters Begriff in keine andre Sprache übertragen konnte . Ich möchte Dir alles zuwenden , was mich je gerührt und bewegt hat . Lerne , wenn Du auch nur dabei begreifst , wie man Dich nicht lehren sollte . Dein Bestreben sei , Dich so mit Deiner Vorzüglichkeit zu durchdringen , daß kein Mensch merke , wo Du es bist . Antworte mir und bleibe bei dem , was Deine Seele nähren kann . Ich werde Dir bald allerlei Bücher schicken . Vor allem bewaffne Dich gegen jeden Mißbrauch , den man von Deiner Zukunft machen könnte , gebe niemand auch nur das geringste davon in die Hände . Lasse nur Dir selber die Herrschaft in Deinem Gemüt , und lasse mich einen geringen Anteil dran haben , wir sind ja keine zwei ! - Adieu , Du edles geliebtes Kind . Dein Clemens Lieber Clemens ! Jetzt schreib ich gleich weiter von allem , was ich über Deine Warnungssorgen vergessen hatte . Diese Frau hat mich in einem fortwährenden Schauerriesel erhalten , und denke Dir , während ich in die Türe gelehnt sie ansah , verstummte sie oft mitten in ihrer Rede und sah sich nach mir um , keine Goldfrucht winkt lockender aus dem dunklen Grün als ihr lächelnder Blick nach mir , ich fühlte mich beschämt . Bei der Heimfahrt nahm der eine ihrer Begleiter den Platz im Whiski ein , sie schwang sich mit selbstgefälliger Anmut aufs Pferd , sie grüßte mich , als wolle sie mir sagen : schwing dich auch aufs Roß , aus allem heraus , was dich beengt , komm , vertrau mir , ich will dir die Hand reichen . - Und fort war sie ; und ich lief in den Garten und stieg auf die Pappel , wo hätt ich hingesollt , so sehnsüchtig in die Weite ? - Auf dem Gaul die Abendlüfte durchsausen im Galopp ! - Und hätt ich das gekonnt , mein ganz Glück würd ich darin finden und muß Dir alles sagen , was ich hierbei denke . Man muß doch wohl wissen , was das Gegenteil ist von aller Verkehrtheit , denn nur in dieses hinüber kann man sich vor ihr flüchten , und doch wenn sie mich wie Lüge und Gespensterwesen anschauderte und ich glaubte ihr Gegenteil , die Wahrheit , zu empfinden , so war keine Gewalt in mir dazu . Die erste Melancholie , die erste Träne , die wie eine Frage mir ins Gewissen fiel , war der Art. Ich ging einmal in so unklarer Stimmung über den Hühnermarkt in Frankfurt , auf einmal befand ich mich wie im Traum , aus einem Weltenraum in den andern hineingerissen , aus der kalten mit spazierengehenden Philistern besetzten Straße unter die befiederten , also zur Freiheit geschaffnen Tiere . Die Tauben , die man im Abendschein in Herden die sonnevergoldeten Wetterfahnen der Kirchtürme umschwingen sieht , waren hier in schmutzige Körbe eingesperrt , wo sie ihr reines Gefieder besudelten bei kargem Futter . Und morgen sollten sie von der Hand und für den Magen eben dieser Philister geschlachtet werden , in denen nie ein Naturgefühl den Lebensreiz erhöht hatte . - Es machte mich traurig , ich fühlte mich hier besser und weniger beschämt als unter den Menschen . Diese Tiere sind ein Liebreiz der Natur , sie haben Mut , sie schwingen den wolkenbringenden Winden sich nach in die Lüfte , und alle Lebensgeister in ihnen sind angefacht . So wie ich mich sehnte damals , mit den Tauben unter Gewittern die Türme zu umkreisen , so hätte ich gestern auf dem Gaul im Galopp dem gewohnten Schlendrian mich entreißen mögen . Ich hab es sehr deutlich gefühlt , was diese Frau voraus hat , dadurch daß sie so einem Reiz kann genügen . Freiheit fühlt sie in allen Gliedern auf dem Pferd , das sie zu lenken versteht , und wenn es sich bäumt und steigt und sie läßt so ruhig es gewähren , denn sie weiß , es wird sich gleich fügen , und jetzt ist sie aufgeregt durch einen Gedanken , so setzt sie dem Gaul die Sporen in die Seite , und er fliegt wie ihr Geist mit ihr zugleich dem entgegen , was sie erringen möchte . Ach , wie muß das die Kraft fördern Leibes und der Seele , wie muß das den Gedanken treiben , daß er gepanzert hervorspringt gleich