Reißaus genommen , wenn der hagre Johanniter gekommen war . Die Alten suchten und fanden sie nicht , sie war wie verschwunden . So hing die Sache zusammen . Was dem Flüchtling in der Irre begegnete , werden wir späterhin erzählen . Freilich fehlte viel , daß Hermann der Zusammenhang der Dinge so unschuldig erschienen wäre . Die zärtlichen Blicke des Mädchens , die Verleumdungen des Wirts , seine eignen übereilten Äußerungen gegen die Herzogin hatten gewissermaßen den Verführungsroman zusammengebaut , in welchem er selbst mit den Goldstücken der erlauchten Geberin als Held und Ritter der Unschuld glänzte . Sein Abscheu gegen die Schauspieler vollendete in ihm die Überzeugung von der Ruchlosigkeit des Pflegevaters . Dreizehntes Kapitel Freilich konnte er nicht zum besten auf diesen Stand zu sprechen sein . Er hatte , wie viele junge Leute heutzutage , ein Stück geschrieben ; wenn wir nicht irren , war es eine Tragödie . Nach dem Urteile derer , die es gelesen haben , fehlte es demselben keinesweges an Geist . Wenn es als Dilettantenarbeit auch vielleicht ohne eigentliche Wirkung vorübergegangen wäre , so hätte das Theater dem Verfasser dennoch wohl den Gefallen tun können , es unter die Fracht aufzunehmen , womit unser Bühnenschiff von Tag zu Tage segelt . Er erfuhr aber die Tücke jener Sphäre , sobald er sich mit ihr einließ . Enthusiastische Versichrungen , brennender Eifer für seine Dichtung , Lauwerden , kritische Zweifel , gänzliches Erkalten , treuloses Zurückziehn , Widerruf des gegebnen Worts unter ersonnenen Vorwänden : alle diese Dinge mußte er in kurzer Frist erleben , wodurch er in die übelste Stimmung versetzt wurde . Seine jungen Leidensgefährten halten sich nun bekanntlich nach solchen Wechselfällen dadurch schadlos , daß sie das Dasein der deutschen Bühne überhaupt leugnen , und neuen Erscheinungen , welche sich die Gunst der Meinung gewinnen , aus allen Kräften rezensierend entgegentreten . Bei Hermann nahmen aber alle Erfahrungen mehr eine moralische Wendung . Er hatte eine so reine Begeisterung bei seinem Werke gefühlt , dieser war so schmählich vergolten worden ! Sein Haß , seine Verachtung wandte sich nicht bloß gegen das Institut , sondern er begann auch die Persönlichkeit der Schauspieler gering zu schätzen . Es gab nichts , dessen er sie nicht fähig gehalten hätte , und jede Anschuldigung war er geneigt zu glauben , sofern sie einen aus dieser von ihm verworfnen Kaste betraf . So vorgestimmt und verstimmt ging er zu dem armen Komödianten . Daß ein schlechter Plan schwer zu beweisen sei , daß die Obrigkeit den Kuppler vertreten werde , wenn man nicht eine entschiedne Niederträchtigkeit darzutun vermöge , diese Betrachtungen zogen ihm durch den Kopf ; er sah ein , daß er in einem so verwickelten Falle mit seiner ganzen so früh erworbnen Klugheit werde handeln müssen . Da ihm nun ein andres Mittel schlechterdings nicht einfallen wollte , so geriet er auf den wunderbarsten Gedanken . Er beschloß nämlich , sich anzustellen , als habe er selbst die Absichten auf das Mädchen , welche er bei dem alten Spießgesellen des Pflegevaters voraussetzte , letzteren dadurch in eine Falle zu locken , und wenn er hineinging , wenn er durch unvorsichtige Äußerungen sich bloßstellte , dann im Namen der Tugend mit ihm zu machen , was er wollte . Der Komödiant hatte die Sorge um sein entlaufnes Unkraut grade etwas beiseite