und das Andere findet sich . « Ben David trat in die Stube . » Ich komme von Zodick , « sprach er heiter : » die Wunde heilt , obschon der Kranke , wie das Gebot es will , die abgefallnen Pflaster nicht mehr auflegen ließ . Gott gab seinen Segen . « » Das Vertrauen auf ihn wirkt Wunder ! « bekräftigte Ben Jochai . » Auch ich höre Wunderdinge ! « fiel Esther ihm rasch in ' s Wort : » Bestätige sie mir , Vater . Ich soll den Knecht ehelichen , daß er mein Herr werde ? « Mißbilligend sah Ben David auf den Vater . » Man hat Dir , « sprach er , » zu früh von Dingen gesprochen , die ... « » Die mich elend machen ; « rief Esther heftig , mit Thränen in den Augen : » elend , Vater ; die Du nicht verantworten kannst ... wenn einst der Todesengel vor Dir steht und der Blitz seiner tausend Augen Deine Thaten prüft . « » Zodick denkt edel und großmüthig , « sprach Jochai : » Ich habe ihm vorgeschlagen , seine unbekannten Gegner , die ihn zu morden dachten , aus ihrem Dunkel zu ziehen durch die Befragung des Fürsten des Öls , oder der Hand . Er schlägt aber alles aus , will seine Feinde nicht kennen , verzeiht ihnen ... « » Und denkt noch nicht des Tags , der Dich mit ihm verbinden soll ; « unterbrach ihn Ben David , zu Esther gewendet . - » Schweige darum , und laß uns den Schabbat genießen in Frohsinn , Lust und freundlicher Einsamkeit . « - Und dem geschah also . Jochai und die Seinen verbrachten den Tag in Ruhe und Festlichkeit . Der arme kleine Hans verlebte ihn auf den Knieen der stummen Grete . - Da aber die Abendmahlzeit vorüber war , der Hausvater Wein , Gewürz und Brod sammt seinen Angehörigen gesegnet , und durch das Anzünden der Habdalahkerze , wie durch das Kaddischgebet den Sabbath geschieden hatte von der übrigen Woche , und alle sich zur Ruhe begeben wollten , hielt Ben David seine Tochter allein auf , und gebot ihr , am Morgen des nächsten Tags sich verstohlen einzuschleichen in das Haus des Altbürgers Diether Frosch , mit Vorsicht in das Gemach der edeln Frau Margarethe zu dringen , und ihr kund zu machen , Ben David habe gethan nach ihren Wünschen , und erwarte die Bestimmung der Zeit und des Orts , die ihr gelegen seyn würden , seinen Bericht anzuhören . Mit diesem Auftrag und dem herkömmlichen väterlichen Kuß und Segen entließ Ben David seine Tochter . Fußnoten 1 Begräbnißplatz . Viertes Kapitel . » Trägt der Bube mein Gesicht ? « » Lieber Vater , zweifle nicht . « » Ist das meiner Augen Licht ? « » Vater , Vater , zweifle nicht . « » Ist das meiner Nase Zier ? « » Vater , Vater , glaube mir ! « » Ist des Knaben Mund der meine ? « » Größre Ähnlichkeit gibt ' s keine . « » Aber , Weib , der Nachbar spricht ... « » Bösen Zungen traue nicht . « Romanze von der verschlagenen Ehefrau . » Du bist heute so saumselig und faul ! « schalt die Ehewirthin des ehrsamen Altbürgers Diether Frosch ihre Gürtelmagd , die am Sonntagmorgen nicht mit dem Zöpfeflechten fertig werden wollte . - » Wenn ich heute die Kirche besuchen wollte , so könnte ich , nur immerhin im Schlafmantel dahin gehen . Träges mißleidiges Ding ! Was Dir seit einigen Tagen im Kopfe steckt , begreife ich nicht . « Else schwieg einige Augenblicke und seufzte . Dann aber sprach sie , da gerade wieder die Gebieterin ihre Ungeduld durch eine heftige Bewegung verrathen hatte : » Ehrsame Frau ! die Schuld , daß ich nichts recht mache , mag wohl zunächst in Euch selbst liegen , denn Ihr seyd seit geraumer Zeit so reizbar und unwirsch , daß Euch immer beim geringsten Anlaß gleich der Zorn übermannt , und ich nur mit Zittern und Zagen Kamm und Schnürnadel zur Hand nehme , mein Amt bei Euch zu verrichten . « Else schwieg , sich selber ob der Keckheit wundernd , mit der sie zu der raschen Gebiterin gesprochen , und die bösen Folgen fürchtend ; aber zu ihrer größeren Verwunderung blieb die Letztere in Schweigen versunken . Die gefalteten Hände auf dem Schooß haltend , sah sie vor sich hin , wie von tiefem Nachdenken gefesselt , blickte dann schnell in die Höhe , strich sich die spiegelglatten Augenbraunen und sagte : » Dießmal hast Du nicht Unrecht gute Else . Ich finde das selbst . Dieser Zustand dauert schon einige Wochen . « » Freilich , liebe gnädige Frau ! « versetzte Else mit gutmüthiger Besorgniß ihr ins Gesicht schauend : » Ich fürchte , Ihr seyd krank , oder auf dem Wege es zu werden . Eure rosenrothen Wangen haben an Farbe verloren , und Euer Auge sieht oft aus , als schwämme es in Thränen , oder , als habe es viel geweint . Ich an Eurer Stelle würde den Judenarzt um Rath fragen . « Frau Margarethe schüttelte langsam den Kopf . » Der alte Joseph ist ein geschickter Mann , « sprach sie , » aber seine Arzeneien heilen mein Übel nicht . « » Warum denn nicht ? « fragte die Magd : » Ist er nicht dafür bezahlt , Euch zu helfen ? Ein Jude kann Alles . Wo seine Kräuter nicht ausreichen , da hext er die Krankheit weg . « » Einfältiges Geschwätz ! « eiferte die Gebieterin » Ich werde doch wissen , ob ich krank bin oder nicht . Das Ganze wird meines Bedenkens nichts anders seyn , als die Folge der Unruhe , die meinen Schlaf stört , und mir böse Träume verursacht . « » Die bösen Träume wie die guten kommen von Gott ; « meinte Else mit einem frommen Seufzer . - » Darum hat er auch zugelassen , daß gewiße Menschen die Träume auszulegen vermögen , als läsen sie deren Bedeutung aus einem offenen Buche . Meiner Mutter Schwester konnte fürtrefflich damit umgehen , und bei ihren Lebzeiten hat man sie oft zu den vornehmsten Geschlechtern berufen , um Träume zu deuten . Ich habe ihr viel abgelernt , als ich bei ihr wohnte , aber freilich zu ihrer ganzen Kunst hab ich ' s nie gebracht . « - » So ? « fragte Margarethe neugierig werdend : » Da Du so geschickt bist , hätte ich beinahe Lust , Dir das Gesicht mitzutheilen , das ich erst verwichne Nacht hatte , und dessen Andenken noch jetzt mit einem seltsamen Schmerz meine Seele foltert , obgleich ich wieder Lust hätte darüber zu lachen . « » Nur nicht lachen ! « warnte die gläubige Else . » Ein Traum ist gar ein ernsthaft Ding . Aber nicht jedes böse Traumgesicht bedeutet darum eine böse Wirklichkeit . Oftmals verkehrt sich des Schlummers Leid in wachende Freude . Wer im Schlafe Särge sieht , macht gewöhnlich bald eine fröhliche Hochzeit , und wer hinwiederum geträumt , er werde in der Kirche mit der Braut eingesegnet , braucht gar häufig kurz nachher sein Todtenhemd . « » Nun ! « versetzte die Frau etwas aufgeheitert : » In dem Gesichte , das ich Dir mittheilen werde , kömmt nichts von Särgen vor , und nichts von einer fröhlichen Trauung . Es wird daher wohl nichts Schlimmes auf sich haben . - Höre mir zu , gute Else . Sieh ! ich schlummerte ein vor Mitternacht , und sah mich , nach