Stifts kam , da sah ich durch das Schlüsselloch bis nach ihrer Tür , bis mir aufgetan ward ; - ihre kleine Wohnung war ebner Erde nach dem Garten ; vor dem Fenster stand eine Silberpappel , auf die kletterte ich während dem Vorlesen ; bei jedem Kapitel erstieg ich einen höheren Ast und las von oben herunter ; - sie stand am Fenster und hörte zu und sprach zu mir hinauf , und dann und wann sagte sie : » Bettine , fall nicht « ; jetzt weiß ich erst , wie glücklich ich in der damaligen Zeit war , denn weil alles , auch das Geringste , sich als Erinnerung von Genuß in mich geprägt hat ; - sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine . Sie hatte braunes Haar , aber blaue Augen , die waren gedeckt mit langen Augenwimpern ; wenn sie lachte , so war es nicht laut , es war vielmehr ein sanftes gedämpftes Girren , in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach ; - sie ging nicht , sie wandelte , wenn man verstehen will , was ich damit auszusprechen meine ; - ihr Kleid war ein Gewand , was sie in schmeichelnden Falten umgab , das kam von ihren weichen Bewegungen her ; - ihr Wuchs war hoch , ihre Gestalt war zu fließend , als daß man es mit dem Wort schlank ausdrücken könnte ; sie war schüchtern-freundlich und viel zu willenlos , als daß sie in der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte . Einmal aß sie bei dem Fürst Primas mit allen Stiftsdamen zu Mittag ; sie war im schwarzen Ordenskleid mit langer Schleppe und weißem Kragen mit dem Ordenskreuz ; da machte jemand die Bemerkung , sie sähe aus wie eine Scheingestalt unter den andern Damen , als ob sie ein Geist sei , der eben in die Luft zerfließen werde . - Sie las mir ihre Gedichte vor und freute sich meines Beifalls , als wenn ich ein großes Publikum wär ; ich war aber auch voll lebendiger Begierde es anzuhören ; nicht als ob ich mit dem Verstand das Gehörte gefaßt habe , - es war vielmehr ein mir unbekanntes Element , und die weichen Verse wirkten auf mich wie der Wohllaut einer fremden Sprache , die einem schmeichelt , ohne daß man sie übersetzen kann . - Wir lasen zusammen den Werther und sprachen viel über den Selbstmord ; sie sagte : » Recht viel lernen , recht viel fassen mit dem Geist , und dann früh sterben ; ich mag ' s nicht erleben , daß mich die Jugend verläßt . « Wir lasen vom Jupiter Olymp des Phidias , daß die Griechen von dem sagten , der Sterbliche sei um das Herrlichste betrogen , der die Erde verlasse , ohne ihn gesehen zu haben . Die Günderode sagte , wir müssen ihn sehen , wir wollen nicht zu den Unseligen gehören , die so die Erde verlassen . Wir machten ein Reiseprojekt , wir erdachten unsre Wege und Abenteuer , wir schrieben alles auf , wir malten alles aus , unsre Einbildung war so geschäftig , daß wir ' s in der Wirklichkeit nicht besser hätten erleben können ; oft lasen wir in dem erfundenen Reisejournal und freuten uns der allerliebsten Abenteuer , die wir drin erlebt hatten , und die Erfindung wurde gleichsam zur Erinnerung , deren Beziehungen sich noch in der Gegenwart fortsetzten . Von dem , was sich in der Wirklichkeit ereignete , machten wir uns keine Mitteilungen ; das Reich , in dem wir zusammentrafen , senkte sich herab wie eine Wolke , die sich öffnete , um uns in ein verborgenes Paradies aufzunehmen ; da war alles neu , überraschend , aber passend für Geist und Herz ; und so vergingen die Tage . Sie wollte mir Philosophie lehren , was sie mir mitteilte , verlangte sie von mir aufgefaßt und dann auf meine Art schriftlich wiedergegeben ; die Aufsätze , die ich ihr hierüber brachte , las sie mit Staunen ; es war nie auch eine entfernte Ahnung von dem , was sie mir mitgeteilt hatte ; ich behauptete im Gegenteil , so hätt ich es