glücklich wärest , befriedigt , ruhig . - « » O , ich bin außerordentlich ruhig . « » Nun so setze Dich zu mir und erzähle mir von Deinem Leben . « » Erzählen - ja ! sitzen - nein ! Das Sitzen , lieber Anastas , ist eine entsetzliche Erfindung . Zum Gehen , Stehen und Liegen ist der Mensch geschaffen , das zeigt seine schöne , lange , gestreckte Gestalt , die vom krummen , geknickten , verbogenen Sitzen ganz krüppelhaft wird . Meine Gedanken verrosten , wenn ich sitze , und das macht nicht ruhig , sondern nur schläferig . Ruhig bin ich , wenn alle Kräfte in Bewegung sind und wie die Strahlen einer Fontäne springen . Ruhig bin ich , wenn meine Seele eine große Landschaft ist , wo im Westen die Sonne purpurgolden glüht , und unter ihr Blitze gleich Silberschlangen aus dem Gewölk auftauchen , wo im Osten der Mond friedlich hervorkommt , wie ein unschuldiges Kind , das von fern einer Schlacht zusieht , wo der Donner wie ein geschlagener , grollender Feind scheu entflieht , indessen die Vögel ihre Siegeshymnen anheben , wo die ganze Erde opferraucht und glänzt wie ein geschmückter Altar - o mein Anastas , dann bin ich himmlisch ruhig ! und nur dann . « Sie warf sich auf das Sopha , ganz erschöpft . Andlau kniete neben ihr nieder und wollte ihren Kopf an seine Brust legen ; aber sie sagte : » Laß mich ! da steht ein Piano , es wird schlecht genug sein , aber spiele ! ich habe Dich so lange nicht gehört ! und nie sprichst Du lieblicher zu mir als in Tönen . « Andlau küßte ihre wunderschönen Füße , und setzte sich ans Piano . Er spielte vortrefflich ; am liebsten und am schönsten phantasirte er . Er fing zuweilen an nach Noten zu spielen , aber wenn ein Akkord oder eine Melodie oder irgend etwas kam , was ihn frappirte , so verließ er den Componisten , und löste in eigener Weise jenen Akkord auf . Er überdachte in Tönen den Tongedanken des Componisten , so wie man Randbemerkungen auf ein Buch schreibt . Musik ! das ist eine Kunst ! alle andere Künste sind keine , sie haben immer ihr Vorbild in der Natur , und wollen die nachahmen , wenn ' s hoch kommt - sie verklären . Menschenform und Menschenwesen zu idealisiren , oder den Raum zu verherrlichen , worin der Mensch sein Treiben hat - ist ihr Ziel , lieblich wie jedes Ziel , das über die Befriedigung des materiellen Bedürfnisses hinausgeht . Aber der Marmorgott und die gemalte Heilige werden unsersgleichen , gehen mit uns Hand in Hand ! aber die Poesie , welche die natürliche Sprache des unbefangenen Menchen ist , giebt unsre eigenen Gedanken mit unsern eigenen Worten uns wieder ! Die Musik hingegen verschönt nicht diese Welt und ihre Erscheinungen , sondern überwölbt sie mit einer zweiten , in der wir schweben gleich körperlosen Engeln , die Flügel haben unter einem strahlenden , liebenden , gläubigen Angesicht . Und das bewirkt sie durch Klänge , welche auf Zahlen sich gründen , durch Zahlen bezeichnet werden können , und aus der Zusammenstellung von Holz und Metall zauberisch , fabelhaft , hervorgelockt werden . nach klugen , tiefsinnigen , regelrechten Berechnungen , entdeckt die Musik über der Erde eine neue Welt , wie Columbus auf der Erde es gethan - eine Welt voll primitiver Kraft und Herrlichkeit , eine Welt , in der jeder sein Eldorado sucht , und zwar ohne Klugheit und Tiefsinn zu haben , und ohne die Regel zu verstehen ! ein Paradies , worin jeder Zutritt hat , der eine Seele empfing . Kinder , Wilde , Greise , zu unentwickelt oder zu stumpf für die Schönheiten des Meißels und Pinsels , nehmen Theil an dem Zauber der Musik , und Wiegenlied und Grabgesang geleiten unsre ersten und unsre letzten Schritte im Leben . Die Poesie hieß in ihrer Frühlingszeit » die heitre Kunst , « und damals mit Recht , denn sie mußte aus der harmlosen Sprache , der noch die Eierschaalen der Rohheit und Unbeholfenheit anklebten , den buntgefiederten , tirilirenden Vogel herausschälen , den man Minnelied nannte , und der unter Musikbegleitung , als Improvisation , oft nach selbsterfundener Melodie , bei glänzenden Festen und frohen Gelagen zur Erhöhung der Lust über die Lippen des Dichters schwirrte . Seitdem sind aber lange Jahrhunderte vergangen , und die Poesie hat sich im Laufe derselben mißlaunig wie eine alte Jungfer in die Einsamkeit zurückgezogen , und sich auf Gelahrtheit und Schulmeistereien geworfen , weil sie doch gern , wie alle alten Jungfern , ein Wörtchen mitredet , und weil ein dozirender Ton , bald spöttisch lächerlich machend , bald superklug ermahnend , am meisten Effect macht bei den spöttischen , superklugen Leuten unserer Zeit . Sie ist nun ein Stubenhocker , ein Bücherwurm , die Poesie ! hat die Beine unter dem Schreibtisch und Dintenflecke an den Fingern , treibt finanzielle und administrative Speculationen , schreibt Hymnen über Dampfmaschinen und Oden über Trottoirs von Asphalt , und wenn Jemand sie sich anders vorstellen kann , als mit einer blauen Brille über einer impertinenten Nase , den beneide ich um seine frische Phantasie . Das bischen Heiterkeit , das noch in der Welt , hat sich in die Musik geflüchtet , und wo es nur ein Fest giebt , für vornehm oder gering , in frescogemalten Sälen oder unter grünen Bäumen , Musik muß dabei sein . Nie wird munterer geplaudert , als wenn es Musik giebt : in jeder Soiree , bei jeder Tafel kann man sich davon überzeugen . Und das Volk nun gar ! Wie schmaust der Wiener so behaglich seine gebackenen Hähnel , mit welchem Wohlgefallen trinkt der Dresdner seinen miserabeln Kaffee , wenn es nur Musik dabei giebt . Wie es in Berlin zugeht , weiß ich nicht . Ich habe gehört , daß das Volk viel Weißbier trinken soll , kann mich aber nicht davon überzeugen , weil ich gar keine Menschen erblicke , die wie » das Volk « aussehen . Geputzt und geziert , geschniegelt und gebiegelt wie unser einer , habe ich wol im Thiergarten große Schaaren gehen und sitzen sehen ; aber sie kamen mir Alle vor , als sprächen sie : » wir sind viel zu gebildet , um uns mit etwas so Gemeinem wie essen und trinken abzugeben . « Wenn wirklich » Volk « in Berlin existirt , so muß es ausgeschieden wie Parias leben . Man dringt nicht zu ihm . - Dies Alles nur so beiläufig . Eigentlich wollt ' ich sagen : da die Musik von Orpheus an bis zum Rattenfänger immer Wunder gethan , so ist es kein Wunder , daß sie auch Faustinens rasches , heißes Herz zur Ruhe brachte . Ohne sich länger in Kissingen aufzuhalten , ging sie mit Andlau nach Belgien , dessen alte Geschichte und alte Künste sie mehr interessirten , als dessen moderne industrielle Betriebsamkeit . Graf Mengen lebte ziemlich einsam in Dresden . Die Häuser einiger Minister gaben dann und wann den Ueberresten der zerstreuten Gesellschaft Gelegenheit sich zu sehen ; jedoch war kein Nerv und kein Magnet darin , am