manchen Traumbegebenheiten , auf die ich mich nicht mehr besinnen kann , in einen herrlichen , zu einem lustigen Bankett geschmückten Saal versetzt . Es war alles spiegelblank geputzt . Blumensträuße wehten über allen mit Gold- und Silberstück gedeckten Tafeln , und ich war , gleichsam als die Königin des Festes , auf einem Thronsitz erhöht , der ganz von Rosen eingefangen war . « » Ach ! das ist herrlich ! « rief Else : » Rothe Rosen bedeuten Glück und Jugend . « » Höre weiter ! « fuhr Frau Margarethe fort : » Da ich nun also gefeiert da saß , von vielen köstiglich angelegten Herren und Frauen umgeben , die mir dienten , so fiel mein Blick auf einen Spiegel , der mir gegenüber hing , ... von einer Größe , wie ich mich nicht entsinnen kann jemals gesehen zu haben . Von dem Anblick überrascht , lächelte ich freundlich meinem Spiegelbilde zu , und gewahre , indem ich die Lippen öffne , in der Reihe meiner Zähne einen weitblinkenden vom feinsten Golde gestalteten , wunderbar und zaubrisch mir entgegenleuchtend . Und wie ich nun , entzückt davon , aus den Händen eines Pagen einen Becher empfange , geschnitten aus purem Edelstein , und angefüllt mit hispanischem Weine , und ihn an den Mund setze , so berührt kaum der erste Tropfen meine Zunge , als plötzlich mit einem schrillenden Klange , dem gleich , den ein zerschmettertes Kelchglas von sich gibt , der goldne Zahn gewaltsam losspringt von den Übrigen , und klingend zur Erde fällt . Ich bücke mich schnell nach dem Entwurzelten , aber zu meinen Füßen war der glatte Boden des Saals zu wüstem Schlamm geworden , der , wie ein Strudel gährend , das goldne Kleinod immer tiefer hinabschlürfte in den schwarzen Mund . Mein Jammer war nicht zu beschreiben , bis eine Hand aus dem neblichten Dufte um mich her , sich herausstreckte , mit einem blüthenweißen Zahne zwischen den Fingern , und ihn an die Stelle des Verlornen setzte . - Aber , Kind , Du bist bleich geworden , ... rede ... was hältst Du von diesem Traume ? « Frau Margarethe blickte ängstlich zagend in die Augen der Magd , die , eine bangende Zuhörerin , sich vor ihr niedergekauert hatte , und endlich , die Hände der Gebieterin an ihre Brust drückend , ausrief : » O , das ist ein bös Gesichte , liebe Frau ! Ach , welch Unheil mag es Euch verkündet haben ... « » Also doch ? « fragte Margarethe , von einem leichten Frost geschüttelt : » Unbarmherzige , Du hörtest noch nicht Alles , und beinahe sollte ich Dir Schonungslosen das Ende verschweigen . Doch mußt Du jetzt Alles wissen , da ich Dir so viel verrathen . So wisse denn , daß , während mein Auge hoffnungslos dem goldnen Punkte folgte , der , immer tiefer sinkend , nur wie ein ferner Stern noch in dem gährenden Dunkel sichtbar war , sein neugepflanzter Stellvertreter in meinem Munde lebendig wurde , sich , in eine graue Schlange verwandelt , auf meine Brust herabringelte , und mit heißem Schmerze sich da einbohrte , wo das Herz schlägt ... « » O haltet ein , liebe Frau ! « seufzte Else unter ängstlichem Zittern : » das ist des Entsetzlichen zu Viel ! Eilt , durch Gebet und fromme Gaben des Himmels Zorn zu wenden , der Euch ein liebes Kleinod rauben will , aus dessen Verlust ein immer nagender Wurm entspringen und Euer Herz verzehren wird . Betet zu der heiligen Mutter , zu den Märtyrern , daß sie Euer Wort führen vor dem Throne , wo der Vater