war von der leichten , heitern Gattung und wurde überdies sehr brav gespielt . Agnes lachte zum erstenmal wieder recht herzlich und ging ganz aufgeräumt zu Bette . Doch in der Nacht kam sie in das Schlafzimmer des Vaters geschlichen , weckte ihn , und wollte anfangs auf die Frage , was ihr zugestoßen sei , lange mit der Sprache nicht heraus . Sie habe , gestand sie endlich , von Theobalden so lebhaft , so deutlich geträumt ; er sei trostlos gewesen und habe sie um Gottes willen gebeten , ihn nicht zu verlassen , zuletzt sei sie aufgewacht , erstickt von seinen Küssen . » Nun seht , Vater « , fuhr sie unter heißen Tränen fort , » Euch darf ich wohl bekennen , daß er mich unbeschreiblich dauert , ob ich ihn gleich nicht mehr liebe ; er wird sein Glück gewiß bei einer andern finden , aber das sieht er jetzt nicht ein , und es wäre vergeblich , ihn überreden zu wollen ; man muß nur abwarten , bis er von selbst zur Oberzeugung kommt . Aber « ( hier brach sie in lautes Schluchzen aus ) » wenn er während der Zeit verzweifelte ! wenn er sich ein Leid antäte - nein ! nein ! das wird er nicht , das kann er nicht ! nicht wahr , Vater , so weit kann es unmöglich kommen ? Ach , könnt ich ihn über diese Zwischenzeit nur schnell wegheben , ihn mit irgendwas beruhigen , ihm einen Trost zusenden ! « Der Alte vernahm diese Worte mit heimlicher Zufriedenheit , denn sie waren ihm nichts anders als das Zeichen der wiedererwachten Neigung für den Bräutigam . » Wenn du es über dich vermöchtest « , sagte er , » ihm deine volle Liebe wiederzuschenken , da wäre freilich am besten geholfen . Siehst du , noch ist im Grunde nichts verloren , noch verdorben ; ja , prüfe dich , mein Kind ! sei mein verständiges Mädchen wieder ! nimm aufs neue meinen Segen mit Theobald hin ; schreib ihm gleich morgen einen unbefangenen heitern Brief , so wie dein letzter vor drei Wochen war , das wird ihn freuen . « Nach einigem Nachdenken antwortete Agnes : » Ihr wißt nicht , Vater , wie es um die Zukunft steht , drum mögt Ihr wohl so sprechen . Aber seht , ich denke nun , Theobald muß ja mein Mann nicht eben sein , und ich darf ihn dennoch liebbehalten . Ist ' s ja doch ohnehin noch nicht an der Zeit , daß wir uns die Brautschaft förmlich aufsagen , und warum soll ich ihn eher als nötig ist , aus seinem guten Glauben reißen , da er die Wahrheit jetzt noch nicht begriffe , warum nicht immerfort so an ihn schreiben , wie er ' s bisher an mir gewohnt war ? Ach , ganz gewiß , ich sündige daran nicht , mein Herz sagt mir ' s er soll , er darf noch nicht erfahren , was ihm blüht , und , Vater , wenn Ihr ihn liebhabt , wenn Euch an seinem Frieden etwas liegt , sagt Ihr ihm auch nichts ! Dagegen aber kann ich Euch versprechen , ich will vorderhand mit Otto nichts mehr gemein haben . Die Zeit wird ja das übrige schon lehren . « Der Förster wußte nicht so recht , was er aus diesen Reden machen sollte , er schüttelte den Kopf , nahm sich aber vor , das Beste zu hoffen , und entließ Agnesen , die sich ruhig wieder niederlegte . Wie groß war seine Freude , als er sie des andern Morgens in aller Frühe mit einem Brief an Theobald beschäftigt fand den sie ihm auch nachher zur Durchsicht reichte , wiewohl mit Widerstreben und ohne gegenwärtig zu bleiben , solange der Alte las . Aber welch köstliche , hinreißende , und doch wohlbedachte Worte waren das ! So kann bloß ein Mädchen schreiben , das völlig ungeteilt in dem Geliebten lebt und webt . Nur die absichtliche Leichtigkeit , womit jene ernsten und tiefen Bewegungen in Agnesens innerm Leben hier gänzlich übergangen waren , frappierte den Vater an dem sonst so redlichen Kinde . Er selber hatte noch geschwankt , ob die Pflicht von ihm fordere , Theobalden von diesen Dingen in Kenntnis zu setzen , oder ob es nicht vielmehr geraten sei , jenem die Sorge und der Braut die Beschämung über eine Sache zu ersparen , die am Ende doch nur unwillkürliche und vorübergehende Folge eines sonderbaren Krankheitszustandes sei . Und nun , da offenbare Hoffnung war , daß alles sich von selbst ausgleiche , bereute er um so weniger , in seinem letzten Schreiben bloß im allgemeinen von wiederholten Gesundheitsstörungen gesprochen zu haben . Er sah bereits die schöne Zeit voraus , wo er dem Schwiegersohne den ganzen Verlauf der seltsamen Begebenheiten in einer traulichen Abendstunde ruhig und wohlgemut wie ein glücklich überstandenes Abenteuer würde erzählen können . Die Rückreise nach Neuburg wurde endlich angetreten . Man begrüßte die Heimat nach längerer Abwesenheit mit doppelter Liebe . Agnes ward allgemein blühender , ansprechender , geselliger gefunden , als man sie vor vier Wochen hatte abreisen sehen ; was aber der Vater mit besonderem Wohlgefallen bemerkte , war , daß ihr die alte Nähe des Vetters gar nicht einzufallen schien . Dieser wurde indessen durch seine Geschäfte ganz außerhalb der Gegend festgehalten , und der Förster durfte einen Überfall , worauf er sich bereits gefaßt gemacht , so bald noch nicht befürchten . Übrigens mußte es nach und nach befremden , daß Nolten seit einem vollen Monat und darüber nichts von sich hören ließ . Der Alte fand es unerklärlich , denn eine Irrung , welche etwa durch die fatale Geschichte entstanden sein möchte , war kaum gedenkbar , da weiter niemand darum wissen konnte ; möglicher schien es , daß Nolten krank , daß Briefe verlorengegangen seien . Agnes hatte dabei ihre besonderen Gedanken und schwieg nur immer , indem sie auf etwas Entscheidendes zu spannen schien . Wirklich hatte sich inzwischen nicht wenig Bedeutendes in der Ferne zugetragen . Es waren , bald nachdem der Vetter die Bekanntschaft des Försterhauses gemacht , von zwei verschiedenen Seiten und von sehr wohlmeinenden Personen Briefe an Nolten gelangt , worin er auf ein sehr zweideutiges Benehmen des Alten und seiner Tochter in betreff des jungen Menschen aufmerksam gemacht wurde . Eine dieser Warnungen kam sogar von dem guten Baron auf dem Schlosse bei Neuburg , welcher sonst mit dem Förster in freundlichem Vernehmen stand , und von dessen Rechtlichkeit und vorsichtigem Urteil sich weder Übereilung noch Parteilichkeit erwarten ließ . Schon diese ersten Laute des Verdachts , obgleich sie unsern Maler noch keineswegs zu überzeugen vermochten , erschütterten und lähmten , ja vernichteten ihn doch dergestalt , daß er sich lange nicht entschließen konnte , auch nur eine Zeile nach Neuburg zu richten , seinen väterlichen Freund , den Baron , ausgenommen , dem er eine nochmalige Nachforschung dringendst empfahl . Allein nach mehreren Wochen erhielt er auf eine höchst unerwartete Weise die vollkommenste Bestätigung seines Argwohns , und zwar durch das ausführliche Schreiben Otto Lienharts - ein Name , den er früher einmal gelegentlich von Agnes gehört zu haben sich sogleich erinnerte . Daß dies eine und dieselbe Person mit dem mehrerwähnten Vetter sei , brauchen wir kaum anzumerken . Der Eingang des Briefes nimmt auf eine ebenso bescheidene als verständige Art das Vertrauen Theobalds in Anspruch ; der Unbekannte bittet um ruhiges und männliches Gehör für dasjenige , was er vorzutragen habe ; es sei , versichert er , so sonderbar und so feindselig gar nicht , als es wohl in dem ersten Augenblicke erscheinen könnte . Nun geht er auf das innere Mißverhältnis