Art , geheime und öffentliche , die weder heimlich noch öffentlich anders als verkehrt sind - denn das rechte Wahre ist so unerhört einfach , daß schon deswegen es nie an die Reihe kommt . Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht bekämen , es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit , nicht einmal verschnupfen würde sie . « - So politisiert mir der Voigt gewöhnlich unterm Sternenhimmel noch eine Stunde vor , wo ich bei schönem Wetter auf der menschenleeren Terrasse mit ihm wandle ; er sagt : » Hören Sie mir immer zu , Sie sind noch jung und haben mehr Energie im Judicium vor den andern allen oder vielmehr : wo ist ' s geblieben , könnte man die andern fragen , denen die Ohren nach Fabeln jücken , und die sich von der Wahrheit abwenden oder sie nach eignem Gelüst auslegen , daß sie ihnen zur Fabel wird . « - Den Voigt will kein Mensch anhören , jedermann schreit über ihn , ich aber fühl mich sehr geehrt , daß er mir gern das ernste Große seines Geistes darlegt , ich hör ihm begierig zu . Er ist so kurz und entschieden zwischen Recht und Unrecht , daß man keine Zeit im Schwanken verliert , und daß man einen Heldencharakter bedarf , ihm zu folgen . » Für einen Freund muß man in den Tod gehen können . - Wer nicht alles hingibt , den eignen Genuß , die selbsterworbne Größe , um den Freund zu stützen , gehört nicht zu der Gattung Geschöpfe , die Freundschaft empfinden . - Was ist Gefühl ? - Farbe , die nicht lebendig ist als nur im Lichtstrahl , der ist die Liebe - also braucht man vor keinem Sentiment Respekt zu haben , es ist lauter eingebildet Zeug . - Es gibt tausend Handlungen , die man niemand verargen kann , wer aber Hochsinn hat , der wird selbst aus Demut solche Handlungen töten , zum Beispiel : einer , der seinem Freund alles Böse , was in seiner Natur ihm widerspricht , offenbarte , tötet der nicht auf der Stelle alle Pharisäer ? « - Das war noch gestern abend , was ich von seinem Gespräch behielt , nicht der zehnte Teil , denn er ist rasch wie ein Schmied beim glühenden Eisen ; ich frug ihn , warum er vor andern nicht auch so spreche , er sagte : » Wenn ich mit einem Wein will trinken , so muß ich einen Becher haben , in den ich ihn eingieße . Ihre Seele ist ein Becher . « Montag Zwei- , dreimal zwischen Eichen und Buchen und jungem lichten Gebüsch , bergauf , bergab - da kommt man an einen Fels , glatte glänzende Basaltfläche , die die Sonnenstrahlen wie ein dunkler Zauberspiegel auffängt , dazwischen grüne Moossitze ; heute morgen war ich hierher gegangen , es ist mein gewöhnlicher Spaziergang , wenn ich allein bin , nicht zu weit und doch versteckt - da sah ich noch den Nebel wie jungen Flaum zwischen den Felsspalten hin und her schwimmen , und über mir ward ' s immer goldner , die Morgenschatten zogen ab , die Sonne krönte mich , sie prallte scharf vom schwarzen Stein zurück , sie brennte sehr stark , sie drückte doch nicht meine Stirn , ich wollte eine Krone schon tragen , wenn sie nicht schärfer drückt als die heiße Augustsonne , so saß ich und sang gegen die Felsen hin und hörte aufs Echo , und die Regierungsgedanken stiegen mir in den Kopf . So nach Grundsätzen die Welt regieren , die in innerster Werkstätte meiner Empfindung erzeugt wären , und alles Philistertum um und um stoßen , das sind solche Wünsche , die an einem so heißen