vollkommen durch die reinste Uebereinstimmung der Verhältnisse und eine daraus entspringende ungemeine Grazie jeder Bewegung . Sein erster Anblick war ernst , er hatte etwas Festes und Bestimmtes , und man hätte glauben können , dies wären die Vorboten eines stolzen und kalten Karakters , da er sich überdies nur wenig und mit Zurückhaltung äußerte . Aber diese äußeren Zeichen hingen mit den hohen Begriffen von Schicklichkeit und Mäßigung in Worten und Gefühlen zusammen , die er zur Würde des Karakters rechnete , und die allerdings bei ihm die große Herrschaft über sich selbst erkennen ließen , da das reichste und gefühlvollste Herz ihn stets zu verführen strebte . Die Ehrfurcht vor dem Willen der Eltern war um so heiliger in ihm geblieben , da er ihnen nie durch die Details der Erziehung so nahe gerückt war , ihre menschlichen Schwächen kennen zu lernen . Seine Mutter schien ihm unvergleichlich die erste Frau der Welt , und an seinem Vater hing er mit zärtlicher Verehrung . Er hatte in diesem streng häuslichen Kreise eine Liebenswürdigkeit , welche die ganze tiefe Empfindung seines Herzens verrieth , und die Herzogin , die eine leichte Sprödigkeit selten ablegte , ließ sich seine anmuthigen Liebkosungen mit vieler Nachgiebigkeit gefallen , denn sie wußte wohl , wie die im Hintergrunde ruhende Ehrfurcht ihm jedes Ueberschreiten der Grenzen unmöglich machte . Er hatte die hohe Stirn , das braune lockige Haar und die dunkeln Augen der Mutter , aber der Stolz dieser Stirn hörte auf an den Grenzen seiner Augen . Ihr Glanz war von breiten Augenliedern und langen Wimpern von Außen sanft gemildert , und der Stolz , der aus den Augen der Herzogin blickte , ward hier nur durch Erregung hervorgerufen und wechselte nur selten mit dem ruhigen Ernste . Beide Brüder hingen herzlich an einander , aber der ältere erkannte in jedem Augenblick mit Stolz und Freude den jüngeren über sich . Sein fester Wille , der die schwersten Opfer für das erkannte Recht nicht einmal erwähnt wissen wollte , legte der guthmüthigen Nachgiebigkeit des älteren Bruders die Gesetze auf , nach welchen er stets ohne Wanken zu handeln bereit war , und Robert folgte wie ein heiteres Kind , da Richmond das Schwere mit einer Liebe , mit einem Verstehen der damit verbundenen Opfer forderte , daß der Genuß , sich so verstanden zu sehn , fast den Kampf überbot . Zum Grafen Salisbury verhielt sich dieser junge Mann äußerst fremd . Der Graf verstand ihn nicht , er hatte gute Berichte von ihm gelesen , er sah ihn äußerlich zum Hofmann gebildet ; er wußte von seinen wissenschaftlichen Erfolgen , und hielt ihn erst , um nur mit ihm fertig zu werden , für einen jungen Hofmann , der seinen Oheim beerben will . All zu lang wollte dies nicht passen , denn er ging seinem Oheim voran nach Deutschland , und Cecil sah , der Neffe habe eigne Meinungen , er scheue sich nicht , sie gegen die des Oheims geltend zu machen , er sei gerade und fest . Doch diese Weichheit wieder , dieser Gehorsam , wo es mit etwas Stolz gelungen war , dem Oheim entgegen zu treten , wozu das ? Welche Inkonsequenz ? Er ließ ihn fallen und den Grafen gewähren , welcher sich nicht mehr von ihm trennen mochte . Doch gerade darum , weil er ihn nicht verstand und von der heimlichen Furcht in seiner Nähe sich beschlichen fühlte , daß in ihm auch ein Geist versteckt liegen könne , der sich gegen den seinigen dereinst auflehnen werde , fühlte er sich unheimlich mit Beiden und dachte den Tag nach ihrer Ankunft an seine Rückkehr nach London . Er hatte zu diesem Zweck seiner Nichte einen Besuch gemacht und den Grafen