freie Hand . Sie sagten , in den Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefühle seit Jahrhunderten der heraldisch-richtigen Bahn gefolgt . Es lasse sich also nichts daran ändern und modeln , was ihre Tochter empfinde . Um die Zeit der vielfältigsten und heißesten Bewerbungen machte ihr Vater mit den Seinigen eine der obengedachten Erholungsreisen zur Stärkung auf die Beschwerden der Jagd und des Spiels . Der Ausflug war diesmal in die Bäder von Nizza gerichtet . Die Familie reiste unter fremdem Namen , denn sechs feurige Landjunker hatten geschworen , dem Fräulein nachzueilen bis an das Ende der Welt , und sie wollte allein sein , allein mit ihrem Nußknacker , dem heiligen Meer und den ewigen Alpen gegenüber . Die Familie hieß in Nizza die von Schnurrenburg-Mixpickelsche . Eines Tages gehen Schnurrenburg-Mixpickels am Strande spazieren ; das Fräulein geht etwas voran , den Freund im Ridicüle . Plötzlich sehen die Eltern sie wanken ; der Vater springt zu , und empfängt die Tochter in seinen Armen . Bleich ist ihr Antlitz , aber von Entzücken strahlen ihre Augen , sie liegt wie eine Selige am Busen des Vaters . Ihre Blicke dringen schüchtern in die Ferne , und kehren dann wie mit goldnen Schätzen der Wonne beladen , in sich zurück . Auch die Eltern erstaunen , als sie den Blicken der Tochter in die Ferne folgen . Denn von der andern Seite des Strandes schreitet ihnen eine Gestalt entgegen , Nußknacker zu entzünden . Von schöner , gedrungner , proportionierlicher Gestalt , sprach sich in allen seinen Gliedern männliche Kraft aus , aus seinem glänzenden , hellroten Gesichte mit breiten , festen Kinnbacken leuchtete der Entschluß , auch die härteste , vom Geschick ihm vorgelegte Nuß zu im großen , weiße Unterkleider , rote Uniform , Federhut , grellblaue , und doch milde Augen , hellrot-glänzendes Gesicht , wie lackiert , breiter Mund , verborgen von der wunderbaren Fülle des schwarzen Schnurrbarts , eine schöne gedrungne Gestalt , Kraft in allen Gliedern , kurz Nußknacker in jeder Miene , Form , Falte . Besorgt tritt er hinzu und fragt , was der Dame fehle ? Der Vater fragt ihn seinerseits : mit wem er die Ehre habe ... ? » Ich bin « , versetzt der Fremde , indem er die Nasenflügel zitternd bewegt , und mit den Augen zwinkert , » Signor Rucciopuccio , von Geburt ein Senese , in Kriegsdiensten Seiner Majestät , des Kaisers aller Birmanen , bei den Truppen auf europäische Art , Kommandeur der sechsten Elefantenkompanie . « » Ei der tausend , da sind Sie wohl verteufelt weit her ? « fragte der alte Baron . » Es geht noch « , erwiderte der Fremde , indem er sich in den Hüften zurechtrückte , daß die Gelenke knackten . Der Alte fragte ihn über die Birmanen aus , die Mutter musterte die Stickerei an seinem Kragen , Emerentia flüsterte , in einen Abgrund von Glück verloren , nichts als : » O Rucciopuccio ! .. « So kamen sie in das Hotel der Familie , wo sich der Fremde nach kurzem Verweilen beurlaubte mit der Bitte , seine Besuche wiederholen zu dürfen , und nachdem er die Augen nochmals bedeutend-zwinkernd auf Emerentia geworfen hatte . Laßt mich von ihr schweigen ! Der Traum ist Wahrheit geworden , das Herz hat sich seinen Wunsch verkörpert , und in die Sichtbarkeit ausgeschaffen ! Am andern Tage läßt sich der Kommandeur der sechsten birmanischen Elefantenkompanie wieder anmelden . Wo das Schicksal gesprochen hat , sind die Menschen über Worte hinweggehoben . Er tritt in die eine Türe , sie tritt in die andre ; er zupft am Schnurrbart , sie zupft am Schnupftuch ; heut wird er blaß , und sie wird rot , er breitet die Arme aus , sie breitet die