Sommermorgen mir in den Kopf steigen , und wozu Voigts Sternengespräche einen starken Reiz geben ; er sagte , alles Gefühl , aller Begriff werde zu einem Vermögen , es ziehe sich wohl zurück , aber zur unerwarteten Stunde trete es wieder hervor - und da setze ich mich an einsame Orte und simuliere so ins Blaue hinein und komme zu nichts , zu keinem hellen Augenblick , nur daß mir oft das Herz unbändig kopft , wenn ich dran denke , daß ich das Geschrei der Philister , die des Geistes Stimme mit Grundsätzen bedrängen , durch das bloße Regiment meiner Empfindung ersticken wolle ; ja , es wär eine himmlische Satisfaktion für die Rutenstreiche , womit sie blind alle Begeistrung verfolgen . Günderode , ich wollt , Du wärst ein regierender Herr und ich Dein Kobold , das wär meine Sach , da weiß ich gewiß , daß ich gescheut würde vor lauter Lebensflamme . Aber so ! - ist es ein Wunder , daß man dumm ist ? - Und so war ich bald im Sonnenbrand ganz träumerisch versunken und jagte im Traum auf einem Renner wie der Wind nach allen Weltgegenden und richtete mit hoher übertragner Begeistrung von Dir die Welt ein und kommandierte wohl auch hier und da mit einem Fußtritt , mit einem Fluch dazwischen , damit es geschwind gehe - aber Dein Dramolet zu lesen , was ich mitgenommen hatte , mich recht hinein zu studieren , das hab ich versäumt durch die vielen heftigen Bewegungen meiner Seele , ich mußte mich beschwichtigen mit Schlafen , was mich immer befällt , wenn mir die Schläfe so brennen vor heißem Eifer in die Zukunft . O Seelenbecher , wie kunstreich und göttlich begabt ist Dein Rand geformt , daß er die brausenden Lebensfluten faßt , wie unrettbar wär ich sonst über dich hinausgebraust . - Mein Freund , das Windspiel , hatte mich aufgespürt , es weckte mich mit seinem Bellen und wollte mit mir spielen , es bellte , daß alle Felsen dröhnten und echoten , es war , als wenn eine ganze Jagd los wär , ich mußte jauchzen vor Vergnügen und Lust mit dem Tier ; es hatte mir meinen Strohhut apportiert , den ich dem steilen Fels hinabgeworfen hatte , mit so zierlichen langhalsigen Sprüngen - so ist ' s , wenn man einem gut ist , da mißt man nicht die Gefahr des Abgrundes , man vertraut in die eignen Kräfte , und es gelingt . - Ach , Günderode , es wär viel , wenn der Mensch nur erst so weit wär , seinem eignen Genie zu trauen wie so ein Windspiel , es legte mir seine Pfoten um den Hals , wie es mir meinen Hut gebracht hatte , ohne ihn zu verderben ; ich nannte es zum Scherz Erodion und dachte , so müsse der an der Göttin Immortalita hinaufgesehen haben ; denn es ist so edel und schön und kühn , und Menschen sehen nicht leicht so einfach groß und ungestört aus in ihrer Weise , wie Tiere es oft sind . Der Herzog war dem Bellen seines Hundes nachgegangen und kam hinter den Bäumen hervor , er fragte , warum ich den Hund so nenne , dem er Cales ruft , und sagte , es sei der Name eines Wagenführers vor Troja , den der Diomedes erschlagen , ich zeigte ihm Dein Gedicht , um zu erklären , wo mir der Name Erodion herkomme , er setzte sich auf den Fels und las es teilweis laut und machte mit dem Bleistift Bemerkungen , die send ich Dir , Du siehst , er hat es mit Sammlung gelesen und dann sogar mit Liebe . Ich weiß nicht , wie oft Dich der Zufall begünstigen wird , die feineren Saiten der Seele zu rühren , so