abgekürzt durch den Einfluß des mächtigen Fürsten Andreas , war seine Dienstzeit als gemeiner Soldat innerhalb weniger Monate überstanden und er zum Unteroffizier erhoben . Daß er als solcher , durch seinen Rang , von der Gesellschaft ausgeschlossen war , zu welcher er früher , als zum Hause des Fürsten Andreas gehörig , unbedingt gezählt wurde , kümmerte ihn wenig . Ungern mochte er jetzt jener Zeit gedenken , die er , in glücklicher Unbekanntschaft mit seiner eigentlichen Stellung , in einer fast ununterbrochenen Folge von Festen und Vergnügungen verlebt hatte ; sie erschien ihm jetzt wie ein langer bethörender Rausch , an den man beim späten Erwachen nur mit Ekel und Widerwillen sich erinnern mag . Sein stolzer Sinn schauderte vor dem Gedanken zurück , auch noch ferner in erborgtem Schimmer zu glänzen ; aber wenn er Abends an den hellerleuchteten Fenstern der Säle vorüberkam , zu welchen der Zutritt ihm jetzt versagt war , konnte er doch nicht unterlassen , mit innerm Behagen und berechnender Zuversicht der vielleicht nicht ganz fernen Zeit sich im Geiste zuzuwenden , in welcher durch Rang und Verdienst gehoben , es nur von ihm abhängen würde , mit besserem Rechte als ehemals , seine frühere Stelle dort wieder einzunehmen - wenn es ihm nämlich so beliebe . Aus erbittertem Trotz gegen das , was er in trüben Stunden des Mißmuths als eine Unbill des Schicksals gegen ihn betrachtete , hätte er vielleicht einen seinem jetzigen Range , wenn gleich nicht seiner geistigen Bildung angemesseneren Umgang sich erwählt , und wäre darüber in einen Strudel von lockenden Verführungen und Gemeinheit gerathen ; doch Eugen stand wie sein guter Engel ihm treulich zur Seite , er wußte jeden Schatten eines Verdachtes , als sei irgend etwas zwischen ihnen beiden anders geworden , von seinem Freunde fern zu halten ; keinen Tag ließ er vergehen , ohne ihn in sein väterliches Haus zu führen , wo Richard stets als ein willkommner , von Allen gern gesehener Gast empfangen ward . Sobald andre Besuche dieses nicht verhinderten , durfte er völlig zwanglos und frei dem häuslichen Kreise dieser edlen Familie sich anschließen , und wurde gleich den Söhnen des Hauses behandelt ; auch in seinem Verhältnisse zu Helena war nichts abgeändert worden , allen andern jungen Freunden ihrer Brüder blieb sie unsichtbar , auf ihr einsames Zimmer und den Besuch einiger Freundinnen beschränkt ; doch Richard durfte in Eugens Begleitung , oft aber auch allein , in Gegenwart der Madame Sommerfeldt oder auch nur der Amme , sie dort besuchen , um ihre stillen Abende auf gewohnte Weise zu erheitern , deren sie jetzt mehr als sonst hatte , seit Nataliens Verlobung mit dem Fürsten Konstantin bekannt gemacht worden war . Auch die Fürstin Eudoxia blieb in ihrem freundlichen Benehmen gegen ihn sich gleich . Das herbe , verletzende Gefühl , welches die Amme durch ihre unvorsichtigen Mittheilungen in ihm aufgeregt hatte , wurde dadurch zwar nicht ganz besiegt , aber doch sehr gemildert ; er vermochte nicht , der sich ihm aufdringenden Überzeugung zu widerstehen , daß die Worte der sonst so zart fühlenden Fürstin unmöglich in dem Sinne gemeint gewesen sein könnten , welchen die Amme , nach ihrer gemeineren Art , ihnen untergelegt , und daß Frau Elisabeth in ihrer Redseligkeit sich manche Übertreibung habe zu Schulden kommen lassen , ohne es eigentlich zu wollen . Und so trug denn alles dazu bei , ihn zu beruhigen , und ihm die Veränderung seiner Lage weit minder fühlbar zu machen , als er es erwartet hatte . Von der andern