mich zu beherrschen , als nur diesen alten Augen Thränen zu ersparen , die schon so viele über meine Leiden vergossen haben , so würde er mir hinreichend sein . Verlassen Sie mich aber jetzt , fuhr sie gütig fort , wir sind in Gefahr uns beide zu erweichen , und wenn Sie das für meine Gesundheit nachtheilig finden , so kann es Ihnen bei Ihrem Alter nicht anders als höchst schädlich sein . Der Haushofmeister folgte dem Winke seiner Gebieterin und schwur bei sich , daß niemals eine Königin auf Frankreichs Throne ihre Diener edler behandelt habe , als die Gräfin ihn . VII Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive , er kam nur zum Abendessen zur übrigen Gesellschaft . Frühstück , Mittagessen und Thee ließ er sich dort hinbringen , und durchsuchte mit der größten Genauigkeit Alles . Endlich war die Nachforschung geendigt , und er hatte nichts gefunden . Er stützte sich gedankenvoll auf den großen Tisch , der in der Mitte des Zimmers stand , und bedauerte wahrhaft den Grafen , für den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fühlte , als er mit seinen Geschäften und Verhältnissen bekannter wurde . Willenlos zog er die Schublade des Tisches auf , in der er noch einige Papiere bemerkte , die aber von keiner Wichtigkeit zu sein schienen , und unter denen das Dokument gewiß nicht verborgen sein konnte , denn es waren Umschläge von Briefen , alte Recepte zu Arzneien , kleine , zum Theil zerrissene Rechnungen . Auch der Graf hatte diese Schublade geöffnet , aber sich gleich überzeugt , daß sie nichts enthalte , was schon der Größe nach die gesuchte Schrift sein könnte , also den Inhalt nicht weiter beachtet ; der Pfarrer aber , der dergleichen Dinge gründlicher betrieb , sezte sich noch einmal vor den Tisch nieder , entfaltete und betrachtete jedes Blatt , und so fielen ihm zwei kleine , unordentlich zusammengedrückte Stücke Papier in die Hände , in denen er , als er sie entfaltete , bald einen Anfang der Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte . Es war deutlich , daß der Abschreiber sich beide Male verschrieben , das Papier verdrüßlich zusammengedrückt und in die Schublade geworfen hatte , wo es gewiß nicht hatten bleiben sollen . Freudig über seine gemachte Entdeckung , ließ der Geistliche sogleich den Grafen rufen und theilte ihm die gefundenen Papiere mit ; der Graf erkannte die Hand des alten Lorenz ; er holte Briefe herbei , die er früher von ihm erhalten hatte , und auch der Pfarrer überzeugte sich durch die Vergleichung , daß kein Anderer , als er , der Abschreiber der Urkunde gewesen sein könnte . Was ist nun zu thun ? sagte der Graf . Hat er die Urkunde meinen habsüchtigen Verwandten verkauft und kommt es zum Prozeß , so kann ich zwar durch diese Blätter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen , aber dann mache ich im besten Falle den Menschen unglücklich , der meinem Vater so lange gedient hat , und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie , die sich aus Eigennutz so niedrige Schritte erlaubt haben . Ich glaube nicht , daß das Dokument schon verkauft ist , sagte der Pfarrer , nach einigem Nachdenken . Es ist klar , daß der alte Schelm die Urkunde abgeschrieben hat , und das läßt sich nur auf eine Art erklären , nämlich , man hat mit ihm unterhandelt und sich vorerst überzeugen wollen , ob er in der That im Stande wäre , eine so höchst wichtige Schrift zu überliefern . Da wir diese Blätter hier gefunden haben , so ist es klar , daß die Abschrift nicht lange vor Ihrer Ankunft gemacht worden ist , und daß der Alte gewiß die Absicht gehabt hat , alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen . Daher können Sie sich auch seine üble Laune erklären , als Sie ihm bei Ihrer unvermutheten Ankunft sogleich die Schlüssel des Archives abforderten , und sein Gewissen trieb ihn , sich so bald als möglich davon zu machen . Wohl , sagte der Graf , aber was kann ihn gehindert haben , nun , seitdem er sich aus dem Schlosse entfernt hat , die Urkunde meinen Gegnern zu überliefern ? Die