verstanden ; - sie nannte diese Aufsätze Offenbarungen , gehöht durch die süßesten Farben einer entzückten Imagination ; sie sammelte sie sorgfältig , sie schrieb mir einmal : « Jetzt verstehst Du nicht , wie tief diese Eingänge in das Bergwerk des Geistes führen , aber einst wird es Dir sehr wichtig sein , denn der Mensch geht oft öde Straßen ; je mehr er Anlage hat durchzudringen , je schauerlicher ist die Einsamkeit seiner Wege , je endloser die Wüste . Wenn Du aber gewahr wirst , wie tief Du Dich hier in den Brunnen des Denkens niedergelassen hast und wie Du da unten ein neues Morgenrot findest und mit Lust wieder heraufkömmst und von Deiner tieferen Welt sprichst , dann wird Dich ' s trösten , denn die Welt wird nie mit Dir zusammenhängen . Du wirst keinen andern Ausweg haben als zurück durch diesen Brunnen in den Zaubergarten Deiner Phantasie ; es ist aber keine Phantasie , es ist eine Wahrheit , die sich nur in ihr spiegelt . Der Genius benutzt die Phantasie , um unter ihren Formen das Göttliche , was der Menschengeist in seiner idealen Erscheinung nicht fassen könnte , mitzuteilen oder einzuflößen ; ja Du wirst keinen andern Weg des Genusses in Deinem Leben haben , als den sich die Kinder versprechen von Zauberhöhlen , von tiefen Brunnen ; wenn man durch sie gekommen , so findet man blühende Gärten , Wunderfrüchte , kristallne Paläste , wo eine noch unbegriffne Musik erschallt und die Sonne mit ihren Strahlen Brücken baut , auf denen man festen Fußes in ihr Zentrum spazieren kann ; - das alles wird sich Dir in diesen Blättern zu einem Schlüssel bilden , mit dem Du vielleicht tief versunkene Reiche wieder aufschließen kannst , drum verliere mir nichts und wehre auch nicht solchen Reiz , der Dich zum Schreiben treibt , sondern lerne mit Schmerzen denken , ohne welche nie der Genius in den Geist geboren wird ; - wenn er erst in Dich eingefleischt ist , dann wirst Du Dich der Begeistrung freuen , wie der Tänzer sich der Musik freut . Mit solchen wunderbaren Lehren hat die Günderode die Unmündigkeit meines Geistes genährt . Ich war damals bei der Großmutter in Offenbach , um auf vier Wochen wegen meiner schwankenden Gesundheit die Landluft zu genießen ; auf welche Weise berührten mich denn solche Briefe ? - Verstand ich ihren Inhalt ? - Hatte ich einen Begriff von dem , was ich geschrieben hatte ? Nein ; ich wußte mir so wenig den Text meiner schriftlichen Begeistrungen auszulegen , als sich der Komponist den Text seiner Erfindungen begreiflich machen kann ; er wirft sich in ein Element , was höher ist als er ; es trägt ihn , es nährt ihn , seine Nahrung wird Inspiration , sie reizt , sie beglückt , ohne daß man sie sinnlich auszulegen vermöchte , obschon die Fähigkeiten durch sie gesteigert , der Geist gereinigt , die Seele gerührt wird . So war es auch zwischen mir und der Freundin : die Melodien entströmten meiner gereizten Phantasie , sie lauschte und fühlte unendlichen Genuß dabei und bewahrte , was , wenn es mir geblieben wär , nur störend auf mich gewirkt haben würde ; - sie nannte mich oft die Sibylle , die ihre Weissagungen nicht bewahren dürfe ; ihre Aufforderungen reizten mich , und doch hatte ich eine Art Furcht ; mein Geist war kühn und mein Herz war zaghaft ; ja ich hatte ein wahres Ringen in mir ; - ich wollte schreiben , ich sah in ein unermeßliches Dunkel , ich mußte mich auch äußerlich vom Licht entfernen ; am liebsten war mir , wenn ich die Fenster verhing und doch durchsah , daß draußen die Sonne schien ; ein Blumenstrauß , dessen Farben sich durch die Dämmerung stahlen , der konnte mich fesseln und von der innern Angst befreien , so daß ich mich vergaß , während ich in die schattigflammenden Blumenkelche sah und Duft und Farbe