. Das mächtige Kind der Tauben , die hohe Semiramis , fand sich plötzlich als Königin von Babylon . Eine große und schöne Stadt , doch zu klein und unbedeutend für ihre schaffende Phantasie . Ihre ganze Seele ward trunken , als sie den großen Schatz des Goldes , die unermeßlichen Reichtümer in ihren Kammern entdeckte . Künstler , Staatsmänner , Diener und Bürger , Maurer , Steinmetzen und Handlanger kamen nun ihren königlichen Träumen willig entgegen . So erhob sich aus diesen Kammern und ihrem Geiste dies Babylon , das Wunder der Welt . - Wie aber , wenn ein andrer Geist , vielleicht ebenso stark und kühn , diese Paläste , Türme , hängenden Gärten und ewige Mauern aufführen wollte , und fände nur ein kleines , kleines Kapital in seinem Vermögen ? Ein lächerliches Unding würde entstehen , ein armseliger , verächtlicher Versuch , vor jedermann zum Spott , oder zum Mitleid den Bauenden hinstellend . - So vergleiche ich dem großen , mächtigen Willen dieser schaffenden Phantasie die Liebe , und der Gegenstand , auf den diese Liebe sich wirft , sind ( ein seltner Fall ) die unerschöpflichen Goldkammern der Semiramis - oder - das armselige Vermögen , aus welchem sich mit Sicherheit und als vollendet nur eine Hütte zusammenflicken läßt . Laß ruhen das Bauen , und entsage der Liebe , wenn der Geist , den du lieben und anbeten , ihm gehören möchtest , nicht in seinen Tiefen die göttlichen Kräfte aufbewahrt , durch die allein die Liebe ihre Würdigung finden kann . Darum bleibe mir fern , holdselige Venus , mit deinen Gaben ; denn nur im Fabelreiche wohnt der Held , dessen Seele mir als Goldstrom jener Taubentochter entgegenleuchten könnte , um die himmelhohen Türme , Paläste und schwebenden Gärten meiner Phantasie aufzubauen . « - Der Fremde neigte sich bewundernd , und küßte die schöne Hand der Dichterin , der Graf sagte in feinen Worten eine zierliche Schmeichelei , und Caporale rief ein herzhaftes : » Brava ! - Nun « , fuhr er fort , » teilt uns nach Versprechen noch ein Fragment , einige Verse aus Eurem größeren Gedichte mit , an dem Ihr arbeitet , mein verehrter Freund . « Der Fremde nahm einige zierlich geschriebene Blätter aus seinem Mantel , indem er sagte : » Ich will Euch eine Episode des Werkes vorlesen , und mir über diese Euer freimütiges Urteil erbitten , da viele Verständige sie schon bekrittelt , oder selbst völlig verworfen haben . « Er fing an zu lesen , von Erminien und ihrer Liebe , als Vittoria ahnungsvoll rief : » Und der Name Eures Werkes ? « » Das befreite Jerusalem , « sagte der Fremde , wie beschämt und etwas errötend . » Oh , um Gottes willen ! « sagte Vittoria , laut schreiend - » so seid Ihr ja jener Torquato Tasso , von dessen Gedicht schon ganz Italien spricht - der schon vor vielen Jahren uns den herrlichen Rinaldo gab - von dem der himmlische Aminta herrührt , von welchem uns der tückische Caporale einzelne Stellen , wie die über das goldene Zeitalter , mitgeteilt hat . - Ha ! Bösewicht ! « so wendete sie sich an diesen - » also so boshaft könnt Ihr sein , den großen Dichter so zu verschweigen ? « » Es geschah in guter Absicht « , sagte der Alte lächelnd . » Wußtet Ihr , wer Euer Gast war , so hieltet Ihr gewiß mit Eurem Wesen an Euch ; denn das liegt einmal in unsrer Natur , daß wir es einem Fürsten oder großen Manne durchaus recht machen und keine Blöße geben wollen , keinen Widerspruch versuchen . Wußtet Ihr , wer dieser Unbekannte war , hättet Ihr Euch gewiß nicht mit ihm gezankt . So aber seid Ihr nun wie alte Bekannte und ich bin mit mir zufrieden , daß ich es durchgesetzt habe : denn er wollte erst gar nicht einwilligen , weil er meinte , es setze Eitelkeit und Stolz voraus , so inkognito in eine liebe Familie einzutreten . « » Niederknieen müßte man « , rief das lebhafte Mädchen wieder : » so ist es ziemlich , wenn eine Gottheit den Sterblichen würdigt , seine niedere Hütte zu besuchen . « Sie erhob sich und eilte in heftiger Bewegung zur Tür . » Wie könnt ich es verantworten « , sagte sie eilig , » wenn ich nicht meine Mutter und den Bruder davon benachrichtigte , welchen Gast wir heute bewirtet haben . « Als die Männer allein waren , sprach Graf Pepoli mit großem Verstande zu Tasso , über das Glück , ihn persönlich kennengelernt zu haben . Tasso war aufgeregt und konnte mit den Lobsprüchen , die der gebildete Mann ihm mit der größten Überzeugung und Aufrichtigkeit spendete , wohl zufrieden sein . Die Mutter und Flaminio erschienen , und der Gast sah sich , von so vielfältiger Verehrung und Freundschaft angeregt , um so mehr veranlaßt , jene berühmte und schöne Stelle seines Gedichtes , die damals von so vielen anmaßlichen Kennern und Kritikern verworfen wurde , mit Freude und Genugtuung vorzutragen . » Wie trocken und nüchtern « , sagte die begeisterte Vittoria am Schlusse , » muß die Seele dessen sein , der die Schönheit dieser Dichtung nicht empfindet . - O teurer , einziger Mann ! ich hoffe , wenn Ihr nur irgend in Rom verweilt , daß wir uns noch wiedersehn ; aber für jetzt schlagt mir meine Bitte nicht ab , daß ich die Hand , die so schöne , so himmlische Worte niederschrieb , in innigster Verehrung an meine Lippen drücken darf . « Tasso erhob sich und sagte : » Beschämt mich nicht so sehr , schöne Jungfrau . Aber der Dichter dürfte vielleicht vor allen andern sterblichen Menschen ein andres Anrecht in Anspruch nehmen , welches ihm die Musen verliehen haben . Laßt mich , in Gegenwart Eurer verehrten Mutter , zum ewigen Angedenken dieser schönen Stunde , einen Kuß von diesen schönen Lippen pflücken . « Die beiden dichtenden schönen Wesen umarmten und küßten sich innig , und es blieb , in diesem poetischen Taumel , nicht bei dem einen erbetenen Kusse , da Tasso fühlte , daß sie seine begeisterte Berührung mit den süßen , vollen Lippen erwiderte . Als man Abschied nahm , sagte der Graf : » Ich würde um die Erlaubnis nachsuchen , morgen meinen Besuch wiederholen zu dürfen , wenn mich nicht teure Verpflichtungen nach Rom hinzwängen . Ein Verwandter von mir , ein ferner Vetter , aber ein reicher Mann , ist von den Banditen aus Subiaco , dort im Gebirge , fortgeraubt worden , und die Räuber verlangen für ihn ein unermeßliches Lösegeld . Das schlimmste aber ist , daß keiner weiß , wohin sie den Armen geschleppt haben . Nun sind viele eingefangen und nach Rom gebracht worden , und von diesen ist mir einer bezeichnet , der vielleicht die Kunde , die genaueste , von jenem Vorfall haben mag . « Die Fremden beurlaubten sich und Flaminio geleitete sie , um dem großen Tasso , den er innigst verehrte , noch einige Zeit näher zu bleiben . » Wir reisen morgen auch nach Rom « , sagte die Mutter plötzlich zur Tochter . » Himmel ! « rief Vittoria , » wie erschreckst du mich , Mutter ! Ich hoffte , wir würden die Villagiettura noch recht fröhlich