mich zwingt . Und nun still , still ! Ich vergesse , daß Sie Protestant sind , daß Sie protestiren werden auch gegen mein Fünkchen katholische Andacht ! Nun , sein Sie nur Protestant , sein Sie Protestant ! Wie oft , wie oft habe ich in meinem stillen Kämmerlein ausgerufen : O könnte auch ich es sein ! - Das leidenschaftliche Mädchen war bei diesen Worten wieder ganz ernst geworden , und in mir knüpften sich die weitgehendsten Gedanken an . Unterdeß veränderte sich um uns und über uns die Scene . Hinter dunkel aufgethürmten Wolken ging der Mond unter , es wurde finster , stürmisch , die Nachtwinde bliesen stark , und wetterleuchtende Blitze spalteten von Zeit zu Zeit mit feurigen Schweifen den mitternächtlichen Horizont . War es zur Strafe unserer Sünden ? Sollten mit dem Zorn des Wetters die Frevel unseres Gesprächs über die Heiligen gerächt werden ? Wir hatten ja nur Selbstbekenntnisse gethan . Sinnend und schweigend sahen wir beide eine Zeitlang in die düster wogende Nacht hinein . Maria schmiegte sich enger an mich , sie sagte , sie liebe den Sturm , wenn er zu ihren betrübten Gedanken Musik mache . Sie könne noch nicht ins Haus zurückgehn , in ihr Gefängniß , ihren Sorgenkäfig . Sie wollte , der große Nachthimmel wölbe sich einmal zu einem Sarg über ihr zusammen , dann möchte sie gern darin ruhn und nichts mehr wünschen , aber nur nicht lebendig begraben sein hinter den Breterwänden ihrer Stube . Ihr habe Gott ein rastloses Herz gegeben , frei zu sein . Ich möchte sie nehmen , wie sie sei , in all ihrer Räthselhaftigkeit , und ihr etwas sprechen und erzählen zur Fortscheuchung der bangen Stunden dieser Nacht . Ich erwiederte , ich hätte ihr viel zu sagen . Und die gelegene Stunde dazu sei da . Ganze Reihen an Betrachtungen seien durch die Heiligen und die Madonna über mich gekommen , und der Mitternacht und ihr wolle ich gern davon vorphilosophiren . Die Mitternacht mache ein ernstes Gesicht dazu , und Sie wecke die Begeisterung auf mit ihren Augensternen . Der Madonnenschleier mit den drei schönen heiligen Blutstropfen hänge drüben am Saum der trauernden Nacht , und flattere hoch in den klagenden Winden , und strecke sich wallend aus über die weite , seufzende Erde , und winke uns Ehrfurcht zu vor den Bildern , an welche der Menschen Herz sich hängt . Und die Erde träume um uns her , und die Träume gingen irrend auf und nieder durch die Lüfte , und die bösen Geister zitterten in den Gräsern , und ein großer Drang in der Brust brenne nach Wahrheit . Und die Wahrheit gehe einen Kampf ein mit den Bildern , und der Madonnenschleier zerreiße , und die Blutstropfen verblichen vor dem hellen Morgenstrahl , und die aufgegangene Sonne winke uns Ehrfurcht zu vor der Wahrheit , an welche der Menschen Vernunft sich hängt . Hiervon laß uns ausgehen , Maria ! Sie drückte mir schweigend die Hand , sie deutete auf ihr schlagendes Herz , das an diese Dinge in quälender Unruhe schon so oft seinen Frieden verloren . Der Engel Gabriel klopfte an die Thür einer Jungfrau , die hieß Maria ! fuhr ich fort . Er war von Gott gesandt , und sie war die holdseeligste und süßeste im ganzen Lande , und wenn man ihre Schönheit leuchten sah an ihren Gliedern , mußte man fühlen , daß Gott mit ihr sei . Und der Engel sprach zu ihr : » Der heilige , Geist wird über Dich kommen , und die Kraft des Höchsten wird Dich überschatten . Darum auch das Heilige , das von Dir geboren wird , wird Gottes Sohn genannt werden ! « Da erschrak die Jungfrau , denn sie wußte noch von keinem Manne , aber sie glaubte , und bald verstand sie . Ihre Seele erhob