; aber höre nicht auf ihn . Was ich ihm auch vorstellen mag , es ist , wie wenn man Feuer plötzlich ins Wasser wirft ; aber höre nicht auf ihn . Ich war in meinen Briefen unvorsichtig . Er liebt dich wie eine Nebelgestalt , die man sich aus Täuschungen zusammensetzt und die man sonderbarerweise jede Nacht wieder vor sein Bett zaubern kann . Er schwärmte mit der Luft , er - « » Was will ich das ? « » Höre nicht auf ihn ! Eh ' er dich sahe und Nizza nicht verlassen durfte , irrte er in den Wäldern und warf Blumen in die Flüsse . Seine Neigung ist so stark , daß er jede Lebensfunktion seines Körpers mit dem deinigen verwechselt , daß er - « » Lassen Sie ! « » Höre nicht auf ihn ! Warum ist Cupido nur blind ? Er ist auch taub , sag ' ich oft zu Jeronimo , weil er nicht hört . Sollten seine Sinne verzaubert sein ? « » Oh , Sie werden zum Schwätzer : ich glaube gar , Sie machen Verse . « » Wie ich dich liebe , Wally ! Kind , diese Schere auf dem Tisch nehm ' ich als eigne Parze meines eignen Geschickes und schneide eine deiner himmlischen Locken , um sie mit verstohlenen Küssen zu bedecken , wenn ich dich selbst nicht habe . Gute Nacht , Wally : vergiß ihn , höre nicht auf ihn ! « Was sollte Wally denken ? Der Gesandte hatte ihr eine Locke genommen . Welche Zärtlichkeit ! Zu dieser Stunde , wo sie ihn nie sah . Sie erbleichte , denn jetzt war ihr dieser Mann erst im Lichte eines Gatten erschienen . Welch ein Bild ! Ein Narr ! Eine schwerfällige Gestalt ! Ein Ungetüm , das einen falschen Bart trug ! Ein Geizhals , der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war ! Eine hülflose Phantasmagorie , die ein Licht in der Hand hielt und vor ihr stand , leibhaftig , als hätte sie einen Mann in den Vierzigen vor sich gesehen ! Sie wischte an ihrem Antlitz , das er berührt hatte . Sie lüftete das Bett , um es von den unkeuschen Worten zu reinigen , die hineingefallen waren , denn es stand offen . Sie begriff jetzt erst die Lage , in der sie sich befand , daß sie seit vier Monaten an einen Mann verheiratet war , den sie nicht kannte . Sie müsse fliehen ! schrie es unhörbar in ihr auf , und erst als sie über die Mittel , diese Torheit zu begehen , nachdachte , schlief sie ein . 6 Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache zur Verstimmung an , als wenn sie die Erinnerung des gestrigen Abends nicht gehabt hätte . Sie hörte im Nebenzimmer das zufällige Gespräch zweier Leute ihrer Bedienung , die sich über den Geiz und die Geldspekulationen der Herrschaft beklagten . Sie staunte über das ökonomische Talent ihres Mannes , der mit Milch gehandelt und Bier gebraut haben würde , wenn er in Paris zufällig die Anstalten dazu gehabt hätte . Nach jedem Diner ließ der Gesandte die Weinreste zusammengießen und führte seine Bedienten selbst an , wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum Lichtgießer tragen mußten , der sie gegen brauchbares Wachs eintauschte . Wally verstand viel zu wenig von solchen Dingen , als daß sie ihnen eine rechte Würdigung hätte geben können . Sie fühlte ein allgemeines Mißbehagen ihrer Seele , das sie verhinderte , diesmal das Lächerliche an dem Geize ihres Mannes zu entdecken . Es war eine gefährliche Stimmung , in der sie an Cäsar schrieb . Als sie den Brief beendet hatte und sah , wie nur Kleinigkeiten der Pariser Konversation , satirische Bagatellen und viel Albernheiten aus ihrer Feder geflossen waren , da hatte sie bessre