hier fortsetzen , da jetzt erst so manche unsrer Freunde herausziehn werden ; denn der Herbst hat ja erst angefangen . « » Es muß sein « , sagte die Matrone . » O Mutter ! « klagte die Tochter , » ich kann es dir nicht aussprechen , wie schrecklich und gespenstisch mir diesmal die Stadt vorkommt . Dies große , ewige Rom , um das uns so viele Fremde beneiden , und den Aufenthalt dort als einen glückseligen preisen - o wie greulich , furchterfüllt , entsetzlich erscheinen mir diesmal seine Straßen und Plätze ! Ich habe eine Vorempfindung , als wenn mir dort das allergrößte Unglück meines Lebens begegnen , als wenn ich dort untergehen müsse . O laß uns noch verweilen . Warum diese Hast ? « » Warum ? « rief die geängstete Mutter ; » weil ich Kinder habe , die mein Stolz und meine Freude sein sollten , und die mir zur Höllenqual werden . So wisse denn , Unglückselige , daß sie unsern Marcello zum zweitenmal eingefangen haben : in dem Briefe , den ich heute erhielt , spricht man von Hinrichtung , wenigstens von der Galeere . Er hat sich wieder bei den Banditen betreffen lassen . Ich muß nach Rom ; unser Schützer , der Kardinal Farnese , muß sich unserer annehmen , sonst sind wir verloren . « » Um Gottes willen « , sagte Vittoria in Tränen , » - dieser unglückliche Bruder - diese seine Unruhe und Wildheit , die er für Kraft und Tugend hält ! Aber Liebste , o du meine einzige Freundin ! schütze mich nur dort vor allen den rohen , unbändigen Gesellen , die mich zu lieben vorgeben , die meine Freier vorstellen wollen . O dieser abscheuliche Luigi Orsini , dieser entsetzliche Mensch , so im Wesen , wie ich mir den Herzog Alexander Medici von Florenz , oder gar den verruchten Cesar Borgia denke - nur vor diesem und andern seines Gelichters beschütze mich - sonst wäre mir ja wahrlich besser gewesen , dort im Wassersturz unterzusinken . « » Darüber beruhige dich , meine Tochter « , tröstete die Mutter , » - dieser Orsini , dieser Ludwig , soll nicht über unsre Schwelle schreiten . « » Gib mir noch ein Versprechen ! « rief Vittoria . - » Nun ? « - » Daß du deine Einwilligung gibst , daß ich mich gar nicht zu vermählen brauche ! Ich hasse , ich verachte die Männer ! Ich könnte eher einen vergiften , als mich ihm unterwerfen . Dies scheint mir das ärgste , schändlichste aller Verbrechen . Nein , Mutter , zwinge mein Gemüt nicht , daß es sich empört und sich lieber in alle Greuel taucht , die Namen haben , als daß es sich der Gemeinheit ergibt , die so viele jämmerliche Menschen Tugend und Notwendigkeit nennen . « - » Tochter ! Tochter ! « sagte Julia geängstigt , » vielleicht empfinde ich in Zukunft um dich noch mehr Angst , als mir jetzt der unglückliche Marcello macht . O Gott ! Was ist das Leben ? Rüste dich zur Reise . « Als sich Vittoria allein sah , blickte sie zum Abendhimmel empor . - Der Mondschein zeigte ihr die Berge , sie hörte in der Stille der Nacht den Wasserfall brausen . » Lebt wohl « , rief sie , » alle ihr geliebten , teuren Wiesen und Bäume ! - hab ich nicht heut gesehn , daß dieser göttliche Tasso auch nur ein Mann , ein schwacher Mann war ? - Nicht stärker als Camillo . - Wo find ich ein Wesen , das ich ehren und lieben könnte ? - Gut denn : der Tiberstrom wird immer noch ebenso tief sein , wie der Teverone ; - wenn man frei sein will , wahrhaft will , so gibt es kein Schicksal , das uns Ketten anlegen könnte ! « Zweites Buch Erstes