den Herrn , der weibliche Stolz regte sich , und wie ein beglücktes Weib sich freut , so freute sie sich , daß sie von nun an seelig gepriesen sein würde von allen Kindeskindern . Lieblich lächelte sie bei den Ahnungen einer großen Zukunft , und wie eine kaum herangewachsene Braut , die den Welternst ihres älteren Geliebten noch nicht begreift , kindlich tändelt mit dem scharfen Schlachtschwert an seiner Seite , so lag das ernste Geheimniß einer unendlichen Weltumwandlung spielend an der Jungfrau Busen , und sie hegte es mit mädchenhafter Zärtlichkeit , wie eine Maienknospe . In der stillen Ueberschattung des Höchsten hatte sie den Gott in sich empfangen , und sie hatte mit einem Kinderkuß an der Ueberschattung sich satt gesogen . Sie war Jungfrau geblieben , denn das Wort hatte sie befruchtet , und das Wort war es gewesen , das Fleisch wurde aus unberührtem Schooß der Jungfrau . Denn aus jungfräulicher Blüthe mußte der Gott einer neuen Weldordnung sich aufrichten , er , der ein reines , neues und jungfräuliches Zeitalter des Geschlechts auf die Erde brachte . So ruhte Gottes Unschuld an süßen Mädchenbrüsten , und trank von der unbefleckten Magd die Milch des irdischen Lebens , aus der er Mensch wurde . Um des Menschen Sohn zu fein , hatte er sich aus dem Schooß des Weibes gewunden , und sich an ihren Busen gelegt , aber das Weib hatte an der Ueberschattung Gottes gehangen , und das Wort war zeugend in die unbewußte Unschuld gedrungen , und darum wurde das Heilige , das von ihr geboren worden , Gottes Sohn genannt . Die jungfräuliche Unbewußtheit , in die das Bewußtfein Gottes gestiegen war , hatte den Gottmenschen geboren , denn das menschliche Bewußtfein , das nur der Begriff seiner selbst ist , aber nicht der Begriff Gottes , hätte keinen christlichen Gott sich erzeugen können . Darum war es eine Unbewußte , eine Jungfrau , eine unmittelbare Offenbarung , aus welcher Gott hervortrat in die Thäler der Erde . Durch diesen Gedanken der nothwendigen Unbewußtheit habe ich mir die Nothwendigkeit der Virginität , der Jungfräulichkeit und der unbefleckten Empfängniß der Madonna bewiesen . Durch das menschliche Bewußtsein waren die heidnischen Götter gezeugt worden , aber in Jupiter und Apoll war eben nur menschliches Bewußtsein , und ihre Altäre stürzten zusammen , und der Olymp des menschlichen Bewußtseins fiel . Die Welt wurde finster , und war ohne Gott . Sie philosophirte , sie speculirte , sie baute Systeme , sie gründete Geheimlehren , aber kein Gott und kein Glück schien hinein . Da regte es sich im Schooß einer Unbewußten , einer Jungfrau . Die hieß Maria , und hatte von der ganzen Welt noch nichts gewußt . Sie war schön und lieblich am frühen Morgen ihres Lebens , aber sie wußte von nichts . Sie war wie eine Blume auf dem Felde , die nach dem Licht sich aufrichtet , aber nicht weiß , warum ? In ihrem Städtchen hatte man nie etwas von Philosophie gehört , und ihre Nachbarn lebten und starben mit der Stunde . Aber mit den Unbewußten ist Gott , denn er freut sich an ihrer Frische . Er gießt keinen neuen Most in einen alten Schlauch , sondern er schafft sich einen neuen . Das alte Weltbewußtsein war in tausend unseelige Trummer auseinandergegangen , und siehe , an die unbewußte Unschuld knüpft sich die neue Weltordnung an . Die Unbewußte , die Jungfrau , trägt unter ihrem reinen Herzen den Erlöser . Die Unbewußte , die Jungfrau , wird von der Kraft des Höchsten überschattet . So werden später unter den Völkern nur die neuen , unbewußten , jungfräulichen Germanen auserkoren , um die erlösende Lehre des menschlich