sitzt mit dem Sohne und dem Geiste . Stiftet Messen , gelobt Wallfahrten , damit das Unheil sich wende das Euch droht ! « » Aberwitziges Geschöpf ! « schalt Frau Margarethe , bemüht durch den aufgeregten Zorn Herr ihrer Bangigkeit zu werden : » Schweig jetzt mit Deiner albernen Rede ! Meynst Du ich glaube an Deine tolle Auslegung und widerliche Besorgniß . Lug und Trug ist die Traumdeuterei , und wofern ich höre , daß Du diese wahnsinnige Kunst noch ferner ausübst , um Leichtglaubige zu schrecken und zu ärgern , so lasse ich Dich durch den Stöcker aus der Stadt bringen ! « Else , die nicht recht begriff , wie so schnell das Vertrauen der Herrin sich in Ungnade verkehren konnte , packte , um sich nicht durch Widerrede um den Dienst zu bringen , alle ihre Geräthschaften zusammen , und ließ ohne eine Silbe zu reden , die Zürnende allein . Margarethe gieng heftig hin und her von Tisch zu Schrank , vom Spiegel zum Fenster . Sie riß die Flügel des letztern auf , und starrte in den naßkalten Wintertag hinaus ; aber die geputzten Leute , die , Rosenkranz und Kerzen in der Hand , zur Kirche wandelten , paßten wenig zu ihrer grollenden Stimmung ; sie öffnete ihren Juwelenschrein , aber das Gefunkel der Steine ergötzte nicht ihren traurigen Sinn ; sie wollte sich in ihr Schlafgemach einschließen , aber im Begriff einzutreten , gewahrte sie das Bild ihres Ehgemahls , das sie von der Wand herab ansah in ernstem Schweigen , und unmuthig warf sie die halboffne Thüre ins Schloß . Aber gerade da sie unruhig sich niederließ in den breiten Sorgensessel , und der Vernunft das Feld einräumen wollte , trat ein Gast in die Stube , der nicht zur ungelegenern , und wiederum nicht zur gelegenern Zeit hätte kommen können . Ein Laut der Überraschung entfuhr Margarethen , da sie die wohlbekannte Weibergestalt in der Tracht der Nassauer Bäuerinnen kerzengerade auf der Schwelle stehen sah . » Willhild ! Willhild ! « rief sie halblaut , und wollte der Frau entgegeneilen , aber das Zittern ihrer Kniee verhinderte sie daran . » Was bringt Dich so schnell wieder hieher ? Unglücksbotin ! « Die Bäuerin machte sorglich die Thüre hinter sich zu , nachdem sie im Vorzimmer nachgesehen hatte , ob niemand zugegen ; schob den Riegel vor , und näherte sich verlegen und mit gebücktem Haupte der Frau vom Hause . » Bleibt nur immer ruhig auf Eurem Stuhle , « sagte sie zögernd : » Ihr spracht nicht unwahr . Ich bringe kein Glück . « » So ist es denn endlich wahr geworden , was schon lange zu fürchten war ? « klagte Margarethe mit herzzerreißendem Geflüster : » Er ist dahin , ... todt ... ? « Willhild nickte trübsinnig mit dem Haupte . Margarethe warf sich in den Stuhl zurück , und schlug in bittrem Schmerz beide Hände vor das Gesicht . Es gibt ein Leiden , das sich weder in Worten , noch in Thränen ausspricht , und den Körper eines Starken durch seine entsetzliche Wucht an die Gränzmarke des Lebens drängt , .. dahin , wo die Sinne schwinden und der Athem vergeht , ohne ihm einen Laut abzwingen zu können . Es ist der lang vorausgesehene Gram , dessen fernher kommender Tritt schon die Thränenquelle öffnete . Während er nun langsam und düster verhüllt einherkömmt , versiegen schon die Thränenströme . Die Augen haben kein Wasser mehr , wenn der Fürchterliche ihnen endlich mit einem Zauberschlage ganz nahe steht und sein entsetzliches Antlitz