Arme aus , er neigt sich zu ihr , sie neigt sich zu ihm , und : » Füreinander geschaffen ! « ist der erste Laut , den ihre glühenden Lippen nach der Wonne des ersten Kusses finden . » Füreinander geschaffen ! « wiederholt Rucciopuccio beteuernd , indem er abermals mit den Augen zwinkert und die Nasenflügel zitternd bewegt . Aber diesem rascherblühten Lenze der Liebe folgte ein verheerender Sturm , der alle Rosen jählings zu knicken drohte . In Emerentien erwachte nämlich die ganze Dialektik feinfühlender weiblicher Herzen , wenn sie nicht wissen , was sie wollen . Die Arme fühlte sich durch einen scharfen Konflikt der Gefühle zerspalten . Der Nußknacker war ihr Ideal , ein Fürst von Hechelkram ihre Zukunft , der Birmane Rucciopuccio aus Siena die Gegenwart und Wirklichkeit . Sollte sie dem Ideale und der Zukunft untreu werden um Gegenwart und Wirklichkeit ? Sollte sie Wirklichkeit und Gegenwart opfern und bei Ideal und Zukunft vielleicht eine alte Jungfer werden ? Böse Wahl , schreckliche Kämpfe , die alle Götter und Dämonen ihres Busens aus dem Schlummer weckten ! Eine weibliche Feder wird in einem Anhange zu den gegenwärtigen Erzählungen diesen Teil von Emerentias Geschichte ausmalen . Nur eine Schriftstellerin versteht sich auf die Entzaserung aller der geheimen Fasern und Zasern , welche das Gewebe solcher Nöte bilden . Endlich siegten Gegenwart und Wirklichkeit über Zukunft und Ideal . Das Schicksal räumte nämlich zuvörderst das Ideal hinweg , indem es die Hand der Mutter leitete . Diese ergriff , als sie einmal sich von der Tochter unbemerkt wußte , den Nußknacker , und ließ ihn auf den Kehricht hinter dem Hotel werfen . Dahin gehörte er auch , nachdem er seine Mission erfüllt , und die Idee , deren hölzerner Träger er gewesen war , volles geschichtliches Leben in Rucciopuccio gewonnen hatte . Rucciopuccio aber schwor , als er bei seiner Geliebten auf den Grund des Kummers gedrungen war , ihr mit heiligen Eiden bei dem Affen Hannemann : er sei eigentlich ein Hechelkramischer Fürst , ein vertauschter Knabe , durch teuflische Kabale nach Siena gebracht , und von dort zu den Birmanen verschlagen . Bald werde er nach Hechelkram zurückkehren , sein väterliches Reich unter Vorlegung authentischer Urkunden in Anspruch zu nehmen . Zweites Kapitel Emerentias Liebe glaubte , was Rucciopuccios Liebe beschworen hatte , besonders da der Eid auf den Affen Hannemann abgelegt worden war , der in Hindostan eines noch größeren Ansehens genießt , als je einem Affen in Europa , wo sie doch auch viel gelten , zuteil geworden ist . Alles hatte sich nun in den schönsten Einklang gesetzt ; die Bestimmung der Töchter aus dem Gesamthause Schnuck , das Nußknacker-Ideal und der Fürst von Hechelkram unter der Hülle des kaiserlich birmanischen Kriegsbeamten aus Siena . Man konnte in diesem Falle sagen , die Erfüllung habe die Erwartung überflügelt . War Emerentia in das tiefste Geheimnis ihres Rucciopuccio eingedrungen , so konnte sie sich dagegen nicht entschließen , ihm ihren wahren Namen zu entdecken . Der Geliebte war arglos und schwatzhaft ; das merkte sie nach kurzer Bekanntschaft . Wie leicht war es möglich , daß er das Geheimnis ausplauderte , daß es über die Alpen zu den sechs feurigen Landjunkern drang , daß diese ihr Wort lösten , und nachgesprengt kamen , und dann - ade , du stilles Himmelsglück in Nizza ! Für Rucciopuccio blieb Emerentia daher die Freiin von Schnurrenburg-Mixpickel , und hieß Marcebille , weil ihr dieser Taufname besonders süß und romantisch klang . Es waren nun für beide Liebende die herrlichen Tage angebrochen , in welchen die Leute