wird ' s Dich freuen . - Er frug mich , ob ich denn das Gedicht verstehe ? - Ich sagte nein ! Aber ich lese es gern , weil Du meine Freundin seiest und mich erziehst . Er sagte , eine Knospe ist dieses kleine , sorgsam vor jeder fremden Einwirkung geschützte Erzeugnis , die die große Seele der Freundin umschließt , und in diesen sanft gefalteten Keimen einer noch unentwickelten Sprache schlummern Riesenkräfte . Die Inspiration der Wiedergeburt hebe ahnungsvoll die Schwingen in Dir ; und weil die Welt zu schmutzig sei für so kindlich reine Versuche , Deine Ahnungen auszusprechen , so werde sie diesen anspruchslosen Schleier , der Deine weit ausgreifende Phantasie und Deinen hohen philosophischen Geist umschlinge , nicht entfalten . - Ich ließ mir dieses Lob verwundert gefallen ; er begleitete mich , ich mußte ihm auf dem Weg von Dir erzählen , von unserm Umgang , von Deinem Wesen , von Deiner Gestalt , da hab ich mich zum erstenmal besonnen , wie schön Du bist , wir sahen eine vollsaftige weiße Silberbirke in der Ferne mit hängenden Zweigen , die mitten am Fels aus einer Spalte aufgewachsen ist und vom Wind sanft bewegt gegen das Tal sich neigt ; unwillkürlich deutete ich hin , wie ich von Deinem Geist sprach und auch von Deiner Gestalt , der Herzog fragte , die Freundin werde wohl jener Birke gleich sein , auf die ich hinweise ? - Ich sagte , ja . So wollte er mit mir zusammen hin und Dich von nahem beschauen , aber es war so glatt und steil da hinan , ich meinte nicht , daß wir hinkommen würden - er vertraute auf den Cales , der werde uns schon einen Weg ausfinden . » Was hat sie denn für Haar ? « - Schwärzlich glänzend braunes Haar , das in freien weichen Locken , wie sie wollen , sich um ihre Schultern legt . - » Was für Augen ? « - Pallasaugen , blau von Farbe , ganz voll Feuer , aber schwimmend auch und ruhig . - » Und die Stirn ? « - Sanft und weiß wie Elfenbein , stark gewölbt und frei , doch klein , aber breit wie Platons Stirn ; Wimpern , die sich lächelnd kräuseln , Brauen wie zwei schwarze Drachen , die , mit scharfem Blick sich messend , nicht sich fassend und nicht lassend , ihre Mähnen trotzig sträuben , doch aus Furcht sie wieder glätten . So bewachet jede Braue , aufgeregt in Trotz und Zagheit , ihres Auges sanfte Blicke . - » Und die Nase und die Wange ? « - Stolz ein wenig und verächtlich , wirft man ihrer Nase vor , doch das ist , weil alle Regung gleich in ihren Nüstern bebet , weil den Atem sie kaum bändigt , wenn Gedanken aufwärts steigen von der Lippe , die sich wölbet frisch und kräftig , überdacht und sanft gebändigt von der feinen Oberlippe . - Auch das Kinn mußt ich beschreiben , wahrlich , ich hab nicht vergessen , daß Erodion dort gesessen und ein Dellchen drin gelassen , das der Finger eingedrückt , während weisheitsvolle Dichtung füllet ihres Geistes Räume ; und die Birke stand so prächtig , so durchgoldet , so durchlispelt von der Sonne , von den Lüftchen , war so willig sich zu beugen , hold dem Strom der Morgenwinde , wogte ihre grünen Wellen freudig in den blauen Himmel , daß ich nicht entscheiden konnte , was noch zwischen beiden liege , jenem zukömmt und dem andern nicht . - Cales fand mit manchen Sprüngen erst den Weg zur Birke , dann der Herzog , ich blieb zurück , ich hätte leicht nachkommen können , aber ich wollte nicht in seiner