gesetzt , und an das Deklamatorium gedacht , welches endlich doch zustande kommen sollte . In diesem wollte er unter anderem Lear auf der Heide produzieren , und zwar , die Wirkung zu verstärken , im Kostüme . Er erwartete den Johanniter als Zuhörer zu einer Probe , und ging , für sich rezitierend , die Stube auf und ab . Sein Negligé war das tiefste ; er befand sich nämlich noch im Hemde , hatte aber , um das Mantelspiel einzuüben , die Enveloppe seiner seligen Frau umgeworfen . Grade bei den Worten an die Elemente : Hier steh ' ich , euer Knecht , Ein armer , schwacher , tief gekränkter Greis ! trat Hermann , dessen Klopfen nicht vernommen worden war , in das Zimmer . Der Anblick eines barfüßigen Menschen mit der Nachtmütze auf dem Kopfe , dem die alte kurze Weiberenveloppe kaum die Hälfte der dürren Schenkel bedeckte , brachte unsern Helden einigermaßen aus der Fassung ; doch nahm er sich zusammen , und stellte sich dem gemißhandelten Könige als einen Kunstfreund dar , der ihm seinen Besuch machen wollte . Er gab sich in der Schnelligkeit den Charakter als Baron , um für sein Kavaliermärchen Grund und Boden zu gewinnen . König Lear , sehr erfreut über den Besuch eines Mannes , welcher , nach rasch angestellter Schätzung zu schließen , ihm mehr als ein Billet abnehmen würde , nötigte den Fremden mit äußerster Höflichkeit , ohne Bestürzung über seine Blöße , zum Sitzen , und verstrickte ihn sofort in ein Kunstgespräch , welches freilich nicht geeignet war , nach dem Punkte hinzuführen , den Hermann im Auge hatte . Konnte dessen Überzeugung , dessen Widerwille gegen den Pflegevater noch gesteigert werden , so geschah es nun . Hermann gehörte zu denen , welche durch eine Physiognomie , durch den Klang einer Stimme bis in ihr Innerstes zu verwunden sind . Der Komödiant hatte jenen weichen bürgerlichen Biedermannston , mit welchem sie auf den süddeutschen Bühnen Helden und Väter spielen , in das tägliche Leben hinübergenommen , sein Gesicht war welk und aufgedunsen von Wein , Schminke und theatralischen Rührungen . Hermann ekelte der widerwärtige Ton an , ihn erhitzte der Anblick des alten schlaffen vermeintlichen Lasters , welches wie der deutsche Hausvater sprach , immer heftiger ; er unterbrach den salbadernden Komödianten plötzlich , und sagte : » Nun etwas andres , weshalb ich eigentlich gekommen bin . « - Er wiederholte mit einem gewissen Akzent , daß er Baron sei , einige Güter in Böhmen und eine Herrschaft in Schwaben besitze . Seine Wangen glühten vor Scham und Verdruß . Der gute und anständige Mensch mag sich nicht einmal zur Erdichtung einer Schlechtigkeit hergeben . Es entstand also eine tiefe Pause . König Lear sah den jungen reichen Baron mit großer Ehrfurcht an , und zerbrach sich den Kopf , was bei diesem Gespräche herauskommen werde . Seinerseits fühlte Hermann , daß er nunmehr durchaus ohne Weg und Steg sei . Unfähig , den angelegten Wüstlingscharakter rein und frech zu halten , verlegte er sich auf Andeutungen . Er stammelte und stotterte allerlei daher ; daß er den andern mit Flämmchen da und dort gesehn habe , daß es Eindrücke gebe , rasch und augenblicklich und doch tief und entscheidend , daß die Liebe ein Wunder sei , und als Wunder behandelt werden müsse , über kleinliche Formen erhaben , daß die Sehnsucht eines fühlenden Herzens nach Vereinigung lechze , und was dergleichen mehr war . Der Pflegevater