und Formen gleichsam ein Ganzes bildeten ; Wahrheiten hab ich da erfahren , von denen ich ausging in meinen Träumereien und die mir plötzlich den gebundenen Geist lösten , daß ich ruhig und gelassen das , was mir ahndete , fassen und aussprechen konnte ; - indem ich den Blumenstrauß , der nur durch eine Spalte im Fensterladen erleuchtet war , betrachtete , erkannte ich die Schönheit der Farbe , das Übermächtige der Schönheit ; die Farbe war selbst ein Geist , der mich anredete wie der Duft und die Form der Blumen ; - das erste , was ich durch sie vernahm , war , daß alles in den Naturgebilden durch das Göttliche erzeugt sei , daß Schönheit der göttliche Geist sei im Mutterschoß der Natur erzeugt ; daß die Schönheit größer sei wie der Mensch , daß aber die Erkenntnis allein die Schönheit des freien Menschengeistes sei , die höher ist als alle leibliche Schönheit . - O ich brauchte mich hier nur in den Brunnen niederzulassen , so könnte ich vielleicht wieder sagen alles , was ich durch die Gespräche mit der Farbe und den Formen und dem Duft des Blumenstraußes erfuhr ; ich könnte auch noch mehr sagen , was wunderlich und wunderbar genug klingt ; ich müßte fürchten , es würde nicht geglaubt oder für Wahnsinn und Unsinn geachtet ; - warum soll ich ' s aber hier verhehlen ? Der ' s lesen wird , dem wird es einleuchten , er hat oft die wunderbaren Phänomene des Lichtes beobachtet , wie sie durch Farbe und zufällige oder besondere Formen neue Erscheinungen bildeten . - So war ' s in meiner Seele damals , so ist es auch jetzt . Das große und scharfe Auge des Geistes war vom innern Lichtstrahl gefangen genommen , es mußte ihn einsaugen , ohne sich durch selbstische Reflexion davon ablösen zu können ; der Freund weiß ja , was dieses Gebanntsein im Blick auf einen Lichtstrahl - Farbengeist - für Zauberei hervorbringt , und er weiß auch , daß der Schein hier kein Schein ist , sondern Wahrheit . - Trat ich aus dieser innern Anschauung hervor , so war ich geblendet ; ich sah Träume , ich ging ihren Verhältnissen nach , das machte im gewöhnlichen Leben keinen Unterschied , in dies paßte ich ohne Anstoß , weil ich mich in ihm nicht bewegte ; aber ohne Scheu sag ich es meinem Herrn , der den Segen hier über sein Kind sprechen möge : ich hatte eine innre Welt und geheime Fähigkeiten , Sinne , mit denen ich in ihr lebte ; mein Auge sah deutlich große Erscheinungen , so wie ich es zumachte ; - ich sah die Himmelskugel , sie drehte sich vor mir in unermeßlicher Größe um , so daß ich ihre Grenze nicht sah , aber doch eine Empfindung von ihrer Rundung hatte ; das Sternenheer zog auf dunklem Grund an mir vorüber , die Sterne tanzten in reinen geistigen Figuren , die ich als Geist begriff ; es stellten sich Monumente auf von Säulen und Gestalten , hinter denen die Sterne wegzogen ; die Sterne tauchten unter in einem Meer von Farben ; es blühten Blumen auf , sie wuchsen empor bis in die Höhe ; ferne goldne Schatten deckten sie vor einem höheren weißen Licht , und so zog in dieser Innenwelt eine Erscheinung nach der anderen herauf ; dabei fühlten meine Ohren ein feines silbernes Klingen , allmählich wurde es ein Schall , der größer war und gewaltiger , je länger ich ihm lauschte , ich freute mich , denn es stärkte mich , es stärkte meinen Geist , diesen großen Ton in meinem Gehör zu beherbergen ; öffnete ich die Augen , so war alles nichts , so war alles ruhig , und ich empfand keine Störung , nur konnte ich die sogenannte wirkliche Welt , in der die andern Menschen sich auch zu befinden behaupten , nicht mehr von dieser Traum- oder Phantasiewelt unterscheiden ; ich wußte nicht , welche Wachen oder Schlafen war , ja zuletzt glaubte ich immer mehr , daß ich das gewöhnliche