Gegenwart . Er schnitt dort Buchstaben in die Rinde ganz unten am Fuß und sagte , er wolle , sie solle die Freundschaftsbirke heißen ; und er wolle auch unser Freund sein . Ich war bereitwillig dazu . Ach laß ihn , er kommt den Winter nach Frankfurt , erstlich vergißt ein Prinz leicht so was über vielen andern Zerstreuungen , denn der glaubt gar nicht , daß es möglich wär , daß wenn man sich ganz an etwas hingäbe , daß dadurch grade allein der Scharfblick , die Wägungskraft der Allseitigkeit entspringe , nach der sie alle jagen und sich drin verflattern , und dann ist er auch krank und hat wenig gesunde Tage , einem solchen muß man alle heilenden Quellen zuströmen . - Adieu . Morgen nachmittag ist eine große Partie zu Esel , und morgen vormittag geht die gute Kurprinzessin weg . - Und in aller Früh um drei Uhr wollen die Engländer mit uns einen Berg ersteigen und die Sonne aufgehen sehen , die andern wollten den Voigt nicht mit haben , ich hab ' s ihm aber doch gesteckt , sonst langweile ich mich , so wie die andern behaupten , daß er sie langweilt . Morgen früh kommt die Botenfrau , ich schicke diesen Brief mit , obschon er noch nicht so gefährlich lang ist wie mein erster , aber Du bist maulhängolisch , und da will ich Dich ein bißchen kitzeln , mit der anmutigen Geschichte vom Herzog , daß Du mit Gewalt lachen mußt , wenn Du auch noch so sehr den Mund zusammenziehst . Gelt , es macht Dir doch Pläsier ? Ich hab mir seine Liebeserklärung abgeschrieben an Deine Immortalita , die von seiner Hand gehört Dein - er hat ' s geschrieben für Dich , Du kannst Wert darauf legen , ich hör , daß er sehr berühmt ist , großartig , witzig und sehr gefürchtet deswegen von manchen Menschen , er wär aber auch sehr großmütig und gutmütig , aber viele wollen doch nicht gern mit ihm zu tun haben aus Furcht , seine beste Freundlichkeit wär doch ein heimlicher Witz . Was das für eine Narrheit ist , über mich möcht einer sich lustig machen , soviel er wollt , es wär mir recht angenehm , wenn ' s ihm Pläsier macht . Bettine Beilage zum Brief an die Günderode Immortalita Personen Immortalita , eine Göttin Erodion Charon Hekate Erste Scene Eine offene schwarze Höhle am Eingang der Unterwelt , im Hintergrunde der Höhle sieht man den Styx und Charons Nachen , der hin und her fährt , im Vordergrund der Höhle ein schwarzer Altar , worauf ein Feuer brennt . Die Bäume und Pflanzen am Eingang der Höhle sind alle feuerfarb und schwarz , sowie die ganze Dekoration , Hekate und Charon sind schwarz und feuerfarb , die Schatten hellgrau , Immortalita weiß , Erodion wie ein römischer Jüngling gekleidet . Eine große feurige Schlange , die sich in den Schwanz beißt , bildet einen großen Kreis , dessen Raum Immortalita nie überschreitet . IMMORTALITA aus der Betäubung erwachend . Charon ! Charon ! CHARON seinen Kahn innehaltend . Was rufst du mich ? IMMORTALITA . Wann kommt die Zeit ? CHARON . Sieh die Schlange zu deinen Füßen , noch ist sie fest geschlossen , der Zauber dauert , solange dieser Kreis dich umschließt , du weißt es , warum fragst du mich ? IMMORTALITA . Ungütiger Greis , wenn es mich nun tröstet , die Verheißung einer bessern Zukunft noch einmal zu vernehmen , warum versagst du mir ein freundlich Wort ? CHARON . Wir sind im Land des Schweigens . IMMORTALITA . Wahrsage mir noch einmal . CHARON . Ich