Angst , erwiederte der Pfarrer , vor den möglichen Folgen ; vielleicht auch ist der Handel noch nicht abgeschlossen , vielleicht fordert er mehr , als man ihm bietet . Kurz , da ich bestimmt glaube , daß die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht verkauft war , so zweifle ich mit Recht daran , daß sie es jetzt ist , denn auf den Fall würde er noch Geld haben , ob er gleich locker lebt , und er hat keins , denn er hat mich noch kürzlich schriftlich gebeten , ihm Geld auf seine Pension , die er von Ihnen zieht , vorzuschießen . Was wollen Sie daran wenden , fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause , um die Urkunde wieder zu bekommen ? So viel Sie für nöthig halten , sagte der Graf , bin ich gern bereit zu zahlen , um diese Geschichte auf eine anständige und für mich beruhigende Art zu endigen . Sie lassen mir also völlig freie Hand , sagte der Pfarrer , wenn es Ihnen auch hundert Dukaten kosten sollte ? Ich würde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben , rief der Graf , wenn Sie mich für ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien könnten . Das hoffe ich gewiß , versicherte der Pfarrer . Ich habe zugleich , fuhr er fort , da ich alle Papiere durchgehen mußte , das Archiv für Sie geordnet , und wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen , so kann es Ihnen niemals mehr Beschwerde machen , eine Urkunde , die Sie nöthig haben , aufzufinden . Bei diesen Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft , worin dieser alle Lehnbriefe , Schenkungen , Prozesse , Familien-Abmachungen , die das Archiv enthielt , numerirt und chronologisch geordnet fand . Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz wieder bekommen , bemerkte der Pfarrer , so brauchen wir es nur hier in diese Rubrik einzutragen ; er deutete mit dem Finger darauf . Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren , daß ein Mann , der in seiner nächsten Umgebung , in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedürfniß der Ordnung empfand , eine so musterhafte in alle Geschäfte brachte . Denn wie in dem Wohnzimmer des Pfarrers , so war ihm hier wieder , als er das Archiv betrat , das der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte , höchst widrig aufgefallen , wie der Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte , die Pfeifen zwischen Papieren auf dem Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden , Kleidungsstücke auf allen Stühlen , und von frühem Morgen her die Geräthschaften zum Kaffee nachbarlich vereinigt mit Tellern , die noch die Ueberreste von kaltem Braten enthielten , den sich der Geistliche hatte kommen lassen . Dagegen aber waren alle Pergamente sowohl , als die Schränke , worin sie aufbewahrt wurden , von Staub gesäubert ; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte , war in bestimmten Fächern geordnet , und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich gewesen , jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag zu arbeiten , um dieß Geschäft zu beendigen . So gewann denn der Graf die Ueberzeugung , daß von dem Pfarrer , der in seiner Umgebung weder der Ordnung , noch weniger der Zierlichkeit zu bedürfen schien , und dem so wenig darauf ankam , ob er in der Gesellschaft liebenswürdig erschien , doch ein Jeder , der reelle Dienste nöthig habe , die die höchste Thätigkeit und angestrengteste Arbeit erforderten , diese gewiß nicht vergeblich hoffen würde . Er nahm sich also vor , dessen schroffes Betragen künftig milder zu beurtheilen und keinen Anstoß mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen . Der Pfarrer erbat sich die Erlaubniß , den gefundenen Anfang der Abschriften mit sich zu nehmen , und versprach dem Grafen , ihm den Erfolg seiner Untersuchung sogleich mitzutheilen , sobald er den alten Lorenz gesprochen hätte . Man trennte sich freundlich , und der Pfarrer ritt nach Hause , um zunächst an seine Predigt zu denken , die er den Sonntag halten mußte . Als er damit fertig war , schrieb er dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen Geldvorschuß , welches er früher mit Stillschweigen zu übergehen gesonnen war , und lud ihn ein , persönlich zu ihm zu kommen , um über dies Geschäft mit ihm zu reden . Er stellte seine Worte mit Klugheit so , daß sie ihn zu nichts verpflichteten , aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben , das gewünschte Darlehn zu erhalten , und er erwartete also mit Recht , diesen mit Nächstem bei sich zu sehen . Er hatte sich nicht getäuscht in seinen Vermuthungen , denn kaum waren drei Tage verflossen , so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine Equipage , die keinen vornehmen Besuch ankündigte . Ein Mittelding zwischen Karren und Kalesche , dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr beschädigten Riemen hing , und dessen Thüren in Ermangelung der Schlösser mit Schnüren gebunden waren , hatte ein mageres , auf allen Füßen steifes und lahmes Pferd mühsam durch die Straße des Dorfes gezogen , und dadurch dem darin sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewährt , mit heuchlerischer Freundlichkeit auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrüßen , die die Köpfe verwundert aus den kleinen Fenstern steckten . Der alte Lorenz - denn Niemand anders , als er war der Reisende - öffnete eine Thüre seines Wagens , indem er die befestigenden Schnüre losknüpfte , stieg langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Thränen aus seinen rothen , immer triefenden Augen , klopfte den Staub , so gut es gehen wollte , von dem blauen , mit metallenen Knöpfen versehenen Rocke und entblößte sein halb kahles , mit wenigen weißen Haaren bedecktes Haupt schon , ehe er die Pforte öffnete , die zu des Pfarrers Wohnung führte , wozu ihm dieser vollkommen Zeit ließ , indem er , ruhig am Fenster stehend , mit der Pfeife im Munde , alle Vorbereitungen betrachtete , die der alte Mann machte , um anständig vor ihm zu erscheinen . Nicht immer war Herr Lorenz so höflich gewesen , alle Bauern zu grüßen oder so besorgt , mit gehörigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen . Er hatte viele Jahre das Schloß beinah allein bewohnt , ein gutes Gehalt bezogen , sich des Kellers , der Gärten , der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstände bedient , stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheirathet und , nachdem er Wittwer geworden war , zwei Kinder , einen Sohn und eine Tochter , nachläßig genug erzogen . Er ließ den Sohn die Rechte studiren , und man hatte ihn , seitdem er die Universität bezogen , in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr gesehen . Die Tochter verließ den Vater , vorgeblich , um als Kammerjungfer zu dienen , seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschränkte , indem er andern , zuverläßigern Personen die Verwaltung der Guts-Einkünfte übertrug , und Herr Lorenz konnte nun weder für sich selbst seinen Tisch nach gewohnter Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen , noch seine zahllosen Freunde mehr so gastfrei bewirthen . Da ihm Gesellschaft und Genüsse mancher Art zum Bedürfniß geworden waren , so suchte er auswärts , was er sich im Schlosse nicht mehr verschaffen konnte ; fing an die Schenken zu besuchen , begnügte sich mit gemeineren Getränken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter , als sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurückzog . Natürlich war nun sein Gehalt nicht hinreichend , seine Ausgaben zu bestreiten ; so verwickelte er sich in Schulden und fing an , als diese ihn nach und nach bedrängten , erst seine entbehrlichen Besitzthümer , und nach und nach alle zu verkaufen , so daß er eigentlich sich schon in großer Armuth befand , als der Graf ihn aus seinen Diensten entließ . In seiner früheren , glücklicheren Zeit war er von Allen , die ihn kannten , mit einer gewissen Achtung behandelt worden , und eben auch dem Pfarrer war er nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen , sondern dieser hatte ihn früher oft freundlich an der