weißt . Die Brust hat keinen Seufzer mehr , die Zunge keine Klage , und nur das mühsam arbeitende Herz kämpft mit dem Grausamen einen kurzen aber um so schrecklichern Kampf , der den widerstrebenden Sterblichen entweder unter dem eisernen Fuß des Schicksals zermalmt , oder - ein seltnerer Ausgang - ihn zum Herrn und Sieger seines Verhängnisses macht . - Ein solches Leiden hatte Margarethens Seele überfallen ; gegen ein solches Leiden , stritt sie verzweifelnd , eine bittre Viertelstunde lang , und ihr ward der Siegerkranz . Willhild stand niedergeschlagen vor der Trauernden , und murmelte Gebete , als diese mit einem Male die Hände sinken und die üble Botschafterin in ein bleiches , ernstes , in starrer Ruhe gehaltnes Antlitz blicken ließ . » Ermanne Dich , Willhild ; « sprach sie gefaßt : » Trockne die Tropfen ab , die dick und schwer an Deinen grauen Augenwimpern hängen . Folge meinem Beispiel . Als Du vor einigen Wochen mir die erste Nachricht brachtest , gewöhnte ich mich nach und nach an den Gedanken des höchsten Kummers . Du siehst , sein plötzliches Einbrechen hat mich nicht dahingerafft . - Ich wußte schon , was kommen würde ! « setzte sie hinzu , und gedachte schmerzlich ihres Traums , der so schnell in Erfüllung gehen sollte . - » Erzähle aber ; wie gieng es ? Schone mich nicht . « » Ach , gestrenge Frau ! « versetzte die Alte , in peinlicher Verlegenheit , wie die Sache anzubringen sey : » Die Heiligen mögen es wissen , daß keine Sorge gespart wurde , das junge Herrlein zu erhalten , bis es das zufällige Geschick uns entriß . « » Nichts ist Zufall ! « fiel Margarethe ein . - » Der Knabe mußte sterben nach Gottes Gebot , und ich spreche Dich frei von aller Schuld . « » Vorgestern , « fuhr die Alte stockend fort ... » vorgestern war das Junkerlein noch ziemlich munter , aber ... am Abend ... war er nicht mehr bei uns . « - » Schied er unter Schmerzen , der , liebe Knabe ? « fragte Margarethe . » Nein ... das nicht , edle Frau , « entgegnete Willhild : » Im Schlummer ward er von uns genommen . Gestern haben wir ihm ein Kreuz errichtet . « » Gestern wurde er begraben ? « fiel Diether ' s Gattin ein : » O mein warnungsvoller Traum ! Johannes , Du bist das goldne Kleinod , das in die schwarze Grube sinkt ... und mir einen ewigen Stachel zurückläßt . Kein Wort mehr , Willhild . Er ist todt , bestattet ; genug bis auf eine Zeit , wo ich werde weinen können . Eine Frage : Du hast doch beachtet , was ich Dir bei Deinem letzten Hierseyn vorschrieb . Du hast geschwiegen ? « » Wie das Grab ! « betheuerte Willhild . Ich darf einen Eid darauf ablegen : » Auch hat noch keine Christenseele erfahren , daß das Herrlein ... nicht mehr bei uns . « » So sey es auch ferner ! « sprach Margarethe lebhaft : » Sein . Tod sey ein Geheimniß für die Welt . « » Der Vater muß jedoch erfahren ... « meinte Willhild . » Er am allerwenigsten ; « versetzte Margarethe herrisch : » Vor der Hand zum mindesten nicht . Du weißt übrigens , was ich Dir auf den Fall des Ablebens unsers Sohnes neulich vertraute ? « » Als ob es gestern gewesen wäre ; « erwiederte Willhild . » Mein Eheherr , fuhr Margarethe fort : kaum von schwerer Krankheit genesen , hat nicht das geringste von Johannes Siechthum erfahren . Noch weniger erfahre er seinen Tod , wenn es mir gelingt , wovon ich Dir jüngst sagte , und Du mir Deinen Beistand nicht