begleitete diese verworrnen Reden , solange sie bloß von Flämmchen handelten , mit Ausrufungen , deren Muster in den Stücken zu finden war , worin eine Tochter dem Vater wegläuft . Als er aber von dem Eindrucke hörte , von der Liebe und von der Sehnsucht , als er das erhitzte Gesicht , die feurig umherirrenden Augen des Jünglings erwog , da kam ihm eine andre Gedankenreihe und zwar eine sehr freudige . Was konnte der junge Mann Schlechteres sein , als ein verliebter Edelmann , der einen dummen Streich machen , und ein schönes Findelkind heiraten wollte ? Es war ein Fall , der ganz in seine Praxis gehörte . Zu Hunderten hatte er abends zwischen neun und zehn Uhr hinter den Lampen die Mißbündnisse eingesegnet . Seine Seele frohlockte ; endlich erschien der Tag , an welchem er Flämmchen gründlich loswerden sollte , und was ging ihm nicht alles noch daneben auf ! Er überlegte in der Geschwindigkeit , ob er seine alten Tage auf den böhmischen Gütern , oder in der schwäbischen Herrschaft zubringen solle , und entschied sich für Böhmen , wegen des Karlsbades . Die Augen trocknend , welche immer weinten , sobald er wollte , schnupfte er stark , und wiegte vergnügt das Haupt hin und her , während Hermann seine Bruchstücke vortrug . Als dieser ausgestottert hatte , stand jener auf , streckte die Hand in Hemdärmeln aus der Enveloppe , nahm unsern Freund bei der Rechten , und sagte , Kriegsrat Dallner in Stellung , Blick und Gebärde : » Lieber Baron , die Papiere über Ihre Angaben ! Sind die Papiere in Ordnung , hegen Sie wirklich die Absichten , welche Sie hegen , so sage ich , es sei ! Nimm sie hin ! « » Und wie machen wir es mit Ihrem alten Freunde ? « » Nun mein Gott , von dem kann ja gar nicht mehr die Rede sein . Wenn ein Mann , wie Sie , mit solchen Anträgen auftritt ... « » Ha , Schändlicher ! « rief Hermann , sich vergessend , packte den Komödianten bei der Brust und schüttelte ihn aus allen Kräften . » Schändlicher Kuppler , habe ich dich endlich ? « - » Donner und Doria , zu Hülfe ! « ächzte der entsetzte Alte . Der Johanniterritter trat ein . » Was gibt es hier ? « fragte er erstaunt . Hermann ließ den vermeintlichen Lastervater los . » Mord ! Mord , und Mortimer ! « rief der Komödiant . » Dieser Mortimer drang zum Heiligtume meines Herdes , begehrte Flämmchen zum Weibe , ich willige ein , da spinnt er meinen Tod , der Entsetzliche ! « » Grauer Lügner ! « rief Hermann . » Ich hätte Flämmchen zum Weibe begehrt ? « - » Nun , was wolltest du sonst , Ungeheuer der Nacht ? « fragte der Pflegevater . - » Hier muß ich Licht anstecken « , rief der Johanniter , und trat dicht vor Hermann . » Wenn dem so ist , wie mein Freund hier sagt , so haben Sie sich , auf Ehre , sehr sonderbar betragen , mein Herr , und ich bitte mir von Ihnen eine Erklärung aus , und zwar eine bestimmte . « » Sie wollen von mir eine Erklärung , und in dem Tone ? « rief Hermann mit funkelnden Augen . » Wohlan , hier ist sie . Sie sollen Ihr Vorhaben mit dem unschuldigen Kinde nicht ausführen , solange ich einen Arm rühren kann ! Pfui , mein Herr ! Sie betragen sich Ihrer Jahre wenig würdig . Das Kreuz auf Ihrem Rocke ist übel daran . « Der alte ehrenzarte Johanniter , der sich ohne irgendeinen Grund so empfindlich beleidigen hörte , geriet in einen schrecklichen Zorn , der sich durch ein dumpfes Lachen ankündigte . Er knöpfte seinen Rock zu , grub mit