einander beständig beim Kopfe haben , Lippen auf Lippen pressen , in welchen , wenn die Geliebte nieset , der Liebende Äolsharfen und Engelsgesang zu vernehmen meint , und wenn der Geliebte ein Gähnen verbirgt , die Liebende einen neuen himmlischen Ausdruck in seinen teuren Zügen entdeckt , in welchen , lustwandeln sie miteinander , Sonne , Mond und Sterne beschworen werden , auf ihr Glück herabzuschauen , wenn sie sonst nichts zu sprechen wissen . Rucciopuccio und Emerentia machten alle diese Krisen der Liebe gründlich durch ; besonders gingen sie viel miteinander spazieren . Er führte sie an das Meer , er führte sie auf die Alpen , er führte sie in Gärten , er führte sie in Olivenwäldchen , er führte sie bei Tage , er führte sie bei Nacht , und zärtlich rief sie oft , noch nie sei sie so anmutig geführt worden . Ein leichtes Wölkchen am Horizonte ihrer Freuden war es , daß der Prätendent von Hechelkram nie Geld hatte . Er versicherte sie , er habe soundso viel tausend Lak Rupien vom Birmanenkaiser an rückständigem Solde zu beziehen , die jeden Posttag eintreffen könnten ; indessen bis zum Eingange dieser Zahlung mußte sie ihm freilich mit ihrer Sparbüchse aushelfen . Als diese erschöpft war , sagte er , es müsse nun durchaus ein Wechsel des Schicksals vor der Tür stehen , und um diesem gleichsam symbolisch vorzuarbeiten , wolle er kleine Papierstreifen beschreiben , die in der Welt auch Wechsel genannt würden , weil sie die wunderlichsten Abwechselungen von Freiheit und Notwendigkeit hervorzubringen pflegten . So flossen abermals einige Wochen in Liebesglück und Wechselverfertigung hin . Eines Abends gingen sie wieder in einer paradiesischen Gegend spazieren , angeweht von jenen Lüften dort , welche in die Brust des Kranken wie Balsam dringen , und der Wange des Gesunden gleich seidnen Händchen schmeicheln . Sie hatten sich ganz in hohe Ahnungen über Gott und Unsterblichkeit verloren , sie sprachen , daß es gleich in den » Stunden der Andacht « hätte abgedruckt werden können , da standen plötzlich acht Juden und sechzehn Häscher , denn jeder Jude hatte sich zwei Häscher auf den Leib gemietet , vor dem seligen Paare . Die Juden hielten Rucciopuccio ganze Hände voll symbolischer Papierstreifen unter die Augen , und die Häscher riefen auf italienisch : » Marsch ! « indem sie ihre Spieße wie wegweisend ausstreckten . » Um alle Heiligen , Geliebter ! « rief Emerentia , » was ist dieses ? « - » Nichts , meine Teuergeschätzte , als eine höllische Kabale , Wechselarrest geheißen « , versetzte Rucciopuccio , der keinen Augenblick seine Fassung verlor . » Der Kaiser aller Birmanen ist ein Tyrann . Ein Tyrann , sage ich ; ein schmählicher Tyrann ! Er kann mich nicht entbehren , er reklamiert mich ; ich soll ihm auch die siebente , achte und neunte Elefantenkompanie , die er inzwischen gebildet hat , organisieren helfen . Auf gradem Wege setzt er es nicht durch , da spielt er denn mit den ruppigen Juden unter einer Decke ( o wie klein für einen Kaiser ! ) , die müssen mich hier in Wechselarrest setzen , und von da komme ich auf den Schub von Gefängnis zu Gefängnis , bis nach Hinterindien ; ich sehe es voraus . O Fürstendienst ! Fürstendienst ! * * * * * * * * * * Verlasset euch nicht * * * * auf die Kinder der Menschen , weil bei ihnen kein Heil zu hoffen ist ! « Rucciopuccio hob bei diesen Worten die Augen gen Himmel und legte die Hand auf sein Herz , wie der Graf von Strafford , als man ihm ankündigte , daß Karl Stuart es sich gefallen lassen wolle , daß er , Strafford , sich für den König köpfen lassen wolle . Emerentia aber näherte sich ihm zitternd , und