Laune bekommen . Sie freute sich , in Cäsar einen Mann gefunden zu haben , bei dem der Ernst sich hinter so vielem Scherz verstecken durfte , der nicht pedantisch war und vom Gefühl keine Überflutungen verlangte . Das Gefühl war einmal da , nicht in Gestalt einer das Herz betreffenden Empfindung , sondern in Gestalt einer Tatsache , der sich keine andere Auslegung als die einer Neigung geben ließ . Wally liebte jetzt Cäsar wahrhaftig , ohne sich darüber ein Geständnis zu machen . Sie hatte sich ihm auf ewig durch jene mystische Szene verpflichtet . Und doch war es weder Scham , was sie an ihn fesselte , noch der Gedanke , ihn besitzen zu wollen . So viel Unschuld bei so vieler Freiheit ! Als Jeronimo zu ihr eintrat , konnte sie mit Lachen seinen heißen Liebesbewerbungen zuhören , so heiter war sie . Jeronimo machte eine Miene , als wäre ihm ein großes Glück widerfahren , als hätte , er ein Unterpfand , das ihn gegen Wallys Scherze sicherte . Sie sagte ihm : » Wie tief sind wir doch schon in den Wahnsinn der Liebe versunken ! Bart , Kleidung , alles seh ' ich heute an Ihnen vernachlässigt ! Sie gleichen jenen Shakespeareschen Liebenden in seinen Lustspielen , die so jämmerlich von dem Schmerz ihrer Brust verzehrt sind und , je verliebter sie werden , desto länger ihre schwarze Wäsche tragen . Und vor acht Tagen sahen wir uns zum ersten Male . « » Vor sechs Monaten « , entgegnete Jeronimo . » Wie , Sie kennen mich länger ? « » Länger , als Sie leben , Madame ! Ich kannte Sie schon , als Sie nur noch ein Gedanke waren , der im Schoße Gottes schlummerte . Meine Liebe zu Ihnen ist nur die Erinnerung eines alten Glückes . Diese schwellenden Lippen , diese jetzt so spröde Brust : ich weiß es , ich habe sie schon einmal geküßt , ich habe sie schon einmal umarmt . « » Fabelhafte Dinge muß ich hören , Jeronimo . Was würde die Vikomtesse von Hericourt denken , wenn Alfred Jardinier , dieser bürgerliche , aber liebenswürdige Anbeter , ihr solche Dinge sagte . « » Lasen Sie Plato , Madame ? « » Nein ! « » Die Seelen meiner Person und der Ihrigen , Wally , sollen einem Schoß entsprossen sein . Die Bilder und Urtypen unsrer Persönlichkeit kannte schon die Ewigkeit , und was wir Liebe nennen , ist nur ein Tribut , den wir unsrer Vergangenheit , unserm Gedächtnisse und unsern früher eingegangenen Verpflichtungen schuldig sind . « » Sie werden mich überreden wollen , daß Sie urweltliche Rechte auf mich haben ; daß Sie diese Hand , welche Sie mir für eine Zärtlichkeit viel zu heftig drücken , schon vor der Sündflut besessen haben . Sie tun Unrecht , eine so kleine Frau , wie ich bin , in die großen Hallen der Philosophie einführen zu wollen . « » Was Philosophie , Wally ! Im Schoße Gottes trugen Sie einst dieselben gelben Pantoffeln , mit welchen Ihr Fuß noch jetzt so reizend kokettiert . « » Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrtum über die gelben Pantoffeln . Es sind Schuhe , mein Herr ; ich erwarte nun von Ihnen , daß Sie sie zu binden versuchen . Machen Sie es ordentlich , und vernachlässigen Sie mir künftig lieber den Plato als Ihre Toilette , die ganz geschmacklos ist . « Während die Situation , die jetzt folgte , noch nicht beendigt war , trat ein Diener ein und zeigte an , das Cabriolet Jeronimos sei vorgefahren . Sie nahm ihren Schal , klagte viel darüber , daß er mit nichts umzugehen wisse , und stieg , sich auf ihn stützend , die Treppe hinunter . Jeronimo faßte selbst die Zügel des Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit , die Wally nicht erschreckte , da sie davon nichts verstand . Sie fuhren durch die Boulevards . Jeronimo wollte fahrend sprechen . Er hörte nicht auf , den Schoß Gottes im Mund zu haben . Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu ; er übersah sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig in die Kutschen der Schauspielerinnen hinein , die vor der Tür des Theaters , wo eben Probe war , hielten , daß seine Bemühungen , sich herauszuwickeln , vergeblich wurden . Die Peitsche brauchte er nur zu seinem Mißgeschick . Das Pferd bäumte sich und hob die Gabel des kleinen Wagens so hoch , daß die beiden darinnen rücklings überfielen und Gefahr liefen , aus ihrem Sitze herausgeschleudert zu werden . Hier mußte ein Unglück geschehen . Wally verlor einen Augenblick lang die Besinnung . Als sie wieder im Zusammenhang der schrecklichen Szene war , sahe sie den Wagen aus jener Verwirrung herausgeführt und das Pferd von einem Manne beschwichtigt , in welchem sie zu neuem Schreck Cäsar erkannte . Gott , jetzt fiel es ihr ein , sie hatte ihn schon zwei- , dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen . War er es gewesen , so konnte die Rettung kein Wunder sein . Er mußte sie verfolgt und den Augenblick der nötigen Hülfe wahrgenommen haben . Jeronimo staunte , wie er bei der weiten Fahrt statt Vorwürfe von Wally nur Scherz und Lachen vernahm . Er stotterte Bitten heraus , die sie nicht verstand . Sie war außer sich vor Entzücken . Jeronimo wußte sich nichts zu erklären und eilte , ihrem Wunsche nachzukommen . Sie wollte nach ihrer Wohnung zurück . Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen . Sie kam nicht vom Fenster , weil sie jede Minute hoffte , Cäsar an dem Torwege zu sehen . Sie nahm mechanisch an der Mittagstafel teil , ging nicht ins Theater ; aber Cäsar kam nicht . Jetzt erst fiel es ihr ein , daß sie sich getäuscht haben konnte , und rief einem ihrer Leute , den sie unverzüglich zu Herrn von Werther , dem preußischen Gesandten , schickte , um über ihren Anblick Gewißheit zu haben . Der Bote brachte die vernichtende Nachricht , Cäsar hätte sich seit länger als vier Wochen in Paris aufgehalten und habe seinen Paß zur Abreise bereits zurückgenommen . Wally blieb stumm vor Schmerz . Sie hielt das erblaßte Haupt auf der krampfhaften Hand gestützt und gerann in Eis statt in Tränen . Womit hatte sie diese Demütigung verdient ! Sie kannte Cäsar genug , um zu wissen , wie dieses Betragen mit seinem Wesen zusammenhing . Ach ! auch dies nicht ganz so wunderbare , wozu Cäsar es machen wird , Begegnen an der Porte St. Martin , sagte sie vor sich hin , wird er wie eine Romanenepisode nehmen , um sein ewiges Selbstennui , seine hypochondrische Quälerei damit zu würzen und aufzustutzen . Wally seufzte tief auf und durchmaß mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer . Es schien ihr der herbste Schlag , der sie treffen konnte . Das Gehen machte sie ruhiger . Sie setzte sich , und jetzt erst konnte sie weinen . » Womit verdient ' ich das ? « war ein erstickter Ton ihrer Stimme . Woran dachte sie jetzt ! Was hatte sie alles getan , um ihm eine Liebe zu zeigen , an die er , an die sie nicht glaubte und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen eingenistet hatte ! » Womit verdient ' ich das ? « Unglückliche Wally ! Was hattest du nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert ? Du gabst ihm deine Seele , deine Gedanken , deine Scham , alles , was du außer dem armseligen Stand der Verheiratung hattest ; und dies alles dem Egoismus , dem Lächeln , vielleicht dem Verrat ? » Oh , das wäre entsetzlich « , schrie sie auf ; dem Verrat ? Das nicht , Wally ! Aber sein Herz ist kalt , er lebt nur von Gefühlen , die er raffinieren und filtrieren kann , er trotzt gegen sich selbst ; du bist die Leiche , die er mit Füßen tritt . Wally ! Wally ! Ihr Blick fiel auf den noch offenen Brief , den sie an ihn geschrieben hatte . Welches Vertrauen , welche Harmlosigkeit ! Wie treue , kindische Worte ! Wie alles so selig , so unbewußt verbrecherisch , so süß in etwas , was zuletzt immer eine Übertretung ihrer Pflicht war ! Sie hatte ihm alles gegeben ! Sie weinte ; ihre Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen , ihr Bewußtsein sank hin in eine allgemeine Erschöpfung , in eine Ohnmacht , die von einem hitzigen Fieber abgelöst wurde . Sie sollte erst nach langer Zeit von diesem Schmerze erwachen . 7 Drei Wochen hindurch war der Wächter : Bewußtsein vom Tore der Vernunft verschwunden . Die Gedanken Wallys waren freigegeben , das Dach stand offen , jedes Auge konnte in das glühende Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit seinen Blicken verfolgen . Da lagen sie alle , die wie ein Kapital angelegten Eindrücke der Vergangenheit , ohne die lachenden , fröhlichen Zinsen des Umgangs und des Bewußtseins zu tragen ; nackte Leiber , die des bunten Gewandes der Rede ermangelten , Ideenembryone , so gräulich anzusehen wie die Infusorien , die man durch Vergrößerungsgläser in einem Wasserglase unterscheidet . Die Erinnerungen , Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gingen wahnwitzig lächerliche Bundsgenossenschaften ein und fraßen sich untereinander auf wie Ungetüme , denen die Gestalt , die Schönheit , die Freiheit des Willens und das Wort fehlt . So lag Wally drei Wochen . Als sie zum ersten Male die Augen mit Bewußtsein aufschlug , erblickte sie Auroren und fragte nach allem , was seither geschehen wäre . Diese junge berlinische Schwätzerin schlug die Hände zusammen , setzte sich die Mütze der Verwunderung auf und hatte viel von Wallys fieberhaften Phantasiestücken zu erzählen . Wally fühlte sich stark zu hören , auch stark , sich zu erinnern . Sie wußte deutlich , wer die Schuld ihres Übels trug ; sie ging auch bald wieder bei diesem Gedanken in die Nebel zurück und sprach von einem Manne , der sie gerettet , aber nicht besucht hatte . Aurora sprach von Jeronimo . Sie schilderte seine Verzweiflung . Er hielte sich für den Urheber von Wallys Leiden , er verließe das Haus nicht und würde durch nichts aufgehalten , Augenblicke , wo Wally schliefe , zu benutzen und in ihr Zimmer zu dringen . » Wer ? « fragte Wally . » Jeronimo ! « Es gehörte noch Anstrengung dazu , daß Wally wieder wußte , warum sie nach Jeronimo gefragt hatte . Sie vergaß es und räumte Aurorens Schwatzhaftigkeit das Feld . Diese tummelte sich weidlich darauf . Sie kam immer wieder auf den Italiener zurück , bis er selbst kam und an Wallys Bett niederkniete . Wally sahe ihn , aber sie erkannte ihn nicht . Jeronimo stand bleich und hager da . Seine Wangen waren eingefallen und abgezehrt . Die Augen blickten starr und mit einem unheimlichen Feuer . Sein Äußeres war gänzlich vernachlässigt . Hätte man nicht