Kapitel Als die Familie in Rom angekommen war , richtete sie sich in ihrer einfachen Wohnung wieder auf die frühere Weise ein . Es fehlte nicht an Besuchen , als die Römer erfahren hatten , daß alle aus Tivoli zurückgekehrt seien . Die Mutter suchte sogleich ihre mächtigen Beschützer in Anspruch zu nehmen , um ihren unglücklichen Sohn von der Schande oder einem noch härteren Lose zu befreien . Sie fand aber jetzt mehr Schwierigkeiten , als sie sich dort in ihrer ländlichen Einsamkeit hatte vorbilden können , denn fast alle Parteien waren einstimmig der Meinung , die Gerichte wären bis jetzt zu nachgiebig gewesen , und es sei zum Wohl des Ganzen notwendig , dem Volke wie den Räubern ein auffallendes und abschreckendes Beispiel zu geben . Am schwierigsten zeigte sich , was die Mutter am wenigsten vermutet hatte , der mächtige Kardinal Farnese , der vieljährige Freund und Beschützer der Familie . Die Fürstin Margareta von Parma hatte sich auf dringendes Ansuchen des Grafen Pepoli persönlich an den Kardinal gewendet , ihr und der guten Sache in diesem schändlichen Handel beizustehn , und wenigstens den Anstalten , welche die Regierung für notwendig halten würde , nichts in den Weg zu legen . Farnese war so aufrichtig und mitteilend , daß er der Matrone selbst den Brief der Fürstin zu lesen übergab . » Die letzte Äußerung , werte Freundin « , sagte er dann lächelnd , » werdet Ihr ebensogut begreifen , als ich selber . Wie vielen Verdruß haben mir meine Feinde , vorzüglich die Partei der Medicäer erregt , weil sie mich mehr als einmal beschuldiget haben , daß ich mit verschiedenen Anführern der Banden in Verbindung stände , um meinen Gegnern Schaden zuzufügen . Meinen großen Prozeß , wegen der abgeschickten Banditen , die mich draußen in meiner Villa von Caprarola auf Anstiften dieser Partei und des Großherzogs hatten ermorden wollen , kennt Ihr ja , Ihr werdet Euch auch des traurigen Ausganges dieses Handels erinnern , der mir , meinem Ruf und Ansehn so nachteilig wurde : weil geschickte und verschmitzte Advokaten die Sache so zu drehen wußten , daß viele einzusehn glaubten , von mir selbst rühre dies Komplott her , ich habe die Bösewichter angestiftet , um dem Großherzog und dem Hause der Medici einen empfindlichen Schlag beizubringen . Nun hat jetzt der Kardinal Ferdinand , der Bruder des Fürsten , mehr Einfluß gewonnen als je , er hat sich mit dem frommen Carl Borromeo verbunden , und diesen beiden , die den Ruf großer Tugend sich verschafft haben , folgen viele andre , die auch für rechtlich gelten möchten . Alle diese haben sich gleichsam das Wort gegeben , mir gemeinsam , entgegenzuhandeln . Der alte gebrechliche Montalto hat sich ebenfalls ihnen beigesellt , der Schleichende , der , wenn er auch nicht nutzen kann , doch wohl zu schaden vermag . Der Heilige Vater selbst ist froh , wenn er von allen diesen Geschichten nichts vernimmt , um seinen Studien , der Angelegenheit der Religion und seinem geliebten Sohn , dem General und Gubernator von Rom zu leben . Beim Papst vermag ich , in dieser Zeit wenigstens , vollends nichts auszurichten , weil er mit der größten Eifersucht in mir seinen etwanigen Nachfolger zu sehen wähnt , und fürchtet , daß ich nach seinem Tode seiner Familie allen möglichen Schaden zufügen möchte . Seht , so sehr hat es mir geschadet , daß man mich seit Jahren den Mächtigen , den Einflußreichsten , ja den Despoten