rief : » Du verlässet mich , da - - « Sie flüsterte ihm etwas in das Ohr . Über das hellrotglänzende Antlitz Rucciopuccios legte sich eine Totenblässe , worauf ein Farbenspiel in demselben sichtbar ward , welches von allen sonst in menschlichen Gesichtern vorkommenden Färbungen so sehr abwich , daß selbst die Juden und Häscher erstaunt zurücktraten , und Emerentia außer sich hätte geraten müssen , wäre sie nicht mit sich und ihrem Geschick zu sehr beschäftigt gewesen . Rucciopuccio erholte sich aber bald wieder , und sagte zu Emerentien mit ruhiger Freundlichkeit : » Dieses sind natürliche Folgen natürlicher Ursachen , die kein weiser Mann bestaunt . Verlasse dich auf mich , Marcebille , ich sprenge die Ketten des Tyrannen , ich komme wieder als Hechelkramischer Fürst , und hole dich ab von dem Schlosse deiner Väter zu Schnurrenburg . Der Geist legt mir ein Trostlied auf die Lippen , bewahre es im tiefsten Schrein des Herzens als heiliges Gemütsgeheimnis ; daran wollen wir uns einst wiedererkennen : Einst liebtest du den Nußknacker , Nach dem Nußknacker liebtest du mich ; Nun holet das Schicksal , der Racker , Erst den Nußknacker , dann holt es mich ! Der Nußknacker sank auf den Kehrich , Und mich rauben die wilden Birmanen ; Nußknacker kehrt nicht , aber kehr ' ich , Hol ' ich ab dich vom Schloß deiner Ahnen ! « Die Häscher verhinderten die Fortsetzung dieser Ode , indem sie ihn abführten . Emerentia sank in Ohnmacht . Zwei Juden brachten sie ihren bestürzten Eltern . Drittes Kapitel Weitere Nachrichten von dem alten Baron und seinen Angehörigen Als die Eltern nach einer ziemlich trübseligen Reise mit Emerentien wieder auf dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr angekommen waren , wollten die feurigen Landjunker ihre unterbrochnen Werbungen erneuern , aber das verstimmte Fräulein wies sie jetzt noch entschiedner zurück , als früherhin . Ihre Gesundheit hatte offenbar durch den Kummer gelitten , die Züge des Gesichtes nahmen oft einen seltsamen Ausdruck an , die Speisen machten ihr Widerwillen , sie befand sich hin und wieder sehr übel . Der alte Baron ließ einen Arzt kommen ; der Arzt sprach mit dem Fräulein unter vier Augen , kam mit einem länglichten Gesichte aus dem Zimmer und sagte zu den Eltern : » Die Luft von Nizza ist ihr zu nahrhaft gewesen , das ist eine Luft für Schwindsüchtige , aber nicht für Vollblütige , es entstand eine Überfüllung von Säften in ihr , sie muß in eine zehrende Luft , in ein anderes Bad , da kommt alles wieder in das Gleichgewicht . Auch allein muß sie reisen , damit sie Trübsal hat und Sehnsucht , dann zehrt sie um so eher ab . « Die Eltern glaubten dem guten verständigen Arzte , und ließen Emerentien in ein anderes Bad , worin eine zehrende und abmagernde Luft wehte , reisen , ganz allein ließen sie sie reisen , weil der Arzt es so haben wollte . Die Kur mußte sehr gründlich und nachhaltig vorgenommen werden , wenn sie anschlagen sollte ; das Fräulein blieb deshalb viele Monate lang im Bade . Dann kam sie zurück , gesünder und wohler , als sie je zuvor gewesen war . Auch ihre Stimmung hatte sich ganz wieder erheitert ; sie lebte in dem festen Vertrauen , daß Signor Rucciopuccio als glücklicher Prätendent von Hechelkram eines Tages ankommen werde , sie aus dem Schlosse abzuholen . Die Mutter sagte : » Wenn das ist , so steht alles wohl , dann hast du in Nizza nur deine Bestimmung erfüllt . « Viele Jahre verflossen seitdem . Der alte Baron war nun wirklich ein alter Baron , Fräulein Emerentia eine alte Jungfer geworden , die alte Baronesse aber inzwischen an einem erblichen Familienübel des Zweiges