der Verlobten über , wie die Natur der Charaktere ein solches wesentlich und notwendig begründe , ohne daß einem der beiden Teile das geringste dabei zur Schuld falle . Sodann wird die Neigung des Mädchens zu ihm , dem Vetter , entwickelt , gerechtfertigt und endlich wird ohne Anmaßung erklärt , in welchem Sinne er Agnesen ihren ersten Freund , dessen eigentümlichen Wert sie noch immer verehre , zu ersetzen hoffen dürfe . Wenn nun die angeführten Gründe hinreichen würden , um Nolten zu freiwilliger Abtretung seiner Ansprüche zu bewegen , so hänge am Ende alles nur vom Vater ab . Es scheine , daß dieser im stillen einen solchen Wechsel gutheiße und sich nur vor Nolten scheue , deswegen halte er die Sache mit schwankendem Entschlusse hin und sorge in der Tat für keinen Teil sehr vorteilhaft , wenn er Theobalden noch immer in einer Hoffnung lasse , auf welche er selber insgeheim verzichte ; er tue Unrecht , daß er die Tochter stets aufs neue irrezumachen suche und sie nötige , in ihren Briefen unredlich gegen Theobald zu sein . Ihr Herz habe für immer entschieden . Einige Briefe von Agnesens eigener Hand an den Cousin werden ihre Gesinnung hinreichend beweisen . ( Die Blätter lagen bei , und man hat sich Briefe zu denken , welche die Unglückliche ohne Vorwissen des Försters an Otto gesandt . ) Er habe diese Eröffnungen für Pflicht gehalten , und Nolten möge seine Maßregeln darnach ergreifen . Sollte der Förster , was jedoch wenig Wahrscheinlichkeit habe , zuletzt eigensinnig und grausam die Rechte des Vaters geltend machen , oder Theobald die des Verlobten , so könne nur ein vollendetes Unglück für alle daraus entspringen , während im andern Falle Nolten wenigstens den Trost für sich behalte , den der Mann im Bewußtsein einer ungemein und großherzig erfüllten Pflicht von jeher gefunden . Ein schallendes , verzweiflungsvolles Gelächter war das erste Lebenszeichen , das unser Maler , nachdem er einige Sekunden wie besinnungslos gestanden , von sich gab . Wir schildern nicht , in welchem Kreislaufe von Zerknirschung , Wut , Verachtung und Wehmut er sich nun wechselnd umgetrieben sah . Was blieb hier zu denken , was zu unternehmen übrig ? Haß , Liebe , Eifersucht zerrissen seine Brust , er faßte und verwarf Entschluß auf Entschluß , und hatte er die wirbelnden Gedanken bis ins Unmögliche und Ungeheure matt gehetzt , so ließ er plötzlich mutlos jeden Vorsatz wieder fallen und blickte nur in eine grenzenlose Leere . Nach Verfluß einiger Tage war er so weit mit sich im reinen , daß er stillschweigend allem und jedem seinen Lauf lassen und etwa zusehen wollte , wie man in Neuburg sich weiter gebärden würde . Seinem Larkens , der indessen von einer kleinen Reise zurückgekommen war , und dem sein Kummer bald auffiel , entdeckte er sich keineswegs ; denn einmal wollte er sich in seinem Benehmen in der Sache durch fremdes Urteil nicht geirrt wissen , er fürchtete die Geschäftigkeit , welche sein lebhafter und unternehmender Freund in solchem Falle sicherlich nicht würde verleugnen können , und dann hielt ihn ein sonderbares Gefühl von Scham zurück , wie es denn seinem Charakter eigen war , fremdes Mitleid , und käme es auch vom geliebtesten Freunde soviel möglich zu verschmähen . Gewisse weggeworfene Äußerungen des Malers , sowie eine Menge kleiner Umstände , ließen jedoch dem Schauspieler keinen Zweifel mehr übrig , wen die Verstimmung betreffe ; aber weit entfernt , den Fehler auf seiten Agnesens zu suchen , sah er an seinem Freunde im stillen nur den seichten Überdruß , die undankbare Laune eines Liebhabers , und es mußte ihn die kleinlaute Verlegenheit Theobalds , wenn