Seite war der unbeschränktere Blick in die ihm näher gebrachte Welt , in die Leiden und Freuden , in alle ihm bis jetzt unbekannt gebliebene wechselnde Zustände des bürgerlichen Lebens , für ihn unstreitig ein Gewinn , der nur durch diese Veränderung seiner ganzen Existenz ihm hatte werden können . So seltsam und selbst verletzend Iwan Yakuchins Glückwunsch , zur Befreiung aus der vornehmen parfümirten Atmosphäre seiner hohen Beschützer , an jenem ersten Abende in seiner neuen Wohnung ihm geklungen haben mochte , so fühlte er doch nach wenigen Monaten , wie viel Wahres darin gelegen . Er war sich bewußt , jetzt weit fester und sichrer aufzutreten , da niemand mehr ihm zur Seite stand , um im Nothfalle ihn zu stützen oder zu leiten ; er gewann mit jedem Tage mehr Vertrauen in sich und seine Kraft . In zweifelhaften Fällen wagte er es eine eigne Meinung zu haben , und wußte sich selbst zu rathen , ohne zu Andern seine Zuflucht zu nehmen . Seit er dem hemmenden Einflusse der die sogenannte gute Gesellschaft beherrschenden Konvenienzen entgangen war , bewegte er sich in einem ihm ganz neuen Kreise , in welchem Iwan anfänglich sein Führer , und hernach sein von ihm unzertrennlicher Begleiter wurde . Überall sah man die Beiden zusammen ; im Theater , wo Richard nicht mehr von seines Gleichen geschieden , in einer Loge des ersten Ranges thronte , wie an öffentlichen Belustigungsorten . Moskau wimmelte damals von , aus dem allgemeinen Befreiungskriege erst seit kurzer Zeit heimgekehrten jungen Leuten ; mehrere derselben schlossen den beiden Freunden zu vertrauterem Umgange sich an . Mancher Abend wurde in jubelnder Lust , öftrer noch in ernstem , tief eindringendem Gespräche in diesen Versammlungen hingebracht ; denn seit jenen großen Ereignissen schien in Moskau wie überall der Geist unbefangener Fröhlichkeit allmälig von der Jugend zu weichen , und Gedanken und Betrachtungen , wie früher nur das reifere Mannesalter sie hegte , waren an dessen Stelle getreten . Die dunkeln Stunden der langen nordischen Nächte zogen über den Erzählungen der jungen Helden von dem , was sie im Auslande gethan und gesehen , ungezählt vorüber . Fromme Wünsche , sogar leise angedeutete Pläne zur Verbesserung des im Vaterlande Bestehenden , kamen zur Sprache . Immer noch glühte jene Begeisterung in ihren Herzen , die zuerst Moskau in Flammen setzte , dann die halbe Welt ergriff , und durch die allein jene Wunder von Ausdauer und Tapferkeit möglich geworden waren , welche nach langen Jahrhunderten noch die späteste Nachwelt mit bewundernder Verehrung erfüllen werden . Mehreren der aus dem Kriege Heimgekehrten war es gelungen , die strenge Aufsicht , welche an der russischen Gränze die Einführung ausländischer Bücher erschwert , zu umgehen . Kriegslieder , Aufrufe an die deutschen Völker zum gemeinschaftlichen Kampfe , diese alles elektrifirenden Vorläufer jener denkwürdigen Zeit , waren mitgebracht , und wurden mit Enthusiasmus in Zusammenkünften gesungen und gelesen . Aber nicht nur diese allein , auch andre von dem , nach so gewaltsamer Erregung nicht gleich das nöthige Gleichgewicht wiederfindenden Freiheitssinne eingegebene Schriften , hatten auf gleiche Weise den Weg in jene vertraulichen Vereine gefunden ; auch sie wurden übersetzt , vorgelesen , besprochen , bestritten , oder auch mit lautem Jubel aufgenommen . Im Auslande schwindlig gewordene junge Brauseköpfe , rissen durch feurige Beredsamkeit ihre Zuhörer zu Plänen und Vorschlägen für das Wohl des Vaterlandes hin ; sprachen von nicht