genannt hat , der das Kollegium der Kardinäle eigensinnig beherrscht . Geschadet hat es mir , daß ich beim letzten Konklave so viele Stimmen für mich hatte . Also beruhigt Euch , ich will überlegen , wie man der bösen Sache auf irgendeinem Wege beikommen kann . - Aber warum setzt uns auch Euer Sohn in diese Verlegenheit ? Es ist zu verdrießlich , wegen eines Verbrechers , der nicht zu den großen Häusern gehört , Autorität und Macht auf das Spiel zu setzen . - Weint nicht , geehrte Frau ; so viel werden wir vermögen , und dahin will ich viele meiner Kreaturen stimmen , den Prozeß in die Länge zu ziehn , daß es nicht so bald zum Spruch und zur Entscheidung kommt , und Ihr wißt wohl , in manchen Fällen heißt es mit Recht : Zeit gewonnen , alles gewonnen . Indessen kann in einem oder zwei Monaten sich vieles ändern , und stehe ich einmal auf einem andern Platze , so können alle meine Freunde , zu denen Ihr gehört , meines Schutzes gewiß sein . « Donna Julia fühlte wohl , wieviel sie selber beim Kardinal durch die schlechte Aufführung ihres Sohnes verloren hatte . Sie sah ein , daß der mächtige Mann nicht eines ganz unbedeutenden jungen Menschen wegen etwas Auffallendes tun , oder sein Ansehn für seine Rettung wagen könne : Farnese konnte also nur noch handeln als persönlicher Freund des Hauses , und insofern konnte sie noch auf Wohlwollen , Unterstützung , aber nicht auf das Einwirken des Kardinals rechnen . Als dieser ihre tiefe Bekümmernis sah , faßte er ihre Hand und sagte freundlich : » Mir fällt etwas ein ; geht doch einmal , zum Überflusse , zum Montalto ; der Alte setzt etwas darein , für hülfreich zu gelten , er bekehrt gern die Sünder und tröstet die Leidenden ; er kann vielleicht den Medicäer , und dieser den Borromeo und den Gouverneur zu Eurem Besten stimmen , so daß die Richter nachher durch die Finger sehn , oder im äußersten Fall den Delinquenten entspringen lassen . « Mit so geringen Hoffnungen mußte die Donna den Palast verlassen , und sie überlegte unterwegs , wer von ihren Bekannten wohl am fähigsten sei , sie auf eine würdige Art beim Kardinal Montalto einzuführen , dessen Bekanntschaft sie noch nie gemacht , den sie in keiner Gesellschaft sah , weil er sehr zurückgezogen lebte , sich nur den geistlichen Pflichten widmete und , seiner Kränklichkeit wegen , die Mußestunden in seinem Garten zubrachte . - Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht , war dann in der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun , von ihrer Amme und dem alten Diener begleitet , nach ihrem Hause zurück . Als sie sich von dem Tempel nach der nächsten Straße wendete , kam ihr ein Zug von geputzten jungen Leuten entgegen . In ihrer Mitte wandelte mit leichtsinnigem Ausdruck ein Jüngling von mittlerer Größe , schlank aber schwach gebaut , mit ganz hellblondem Haar , das er nur wenig gekräuselt auf den Schultern schweben ließ ; sein Auge war blau , und der Ausdruck seines Gesichtes kein bedeutender . Vittoria war im Begriff , ihn anzurufen , so ähnlich erschien er dem wohlbekannten Camillo : doch noch einen Schritt näher , und sie sah , wie sehr sie sich getäuscht hatte ; denn in diesem Jüngling war keine Spur jener bäurischen Treuherzigkeit , die ihr an ihrem Jugendgespielen immer so wohl gefallen hatte , und sie erschrak fast , als sich in diesem Augenblick sein schwebendes , unbedeutendes Lächeln in einen Ausdruck von