annehmen müssen , daß ihn die Trauer verhinderte , Sorgfalt auf sich zu verwenden , so würde man zu dem Glauben gezwungen gewesen sein , seine Erscheinung sei die Folge der Armut . Er sprach italienisch ; Aurora verstand nichts davon , zu seinem Glücke ; denn hätte sie es verstanden , wie würde es ihr entgangen sein , daß Jeronimos Reden einen bedenklichen Geisteszustand verrieten ? Wally verstand wohl die wahnwitzigen Worte an ihrem Bett , aber sie wußte nicht , von wem sie kamen . Und hätte sie es gewußt , so würde sie sogleich auf den Zustand reflektiert haben , den sie soeben von sich selbst erfahren hatte . In der Tat , sie verwechselte auch den Wahnsinn , den sie hörte , mit dem , welcher sie selbst beherrschte , und flehte unhörbar , ihr nichts zuzurechnen von der Verwirrung , die aus ihrem bewußtlosen Haupte entsprang . Jeronimo küßte ihre Hand . Sie erkannte ihn nicht , als er wie ein Gespenst von ihrem Lager fortschlich . Benutzen wir den Augenblick , wo der Faden unsrer Erzählung gehemmt ist durch das Schicksal ihrer Heldin , die sonderbare Erscheinung Jeronimos und das Verhältnis zu seinem Bruder näher zu erklären . Jeronimo ist eine widerliche Störung dieses Berichts . Wallys unübertreffliche Originalität , das bunte Farbenspiel ihrer Laune verdiente wahrlich nicht , von so fratzenhaften Verrückungen menschlicher Gefühle und Verhältnissen , wie wir sie kennenlernen werden , paralysiert zu werden . Luigi und Jeronimo hießen die beiden Brüder , welche uns bis jetzt nur in so nebelhaften Umrissen erschienen sind . Jener war der ältere , dieser der jüngre ; beide an Jahren so verschieden wie an Gestalt und Gemütsrichtung . Luigi ein praktischer Egoist , Jeronimo ein exzentrischer Schwärmer , dort das drohende Extrem der Bosheit , hier des Wahnsinns . Beide Brüder hatten zu gleichen Teilen ein großes Vermögen geerbt ; aber verschiedenartig war der Gebrauch , den sie davon machten ; Luigi geizte , Jeronimo verschwendete . Luigi traf in Jeronimos sanfter Gemütsstimmung keinen Widerstand , als er ihm bei den Verschleuderungen seinen Rat anbot und sich für bereit erklärte , die Verwaltung seines Vermögens zu übernehmen . Die Verantwortlichkeit machte Luigi schlecht . Immer im Harnisch gegen Jeronimos Unbesonnenheiten , längst gewohnt , ihn wie ein Zuchtmeister seinen Gefangenen zu behandeln , immer in der Illusion , daß er das Gute , Noble und Ehrliche täte , während er doch nur das Kluge und Nützliche tat , nahm er seine eigne Verfahrungsweise wie etwas Notwendiges und gewöhnte sich daran , Dinge als sein Eigentum zu betrachten , für welche er zuletzt wirklich einstehen mußte . Diese Verwechselung war leicht gemacht und artete in dezidierte Schlechtigkeit aus . Es galt nicht mehr , daß Luigi für all die Torheiten , die Jeronimo beging und unschädlich machen mußte , sich schadlos halten wollte , daß er durch die Verwendungen , die er überall versuchte , als Jeronimo ins Gefängnis geworfen wurde wegen Karbonarismus , ein Recht über des jüngern Bruders Leib und Leben zu haben sich überredete , sondern bald wurde es Ziel und Plan bei ihm , einen Menschen , dem nicht zu helfen war , gänzlich zu unterdrücken und das Vermögen an sich zu ziehen , welches Jeronimo noch besaß und möglicherweise auf irgendeine seiner flüchtigen Neigungen vererben konnte . Von einer neuen Torheit , die Jeronimo beging , wußte Luigi erst kaum , wie er sie behandeln sollte . Er hatte ihm