Thüre seines Hauses bewillkommnet ; schon seit langer Zeit aber war dieß Verhältniß zwischen beiden aufgehoben , und der Geistliche nickte dießmal nur nachläßig mit dem Kopfe in Erwiederung der tiefen Verbeugung , mit der ihn der ehemalige Kastellan begrüßte , als er endlich das Zimmer betrat . Wir haben uns lange nicht gesehen , sagte der Pfarrer nach einem kurzen Schweigen , um das Gespräch zu eröffnen ; wie geht ' s , seitdem Sie das Schloß verlassen haben ? Lorenz richtete die rothen Augen heuchlerisch gen Himmel , stützte sich mit beiden , gefalteten Händen auf seinen knotigen Stab und sagte , indem er aus tiefer Brust seufzte : Ach Gott ! Herr Pfarrer , wie kann es einem alten , verlassenen Manne gehen ? Kinderlos , freundlos , verstoßen von dem Herren , dem ich so viele Jahre gedient habe , wie seinem Vater vor ihm , nun , Gott sei es überlassen , ich klage Niemand an , aber ich wurde verstoßen , und Ausländer , Franzosen , Landesfeinde , die nehmen den Platz ein , der einem alten treuen Diener gebührte ; nun , ich will nicht klagen , Gott mag richten , ihm sei es überlassen . Der Graf aber , erwiederte der Pfarrer , sagt , Sie selbst haben das Schloß verlassen wollen , also sind Sie gegangen , und Niemand hat Sie vertrieben . Ja , ja , der Graf sagt so , fuhr Lorenz seufzend fort , aber wie ich behandelt wurde , welches Mißtrauen man mir zeigte , mir , dem alten redlichen Diener , das sagt der Herr Graf wohl nicht . Ja , ja ! arme Leute müssen schweigen und großer Herren Unrecht leiden , das ist der Lauf der Welt , Herr Pfarrer , und ich will nicht darüber murren . Aber mein guter seliger Herr hätte mir das nicht gethan , sezte er weinend hinzu , mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in dieser Welt begraben . Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt , sagte der Pfarrer , nach dem Ihr seliger Herr lange begraben war . Was will das sagen , seufzte Lorenz , indem er ein schelmisches Lächeln kaum unterdrücken konnte ; was ist alle irdische Lust , die man mit traurigem Herzen genießt ? Und was ist die Erinnerung an vergangene , bessere Tage , wenn man mit Alter und Armuth kämpfen muß ? Aber der Graf , sagte der Pfarrer , hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und , wie ich gehört habe , sogar noch zugelegt . Alles wahr , Herr Pfarrer , klagte Lorenz , aber was braucht ein alter schwacher Mann nicht Alles ? Sie könnten als ein einzelner Mann recht gut leben , sagte der Pfarrer verweisend , wenn Sie nicht immer in den Schenken säßen , wenn Trunk und Spiel Ihnen nicht so viel kosteten . Lieber , lieber Gott ! jammerte Lorenz mit Thränen , wie sind deine Menschen doch so hart . Richtet nicht , Herr Pfarrer , so werdet ihr nicht gerichtet . Wenn ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt , und ruht sich nach der Ermüdung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk , so schilt ihn die Welt einen Säufer ; wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will , und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blättern oder nach den Würfeln , so nennt Ihr ihn sündlich einen Spieler . Es läßt sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen , sagte der Pfarrer ungeduldig , Sie sind ein rechter Heuchler geworden . Ich ergebe mich in den Willen Gottes , sagte Lorenz , ohne sich aus seinem angenommenen Charakter herausschelten zu lassen . Ihm gefällt es , daß ein alter Mann geschmäht und gescholten werden soll von denen , auf deren Beistand er hoffte . Ich dachte Ihr Herz milder zu finden , Herr Pfarrer , sezte er mit einem Tone hinzu , in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte . Ich klagte Ihnen meine Noth , und Ihr Brief ließ mich hoffen , daß Sie genigt wären , sie zu lindern . Es ist gegen meine Grundsätze , sagte der Pfarrer , Geld zu solchen Zwecken auszuleihen , wozu Sie es verwenden würden , wenn ich auch eine Summe übrig hätte . Des Herren Wille geschehe , sagte Lorenz ; aber wozu , fügte er verdrüßlich hinzu , ließen Sie mich denn dann den weiten