wenigsten für ihn . Die Oberfläche des Lebens mußte sehr schillernd sein , sollte sein Auge an ihr haften bleiben , und um in die Tiefen hinabzusteigen , muß man einen andern Impuls haben , als Neugier und momentane Theilnahme . Stolz , kalt und rein ging er durch die Welt , nichts fürchtend , als aus seinem innern Gleichgewicht zu kommen , in Schwankungen zu gerathen und die Herrschaft über sich zu verlieren . Das geschieht aber leicht , wenn man sich in die Tiefen des Lebens hineinwagt . Dante zagte in der Hölle und war geblendet im Himmel ; aber er ging , weil Beatrice es gebot und ihm den Führer schickte . Nicht Alle haben eine Beatrice und einen von ihr gesendeten Virgil . Mengen hatte keine . Er liebte den Umgang mit Frauen - als Unterhaltung und weil die Eitelkeit eines schönen und gescheuten Mannes immer ihre Rechnung dabei findet . Doch ward er besser von Männern verstanden , als von Frauen . Er lachte viel ; darum hielten ihn die Frauen für sehr lustig ; die Männer wissen aus Erfahrung , daß der Mann oft lacht , weil es sich für ihn nicht schickt zu weinen . Mario lachte über seine eigenen kolossalen Wünsche und ihre winzige Erfüllung ; er lachte über das Maskenspiel , welches Kopf und Herz treiben , wenn dem einen Theil daran liegt , sich auf drei Minuten von dem andern hintergehen zu lassen ; er lachte über den Sieger , wenn Verstand und Gefühl ihre kleinen Händel zusammen ausfochten , und sprach zu ihm : morgen wirst du der Geschlagene sein ; er lachte über sich selbst , wenn er sich gegen die Macht der Empfindung durch Spott und Scherz wie hinter Wall und Mauer verschanzte ; er lachte , weil er sehr ernst war , ein fester Pilot , der seinen Nachen ungefährdet durch die Strömung zu bringen sucht , indessen die Brandung des konfusen , strudelnden Lebens ihn die wunderlichsten Sprünge , welleauf , welleab , machen läßt . Und weil er lachte , so behielt er den frischen Muth , welcher nie die Arme schlaff sinken läßt . Jeder Zustand , jedes Verhältniß war ihm ein neuer Sporn , eine höhere Stufe . » Sei dir selbst getreu - hatte sein Vater zu ihm gesagt , als der fünfzehnjährige Mario das älterliche Haus verließ - sei bereit für das , was Du als recht erkannt , nicht blos zu sterben , das ist bisweilen dem Jünglinge sehr leicht , sondern zu leben , und das ist fast immer sehr schwer . Aber es lohnt nicht der Mühe des Lebens , wenn Du nur das Leichte thun willst . « Dies war der Segen , den der Vater dem Sohne gab , und als der Sohn ihn zu seiner Richtschnur machte , ward der Vater sein Freund ; denn nach denselben Grundsätzen leben und handeln - das stiftet Freundschaft zwischen Männern ; Mario betete seinen Vater an . Trotz der großen Selbstständigkeit , zu welcher dieser ihn früh gewöhnt , brachte er Alles vor des Vaters Forum , was - nicht der Entscheidung , die traf er selbst - der Billigung bedurfte . » Das war recht , « sagte dann der alte Mengen , und Mario erwiderte : » Ich wußte es . « Bei großen und kleinen Dingen , bei ernsten und unwichtigen Gelegenheiten , erklang oft die Stimme des Vaters , ohne daß Mario daran dachte , vor seinem Ohr . Er liebte einst eine Frau , ein schönes , liebliches , verlockendes Wesen . Es mußte zu irgend einer Entscheidung kommen . » Nun , Mario ? « fragte ihn der alte Mengen , obgleich er funfzig Meilen von dem Sohn entfernt war , und Mario zerbrach die Fessel . Ein