Leben nur träume , und ich muß es noch heute unentschieden lassen und werde nach Jahren noch daran zweifeln ; dieses Schweben und Fliegen war mir gar zu gewiß ; ich war innerlich stolz darauf und freute mich dieses Bewußtseins ; ein einziger elastischer Druck mit der Spitze der Fußzehen - und ich war in Lüften ; ich schwebte leise und anmutig zwei , drei Fuß über der Erde , aber ich berührte sie gleich wieder und flog wieder auf , - und schwebte auf die Seite , von da wieder zurück ; so tanzte ich im Garten im Mondschein hin und her , zu meinem unaussprechlichen Vergnügen ; ich schwebte über die Treppen herab oder herauf , zuweilen hob ich mich zur Höhe der niedern Baumäste und schwirrte zwischen den Zweigen dahin ; morgens erwachte ich in meinem Bett mit dem Bewußtsein , daß ich fliegen könne , am Tag aber vergaß ich ' s. - Ich schrieb an die Günderode , ich weiß nicht was , sie kam heraus nach Offenbach , sah mich zweifelhaft an , tat befremdende Fragen über mein Befinden , ich sah im Spiegel : schwärzer waren die Augen wie je , die Züge hatten sich unendlich verfeinert , die Nase so schmal und fein , der Mund geschwungen , eine äußerst weiße Farbe ; ich freute mich und sah mit Genuß meine Gestalt , die Günderode sagte , ich sollte nicht so lang mehr allein bleiben , und nahm mich mit in die Stadt ; da waren wenig Tage verflossen , so hatte ich das Fieber ; ich legte mich zu Bett und schlief , und weiß auch nichts , als daß ich nur schlief : endlich erwachte ich und es war am vierzehnten Tag , nachdem ich mich gelegt hatte ; indem ich die Augen öffnete , sah ich ihre schwanke Gestalt im Zimmer auf- und abgehen und die Hände ringen ; » aber Günderode « , sagt ich , » warum weinst Du ? « » Gott sei ewig gelobt « , sagte sie , und kam an mein Bett , » bist Du endlich wieder wach , bist Du endlich wieder ins Bewußtsein gekommen ? « - Von der Zeit an wollte sie mich nichts Philosophisches lesen lassen , und auch keine Aufsätze sollte ich mehr machen ; sie war fest überzeugt , meine Krankheit sei davon hergekommen ; ich hatte großes Wohlgefallen an meiner Gestalt , die Blässe , die von meiner Krankheit zurückgeblieben war , gefiel mir unendlich ; meine Züge erschienen mir sehr bedeutend , die großgewordenen Augen herrschten , und die anderen Gesichsteile verhielten sich geistig leidend ; ich fragte die Günderode , ob nicht darin schon die ersten Spuren einer Verklärung sich zeigten . Hier hab ich abgebrochen und hab viele Tage nicht geschrieben ; es stieg so ernst und schwer herauf , der Schmerz ließ sich nicht vom Denken bemeistern ; ich bin noch jung , ich kann ' s nicht durchsetzen , das Ungeheure . Unterdessen hat man den Herbst eingetan , der Most wurde vom laubbekränzten Winzervolk unter Jubelgesang die Berge herabgefahren und getragen , und sie gingen mit der Schalmei voran und tanzten . O Du - der Du dieses liest , Du hast keinen Mantel so weich , um die verwundete Seele drin einzuhüllen . Was bist Du mir schuldig ? - Dem ich Opfer bringe wie dies , daß ich Dich die Hand in die Wunden legen lasse . - Wie kannst Du mir vergelten ? - Du wirst mir nimmer vergelten ; Du wirst mich nicht locken und an Dich ziehen , und weil ich kein Obdach in der Liebe habe , wirst Du mich nicht herbergen , und der Sehnsucht wirst Du keine Linderung gewähren ; ich weiß es schon im voraus , ich werd allein sein mit mir selber , wie ich heut allein stand am Ufer bei den düstern Weiden , wo die Todesschauer noch wehen über den Platz , da kein Gras mehr wächst ; dort hat sie den schönen Leib verwundet , grad an der Stelle , wo sie ' s gelernt hatte , daß man da das Herz am sichersten trifft ; o Jesus Maria ! - Du ! Mein Herr ! - Du ! - Flammender Genius über mir ! Ich