entziehen willst . « » Gewiß nicht ! ehrsame Frau ! « gelobte Willhild . » Auch meinen Mann , den einfältigen Kumpan , will ich schon unterweisen . Er kömmt ohnedieß nie hieher gen Frankfurt . « » Aber der Pfarrherr , den des Knaben Leiche bestattete ... ? « fragte Margarethe . - » I nun ! « meinte Willhild , nach einigem Besinnen : » Wenn Ihr nicht schelten wollt , möchte ich Euch wohl gestehen , daß ich , Euren frühern Reden eingedenk , dem Leutpriester von Wiesbaden vorgelogen habe , der Knabe sey mein eigner Sohn gewesen . « » Gut ! « rief Margarethe und ein Strahl der freude flog über ihr Angesicht : » diese Lüge soll dir herrlich belohnt werden , wenn die Hauptsache erst in Richtigkeit ist . « » Freilich ; « versetzte Willhild etwas ängstlich : » ich sehe nur nicht ab , wie ihr das alles in ' s Werk richten wollt . « » Meine Sorge ! « sprach die edle Frau : » Wenn nur der Zufall seinen Segen gibt . Es pochte an der Thüre , leise und verstohlen . Margarethe fragte auffahrend , wer ihre Einsamkeit störe . Zu dem Schlüsselloch stahl sich aber eine zarte Stimme in ' s Gemach , die versicherte , insgeheim und auf der Stelle mit der gestrengen Frau sprechen zu müssen . Margarethe winkte der Bäuerin in das Seitengemach , und öffnete die Thüre , durch welche Ben Davids Tochter herein schlich . Wie verschieden war aber ihr Aussehen , ihre Kleidung von der Tracht und dem Benehmen des gestrigen Tages . Statt des seidnen Gewandes , mit köstlichen Blumen besät , mit Fransen geschmückt , und von einem silbernen Reif , der Gürtelstelle war , zusammengehalten , hieng heute ein ärmlich unsauber Kleid um ihren schöngeformten Körper , dessen Reize in der groben Hülle ihr Grab fanden . Die von wollenen Streifen umwickelten Füße schlurften in schweren Holzschuhen einher , und das blühende Gesicht war unkanntlich gemacht durch die tief anliegende Kopfbinde und den groben kurzen Schleier , der Haar , Wange und Hals neidisch und unbildlich versteckte . In solcher Vermummung mußte , wenn es - wiewohl selten - die Nothwendigkeit erheischte , die musterhaft gebildete Jungfrau ihr Haus verlassen , wie ein Weib der niedersten Volksclasse . Diese abscheuliche Larve mußte ihren Wohlstand vor dem Blicke des Neiders , ihre Schönheit vor den Begierden des Wollüstigen sicher stellen und verbergen . « Die Hausfrau war unangenehm durch die Erscheinung überrascht , und fragte hastig und unwirsch nach des Mädchens Begehr ; aber ihr Gesicht wurde freundlicher , ihr Wort sanfter , da sie Ben Davids Botschaft vernahm . Sinnend rieb sie sich die Stirne , und sprach nach kurzem Besinnen : » Dein Vater mag noch diesen Abend kommen , in ehrbarer Tracht . Meine Mägde werde ich aus dem Hause senden , und eine vertraute Frau zur Thürhüterin bestellen . Um die siebente Stunde erwarte ich ihn , wenn die Glocke Achte schlägt , kommt mein Eheherr nach Hause , und darf ihn um Alles in der Welt nicht mehr finden . Geh jetzt von dannen . « Margarethe wunderte sich nicht wenig , als die Dirne nicht von der Stelle wich , sondern eines Schauens nach einer Schilderei starrte , die über dem Putztische der Altbürgerin hing . Und da das Mädchen auch auf eine wiederholte Mahnung nicht von dannen ging , so wandte sich Margarethe mit einem ungeduldigen : Verdammter jüdischer Eigennutz ! von ihr ab , suchte nach einigen Hohlpfennigen in ihrem