darauf die Rede kam , in der Meinung bestärken , dieser fühle sein Unrecht . Dem Maler war ein solcher Irrtum gewissermaßen nicht zuwider , er mochte lieber den Schein der Untreue haben , als sein wahres Elend täglich in den Augen des Schauspielers lesen . Dem letztern konnte es nicht entgehen , daß die gewöhnlichen Briefe nach Neuburg seit einiger Zeit stockten , obwohl von dorther immer welche einliefen , und so entstand denn in dem sonderbaren Manne der Entschluß , Noltens Pflicht in diesem Punkte zu versehen . Allerdings nahm er sogleich das Unsichere und Zufällige mit in Rechnung , doch zu befürchten war ja eigentlich nichts , auch wenn das kecke Spiel früher oder später an den Tag käme . In der Zwischenzeit aber , d.h. vor der heimlichen Einrichtung , in deren Folge nachher alles vom Försterhause an den Bräutigam Geschriebene in die Hände des unechten Korrespondenten gelangte , waren mehrere Briefe teils von seiten des Alten , teils von Agnesen selbst an Nolten gekommen , und sie waren von der Art , daß Theobalds Urteil , insofern es bis jetzt unbedingt verwerfend gewesen , sich gewissermaßen modifizieren mußte . Der Alte ersucht nämlich seinen Schwiegersohn in einem ebenso herzlichen als wahrhaftigen Ton , er möchte von gewissen Gerüchten , welche sich zu Neuburg durch die Zudringlichkeit eines eingebildeten jungen Menschen verbreitet hätten , und die vielleicht auch - was wohl der Grund seines langen Stillschweigens sei - bis zu ihm gedrungen sein könnten , auf keine Weise Notiz nehmen . Der Alte setzt die Verwirrung des Mädchens nach seinen Begriffen auseinander , macht , ohne das Rechte zu treffen , eine nicht eben unwahrscheinliche Erklärung davon , wobei alles am Ende auf eine seltsame Skrupulosität , melancholische Überspannung und zuletzt auf alberne Kinderei reduziert wird . Nolten möchte der Jugend , der Unerfahrenheit des Mädchens vergeben ; er als Vater beteure , daß der Vorgang in keinem Sinne störende Folgen nach sich ziehen werde , Agnes habe sich gefaßt , ihr Herz sei rein und hänge mit doppelter Innigkeit an ihm . Indessen , fährt der Vater von sich fort , sei er so unbillig nicht , es dem Bräutigam zu verdenken , wenn die Sache ihn erschreckt habe , wenn er der Zeit die Probe überlasse , ob die Braut seiner nicht unwert geworden , nur wäre zu wünschen , daß er sich persönlich überzeugte , und er sei deshalb aufs freundlichste nach Neuburg eingeladen . Übrigens möchte er , wenn er Agnesen schreibe , ihr tief gebeugtes Gemüt soviel wie möglich schonen , sie wisse nichts von diesen Mitteilungen und scheine sich vorzubehalten , ihm bald mündlich die treueste Rechenschaft zu geben . Schließlich möge er sich doch wohl bedenken , ehe er ein Geschöpf , dessen ganzes Glück an ihn gebunden sei , um eines immerhin rätselhaften und darum schwer zu richtenden Vergehens willen , ohne weitere Prüfung verstoße . Diese Nachricht versetzte den Maler in die sonderbarste Unruhe . Er war während des Lesens weich geworden , er mußte wider Willen seinen entschiedenen Haß mit einem tiefen Verdruß und ärgerlichen Mitleid vertauschen , und er fühlte sich dabei fast unglücklicher als zuvor . Wenn er freilich Agnesens ursprüngliche , so äußerst reine Natur mit ihrem neuesten Betragen verglich , so schien ihm der Absprung so gräßlich widersinnig , daß er sich jetzt wunderte , wie er eine Weile an die Möglichkeit einer Untreue im gewöhnlichen Sinne des Worts hatte glauben können ; der Fall stritt dergestalt gegen alle Erfahrung , daß eben das Außerordentliche des Vergehens zugleich dessen Entschuldigung sein mußte . » Aber was auch immer die Ursache sei « - rief Theobald