Archimbald nach den Hallen beschieden , in denen er sich auf und nieder bewegte , die Rede überdenkend , welche er gesonnen war dem Grafen zu halten . Der schönste Frühlingstag leuchtete durch die feinen goldenen Gitter der hohen Thüren und erhellte die düstern Hallen , welche ihres traurigen Schmuckes wieder entkleidet waren . In ihrer alten Pracht auf tausend schimmernden Flächen das glänzende Licht empfangend und zurückwerfend , boten sie einen erfreulichen Anblick dar , da nur selten das Licht des Tages bei ihrer weiten Ausdehnung ihren Glanz verrieth . Wohl schien die ernste und nachdenkliche Gestalt des alten Ministers , mit der tiefen Trauerkleidung und den glänzenden Sternen , zu dieser Umgebung zu passen , aber die Welt , die vor den goldenen Gitterthüren ihr heiteres Leben begann , ging um so gewisser für ihn verloren . Die warme Luft des Frühlings , das reine Licht des Himmels wollte überall das schlummernde Leben zur Thätigkeit erwecken . Es war der Augenblick in der Natur gekommen , der uns von Stunde zu Stunde mit süßeren Freuden zu beschenken scheint und eine unendliche Sehnsucht erregt , unter Blüthen und Blättern mitten inne zu wohnen , oder mit den geschäftigen Würmchen und Käfern der athmenden Erde alle die kleinen Geheimnisse abzulauschen , die vom keimenden Halme bis zu den unschuldigen Versuchen der ersten Blümchen unsern Antheil und unsere Zärtlichkeit erwecken . Der nahe Wald , die zahllosen kleinen Gebüsche auf und an den Terrassen waren ein Tummelplatz singender und bauender Vögel , nicht minder waren die gothischen Verzierungen der Hallen mit Nesterchen bestellt , deren Bewohner , sich an den Gittern hängend und wiegend , ihr fröhliches Lied dem alten Staatsmann entgegen sangen , der in ernster Würde an ihnen daherschritt und auf nichts so wenig hörte , wie auf Vogelgesang ! Noch ein Mal hatte er das Ende der mittlern Halle erreicht , und in dem fragenden Blick , den er nach dem Eingange sendete , lag aufsteigender Unwille , hier seit einigen Minuten vergeblich zu warten , als er durch die Gitterthüren , die nach der Vorhalle führten , den Grafen Archimbald eilig daher kommen sah , und um so schneller , da er ihn so eben zu erkennen schien . Lord Salisbury blieb unbeweglich stehn , seinen Neffen den ganzen Raum bis zu ihm durchmessen lassend , und Graf Archimbald , der nur den etwas vorgestreckten Fuß des Lords zu sehen brauchte , um zu wissen , daß er hier länger geharrt , als er mit seiner Würde verträglich fand , fing schon in einiger Entfernung an , sich mit einer Bescheidenheit und Höflichkeit zu entschuldigen , die sehr oft , in einem so hohen Grade ausgesprochen , eine leichte Beimischung von Ironie verräth , von der wir auch jetzt den Grafen loszusprechen uns nicht verpflichtet halten . Graf Salisbury murmelte einige unverständliche Worte und schickte sich an , das zu beginnen , warum er seinen Neffen berufen ; als derselbe , mit vieler Gewandtheit diese geringe Pause benutzend , dem Grafen sein Bedauern ausdrückte , indem er , so eben von seiner Schwägerin kommend , erfahren habe , der Graf wolle dies Schloß schon morgen verlassen . Um so näher liege ihm aber auch nun eine Bitte , die er im Namen seines Neffen vorzutragen nicht aufschieben dürfe , nämlich die Bitte um die Erlaubniß , in dem Gefolge des Grafen sich nach London begeben zu dürfen , um gegen den König der ihm obliegenden Verpflichtung des Lehnseides sich zu entledigen . Er würde es für eine Ehre halten , wenn auch er ihn dahin begleiten dürfe , da seine Schwägerin ihn vorläufig aus seiner Nähe entlassen und jedes Geschäft