von Wally geschrieben , von ihrer Jugend und Schönheit . Jeronimo bat ihn , nichts von ihren Reizen zu übergehen . Luigi fährt in seinen Entzückungen fort , und Jeronimo schwört ihm in einem Briefe , daß Wally nur für ihn bestimmt wäre . » Lächerlicher Einfall ! « sagte Luigi , als er am Tage seiner Hochzeit diesen Brief empfing . Aber Jeronimo hörte in seinen Grillen nicht auf . Er drohte , noch in Haft befindlich , die er sich durch eine unbesonnene Tötung zugezogen hatte , mit dem Äußersten . Die Idee schien fix bei ihm geworden zu sein . Es ist nicht unmöglich , daß man in ein Bild sich verlieben kann . Arme Wally ! Mußte deine glatte , stille , liebliche Seele , dein nüchternes , von allem Exzentrischen abseites Leben in solche Strudel gerissen werden ? Luigi wußte , daß sein Bruder nach Paris kommen würde . Er hatte ein Mittel gegen ihn und scheute sich nicht , da er sahe , welchen Eindruck Wally auf Jeronimo machte , es in Anwendung zu bringen . Was war ihm Wally ? Welche Genüsse gewährte sie ihm ? Und doch war er nicht so niedrig , sie an seinen Bruder gleichsam verkaufen zu wollen ; er war mehr bös als gemein , mehr europäisch schlecht als italienisch ordinär . Er wollte Jeronimos Neigung im Schach erhalten und davon Gewinste ziehen . Sein Geiz sahe mit Schrecken , wie des Bruders Vermögen in den durstigen Sand der Pariser Vergnügungen und Ausschweifungen verrinnen würde . Er sahe schon tausend Arme geöffnet , tausend Zärtlichkeiten als Falle gelegt , er zitterte vor dem weiten Meere , dessen Abgrund bald Jeronimos Erbe verschlingen mußte . Er wollte es retten . Er wollte es absorbieren , erst , wie er glaubte , um es zu bewahren , dann , um es nie wieder herauszugeben . Wally mußte zu diesem Zwecke dienen . Ihre Koketterie mußte Jeronimo fesseln und unglücklich machen . Luigi arbeitete planmäßig , um das Hirn des Bruders zu verrücken . Er brachte Grüße , Zärtlichkeiten , Locken und zwang den Glücklichen , von Wally sich immer wieder enttäuschen zu lassen . Jeronimo war schwach , ein Kind , eine tote Hand seines Vermögens . Luigi eignete sich alles zu . Wer kann zweifeln , daß Wally imstande war , durch ihre unzähligen kleinen Charakterlosigkeiten einen Mann zu vernichten ? Sie tat es , ohne darum zu wissen . Sie wurde unbewußt das Werkzeug einer nichtswürdigen Intrigue . 8 Jeronimo hatte früher eine glänzende Wohnung besessen , jetzt mußte er sich einschränken . Er trat in Paris mit all dem Glanze auf , der der Wiederschein seines Vermögens war ; jetzt hatte ihn eine unglückliche Leidenschaft so gebeugt , daß er nicht einmal das Schmerzliche seiner gegenwärtigen Lage empfand . Er dämmerte in seiner Idee hin . Er gab alles seinem Bruder , seitdem er keine Bedürfnisse mehr kannte . Sein ganzes Vermögen wurde Luigi verschrieben . Zuweilen , am frühsten Morgen , wenn noch keine Seele auf der Straße war , besuchte ihn dieser und stieg die vier Treppen hinauf , über denen Jeronimo wohnte . Denn er wollte nicht , daß sein Bruder irgendeinen Groll gegen ihn faßte . Er gab sich immer das Ansehen , als sorgte er väterlich für den Verlassenen , als bewahre er ihm seine Glücksgüter , die in seiner trüben Seelenstimmung ihm doch eine Last sein würden . So hatte er auch eines Morgens bedächtig an die Tür der kleinen Kammer gepocht , welche Jeronimo bewohnte . Er trat hinein und fand seinen Bruder lang ausgestreckt auf einem schlechten Bett , dessen er sich als