. Daß der Schmerz über eine verschmähte Liebe , dessen er sich schämt , sich in wilder Ironie verbirgt , das fand ich bei einem Manne eben so wahr als ergreifend , daß er aber später Nichts mehr schont , selbst nicht diese Liebe , nicht die Sitte , nicht sich selbst , das hat ihn mir verleidet . Ja freilich , für den Gebrauch der Jugend hat er nicht geschrieben ! bemerkte Robert , und ein spottender Zug wurde um seinen Mund sichtbar . Aber wüßten Sie , meine gnädige Frau , wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht , wie es oft grausam und unerbittlich die letzten Bande , die uns an unsere Kindheits- und Jugendwelt fesselten , zerreißt ; wie es uns Alles raubt , Glück , Poesie und Glauben - Sie würden Heine vielleicht anders beurtheilen . Vielleicht ! antwortete sie , aber ich müßte den Dichter beklagen , der so sehr an sich und der Menschheit irre werden konnte , daß er die Leidenschaft nur in ihren Tiefen aufsucht , wo sie der Unschönheit längst zum Raube geworden ist und dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens einflößt . Wenn ich von mir auf andere Frauen schließen kann , muß Heine ' s Zerrissenheit .... Also auch Sie , auch Sie sprechen es nach , Heine ist zerrissen ! O ! das klingt sehr groß , sehr vornehm . Aber wer ist denn ganz ? - etwa die Leute , die in enger , dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg haben ? die aus Mangel an Temperament , aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens , keine Verlockung der Sünde empfinden ? Die Leute , die den heißesten Wunsch des Herzens , das einzige Glück ihres Daseins feige aufgeben , weil es gegen ein gemachtes , bürgerliches Gesetz anstößt ? Die Leute also sind ganz , die sollen Heine beurtheilen ? Glauben Sie mir , gnädige Frau ! wer ein ganzer Mensch ist , ganz an Körper und Seele , von dieser in den Himmel gehoben , von jenem an die Erde gekettet , doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen , auf der Erde ohne das ersehnte Glück , für den Himmel nichts als eine unbestimmte Hoffnung - wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreißen läßt , wer sich nicht blutig stößt an den Barrieren und Hecken bürgerlicher und göttlicher Gesetze - der ist kein Mensch , der müßte ein Gott sein . Robert war , während er sprach , immer lebhafter geworden , und Clementine sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen , die sie so wohl kannte , und denen bei ihm nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth folgte , wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde . In solchen Augenblicken hatte sich früher oft ihr Einfluß auf sein Gemüth geltend gemacht , deshalb begann sie auch jetzt nach einer Pause , in der Robert in tiefes Denken versunken war : Nun wohl denn mir , daß ich kein Mann bin , daß mich das Leben nicht so hart enttäuscht hat , und daß mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist . Und haben Sie diesen Weg nie schwer , nie rauh gefunden ? haben Sie nie die Neigung gehabt , von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen ? Ist er Ihnen nie unbequem geworden ? Niemals ! - als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht gethan ; später hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt , und dann ist mir das eigne Gefühl ein guter Compaß geworden , dessen Nadel mir immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies . Ja ! nach Norden , sagte Thalberg , nach dem Norden der kalten Vernunft , in dem das heiße Blut erstarrt . Aber Sie erwähnten Ihrer Tante , sagte er plötzlich abbrechend , wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt ? Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen Dingen über , obgleich auch bei diesen ein Wiederhall der Erregung bemerkbar blieb , die Robert ' s Seele bewegte . Endlich hörten die Herren zu spielen auf , man ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder über die politischen Ereignisse des Tages . Robert sprach seine freisinnigen Meinungen unumwunden aus , und schien dabei verwundert , daß Clementine , die in früher Jugend wie eine gelehrige Schülerin all ' seine Ansichten getheilt , sich jetzt mehr dem Bestehenden und Hergebrachten zugewendet hatte . Mich dünkt , sagte er , Sie hätten einst mit viel größerer Theilnahme den bewegenden Ideen unsrer Zeit gehuldigt , und ich hätte Sie begeistert gesehen , als die Julitage uns eine neue Aera zu verkünden schienen . Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht ? Und wer sagt Ihnen , daß mich die große Idee der Freiheit nicht noch eben so erwärmt , daß ich den Enthusiasmus der Männer dafür nicht begreife ? antwortete sie . Damals glaubte ich aber , auch für uns Frauen sei die Freiheit , nach der die Männer streben , ebenfalls ein unerläßliches Gut , und nur von diesem Glauben bin ich zurückgekommen . Sehr mit Unrecht , gnädige Frau ! sagte der Maler . Warum sollen die Frauen , in denen wir ein Ideal verehren , nicht mit uns fühlen und mit uns Theil haben an den höchsten Schätzen , nach denen wir streben ? Warum sollte ein Geschlecht , dem Eleonore Prohaska und das Mädchen von Saragossa angehörten , nicht eben so lebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland haben als wir ? Für ein Vaterland , wandte Thalberg leichthin ein , haben die Frauen allerdings oftmals keinen Sinn , und sie können ihn im Grunde auch nicht haben . Ihre Heimath wird ihnen durch die Ehe zugewiesen , ihr Vaterland giebt ihnen ihr Mann . Würden Sie es Ihrer Frau , falls sie eine Französin oder Engländerin wäre , nicht sehr verargen , wenn sie nicht mit Ihnen von Herz und Seele eine Deutsche würde ? Und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten , die nur für eine allgemeine Freiheit , für eine Freiheit in abstracto Interesse haben können , fügte er lächelnd hinzu . Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus , gnädige Frau ? fragte sie der Obrist . Ich sage Ihnen ja , antwortete die Geheimräthin , daß ich die liberalen Gesinnungen der Männer vollkommen begreife und achte , daß ich selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin , und ich glaube , im Herzen sind wir Frauen es alle . Wir sind nicht gewöhnt , uns in die Menge zu verlieren ; wir stehen abgesondert für uns und lassen uns von den Männern , denen wir , sobald wir sie lieben , ein ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen , gern als treue Vasallen huldigen . Oder noch lieber beten wir den König unsres Herzens mit tiefster Demuth an , der uns viel mehr untheilbar ist , als es den Franzosen jemals ihre Republik gewesen . Alle lachten , und Meining sagte : Das sind auch die besten Grundsätze für Euch , denn Politik und Liberalismus kleiden die Frauen nicht . Ich kannte selbst eine geistreiche Frau , die treue Freundin eines Mannes , der Deutschland die Freiheit predigte , bis sie ihn auf dem Montmartre begruben ; und so angenehm ich sie sonst immer fand , so unerquicklich schien sie mir , wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach , die im Munde ihres Freundes groß und würdig klangen . Darin stimme ich Ihnen bei , Herr Geheimrath ! fuhr Thalberg fort , ja ich glaube sogar , daß die wahre Stellung des Weibes eine abhängige sein muß . Ich wünsche nur , daß sie von dem freien Manne abhänge , der in ihr den Menschen achtet . Unsre Liebe ist ihre Freiheit , die ihnen allen Schutz und alle Rechte zuerkennt , deren sie bedürfen . Sie müssen mit uns den Gedanken der Freiheit theilen , ohne sie selbst zu begehren , weil für sie dieselbe ein Unding ist . Im Ganzen , bemerkte der Maler , als Clementine ihre volle Zustimmung zu Thalberg ' s Aeußerung gab , werden nicht alle Frauen dieser Meinung sein ; denn , wenn sie auch die freie Frau der St. Simonisten empörend finden , so ließen sie sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren , und ich für meinen Theil wollte Nichts dagegen haben , wenn man mir einige recht schöne junge Mädchen als Schüler und Collegen zuertheilen wollte . Wenn es so weit ist , meinte der Geheimrath , lasse ich mir meine Frau zum Assistenten ernennen ! Und glaubst Du , Lieber , daß ich dazu nicht vortrefflich wäre ? Glaubst Du , wenn man mich von Jugend auf in all ' den Wissenschaften unterrichtet hätte , mit denen man die jungen Leute so früh bekannt macht , ich hätte das nicht auch erlernen können ? fragte Clementine . Im Gegentheil ; ich bin überzeugt , Du wärest der niedlichste Professor im Mousselinkleide geworden und würdest die interessantesten Vorträge gehalten haben . In Fällen , in denen psychische Leiden der Krankheit zu Grunde liegen , würde so ein feiner , weiblicher Medikus mit seiner liebenswürdigen Neugier vielleicht schneller die Quelle des Uebels errathen , als wir Männer ; denn eine gewisse Art von Scharfsicht besitzen die Frauen gewiß in höherm Grade als wir : ich meine die Scharfsicht des Herzens , die wirklich sehr groß bei ihnen ist . Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen , sagte der alte Obrist , denn in mein Fach pfuschen die schönen Hände nicht hinein ; aber ich möchte grade von Ihnen , meine Gnädige ! die Sie eine sanfte und kluge Frau sind , es einmal erfahren , was Sie sich von der Emancipation der Frauen denken , und wie Sie sich dieselbe in der Ausführung wohl vorstellen . O ! versetzte Clementine , ich habe überhaupt nicht viel daran gedacht , weil ich sie , meinem ganzen Wesen nach , für mich nie begehrenswerth fand . Emancipirt wird das Weib , wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte , durch die Liebe und in der Ehe . Da soll sie gleiche , oft schwerere Pflichten haben , als ihr Mann ; aber auch gleiches oder wenigstens ähnliches Recht . Man soll sie nicht gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnöthig Leid aufbürden , das sie nicht tragen kann , ohne zu unterliegen . Unsre Freiheit liegt in uns ; wir müssen Herr sein über uns selbst , sonst über Niemand - und so denke ich , Alles , was die sogenannte Emancipation bezwecken könnte , wäre , eine Erziehung zu befördern , die uns für unsern Beruf tüchtiger machte . Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schöne Dinge begehren Sie nicht ? fragte der Obrist . Das mag vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein , die ich augenblicklich nicht durchdenken kann . Es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen , gegen Brüder , Väter oder gegen den eigenen Mann , das scheint mir ein so trauriges Recht , wie die Trennung einer Ehe , die , obgleich ich eine gute Protestantin bin , in meinen Augen ein Sakrament und unauflöslich ist . Und so verdammen Sie Jeden , wandte der Maler ein , der sich scheiden läßt , weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht mehr ertragen konnte ? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils , oder auch nur ganz verschiedene Gesinnungen das Zusammenbleiben zu einem Unheil machen und ein Glück untergruben , das in einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei Menschen erblühen könnte ? Verdammen kann ich Niemand , sagte Clementine bewegt , nur das weiß ich bestimmt , daß ich lieber sterben möchte , als mein Wort brechen , und daß ich die Möglichkeit , wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten könne , nicht begreife . Mit den Worten hob sie die Tafel auf . Meining küßte sie , trotz der Anwesenheit der Fremden , auf die Stirne ; sie machte sich aber eilig von seinem Arme los , ging mit Thalberg , der zuletzt gar keinen Antheil mehr an der Unterhaltung genommen hatte , voran in den Salon , und man trennte sich dann bald darauf . Zehntes Capitel Thalberg an den Hauptmann v. Feld . Den 18. December . Du hast wahr prophezeit , mein Freund , ich bin noch immer in Berlin und bleibe wol auch noch einige Zeit hier . Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg beginnen ? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein , grüble über Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken , ohne daß damit in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird . Augenblicklich bin ich auf meinen Gütern gar nicht beschäftigt ; meine Anordnungen für die Ausführung meiner Zwecke sind getroffen und müssen nun ruhig fortwachsen , ungestört , um zu gedeihen . Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter , auf den ich mich verlassen kann , und ich habe ihm heute die nöthigen Befehle zukommen lassen , mit der Weisung , daß ich die Weihnachtszeit , ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen würde , und daß er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde herschicken solle . Ich behalte mein Coupee , das ich zur Reise benutzte , hier und habe gestern einen Schlitten gekauft , der Dir sehr gefallen würde . Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen , mich häuslich eingerichtet , die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin . Die Abende , welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind , bringe ich häufig bei Geheimrath von Meining zu , wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht . Sehr viel trägt dazu die Geheimräthin bei . Sie ist voller Geist und Gefühl ; anregend , wie keine Andere ; dabei die angenehmste Haltung und eine Höflichkeit , die bei ihr aus dem Herzen kommt . Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz ! Mich dünkt oft , wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe , ich müßte ihn aus hundert andern als den ihren erkennen . Es ist ein Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem , was zu ihr gehört ; und obgleich ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist , sieht es doch vollkommen anders aus , als bei den Uebrigen . Mir wenigstens wird schon behaglich und heimisch , wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke , den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfüllt . Wenn ich mir denke , daß diese schöne junge Frau dem alten Manne gehört , den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann , thut sie mir immer leid ; und ich gestehe Dir , mir ist oft der Gedanke gekommen , ich hätte ein Unrecht gegen sie gut zu machen , und sie wäre glücklicher gewesen , wenn sie mein geworden wäre . Fände ich eine Frau , die ihr gliche , in deren Seele ich so klar lesen könnte und die mich so vollkommen verstände , als sie , ich glaube , dann entschlösse ich mich doch zur Ehe . Daß mein einsames Leben auf Hochberg im Grunde traurig ist , das fange ich erst hier wieder zu fühlen an . Du siehst , Dein guter Rath von neulich trägt vielleicht noch seine Früchte ; willst Du ihn aber wirksam unterstützen , so benutze die treffliche Schlittenbahn , mich hier zu besuchen . Ich habe hinlänglich Platz für uns Beide . Derselbe an Denselben . Am zweiten Weihnachtstage . Ich kam gestern Abend zu Clementinen , um sie zu bitten , morgen bei einer Schlittenpartie , die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten , meine Dame zu sein . Es war etwa sechs Uhr . Der Diener , der mich melden ging , sagte mir gleich , Herr Geheimrath hätte außer dem Hause gespeist , die gnädige Frau sei zu Hause , aber er zweifle , daß sie mich annehmen würde . Dabei that er so geheimnißvoll , lächelte so pfiffig , daß ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Eßsaal folgte , der nur noch durch Clementinen ' s Wohnzimmer von ihrem Arbeitskabinet getrennt ist , das ich noch nicht kannte . Im Wohnzimmer brannte nur eine matte Lampe , und da der Diener nicht ahnte , daß ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe gefolgt war , ließ er die Thüre offen , so daß ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte . Ich sah in ein höchst zierliches , kleines Gemach , mit grüner Seide tapeziert . Gegen das Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern , eine Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher , und ich hörte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen , ehe ich die Kleinen sah . Eine der kleinen Stimmen rief grade : Aber Tante Clementine ! Du hältst ja gar nicht still ! Endlich sah ich Clementine . Sie lag in einer grünen Couchette , die vor dem Kamin stand , und hielt ein schönes , zweijähriges Mädchen in den Armen . Zwei ältere Mädchen , etwa fünf- und siebenjährig , waren um sie beschäftigt , das eine ihr das Haar aufzuflechten , das andere ihr eine Masse von Corallen , die auf einem Tische vor ihnen lagen , umzubinden . Es war ein wundervolles Bild ! Clementine war schöner , als ich sie je zuvor gesehen . Das schwarze Haar hing in aufgelösten Wellen herab , gemischt mit dicken Corallenschnüren , von denen ihr einige wie eine Binde über der Stirne lagen . Die Kinder hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen , das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behängt , den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte . Hände , Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein geröthete Gesicht bezaubernd in dem Ausdruck von Glück , der aus ihren Augen strahlte . Sie erhob sich , als ich gemeldet wurde , rasch von ihrem Divan , und gab dem Diener den Befehl , mich in ihr Wohnzimmer zu führen ; sie würde gleich bereit sein , mich zu sehen . Die Thüren wurden zugemacht , ich ging schnell von meinem Lauscherposten zurück und wurde nach einigen Augenblicken in das Cabinet geführt , das einen ganz veränderten Anblick gewonnen hatte . Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaßen geordnet , die beiden größern Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume , und nur das kleinste saß bei Clementine auf dem Divan . Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt , sich in eine große , schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen : Entschuldigen Sie es , daß ich Sie hier in der Unordnung empfange ; ich habe mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muß nun zusehen , daß sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen . Sie hielt das Kind , das sich ängstlich an sie schmiegte , auf dem Arme , während sie stand ; nöthigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr . Ich war so entzückt über die Scene , daß ich eigentlich Nichts begehrte , als sie anzusehen ; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen . Ich fragte , wer die Kinder wären , und erfuhr , es wären die Töchter einer Familie , die in dem Hause wohne und ihr die Kinder bisweilen überlasse . Es sind meine Gäste , fügte sie hinzu , wenn Meining nicht zu Hause ist , dem sie zu viel Geräusch machen , und ich habe sie mir heute geladen , um ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten , die ich ihnen oft verdanke . Jetzt im Winter , wo die Natur uns keine Blume bietet , sind das meine lieben Pflänzchen , deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich freut . Sie glauben nicht , wie gut und wie gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist . Halb mit mir , halb mit den Kindern beschäftigt , sprach sie abwechselnd scherzend mit ihnen und mit mir . Ich hätte stundenlang so sitzen mögen . Plötzlich merkten wir ein helleres Aufflammen der Weihnachtslichter . Clementine , die sehr ängstlich besorgt für die Kinder schien , bat mich , die untern Lichter , an welche die Kinder reichen könnten , auszulöschen . Ich that es und nahm nun auch die beiden größern Mädchen zu uns hin . Nun ging es an ein Plaudern : Tante ! wer ist der Herr ? Ist das auch ein Onkel ? Clementine bejahte die Frage und nannte meinen Namen . Warum bist Du nicht immer hier , Onkel ? - Weil ich nicht immer hier sein darf . - Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb ? - O ! sehr , sehr lieb ! rief ich hingerissen aus . - Kannst Du uns denn leiden ? fragte die kleine Emma , unsre Wärterin sagt , der Onkel Geheimrath könne uns nicht leiden , weil er schon so alt ist . - Tante , unterbrach Röschen , behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining fort . Ja ! Tante ! thue das , dieser Onkel , der ist so schön und freundlich wie Du bist , schick ' den alten Onkel fort ! - Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so schnell durch einander , daß man gar nicht Einhalt thun konnte . Clementine wurde roth , und Thränen , die sie mir verbergen wollte , traten ihr in die Augen , als sie sich rasch zu Emma bückte . Schäme Dich , sagte sie , daß Du so von dem guten Onkel Meining sprichst . Wenn Du ihn nicht lieb hast , dann kann ich Dir auch nicht gut sein , und Du darfst nicht wiederkommen , Du böses Kind ! Ihre Stimme bebte , ich fühlte , was sich in ihr regte , und ich hätte ihr dies Leiden mit meinem ganzen Sein vergelten mögen ; denn , was soll ich es Dir verbergen - ich liebe Clementine . Wie spielt das Leben mit uns , mein Freund ! und wie wenig verstehen wir unser Glück . Diese Frau war einst von Herzen mein , und ich konnte sie verschmähen ; sie liebt mich noch , und ich kann sie nicht besitzen . Ich habe ihr Leben zerstört , das fühle ich , und die Rache bleibt nicht aus ; denn jetzt erst weiß ich , daß ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe . Wie war es möglich , daß ich diese Liebe verkannte ? Sie ist das einzige , wahre Gefühl meines Herzens gewesen , und ich selbst habe mich um mein Glück gebracht . Ihr und mein Unglück habe ich selbst bereitet . Um ihr nicht zu sagen : ich bete Dich an ! um ihr nicht zu Füßen zu fallen , stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag . Clementine lehnte sie entschieden ab , da ihr Mann an dergleichen keinen Theil nähme und sie , ohne ihn , solche Partien nicht mitmache . Ich bekam einen Dank und empfahl mich - ein unvergeßliches Bild in der Seele . Aber es ist mir lieb , sehr lieb , daß sie nicht mit mir fährt ; sie hat Recht , sie soll Alles vermeiden , was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte . Grade weil ich sie liebe , will ich selbst über sie wachen ; ja fast könnte ich wünschen , sie liebte mich nicht mehr , damit der reine Friede ihres Herzens nicht getrübt werde - und doch scheint mir das Leben sehr arm ohne das Bewußtsein ihrer Liebe . Daß ich bleibe , bedarf nun keiner weiteren Bestätigung mehr . Der Hauptmann an Robert . Den 27. December . Sage mir , was fängst Du an ? Wirst Du denn niemals Ruhe finden ? Denkst Du nicht mehr , daß Du Brigitte eben so heiß geliebt , daß sie Dir auch das vollkommenste der Weiber dünkte ? Rede mir nicht mehr davon , daß Du noch bleiben willst ; wenn Dir Clementinen ' s Ruhe und Ehre werth sind , eile sie zu verlassen , ehe es für Euch Beide zu spät wird . Grade weil ich überzeugt bin , daß Clementine nie einen Andern liebte , als Dich , weil auch ich glaube , daß nur Vernunft und Pflicht sie an ihren Mann fesseln , weil ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und fürchte , grade darum mußt Du fort . Und was willst Du ? Sie zwingen , noch unglücklicher zu werden , als sie es vielleicht schon ist ? Vielleicht war es nur ihr reines Bewußtsein , das sie bisher aufrecht erhielt , willst Du ihr das rauben ? Willst Du die Ehre ihres Mannes , der Dich gastlich aufgenommen , ihren häuslichen Frieden , Deinen Wünschen opfern ? Du wirst es thun , aber sage mir nie mehr , daß Du Clementine geliebt hast . Robert an den Hauptmann . Den 29. December . Deinen Brief habe ich erhalten , lieber Feld ! Deine Vorwürfe vergebe ich Dir , weil ich sie nicht verdiene . Clementine ist mir heilig wie meine Ehre . Wie kannst Du aber Brigitten ' s nur erwähnen , im Vergleich zu Clementinen ? Jetzt fühle ich es mehr als je , daß nur Sinnlichkeit und Verblendung mich an Brigitte fesselten . Als ich sie zuerst sah , als der entzückte , stürmische Beifall des Publikums sie über sich selbst erhob und sie alle Leidenschaften , die das Herz der Orsina durchtobten , selbst zu fühlen schien , und nun dastand , ruhend in sich , abgeschlossen , fest und groß , mitten in einer untergehenden Welt , erschien sie mir so gewaltig , daß es mich trieb , dies Weib kennen zu lernen . Ich fand in ihr , was ich erwartet hatte , einen großen Charakter , ein glühendes Herz , versunken im Strudel des Lebens . Stunden des leidenschaftlichsten Entzückens hat sie mir gegeben . Liebe bedurfte sie nicht , flößte sie nicht ein . Ich war eitel darauf , sie zu besitzen , die Alle mir beneideten ; ich freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren Triumphen . Wenn die Blicke der staunenden Menge trunken an ihr hingen und ihr kühnes Auge nur mich suchte , dann habe ich ein eigenthümliches Glück empfunden . Es liegt ein großer Reiz in der Hingebung einer Frau , die der Bühne , der Welt angehört . Sie regte meine Phantasie mächtig an , meine Sinne waren in dem höchsten Aufruhr , ich war außer mir . Ich hätte sie und den Grafen ermorden können , als sie mit ihm entfloh - ich hätte mit ihr die Welt durchziehen , mich mit ihr vernichten mögen ; aber nie ist es mir eingefallen , niemals , sie mir als meine Hausfrau zu denken , wie Clementine mir ewig vor Augen steht . Wäre Brigitte mir treu gewesen , ich hätte vielleicht nie an Haus und Weib gedacht , sie hätte mich fortgerissen . An ihr unstätes Leben gekettet , hätte ich mich über mich selbst , über sie , über Alles noch lange , wer weiß , ob nicht fast für immer getäuscht ; denn sie war eine Titanennatur , der man schwer widerstand . Nun aber ! Hättest Du Clementine , die schöne Geliebte meiner ersten Jugend , gesehen wie ich , in der züchtigen Haube , die Kinder um sie her und sie selbst ein frohes Kind mit ihnen : Du würdest wie ich keinen andern Gedanken haben , als sie . Wenn ich sie mir denke , als mein Weib , mit meinem Kinde , in den Zimmern meines Schlosses - ich wäre der seligste Mensch geworden . Ach ! » ich wollte unendlich glücklich sein oder unendlich elend - und jetzo bin ich elend . « Sie verlassen kann ich nicht ; genug , daß sie sich mir entzieht , so viel sie kann , daß ich sie fast nur in Gesellschaft sehe . Ich weiß es ihr Dank , daß sie mich flieht ; denn grade ihre Sittenreinheit ist es , die ich an ihr liebe . Und doch bleibe ich in Ihrer sanften Nähe . Ich weiß , sie und ich , wir haben Beide keine Hoffnung auf Glück , als das , uns in flüchtigen Momenten zu begegnen , die abzukürzen ich nicht den Muth habe . Denke von mir , was Du willst ; ich bleibe . Elftes Capitel Aus Clementinens Tagebuch . Am zweiten Weihnachtsabend . Gott im Himmel ! womit habe ich mein Loos verschuldet ? Wie wage ich es noch , Meining in das Auge zu sehen , mich auf seinen Arm zu stützen , während mein Herz Nichts mehr kennt , als jene unglückselige Liebe ? Ach , ich hätte mich so gern getäuscht ; ich wollte mich überreden , daß ich ihn jetzt mit Ruhe sehen , daß er mir ein Freund werden , daß er mein armes , einsames Leben verschönen könne . Und ein Kind mit seiner Einfalt muß mir die Falschheit meines Herzens aufdecken . Arme , kleine Emma ! was kannst Du dafür ? Ich wollte ihn nicht mehr sehen ; aber wie soll ich das machen , ohne Meining ' s Aufmerksamkeit zu erregen ? So muß ich ihm täglich begegnen , mich verstellen , lügen und kalt scheinen , während die heißeste Liebe mich zu ihm zieht , während ich fühle , wie er mich liebt . Und ich habe keine Wahl ! Ich muß fortschreiten auf dem Wege des Trugs ! Meining ' s Frieden , seine Ruhe müssen erhalten werden , Robert darf es nie erfahren , wie ich ihn liebe