länger aufzuschiebenden , zum allgemeinen Besten durchaus nothwendigen Abänderungen verjährter Mißbräuche , und wähnten von reiner Vaterlandsliebe sich beseelt , ohne hinter dieser glänzenden , sie selbst täuschenden Maske , die tief im eignen Gemütheverborgenen Regungen unruhigen Ehrgeizes zu erkennen . Mit aller Gluth eines lebhaften , in der Welt noch ganz neuen Gemüthes , hing Iwan dann an den Lippen der Redner ; ernster und mehr in sich gekehrt , zeigte Richard sich nur als aufmerksamen Zuhörer , dem nicht alles neu war , was er hier vernahm . Zuweilen glaubte er Äußerungen zu hören , über die , nur weitläuftiger und mit andern Worten , der Fürst Andreas sich schon ausgesprochen hatte , dann aber kam auch wieder so vieles zu jenem nicht Passendes , ihm widersinnig Dünkendes dazwischen , das ihn irre machte . Er wünschte von Herzen , die Unterhaltung möge eine fröhlichere , dem jugendlichen Alter angemessenere Wendung nehmen ; doch daran war nicht zu denken . Ein heimlich unter der Asche glimmendes Feuer hatte die Gemüther ergriffen , und verbreitete sich im Verborgenen immer weiter und weiter . Gern hätte er diese Gesellschaft , in der er sich nie recht behaglich fühlte , ganz aufgegeben ; nicht aus Besorgniß um die möglichen Folgen , an die er nicht glauben konnte , indem er in allen diesen Berathungen nur ein nutzloses , zeitraubendes Spiel müßiger Köpfe sah ; aber weil jedes unberufene Einmischen in ernste Angelegenheiten , geschähe es auch nur durch in den Wind verhallende Worte , ihm tief im Innersten der Seele zuwider war . Um Iwans willen , den jede Äußerung seines Mißbehagens tief zu kränken schien , hatte er indessen nicht den Muth , aus einem Kreise zu scheiden , an welchem dieser das höchste Interesse nahm , und ließ es sich zuweilen sogar gefallen , zu später Nachtzeit , nach einigen auf ganz andre Weise in Helenas Nähe froh verlebten Stunden , von seinem Freunde in diese Gesellschaft sich schleppen zu lassen . Fürst Andreas war mit seinem künftigen Schwiegersohne und mit dem jungen Fürsten Eugen der Einladung zu einer großen Jagdpartie gefolgt ; eine leichte Erkältung hielt indessen die Fürstin Eudoxia in ihren Zimmern gebannt , wo ihre beiden Töchter den ganzen Tag über ihr Gesellschaft leisten mußten , weil sie keine Besuche annahm . Richard selbst war in dieser Zeit von Morgen bis Abend mit Vorübungen zu einer Revüe beschäftigt gewesen , die nächstens Statt haben sollte ; alles dieses hatte mehrere Tage lang ihn von Helena und dem ganzen fürstlichen Hause entfernt gehalten . Jetzt endlich war aber alles überstanden ; die militairischen Übungen waren beendet , des Fürsten Rückkunft wurde stündlich erwartet , und auch Eudoxia war von ihrem Unwohlsein völlig wieder hergestellt . In der vornehmen Welt war es noch ziemlich früh am Tage , als Richard , von Ungeduld getrieben , eine für Helena bestimmte Rolle frisch angekommner musikalischer Novitäten unter dem Arme , über den weiten Vorhof einer Seitenthüre des Palais zueilen wollte , welche in den von den beiden jungen Fürstinnen bewohnten Flügel desselben führte . Zu seinem höchsten Erstaunen fand er aber schon am großen Thorwege den Weg versperrt . Remisen und Ställe standen weit offen , die Lieblingspferde des Fürsten wurden hinausgeführt , eine Unzahl von Reisekutschen , Packwagen , Fuhrwerken aller Art , bildeten im Hofe eine fast undurchdringliche Wagenburg . Kisten und Koffer von allen Formen und Dimensionen lagen neben und über einander aufgethürmt dazwischen , und singend , fluchend , pfeifend , schreiend , hämmernd , rufend sprang , lief , kletterte eine Armee von Stallknechten , Sattlern , Dienern , Schmieden und Wagnern in diesem Chaos umher . Richard wußte nicht wie ihm geschehen ; bis zu jener Seitenthüre durchzudringen war unmöglich ; vergebens bestürmte er mit Fragen die an ihm vorbeistreifenden Diener ; vor lauter Geschäftigkeit konnte keiner derselben ihm Rede stehen . Endlich gelang es ihm , bis zu dem Haupteingange des Palais sich durch das Getümmel hindurch zu arbeiten ; kaum hatte er hier die große Treppe erreicht , als ein Diener der Fürstin Eudoxia ihn in Empfang nahm , der sehr erfreut war ihn anzutreffen , weil er so eben Befehl erhalten , ihn sogleich aufzusuchen und zu seiner Gebieterin zu führen . In ihm selbst unverständlicher , dumpfer Angst befangen , wankte Richard , wie ein Träumender , den ihm von Kindheit auf bekannten Weg zu den Zimmern der Fürstin hinan , und konnte nur mit Mühe sich zurecht finden ; denn Treppen , Korridor , Vorzimmer , alle seit langen Jahren täglich gesehene Gegenstände , kamen in seiner innern Verstörtheit ihm ganz fremdartig vor . Nur als beim Öffnen der Thüre die , aus dem köstlichsten Blumendufte und den ausgesuchtesten Parfümerien zusammengesetzte Atmosphäre ihm entgegen wallte , welche gewöhnlich die Fürstin umgab , kam er einigermaßen wieder zu sich selbst . Der erste Blick auf die in blühender Gesundheit von ihrem gewohnten Platze ihm entgegen lächelnde Eudoxia , mußte jeden Gedanken an einen ihr oder ihrem Hause widerfahrnen Unfall aus Richards Gemüthe verscheuchen ; aber die Last , die beim Anblick der unten im Hofe herrschenden Unordnung ihm schwer auf das Herz gefallen war , abzuschütteln , blieb ihm noch unmöglich ; er zitterte fühlbar , indem er die freundlich ihm gebotene Hand an seine Lippen drückte . Närrchen , was hast Du denn ? fragte die Fürstin nach ihrer gegen ihn noch immer beibehaltenen mütterlichen Weise ; weißt Du etwa schon ? nun was ist es denn weiter ! gewiß Du sollst dadurch nichts verlieren . Richard starrte sie an , wollte antworten , und die Stimme versagte ihm . Ja das ist nun nicht zu ändern , es ist nun einmal nicht anders , wir gehen nach Petersburg , nahm Eudoxia mit großer Gelassenheit wieder das Wort . Zwischen mir und Andreas war diese Reise zwar schon seit geraumer Zeit so gut als beschlossen , aber so lange die Sache noch einigermaßen zweifelhaft blieb , haben sogar unsre Kinder nichts davon erfahren . Die vielen Fragen in der Gesellschaft , Sie reisen ? wann ? weshalb ? wann kommen Sie wieder ? bringen Einen um alle Geduld . Helena selbst weiß erst seit diesem Morgen , daß wir reisen . Ein Theil unsrer Dienerschaft geht mit der Hälfte unseres Gepäckes noch heute ab , morgen oder übermorgen folgt das übrige , und wir mit unsern Töchtern treten in acht bis zehn Tagen die Reise an : denn einen kleinen Vorsprung müssen wir unsern Leuten doch lassen . Ein tiefer Schmerzenslaut entrang sich Richards Brust ; verwundert blickte die Fürstin zu ihm auf ; bleich , fassungslos stand er wie vernichtet neben ihrem Armsessel ; seine Hand hielt die Rücklehne desselben krampfhaft umfaßt , als bedürfe er dieser Stütze , um nicht umzusinken . Du bist krank ! rief Eudoxia : was überkam Dich so plötzlich ? setz ' Dich hierher , Du kannst Dich ja kaum aufrecht halten ; mein Gott , was ist Dir denn geschehen ? fragte sie mütterlich besorgt . Richard sank zu ihren Füßen hin , und verhüllte seine thränenden Augen in den Saum ihres Kleides . Du weinst ? fragte sie mitleidig : arme , gute , treue Seele , wäre es unsre Abreise , was Dich so betrübt ? verlieren und wiederfinden ist ja die ganze Geschichte des Lebens der Menschen auf Erden , das bedenke ; das ist nun einmal nicht zu ändern , und man muß sich darein ergeben . Und sei versichert , auch aus der weitesten Ferne sorgen wir für Dich , Du sollst durch unsre Entfernung nichts verlieren ; ich und mein Gemahl werden immer als zu unserm Hause gehörend Dich betrachten . In diesen letzten , gewiß gut gemeinten Worten , im Tone mit dem sie ausgesprochen wurden , lag etwas ungemein Schmerzliches für Richard , das wie ein elektrischer Schlag ihn durchzuckte . Fast vergessene Erinnerungen an das , was die Amme ihm von der Fürstin stolzem Sinne früher bekannte , wachten in ihm auf , und spornten ihn sich zu ermannen . Seine Thränen versiegten , er erhob sich , und nahm der Fürstin gegenüber den Platz ein , den sie vorher ihm angewiesen . Kann meine gütige Beschützerin mich so mißverstehen ? erwiederte er , zwar mit geziemender Ehrfurcht , aber frei ihr ins Auge blickend : kann sie mich , der unter ihren Augen , unter ihrer Leitung vom Kinde zum Manne heranwuchs , für so eigennützig , für so niedrig achten , daß ich in einem solchen Augenblicke eines solchen Trostes bedürfte ? ja daß ich nur fähig wäre ihn anzunehmen ? Was ich bin , was ich außer dem nackten Leben besitze , verdanke ich meinen edlen Beschützern , fuhr er sehr erregt mit flammenden Augen fort ; aber die höchste der Gaben , die ich aus Ihrem Hause mit fortnehme , durch die mein innigstes Dankgefühl mich Ihnen ewig zu eigen macht , ist , daß ich durch Sie in den Stand gesetzt bin , sorglos in die Zukunft zu blicken , und überall das Gefühl mit mir trage , mir selbst auch ohne äußre Hülfe durch die Welt helfen zu können . Aber wie ich es aushalten werde , dieses Haus künftig verödet zu sehen ! wie ich alle die vielen langen Tage , die von nun an einander folgen , von denen keiner mir - ach ! ich vermag nicht es auszusprechen ; der geringste Diener in Ihrem Gefolge scheint mir jetzt beneidenswerth . Guter dankbarer Sohn , sprach die wirklich gerührte Fürstin ; das also ist es allein ? liebst Du uns so ? aber Deine treue Anhänglichkeit an uns und unser Haus ist mir ja längst bekannt , und auch ich , das glaube nur fest , auch ich werde oft Deiner gedenken , und Dich vermissen . Doch jeder , in welcher Lage er sich auch befinden mag , muß sich das Unabänderliche mit Fassung gefallen lassen , und wenigstens den Trost wirst Du nicht verschmähen , daß wir nicht auf immer von Dir scheiden . In Jahresfrist , vielleicht noch früher , kehren wir zurück , denn ich und Andreas lieben diesen Aufenthalt , und möchten ihn mit keinem andern vertauschen . Die Minuten , die ich für Dich aufgespart , sind verflossen , und draußen warten hundert Augen auf mich , sprach die Fürstin , indem sie auf ihre Uhr sah . In wenigen Worten will ich Dir noch die Veranlassung dieser Reise erklären , die Dich so betrübt , denn ob wir uns wieder allein werden sehen , ist zweifelhaft . Die künftigen Schwiegereltern meiner Natalie bestehen darauf , das Hochzeitsfest in ihrem Familienkreise zu feiern , und wir , wir müssen aus Rücksichten für das Glück unsrer Tochter ihrem Wunsche nachgeben , obgleich unsre Absicht eigentlich war , Natalien mit ihrem jungen Gemahl erst nach ihrer Vermählung nach Petersburg gehen zu lassen . Nach reifer Überlegung finden wir selbst es rathsam und schicklich , nach langer Abwesenheit uns dem Hofe wieder einmal zu nähern ; ich selbst werde meine