den Fingern in der schwarzen Halsbinde , zerrte am Schnurrbart , sein gelbes Gesicht wurde dunkelbraun . In der Ecke hatte der Komödiant das Schwert des Otto von Wittelsbach stehn , auf dieses warf der Gekränkte einen Blick , welcher das Schlimmste fürchten ließ . Der Komödiant , der seinen Freund kannte , und nichts inniger haßte , als wirkliches Blutvergießen , war mit einem Satze in der Ecke , packte die Waffe , und sprang damit in die Kammer , welche er hinter sich verriegelte . Der Johanniter sagte , mühsam unter der Wucht seines Grimms atmend : » Es sind nur zwei Fälle möglich . Entweder , Sie sind ein hergelaufner Landstreicher ohne Namen und Stand , dann werde ich Ihnen angedeihen lassen , was Ihnen gebührt , oder Sie sind imstande , mir Genugtuung zu geben , dann wissen Sie , was ich für Ihre Worte von Ihnen zu fordern habe . « » Ich weiß « , versetzte Hermann . » Man darf sich das Äußerste erlauben , und dann doch sehr entrüstet sein , wenn der andre die Sache bei ihrem Namen nennt . Die Sitten und Gebräuche der Welt sind über mir . Ich war Offizier ; verlangen Sie , mein Patent zu sehn ? « Der Johanniter verneinte kalt und höflich , und das war gut , denn jenes Dokument wanderte ja auch in der eingebüßten Brieftasche mit dem Philhellenen gen Hellas . Man bestimmte Ort und Stunde , der Johanniter versprach auch , da im Städtchen keine Waffen zu bekommen waren , aus seinem Vorrate für diese zu sorgen . Sie schieden voneinander in den Formen hergebrachter Artigkeit . Der Komödiant kam aus seinem Verstecke hervor , noch immer im Hemde , und sagte zum Freunde : » Ich verstehe mich auf den Wahnsinn aus so manchen Sachen her , aber diese Art der Tollheit ist mir fremd , daß der Liebhaber den Vater bei der Gurgel packt , wenn man eben die Einwilligung erteilt . « » Das geht mich alles nichts an , und ist mir ganz einerlei « , versetzte der alte Ritter . » Ich habe mit Ehren gelebt und gedient , und auf meine Ehre , er soll einen Aderlaß bekommen , daß es ihm nie wieder einfallen wird , einen Mann , wie ich bin , zu beleidigen . « Vierzehntes Kapitel Mit der unbehaglichsten Empfindung kehrte Hermann nach dem Wirtshause zurück . Dort erfuhr er , daß die fürstlichen Personen frühmorgens abgefahren seien , und wohl nicht wiederkommen , sondern vom Falkensteine den näheren Weg , eine Stunde von der Stadt , nach ihrem Schlosse einschlagen würden . Auf ein hastiges Erkundigen , ob nicht nach ihm gefragt worden sei ? wurde verneinend geantwortet . Jener schlotternde Hausknecht , der grade , um eine häusliche Verrichtung abzumachen , hinzugetreten war , und die Anfrage Hermanns vernommen hatte , sagte gähnend , es sei allerdings nach dem Herrn gefragt worden , aber von einem kauderwelschen Jungen , welcher bei ihm hinten im Stalle gewesen sei , und gemeint habe , der Herr nehme ihn in Dienst . Die Beschreibung des Anzugs paßte auf Flämmchen . Sie hatte hinterlassen , daß sie vor Abend wieder nachfragen werde . Hermann gab den Befehl , sie , sobald sie sich zeige , in eine abgelegne Kammer zu bringen . Er mußte nun erwarten , wie die Sache sich weiter entwickeln würde . » Nicht einmal nach mir fragen zu lassen , und sie sehn mich doch vielleicht nicht wieder ! « rief er . » So sind die Vornehmen ! « - Er zog wehmütig die Rolle hervor , welche ihm die Herzogin gegeben hatte , tat die Goldstücke aus dem feinen , roten , wohlriechenden