und drein schlägt in den Begriff , und wie muß es das Herz heben , das Reiten ? - Nur edlen Naturen gehört das Pferd , kein Vorsatz konnte mich bewegen , auch keine Vorstellung , keine Belehrung , keine christliche Moral irgend mich selber im Zaum zu halten , das Gute zu tun , das Böse zu lassen . Aber auf einem Pferd , da würde ich zu jeder kühnen Tat , auch noch im letzten Augenblick herangesprengt kommen , denn das würde genievolle Begeisterung in mir anregen . Was ist der Unterschied zwischen Gott und Menschen ? - Daß in ihm alle Lebensreize wach sind , und aber im Menschen schlafen sie . - Er hebt das Haupt , der Mensch , weil ihm irgend etwas deucht , - er sucht seine Meinung , er glaubt sie gefunden zu haben ; er paßt sie den unbegriffnen Dingen an , die müssen sich danach zurechtsetzen lassen , und den nennt man einen Weisen , der das Ursprüngliche so lange verkehrt und das Göttliche durch Schein und Trug ersetzt , damit er sagen könne , von mir geht der Begriff aus . Und seinen verrückten Plänen fügt man sich denn , er sitzt tief im Philisterstuhl , aber von dem Feuer eines kühnen Pferdes träumt ihm nichts . Ebensowenig von der Wahrheit , die ein so lustiger und rascher Gaul ist , der über Stock und Stein hinaussetzt und ums Ziel siegend herum sich tummelt . Und da schreien die Leute über den Tollkühnen , der wie wahnsinnig über die Barriere sprengt , verbotne Wege reitet durch die gefahrvollen brausenden Wellen hinauf zum steilsten Ufer , gleich wird er verunglücken ! Die Feigen wissen nicht , daß diese tollkühnen Sätze abgemessen sind nach ewigen Gesetzen der Begeisterung , sie sind gewagt , aber in ihrem Wagen liegt ihr Gelingen . Wär ich König , ich würde die Welt untertauchen und sie gereinigt aus den Zeitenwogen hervorgehen lassen . - Was ich sage , sei es Frevel , o so ist mir dieser Frevel lieb . Wo war je ein Gebet stolz genug , daß ich gern es nachgesprochen hätte ? - Hier liegen wir im Staube vor dir , Gott Zebaoth . So mußten wir im Kloster singen und nachdem ich ' s jedesmal mitgesungen hatte , besann ich mich eines Tags , was es denn wohl heißen möge , es schwante mir , als ob dem Gott der Menschheit ein Götze gegenüber stehe , der Zebaoth heiße , denn Gott und Mensch konnte ich nicht trennen und kann es noch nicht , und Staub lecken vor dem Zebaoth , das heißt mich eine innere Stimme bleiben lassen , wenn ich Frieden haben wolle mit dem rechten Gott , der in den mondverklärten Wolken abends sich ins Gespräch mit mir einließ über allerlei und mir recht gab , wo aberwitzige Menschen es besser wissen wollten . Und wie wunderliche Reden führte mit mir oft dies oder jenes auch in der Natur . Was hab ich alles erfahren in jenen Kinderjahren ; - Wurzeln und Kräuter , eine Blumendolde , aus der bei leisem Druck der Same aufsprang - die waren mir Unterpfand und Beteurung vom Gegenteil alles Aberglaubens , sie sagen mir immer dasselbe : Frei sein , und jeder Glaubensbefehl leugnet mir das , und endlich , da die Überschwemmung der ganzen Erdenkultur auf mich losgeschwemmt kommt , da strecke ich die Hand allem Unschuldigen entgegen , um es zu retten in meinen Busen . Und jeder Begriff des Großen , Kühnen , der Lüge zum Trotz Reinen , - das ist mir ein Lebendiges , das mich anwirbt mit schmeichelnder Verheißung . Und was war dagegen , was man mich lehrte ? - Ach so unfaßlich , daß man eine Maschine sein mußte , um es nachzusprechen . Du hast mir oft gesagt , ich solle meine Erinnerungen aufschreiben aus der Klosterzeit , über die ich nun schon mehr als drei Jahre hinaus bin . Es ist alles noch lebendig in mir , ich kann aber nicht die Blütenäste vom Baum abbrechen , der ich selbst bin . Dies Klosterleben hat Knospen in mir angesetzt , Ahnungen , die zur Wahrheit müssen reifen . Denn der Baum kann nicht selber sich berauben seiner Düfte , die noch verschlossen sind . - Denn alles ist mir ja nicht ein Gegenstand , ich bin es selber . Weil es aber heute in so nächtlicher Zeit ganz toll in mir hergeht , daß ich nicht schlafen kann vor dem Gaul , der Schimmel , der mir im Kopf herumtrabt , - so weckt er mir ja ganz leidige Erinnerungen , über die ich gleich damals als junges Kind schon den Bann ausgesprochen habe . Ach ich bin doppelt froh des Lichtes , das ich in Dir sehe , denn alles , was ich Dir schreibe und sage , kommt mir vor , als gehe es von Dir aus , und ich bin so stolz in Dir , weil Du oft mich anredest , als ob es die Stimme der Weisheit sei , auf die ich lange gehorcht habe in die Ferne , und jetzt ist sie mir so nah in Dir , daß ich sie von mir selber nicht unterscheide . Aber ach ! hege keine zu großen Erwartungen von mir , bedenk , daß ja Deine Liebe mir keinen Wert mehr läßt , ich hab ihn alle für sie hingegeben . Und heut schreib ich nun nichts mehr , aber morgen . Nun ist ' s Morgen , Clemente , aber welch ein Morgen ? - Die Gachet hat sich ansagen lassen mit noch merkwürdigen Begleitern , ein Chemiker Buch , ein Gottesgelahrter Maijer , ein Pferdemaler Dalton . Dies Pferdegenie soll sehr interessant sein , der blinde Dux wird auch da sein . Ich freu mich schon auf alles , und mir klopft das Herz , aber ich werde mich doch auch selbst fühlen gegenüber der Frau , die ein Pferd regiert wie ein Mann ! - Denn kann ich nicht vielleicht auch etwas regieren , was dem Gaul gleich ist , oder mehr noch ? - Eben ruft die Großmama , wir sollen ihr Blumen holen im Garten und die Urnen frisch mit Sträußen versehen . Ich werde alle Blumenbeete rasieren , ich muß fort . Clemente , sie ist da gewesen , wie ist doch alles durcheinandergegangen . - Nach dem ganzen Abenteuer haben die Franzosen im Garten einen fürchterlichen Äpfelkrieg geführt , ich kann Dir ' s heute nicht mehr schreiben , ich muß erst noch eine Nacht drauf schlafen . Aber morgen kommt sie wieder , sie hat mir ' s im Vorübergehen ins Ohr geflüstert , sie ist des Teufels , aber ich bin auch des Teufels , ich will keine Freundschaft mit ihr , ich bin zu jung . Wär ich schon so , wie es in mir werden will , dann ritt ich stehend auf zwei Gäulen und spränge dazu durch den Reif . Mit Kunststreichen und Übermut wollt ich ihren kühnen Ritt ausparieren . Lieber Clemens , heut am Montag erzähl ich fort vom Samstag und Sonntag , diesmal gingen hexenmäßige , die Großmama in höchster Spannung haltende Dinge vor , eine galvanische Batterie ! - Der kleine rotwangige Apotheker Buch trug Blumenkörbe und Urnen hinaus auf den Hausflur . Mit Salzwasser in einer großen erdnen Schüssel wurde ein groß Geplätscher gemacht , runde Filzlappen und Taler und Kupferplatten aufeinander gelegt , viele Stimmen und Hände gingen durcheinander bei dem Aufbau der Säule . Der Herzog im Hintergrund hielt mich bei der Hand , ich mußte ihm erzählen , was vorgehe . Nachdem die Säule unter den Händen der Gelehrten mehr wie einmal umgestürzt war , baute die Vendéerin sie selbst auf , und sie blieb stehen ; es wurden negative und positive Versuche gemacht , davon kann ich nichts sagen , als daß es nicht ganz so ausfiel , wie man wollte . Die de Gachet verlangte feingesponnene Glasfäden , die Frau Wrede uns gegenüber hat eine Sultansfeder von gesponnen Glas , sie sagte mir , daß sie der Sultan dem Magnetiseur geschenkt habe , der ihn auch zu seinen Versuchen braucht , ich klingelte an seiner Haustür , wie ich den Schall der Glocke hörte , mußte ich mich fürchten , aber ich war schon im Haus die Treppe hinauf und stand schon vor ihm und wußte nicht , wie ich ' s ihm sagen solle , er kam mir aber zuvor , wie ich von gesponnen Glas anfing und gab mir den Sultan in die Hand , da sah er an meinem Finger den Ring aus dem ledernen Schuh , den Stein nach inwendig mit roter Seide umwickelt und mit Harz verklebt , ich schämte mich , ich wickelte den Faden los und reichte ihm den Ring , er besah ihn und sagte : Ein Talisman ! - und steckt ihn mir wieder an den