hasse die Rede . IMMORTALITA . Rede ! Rede ! CHARON . Frage Hekate Er fährt hinweg . IMMORTALITA streut Weihrauch auf den Altar . Hekate ! Der Mitternacht Göttin ! Der Zukunft Enthüllerin , die schläft in des Nichtseins dunklem Schoß ! Geheimnisvolle Hekate ! Hekate ! erscheine . HEKATE . Mächtige Beschwörerin ! Was rufst du mich aus den Höhlen ewiger Mitternacht ; dies Ufer ist mir verhaßt , sein Dunkel zu helle , ja mir deucht , ein niederer Schein aus des Lebens Lande habe hierher sich verirrt . IMMORTALITA . O vergib Hekate ! und erhöre meine Bitte . HEKATE . Bitte nicht , du bist hier Königin , du herrschest hier und weißt es nicht . IMMORTALITA . Ich weiß es nicht ! Warum kenn ich mich nicht ? HEKATE . Weil du nicht dich selber sehen kannst . IMMORTALITA . Wer wird mir einen Spiegel zeigen , daß ich mich schaue ? - HEKATE . Die Liebe . IMMORTALITA . Warum die Liebe ? HEKATE . Weil ihre Unendlichkeit nur ein Maß für deine ist . IMMORTALITA . Wie weit erstreckt sich mein Reich ? HEKATE . Über jenseit einst , über alles . IMMORTALITA . Wie ? - die undurchdringliche Scheidewand , die mein Reich scheidet von der Oberwelt , wird sie einst zerfallen ? HEKATE . Sie wird zerfallen ! Du wirst wohnen im Licht ! - alle werden dich finden . IMMORTALITA . O wann wird dies sein ? - HEKATE . Wenn gläubige Liebe dich der Nacht entführt . IMMORTALITA . Wann ? - in Stunden ? - in Jahren ? HEKATE . Zähle nicht die Stunden , bei Dir ist keine Zeit . Siehe zur Erde ! - die Schlange , die ängstlich sich windet - fester beißt sie sich ein , vergeblich möcht in ihrem engen Kreis sie dich gefangen halten , vergeblich ist ihr Widerstand - des Unglaubens Herrschaft , der Barbarei und der Nacht sinkt dahin . Sie verschwindet . IMMORTALITA . O Zukunft , wirst du ihr gleichen ? - jener seligen fernen Vergangenheit , wo ich mit Göttern in ewiger Klarheit wohnte . Ich lächelte sie alle an , und ihre Stirnen verklärte mein Lächeln , wie kein Nektar sie verklären konnte , und Hebe dankte ihre Jugend mir , und immer blühender Aphrodite ihre Reize . Aber durch der Zeiten Finsternis getrennt von mir , noch ehe mein Hauch ihnen Dauer verliehen , stürzten von ihren Thronen die seligen Götter und gingen zurück in die Lebenselemente ; Jupiter in des Urhimmels Kräfte , Eros in die Herzen der Menschen , Minerva in die Sinne der Weisen , die Musen in der Dichter Gesänge ; und ich Unseligste von allen wand nicht des unverwelklichen Lorbeers um die Stirne dem Helden , dem Dichter . Verbannt in dies Reich der Nacht , der Schatten Land , dies düstere Jenseit , muß ich der Zukunft nun entgegenleben . CHARON fährt mit Schatten vorüber . Neigt euch , Schatten , der Königin des Erebos , daß ihr noch lebt nach eurem Leben , ist ihr Werk . Chor der Schatten Stille führet uns der Nachen Nach dem unbekannten Land , Wo die Sonne nicht wird tagen An dem ewig finstern Strand . - Zagend sehen wir ihn eilen , Denn der Blick möcht noch verweilen An des Lebens buntem Rand . Sie fahren weg . Die vorige Szene Charons Nachen landend . Erodion springt ans Ufer . Immortalita im Hintergrund . ERODION . Zurück , Charon , von diesem Ufer , das kein Schatten darf betreten ! Was siehst du mich an ? - Ich bin kein Schatten wie ihr ; eine frohe Hoffnung , ein träumerischer Glaube haben meines Lebens Funken zur Flamme angefacht . CHARON für sich . Gewiß ist dieser der Jüngling , der die goldne Zukunft in sich trägt . Er fährt ab mit seinem Nachen . IMMORTALITA . Ja , du bist ' s , von dem Hekate mir weissagte , bei deinem Anblick werde des Tages Strahl durch diese alten Hallen , durch diese erebische Nacht hereinbrechen . ERODION . Wenn ich der Mann bin deiner Weissagungen , Mädchen oder Göttin ! Wie ich dich nennen soll , so glaube , du bist die innerste Ahnung des Herzens mir . IMMORTALITA . Sage , wer bist du , wie heißest du , und wo fandst du den Weg zum pfadlosen Gestade hierher ? - wo Schatten nicht noch Menschen wandlen dürfen , nur unterirdische Götter . ERODION . Ungern möcht ich zu dir von anderm reden als nur von meiner Liebe . Aber red ich dir von meiner Liebe , so ist ' s ja mein Leben . Höre mich denn : Eros ' Sohn bin ich und seiner Mutter Aphrodite , der Liebe und Schönheit Doppelverein hatte in mein Dasein schon die Idee jenes Genusses gelegt , den ich nirgend fand und überall doch ahnete und suchte . Lange war ich ein Fremdling auf Erden , von ihren Schattengütern mocht ich nichts genießen , bis träumend mir durch deine Eingebung eine dunkle Vorstellung von dir in die Seele kam . Überall geleitete mich dieser Idee Abglanz von dir , überall verfolgte ich ihre geliebte Spur , auch wenn sie mir untertauchte im Land der Träume , und so führte sie mich zu den Toren der Unterwelt , aber nie konnt ich zu dir durchdringen ; ein unselig Geschick rief mich immer wieder zu der Oberwelt . IMMORTALITA . Wie Knabe ! - so hast du mich geliebt , daß lieber den Helios und das Morgenrot du nicht mehr sehen wolltest , als mich nicht finden ? ERODION . So hab ich dich geliebt , und ohne dich konnte die Erde nicht mehr mich ergötzen , nicht mehr der blumige Frühling , der sonnige Tag , die tauige Nacht , die zu besitzen der finstere Pluto gern sein Zepter hätt vertauscht . Aber wie eine größere Liebe in meiner Eltern Umarmungen sich vereint hatte als alle andre Liebe - denn sie waren die Liebe selbst - so die Sehnsucht auch , die zu dir mich trieb , war die mächtigste , und über alle Hindernisse siegreich war mein Glaube , dich zu finden ; denn meine Eltern wußten , daß , der aus Lieb und Schönheit entsprungen , nichts Höheres auf Erden finde als sich selbst , und hatten diesen Glauben zu dir mir gegeben , daß meine Kraft nicht sollt ermüden , nach Höherem zu streben außer mir . IMMORTALITA . Aber wie kamst du endlich zu mir ? Unwillig nimmt Charon Lebende in das morsche Fahrzeug , für Schatten nur erbaut . ERODION . Einst war mein Sehnen dich zu schauen so groß , daß alles , was die Menschen erdacht , dich ungewiß zu machen , mir klein erschien und nichtig . Mut begeisterte mein ganzes Wesen : ich will nichts , nichts als sie besitzen , so dacht ich , und kühn warf ich dieser Erde Güter alle weg von mir und führte mein Fahrzeug hin zu dem gefahrvollen Fels , wo alles Irdische scheitern sollte . Noch einmal dacht ich : wenn du alles verlörst , um nichts zu finden ? - aber hohe Zuversicht verdrängte den Zweifel , fröhlich sagt ich der Oberwelt das letzte Lebewohl , die Nacht verschlang mich - eine gräßliche Pause ! - ich fand mich bei dir . - Die Fackel meines Lebens flammt noch jenseits der stygischen Wasser . IMMORTALITA . Die Heroen der Vorwelt haben diesen Pfad schon betreten , der Mut hat herüber zu streifen gewagt , aber der Liebe nur war vorbehalten , ein dauernd Reich hier zu gründen . Die Bewohner des Orkus sagen , mein Dasein hauche ihnen unsterbliches Leben ein ; so sei denn auch du unsterblich ; denn du hast Unnennbares in mir bewirkt , ich lebte ein Mumienleben , aber du hast mir eine Seele eingehaucht . Ja , teurer Jüngling ! In deiner Liebe erblicke ich mich verklärt ; ich weiß nun , wer ich bin , daß ein sonniger Tag diese alten Hallen beglänzen wird . Hekate tritt hinter dem Altar hervor . HEKATE . Erodion , trete in den Kreis der Schlange . Er tut es : die Schlange verschwindet . Zu lange , Immortalita , warst du , durch die Macht des Unglaubens und der Barbarei , von wenigen gekannt , von vielen bezweifelt , in diesen engen Kreis gebannt . Ein Orakel , so alt als die Welt , sagt , der gläubigen Liebe werde gelingen , dich selbst in dem erebischen Dunkel zu finden , dich hervorzuziehen und deinen Thron in ewiger Klarheit zu gründen , zugänglich für alle . Die Zeit ist nun gekommen , dir , Erodion , bleibt nur noch etwas zu tun übrig . Der Schauplatz verwandelt sich in einen Teil der elysäischen Gärten , die Szene ist matt erleuchtet , man sieht Schatten hin und wieder irren . Zur Seite ein Fels , im Hintergrund der Styx und Charons Nachen . Die Vorigen HEKATE . Sieh , Erodion , diesen einsturzdrohenden Fels , er ist die unübersteigliche Scheidewand , der des sterblichen Lebens Reich von dem deiner Gebieterin scheidet , er verwehrt der Sonne , ihre Strahlen her zu senden , und getrennten Lieben , sich wieder zu begegnen . Erodion ! versuch es , diesen Felsen einzustürzen , daß deine Geliebte auf seinen Trümmern aus der engen Unterwelt steigen möge , daß ferner nichts Unübersteigliches das Land der Toten von dem der Lebenden mag trennen . Erodion schlägt an den Felsen , er stürzt ein , es wird plötzlich helle . IMMORTALITA . Triumph ! Der Fels ist gesunken , von nun an sei den Gedanken der Liebe , den Träumen der Sehnsucht , der Begeisterung der Dichter vergönnt , aus dem Lebenslande in das Schattenreich herabzusteigen und wieder zurückzugehen auch . HEKATE . Heil ! Dreifaches , unsterbliches Leben wird dies blasse Schattenreich beseelen , nun dein Reich gegründet ist . IMMORTALITA . Komm , Erodion , steige mit mir auf in ewige Klarheit ; und alle Liebe , alles Hohe soll meines Reiches teilhaftig werden . Du , Charon , entfalte deine Stirn , sei freundlicher Geleiter denen , die mein Reich betreten wollen . ERODION . Wohl mir , daß ich die heilige Ahnung meines Herzens wie der Vesta Feuer treu bewahrte ; wohl mir , daß ich , der Sterblichkeit zu sterben , der Unsterblichkeit zu leben , das Sichtbare dem Unsichtbaren zu opfern Mut hatte . Von der Hand des Herzogs Emil August von Gotha auf das Manuskript der Immortalita geschrieben . Es ist eine Kleinigkeit , die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist , daß ich es ein Geschenk des Himmels achte , dich zu verstehen , du edles Leben . Siehst du zur Erde nieder , gibst gleich der Sonne du ihr einen schönen Tag , doch auf zum Himmel wirst du vergeblich schauen , suchst deinesgleichen du unter den Sternen . Wie frische Blütenstengel so schmückt deiner Gedanken sorglos Leben den bezwungenen Mann ; sein Busen bebt von tiefen Atemzügen , wenn dein Geist gleich aufgelösten Locken , die jetzt dem Band entfallen , ihn