rohem Trotz und Gemeinheit verwandelte ; denn er zankte plötzlich mit einem seiner Begleiter und drohte diesem , einem großen starken Menschen , sogar mit der Faust . Vittoria war getröstet und beruhigt , als sich unerwartet der alte Hausfreund Caporale zu ihr gesellte . Indem beide nach der Wohnung der Accoromboni gingen , fragte sie : » Wer ist dieser junge Bursche , der sich so seltsam gebärdet ? Er scheint eins von jenen verzogenen adligen Muttersöhnchen , die sich durch Erbärmlichkeiten wichtig machen wollen . Solche alberne Kreaturen fangen oft aus leerem , langweiligen Mutwillen Händel an , die zu Unglück und Verderben ausschlagen . « » So ist dieser nicht « , antwortete Don Cesare ; » er ist das friedfertigste Gemüt auf Erden , und meint nur als römischer Neuling , er müsse sich doch vor jenen jugendlichen Schmeichlern und Dienern durch Mienen , lebhaftes Gespräch , scheinbaren Eigensinn und nicht ernstgemeinten Zank ein Ansehn geben ; am eifrigsten so bemüht , wenn Fremde ihn beobachten , oder gar eine Dame ihn ihrer Aufmerksamkeit würdiget . Und so war es nur ein kleines , improvisiertes Schauspiel , was er Eurer schönen Gegenwart als Huldigung darbot . « Vittoria lachte und der Dichter fuhr fort : » Dieses Bürschchen ist der Abkömmling von armen Bauersleuten , sein Oheim hat ihn unterhalten und ihn in einem ganz kleinen Städtchen die Schule besuchen lassen ; dann haben ihn Mönche in die Zucht genommen und unterrichtet , und endlich , da er ganz erwachsen ist , hat ihn derselbe Oheim nach Rom kommen lassen , um zu sehn was aus ihm zu machen wäre . Dieser Vormund ist nämlich kein anderer , als der alte , hinfällige Kardinal Montalto , der vor seinem Ende diesen Neffen wenigstens noch anständig versorgt sehn möchte . Er wollte ihn zum Geistlichen machen , weil er , da ihm Reichtum und liegende Besitztümer fehlen , ihn in der Kirche am leichtesten emporbringen konnte . Davon will aber der schwache Mensch , in dem Punkte eigensinnig , nichts wissen , und Ihr habt selbst gesehn , wie wenig er zum Priester geeignet ist . « Indem entstand hinter ihnen ein großes Geschrei , und sowie sich Caporale umwendete , stürzte ihm zu seiner großen Verwunderung derselbe Jüngling , von welchem sie eben gesprochen hatten , leichenblaß und mit allem Ausdruck der Angst an die Brust , indem er laut schrie : » Er kommt ! er kommt ! « Vittoria blickte um , und zog mit ruhiger Bewegung den Dichter noch zur rechten Zeit auf die Seite , welchem der junge Bursche mechanisch folgte , der sich noch immer mit dem Alten fest umarmt hielt . Einer von den Stieren , die frei , an langen nachschleppenden Seilen in Rom von mehreren Reitern , die im Trabe oder Galopp nebenbei rennen , eingeführt werden , war seinen Aufsehern entsprungen und rannte nun die Gassen hinab , Schlächter , Jungen und Alte hinterdrein , die Menschen , die entgegenkamen , zur Seite springend , um nicht beschädigt zu werden . » Die Gefahr ist vorüber , mein Herr Peretti « , sagte der Dichter . » faßt Euch , Ihr zittert und seid fast ohnmächtig . « » Wir sind unserer Wohnung ganz nahe « , sagte Vittoria , » tretet zu uns ein und erquickt und erfrischt Euch . « » Sehr gnädig , Signora « , sagte der Jüngling ; » es ist aber schändlich , wie meine Freunde und Begleiter entflohen sind und mich im Stich gelassen haben . « Sie traten in den frischen kühlen Saal und die Magd flüsterte ihrer Herrschaft