beiden Töchter dort einführen , und sie dem Kaiser und der Kaiserin vorstellen , denn auch Helena hat das dazu gehörige Alter jetzt erreicht . Und nun geh ' , guter Richard , der Fürst wird bald hier sein . Bei Tafel sehen wir Dich wieder , andre Gäste werden heute nicht empfangen , Du aber bist ja gleichsam das Kind vom Hause . Fasse Muth und hoffe auf die Zukunft , wenn Dich der Augenblick drückt . Richard hatte eben noch Besinnung genug , um die ihm abermals gebotne Hand zu küssen , und wankte weit trostloser als er gekommen war zur Thüre hinaus . Oben an der großen Treppe stand er einen Augenblick still , und blickte hinab in den Vorhof . Das Getümmel hatte dort unten wo möglich noch zugenommen , man fing eben an die Packwagen zu beladen , und das Singen , Lachen und Pfeifen der dabei Beschäftigten klang ihm wie der unmenschlichste Hohn . So wie ihm damals , mag dem Verurtheilten zu Muthe sein , der indem er in seinen Kerker zurück geführt wird , das Schafott erbauen sieht . Ihm schwindelte , er hatte weder Muth noch Kraft die Treppe hinab zu gehen , und durch diese Vorbereitungen zur Zerstörung des ganzen Glücks seines Lebens sich abermals hindurch zu drängen , er wandte der andern Seite des Vorsaales sich zu . In Eugens abgelegeneren Zimmern , zu denen das Getöse im Vorhofe nicht dringen konnte , dachte er einige Augenblicke zu verweilen , um sich dort , in der Einsamkeit , einigermaßen wieder zu sammeln . Gut , daß ich Dich treffe ! rief die auf dem Wege dorthin ihm begegnende Amme ihm entgegen : aber wie siehst Du aus ! bist Du krank ? hast Du Fieber ? Richard machte eine verneinende Bewegung , reden konnte er noch nicht . Nun das ist mir lieb , denn zum Kranksein ist jetzt nicht die Zeit , sprach die Amme ; hernach , wenn wir fort sind , magst Du Dich legen und pflegen , zu arg wird es doch hoffentlich nicht mit Dir werden . Ja , ja , dann wird es still genug hier im Hause sein , todtenstill , wie im Grabe ; jetzt ist es desto lauter . Was nur die Großen von ihrer heillosen Art haben mögen , ihre Befehle immer erst in der letzten Stunde von sich zu geben ! so daß man , wenn ' s ans Ausführen gehen soll , nicht Beine genug hat , um alles zu belaufen , und nicht Kopf genug , um alles zu bedenken . Sieh einmal her , wie ich beladen bin , Kaschmirs , Schmuck , Spitzen und Gott weiß was alles noch ; das alles muß auf das Sorgfältigste besorgt werden . Keine Seele von uns hat heute Zeit , Gott helf ' ! zu rufen , wenn die andre niest ; so wird es gewiß bis nach Mitternacht fortgehn , und auf mir liegt alles , ich hab ' es am schlimmsten dabei . In sich selbst versunken setzte Richard , während des unaufhaltsamen Geschwätzes der neben ihm hergehenden Amme , seinen Weg an ihrer Seite fort , ohne ein Wort darauf zu erwiedern . Halt ! rief sie , als er in den Korridor einbiegen wollte , der zu Eugens Zimmer führte , wo willst Du hin ? der junge Fürst ist noch nicht daheim , und auf jeden Fall mußt Du mit mir zu Helenen , mit der heute gar nicht auszukommen ist ; es ist als thäte sie es mir zum Verdruß , damit ich vollends recht rabiat werde . Denke Dir , da sitzt die Kleine in ihrem Zimmer , und rührt sich nicht , und weint , und weint , als wolle sie in Thränen sich auflösen ! Weint , wo Andre vor Freude außer sich gerathen würden ! Die große Kaiserstadt Petersburg ! Hochzeit , Putz , Feste ohne Ende , dem Kaiser , der Kaiserin vorgestellt werden ! Die Sinne vergehen Einem , wenn man sich das alles nur recht denkt . Und was wetten wir , sie kommt als Braut wieder , oder gar nicht ; he ? Richard wurde noch bleicher . Aber was hast Du denn ? rief die Amme ; komm ' doch , ich habe wahrlich keinen Augenblick Zeit . Madame Sommerfeldt ist ausgefahren , um Abschiedsvisiten zu machen , und kommt schwerlich vor Abend wieder , und da sitzt nun Helene ganz allein , und das ist ihr nicht gut . Keine Einzige von uns , nicht einmal ein Kammermädchen , hat in diesem Wirrwarr Zeit bei ihr zu bleiben ; ich am wenigsten , denn wie gesagt , auf mir liegt alles . Du mußt ihr Gesellschaft leisten , mache Musik mit ihr , das wird sie aufheitern ; und rede ihr zu , lieber Sohn , sie hat immer viel auf Dich gehalten , gewiß Du vermagst alles über sie . Rede ihr zu , damit sie sich fasse , und mir nicht etwa mit dickgeschwollnen Augen an die Tafel kommt ; die Fürstin ist heute ohnehin nicht eben in der göttlichsten Laune . Unter diesem Geplauder der Amme waren sie an die Thüre von Helenas Vorzimmer gelangt . Die Amme öffnete dieselbe , schob Richard hinein , machte hinter ihm wieder zu , und eilte davon , um über die mit Einpacken beschäftigte weibliche Dienerschaft das Regiment zu führen . Überwältigt vom ersten Sturme in ihrem Frühlingsleben , war Helene bei Richards unerwartetem Anblicke , von ihrem Sopha herabgleitend , mit einem kleinen Schrei in seine Arme gesunken ; sie hielt seinen Nacken umschlungen , wie er neben ihr kniete ; das liebliche Köpfchen lehnte an seiner Brust , er fühlte das Wehen ihres Athems , das bange heftige Klopfen ihres Herzens , er sah , dicht vor seinen Augen , das schöne Gesicht von Thränen überströmt , das er noch nie anders als lächelnd gesehen ; alles andre um ihn her wurde von der reichen Fülle ihrer langen blonden Locken ihm verborgen , die wie ein dichter Schleier ihn umwallten . So ! so ! in diesem Übermaße von Wonne und Schmerz vergehen ! war sein einziger Gedanke ; wortlos gestaltete er sich in seinem Innern zum heißesten Wunsch , zum glühendsten Gebet . Zum erstenmal hielt sein Arm sie umfaßt ; Helenas Wangen , ihre Lippen glühten zum erstenmal dicht an den Seinen . In ihrem Anschauen verloren blickte er regungslos sie an ; so still , so frei von jedem irdischen Wunsche , mögen Fromme der Vorzeit , die einer himmlischen Erscheinung gewürdiget wurden , zu ihrer Heiligen aufgeblickt haben . Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein , hatten Beide aus ihrer knieenden Stellung sich erhoben . Hand in Hand , Auge in Auge , saßen sie schweigend neben einander . Das lange nicht geahnete , hoffnungslose Geheimniß ihres unschuldigen Herzens hatte dieser schmerzliche Augenblick Helenen enthüllt , auch Richard vermochte nicht mehr sich abzuleugnen , was er so lange vor sich selbst zu verbergen gestrebt hatte . Keine Erklärung , kein Geständniß kam über ihre Lippen , ihre Herzen hatten gesprochen , hatten sich verstanden ; sie bedurften keiner Worte . Plötzlich stand Eugen vor ihnen ; im ersten Augenblicke fuhr er wie erschreckt zusammen , faßte sich aber schnell wieder ; den ernsten traurigen Blick auf den Freund und die Schwester geheftet , stand er ziemlich lange da , ehe einer von ihnen seiner gewahr wurde ; laut weinend sank Helena an das Herz des geliebten Bruders . Mit sanfter Gewalt drängte er sie zurück auf das Sopha , ergriff ihre und Richards Hand , und hielt beide vereint in der Seinen . Auch sein Auge erglänzte in Thränen , auch sein Herz war schwer und beklommen . Ihm war , als ob der undurchdringliche Vorhang der Zukunft sich eine Sekunde lang vor ihm lüften wolle , und schwere Ahnung , bange