Wetscher1 , und drückte dieselben , mit der Weisung , das Trinkgeld zu nehmen , und endlich zu scheiden , in Esthers widerstrebende Hand . Ben Davids Tochter kam zu sich , und wies erröthend die Gabe von sich . - » Bist du so stolz , schmutzige Jüdin , « sprach Margarethe dadurch gereizt ; » daß Dir dieser Lohn zu gering erscheint , für welchen Andere Deines gleichen einen falschen Eid leisten würden . « » Ob mit diesem Gelde ein falscher Schwur sich bezahlen läßt , weiß ich nicht ; « antwortete Esther mit leichtem Unwillen : » aber Ihr könntet meinen Gang , ohne mir durch schnödes Almosen weh zu thun , besser vergelten , sonder Geld und Gabe . « » Wie das ? « fragte Margarethe stolz . » Mit einem freundlichen Wort ; « erwiederte Ben Davids Tochter : » Sagt mir doch , gnädige Frau , ... wer ist der Reiter dort auf dem Bilde , der die Schlange todt sticht unter seines Pferdes Hufen ? « » Der Reiter hat nichts mit Dir und Deinem Volke gemein , « versetzte Diether ' s Gattin nicht ohne Hochmuth . » Er ist ein Heiliger unsrer Kirche , ein Streiter für den Glauben , der allein selig macht , und man nennt ihn den frommen Ritter Georg . « » Der Ritter Georg ? « fragte Esther schlau und ihre Bewegung verbergend : » ich danke Euch , ehrsame Frau . Wie glücklich seyd Ihr , solch ein Bild Euer zu nennen ! Der Maler muß den Heiligen selbst gesehen haben , denn dem schönen Ritter sieht gewiß kein Sterblicher gleich . « » Kein Jude freilich ; « spottete Margarethe bitter . » Der Maler fand aber unter den Rechtgläubigen das beste Vorbild , meinen ... hier erröthete sie schnell ... meinen Stiefsohn . « Esther sah sie überrascht an , mußte aber der herrischen Geberde gehorchen , mit der Margarethe sie aus dem Gemache wies . Gesenkten Hauptes schlich das Mädchen , unbemerkt , wie sie gekommen , über die marmorgefaßten Treppen zur weiten Hauspforte hinaus . Schnell flüchtete sie über den Liebfrauenberg weg , wo die vor dem Stifte spielenden Jungen ihren kindischen Muthwillen durch Schimpfworte und Steinwerfen gegen sie äußerten , weil sie an dem blaugestreiften Schleier die Jüdin erkannten . Wie ein Reh eilte sie an den Hütten der Scherer gegen dem Römer über , vorbei , vor denen Meister und Gesellen mit allerlei müßigen Gesindel in herkömmlichem Sonntagsgeschwätz verkehrten , und gern ihren schaalen Witz auf Kosten aller vorübergehenden Weiber übten . Nicht eher schritt sie langsamer , als bis sie in der Nähe der Domkirche gekommen war , aus welcher des Hochamts Orgeltöne feierlich zu ihrem Ohre drangen , und der bösen Lust der Vorübergehenden die Fesseln der Andacht anlegten . Wie gerne hätte sie vor der offenen Pforte verweilen , in das von Weihrauchdüften erfüllte Gotteshaus schauen , und sich unter all den Feierklängen , Kerzenflammen und pomphaften Gebräuchen den heiligen Rittersmann wieder vergegenwärtigen mögen , der in Diether ' s Hause sie so zauberisch berückt . Aber die Scheu vor roher Mißhandlung trieb sie von dannen , und sie durfte nur in sich hinein flüstern : Ihr Stiefsohn ist ' s ? Er , der Ritter , der mit mir und meinem Volke nichts zu schaffen hat ? Leider ist es so ! Nun , da der für mich bisher namenlose einen Namen trägt , ... nun , da ich ihn , aussprechen darf , ... nun ist er ganz für mich verloren ... auch für meine Träume . Gewiß ... o gewiß trennt ihn nicht sein Volk , sein Glaube , sein Stand allein von mir . Diese Hindernisse sind ja nichts für ein Herz , das nur im Erinnerungsbilde liebt , und allem Irrdischen entsagend , nur im Reiche der Einbildung glücklich zu seyn wünsche . Aber gewiß fesseln ihn andere Bande ... den Angebeteten . Konnte der schöne Mann seiner Stiefmutter gleichgültig bleiben neben den grauen Haaren ihres Gemahls ? Daß sein Bild in ihrer Kammer hängt , bürgt für ein geliebtes Andenken , und vereint hat sie die Liebe ! - Esthsr ' s Gesicht flammte auf in Schaam über die Ungerechtigkeit ihres Wahns . Die Liebe ? zürnte sie gegen sich selbst : Die Sünde hätte sie vereint , und Sünde ist dem Herrn meines Herzens fremd . Wahrlich ! wahrlich ! Wie könnte sonst sein Antlitz das Bild eines Heiligen seyn ? Verzeihe mir , Du , den ich über alles liebe , nicht zu nennen wage , und in dem Götzenbilde verehre , das mein Gesetz verdammt und verflucht . Nimmer soll eine Eifersucht , wie diese , Dein holdes Andenken schwächen ! An der Thüre ihrer Wohnung empfieng sie der Vater , der ihr gleichgültig im Gespräche mittheilte , daß es ihm bereits gelungen , die Eltern seines kleinen Christenfindlings zu ergattern . Esther fragte mit heftiger Neugierde nach deren Namen . » Du wirst es gut finden , wenn ich ihn verschweige , « antwortete Ben David mit scharfem und bestimmtem Tone : » Der Greis Jochai hat mir offenbart , welch unziemlich Gefühl Dich hinzieht zu dem Knaben . Die Thorheit muß nicht ferner genährt seyn ; denn unbegreiflich ist es ohnehin , wie Du Dich hinneigst zu den Söhnen und Töchtern Amaleks . Der fromme Vater , dem einst der Frieden sey , dringt darauf , daß ich Dich führe gen Worms , wo eine Schule blüht , und die Weisheit gelehrter Rabbinen . Er will gern die Traurigkeit auf sich nehmen , Dich nicht um sich zu sehen , wenn sein Angesicht bleich wird ; so Du nur wieder des Paradieses würdig wirst . « » Führe mich in den Tod , nur nicht nach Worms ; « sprach Esther entschieden und fest . » Worms ist Zodicks Vaterstadt , und folglich für mich der höllische Pfuhl , aus welchem die Teufel und Nachtgespenster stammen . Ich muß Dir gehorsamen , aber Dir vergebe dann der hochgelobte Gott ! « Sie entfloh in ihre Kammer , und schloß sich ein , allein mit ihrem Liebesbilde und ihrem Kummer . Der Vater blickte ihr wehmüthig lächelnd nach , schlug sich die Brust , und sah seufzend empor zum Himmel . Hier ahne ich böse Stürme ! sprach er zu sich . Der Ewige wolle Alles zum Guten wenden . Hierauf verbrachte er den Tag in geschäftreicher Muße ; ordnete seine Rechnungen , überzählte sein Geld , das er im Keller barg , une die übrige Habe , und kleidete sich gegen Abend in feinbürgerliche Tracht . Dann nahm er den Knaben , der ungestüm nach der Mutter verlangte , bei der Hand , und führte ihn mit sich an das Haus der Frosche , wo er mit dem Glockenschlage der siebenten Stunde , wie befohlen , anlangte . Willhild harrte an der zugelehnten Thüre , und so wie sie in der Dunkelheit den Mann und das Kind herannahen , und die Pfortentreppe besteigen sah , winkte sie ihm , näher zu kommen und einzutreten . Ben David folgte ihr durch das menschenleere Gebäude , bis in das Vorgemach der edeln Frau , die ihn alsobald zu sich herein bescheiden ließ . Er übergab den Knaben Willhild ' s Obhut , und ging bescheidnen und leisen Trittes in Margarethens Stube . Erwartung und