Weg machen ? Um mir eine abschlägige Antwort zu holen ? Hätten Sie mir die nicht schriftlich geben können , ohne mir die Zeit zu rauben , in der ich mich nach andern Mitteln hätte umsehn können ? Welche Mittel haben Sie denn ? fragte der Pfarrer mit scheinbarer Theilnahme , um sich aus der Noth zu helfen . Ich weiß es nicht , sagte der alte Heuchler , Gott wird mir Wege zeigen ; vielleicht , daß mein Sohn im Stande ist , mir beizustehen . Erhielten Sie kürzlich Nachrichten von Ihrem Sohne ? fragte der Geistliche hastig . Nicht so ganz kürzlich , antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit . Wo hält er sich jetzt auf ? stürmte der Pfarrer auf ihn ein , treibt er die Rechte noch , bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht , eins zu erhalten ? Ich kenne seine Umstände nicht ganz genau , sagte der Alte ausweichend , sein Brief ist darüber nicht deutlich , doch hat er wohl Aussicht , Gottlob , sein Brot zu erwerben . Von wo aus hat er Ihnen geschrieben ? fragte der Pfarrer , indem er nahe zu dem alten Manne hintrat , eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in die Augen sah . Ich habe den Ort vergessen , erwiederte Lorenz zögernd . Aber Ihr Sohn ist in Schlesien ? fuhr der Pfarrer fort zu fragen . Der Brief hat keinen gar weiten Weg gemacht ? Ja , in Schlesien ist er , stotterte der Alte . Hm ! sagte der Pfarrer , indem er seine Hand von der Schulter des alten Sünders zurücknahm , der sich dadurch sehr erleichtert zu fühlen schien . Der Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab , und blies den Rauch aus seiner Pfeife gedankenvoll vor sich hin . Wenn Sie mir also nicht helfen wollen , Herr Pfarrer , fing nach einem kurzen Schweigen der alte Lorenz wieder an , so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und mich wieder auf den Rückweg nach meiner armen Hütte begeben . Ich hatte die Absicht , sagte der Pfarrer , indem er dem Alten wieder vertraulich näher trat , noch mit Ihnen über andere Gegenstände zu sprechen und Ihnen einen Weg zu zeigen , auf dem Sie vielleicht Geld erhalten könnten , ohne es zu leihen ; denn Sie wissen , geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude , das Wiedergeben fällt gar zu schwer . Man muß sich vor der Zeit darüber nicht grämen , lächelte der Alte . Doch lassen Sie hören ; wenn man gar nicht für die Erstattung zu sorgen braucht , so ist es freilich am Besten . Setzen wir uns , sagte der Pfarrer , und lassen Sie uns offenherzig sprechen . Sie sehen , wir sind allein , und was wir auch sprechen mögen , es kann keine Folgen haben , da kein Zeuge vorhanden ist , um die Aussage , die Sie etwa machen wollten , für Sie bedenklich zu machen . Befremdet und mißtrauisch sah der Alte den Pfarrer an , indem er seiner Einladung folgte . Beide setzten sich , so daß ein kleiner Tisch zwischen ihnen war . Sie hatten , hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an , auf dem Schlosse die Schlüssel zum Archiv in Händen , nicht wahr ? Ich hatte viele Schlüssel , sagte der Alte trotzig , so lange ich das Schloß verwaltete , Gott weiß , was sie Alles schlossen , ich habe mich nie darum bekümmert . Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen ? fragte der Pfarrer , indem er ihn bedenklich anblickte . Wie kann ich wissen , wo ich im Schlosse gewesen bin , oder nicht , sagte Lorenz nicht ohne Verlegenheit . Es ist wohl viel verlangt , daß ein alter Diener Rechenschaft darüber ablegen soll , wo er vierzig Jahre lang seine Füße hingesetzt hat , oder wo er in einem alten , weitläuftigen Gebäude nicht gewesen ist . Ich begreife nicht , sagte der Pfarrer mit einem mißtrauischen Blicke , wie meine Fragen Sie so unruhig machen können . Und ich begreife noch weniger , antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit , wer Ihnen ein Recht giebt , mir alle diese Fragen vorzulegen . Mich bestimmt , erwiederte der Pfarrer mit Herablassung , vor allem das Mitleid , welches ich mit Ihnen habe , denn mir würde es leid thun , einen alten Mann , den ich so lange gekannt habe , unglücklich werden zu sehen . Was wollen Sie damit sagen ? fragte der Alte mit einiger Bestürzung . Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Sünder , und sagte dann langsam und nachdrücklich : Der Graf vermißt aus dem Archive eine ihm wichtige Schrift , sie ist warscheinlich entwendet , Niemand als Sie hat vor dem Grafen die Schlüssel gehabt ; auf wen kann der Verdacht fallen , als auf Sie ? Was gehen mich die Schriften des Grafen an , sagte der Alte ; ich habe sie nie angesehen , ich habe mich nie darum bekümmert , und der Graf hat mir ja die Schlüssel abgenommen , so wie er kam ; warum hat er nicht gleich gesprochen , was will er nun von mir ? Sie waren also niemals im Archiv , um die Schriften zu durchsuchen ? fragte der Geistliche gelassen . Niemals , antwortete Lorenz mit Frechheit , meine Hände haben die alten bestäubten Dinger nicht angerührt . Alter heuchlerischer Schurke ! rief der Pfarrer , indem ihn die Verachtung unwillkührlich hinriß , und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften . Sie können Ihre Hand nicht ableugnen , rief er ihm drohend hinzu , und sehen Sie , Ihre Handschrift straft Ihre Worte Lügen . Wo ist die Urkunde hingekommen , fuhr er fort , weswegen haben Sie sie abgeschrieben ? Ich weiß es nicht , sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken . Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu üben . Mein Gott , Herr Pfarrer , fuhr er weinend fort , Sie werden doch einen alten Mann nicht unglücklich machen und ihn nicht solcher Dinge beschuldigen wollen , die er nie begangen hat . Ich will Ihr Unglück nicht , sagte der Pfarrer , und eben so wenig der Graf . Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht , die Urkunde entwendet zu haben ; schaffen Sie sie wieder herbei , und der Graf ist bereit , die Sache zu vergessen und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken . Was ich nicht habe , kann ich nicht herbeischaffen , sagte Lorenz wieder ruhiger , nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte , Sie kränken meinen ehrlichen Namen , Herr Pfarrer , Gott mag Ihnen die Sünde vergeben . Der Geistliche that sich Gewalt an , um gelassen zu bleiben , er sagte aber dennoch mit unwillkürlicher Heftigkeit : Wenn Sie nicht selbst Ihr Unglück wollen , so handeln Sie als ein vernünftiger Mensch , vermeiden Sie die gerichtliche Untersuchung , die Sie ins Zuchthaus führen müßte ; merken Sie das wohl . Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort , der Graf giebt hundert Dukaten , wenn die Schrift ohne gerichtliche Hülfe herbeigeschafft wird . Mein Gott , sagte Lorenz , die Augen zum Himmel erhebend , mein Gott , Herr Pfarrer , wie wehe thun Sie mir altem , hüflosem Manne . Sie wollen Schande auf mein graues Haupt laden , der Herr vergebe es Ihnen . Was im Archiv gewesen ist vor funfzig Jahren , das muß noch jetzt darin sein , aber der Graf weiß nicht Bescheid , er versteht nicht zu suchen ; wenn man mich will nachsuchen lassen , ungestört , ganz allein , und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen , so bin ich überzeugt , ich werde die Urkunde auffinden , und Sie werden dann einsehen , daß Sie mir altem Manne Unrecht gethan haben . Der Pfarrer sah ihn einen Augenblick schweigend an und sagte dann : Ich glaube wohl , daß der Graf dieß billigen wird , Sie können also die Nacht hier bleiben , und Morgen können wir nach dem Schlosse , und Sie mögen dann Ihre Nachsuchungen anstellen . Nein , nein ! rief der Alte ängstlich , das ist nicht möglich , ich muß heute Abend nach Hause , aber übermorgen bin ich wieder bei Ihnen ; ich habe morgen ein dringendes Geschäft . Der Pfarrer sah sehr wohl ein , welch ein Geschäft der ehemalige Kastellan beendigen mußte , ehe er daran denken konnte , die Urkunde im Archiv aufzufinden ; er ließ ihn also ungehindert fahren , nachdem die gegenseitigen Versprechungen erneuert waren , daß nämlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten würde . VIII Einige Tage waren verflossen , seitdem