hab geweint ; nicht über sie , die ich verloren habe , die wie warme frühlingbrütende Lüfte mich umgab ; die mich schützte , die mich begeisterte , die mir die Höhe meiner eignen Natur als Ziel vertraute ; ich hab geweint um mich , mit mir ; hart muß ich werden wie Stahl , gegen mich , gegen das eigne Herz ; ich darf es nicht beklagen , daß ich nicht geliebt werde , ich muß streng sein gegen dies leidenschaftliche Herz ; es hat kein Recht zu fordern , nein , es hat kein Recht ; - Du bist mild und lächelst mir , und Deine kühle Hand mildert die Glut meiner Wangen , das soll mir genügen . Gestern waren wir im laubbekränzten Nachen den Rhein hinabgefahren , um die hundertfältige Feier des Weinfestes an beiden Bergufern mitanzusehen ; auf unserem Schiff waren lustige Leute , sie schrieben weinbegeisterte Lieder und Sprüche , steckten sie in die geleerten Flaschen und ließen diese unter währendem Schießen den Rhein hinabschwimmen ; auf allen Ruinen waren große Tannen aufgepflanzt , die bei einbrechender Dämmerung angezündet wurden ; auf dem Mäuseturm , mitten im stolzen Rhein ragten zwei mächtige Tannen empor , ihre flammenden durchbrannten Äste fielen herab in die zischende Flut , von allen Seiten donnerten sie und warfen Raketen , und schöne Sträußer von Leuchtkugeln stiegen jungfräulich in die Lüfte , und auf den Nachen sang man Lieder , und im Vorbeifahren warf man sich Kränze zu und Trauben ; da wir nach Hause kamen , so war ' s spät , aber der Mond leuchtete hell ; ich sah zum Fenster hinaus und hörte noch jenseits das Toben und Jauchzen der Heimkehrenden , und diesseits , nach der Seite , wo sie tot am Ufer gelegen hatte , war alles still , ich dacht , da ist keiner mehr , der nach ihr frägt , und ich ging hin , nicht ohne Grausen , nein , mir war bang , wie ich von weitem die Nebel über den Weidenbüschen wogen sah , da wär ich bald wieder umgekehrt , es war mir , als sei sie es selbst , die da schwebte und wogte und sich ausdehnte ; ich ging hin , aber ich betete unterwegs , daß mich Gott doch schützen möge ; - schützen ? - Vor was ? Vor einem Geist , dessen Herz voll liebendem Willen gewesen war gegen mich im Leben ; und nun er des irdischen Leibs entledigt ist , soll ich ihn fürchtend fliehen ? - Ach , sie hat vielleicht einen bessren Teil ihres geistigen Vermögens auf mich vererbt seit ihrem Tod . Vererben doch die Voreltern auf ihre Nachkommen , warum nicht die Freunde ? - Ich weiß nicht , wie weh mir ist ! - Sie , die freundlich Klare , hat meinen Geist vielleicht beschenkt . Wie ich von ihrem Grab zurückkam , da fand ich Leute , die nach ihrer Kuh suchten , die sich verlaufen hatte , ich ging mit ihnen ; sie ahndeten gleich , daß ich von dort her kam , sie wußten viel von der Günderode zu erzählen , die oft freundlich bei ihnen eingesprochen und ihnen Almosen gegeben hatte ; sie sagten , sooft sie dort vorbeigehen , beten sie ein Vaterunser ; ich hab auch dort gebetet zu und um ihre Seele , und hab mich vom Mondlicht reinwaschen lassen , und hab es ihr laut gesagt , daß ich mich nach ihr sehne , nach jenen Stunden , in denen wir Gefühl und Gedanken harmlos gegeneinander austauschten . Sie erzählte mir wenig von ihren sonstigen Angelegenheiten , ich wußte nicht , in welchen Verbindungen sie noch außer mir war ; sie hatte mir zwar von Daub in Heidelberg gesprochen und auch von Creuzer , aber ich wußte von keinem , ob er ihr lieber sei als der andre ; einmal hatte ich von andern davon gehört , ich glaubte es nicht , einmal kam sie mir freudig entgegen und sagte : » Gestern hab ich einen Chirurg gesprochen , der hat mir gesagt , daß es sehr leicht ist , sich umzubringen « , sie öffnete hastig ihr Kleid und zeigte mir unter der schönen Brust