Schnuck-Muckelig-Pumpel gestorben . Die Jahre hatten das Alter gemehrt und die Gelder gemindert , woraus sich aber der Baron wenig machte . Sagte ihm sein Rentmeister : » Herr Baron , die Pächte und die Zinsen reichen nicht zu « , so war die Erwiderung : » Tut nichts , wenn alles aufgezehrt ist , gehe ich in das höchste Kollegium , und lebe von meiner Besoldung ; ich bin geborner Geheimer Rat . Geld muß ich haben , also verkauft nur einige liegende Gründe , lieber Rentmeister . « Der Rentmeister achtete sich nach diesen Worten , und verzettelte nach und nach alle liegenden Gründe , die zum Schlosse gehörten , Felder , Wiesen , Triften , Holzungen . Als er das letzte Stück losgeschlagen hatte , trat er wieder zu dem alten Baron in das Zimmer und sagte : » Ew . Gnaden , mit den liegenden Gründen wären wir nun fertig ; ich begehre meinen Abschied , denn wo keine Renten sind , da ist kein Rentmeister mehr vonnöten . « » Sehr wahr ! « versetzte der alte Baron , » so wahr , als wie , daß zweimal zwei vier tun ; ich will Euch ein Attest schreiben über wohlgeführte Administration ; was mich betrifft , so gehe ich jetzt in das höchste Kollegium und werde Geheimer Rat . « Ach ! aber als er nach dem höchsten Kollegio fragte , so war ein solches nicht mehr vorhanden , und als er nach den Fürsten von Hechelkram fragte , so sagte man ihm , die hätten längst aufgehört zu regieren , und als er sich bei dem Reichstage erkundigen wollte , wie er seine wohlhergebrachten Ansprüche durchzusetzen habe , so hörte er , das Deutsche Reich wäre schon vor soundso vielen Jahren einmal unversehens dem Kaiser unter den Händen weggekommen . » Sonderbar ! « rief der alte Baron , » wie ist das nur zugegangen ? « Er versank in tiefes Nachdenken , und dachte mehrere Jahre lang darüber nach , wie nur das Deutsche Reich habe wegkommen , der Hechelkramische Fürstenstamm aufhören können , zu regieren , und wie es möglich sein sollte , daß er nicht mehr geborner Geheimer Rat im höchsten Kollegio sei ? Für die beiden ersten Probleme fand er zuletzt noch eine Lösung , aber das letzte , das Geheimeratsproblem blieb ihm unlösbar , und deshalb kam er endlich auf den Gedanken , die gegenwärtigen Verhältnisse seien nur ein kurzer Übergang , die alte , gute Zeit stehe schon wieder vor der Türe , und werde bald anklopfen . Mit diesem Gedanken erhielt er seine ganze Heiterkeit zurück . Er nahm sich vor , in der daraus entspringenden Überzeugung zu leben und zu sterben . Inzwischen waren die Brillanten , Perlen , Roben und Spitzen der seligen gnädigen Frau vertrödelt worden , dann wurde das eiserne Gitterwerk von der Pforte abgebrochen und , benebst den Pflastersteinen des Hofplatzes , samt allen entbehrlichen Hausmobilien , nach und nach in Geld umgesetzt . Derweilen biß auch der Wappenlöwe in das Gras , darauf bröckelte der Bewurf von den Wänden , und dann wich die Giebelmauer gefährlich aus ihrer lotrechten Stellung , ohne daß eine Reparatur versucht werden konnte , weil die rohen Handwerksleute nur , wenn sie Geld sehen , Hand und Fuß regen . Viertes Kapitel Die blonde Lisbeth In dem nach und nach sotanerweise herabgekommenen sogenannten Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr mußte sich der alte Baron mit seiner Tochter Emerentia , die seit dem Eintritte in die stehenden Jahre so sehr an Fülle zunahm , wie die Mittel abnahmen , kümmerlich und einsam behelfen . Die Jagd hatte natürlich aufgehört , weil die Waldgründe verschwunden waren , in denen dieses Vergnügen sich betreiben läßt , und an Spiel war auch nicht mehr zu denken ; man hätte um Rechenpfennige die Stiche machen