zurück gesetzt habe , bis die erste Verpflichtung ihres Sohnes gegen seinen König erfüllt sei . Der Graf von Salisbury konnte kaum den unangenehmen Eindruck verbergen , den diese schnelle , äußerst schmeichelhafte und unterwürfige Bitte seines Neffen ihm machte ; denn gerade diesen selben Gegenstand hatte er eben zum Vortrag bringen wollen , und zwar mit manchen von ihm wohl überlegten Aeußerungen , welche die Bedeutsamkeit seiner Stellung hervor heben und die Nachlässigkeit andeuten sollten , die seiner Meinung nach in der Stille ausgesprochen lag , mit der bis jetzt die wichtige Pflicht des jungen Herzogs übergangen war . Durch diese schnelle ehrerbietige Erklärung des Grafen war er um die ganze Wichtigkeit dieses Augenblicks betrogen , und mußte noch überdies von der feierlichen Höhe der Mißbilligung , zu der er sich empor gehoben hatte , hernieder steigen , und billigend und gewährend das Vertrauen erkennen , welches seinem Großneffen wünschenswerth machte , in seinem Gefolge sich nach London zu begeben . Es blieb aber nur noch übrig , einen andern Anlaß zu erfinden , weshalb er seinen Neffen habe rufen lassen . Wir zweifeln nicht , daß es dem feinen und gewandten Manne gelungen wäre , einen passenden Ausweg zu finden , wäre er nicht aus dieser kleinen Verlegenheit durch ein neues Ereigniß gerissen worden , welches alle seine Gedanken von da an uneingeschränkt in Anspruch nehmen sollte . Gilbert , der erste Sekretair des Grafen von Salisbury , erschien in dem Eingange des Saales und näherte sich auf das gegebene Zeichen des Ministers , um ihm zwei Briefe zu übergeben , welche so eben mit einem Courier von London eingetroffen waren . Graf Archimbald wollte sich ehrerbietig zurückziehn , aber der Graf von Salisbury erkannte , etwas erstaunt , aber doch angenehm überrascht , auf dem einen Briefe das große Privatsiegel des Königs und seine lateinische Ueberschrift , welcher Sprache er sich aus Eitelkeit häufig zu seiner Privat-Correspondenz zu bedienen pflegte . Er bat ihn daher freundlich , zu verweilen , beurlaubte Gilbert , und zu seinem Neffen gewendet eröffnete er den Brief , indem er mit einigen Worten die Gnade des Königs in diesem eigenhändigen Schreiben bemerkte . Doch er konnte nicht über die ersten Zeilen gekommen sein , als sein kräftiges Gesicht erbleichte und die hohe Haltung des alten Mannes bis zur Ohnmacht zu schwinden schien . Sein Auge streifte verschüchtert über das Blatt weg und haftete mit einem solchen Ausdrucke auf seinem Neffen , daß dieser voll Schrecken auf ihn zueilte und mit sorglicher Freundlichkeit seinen Arm ergriff . Archimbald , sagte der Graf mit matter Stimme , was hat man in meiner Abwesenheit durchzusetzen gewagt ? Wie unerhört bin ich betrogen , und welch ' ein Unglück ist über uns alle gekommen ! Noch ahnte Graf Archimbald die Ursache der heftigen Erschütterung nicht , in der er seinen Oheim sah , aber das unverkennbare Leiden des würdigen Mannes erweckte die volle Theilnahme , die er früher ihm so aufrichtig eingeflößt , und tilgte alle die Kälte und Zurückhaltung , welche später beide von einander entfernt gehalten hatte . Der alte Graf brauchte einen Vertrauten , und er wußte , daß er ihn in seinem Neffen zu finden vermochte . Dies war für den schweren Augenblick ein Trost , den er sich weder versagen wollte , noch konnte . Er nahm den Lehnstuhl an , den sein Neffe herbei zog , und reichte ihm dann den Brief des Königs , unfähig , wie es schien , über die ersten Zeilen hinweg zu kommen . Doch waren diese völlig hinreichend , sowohl die Erschütterung des Ministers , wie das in gleichem