gebornen Gottes in der Weltgeschichte siegreich zu machen . Alles wird auf einen reinen und neuen Stamm gepfropft . Die Jungfräulichkeit ist die höchste Macht aller Weltentwickelung , das erste Gesetz in der Geschichte . - - Maria bat fortzufahren , und legte in der Aufmerksamkeit des Zuhörens ihren Arm vertraulich über die Schulter des Redenden . Ringsumher begünstigte die wieder ruhig gewordene Nacht den Gedanken . Die Madonna stand weinend am Kreuze , und auf ihren Schleier sprützten die Blutstropfen des Sohnes . Er aber sprach zu ihr : Siehe , Weib , das ist Dein Sohn ! Und von dieser Stunde an ging die Mutter mit dem Sohne in die Weltgeschichte über . Die Menschen wollten Bilder haben , denn ihnen wird bange vor dem reinen Geist . Sie wollten schöne Bilder hineinstellen in ihr kahles Dasein , und erhoben die Madonna in aller Glorie der Verherrlichung auf den Purpurthron ihrer Andacht . Die Jungfrau gründete den Olymp der christlichen Mythologie . Es war rührend , an sie zu denken , und wessen Herz riß es nicht hin , wenn die jungfräuliche Mutter der Christenheit vor ihn trat in seine Anschauung . Eine Mutter , eine Jungfrau , die zwei Blüthenpuncte des Menschlichen ! Und sie schenkten ihr schöne Kleider , von Gold und Silber schwer , und hingen schimmernde Juwelen um ihren Lilienhals , und wer den kostbarsten Diamant hatte , steckte ihn opfernd an der Madonna Busen . Es wurde durch sie die geistige Erhabenheit der neuen Religion näher hinangerückt an die alte Freundlichkeit der menschlichen Gewohnheit . Und so wurde der Madonnendienst wichtig in frühen Jahrhunderten . Wessen Seele in das Unsichtbare nicht hineingriff , der betete das Sichtbare an in der milden Gestalt einer Jungfrau , und war doch gewiß , daß diese Gestalt zusammenhing mit dem unsichtbaren Geiste . Maria wurde die Vermittlerin , sie wurde die Fürbitterin am Kreuze . Gott war die Wahrheit , und die Madonna war das Bild . Das Bild schien sanft wie der Abendstern in die Augen der Frommen , und die Wahrheit schnitt wie eine scharfe Sonne in den Grund der tiefsten Tiefen hinein . Es war die mythische Zeit des Christenthums , und die Frommen klammerten sich an das Bild , und wandten sich an die Sanftmuth des Abendsterns . In der Jungfrau knüpfte sich wieder das Unbewußte in stillen schonenden Uebergängen an das göttliche Bewußtsein an . Das Bild zeigte mit seiner vielverheißenden Miene auf die Wahrheit hin . Die Glorie der Jungfrau predigte von der Menschlichkeit des Gottes . Alles nahm sich heimlicher und traulicher aus für die Frommen , und die Gewalt des offenbarten Geistes , die hinter diesen Zeichen wogte , konnte sie nicht mehr blenden . Zum Ueberfluß wurde der christliche Olymp nun bald noch vollständiger besetzt , damit der Geist , der auf Erden erschienen war , von der Schärfe der Geistigkeit verliere und in die Milderung der Bilder getaucht werde . So reihten sich die Heiligen und die Märtyrer in langen Schaaren um den Purpurthron der Madonna . Sie wurden so sehr zu mythologischen Figuren , daß sie , gleich den Göttern der antiken Welt , Begriffe bezeichneten , in den Naturkräften walteten , und als Schutzpatrone besonderer Lebensverrichtungen gedacht waren . Jene Heiligen , welche die Augen , Ohren , Nasen , Brüste , die Felder und Häuser , die Gärten und Wiesen behüteten , waren nichts mehr , als die Dryade , die im Wachsthum des Baumes seufzt , oder Priapus , der die natürliche Fruchtbarkeit fördert . Nun vervielfältigten sich durch diese Halbgötter die Bilder . Und die Künste kamen , von dem reichen Stoff gelockt , und bemächtigten