müssen . Allmählich waren daher auch die Freunde seltener geworden , zuletzt blieben sie ganz aus , waren auch wohl zum Teil gestorben . Vater und Tochter hätten sich am Ende den Kaffee und die spärlichen Mahlzeiten selbst bereiten müssen , denn auch die Bedienten und Mägde schlichen sich allgemach aus Mangel der Bezahlung weg , wäre diesem dürftigen und zusammensinkenden Haushalte nicht eine Stütze in der blonden Lisbeth erwachsen , welche , sobald sie die Hände zu Dienstleistungen zu regen imstande war , dem alten Baron und dem Fräulein wie die geringste Magd aufwartete , kochte , wusch , säuberte , dabei aber immer hold und freundlich aussah , und wenn sie das Schwerste verrichtet hatte , so tat , als habe sie nichts getan . Die blonde Lisbeth war ein Findelkind . Ein altes Weib hatte einst vor Jahren eine große Schachtel , mit kleinen Löchern versehen , auf das Schloß gebracht , sie einem Bedienten übergeben , und ihm gesagt , darin sei ein Geschenk für den Herrn , welches ein guter Freund schicke . Indem nun der Bediente die Schachtel zu dem gnädigen Herrn hineintrug , fing das Geschenk darin an , sich zu regen , und ein feines Geschrei zu erheben . Der Mensch hätte es bald vor Schreck zu Boden fallen lassen , besann sich indessen doch , und setzte die Schachtel vorsichtig auf einen Tisch in des gnädigen Herrn Zimmer . Der alte Baron öffnete den Deckel , und ein kleines Mägdlein von höchstens sechs Wochen streckte ihm aus den Lümpchen , womit der arme Wurm kümmerlich bekleidet war , wie hülfeflehend die Ärmchen entgegen , indem die kleine Kehle sich wacker in den ersten Lauten übte , welche die Menschheit von sich gibt . Übrigens lag das Kindlein weich in Baumwolle gebettet . Sonst aber fanden sich durchaus keine Amulette , Kleinodien , Kreuze , versiegelte Papiere , welche auf den Ursprung des kleinen Wesens hindeuteten , und ohne welche ein wohlkonditionierter Romanenfindling sich eigentlich gar nicht sehen lassen darf . Kein Mal unter der linken Brust , kein eingebranntes , oder eingeätztes Zeichen am rechten Arme , von welchem sich dermaleinst im Schlafe das Gewand verschieben konnte , daß jemand , der zufällig die Schlafende sieht , Soupçon bekommt , und weiter nachfragt , wie ? oder wann ? und so fort - kurz nichts , gar nichts , so daß mir selbst um die Wiedererkennung bange wird . Nur ein graues Blatt Papier lag in der Schachtel , mit der Nachricht beschrieben , daß das kleine Mädchen christlich getauft sei und Elisabeth heiße . Die Worte waren kaum leserlich ; der Schreiber hatte offenbar seine Hand verstellt . Ringsumher in den Ecken des Blattes wimmelte es von Buchstaben , Krähen-und Krackelfüßen , die aber trotz aller Bemühungen , sie zusammenzustellen , sich denselben ebensowenig fügten , als die Charaktere , welche auf dem Papiergelde sich zerstreut vorzufinden pflegen . Dieses Blatt war um einen Zylinder geschlungen , welcher zwei optische Gläser einfaßte . Der alte Baron nahm den Zylinder , blickte durch das Okularglas , richtete das Perspektiv gegen das Freie , um sich die Erläuterung des Fundes aus der Luft zu holen , aber soviel er auch richtete und durchblickte , er bekam nichts , als blaue Luft und verworren-schwimmende Gegenstände zu sehen . Über diesen vergeblichen Anstrengungen , die Krackelfüße zusammenzustellen , und durch das optische Glas die Wahrheit zu entdecken , war wohl eine halbe Stunde vergangen , während welcher der Baron noch gar nicht dazu gekommen war , sich nach dem Geber der vor ihm liegenden Gottesgabe zu erkundigen . Auch der Bediente , der mit aufgesperrtem Munde bald das Kind , bald die Anstrengungen