eines Sofa bediente . An den kahlen Wänden hingen einige schlechtgemalte Heiligenbilder . Auf den Kissen rings lagen die zerstreuten Bestandteile einer ganz mangelhaften Toilette ; auf dem Tische einige Bücher , die mit Staub bedeckt waren und deshalb ahnen ließen , daß Jeronimo noch aus sich selbst Trost und Unterhaltung schöpfen konnte . Als Luigi eintrat , sprang sein verlassener Bruder auf , grüßte mit einer mechanischen Höflichkeit , für welche er selbst keinen Grund wußte , räumte schnell einen Stuhl ab und schob ihn zurück , um seinem Besuche Platz zu machen . » Ist sie wohl ? « war seine erste Frage . Luigi bejahte sie mit dem Lächeln eines Mannes , der hier gleichsam sagen wollte : Es hängt alles von dir ab ! oder : Du kannst Vorteil davon ziehen ! Aber Jeronimo war nicht so starken Glaubens . » Sie liebt mich nicht ! « rief er aus , » sie ist grausam und kalt ! Man sieht , daß ein solches Herz nur im Norden geboren werden konnte . « » Was hängst du auch , mein Sohn ! « entgegnete Luigi , » dieser Grille nach ? Warum sich einer Leidenschaft hingeben , welche ohne alle innere Begründung ist und die nur dazu dient , dein ganzes Leben zu verwirren ? « » Sie läßt mich nicht mehr vor ! « » Du zwingst sie dazu ; denn Sie liebt mich von Herzen . Was richtest du an ! Du bist in der glänzendsten Lage , bist reich , jung , hast eine ausgesuchte Bildung ; warum entziehst du dich der Gesellschaft ? Warum diese schlechte Wohnung , die dich um deine Annehmlichkeiten und mich um meinen Kredit bringt ? Warum dieser vernachlässigte Aufzug , welcher eher dem eines Industrieritters und Bankeruttiers gleicht als dem Range und dem Geiste , den du besitzest ? « » Du bist sehr boshaft , Bruder ! « sagte Jeronimo , den ein Vernunftfunke durchleuchtete . » Wenn ich mich vernachlässige , so bist du schuld daran , meine Liebe wahrlich nicht , welche nur dazu dient , das Unglückliche meiner Lage mich weniger herb fühlen zu lassen . Wer spiegelt mir die Ungeheuern Verluste vor , die mein Vermögen soll erlitten haben ? « » Ungerechte Beschuldigung ! « » O sieh , Luigi ! ich blicke tief in dein Inneres . Dein Geiz ist die Triebfeder deiner Schlechtigkeit . Du hast dir immer das Ansehen gegeben , mein Beschützer zu sein , und wahrlich , du machtest dich vortrefflich dafür bezahlt . Ich würde wahrhaftig keine deiner ehrlosen Intriguen zugeben , Mann , wenn ich mir Besonnenheit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten hätte . « » So ungerecht sprichst du zu einem Bruder , der für dich sorgt , Jeronimo ? Der niemals in dieses verfluchte Schmutznest tritt , ohne von den Geldrollen in seiner Tasche einen schweren Tritt zu haben . Wann komm ' ich leer ? Ich biete dir alles an : ich beschwöre dich anzunehmen . Auch jetzt : siehe ! nimm ! aber wache über deine Ausdrücke , die mein Herz verwunden und der Welt Veranlassung zu einem falschen Urteil geben können . « » Oh , damit schläferst du dein Gewissen ein , mit diesen Geldrollen , welche hier liegen und von mir nicht geachtet werden , weil ich keine Bedürfnisse mehr habe ! Man hat gut von Reichtümern zu einem Manne reden , der das Gelübde der Armut ablegte . Was fürchtest du wohl mehr , Prahler , als meine erwachende Lebenslust ? Sie kann niemals kommen , Glücklicher ! Du siehst mich dem Tode entgegenreisen und hoffest , bald der Sorge um einen Menschen enthoben zu sein , von dem ich selbst gestehe , daß er für menschliche