den Fleck ; ihre Augen funkelten freudig ; ich starrte sie an , es ward mir zum erstenmal unheimlich , ich fragte : » Nun ! - Und was soll ich denn tun , wenn Du tot bist ? « - » O « , sagte sie , » dann ist Dir nichts mehr an mir gelegen , bis dahin sind wir nicht mehr so eng verbunden , ich werd mich erst mit Dir entzweien . « - Ich wendete mich nach dem Fenster , um meine Tränen , mein vor Zorn klopfendes Herz zu verbergen , sie hatte sich nach dem andern Fenster gewendet und schwieg ; - ich sah sie von der Seite an , ihr Auge war gen Himmel gewendet , aber der Strahl war gebrochen , als ob sich sein ganzes Feuer nach innen gewendet habe ; - nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte , konnt ich mich nicht mehr fassen , - ich brach in lautes Schreien aus , ich fiel ihr um den Hals und riß sie nieder auf den Sitz und setzte mich auf ihre Knie und weinte viel Tränen und küßte sie zum erstenmal an ihren Mund und riß ihr das Kleid auf und küßte sie an die Stelle , wo sie gelernt hatte das Herz treffen ; und ich bat mit schmerzlichen Tränen , daß sie sich meiner erbarme , fiel ihr wieder um den Hals und küßte ihre Hände , die waren kalt und zitterten , ihre Lippen zuckten , sie war ganz kalt , starr und totenblaß und konnte die Stimme nicht erheben ; sie sagte leise : » Bettine , brich mir das Herz nicht « ; - ach , da wollte ich mich aufreißen und wollte ihr nicht wehtun ; ich lächelte , weinte und schluchzte laut , ihr schien immer banger zu werden , sie legte sich aufs Sofa ; da wollt ich scherzen und wollte ihr beweisen , daß ich alles für Scherz nehme ; da sprachen wir von ihrem Testament ; sie vermachte einem jeden etwas ; mir vermachte sie einen kleinen Apoll unter einer Glasglocke , dem sie einen Lorbeerkranz umgehängt hatte ; ich schrieb alles auf ; im Nachhausegehen machte ich mir Vorwürfe , daß ich so aufgeregt gewesen war ; ich fühlte , daß es doch nur Scherz gewesen war oder auch Phantasie , die in ein Reich gehört , welches nicht in der Wirklichkeit seine Wahrheit behauptet ; ich fühlte , daß ich Unrecht gehabt hatte und nicht sie , die ja oft auf diese Weise mit mir gesprochen hatte . Am andern Tag führte ich ihr einen jungen französischen Husarenoffizier zu mit hoher Bärenmütze ; es war der Wilhelm von Türkheim , der schönste aller Jünglinge , das wahre Kind voll Anmut und Scherz ; er war unvermutet angekommen ; ich sagte : » Da hab ich Dir einen Liebhaber gebracht , der soll Dir das Leben wieder lieb machen . « Er vertrieb uns allen die Melancholie ; wir scherzten und machten Verse , und da der schöne Wilhelm die schönsten gemacht zu haben behauptete , so wollte die Günderode , ich sollte ihm den Lorbeerkranz schenken ; ich wollte mein Erbteil nicht geschmälert wissen , doch mußt ich ihm endlich die Hälfte des Kranzes lassen ; so hab ich denn nur die eine Hälfte . Einmal kam ich zu ihr , da zeigte sie mir einen Dolch mit silbernem Griff , den sie auf der Messe gekauft hatte , sie freute sich über den schönen Stahl und über seine Schärfe ; ich nahm das Messer in die Hand und probte es am Finger , da floß gleich Blut , sie erschrak , ich sagte : » O Günderode , Du bist so zaghaft und kannst kein Blut sehen , und gehest immer mit einer Idee um , die den höchsten Mut voraussetzt , ich hab doch noch das Bewußtsein , daß ich eher vermögend wär , etwas zu wagen , obschon ich mich nie umbringen würde ; aber mich und Dich in einer Gefahr zu verteidigen , dazu hab ich Mut ; und wenn ich jetzt mit dem Messer auf Dich eindringe - siehst Du , wie Du Dich fürchtest ? « - Sie zog sich ängstlich zurück ; der alte Zorn regte sich wieder in mir unter der Decke des glühendsten Mutwills ; ich ging immer ernstlicher auf sie ein , sie lief