seines Gebieters betrachtete , hatte bisher verabsäumt von dem alten Weibe zu reden . Endlich verfiel der alte Baron auf die unter den obwaltenden Umständen so natürliche Frage , der Bediente gab die Auskunft , die er erteilen konnte , wurde der Spitzbübin nachgesandt , rannte einen halben Tag lang in allen Richtungen umher , kam aber unverrichteter Sache zurück , denn er hatte weder das alte Weib gesehen , noch jemand getroffen , der sie gesehen hätte . Inzwischen waren die Frauen , die alte Baronesse , welche damals noch lebte , und Fräulein Emerentia , in das Zimmer getreten , und der alte Baron , der mit seiner eigenen Verwunderung noch zu schaffen hatte , mußte jetzt dem Sturme von Ausrufungen und Fragen Rede stehn , welcher über die Lippen der Gemahlin und Tochter strich . Eine Dienerin war gefolgt und sorgte , während die Herrschaften über die Exegese des Ereignisses verhandelten , für die notdürftige Fütterung und Stillung des noch immer schreienden Kindes . Als dieses still , lächelnd und schlummernd wieder in seiner Schachtel lag , setzte sich die Familie um den Tisch , worauf letztere stand , zu einer Beratung nieder , was mit dem Findlinge zu beginnen sei . Der Haus-und Schloßherr , dessen Torheiten nur von seiner unverwüstlichen Gutmütigkeit übertroffen wurden , war sofort der Meinung , daß das Kind zu behalten , und wie ein eignes aufzuziehen sei . Seine Gemahlin leistete ihm einigen Widerstand , bequemte sich indessen doch bald zum milderen Entschlusse , da ihr einfiel , daß der ältere Zweig der graumelierten Linie , der Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel selbst mütterlicherseits von einem Findlinge abstamme , in welchem eine Tochter hoher Herkunft gesteckt habe . Den heftigsten Einspruch hatte er von Emerentien zu erleiden . Das Fräulein war nach ihrer zweiten Badereise so überaus tugendsam , zartsinnig und verschämt geworden , daß auch die entfernteste Beziehung auf die Verhältnisse , durch welche wir entstehen und werden , sie tief verletzen konnte . Sie mochte die Blumen nicht mehr leiden , seitdem ihr ein durchreisender Professor die Bedeutung der Staubfäden auseinander gesetzt hatte , sie war vom Tische aufgestanden , als man erzählte , daß die braune Diane sechs Junge geworfen habe , und hatte vor ihrem Fenster Scheuchanstalten besonderer Art gegen die Sperlinge anbringen lassen , um die Schnäbeleien nicht mit ansehen zu dürfen , womit diese Tiere nach der Lebhaftigkeit ihres Naturells leider gegeneinander nur zu freigebig sind . In dem Findlinge ahnete sie nun , wie sie sagte ( und die Ahnung der Frauen ist stets sicher und wahr ) , eine Frucht verbotener Liebe . Worte , die sie vor Scham kaum hervorzubringen vermochte ! Sie erklärte , daß sie eine solche nur mit Abscheu anzusehen vermöge , daß ihr das Verbleiben der Kreatur unerträglich sein werde . Sie beschwor ihren Vater , das Kind einer öffentlichen Anstalt zu übergeben . Aber der alte Baron blieb fest bei seinem Vorsatze , und da die Mutter , wie schon berichtet worden ist , auch auf seine Seite getreten war , so mußte sich Emerentia endlich , wiewohl mit großem Widerwillen , fügen . Diesen ließ sie aber in der Folge auf jede Weise an dem Kinde aus , und selbst , als die blonde Elisabeth , oder Lisbeth , wie sie im Schlosse genannt wurde , heranwuchs , und das beste , zutätigste Wesen wurde , mochte sie sich selten dazu verstehen , ihr einen gütigen Blick zu gönnen . Lisbeth dagegen war durch nichts in den sonderbaren Neigungen , die ihr die Natur vorgezeichnet zu haben schien , irrezumachen . An dem Fräulein , die ihr so übel begegnete , hing