aufs neue verzweifelnd aus - , » wie tief der Grund auch liegen mag , die Tatsache bleibt - um den ersten heiligen Begriff von Reinheit , Demut , ungefärbter Neigung bin ich für immer bestohlen ! Was soll mir eine verschraubte , kindische Kreatur ? Werd ich nun meine schönsten Hoffnungen zerbrochen als kümmerliche Trümmer , halb knirschend , halb weinend , am Boden aufsammeln und mir einbilden , was ich zusammenstückle , sei mein altes köstliches Kleinod wieder ? O hätt ich den bübischen Fratzen zur Stelle , der mir an meine süße Lilie rührte ! könnt ich die Augen ausreißen , die mir das treuste Herz verlockt ! dürft ich den heillosen Schwätzer zertreten , der in die stille Dämmerung meiner Blume den frechen Sonnenschein des eiteln , breiten Tages fallen ließ ! - Unmündig , unerfahren , noch ganz ein Kind , ach wohl , das war sie freilich , das könnte sie entschuldigen bei dem und jenem , vielleicht auch bei mir , aber bin ich darum weniger betrogen , hilft mir das ihr entstelltes Bild herstellen , hilft es meiner verbluteten Liebe das Leben wieder einhauchen ? Ich fühl ' s , hier ist an kein Ausgleichen mehr zu denken . Vergessen , was ich einst besaß , das bleibt das einzige , was ich versuchen kann . « Dies waren die Empfindungen des Malers und sie blieben noch immer dieselben , während im Försterhause zu Neuburg durch Larkens ' Vermittlung längst alles wieder einen friedlichen Gang angenommen hatte . Zwar wunderte es den Alten , daß jene vertrauten Eröffnungen ganz mit Stillschweigen übergangen wurden , doch hielt er zuletzt dafür , es geschehe mit Absicht und der Schwiegersohn wolle den gehässigen Gegenstand für jetzt nicht berührt wissen . Was Agnesens inneres Leben betrifft , so verhüllte sich jener hoffnungslose Wahn , der die Unglückliche noch immer beherrschte , vor dem Vater und gewissermaßen vor ihr selbst unter dem Eifer , womit sie Noltens Liebe durch schriftlichen Verkehr noch eine Zeitlang nähren zu müssen glaubte , und während sie sich einzig nur auf seine Ruhe bedacht schien , wollte sie keineswegs gewahr werden , wie begierig das eigene Herz bei diesem süßen Geschäfte sein Teil für sich wegnahm , wie gerne es , den Willen des Schicksals gleichsam hintergehend , den holden Tönen lauschte , welche Larkens täuschend genug dem wirklichen Geliebten nachzuspielen wußte . Übrigens blieb Vetter Otto immer das gefürchtete Augenmerk ihrer kranken Einbildung ; er selbst hatte sich , nachdem ihn der Förster in aller Stille ernstlich abgewiesen , beschämt und ärgerlich zurückgezogen . Die Zigeunerin war inzwischen auch wieder zum Vorschein gekommen ; Agnes offenbarte ihr bei einer heimlichen Zusammenkunft den Plan ihrer Entsagung , womit die Betrügerin sehr zufrieden schien , und sogar einen Brief an Nolten zu besorgen versprach . Auf diese Weise standen die Personen eine geraume Zeit in der wunderlichsten Situation gegeneinander , indem eines das andere mit mehr oder weniger Falschheit , mit mehr oder weniger Leidenschaft zu hintergehen bemüht war . Nolten kam um so weniger in Versuchung , dem Schauspieler den wahren Grund seiner Entfremdung von der Braut zu entdecken , da dieser nicht weiter in ihn drang , indem er , vielleicht von eigenen Erfahrungen in der Liebe ausgehend , alles nur einer ekeln Lauheit zuschrieb , wogegen kein anderes Heilmittel sei als die Zeit , von der er denn auch mit größter Zuversicht das Beste hoffte , wenn nur sein Freund , erst anderwärts durch leichten Schaden klug geworden , die Ansicht mit ihm teilen gelernt hätte , daß die verfeinertsten Reize der weiblichen Welt keinen Ersatz für ein so seltenes Gut gewähren , als jenes