sich mit Begeisterung ihrer Gegenstände . Die Künste stehen zwischen dem Bild und der Wahrheit in der Mitte . Sie sind die herüber und hinübergehende Sehnsucht zwischen beiden , und zugleich eine ächt menschliche Befriedigung dieser Sehnsucht . Sie bilden eine naive Harmonie der Unbewußtheit und der Bewußtheit in ihren großen Erfindungen aus . Der Geist läßt sich voll Liebe gehen in diesen schönen Formen , er offenbart sich in diesen Farben , und sein Unsichtbares geht fühlbar hindurch durch diese Lichter und Schatten . Aber er ist nicht der Geist als solcher , sondern er spricht aus der bunten milden Form zu Dir . Und die Formen schwellen , sie dehnen und runden sich , und Engelshände scheinen all diese Lieblichkeit gebaut zu haben . Aber es ist nicht die Lust der Form , sondern die Form hat sich an Gott berauscht , und ist in ihm seelig geworden . Die Malerei wurde die christlichste unter den Künsten , und die erste Kunst des Christenthums , weil sie diese Aufgabe ihrer Zeit am großsinnigsten löste . Rafael sah die Modonna in seinem Geist , und vertiefte sich in ihre Bedeutung , und malte sie , wie noch Keiner sie gedacht hatte . Rafael war der Erste , der den Katholizismus zu idealisiren begann . In seinen Bildern ist katholische Andacht , Glanz und Mystik , aber protestantische Klarheit und Gedankenerhellung zugleich . Seine Gesichter deuten alle wie im Geiste weissagend in die Zukunft hinein . Er ist der größte Maler , denn er malte das Ideale aus dem Mythus heraus , und stillte durch die zarteste Form den Drang der Wahrheit im Bilde . In diesem Rafael ist etwas Prophetisches , etwas Welthistorisches , das ihn so bedeutsam in das Zeitalter der Reformation hineinstellt . Der katholische Mythus tritt geläutert und reformirt in Rafael auf , und zeigt in dieser Blüthe seiner Darstellung , in welcher der mächtig werdende Gedanke den Fittig hebt , auf die höchste und letzte Stadie des christlichen Bilderdienstes hin . Man vergleiche nur seine Madonnen mit denen der andern Maler , und werde gewahr , wie er immer aus der höchsten und tiefsinnigsten Idee seine Gestaltengebung geschöpft hat . Ich will jetzt nicht von seiner Madonna del Giardino in Wien reden , an die ich heut schon auf andere Weise so merkwürdig erinnert worden bin . Am meisten steht mir in diesem Augenblick die große Sixtinische Madonna vor Augen , zu deren Füßen ich ebenso lange in Anschauen versunken liegen möchte , als die kleinen Engel , die so gedankenvoll zu ihr hinaufblicken . Andere Maler haben mit mehr oder minderem Glück in der Jungfrau mit dem Kinde die stolzbeglückte Mutter , die mütterliche Hoheit , das Nimbusreiche , das Strahlende hervorgehoben , und zu den meisten dieser Bilder denkt man sich sogleich und unwillkürlich eine katholische Kirche dazu , von deren Wänden und Kreuzgängen sie die Vorstellung sich kaum abzutrennen vermag . Rafael hat in seiner Madonna immer am entschiedensten das Jungfräuliche gebildet , und zwar das Jungfräuliche in der tieferen , religiösen und welthistorischen Bedeutung , auf die ich vorhin gewiesen habe . Dadurch hat er das Verschämte , das Süße , und dann das allgewaltige mütterliche Glück , das ihr im Kinde zu Theil geworden , keineswegs zu schaffen vernachlässigt . Er hat mit göttlichem Pinsel das Liebliche und das Tiefsinnige ineinandergemalt , und jener Tiefsinn der Jungfräulichkeit ist wohl nirgend so zum vollendeten Bilde geworden , als man an der Sixtina in Dresden sieht . Ich weiß nicht , ist es das Hohe , das Erhabene , das Gedankenschwere , oder ist es das Jungfräuliche , das Reine und