Dübois der Gräfin die wenigen , unbefriedigenden Nachrichten über den Verwundeten gegeben hatte . Der Kranke besserte sich fortwährend und war endlich so weit , das Zimmer verlassen zu können . Der Haushofmeister benachrichtigte die Gräfin , daß es der sehnlichste Wunsch des jungen Mannes sei , ihr seine Dankbarkeit für die Aufnahme in ihrem Hause zu bezeigen . Sein Begehren ließ sich nicht abschlagen , ohne alle Sitte zu verletzen , und die Gräfin selbst fühlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn wieder zu sehen . Das Verhältniß zwischen Emilie und der Gräfin war seit der Erklärung , die beide näher rückte , höchst freundschaftlich geworden ; die Gräfin war gegen ihre junge Freundin liebreich und vertraulich ; sie that sich nicht mehr den Zwang an , mit ihr gleichgültige oder geistreiche Gespräche zu führen , wenn trübe Erinnerungen und quälende Gedanken ihre Seele beherrschten , und Emilie durfte ihre Theilnahme offen zeigen , statt daß sie sonst zu ihrer eigenen Qual in solche Gespräche einstimmen mußte . Beide Frauen saßen im Theezimmer und erwarteten den Grafen , der versprochen hatte , um diese Zeit von Heimburg zurück zu kehren , wohin ihn der Baron Löbau dringend eingeladen hatte , und den Kapitain St. Julien , der zum ersten Male den Frauen seinen Besuch machen wollte . Beide Männer wurden mit Unruhe erwartet . Das Dringende der Einladung des Barons ließ deutlich merken , daß etwas Wichtigeres , als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlaßt hatte , und St. Julien wurde von der Gräfin mit Aengstlichkeit erwartet , weil sie befürchtete , daß sie sich bei seinem Anblick nicht so , wie sie es wünschte , würde beherrschen können . Endlich öffnete sich die Thüre , und langsam näherte sich der junge Mann , den einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister stützend . Sein bleiches Gesicht , die eigefallenen Wangen , die gesenkten Augenlieder , die kaum gerötheten Lippen zeigten von großer Ermattung ; aber indem er zu sprechen begann , glühte in den dunkeln Augen , die er auf die Gräfin richtete , ein tiefes Gefühl , der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher Anmuth , und der Wohllaut der schönsten männlichen Stimme schien erschütternd auf die Gräfin zu wirken . Es währte einige Augenblicke , ehe sie sich zu fassen vermochte , und Dübois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin . Emilie betrachtete mitleidig den jungen Mann , der sich mit Mühe aufrecht zu erhalten schien . Die Gräfin löste endlich die peinliche Verlegenheit , die einige Augenblicke herrschte . Sie richtete mit Güte , aber großer Anstrengung , die ersten Worte an den jungen Mann , indem sie sagte : » Ich weiß , Sie sprechen deutsch , ich ziehe es vor , mich in dieser Sprache zu unterhalten , und Sie würden mich verbinden , wenn Sie nie französisch mit mir reden wollten . « St. Julien verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke , der Ausdruck der Empfindlichkeit war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte , er konnte nicht voraussetzen , daß die Gräfin die Sprache seines Landes nicht verstehe , und ihm mußte es auffallen , daß sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefühl , das er sich auszudrücken bemüht hatte , diese Bitte an ihn richtete , die nicht freundlich klang . Ich muß es beklagen , sagte er endlich in deutscher Sprache , daß meine Landsleute sich Ihnen so verhaßt gemacht zu haben scheinen , daß ihre Sprache Ihnen selbst im Munde dessen unerträglich ist , dem Sie so viele Güte erwiesen haben . Es ist nicht das , sagte die Gräfin in lebhafter Bewegung . Ich bitte Sie , mich nicht zu verkennen ; es knüpfen sich für mich an dieß Land und diese Sprache so viele süße , schmerzliche und schreckliche Erinnerungen , daß ich das Land nicht wieder sehen könnte , die Sprache ungern höre und vor Allem aus Ihrem Munde nicht vernehmen möchte . Mit großer Bestürzung sah Emilie die Gräfin an , deren Wangen wie im Fieber glühten , und deren zitternde Stimme von der