einfache Mädchen nach der Überzeugung des Schauspielers war . Wenn also zwischen beiden Freunden die Sache nur sehr wenig berührt wurde , so fehlte es gleichwohl nicht an Auftritten wie der , dessen sich der Leser vielleicht noch von jener Neujahrsnacht erinnert , wo übrigens unser Maler von einer offenen Darlegung der Umstände nur noch durch die Furcht abgehalten ward , der Schauspieler möchte ihm ins Gewissen reden , und das zur höchsten Unzeit , da ihm in Constanzen ein neues herrliches Gestirn aufging . Länger als gewöhnlich entbehrte Theobald die Gelegenheit das Zarlinsche Haus zu besuchen . Der Graf und Constanze hatten eine längst vorgehabte Reise zu einer Verwandten ausgeführt . Zwölf Tage verstrichen ihm unter leeren Zerstreuungen , unter der peinlichsten Unruhe , denn frühe genug hatten sich verschiedene Zweifel über das hohe Glück bei ihm eingestellt , das er sich vielleicht zu voreilig aus dem sonderbaren Vorfall in jener Ballnacht gedeutet haben konnte . Daß Constanze unlängst in seiner und anderer Freunde Gegenwart , als eben von der Blumensprache die Rede war , aus Gelegenheit eines blühenden Granatbaums das feurige Rot desselben für das Symbol lebhafter Neigung erklärt hatte , indem sie sich dabei schalkhaft geheimnisvoll auf das Urteil Noltens als » besonders passionierten Kenners « vorzugsweise berief , und daß ihm eine Woche später von unbekannter Hand ein solcher Strauß war angeheftet worden , konnte sehr leicht bloße Neckerei des Zufalls sein , oder wohl gar - und dieser Meinung sind wir selbst - der Schelmstreich einer lustigen Person , welche nicht nur jenen Ausdruck der Gräfin mit angehört , sondern auch dem Maler seine schwache Seite längst mochte abgelauscht haben . Er befand sich deshalb in der größten Ungewißheit ; nur soviel schien ihm bisher ausgemacht , daß die Gräfin damals auf dem Balle gewesen , und jetzt erst fiel ihm ein , sich näher zu erkundigen . Aber auch wenn er manchmal sich selbst geflissentlich die vielverheißende Bedeutung jenes Zeichens ausredete , wenn er alles verwarf , was er sich sonst zu seinem Vorteil ausgelegt , so konnte er am Ende bei jedem Blick in sein Inneres bemerken , daß ein unerklärlicher Glaube , eine stille Zuversicht in ihm zurückgeblieben war , und er nahm sodann diese wundersame Hoffnung gleichsam wieder als ein neues Orakel , dem er unbedingt zu vertrauen habe . So eigen pflegt der Geist mit sich selber zu spielen , wenn jene träumerische Leidenschaft uns beherrscht . Endlich kam der Abend , der den auserlesenen Zirkel wieder in das Haus des Grafen lud . Mit bangen Empfindungen schritt Nolten , gegen die kalte Winterluft dicht in den Mantel gehüllt , an der Seite seines Freundes Larkens nach der geliebten Straße zu . Aber sie sahen die Jalousiefenster , deren sanft durchscheinendes Licht den kommenden Gästen sonst schon von weitem ein wohl erwärmtes , fröhlich belebtes Zimmer versprach , diesmal nicht erhellt , und schon besorgten sie eine widrige Täuschung , als der Bediente , der im untern Hausflur die Mäntel , Degen und Stöcke der Herren abzunehmen hatte , sie hinten durch den Garten nach dem Pavillon wies , dessen erleuchtete Glastüren auch wirklich schon von ferne die glänzende Gesellschaft zeigten . Sie traten in einen angenehmen , geräumigen , halbrunden Saal , dessen Wände rings mit Spiegellampen versehen waren . Maler Tillsen und der wunderliche Herr Hofrat sind die ersten , von welchen unser Freund sogleich ins Gespräch gezogen wird . Die schöne Hauswirtin , von einer Menge Damen umringt , schien sein Eintreten anfangs nicht zu bemerken , aber während Theobald zuweilen mit rechter