andres Mal hatte er die tollkühne Wette gemacht , auf der Balustrade eines hohen Kirchthurms frei umherzugehen . Er begann die gefahrvolle Promenade und war fast am Ziel , als der Schwindel ihn so gewaltig packte , daß Blei in seinen Füßen und ein Flor auf seinen Augen lag . Da hörte er seinen Vater : » Aber Mario ! « sagen ; der Schwindel wich , er ging um den Thurm . - In jeder Krisis , auf jedem Wendepunkt des Schicksals gab ihm sein Vater hülfreich die Hand . Mit Feldern verkehrte Mario ziemlich viel , obgleich kein tieferes Interesse Beide verband , als Erinnerung an die lustigen Studentenjahre . Feldern , in Vermögensumständen beschränkt , mit trocknen Arbeiten überladen , von gewöhnlichen Fähigkeiten , nur dem Wunsch nachgehend , sobald wie möglich die Geliebte in das bescheidne eigne Hüttchen zu führen - war ziem lich gleichgültig gegen allgemeine Verhältnisse , sobald sie nicht auf irgend eine Weise ihn berührten . Er that das Nächste , das ihm Vorliegende , pünktlich und treu , aber nur , weil es eben sein Geschäft war , und ohne Faden daraus zu ziehen , die er zu eigenen We bereien hätte verbrauchen können . Von Marios rast losem Vorwärtsstreben , von dessen glühender Theilnahme an jeder Erscheinung der Zeit , von dessen regem Ehrgeiz , durch selbstständiges Handeln und Wirken mehr zu sein , als eine Null , welche die Zeit in ihrem großen Rechenexempel gebraucht , um die Zahl voll zu machen - hatte Feldern keine Vorstellung . » Minister werd ' ich doch nicht , « sagte er einst zu Mario , als dieser ihn gefragt , warum er nicht eine Stelle annehme , die man ihm , zwar mit überhäufter Arbeit und ohne pecuniäre Verbesserung , aber in einem höheren Collegium , vorgeschlagen . » Wie kannst Du so genügsam sein ! « rief Mario ungeduldig ; » warum Du nicht so gut Minister wie ein Anderer ? Als man den nachmaligen Papst Johann XXIII. fragte , weshalb er nach Rom gehe , antwortete er : um Papst zu werden ! und wurde es . Man muß nur Hand anlegen , und vor allen Dingen die Zuversicht haben , daß in der Sphäre , die wir durchwandern , das Höchste uns erreichbar sei . « » Aber ich bin genügsam , das liegt in meinem Character ! ein kleines Glück , nur recht rund , nur recht ruhig , das befriedigt mich . Ein großes würde mich betäuben , verwirren , trunken machen , und in dem Rausch würde ich es nicht festhalten können . Und dann der Neid ! und dann die Scheelsucht ! und dann die feindlichen Blicke und Worte , die den Glücklichen treffen : Basiliskenaugen bei Katzenbuckeln ! und dann die Launen der Gönner , welche immer sultansmäßig mit den Lieblingen verfahren - die Glücksgöttin selbst nicht ausgenommen - und dann die innern Anfechtungen .... « - » Bester Feldern , nimm ' s nicht übel , Du sprichst wie ein zaghaftes Frauenzimmer . Ist denn die ganze , große , reiche , prächtige Welt nicht für uns Alle da ? und nicht blos als ein Tafelaufsatz von Glas und Porzellan , den wir , die Hände unterm Tischtuch , bewundern - sondern als eine Arena olympischer Spiele , wo es zwar Staub giebt , Getöse und Geschrei , Pferdegestampf und Wagengedränge - aber Triumph am Ziel . « » Und was wird uns für den mühsam errungenen Triumph ? « » Ein grüner Kranz . « » Nun wahrlich , Freund , Du bist genügsam , ich erwartete doch wenigstens , mit einem goldnen Diadem oder einer Rosenkrone Dich geschmückt zu sehen ! aber ein schlichter , grüner