Schlanke , das Mädchenhafte , was mein Herz vor diesem Bilde niederwirft . Die vom Geist überschattete Mutter Gottes und die zarte , unschuldige Magd sind gleicherweise ausgedrückt in diesen Zügen , in diesen Blicken , in diesem wunderbaren Körper . Die schwebende Bewegung der Gestalt , der gottesehrfürchtige Ernst der Augen , ziehen die Gedanken in das Unendliche und Unsichtbare aufwärts , und die süße Leiblichkeit bindet sie wieder an die Anmuth der Form als an ihre irdische Gränze . Das Mädchen zieht von der Göttin ab , und die Göttin von dem Mädchen . Und so ist alles menschliche Denken . Die Idee faßt sich in ihrer tiefsten Geistigkeit , und wird doch gern wieder Leib , und muß es werden , weil für den Lebenden ein so seltsamer Zauber auf dem Irdischen ruht . Und das Kind der Welt ist von diesem jungfräulichen Leib geboren worden ! Wie ätherisch , wie vergeistigt , wie verklärt ist dieser Leib in allen seinen Formen , daß man sieht , ein großes Weltgeheimniß leuchtet aus der feinen Durchsichtigkeit dieser Glieder heraus ! Bei diesem Bilde fällt mir kein Kreuzgang einer katholischen Kirche ein , in dem ich es mir denken müßte . Rafael hat hier , wie immer , für die unsichtbare Kirche gemalt . Seine Bilder sind Weltbilder , er ist ein Weltmaler . Was die großen Helden der Geschichte mit dem Schwert verfochten , was die Dichter und die Weisen im Sinne gehabt , hat Rafael mit Farben geschrieben . Die Weltfreiheit des Gedankens . - - Laß uns nun , holde Maria , auch die andern Künste in ihrem Madonnendienst belauschen ! Wir sind einmal im Zuge , wir haben uns weit in Betrachtungen verloren . Es wird spät , aber Du bist ein freies Mädchen , und wachst mit Deinen sinnenden Augen gern in die Geisterstunde hinein , und ich verehre Dich ! Die sich verstehen , sind für einander geboren , und fragen beide nicht nach Zeit und Stunde . Die gemeine Ordnung der Dinge berührt nicht Die , welche frei und muthig sind im Geiste . Ich habe immer im Stillen meine größte Schadenfreude daran gehabt , wenn ich die Regel der Verhältnisse verachten konnte . Und Du bleibst bei mir , schönes , freies , geniales Mädchen ! Die Mitternacht ruht schwer und träge über unsern Häuptern , die Eule schreit drüben auf dem Kirchthurm , aber helle , wachsame Gedanken gehen auf und ab auf Deiner holdseeligen Stirn . Die Kunst des Katholizismus war die Malerei , aber die andern Künste konnten sich nicht emporschwingen an dieser Aufgabe . Die Musik stimmte zwar erhabene Töne an , und führte große und herrliche Stücke auf zu Ehren der Kirche , aber sie blieb , ihrer Natur nach , ganz in bigott katholische Gefühle verloren , und konnte daher wegen dieser Einseitigkeit ihrer Andacht nicht dazu gebraucht werden , an jener welthistorischen Aufgabe der Versöhnung zwischen Bild und Wahrheit , Mythus und Gedanken , mitzuarbeiten . Die katholische Kirchenmusik blieb mit ihren zerknirschten Empfindungen in den Mythus versunken , während die Malerei in ihrer höchsten Blüthe ihn zu idealisiren unternahm . Gehörte Rafael der Welt , so waren Palestrina und Marcello nur fromme Söhne ihrer Kirche . Ihre Psalmen und Motetten , ihre Messen und Cantilenen , rauschten von der Orgel , und klagten und jubelten durch den hohen Dom , aber hinter ihnen waren die Kirchthüren zugeschlagen , und nur fern von draußen hörte man die Strömung des Lebens . Rafaels Altarblätter dehnen sich hinaus über die Bogenwölbung , unter der sie ruhen , sie sprengen das Dach und die Kuppel , und machen Dir oben den blauen Himmel frei und eine weitblickende Fernsicht . Die Musik der Messe macht Dich