Berührungen und das im Dasein Gewöhnliche kein Kettenglied mehr ist . Du aber warst es , der mich um Wally betrogen hat . « » Lenk ' ich die Neigungen dieser schwer zu zügelnden Frau ? « » O Mensch , Bruder , du warst auch als Gatte schlecht genug , mir Hoffnungen zu machen . « » Verächtlicher ! « rief Luigi und sprang vom Sitze auf . » Oh , setze sie vor dein kahlgewaschenes Antlitz , die Maske der Entrüstung ! Dein Weib mußte der Blitzableiter meiner gewitterdrohenden Neigungen und der Hagelwetter werden , welche mein Vermögen ruinieren konnten . Dein Geiz sah alles vorher . Ein teuflisches Spiel hast du mit mir getrieben . Zu den Beleidigungen fügtest du noch meine Entnervung , meine Unfähigkeit , mich für sie zu rächen , hinzu ! « Und das sagte Jeronimo mit Recht . Denn wie richtig er auch das Benehmen seines Bruders , diese Manier , ihn zu beobachten und in der Hand zu haben , durchschaute , so war er doch in seiner Willenskraft wie gelähmt . Eine unerwiderte Neigung hatte ihn zu Boden geworfen . Er war keines Entschlusses fähig , wenn sein Bruder so schlecht handelte , ihm wieder eine neue Hoffnung zu machen . So lächelte Luigi auch hier , nahm die Geldrollen und ließ , indem er sie einsteckte , wie zufällig die Schleife eines blauen Damenkleides aus ihr herausfallen . Jeronimo fing sie auf und preßte sie an seine Lippen . Sie war von Wally , ein Raub in derselben Art , wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten Zärtlichkeiten beging . Während Jeronimo im Entzücken dieses Besitzes schwelgte , fand Luigi Muße , sich ohne Geräusch zu entfernen . Als er dicht bei seinem Hotel war , öffnete sich die Tür desselben , und einer seiner Bedienten trat heraus , ohne ihn zu bemerken . Ein junger Mann sprang auf den flüchtigen Burschen zu , hielt ihn an und fragte ihn dringend , indem er etwas durch Geld belohnte , was noch kommen sollte : » Ist die Gräfin zu Hause ? « » Ich glaube nicht . « » Sei aufrichtig : ich muß es wissen ! « » Sie ist bei der Vicomtesse von Hericourt . « » Dort kann ich sie nicht sprechen . Sie war krank ? « » Wer ? Die Gräfin ? Freilich ; sie ist vor einer Woche vom hitzigen Fieber genesen . « » Gerechter Gott ! Wie lebt sie denn im Hause ? Hat sie viel Vergnügungen ? « » Sie wissen wohl , hierin läßt sie sich nichts entgehen . Sie glauben , Herr Baron , ich kenne Sie nicht ? Wie oft waren Sie bei der Gräfin , als ich noch mit ihr Manêge ritt . « » Du kennst mich ? Sage ihr nicht , daß du mich gesehen hast : morgen aber hilfst du mir , sie ohne Zeremoniell und weitläufige Anmeldung sprechen zu können ! « Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach . Er erkannte ihn als einen Deutschen , dem er früher begegnet sein mußte . Der Bediente gab ihm den Namen an ; doch hatte er nie gewußt , daß dieser mit Wally in einer Verbindung gestanden hätte . Er trat in sein Hotel . 9 Am folgenden Morgen , als Wally sich noch in den ersten Umrissen ihrer Toilette befand und im neusten Hefte der » Revue de Paris « blätterte , wo sie durch die Schwärmereien eines französischen Gelehrten über deutsche Zustände , die er aber falsch verstanden hatte , sehr belustigt wurde , riß eine unangemeldete Hand die Tür ihres Zimmers auf und stürzte mit einem freudigen Gruße zu Wallys Füßen . Sie war bleich vor Schrecken , als sie es dulden mußte , daß Cäsar sie stürmisch in seine Arme schloß und ihre Hand mit seinen Küssen bedeckte . » Meine Wally ! «