Kranz ! .... « - » Ja , ein schlichter , grüner Kranz ! « rief Mario und seine Augen flammten von tiefem Feuer , » Gold- und Purpur- und Blumenkränze wären ja Lohn , und wer mag denn dafür belohnt werden , daß er sein Ziel erreicht hat ? das Bewußtsein will er ! und der schlichte , grüne Kranz ist ein Symbol des Bewußtseins . « » Und das genügt Dir wirklich vollkommen ? nach keinem andern Glück verlangst Du ? kein heitrer Genuß des Errungenen würde Dich freuen ? « » O , « sprach Mario lachend , » was das Verlangen betrifft , so verlange ich ein ganz foudroyantes Glück - wenigstens ! sonst aber nichts ! nichts Halbes , nichts Mittelmäßiges , nichts Theilbares , sondern eben - Alles . Und wie es dann mit dem Genuß beschaffen sein mag - das mögen die Götter wissen , die allein solch Glück verleihen können . Bis jetzt war streben mein Leben , und der Genuß des Erstrebten war ein kurzer , rosenroth verträumter Schlaf , aus dem ich noch immer erwacht bin , begierig nach fernerem Leben . « » Und bist Du glücklich mit diesen Gesinnungen ? ich meine , abgeschlossen in Dir , sicher , ruhig , befriedigt ? « » Glücklich nenne ich nur den , welcher Spielraum findet , all seine Kräfte zu entwickeln und dadurch sein Wesen zu höchstmöglicher Vollendung zu bringen . Selten wird es dem Menschen so gut , daß alle seine Knospenanlagen Blüthen - noch seltener , daß sie Früchte werden - es kommen zu viel Stürme ! Wenn Du nur fertige Menschen glücklich nennst , so bin ich nicht glücklich , und werde es dann auch vielleicht nie werden . Mir scheint , wer in der Jugend abgeschlossen , ist im Alter verdorrt , oft vor dem Alter - ein versteinter , bemooster Säulenheiliger . Ich mag keiner sein . Ich will auf der Erde stehen und mit allen Sinnen ihrer Lieblichkeit mich freuen . « » Und Du denkst ernsthaft daran , Dich zu verheirathen ? « » Zuweilen - für die Zukunft . Ich denke , es muß angenehmer sein , eine Sonne zu werden , um welche ein ganzes Planetensystem sich bewegt , als ein Planet zu bleiben , der die Familiensonne umkreist . Der Fixstern gefällt mir zwar am Besten durch seine grandiose Unabhängigkeit ; aber die unruhige , bewegliche Seele verträgt sich nicht mit der Fixstern-Natur . « » Doch gehört sie einigermaßen zur Ehe . « » Ich meine , die Ehe giebt sie . « » Wenn man die Fähigkeit dafür mitbringt . « » Diese zu entwickeln , werd ' ich meiner künftigen Frau überlassen . Aber wann werd ' ich die Bekanntschaft Deiner Braut machen ? « » Willst Du morgen mit mir hinaus ? « » Gern . « Sie ritten am andern Tage das heitre Elbufer gen Meißen hinab . Der Landsitz von Fräulein Cunigundens Eltern lag auf halbem Wege dorthin . Mario forderte seinen Freund auf , ihm eine Beschreibung der Geliebten zu machen . « » Sie würde parteiisch ausfallen , « entgegnete Feldern ; » Cunigunde ist nicht eigentlich schön , wenigstens glaub ' ich , daß ihre Schwestern schöner sind .... « - » Diable ! sie hat Schwestern ? warum sagtest Du mir das nicht früher ? Du mußt wissen , ich hüte mich sehr , in ein Haus eingeführt zu werden , wo unverheirathete Töchter sind . Man steht oft mit dem linken Fuß noch auf der Schwelle , und soll schon mit dem rechten vor den Altar treten . « » Cunigundens Schwestern sind allerliebst . « » Und sie selbst ? « » Allerliebst wäre keine Bezeichnung für sie . « Es wird eine häßliche , verständige , grundgute Person sein - dachte Mario , und wandte das Gespräch . Bald war das Ziel erreicht . Durch ein Gitterthor , an dem zwei prächtige Linden Wache hielten , ritten sie in einen zierlichen , gartenmäßigen Hof , vor das nette Landhaus , unter dessen um einige Stufen erhöhten Vorhalle Damen arbeitend saßen . Feldern ward freundlich empfangen , und stellte der Frau von Stein und ihren beiden jüngsten Töchtern Graf Mengen vor . Dann fragte er nach Cunigunden . Sie war mit dem Vater in den Weinberg gestiegen , um zu sehen , ob die Trauben noch nicht reifen wollten - was seine einzige , aber ihm durchaus genügende Beschäftigung war . Eben als Feldern sie aufsuchen wollte , kam sie mit dem Vater zurück . Mario stand versteinert bei ihrer Erscheinung . Ist Feldern toll geworden , dachte er , oder will er mich necken ! diese Person soll nicht schön sein ? nicht einmal so schön , wie die beiden kleinen albernen Schwestern ? er ist blind - er ist rasend ! - - Feldern näherte sich äußerst zärtlich der Braut ; aber - war es die Gegenwart des Fremden oder lag es überhaupt in ihrer Weise - sie empfing ihn kühl . Sie machte eine so graziös ausweichende Bewegung , daß es ihm nicht möglich war , sie zu umarmen , und als sie Hand in Hand neben ihm stand , da sah sie ihn zwar recht freundlich an , aber , o weh ! sie sah auf ihn herab , sie war größer als er - vielleicht nur einen halben Zoll , jedoch größer ! - Nun , das wird nimmermehr gehen , dachte Mario . Frau von Stein sprach gescheut , und das ist immer angenehm ; Herr von Stein nur , wenn er gefragt wurde , und das ist bei bornirten Leuten auch angenehm ; Cunigunde fast gar nicht ; ihre Schwestern plapperten so viel wie möglich . Die Conversation stockte nie . Dennoch ward es Mengen nicht behaglich , und er verstand es doch sonst so gut , in jedem Kreise heimisch zu werden ! Eine verstimmte Saite verdirbt das ganze Concert für ein feines Ohr . Cunigunde war diese verstimmte Saite . Ihre Befangenheit , ihre Zerstreutheit wirkte ansteckend auf ihn , den einzigen Unbefangenen des Zirkels . Die Uebrigen mußten wol daran gewöhnt sein . Aber wie konnte der Verlobte es sein ! Wenn das Mädchen meine Braut und immer so zerstreut bei mir wäre , dachte Mario , so würd ' ich um alle Schätze der Welt nicht sie heirathen . Wäre er so verliebt wie Feldern gewesen , er würde sie doch geheirathet haben ! Cunigunde trug einen großen runden Strohhut , dessen breiter Rand Gesicht , Schultern und Nacken fast ganz verschattete . Feldern bat sie , den Hut abzunehmen . » Die Sonne ! « sagte sie ablehnend . Da aber die Vorhalle gegen Osten lag , so fiel kein Sonnenstrahl hinein , und sie setzte hinzu : » Die Mücken ! « » Wie unfreundlich ! « sagte Frau von Stein halblaut . Cunigunde nahm schweigend ihren Hut ab . Sie hatte wunderschönes dunkelbraunes Haar , das sich in schweren Zöpfen um ihre Schläfen legte und sich dann im Nacken zu einem griechischen Knoten verband . Feldern nahm eine Weinrebe , die ihren Hut wie ein Kranz umschlang , und drückte sie auf ihr Haar . Sie sah aus wie Ariadne - aber ohne Verzweiflung über den treulosen Theseus , und ohne Triumph über die Liebe des Bacchus . Sie freute sich nicht darüber , daß der Bräutigam sie reizend fand , sie duldete es ; und nur es dulden heißt : es erdulden . Heißes Roth überflog momentan ihr feines , edles Antlitz und sie warf einen dunkeln melancholischen Blick