Maaße erregte Erstaunen des Grafen zu erklären . Der König schrieb nämlich und , wie es dem völlig haltungslosen Styl anzufühlen war , selber in der trostlosesten Stimmung : » Was werdet Ihr sagen , mein lieber getreuer Cecil , wenn ich Euch schreibe , daß ich trostlos bin und ein armer , verlassener Vater , denn mein lieber Sohn und Buckingham haben sich nicht halten lassen , und sind auf und davon nach Spanien gereist , und Babi will selbst freien um seine Infantin , wie jeder andere Mann , so unschicklich das auch für ihn ist . Ich habe Euch tausend Mal zurück gewünscht , denn Ihr hättet es sicher ihm ausgeredet . Aber wie Ihr fort waret und Buckingham es erst wollte , da war kein Auskommen mehr , und ich bin nun ganz trostlos , denn mehrere Tage sind sie schon fort , aber ob meine Augen je meinen letzten Prinzen wiedersehn , das weiß Gott . Ich wünsche , Ihr wollet jetzt nicht länger mich allein lassen . Euer König Jakob . « Der zweite Brief war vom Grafen von Herford und bestätigte die Nachrichten des Königs mit mehreren Details , woraus klar hervorging , daß zwischen Carl und Buckingham eine Aussöhnung zu Stande gekommen war , in deren Folge der Herzog den Wunsch des Prinzen , nach Spanien zu gehen , aus allen Kräften befördert und die wirkliche Abreise so unerhört schnell und heimlich in ' s Werk gesetzt hatte , daß der König nicht über seinen Schritt zur Besinnung kommen konnte , noch weniger einer der Minister und Räthe vermocht hätte , es zu verhindern . O , warum war ich nicht da ! rief Lord Salisbury , indem er mit der alten Kraft von seinem Sessel aufsprang , o die muthlosen entarteten Menschen , die alle an sich mehr dachten , als an das Wohl des Staates und ihres königlichen Hauses ! Und hätte ich diesen Buckingham auf die Gefahr meines grauen Hauptes gefangen nehmen sollen , als Hochverräther hätte ich ihn verklagt vor dem Throne meines armen schwachen Königs , und so wahr ein Gott lebt , nur über meine Leiche hätte der theure Prinz , der Stolz unseres Landes , die Grenzen seines treuen Englands überschreiten sollen , um unsern Feinden zum Spott in das fremde papistische Land seinen Fuß zu setzen . - O Archimbald , schütze uns vor Zeugen ! Weißt Du uns frei von Beobachtung ? Sieh , ich kann mich nicht fassen , es ist ein Schritt , der uns mindestens zum Gespötte des Auslandes macht . Gott verhüte , daß der geheiligten Person unsers theuern Prinzen etwas geschehe , was diese Menschen zu vertreten haben werden ; aber selbst der glücklichste Erfolg wird uns um die Erreichung der wohl eingeleiteten Pläne bringen , welche Dir bewußt sind und zum Theil deine Sendung nach Deutschland veranlaßten , unsere Feinde werden das Uebergewicht zu benutzen wissen , was diese wahnsinnige Handlung ihnen giebt , Gott gebe , nicht noch zu schlimmeren Anschlägen . - Archimbald war ein zu eifriger Staatsdiener , um nicht ganz die Empfindungen seines Oheims zu theilen . Er übersah mit schnellem Blicke das Gewagte und Unbesonnene dieses Schrittes , und konnte den Schmerz des alten Mannes darüber nicht allein begreifen , sondern fühlte sich auch dadurch aufs Neue inniger zu ihm hingezogen . Die treue Anhänglichkeit an das königliche Haus , dem er diente , die alle zärtlichen Gefühle seiner Brust , in sofern sie ihm zu Gebote standen , ans Licht rief , gewann seine Hochachtung und Anerkennung . Nur zu wahrscheinlich zerstörte dies übereilte Entgegenkommen des Prinzen das Gleichgewicht , welches im Fordern und Gewähren beider Höfe durch die besonnene Klugheit des Grafen Bristol so meisterhaft bis jetzt erhalten war . Die beiden