orthodox , wenn Du es noch nicht bist . Ihr mythischer Ernst nimmt Deine Seele gefangen , die Heiligkeit der Tradition braust mit Posaunenklängen dazwischen , und auf süß verlockenden Saiten wird ein gefährlicher Friede des Herzens Dir angeboten . So haben noch bis in die neuesten Zeiten Cäciliens tönende Engel die meisten Proselyten gemacht . Und was that die Poesie , diese Göttin , als sie katholisch war ? Sie hat ein ungeheueres Gedicht hervorgebracht , die göttliche Komödie des Dante , von dem ich hier nicht reden will , weil es unter andern Gesichtspunkten zu betrachten , denn der katholische Mythus ist in dem Geist dieses gigantischen Dichters speculativ geworden . Nicht zu weltfreien Formen idealisirt , wie in Rafael , nicht in dunkler Inbrunst des Gefühls ausklingend , wie in Palestrina , hat bei Dante der Katholizismus , um sich auf einen tieferen und reicheren Lebensgrund zu stellen , vielmehr fremde Elemente in sich aufgenommen , und mit scholastischer Philosophie und antiken Formen sich gemischt . Am meisten kirchlich blieb die katholische Poesie in den Autos des Calderon , und über dem Haupt dieses spanischen Dichters drückte sich die Decke der Kirche am Ende so eng zusammen , daß er auf seinem Todbette alle die wunderschönen weltlichen Dramen bereute , die er gedichtet , und die noch heut seinem Namen einen lieblichen Klang unter uns geben . Aber das Kirchenlied ließ in seinen herrlich tönenden lateinischen Rhythmen manche rührende Laute hören , und dichtete das tiefbewegte Stabat mater , das noch immer für jedes andächtige Herz einen hinreißenden Schwung hat . In wie kindlich frommen Weisen hat hier nicht die Andacht zu der Madonna Worte gefunden . Sie steht vor dem Kreuz des Sohnes , die Thränen stürzen ihr über die blasse Wange herab . Das Todesschwert , das die heiligen Glieder durchdrungen , ist auch tief in ihre Seele gefahren , und der Schmerz der ganzen Menschheit zuckt durch die Brust der gebenedeiten Mutter . Da schleicht sich die Andacht der Gläubigen leise an ihre Seite , und schmeichelt sich bittend zu ihren großen Schmerzen hinan . Die menschliche Andacht will mit der Madonna weinen , sie will mit ihr am Kreuze stehn und mit der Königin der Jungfraun die unstillbare Klage vereinigen . Sie will gern Theil haben an den Qualen , die vom Kreuze ausgehn , und sie fleht , daß die Hochgebenedeite den Menschenseufzer unter den ihrigen mische , damit er aus ihrem Munde in den Himmel komme . Eine wunderbare , durchdringende Beredtsamkeit spricht aus diesen klagenden und flehenden Tönen , und dazu haben die kurzen Verse und einfachen Reime der lateinischen Sprache eine Naivetät über diese Andacht ausgegossen , die noch herzergreifender wirkt . Ich kann es singen ! sagte Maria . Wenn sich der blutige Madonnenschleier in meine Träume webt , flüstert auch oft diese Melodie , die dem Freunde bekannt sein wird , durch meine Seele . O , o , ich bin ja auch eine Katholikin ! Sie schwieg , eine kleine Pause lang . Dann überraschte sie mich durch die herrlichste Stimme . Bebend , seufzend , hingerissen , in Erdenqual verloren , und dann doch wieder großartig , abgemessen , ruhig , mit einer himmlischen Ueberzeugung , sang sie , mehr recitirend , die ersten Strophen . Stabat mater dolorosa Juxta crucem lacrymosa Dum pendebat filius , Cujus animam gemeatem , Contristantem et dolentem Pertransivit gladius . O quam tristis et afflicta Fuit illa benedicta Mater unigeniti , Quae moerebat et dolebat , Et tremebat , cum videbat Nati poenas inclyti . Hier stockte , hier zögerte und zitterte ihre Stimme , und sie