Besorgniß wollten sich seiner bemeistern . Doch sein froher Jugendmuth , seine ihm angeborne Art , immer das Beste zu hoffen , hielten ihn aufrecht . O weine nicht so , meine Helena , mein liebes holdes Kind , es bricht mir das Herz , sprach er , und trocknete liebkosend ihre Wange ; und Du , mein Bruder , sieh nicht so ungewiß , so zweifelnd mich an , setzte er zu Richard gewendet hinzu . Strebe nicht , Dein Gefühl mir zu verbergen , Du bemühst Dich vergebens ; hast Du vergessen , daß ich die Kunst verstehe , in Deiner Seele , wie in einem offenen Buche zu lesen ? Arme Helena ! Du weinst Deine ersten wahrhaft bittern Thränen , ach ! warum mußt auch Du den Schmerz des Lebens so frühe kennen lernen ! sprach er leise und gerührt . Du weißt es also auch schon ? hat auch Dir der Vater es erst heute entdeckt , wie mir die Mutter ? klagte Helena ; Eugen , lieber guter Bruder , ich soll fort von hier , Du auch , wir müssen nach Petersburg , auf lange Zeit , vielleicht auf immer , denn die Amme meint , sie wollen mich dort verheirathen , und Du weißt , die Mutter sagt ihr alles . Richard soll hier bleiben , und ich kann ohne ihn in der großen fremden Stadt nicht sein , ich kann , ich will keinen von Euch Beiden entbehren , auch keinem Dritten angehören ; Du und er sind meine Welt . Sie hätten uns , mich und Richard , nicht so an einander gewöhnen , einander nicht so lieb gewinnen lassen sollen , wenn sie uns nicht zusammen lassen wollten ! setzte sie , beinahe wie ein trotziges Kind , hinzu . In welchem Lichte steh ' ich jetzt vor Dir , Eugen ? sprach Richard ; doch wenn Du wirklich noch in meiner Seele , wie in einem offenen Buche zu lesen weißt , so wirst Du Deinen Freund - - Bedauern ? vielleicht ; entschuldigen ? gewiß nicht ; Dich nicht , und auch Helena nicht , denn Ihr seid Beide reinen Herzens und ohne Schuld , unterbrach ihn Eugen ; wer könnte mit Euch hadern wollen , weil Ihr nicht stärker seid als die Natur ? Die Kleine hat leider recht , setzte er wehmüthig lächelnd hinzu ; wollten sie vermeiden , was jetzt geschehen , so hätten sie Euch nicht in so vertrauter Gemeinschaft - aber wie wäre das auszuführen möglich gewesen ? Und war es ein Irrthum unsrer Eltern , daß sie nicht gleich bei Zeiten eine Scheidewand errichteten , die jeden von uns in dem ihm vorgeschriebenen Gleise erhielt , so wollen wir sie deshalb nicht tadeln ; wir alle Drei verdanken diesem Irrthume eine höchst glückliche Kindheit , eine fröhliche unverkümmerte Jugend , diese holde Blüthenzeit des Lebens , auf die selbst der Glücklichste in spätern Jahren noch mit Sehnsucht zurücksieht . Und ist es denn so ganz unwiderruflich bestimmt , daß diese Blüthen abfallen müssen , ohne uns Früchte zu bringen ? Richard wie Helena fühlten tief im Gemüthe den wohlthuenden Einfluß von Eugens mildem gelassnem Benehmen in einer , für ihn gewiß nicht leicht in allen ihren Folgen zu übersehenden Situation . Die furchtbare Spannung , zu der sie durch das ganz Unerwartete hinauf getrieben worden waren , ließ nach , und sie gelangten allmälig zu einer ruhigeren Stimmung . Ist jemand unter uns als schuldig zu bezeichnen , so bin ich es , sprach Eugen im Verlaufe des jetzt unter ihnen entstandenen , weniger leidenschaftlichen Gespräches ; ich war der Unbefangenere , an mir wäre es gewesen , für Euch Beide zu überlegen , zu bedenken , zwischen Euch vermittelnd einzutreten , Dich zu warnen , mein Bruder , Dich , meine süße Helena , zurückzuhalten , und hätte es auch gewaltsam geschehen müssen . Und doch ! was hätte meine