Männer schritten , in die sorglichsten Mittheilungen vertieft , auf und nieder , und das vertrauliche Du des Grafen und der Gebrauch des Vornamens seines Neffens , wie in der früheren Zeit , zeigten deutlich die tiefe Erregung des ehrwürdigen Lords . Beide kamen darin überein , ihre Reise unverzüglich anzutreten , da allerdings eine genaue Uebersicht an Ort und Stelle zu erwarten war , und namentlich die Instructionen für den Grafen von Bristol höchst dringend und wichtig wurden . Archimbald beeilte sich demnach , die nöthigen Befehle zur Abreise zu ertheilen , und der Graf von Salisbury begab sich zu seiner Schwester und Nichte , sie mit dem Briefe des Königs und seiner dadurch veranlaßten schnelleren Abreise bekannt zu machen . Wir sehen demnach am nächsten Morgen das Schloß von dem männlichen Theile seiner vornehmen Bewohner verlassen , und finden Zeit , uns in die innern Gemächer zurück zu ziehen , wo manches der Beobachtung Werthe indessen sich begeben hatte . Wir wenden uns zuerst zu dem Gegenstande , welchen Gastons Bemühungen der Herzogin hatten entdecken lassen . Doktor Stanloff brachte ihr am andern Morgen die Nachricht , daß er annehmen dürfe , das Leben sei noch zurück zu rufen , da , obwohl keine Bewegung wahrzunehmen , doch eine Art von Wärme und Biegsamkeit der Glieder eingetreten sei , und selbst eine schwache Andeutung des Pulses sich mitunter zeige . Die Verletzung am Kopfe sei höchst unbedeutend , unfehlbar nur die Folge des Falles ; auch könne der Blutverlust bei solcher Jugend und Gesundheit nicht diesen Scheintod herbeigeführt haben . Die mit Wunden und Geschwulst bedeckten Füße ließen aber eine große ungewohnte Anstrengung voraussetzen , die Zurücklegung eines weiten Weges , wobei die Fußbedeckung verloren gegangen ; Alles führte ihn zu einer Vermuthung , welcher er nachzuforschen denke , nämlich der Befürchtung , daß langer Mangel an Nahrung diese äußerste Erschöpfung erzeugt habe . Doktor ! rief die Herzogin , fast aufschreiend , welch ' eine schreckliche Vorstellung ! Großer Gott ! Könnt Ihr dies mit Wahrheit behaupten ! Warum gleich so Empörendes denken , warum mich so unnütz erschrecken . Welche traurige Begebenheiten müßten den Mangel des ersten , des am leichtesten zu stillenden Bedürfnisses herbeigeführt haben . Stanloff schwieg einen Augenblick , dann sagte er ernst : Wer nie den Mangel der einfachsten und nöthigsten Bedürfnisse kennen lernte , kömmt leicht zu dem Glauben , daß , was die Natur begehrt , auch in dem Kreise der willkürlichen Befriedigung jedes Menschen liege . Es ist leider nicht so , und Tausende ringen mit dem Leben um den einen Preis , auf dessen genußreiche Befriedigung man aufhört Werth zu legen , wenn man nie die Entbehrung desselben kannte . - Es lag etwas so Eindringliches in diesen sanften Worten , daß die Herzogin mit einem tiefen Seufzer ihren Blick zu ihm erhob . Nach einem kurzen Nachdenken indeß zu ihren früheren Gedanken zurückkehrend , fuhr sie fort : Doch in diesem Stande , bei dieser Jugend , die uns noch unter die wohlthätige Vormundschaft Anderer setzt , da bis zum Hungertode elend zu werden , gesteht , es liegt etwas Schreckliches , wenigstens Unbegreifliches darin ! - Ihr habt Recht , Mylady , und ich theile Eure Ansicht , daß diesem armen und schönen Wesen viel zu Leide geschehen sein muß , das vielleicht Gott mit Absicht nun in die besten Hände gelegt hat , um es wieder gut zu machen . - Gott wird mir auflegen , was ich ertragen kann , sagte die Herzogin , während ihr ganzes Wesen von dem Wechsel der Gedanken erschüttert schien , welche diese letzten