Ungeduld hinüberschielte nach den freundlich beredten Lippen , nach dem stets gefällig mitnickenden Köpfchen , glitt zufällig ihr Blick über die versammelten Gruppen hin und eine gütige Verbeugung gegen Nolten setzte dessen Lebensgeister auf einmal in eine muntere , mit aller Welt ausgesöhnte Bewegung . Der Graf kam indessen mit einer Rolle Papier herbei und flüsterte : » Hier meine Herren - wir könnten später nicht mehr so leicht dazu kommen - eine neue Zeichnung in Tusch von unserer eigensinnigen Künstlerin , die uns gerne alles versteckte und verschöbe - aber diesmal hab ich selbst einigen Anteil an dem Lobe , das Sie ihr gönnen werden ; die Idee ist , sozusagen , hälftig mein . « Er wollte eben das Blatt entrollen , als ihm von hinten eine zarte Hand in die Finger griff - » Erlauben meine Herren ! « sagte die herbeigeeilte Schwester , merklich errötend , » es ist billig , daß ich die Sache selbst vorzeige : - zu seiner Zeit , heißt das ! « setzte sie lachend hinzu und eilte mit dem Blatte nach dem Schrank , wo sie es trotz aller Einsprache der Anwesenden rasch verschloß . Sie verschwand in einem Kabinett , nach dem Tee zu sehen . Wenn sie so auf Augenblicke abwesend war , so mochte Theobald gerne im ruhigsten Anschauen ihres geistigen Bildes das Auge auf irgendeinen der leblosen Gegenstände heften , mit dem ihre Person noch soeben in Berührung gekommen war . So stand auf einem schmalen Mahagonipfeiler an der Wand eine offene Kalla in buntgemaltem Topfe , der den goldenen Buchstaben C. im blauen Schilde trug . Diese Pflanze , dachte er bei sich , nimmt sie nicht in meiner Einbildung einen Teil von Constanzens eigenem Wesen an ? Ja , dieser herrliche Kelch , der aus seiner schneeigen Tiefe die mildesten Geister entläßt , diese dunkeln Blätter , die sich schützend und geschützt unter das stille Heiligtum der Blume breiten , wie schön wird durch das alles die Geliebte bezeichnet und was sie umgibt ! wie vertritt die Pflanze mir durch ihre ahnungsvolle Gegenwart die himmlische Gestalt ! Unversehens war Constanze wieder da , die Gesellschaft diesmal allein bedienend . Sie brachte endlich Theobalden die Tasse , und indes Larkens eine neue Anekdote zu allgemeiner Belustigung preisgab , nahm jener Anlaß , sich scherzhaft gegen Constanze wegen der vorenthaltenen Tuscharbeit zu beschweren . » Ei « , war die Antwort , » Sie haben ' s nicht um mich verdient , Sie haben mir neulich einen übeln Schrecken zugefügt , der mir wohl das Leben hätte kosten können , zwar bloß im Traume . « » Wie ? meine Gnädige , ich wäre so unglücklich gewesen ? und so glücklich doch , daß mein Bild im kleinsten Ihrer Träume - ? « » Das eben nicht - doch ja , Ihr Bild , ein Bild aus Ihrer Phantasie . « » Wieso , wenn ich fragen darf ? « » So hören Sie und lachen mich aus ! Vorige Nacht beliebte es Ihrer gespensterhaften Orgelspielerin , ungebührlicherweise aus dem Rahmen des schauerlichen Gemäldes herauszuschreiten und leibhaftig vor mich hinzutreten . « Nolten war bestürzt , ohne eigentlich zu wissen , warum . » Ja , ja , mein Herr ! mit recht kuriosen , hämischen Augen starrte sie mir tief ins Gesicht und sagte - nein ! das sollen Sie jetzt nicht hören . « » Ich bitte ! « » Nehmen Sie sich in acht - « » Sagte sie ? « » Nicht doch , das sag ich ; eben gleitet Ihnen ja die Tasse aus der Hand ! « » Wirklich fast - Aber was sprach der Geist ? « fragte Nolten dringend aufs neue , und nach einer Pause brachte die schöne Frau mit kaum unterdrückter Verwirrung die Worte hervor : » Constanze Josephine Armond wird auch bald die Orgel mit uns spielen « - » Aber , mein Gott « , erwiderte Nolten , » doch hat der