Finger . Das war alles , was er mit mir sprach , mit dem ich doch manches schon gesprochen hatte über die Gartenwand ; ich nahm mir auch vor , gleich den Abend noch auf die Gartenbank zu steigen und mit ihm zu sprechen , ich werde Dir gleich erzählen , wie das aber nicht gegangen ist . Erst wurden mit den Glasfäden Schmelzversuche gemacht , die nicht gelungen sind , drum sollte die Säule ein paar Tage unberührt stehen und sich verstärken , die Großmama war in großer Angst , es könne daran gestoßen werden , und ließ , nachdem die de Gachet fort war , niemand ins Zimmer , die französischen Herren hatten sich im Garten versammelt , es war schon dämmerig , ich kam dazu , sie sprangen wie toll herum , machten große Sätze über die Blumenbeete , rissen die Stäbe von den Pflanzen los und schlugen aufeinander und rissen vom Spalier die gezählten noch unreifen Äpfel zum Bombardieren . - Ich war ja wie versteinert . Denk , sie hatten ihre Röcke ausgezogen und auf die Sträucher gehängt , die waren krumm gebogen von der Last , der ganze Garten war verwandelt , ich konnte keinen erwischen , so war er gleich hinter einem andern drein , und wollt ich den wieder um Gotteswillen bitten , so hatte er eins zwei drei Äpfel abgerissen und setzte über die Rabatten hinaus , um einen zu treffen , sie waren wie toll gewordne Geister , sie flüsterten und kicherten und gaben keinen Laut von sich , in der Verzweiflung rief ich : » Grand-Mama vient ! « da warfen sie ihre Munition auf gut Glück dem nächsten an den Kopf , und mit ihren Röcken wie der Wind zur Gartentür hinaus . Verwundert , daß diese alten Herren mit ihrem Podagra und Asthma so ungeheure Bocksprünge machen konnten , nahm ich den Rechen und harkte die Wege , ich steckte die weggeworfenen Blumenstäbe wieder in die Sträucher , es war schon dunkel , da suchte ich noch die abgerissenen Äpfel zusammen und legte sie an die Erde , als wären sie von selbst abgefallen , vielleicht vom Wind . Im Hof des Magnetiseurs sah ich die Leute bei einem Packwagen beschäftigt , und denk Dir , er ist fort , heute morgen , noch ehe die Sonne aufging . Das ganze Haus öde ! - Es sieht so traurig aus , der Wind spielt mit den Dachluken . - Ich hab ihn also zum letztenmal gesehen , wie er mir die Glasfäden gab . - Wie leid tut mir das ! - Die de Gachet war auch noch am Sonntag nachmittag hier , kein Mensch hatte sie erwartet und ich auch nicht , obschon sie mir es zugeflüstert hatte , so war ich ein Weilchen allein mit ihr . Wie ängstlich war mir das ! - Ach Clemens , laß uns lieber allein alles vertrauen , alles miteinander erleben und nicht mit andern . Dieser große Planet , die Gachet , erschüttert mich zu sehr , wenn er mir so nah rückt . - Sie redete von den Himmelskörpern , ihrem subtilen Ausströmen und von wechselseitiger Anziehung der Planeten in ihre Kreise , und vom innerlichen Sinn im Ozean der Gefühle , und ich war ganz betäubt . Wie komme ich ihr vor , daß sie mir so was sagt ! - Sie hielt mich fest in ihren Armen , ich hätte des Teufels werden mögen ; ich schämte mich , daß ich ihr zuhören mußte , gefangen in ihren Armen , und nichts verstand ; sie ließ mich los , wie die Großmama hereinkam ; ich wie ein entwischter Vogel sprang in den Garten auf die Bank und sah recht sehnsüchtig in den verlassenen Garten vom Magnetiseur . Da war er aber doch nicht fort , er wandelte noch ganz allein und kam gleich an die Gartenwand ; er sagte mir , seine Leute seien schon seit gestern fort , er reise in der Nacht ihnen nach . Ich habe ihm rechte Vorwürfe gemacht , daß er so fortgehe , ohne mir davon zu sagen , da fing er an zu lachen und sagte , ich hätte ihm ja Reisegeld geschickt , ich lachte auch , weil ich mich schämte zu weinen . Ach , dieser Mann war mein bester Freund . Er hat mir nie gute Lehren gegeben , aber er hat mich belehrt . Ach Clemens , leb wohl , jetzt ist ' s aus mit der Gachet , denn sie sagte der Großmama , daß sie