Worte in ihr hervorgebracht hatten . Sie stützte ihr Haupt schwermüthig in ihre Hand , und große Thränen rollten einzeln in ihren Schooß . Ich bin erschüttert , mein guter Stanloff , fuhr sie fort , und schwächer , als sonst meine Art ist , doch wer sollte es nicht sein , wen das erreichte , was mich gebeugt . Laute Klagen sind nicht zu meiner Erleichterung vorhanden , mich ergreift darum nicht minder , was an Freude und Leid diese reiche Welt belebt . Aber wen in der Blüthe des Lebens schon der Schmerz erreichte , wen er zwang , höheren Gesetzen gehorchend , diese Schmerzen zu verschließen : der hat für immer den leichtern Erguß nach Außen hin verlernt , wodurch so Viele die Bürde schon halb abtragen , die ein schweigendes Gemüth mit sich führt , bis sie langsam in sich verzehrt ist . - Geh , guter Stanloff , treuer verschwiegener Diener , Du verstehst leicht und viel mit Deinem edeln Herzen , aber , setzte sie schmerzlich lächelnd hinzu und zog die Hand von den thränenschweren Augen , sie ihm zu reichen , was in diesem Herzen gegen Zeit und Vernunft und jede höhere Mahnung kämpft , erräth Dein heller Blick doch nicht , und wohl mir ! Aber wenn Du mich oft findest - wie soll ich sagen - rasch oder heftig , ja , bitter wohl und leicht gereizt , willst Du dann gedenken , was ich Dir heut sagen mußte , weil ich es in meiner Erweichung nicht bergen konnte ? - Auch der bewährteste Freund soll Ehrfurcht hegend auf der Stelle des Vertrauens stehen bleiben , die der andere ihn nicht überschreiten läßt , sagte Stanloff und küßte bewegt die Hand der edeln Frau , und kein Wort , und gäbe es die heiligste Liebe , die innigste Theilnahme ein , soll lösend oder bittend eindringen wollen , wo ihm nicht freiwillig aufgeschlossen ward . Ich bin stolz darauf , Euch , edle Frau , sagen zu können , daß ich Euch nie verkannt , öfter wohl erkannt habe , auch wo Ihr Euch selbst mißzuverstehen schien ' t. - Ich weiß es , ich weiß es , sagte die Herzogin mit stärker rinnenden Thränen , aber geh jetzt , guter Stanloff , ich kann mich selbst vor Dir nicht länger so aus allem Gleise gewichen sehen . Tief sich verneigend verließ Stanloff das Gemach , aber es lebten manche lang entschlummerte Gedanken in ihm auf , und er gedachte der ehrwürdigen Mistreß Morton , welche die junge Gräfin Bristol schon in ihrer Kindheit begleitet , ihre Jugend sanft behütet , am Hofe , bei ihrer Vermählung , überall an ihrer Seite gewesen , und dem zuverlässigen Manne wie unter dem Siegel der Beichte Manches anvertraut hatte , um ihn bei dem geheimen Uebel der Lady , welches in oft sehr heftigen Zufällen bestand , in der Wahl seiner Mittel zu leiten . Diese anscheinend körperlichen Leiden waren nur zu oft blos gesteigerte geistige , die der stolze Karakter der Lady verborgen wissen wollte , und daher den Arzt und seine Bemühungen zu täuschen oder zu entfernen suchte . Er mußte , während er durch die langen Gallerien ging , die zu den Zimmern seiner Kranken führten , des auffallenden Eindrucks gedenken , den die Auffindung derselben bei der Herzogin erregt hatte . Dies Ereigniß war im Stande gewesen , sie aus der tiefsten Betäubung des Schmerzes zu erwecken , und wenn er auch mit Recht in dem stets menschenfreundlichen Sinne der Lady eine richtig motivirte Ursache ihrer Veränderung finden mußte , regte sich doch ganz geheim in ihm die Ahnung , daß hier ein mächtiges , dem erstern entgegen wirkendes Gefühl Raum gewonnen . Er gestand sich leise ein - und sich kaum anders , als mit Vorbehalt - daß der ganze Schmerz der Herzogin dadurch von einer Kälte beschlichen und ihr Herz , offenbar mit getheilten Empfindungen aufgestört , zum Leben zurück gekehrt war . Er hatte , tief sinnend , nicht das Rauschen des Kleides gehört , und Mistreß Morton stand vor ihm , ehe er ihr Nahen gewahrte . - Kommt Ihr von der Frau Herzogin , Doktor Stanloff ? Und muß ich Eure gefaltete Stirn als trübes Zeichen für ihr Befinden deuten ? Mit nichten , sagte Stanloff , unsere edle Frau ist auf einem guten Wege . Wem erst die Natur im Schmerze Thränen giebt , den hat sie vor schädlicheren Ausbrüchen schon bewahrt . Und sie weint selten ! setzte Morton ernst und seufzend hinzu ; so möge ihr Gott lindernde Thränen gewähren ! Euch , Doktor Stanloff , habe ich zu sagen , daß unsere Kranke nach dem Gebrauch des stärkenden Bades und dem Einflößen der Tropfen sich merklich verändert hat . Sie erhob den Arm und die Hand , seitdem athmet sie vernehmlich , ihre eingefallenen Augen haben jetzt den Ausdruck des Schlafes angenommen , und ich glaube , sie wird - leben ! Leben ! rief Stanloff , und meine edle Freundin sagt dies Wort , das unsere Bemühungen krönt , mit einem so freudlosen Tone , als ob ein Menschenleben ihr gering schiene ? Mistreß Morton hatte die Augen am Boden und schwieg , langsam ihren Handschuh glatt streichend . Dann sagte sie sanft und mit bewegter Stimme : Deutet mich nicht falsch , geehrter Freund . Gott sieht in mein zagendes Herz ; ich weiß , er wird mich besser verstehn , als ich mich in meiner Befangenheit ausdrücke . Auch hätte ich das Leben jedes menschlichen Wesens gerettet , ohne ein anderes Gebot , als das vor Gott geltende , zu bedenken ; aber diese ernste Pflicht ist erfüllt , und die Pflicht , die meinem Herzen am nächsten auf dieser Welt steht , nimmt nun ihren Platz wieder unumschränkt hier ein . Ich bin alt , habe viel erlebt , viel gesehen und gehört , daraus kömmt uns dann von selbst ein Verständniß noch unaufgeklärter dunkel daliegender Dinge , die Jugend nennt es Ahnung . Soll ich es Erfahrung nennen ? Doktor , sagte sie , wie von banger Unruhe ergriffen , wenn wir die Kohle angeblasen , die dieses Haus in Flammen steckte ? Auch dann , sagte Stanloff nach einem Augenblick des Erstaunens , indem er sie ernst anblickte und seine Hand dann fest auf ihren Arm drückte , auch dann sollte kein Zweifel meine Seele berühren über das , was wir gethan . Wer das Rechte thut , soll den Ausgang getrost an Gott verweisen ! Amen , sagte Mistreß Morton , Ihr sagtet das Rechte , ich fühle es wie Stärkung in meiner Brust ! So geht denn zu dem schlummernden Engelbilde , ich sah nie in meinem Leben etwas Schöneres , nur ein Mal etwas Aehnliches . Sie entfernte sich nach den Zimmern der Herzogin ; der Doktor schüttelte leise den Kopf und trat zu seiner Kranken ein . Den Bitten ihrer Schwiegermutter nachgebend , hatte die alte Herzogin von Nottingham ihren Aufenthalt auf Godwie-Castle zu verlängern versprochen , bis zu der Rückkehr ihrer Enkel von London . Ihre Gegenwart war die Freude des ganzen Schlosses , denn mütterlich weilte ihr freundliches Auge noch auf jedem , den sie in ihren früheren Verhältnissen gekannt . Hülfreich und Jedem zugänglich , war sie eine reiche Quelle von Trost und Rath , und im höchsten Grade von ihren Kindern verehrt , war ihr Versprechen , sich zu verwenden , stets die Gewährung selbst . Aber ihre Güte hatte auch nichts mit der Schwäche gemein , die das Rechte oder Unrechte mit dem blos Mitleidenswerthen verwechselt . Sie erfuhr den Zusammenhang der Dinge leichter , als Andere , weil ihr eine Sanftmuth und Geduld im Zuhören eigen war , vor der die verschüchtertste Seele Muth gewann , ihre dunkelsten Vorstellungen zu entwickeln , und mit dieser sanftesten Art deckte sie oft den Zusammenhang von Dingen vor sich auf , bei denen Andere umsonst geforscht hätten . Sie war sich dessen bewußt ; ihre Kinder und Enkel staunten mit zärtlicher Freude diese schöne Gewalt eines liebenswürdigen Gemüthes an , und sie wußte mit heiterm Scherze von dieser Gabe zu sprechen , als sei sie eben nur eines Scherzes werth ; aber wenn sie lächelnd umher blickte und die lieben Hände den Enkeln zu tausend Küssen überließ , sagte sie wohl zuweilen : Ihr werdet schon noch an die alte Großmutter denken und sie Euch zurückwünschen ! Ach , wer wußte das nicht , und wer hätte es sich nicht gern verläugnet , daß man ihrer je als einer Verstorbenen würde gedenken müssen ! Wir finden sie gegen Abend in den Zimmern des Prinzen von Wales , welche ihr stets zur Verfügung standen . Die purpurnen Tapeten und Vorhänge des schönen großen Gemachs leuchteten in dem feurigen Glanze , den einige lichte von der Abendsonne gefärbte Frühlingswolken durch die weiten offenen Glasthüren warfen . Sie führten auf einen Altan , der gegen Süden hin einen freundlichen Blick auf die schönen Weidetriften und Meiereien zuließ , welche diesen Theil des Thales einnahmen . In einem großen Lehnstuhl , diesen Thüren gegenüber , saß die ehrwürdige Frau in bequemer Ruhe , und ihr klares blaues Auge schien wohlgefällig den Reiz der Gegend zu genießen . Sie war noch allein , aber sie erwartete ihre Schwiegertochter und Enkelinnen , und ähnliche Sessel waren um den ihrigen gestellt , bereit , sie zu empfangen . Wohl hatte der letzte Verlust die feinen Züge noch etwas blässer und durchsichtiger gemacht , aber es war , als empfände sie den Verlust , den ihre Geliebten erlitten , tiefer , als den eigenen . Ihre Züge verriethen noch jetzt im achtzigsten Jahre eine einst hohe und regelmäßige Schönheit , ihr schneeweißes Haar lag in Fülle glänzend und glatt wie Silber um die hohe weiße Stirn . Die einst so schönen dunkeln Augenbrauen zogen jetzt den schmalen Bogen in dem Weiß des Haupthaares , aber die klaren Augen blickten noch in dem reinsten dunkeln Blau , und aller Reiz , der diese schöne Frau einst umstrahlt , und den die Zeit von ihr genommen , schien in diesem Blick voll Huld und Güte sich vereinigt zu haben . Das feine kaum je verschwindende Lächeln , welches um die schmalen Lippen wie das Siegeszeichen eines ganz in Wohlwollen aufgelösten Innern ruhte , gab dieser ehrwürdigen Frau eine Anziehungskraft , daß nur ihr Angesicht zu schauen ein Genuß war , der zum Seufzer um ähnlichen Frieden in der eigenen Brust sich gestaltete . Die Ruhe um sie her und die erhabene Pracht des Zimmers paßte vollkommen zu der ehrwürdigen Erscheinung , und die leisen Bewegungen ihrer Gesellschaftsdame , der Mistreß Cottington , und eines alten Kammerdieners schienen den Wunsch auszudrücken , durch kein Geräusch das genußreiche Nachdenken ihrer verehrten Gebieterin zu stören . Aber auch , um sich einem solchen lange zu überlassen , war sie nicht eigennützig genug . Empfindungen jeder Art hatten das Recht ausschließlichen Besitzes über sie verloren ; der Uebergang von einer zur andern war leicht und milde , weil sie in leidenschaftsloser Klarheit jeder ihr Recht zu geben wußte . Sie hörte bald das leise Schaffen der beiden treuen Diener , und indem sie den Kopf um die Lehne ihres hohen Stuhles bog , schaute sie lächelnd der alten Cottington in die sorglichen Augen und sagte , halb scherzend : Und wenn nun etwas bräche oder fiele , dennkst Du mich denn so schwach , daß ich erschrecken möchte