Papiere , welches sie umschloß , wickelte den Schnitzel sorgfältig ein , und steckte die kleine Reliquie in ein Medaillon mit dem Bilde seiner verstorbnen Mutter , welches den Platz über dem Herzen des Sohns nie verließ . Die Stunden sind launenhafte Dirnen . Sie führen bald einen Schwamm , bald einen Pinsel mit Farbe gefüllt , in der Hand . Mit jenem wischen sie so lange über unsre Freuden hinweg , bis diese erbleicht oder ganz verschwunden sind , mit dem Pinsel malen sie das Bild unsrer Leiden immer deutlicher und schärfer aus . Hermanns Stimmung wurde trüber und trüber , je länger er in der Gaststube saß . Der Wirt wollte ihm nun durchaus ein gutes Zimmer geben , er verbat es , er hätte zwischen den einsamen vier Wänden nicht ausdauern können . So blieb er denn an dem allgemeinen Versammlungsorte der Gäste , und sah dem Getreibe um sich her zu . Dieses Kommen und Gehen , dieses Fragen , Bestellen und Abbestellen , dieses Durcheinander von gleichgültigen Fragen und schläfrigen Antworten , wie man es in einer solchen Stube bemerkt , war ihm recht das Bild unsres unter tausend Widersprüchen sich abhaspelnden Lebens , und er rief : » Am Ende kommt bei der Sache auch nichts weiter heraus , als daß man dem Wirte die Zeche bezahlt , dafür , daß er uns schlechtes Quartier , versalzne Speisen , und ein hartes Folterlager gegeben hat ! « Langeweile und Ungeduld führten ihn auf die Straße . Aus dem Fenster , aus welchem gestern die holde Fürstin geschaut hatte , sah heute ein neuer Gast , ein graues Männchen mit einem weißen Hute auf dem Kopfe . Das Zimmer dünkte ihn entheiligt , er wendete seinen Blick ab . Der Graue rief den Wirt , welcher in der Tür stand , an , und fragte : » Wird der Bote nicht bald kommen ? « - » Ich sehe mir die Augen nach ihm aus , Herr Kommerzienrat « , versetzte der Wirt . » Das faule Zeug ! ehe das im Gang ist , kann man gestorben und wieder auferstanden sein . « Er wollte den Wirt nach dem Namen des Fremden fragen , als der trotzige Knabe , den er im Försterhause kennengelernt hatte , sichtbar wurde . Der Knabe kam eiligst die Straße herab ; er lief mehr , als er ging . Ohne von Hermann Notiz zu nehmen , wandte er sich an den Wirt , und erkundigte sich , ob er wohl auf der Stelle zwei Zimmer für seine kranke Mutter und seine Schwester haben könne ? Ehe der Wirt Bescheid erteilte , rief der graue Mann aus dem Fenster : » Ferdinand ! « Der Knabe sah empör , die Freude loderte über sein Gesicht , mit dem Rufe : » Vater ! Vater ! « stürzte er in das Haus , die Treppe hinauf . Der Wirt sagte : » Das ist der Kommerzienrat aus * tal , der sein Geld mit Scheffeln mißt , und der junge Herr ist der Herr Sohn . Wie wird sich der Herr Vater freun ! « Welche neue Überraschung für Hermann ! Der Graue war sein Oheim . Unwissend hatte er seiner Familie die Nacht über beigestanden , die liebliche Cornelie war sein Mühmchen ! Er ging in das Haus , Vater und Sohn standen schon unten in der Stube . » Laß anspannen , Ferdinand « , sagte der Oheim , » und gib dem Wirte das für den Boten , den ich nun nicht mehr nötig habe . « Hermann sah den Oheim mit Verwundrung an . Diese kleine , kümmerliche Figur mit den viereckigen Knieschnallen , den fahlen Strümpfen , und den schweren Schuhen war also der Millionär , vor dem sich schon Fürsten tief gebückt hatten ! Weißes Haar lag um das Antlitz , welches grau war , wie der