sie mit einer unglaublichen Zärtlichkeit , sie verrichtete freudig das Schwerste für sie , ließ sich von ihr schelten , und lächelte danach noch eins so freundlich , wogegen sie dem alten Baron , der doch eigentlich ihr alleiniger Beschützer und Wohltäter war , nur eine Empfindung widmete , welche die Grenzen der Dankbarkeit nicht überschritt . Fünftes Kapitel Der alte Baron wird Mitglied eines Journal-Lesezirkels In ihm war , als Jagd , Spiel und Gastereien für ihn aufgehört hatten , und nur die Schwalben oder Fledermäuse , welche durch die Mauerlücken schlüpften , in den unbewohnten Zimmern des sogenannten Schlosses zu nisten , allenfalls noch für Besuche gelten konnten , eine große Langeweile entstanden , die anfangs auf keine Weise sich beschwichtigen lassen wollte . Zwar malte er sich zur Unterhaltung seine Erwartung bestens aus , wie er bald als Geheimer Rat im höchsten Kollegio sitzen werde , neben sich den Herrn von Soundso und den Herrn von Daundda auf der Adelsbank , er stellte sich den Präsidenten lebhaft vor , und alle Besonderheiten des altertümlichen Konferenzsaals , er entwarf das Bild des Sessionstisches mit den großen Haufen von Schriften und Papieren darauf , die er mit seinen Herrn Nachbarn nicht zu lesen habe , sondern welche von gelehrten und bürgerlichen Beisitzern durchzustudieren seien ; aber als dieses Gemälde von ihm zum hundertsten Male im stillen vollendet und seinen zwei Angehörigen beschrieben worden war , wurde es ihm doch zu eintönig , und er sehnte sich nach anderer Beschäftigung . Diese versuchte ihm nun seine Tochter Emerentia zu gewähren , indem sie ihrerseits eine Schilderung zu liefern begann , wie Fürst Hechelkram , pseudonym Rucciopuccio geheißen , plötzlich eines Tages in einem rotlackierten Wagen mit sechs Isabellen bespannt , ankommen , einen schottischkarierten Läufer mit Blumenhut und seidenem goldbefranstem Schurz hereinschicken und anfragen lassen werde , ob Marcebille oder Emerentia , nach der er so lange das ganze Schnurrenburg-Mixpickelsche Geschlecht vergebens hindurchgefragt habe , bis er endlich zufällig erfahren , sie sei eine geborne Schnuck-Puckelig - ob sie , Emerentia , noch an die Stunde denke , die Stunde der Andacht in Nizza ? Wie sie sich für diesen Fall schon ihre Antwort ausgedacht , also lautend : » Gnädigster Herr ! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen ! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen . Aber der Altar blieb stehen ; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden , für welches ich ewig , Ihnen gegenüber , Vorrat besitzen werde ! « - Wie sie dann , mit dem großen goldenen Stiftskreuze begnadiget , ein Schloß in der Nähe seiner Residenz beziehen , nur seine Freundin im reinsten platonischen Sinne sein , ihn nie anders als vor Zeugen sprechen , ihn mit seiner Gemahlin versöhnen , überhaupt der segnende Genius des Fürstenhauses und des Landes werden wolle . Allein den alten Baron unterhielt diese Schilderung auch nicht ; er hielt sie für ein » Carmen « wie er sich ausdrückte , und womit er Gedicht sagen wollte . Von Gedichten war er aber nie ein sonderlicher Liebhaber gewesen . Endlich fiel er auf den Gedanken , zu lesen , da er gehört hatte , daß damit so viele Menschen ihre Zeit hinbrächten . Indessen wollten auch die Bücher , deren eine kleine Sammlung von seinem Vater her noch auf dem Speicher stand , und unter denen er auf gut Glück jetzt wählte , wenig Trost gewähren . Die Sachen wurden ihm darin alle zu lang und ausgesponnen abgehandelt ; der Autor sagte oft erst auf der vierundzwanzigsten Seite , was er mit der ersten gemeint