Traum Sie nicht erschrecken können ? « » Bis zum Erwachen doch ; übrigens dank ich ihm , daß er mir Anlaß gibt , meinem etwaigen Berufe zu dieser Gattung von Musik , sowie meiner Aufnahme in so ernste Gesellschaft , auch ein wenig nachzudenken . « Theobald , wie er nun wieder allein stand , wußte nicht , was er aus den letzten Worten machen sollte ; dem Tone nach konnten sie nur für Scherz gelten , aber das Ganze hatte einen störenden Eindruck bei ihm zurückgelassen . Warum denn just diese Figur ? Er wußte zu gut , daß er gerade in ihr das getreue Porträt eines Zigeunermädchens , einer Person dargestellt hatte , welche einst verhängnisvoll genug in sein eigenes Leben eingegriffen hatte . Auf der andern Seite ließ sich alles und jedes ganz natürlich aus dem starken Eindruck erklären , welchen das Gemälde auf eine sehr empfängliche Einbildungskraft machen mußte . Was übrigens den Mut unsers Freundes noch weit mehr niederschlug , das war die aus dem Verfolg des allgemeinen Gesprächs für ihn hervorgegangene Gewißheit , daß Constanze damals wirklich nicht an der Maskerade teilgenommen , sondern bereits auf der Reise begriffen gewesen . Die nicht mehr erwartete Ankunft des Herzogs verursachte eine plötzliche Bewegung . Nolten aber , statt durch die Gegenwart seines Rivals nur immer trüber und unmächtiger in sich selbst zu versinken , fühlte sich dadurch zu einem gewissen Kraftaufwande genötigt , der , obgleich anfangs nur erkünstelt , doch bald , von Larkens ' ehrlicher Munterkeit unterstützt , eine wohltätige Wirkung auf das Ganze ausübte . Vorzüglich willkommen war es Theobalden , als man endlich auf den Wunsch des Herzogs selbst Anstalt machte , ein gewisses Spiel vorzunehmen , das auf eine sinnreiche Art drei verschiedene Künste in Verbindung brachte , den Tanz , die Malerei oder Zeichnung , und untergeordneterweise die Musik . Dies setzt jedoch folgende Bemerkung voraus . Constanze , bekannt als fertige und geistreiche Zeichnerin , war zugleich eine große Freundin des schönen künstlichen Tanzes und entwickelte namentlich bei Solopartien eine hohe Grazie . Nun hatte Nolten einmal gelegentlich den Einfall geäußert , es müßte eine artige Unterhaltung abgeben , wenn einige Personen in Zeit von einer kleinen Stunde zusammen ein Tableau , irgendeine Szene zeichneten , indem sie den Kreidenstift von Hand zu Hand gebend , nach einer langsamen Melodie tanzend , abwechslungsweise vor eine aufgerichtete Tafel träten und den darzustellenden Gegenstand immer nur um einige Striche weiter förderten , bis zuletzt eine harmonische Komposition zum Vorschein käme , über die man sich zuvor im allgemeinen verständigt , deren Einzelheiten aber der augenblicklichen Eingebung eines jeden überlassen war . Der Gedanke fand Beifall , und nach einigem Besprechen zeigte sich die Möglichkeit seiner Ausführung vollkommen , obwohl man anfangs verlegen war , die gehörige Anzahl von Tänzern , die auch zugleich gute Zeichner wären , und umgekehrt , zu finden . Doch hiezu wußte man Rat . Nolten selbst , obgleich ein abgesagter Feind alles des Schlendrians , um den sich unsere Ballbelustigungen gewöhnlich zu drehen pflegen , besaß doch Leichtigkeit der Glieder und reinen Sinn genug für eine edle rhythmische Bewegung . Die dritte Rolle mußte notwendig Herrn Tillsen übergeben werden , denn wenn vielleicht auch der ungeübteste Tänzer immer noch besser gewesen wäre als er , so blieb doch die andere Eigenschaft die wichtigere . » Und « , sagte er verbindlich zu der Gräfin , » neben Ihnen würde ein Vestris übersehen werden , glücklicherweise also auch Tillsen , der ich in diesem Stück zum voraus allem Neid