auf Feldern . Später , als sie und ihr Schmuck unbemerkt waren , machte sie eine rasche Wendung des Kopfs , wodurch die locker hängende Rebe herab fiel . Feldern konnte sich keines Lächelns , keiner Aufmerksamkeit von ihrer Seite erfreuen , aber Mengen konnte es noch weniger . Nicht nur , daß sie nicht sprach - sie sah auch Niemand an . Manche Menschen brauchen gar nicht zu reden , nur zu blicken , und man wähnt eine tiefsinnige Musik zu hören , ein Gemälde des innersten Wesens sich aufrollen zu sehen - solche Magie hat das Auge . Menschen , die reden , ohne aufzublicken , müssen ein hinreißendes Organ oder einen außerordentlichen geistigen Reichthum haben , wenn ihre Rede jenen Eindruck machen soll . Ein unsichtbar Sprechender überzeugt nur halb , und reißt nie hin . Das Antlitz ist wahrer als die Worte . Worte lügen so oft ; eine Miene , ein Lächeln , ein Zucken der Augenwimper oder der Lippe sagen oft das Gegentheil von dem , was das Wort sagt , und offenbaren dadurch die eigentliche Meinung . Das Wort ist ein kluger , berechneter , feiner Zögling des Geistes ; aber der Ausdruck der Bewegung , das Mienenspiel , ist ein Kind der Seele , und die Seele durchschimmert es , wie der Körper ein Musselinkleid durchschimmert . Cunigunde mochte die Absicht haben , ihre Seele zu verhüllen ; dies Spiel gelingt zuweilen denen gegenüber , welchen daran liegt , daß es gelinge ; wer aber nicht dabei betheiligt ist , erkennt das Spiel . Sie sah Niemand an - man hätte glauben dürfen , daß sie in sich selbst versunken sei ; allein sie hob doch bisweilen ihr Auge und dann war es leicht zu erkennen , daß sie in die Zukunft versunken war , solch ein heißer Durst lag in diesem Auge . Aber nicht nach Liebe , nicht nach Glück ! nichts Sehnsuchtsvolles , nichts Träumerisches ! Ein Schiffer , der das Land erreichen mögte , und den die Brandung nicht landen läßt , mag diesen Ausdruck haben . Es wurde Musik gemacht und mit gutem Geschmack solche , welche sich für einen häuslichen Kreis schickt . Cunigundens Schwestern sangen zweistimmig , mit jungen frischen Stimmen heitre und launige Volkslieder und neckten Cunigunde mit ihrer Abneigung gegen mehrstimmigen Gesang . Sie sei so einsiedlerisch , sagte die Eine ; und die Andere : sie möge nicht Takt halten mit einem Zweiten . » Ich kann es nicht , « sagte Cunigunde , » ich würd ' es ja gern thun . « » Nun , so singen Sie allein « - bat Feldern , und sie sang mit einer schönen , aber eiskalten Stimme und ohne Leben im Vortrag , so viel und was er wünschte . Beim Abschied entließ sie ihn gerade so , wie sie ihn empfangen hatte . Kein inniger Blick , geschweige ein inniges Wort , war zwischen ihnen gewechselt . Kaum saßen die Freunde zu Pferde , als Mario ausbrach : » Du hattest ganz Recht : allerliebst ist keine Bezeichnung für Deine Braut ! sie ist ja wirklich bildschön , ohne alle figürliche Redensart ! ich meine , schön wie ein Bild . « » Ich glaubte , die Schwestern würden Dir besser gefallen . « » Bester ! ich verbitte mir diese Beleidigung meines Geschmacks . Zwei weiße schnatternde Gänschen und ein Schwan ! Wann wirst Du Dich verheirathen ? « » Im November , denk ' ich . « » Das ist ein Monat , in welchem ich regelmäßig das Leben im Norden verwünsche . Du thust sehr Recht , ihn Dir zum Rosenmonat umzuwandeln ! - Aber sie ist äußerst schweigsam - Deine Braut . « » Ihre Art so ! « » Gott , was sind die Frauen schön , wenn sie schön sind . « » Du bist ja ganz in Extase « - sagte Feldern mißtrauisch . » Wie kann Dich das befremden , Dich , der Du vier Jahr lang unter ihrem Zauber stehst und sogar die Qual der langen Sehnsucht ertragen kannst . « » Was mir gewiß ist , nur in die Ferne geschoben , macht mir keine Qual . « » Und wartest Du nicht ? erzeugt Erwartung nicht Ungeduld , und nennst Du Ungeduld nicht Qual ? O laß das nicht Fräulein Cunigunde hören , sie würde nicht mit Deiner stoischen Kälte zufrieden sein . « » Jeder muß am Besten wissen , wie er mit der Geliebten umzugehen hat « - sagte Feldern übellaunig . Er sollte es wenigstens - schwebte schon auf Marios Lippen ; aber er hielt die kränkende Bemerkung zurück und sagte : » Schade , daß die Eisenbahn noch nicht fertig - Du würdest dann manche schöne Stunde mehr genießen können . Es ist doch hübsch , daß die Liebe , auf die von den administrativen und industriellen Köpfen keine andere Rücksicht genommen wird als die , welche die Propagation des Menschengeschlechts betrifft , auch von Dampfmaschinen und Eisenbahnen ihren Vortheil zieht . Es giebt keine Pyrenäen mehr , sagte Ludwig XIV. großsprecherisch , und log obenein bis auf diese Stunde , wo die Pyrenäen sich dadurch sehr bemerklich machen , daß sie Frankreichs Influenza nur theilweise nach Spanien hineinschlüpfen lassen . Aber wir können mit voller Wahrheit sagen : für Liebende giebt es keine Trennung mehr . In vier Wochen bin ich mit dem Dampfschiff , vom Rhein ausgehend , auf der andern Hemisphäre . Wie Untreue und Pflichtvergessenheit vorfallen sollten , ist gar nicht zu begreifen , denn in jedem Moment muß man gewärtig sein , von einem lieben Besuch überrascht zu werden , und wenn man seiner Liebsten nur keine Zeit läßt zum Vergessen : so wird man es auch nicht . Es ist bewundernswürdig , welchen guten Einfluß die Dampfmaschinen auf die Moralität haben . Und dann wagen verstockte Finsterlinge zu behaupten : deren Verfall und der Fortschritt der Industrie gehen Hand in Hand . « Feldern antwortete einsylbig . Er forderte nie mehr in Zukunft Mario auf , ihn zu seiner Braut zu begleiten , und da er es nicht that , so sprach auch Mario den Wunsch nicht aus . Wirklich interessirte ihn Cunigunde nicht genug , um ihn zu veranlassen , Felderns Eifersucht zu reizen . Und Feldern war allerdings eifersüchtig , nicht auf einen bestimmten Gegenstand , sondern im Allgemeinen , weil er , trotz des vierjährigen Brautstandes , so unbekannt in dem Herzen seiner Braut war , wie die Alten im Ozean . Manche beschränkte und selbstzufriedene Leute macht solche Unbekanntschaft erst recht ruhig . Sie denken : da existirt nichts weiter , als was sie sehen und verstehen . Andre aber , die weniger beschränkt und selbstzufrieden sind , macht es unruhig , weil sie fühlen , daß ihr Auge und ihr Verstand nicht ausreicht , daß da viel vorgehen mag , was sie nicht ergründen können , und daß es doch eigentlich eine große Demüthigung ist , ein geliebtes Wesen nicht zu verstehen . Das giebt der Liebe ihre Göttlichkeit , daß sie , wie Gott , das Verständniß der Seelen hat . Der Verstand zweifelt , die Forschung grübelt , die Vernunft prüft - die Liebe weiß . Aber das ängstigende , lose , unzusammenhängende , verliebte Wesen , das die Leute Liebe nennen , kann freilich nicht viel wissen . Das räth so herum , auf gut Glück