wollte nicht weitersingen . Ihre Töne waren mit einer seltsamen Gewalt durch die stille Nacht hingeklungen . Mir selbst waren sie aufs Herz gefahren , und ich fühlte mich wie betroffen , ich weiß nicht warum . Ich stand unruhig auf , und sie hing sich wieder an meinen Arm , und ging schweigend mit mir fort durch die finstern Gartengänge . Es war mir lieb , daß sie nicht weitergesungen , denn in die Stimme dieses Mädchens hatte sich plötzlich ein dunkler , zweischneidiger Schmerz hineingewälzt , der Alles in mir aufzurühren drohte , was jemals von Metaphysik und Verzweiflung durch meinen jungen , an der Welt hängenden Geist gegangen war . Maria hatte , indem sie sang , den Versuch machen wollen , sich innerlich von der Welt loszusagen , die so arm und blüthenlos für sie geworden war . Sie hatte , so schien es mir , sich ganz hingeben wollen an diese religiöse Inbrunst , die mit dem Liede von ihren Lippen floß , um nun für immer Ruhe zu haben von den Stürmen und Wünschen des Lebens . Sie hatte sich mitten unter diesen Tönen inwendig Gelübde abgerungen , Alles zu lassen , was der begehrliche Sinn noch von des Lebens trügerischen Schätzen gehofft . Aber ihre Seele war darin unterwegs stehen geblieben , und hatte nicht weiter gekonnt . Sie mußte noch unendliche Lust an der Welt in ihren verborgensten Gedanken entdeckt haben , und war vor sich selbst erschrocken , wie sehr sie am Leben hing . Ihr Gesang , auf dessen Flügeln sie sich an die Seite der Madonna hatte flüchten wollen , und unter den sanftverhüllenden Schatten des Kreuzes , war abgerissen in todesschmerzlichen Zuckungen . Er seufzte diesem Frieden noch einmal , aber vergeblich nach , und erstarb dann auf ihrem Munde , und verklang in die Nachtlüfte . Sie gab den Frieden am Busen der Madonna auf , den Frieden und das gemeinschaftliche Tragen des Leides , darum schwieg sie , aber sie hatte und sah noch nichts , was sie sich dafür hätte schenken können aus dem Reichthum des Lebens heraus . Darum verstummte sie ermattet . Zerrissen , zerrissen war das Lied von der mater dolorosa tief in der strebenden Seele . Hier und da waren aus dem verworrenen Dunkel der Wolken helle Sterne aufgetaucht , und standen , den Himmel über uns erweiternd , wie beruhigende Zeichen über unsern Häuptern da . Wir wandelten lautlos fort , und ich wagte noch nicht , sie nach den geheimen Bewegungen ihrer Seele zu fragen . Dann sagte sie halblaut , um nur unsere ängstliche Stille zu unterbrechen , warum ich noch nichts von der katholischen Baukunst bemerkt , welche die schönsten Kirchen hervorgebracht , die sich nur für die Wohnstätte der Andacht denken ließen ? Diese Gegenstände alle , erwiederte ich , haben mir plötzlich eine solche Bangigkeit erregt , daß ich sie nicht weiter verfolgen mag . Die wilden Nachtgespenster , Mädchen , schleichen sich mit ihnen in unsere Seele ! Auch greift die Baukunst der sogenannten gothischen Kirchen tiefer und umfassender in den Sinn des ganzen modernen Lebens ein , als daß sie in irgend einer engeren Bedeutung dem Katholizismus angehören sollte . Von der katholischen Sculptur aber , welche die Heiligen und die Madonna an den Heerstraßen und in den Waldkapellen in dieser , wie mich dünkt , keineswegs anbetungswürdigen Gestalt aufgerichtet hat , will ich vollends nichts sagen . Ich darf Deine Gedanken und Deine Phantasie nicht noch mehr quälen , Maria ! Armes Kind , Du sollst Deine heitern und muthigen Lebenshoffnungen noch nicht ins Grab legen , und sollst nicht zagen , wenn Du der Welt mehr angehörst als den Heiligen und ihren Bildern . In jener