in ihr Schlafzimmer hinter einen ledernen Sessel , um sich zu sichern ; ich stach in den Sessel , ich riß ihn mit vielen Stichen in Stücke , das Roßhaar flog hier und dahin in der Stube , sie stand flehend hinter dem Sessel und bat , ihr nichts zu tun ; - ich sagte : » Eh ich dulde , daß Du Dich umbringst , tu ich ' s lieber selbst . « » Mein armer Stuhl ! « rief sie . » Ja was , dein Stuhl , der soll den Dolch stumpf machen . « Ich gab ihm ohne Barmherzigkeit Stich auf Stich , das ganze Zimmer wurde eine Staubwolke ; so warf ich den Dolch weit in die Stube , daß er prasselnd unter das Sofa fuhr ; ich nahm sie bei der Hand und führte sie in den Garten in die Weinlaube , ich riß die jungen Weinreben ab und warf sie ihr vor die Füße ; ich trat darauf und sagte : » So mißhandelst Du unsre Freundschaft . « - Ich zeigte ihr die Vögel auf den Zweigen , und daß wir wie jene , spielend , aber treu gegeneinander bisher zusammengelebt hätten . Ich sagte : » Du kannst sicher auf mich bauen , es ist keine Stunde in der Nacht , die , wenn Du mir Deinen Willen kund tust , mich nur einen Augenblick besinnen machte ; - komm vor mein Fenster und pfeif um Mitternacht , und ich geh ohne Vorbereitung mit Dir um die Welt . Und was ich für mich nicht wagte , das wag ich für Dich ; - aber Du ? - Was berechtigt Dich mich aufzugeben ? - Wie kannst Du solche Treue verraten , und versprich mir , daß Du nicht mehr Deine zaghafte Natur hinter so grausenhafte prahlerische Ideen verschanzen willst . « - Ich sah sie an , sie war beschämt und senkte den Kopf und sah auf die Seite und war blaß ; wir waren beide still , lange Zeit . » Günderode « , sagte ich , » wenn es ernst ist , dann gib mir ein Zeichen « ; - sie nickte . - Sie reiste ins Rheingau ; von dort aus schrieb sie mir ein paarmal , wenig Zeilen ; - ich hab sie verloren , sonst würde ich sie hier einschalten . Einmal schrieb sie : » Ist man allein am Rhein , so wird man ganz traurig , aber mit mehreren zusammen , da sind grade die schauerlichsten Plätze am lustaufreizendsten : mir aber ist doch lieb , den weiten gedehnten Purpurhimmel am Abend allein zu begrüßen , da dichte ich im Wandeln an einem Märchen , das will ich Dir vorlesen ; ich bin jeden Abend begierig , wie es weiter geht , es wird manchmal recht schaurig und dann taucht es wieder auf . « Da sie wieder zurückkam und ich das Märchen lesen wollte , sagte sie : » Es ist so traurig geworden , daß ich ' s nicht lesen kann ; ich darf nichts mehr davon hören , ich kann es nicht mehr weiter schreiben : ich werde krank davon . « Sie legte sich zu Bett und blieb mehrere Tage liegen , der Dolch lag an ihrem Bett ; ich achtete nicht darauf , die Nachtlampe stand dabei , ich kam herein : » Bettine , mir ist vor drei Wochen eine Schwester gestorben ; sie war jünger als ich , Du hast sie nie gesehen ; sie starb an der schnellen Auszehrung . « - » Warum sagst Du mir dies heute erst « , fragte ich . - » Nun , was könnte Dich dies interessieren ? Du hast sie nicht gekannt , ich muß so was allein tragen « , sagte sie mit trocknen Augen . Mir war dies doch etwas sonderbar , mir jungen Natur waren alle Geschwister so lieb , daß ich glaubte , ich würde verzweifeln müssen , wenn einer stürbe , und daß ich mein Leben für jeden gelassen hätte . Sie fuhr fort : » Nun denk ' ! Vor drei Nächten ist mir diese Schwester erschienen ; ich lag im Bett und die Nachtlampe brannte auf jenem Tisch ; sie kam herein in weißem Gewand , langsam , und blieb an dem Tisch stehen ; sie wendete den Kopf nach mir , senkte ihn und sah mich an ; erst war ich erschrocken , aber bald war ich ganz ruhig , ich setzte mich im Bett auf , um mich zu überzeugen , daß ich nicht schlafe . Ich sah sie auch an und es