umspielt . Er sieht dich an , ein Liebender ! Wie stille Rosen und schwankende Lilien schweben deiner segnenden Gedanken Blicke ihm zu . Vertraute , nahe dem Herzen sind sie . Wahrhaftiger , heller und schöner beleuchten sein Ziel sie ihm und seinen Beruf , und auf schweigendem Pfade der Nacht sind hochschauende Sterne Zeugen seiner Gelübde dir . Doch ist eine Kleinigkeit nur , die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist , daß ich als ein Geschenk des Himmels es achte , dich zu verstehen , du edles Leben . Emil August An die Bettine Dein Brief , liebe Bettine , ist wie der Eingang zu einem lieblichen Roman , ich habe ihn genippt wie den Becher des Lyäus , der ein Sorgenbrecher ist , es tat mir auch sehr wohl , mich bewegten grade Sorgen um Dinge , die eine notwendige Folge des Lebens und daher nicht unerwartet sind ; die ich Dir nicht mitteile , weil sie in Deinen Lebensgang nicht einstimmen1 . Du bist mein Eckchen Sonne , das mich erwärmt , wenn überall sonst der Frost mich befällt . Ich werde die Stadt auf ein paar Wochen verlassen , ein Brief wird mich am Donnerstag noch treffen , dann aber , den nächsten find ich , wenn ich zurückkomme , und dann sind wir bald wieder ganz beisammen . Lasse Deine Briefe recht heiter sein ohne schwermütigen Nachklang , Deiner Natur ist eine freie ungehemmte Lebenslust gemäß ; die trüben mißmutigen Regungen , mit denen Du zuweilen prahlst , sind nur Zeichen geheimnisvoller Gärungen , denen der Raum zu eng ist , sich zu läutern , das muß ich glauben , wenn ich Deine jetzige natürliche Stimmung vergleiche mit jener gereizten , die Dich zuletzt hier befiel , wo mir ganz bange um Dich war . Es war Dir nichts weiter nötig , als die beengende Stadtluft nicht mehr zu atmen . Du bist wie eine Pflanze , ein bißchen Regen erfrischt Dich , die Luft begeistert Dich , und die Sonne verklärt Dich . - Die Tonie schreibt hierher , daß Du gesund aussähest und keine Spur von der interessanten Blässe übrig sei ; - rate , wer darüber seinen Ärger nicht verhehlen kann ? - » Elle ne sera plus ce quelle a été « gab er mir auf alle Trostgründe zur Antwort . Indessen hoffe ich , daß unsereins auch noch bei Dir gilt , und mir ist ' s lieber , daß Du auf Kosten jener interessanten Blässe zunimmst , als daß ich immer hören muß , Deine Lebendigkeit werde Dich noch töten , was komisch klingt und auf mich gestichelt ist . Ich habe mir selber die Vorwürfe nicht erspart . - Was Du Schlaftrunkenheit nenntest , das war nach Sömmering Nervenfieber , er sagt , Du habest keinen Sinn für Krankheitszustände , Du habest die Kinderkrankheiten wie lustige Spiele durchgemacht , diesmal sei es von überspanntem Studieren gekommen . Die philosophischen Ausdrücke Absolutismus , Dualismus , höchste Potenz usw. , mit denen Du in Deinen Fieberphantasien spieltest , zeugten wider mich . Ich habe mir fest vorgenommen , diesen Winter nur solche Sachen mit Dir zu treiben , die Dir recht von Herzen zusagen . - Ich bin zwar nicht so ganz allein an diesem Mißgriff schuld , andre , denen ich vertraue , die , wie mir schien , nicht mit Unrecht Dir viel philosophischen Sinn zusprechen , meinten , er müsse entwickelt werden , ich folgte unschuldig diesen Weisungen und nahm Deinen Widerspruch für die gewohnte Unbequemheit , Dich etwas Ernstem zu fügen . Der Hohenfeld sagte mir , Ebel