Sculptur haben die Bilder , an welche der Frommen Herz sich hängt , bereits ihre ausartendste Verzerrung erlitten . Von dem Bilde ist die Schönheit gewichen , der Mythus ist in die häßlichsten Formen verkrüppelt . Die katholische Sculptur deutet den Verfall des katholischen Bilderdienstes an , denn wo keine ächte Kunst mehr ist , ist auch keine Wahrheit da . Die Sculptur ist die letzte der katholischen Künste , und noch täglich ist sie geschäftig , neue Bilder und Leiber der Heiligen in Holz oder Stein auszuhauen . Aber es ist , als hätte sie den Muth nicht mehr , dem hellen Tag unserer Zeit ins Angesicht diese Leiber und Bilder mit der höchsten Weihe der Kunst zu schmücken . Die Hand zittert ihr kraftlos , weil die Wahrheit bereits so mächtig geworden in dieser Zeit , und das Bild geräth ihr jetzt so schlecht , daß man es ihm gleich ansehen muß , es sei nur ein Götze . Das Bild zeigt nicht mehr auf die Wahrheit hin , der Mythus hat den Gedanken verloren . Das Geschlecht hat sich verändert , und ist sehr ernst geworden und sehr vernünftig . Zeichen und Wunder sind größere und mächtigere geschehen in den Umwälzungen der Zeit , als in alten Heiligengeschichten . Die Wahrheit hat sich von der Magie der Bilder , in die sie verzaubert war , befreit und losgerissen , und hat sich alleinherrschend um Leben und Tod auf den Zenith der Menschheit hinaufgekämpft . Die Besten wissen nichts mehr davon , daß etwas in ihnen klinge von der Wunderpoesie des Madonnenschleiers . Die Madonna ist in die schöne Vergangenheit der Bilder zurückgetreten , sie lebt am herrlichsten in den Gemälde-Gallerieen , und hat ihre tiefste Bedeutung in der Mythe . Christus aber schreitet als der Geist der Fortentwickelung durch die Geschichte , und die Religion bildet sich im Geist und in der Wahrheit in die Welt hinein . Die Welt wird arm an Zauber der Mythe , aber sie erhebt sich durch ideelle Einheit , an der sie reicher wird , zu einem Ganzen . Sie ist nicht mehr der abgefallene Engel heut , noch der Gegensatz des Geistes , sondern der Geist hat sich in ihr niedergelassen , und hat Hütten in ihr gebaut . Alles wird weltlich in unserer Zeit und muß es werden , selbst die Religion . Denn es kann nichts Heiligeres mehr geben , als das Weltliche , nichts Geistlicheres , als das Weltliche . Alles hat jetzt eine und dieselbe Geschichte , und was eine Geschichte hat , gehört Gott an , mag es nun in einem Kloster wohnen oder liegen auf dem Schlachtfeld . Nachdem diese Gegensätze des Weltlichen und des Geistlichen gefallen , haben die Völker freiere und großartigere Weltbildung unter sich heimisch gemacht . Die Welt trauert und krankt nicht mehr an einer unklaren Sehnsucht , sie entfaltet sich thatkräftig in sich selbst , und vollzieht so das Höchste . Alles , Alles ist Weltgeschichte , es kann kein gottwohlgefälligeres Leben geben . Man arbeitet , kämpft und stirbt für seine Zeit , man ist heiter mit ihren Thorheiten und ernst mit ihren Bestrebungen , und hat einen heiligen Wandel geführt . Die Zeit , in der wir leben und wirken , gibt uns die Weihe , sie ist unsere Fürbitterin und Vermittlerin vor Gottes Thron , und eines andern Heiligen bedürfen wir nicht dazu , wenn wir geirrt haben . Märtyrer sind wir uns selbst genug mit unserem Herzen . Was ist denn heilig ? Ich kann mir nichts Anderes darunter denken , als daß Gottes ganze Welt in Blüthe steht , und sich entwickelt . Mit dem Heiligen ist es mir immer eigen gegangen , daß ich es nicht anders habe begreifen können . Ich muß im Grunde ein sehr profanes Gemüth haben , jedem Geistlichen gegenüber . Aber