Anzug , und nur ein Paar helle , kluge Augen verrieten einen nicht gewöhnlichen Geist . Er machte dem Oheim eine Verbeugung , und nannte nach einigen einleitenden Redensarten seinen Namen . Der Oheim stutzte nur leicht , nahm seine Brille , betrachtete den Verwandten durch die Gläser , wie eine zu prüfende Ware , und sagte : » Sieh da ! Du bist also der Neffe . Nun , nun , du siehst ja recht ordentlich aus . Wir haben dich längst erwartet ; nach deinem Briefe konntest du schon vor acht Tagen bei uns sein . Wie gerätst du denn hieher ? das ist ja ganz aus dem Wege . « » Wenn ich vom Wege abgekommen bin , so habe ich mich wenigstens zur Erfüllung einer Pflicht verirrt . Ich war diese Nacht hindurch bei Ihren Kindern ; soviel ich über die Sache urteilen kann , hat es mit der Tante keine Gefahr . « » Das glaube ich auch « , sagte der Oheim . » Sie wird sich erkältet haben . Nach einer Badekur ist man immer sehr reizbar . Kinder wissen sich denn nicht zu helfen , am wenigsten auf Reisen . « Hermann erfuhr nun , daß die Tante Wiesbaden gebraucht , daß der Oheim den Tag ihrer Rückkunft berechnet habe , und ihr heimlich entgegengereist sei . » Ich mag sonst die Überraschungen nicht , und mein Plan war mir unterwegs schon leid geworden , nun ist es mir aber doch lieb , daß ich ihn ausgeführt habe « , sagte er . » Wie hast du sie denn getroffen und erkannt ? « » Ich habe sie nicht gekannt . « » Und ihnen doch geholfen ? - Nun , nun , das ist ja recht hübsch , du scheinst ja einen recht guten Charakter zu haben . « » Ich wurde , wenn etwas Gutes an meiner Handlungsweise war , sogleich dafür belohnt « , versetzte Hermann . » Ich muß Ihnen nur gestehn , lieber Onkel , daß ich mich in Cornelien verliebt habe . Mein Mühmchen wird ihren Mann einmal glücklich machen , sie ist schon jetzt ein vollkommnes Hausmütterchen . « Dem Oheim schien dieser Scherz wenig zu gefallen . » Sie ist nicht dein Mühmchen « , sagte er , » sondern die Tochter meines verstorbnen Buchhalters ; wir erziehn sie nur . « Ferdinand kam . » Das ist dein Vetter « , sagte der Oheim . » So ? « versetzte der Knabe gedehnten Tones , und hielt Hermann , der ihn küssen wollte , gleichgültig nur die Wange hin . » Wie geht es draußen ? « fragte Hermann . » Warum wolltest du hier Zimmer haben , lieber Ferdinand ? « » Weil der Förster uns sagte , wir sollten uns aus seinem Hause machen , wir könnten zu dem Herrn gehn , der sich unsrer so sehr angenommen , und ihn so schnöde behandelt habe . « Hermann sah bestürzt vor sich nieder . » Bester Onkel « , rief er , » es empörte mich , daß der Gefühllose die armen Kinder und die Kranke verlassen hatte , und ich mußte ihm sagen , was mir mein Herz eingab ! « Der Oheim schüttelte den Kopf , und versetzte : » Neffe , ich kann dir nicht beistimmen . Die Leute tun jetzt kaum für Geld etwas , leistet einer ausnahmsweise einmal etwas umsonst , so muß man zufrieden sein , und ja nichts mehreres von ihm verlangen . Der Transport hätte meiner Frau doch sehr schaden können . Es ist recht gut , daß ich noch zur rechten Zeit gekommen bin ; der Förster wird sich , wie ich denke , wohl wieder bedeuten lassen . « Fünfzehntes Kapitel Die Chaise fuhr vor . » Willst du mit ? « fragte der Oheim . Hermann entschuldigte sich mit einem Geschäfte , welches ihn am Orte zurückhalte . » Das ist ein andres « , versetzte jener . » Geschäfte sind immer die Hauptsache . Auf guten Erfolg ! Wir sprechen uns ja noch , dann kannst du mir sagen , wann du kommen willst . Ich verlange nach deinem Besuche , ich muß wegen der Gelder , die ich für dich verwalte , mit dir abrechnen , auch habe ich geheime Sachen von deinem seligen Vater an dich abzuliefern , da du nun das Alter erreicht hast , in dem du sie nach seiner Disposition bekommen solltest . Mein Bruder war ein Mystiker ; man muß den Toten ihren Willen tun . « Die Chaise rollte davon . Noch immer wollte die Stunde des Duells nicht schlagen . Das unbeschäftigte Warten auf etwas , was , man mag es nehmen wie man will , doch unangenehm bleibt , bringt eine Pein ganz eigner Art hervor . Die Vergangenheit verschwindet , die Zukunft ist bedeckt , und nur das widrige Gefühl einer faden Gegenwart schneidet sich mit stumpfer Gewalt in die Seele ein . Diese nagende Empfindung zehrte an Hermanns Gemüt . Obgleich fest entschlossen , Blut und Leben für die Rettung eines unglücklichen Wesens einzusetzen , mußte er sich bekennen , daß der Schmelz von dem Abenteuer abgestreift sei , seitdem er nicht mehr hoffen durfte , den Lohn seiner Anstrengungen in einem gütigen Lächeln der Fürstin sich zu gewinnen . Die Kinder hatten ihren Vater , die Kranke war unter Obhut , er kam sich in allen Beziehungen , die ihn seit gestern umsponnen hatten , so überflüssig vor . Ja , er begann zu zweifeln , daß er irgendwo nötig gewesen sei . Die Gestalt seines umherirrenden Mündels verflüchtigte sich zu einem luftigen Märchenbilde . » Vielleicht « , rief er unmutig aus , » hatte ich hier an nichts , als an meine verlorne Brieftasche zu denken ! « Endlich war die Zeit hingegangen , und Hermann stand am bezeichneten Orte . Ein finstrer Tannenkamp umgab einen geräumigen Platz . Durch die schwarzen Kronen der alten Stämme sah ein bedeckter Himmel , ein grauer , melancholischer Tag . Hermann war früher da , als sein Gegner ; er vertraute sich , als dem besten akademischen Fechter seiner Zeit , und war entschlossen , den Feind zu schonen . Der Johanniter kam in einem kleinen Cabriolet angefahren . Man begrüßte einander . Hermanns Gegner ließ ihn unter den beiden mitgebrachten Degen wählen . Die Sache gewann wegen des Mangels an Sekundanten ein sehr unförmliches Ansehn , und ein gefährliches , da niemand des Arztes gedacht hatte . Man vereinigte sich , daß jeder das Recht haben solle , die Dauer des Ganges zu bestimmen , und daß ein Haltrufen nicht für unehrenvoll gelten dürfe . Die Streiter warfen die Röcke ab , der Hals wurde von der Binde entfesselt , Hermann legte sich aus , der Johanniter hieb aus . Schon nach den ersten Gängen merkte Hermann , daß er den Gedanken an Schonung aufgeben müsse . Er focht regelrecht auf den Hieb , wie der Universitätsbrauch ist , der Widerpart verfuhr dagegen nach dem komplizierten französischen Systeme von Hieb und Stoß , und machte ihm mit Finten und blitzschnellem Nachschlagen viel zu schaffen . Er hielt sich zwar brav , wie immer , war aber doch zerstreuter als sonst , unruhig von den durchwachten Nächten , und vom Getreibe der vergangnen beiden Tage . Indessen wäre dieser Handel , wie so mancher , durch die Ermüdung der Kämpfer wohl zum unblutigen Ziele gediehen , wenn nicht Hermann plötzlich während einer Pause in der Ferne zwischen den Bäumen eine Figur sich hätte bewegen sehn , die er für Flämmchen halten mußte . Seine Verwirrung nahm