zu : » Es ist schon einer drinnen , der gnädige Herr , die Exzellenz , der mächtige Don Ludovico Orsini . « Vittoria erblaßte und sagte nur leise vor sich hin : » Dies Untier ist gefährlicher , als jenes . « Ein großer , kräftiger junger Mann trat ihnen jetzt mit dem Ausdruck eines frechen Übermutes entgegen . Er begrüßte die übrigen nur ganz leicht , indem ein verachtender Blick schnell über den jungen Peretti hinstreifte , und als der Diener Stühle gesetzt hatte , wendete er sich , stark betonend , mit den Worten zu Vittoria » Ihr werdet meinen Brief erhalten haben . « » Ja « , erwiderte diese nicht ohne Verlegenheit . - » Und ? « fragte der Graf fast in schreiendem Ton . » Wie kann ich Euch antworten ? Was Euch sagen ? « sprach Vittoria , » Ihr kennt meine Gesinnungen , an jenem Abende , ehe wir nach Tivoli gingen , habe ich , Ihr müßt es Euch erinnern , meine Überzeugung erklärt . Warum soll ich noch öfter wiederholen , was mir peinlich ist auszusprechen ? « » Ha ha ha ! seltsam genug ! « rief der Graf mit schallendem Gelächter : » ich , aus einem der ältesten Häuser , reich , von Einfluß ich , vor dem Hunderte zittern , biete einer unbedeutenden Bürgerin meine Hand , und mit dieser mein Vermögen und meinen Rang , und sie kann mir nichts dagegen schenken , als ein artiges Lärvchen , einen schlanken Wuchs und weiße Gliedmaßen : bin ich denn rasend , da ich in den Familien der Herzöge und Fürsten nur wählen darf ? « » So wählet doch ! « rief Vittoria , die jetzt ihren Stolz und Mut wiedergefunden hatte : » wer zwingt Euch , ein armes , unbedeutendes Bürgermädchen zu belästigen ? Ich werde es für Gnade von Euch und wahren Gewinn achten , wenn ich Euer Antlitz niemals wiedersehe . « » So ? « rief der rohe Mensch , im höchsten Zorn , » es kann sich aber doch fügen , daß ich Euch noch zu meinen Füßen knieend im Staube sehe , um Euern verehrten Bruder vom Galgen loszubitten . « » Das ist zu viel ! « schrie Vittoria , ganz außer sich : » Elender ! entferne dich gleich , gleich jetzt in diesem Augenblick ! So ein Armseliger , Verächtlicher , will vorgeben , sich herausnehmen , sich so stolz dünken , mich lieben zu dürfen ! Er , für den jede Dorfmagd noch zu gut ist , er , den ich so tief verachte , daß der Galeerensklave in meinen Augen höher steht . « Orsini sprang auf , und man konnte fürchten , daß der freche Mensch etwas Schreckliches unternehmen könne . Caporale eilte ihm entgegen und hielt ihn gewaltsam zurück . Mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung wendete sich der Graf um und betrachtete stillschweigend den alten Mann : » Elender Versedreher « , sagte er dann , » Ihr wagt es , mich körperlich anzugreifen . « » O ja « , rief dieser erzürnt ; » solange ich Hand oder Fuß rühren kann , werde ich als Mann auch mit meinem Blut eine Dame , meine Freundin , gegen Gewalttätigkeiten schützen . « » Sklave ! « rief der Graf , und machte sich aus der Umarmung Caporales frei . » Herr Graf « , erwiderte Caporale ruhig ; » ich bin unabhängig , frei , man hat mich gewürdiget , mich in der Provinz zum Governatore zu ernennen . « » O ja « , sagte jener ; » von ein paar armseligen Burgflecken . Und wenn ich zwanzig meiner Leute hinsende , so brennen sie dem Herrn Gouverneur seine Wohnung ab und schleppen ihn in Ketten und Banden auf mein Schloß . Ihr seid mir aber zu verächtlich , um mit Euresgleichen Krieg zu führen . - Und Euch , Accorombona , laß ich nicht , und wenn Ihr mich noch schimpflicher behandelt . Die Worte eines Weibes verletzen nicht ; und der Teufel , der mich in Glut für Euch entzündet hat , wird mir auch Mittel und Wege zeigen , Euch zu besitzen . So oder so müßt Ihr die Meinige werden . « Er stürmte fort und rannte fast die Mutter um , die ihm in der Tür entgegentrat . Vittoria warf sich laut schluchzend an den mütterlichen Busen , diese aber kam ihr auch mit Tränen entgegen . Caporale tröstete , soviel er vermochte , doch wußte er für den Augenblick keinen Rat . Jetzt empfahl sich der junge Peretti den Frauen , indem er höflich um die Gunst ersuchte , seinen Besuch wiederholen zu dürfen , und die Bekanntschaft , die unter so seltsamen Umständen begonnen hatte , fortzusetzen . In der Tür sagte er halb für sich : » Eine schlechte Polizei in Rom ; die wilden Stiere stoßen die Menschen in den Straßen um , und die rasenden Grafen rennen in die Häuser hinein . « Zweites Kapitel Graf Pepoli war für seinen Verwandten eifrig bemüht ; aber sosehr die Gerichte den besten Willen zeigten , so wenig war doch Aussicht , daß ihm seine gute Absicht gelingen würde . Der reiche Signor Velluti war verschwunden , und von allen eingefangenen Banditen wollte kein einziger den Ort kennen , wo man ihn hingeschleppt , oder wer ihn in Verwahrung habe . Prozeß und Verhöre gegen die Verbrecher waren noch nicht weit gediehen , und ein Advokat , den der Graf schon reichlich beschenkt hatte , gab diesem zu verstehen , es müsse irgendeine mächtige unsichtbare Hand im Spiele sein , die , wie es schon öfter der Fall gewesen , alles verzögere , um diesen oder jenen zu beschützen , oder zu verhindern , daß nicht irgendein Vornehmer ebenfalls in den traurigen Handel verwickelt werde . In den Gefängnissen selbst , die der Graf fleißig besuchte , hörte er von einem Verbrecher , der schon früher eingefangen war , und jetzt wegen anderer Frevel sein Todesurteil empfangen habe , daß dieser vielleicht imstande sei , einige Nachweisung zu geben . Graf Pepoli ließ sich zu diesem verwilderten Mörder hinführen , der mit schweren Ketten an die Wand seines finstern Kerkers geschlossen war , und den er , als geöffnet wurde schreiend traf , indem er eben ein Gassenlied jubelnd absang . Als der Verruchte hörte , von wem der Fremde zu ihm gewiesen sei , rief er : » Ei ! lebt die alte ehrliche Haut noch , und ist noch nicht gehängt ? Nun , das freut mich , grüßt den Kumpan nachher von mir recht herzlich , er wird es wohl schon erfahren haben , daß ich mich übermorgen auf die große Reise begebe . Ja , ja , mit mir ist es dermalen aus , und ob man noch einmal von vorne anfangen kann , steht dahin . Je nun , ich bin seit lange darauf vorbereitet ; nach den Gesetzen hätte ich schon zehnmal den Tod verdient . Versteht mich , was man so nach den Gesetzen nennt , die aber niemals ausgeübt werden , als wenn unsereins keinem mehr schaden oder nützen kann . Ja , ich habe , und nicht bloß durch meine eigene Schuld , meine Beschützer verloren . Ehemals war ich besoldet von recht frommen , tugendhaften Leuten auch großen und mächtigen : die haben mir oft durchgeholfen . Ich war nur Dolch und Messer : diese Reichen , Verehrten , denen jedermann mit Respekt aus dem Wege ging , waren die Hand . Meinethalb , ist doch die Welt einmal so eingerichtet . « Als der Mörder das Gesuch des Grafen vernommen hatte dachte