zu , er wollte den Kampf um jeden Preis zu Ende bringen , und suchte durch Heftigkeit den Mangel an Sicherheit zu ersetzen . Er drang gewaltsam vor , gab dabei eine Blöße , diese benutzte der Gegner , rasch einspringend , und die Terz hauend . Der Stahl zischte durch die Luft und fuhr in die rechte Seite . Die Degen sanken , das Blut tröpfelte aus der aufgeschlitzten Seite , quoll dann immer reichlicher hervor , floß und floß unaufhaltsam . Der Johanniter schlug sich wie ein Rasender vor den Kopf , und verwünschte den Streich , der ihn um seinen Posten bringen könne . Hermann war erschöpft zu Boden gesunken , und sagte mit matter Stimme : » Beruhigen Sie sich , eilen Sie nach der Stadt , holen Sie einen Arzt , und sagen Sie überall , Sie hätten hier einen Verwundeten liegen sehn . Ich bestätige jedes Ihrer Worte , und will versichern , daß mich ein Räuber angefallen habe . « Unterdessen war Flämmchen weinend und jammernd herbeigekommen . Sie fuhr mit entsetzlicher Gebärde auf den Johanniter zu . » Du hast ihn erstochen , meinen Gemahl , den Prinzen , er stirbt ! Ich werde nie eine Prinzessin werden ! « rief sie . » Aber dafür sollst du verdorren ! Ich weiß , wo die Hexenmeister wohnen , die einem den Schatten nehmen und das Spiegelbild rauben , und das Galgenmännlein verkaufen . « » Bist du verrückt ! « fuhr sie der Johanniter an . » Komm mit ! Welch ein Aufzug ! « » Bleib mir vom Leibe ! « rief die junge Furie . » Ich sage sonst , was du begangen hast , und sie sollen dir den Kopf abschlagen . « Hermann richtete sich halben Leibes empor . » Bringt Sie mein Blut nicht zur Besinnung ? « fragte er . » Ich beschwöre Sie , achten Sie die Tugend dieses Mädchens ! « Der Johanniter sah ihn starr an . » Ich alter Tor ! « brach er endlich aus , » über meine verdammte Hitze ! Sich beleidigt zu halten von einem Menschen , der seine fünf Sinne nicht beisammen hat ! « Er warf den Degen weit von sich in das Gebüsch , und jagte mit seinem Wägelchen im Galopp davon . Flämmchen warf sich zu dem Verwundeten an den Boden , stopfte Moos in die verletzte Seite , rief ihm die süßesten Namen zu , und dazwischen dem Johanniter gräßliche Verwünschungen nach . Hermann hörte und sah nichts mehr . Eine tiefe Ohnmacht hatte ihn überschattet . Sein Gesicht war totenbleich . Das Moos hemmte die Blutung nicht . So lag er unter den düstern Tannen , als ein Opfer seines guten Willens . Zweites Buch Das Schloß des Standesherrn Wo keine Götter sind , walten Gespenster . Erstes Kapitel Im Park , dem Schlosse gegenüber , saß die Gesellschaft , und erfreute sich des klaren Herbstabends . » Wie geht es unsrem Kranken ? « fragte der Herzog einen Mann von zuversichtlichem Äußern . » Nach Wunsch « , erwiderte der Arzt . » Das Fieber ist zwar noch vorhanden , doch schon im Abnehmen . Die Krisis ist überstanden . Wenn ich bedenke , daß zu den Folgen der schweren Verwundung sich noch die starke nervöse Affektion gesellt hatte , so muß ich über die Kraft dieser Natur erstaunen , welche so vereinigten Angriffen zu widerstehn imstande war . « » Hat man den Täter noch immer nicht entdeckt ? « fragte die Herzogin . » Der Verwundete konnte bis jetzt keine Auskunft geben . Jener Mann , der ihn gefunden und die Nachricht in das Städtchen gebracht hat , wußte auch nichts Näheres zu sagen . « » Und der Knabe , sein kleiner Diener ? « Der Arzt sah mit einem eignen Blicke vor