wissen , wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung aussetzen ? Ich hätte nie geglaubt , daß du so schlecht , so falsch an mir handeln würdest ! « Von neuem erwachte in Berta das kränkende Gefühl , sich hintangesetzt zu sehen ; ihre Tränen strömten , sie legte die heiße Stirne in die Hand und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die Weinende . Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzens ; Marie kannte diese Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort : » Berta ! Du schiltst meine Heimlichkeit ; ich sehe du hast erraten , was ich nie von selbst sagen konnte . Setze dich selbst in meine Lage ; ach , du selbst , so heiter und offen du bist , du selbst hättest mir dein Geheimnis nicht vertrauen können . Aber jetzt ist es ja aus ; du weißt , was meine Lippen auszusprechen sich scheuten ; ich liebe ihn , ja ich werde geliebt , und nicht erst von gestern her . Willst du mich hören ? darf ich dir alles sagen ? « Bertas Tränen flossen noch immer ; sie antwortete nicht auf jene Fragen , aber Marie hub an zu erzählen , wie sie Georg im Hause der seligen Muhme kennengelernt habe ; wie sie ihm gut gewesen , lange ehe er ihr seine Liebe gestanden ; alle jene schönen Erinnerungen lebten in ihr auf , mit glühenden Wangen , mit strahlendem Auge führte sie die Vergangenheit herauf ; sie erzählte von so mancher schönen Stunde , vom Schwur ihrer Treue , von ihrem Abschied . » Und jetzt « , fuhr sie mit wehmütigem Lächeln fort , » jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg auf diese Seite geführt ; er hört , wir seien hier in Ulm , er glaubt nicht anders , als mein Vater sei dem Bunde beigetreten , er hofft , mich durch sein Schwert zu verdienen , denn er ist arm , recht arm ! O Berta , du kennst meinen Vater ; er ist so gut , aber auch so strenge , wenn etwas seiner Meinung widerspricht . Wird er einem Manne seine Tochter geben , der sein Schwert gegen Württemberg gezogen hat ? Siehe , das waren meine Tränen ! Ach , ich wollte dir so oft sagen , warum sie fließen , aber eine unbesiegbare Scham schloß meine Lippen ; kannst du mir noch zürnen ? Muß ich mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren ? « Auch Mariens Tränen flossen , und Berta fühlte den eigenen Schmerz von dem größern Kummer der Freundin besiegt . Sie umarmte Marien schweigend und weinte mit ihr . » In den nächsten Tagen « , fuhr diese fort , » will mein Vater Ulm verlassen , und ich muß ihm folgen . Aber noch einmal muß ich Georg sprechen , nur ein Viertelstündchen ; Berta , du kannst gewiß Gelegenheit geben ; nur ein ganz kleines Viertelstündchen ! « » Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen ? « fragte Berta . » Was nennst du die gute Sache ? « antwortete Marie . » Des Herzogs Sache ist vielleicht nicht minder gut als die eure ; du sprichst so , weil ihr bündisch seid ; ich bin eine Württembergerin , und mein Vater ist seinem Herzoge treu . Doch sollen wir Mädchen über den Krieg entscheiden ? Laß uns lieber auf Mittel sinnen , ihn noch einmal zu sehen . « Berta hatte über der Teilnahme , mit welcher sie der Geschichte ihrer Base zugehört hatte , ganz vergessen , daß sie ihr jemals gram gewesen war . Sie war überdies für alles Geheimnisvolle eingenommen , daher kamen ihr diese Mitteilungen erwünscht ; sie fühlte , wie wichtig und ehrenvoll der Posten einer Vertrauten sei und gab sich daher alle mögliche Mühe , dem liebenden Paare mit ihrem Scharfsinn zu dienen . » Ich hab ' s gefunden « , rief sie endlich aus , » wir laden ihn geradezu in den Garten . « » In den Garten ? « fragte Marie schüchtern und ungläubig , » und durch wen ? « » Sein Wirt , der gute Vetter Dieterich muß ihn selbst bringen « , antwortete sie , » das ist herrlich , und dieser darf auch kein Wörtchen davon merken , laß nur mich dafür sorgen . « Marie , entschlossen und stark bei großen Dingen , zitterte doch bei diesem gewagten Schritte . Aber ihre mutige , fröhliche Base wußte ihr alle Bedenklichkeiten auszureden , und mit zurückgekehrter , mit erneuerter Hoffnung und befreit von der Last des Geheimnisses , umarmten sich die Mädchen , ehe sie sich zur Ruhe legten . VII Und wie ein Geist schlingt um den Hals Das Liebchen sich herum : » Willst mich verlassen , liebes Herz Auf ewig ? « und der bittre Schmerz Macht ' s arme Liebchen stumm . Schubart Sinnend und traurig saß Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in seinem Gemach . Er hatte Breitenstein besucht und wenig Tröstliches für seine Hoffnungen erfahren . Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt und unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden . Zwölf Edelknaben waren , die Absagebriefe des Herzogs von Bayern , der Ritterschaft und gesamter Städte an ihre Lanzen geheftet , zum Gögglinger Tor hinausgejagt , um die Feindesbotschaft dem Württemberger nach Blaubeuren zu bringen . Auf den Straßen rief man einander fröhlich diese Nachricht zu , und die Freude , daß es jetzt endlich ins Feld gehen werde , stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben . Nur einen traf diese Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals . Der Gram trieb ihn aus dem Kreise der fröhlichen Gesellen , die jetzt den Weinstuben zuzogen , um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges zu begehen und das Los künftiger Siege im Würfelspiel zu belauschen . Ach ! ihm waren ja schon die Würfel gefallen ! ein blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus , sie war ihm auf lange , vielleicht auf ewig verloren . Eilige Tritte , welche die Treppe heraufstürmten , weckten ihn aus seinem Brüten . Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Türe . » Glück auf , Junker ! « rief er , » jetzt hebt der Tanz erst recht an . Aber Ihr wißt es vielleicht noch gar nicht ? der Krieg ist angekündigt , schon vor einer Stunde sind unsere Absageboten ausgeritten . « » Ich weiß es « , antwortete sein finsterer Gast . » Nun , und hüpft Euch das Herz nicht freier ? Habt Ihr auch gehört - nein , das könnt Ihr nicht wissen « , fuhr Dieterich fort , indem er zutraulich näher zu ihm trat , » daß die Schweizer bereits abziehen ? « » Wie , sie ziehen ? « unterbrach ihn Georg , » also hat der Krieg schon ein Ende ? « » Das möchte ich nicht gerade behaupten « , fuhr der Ratsschreiber bedenklich fort , » der Herzog von Württemberg ist noch ein junger , mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug . Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen , aber er hat feste Städte und Burgen . Da ist einmal der Höllenstein und darin Stephan von Lichow , ein Mann wie Eisen . Da ist Göppingen , das Philipp von Rechberg auch nicht auf den ersten Stückschuß ergeben wird ; da ist Schorndorf , Rothenberg und Asperg , da ist vor allem Tübingen , das er tüchtig befestigt hat . Es wird noch mancher ins Gras beißen , bis Ihr Eure Rosse im Neckar tränket . Nun , nun ! « fuhr er fort , als er sah , daß seine Nachrichten die finstere Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten . » Wenn Ihr diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmet , so schenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr . Sagt einmal , habt Ihr nicht irgendwo eine Base ? « » Base ? ja , warum fragt Ihr ? « » Nun sehet , jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden , die vorhin Berta vorbrachte . Als ich aus dem Rathaus kam , winkte sie mir hinauf und befahl mir , meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der Donau zu führen . Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base , die sie sehr gut kenne , aufzutragen . Ihr müßt mir schon den Gefallen tun , mitzugehen . Solche Geheimnisse und Aufträge sind zwar gewöhnlich nicht weit her und ich wollte wetten , sie geben Euch ein Müsterlein für den Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle , oder ein tiefes Geheimnis der Kochkunst , oder gar ein paar Körnlein von einer seltenen Blume mit , denn Marie ist eine große Gärtnerin - doch , wenn Ihr gestern an dem Mädchen Gefallen gefunden habt , gehet Ihr wohl selbst gerne mit . « Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde mußte Georg über die List der Mädchen lachen ; freundlich bot er dem guten Boten die Hand und schickte sich an , ihn in den Garten zu begleiten . Dieser lag an der Donau , ungefähr zweitausend Schritte unter der Brücke ; er war nicht groß , zeugte aber von Sorgfalt und Fleiß . Die schönen Obstbäume waren zwar noch nicht belaubt und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen , aber ein langer Taxusgang , der an dem Ufer des Flusses sich hinzog , und in eine geräumige Laube endete , gab durch sein helles Grün einen lebhaften Anblick und hinlänglichen Schutz gegen die , einem weißen Hals und schönen Armen so gefährlichen Strahlen der Märzsonne . Dort , auf dem breiten bequemen Steinsitze , wo die Lücken der Laube eine freie Aussicht die Donau hinauf und hinab gewährten , hatten die Mädchen unter mancherlei Gesprächen der jungen Männer geharrt . Marie saß traurig , in sich gekehrt ; sie hatte den schönen Arm auf eine Lücke der Laube aufgestützt , und das von Gram und Tränen müde Köpfchen in die Hand gelegt . Ihr dunkles , glänzendes Haar hob die Weiße ihres Teint um so mehr heraus , als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht , und schlaflose Nächte dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so überraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren , vielleicht nur um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben hatten . Das vollendete Bild fröhlichen Lebens , saß die frische , runde , rosige Berta neben ihr . Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen Haaren , ihr rundes , frisches Gesichtchen mit den ovalen , schärferen Formen ihrer Base , wie ihre freundlichen , beweglichen hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast stunden mit dem sinnenden , geistvollen Blick Mariens : so wurde auch jede ihrer raschen , lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille Trauer . Berta schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben , um ihre Base zu trösten oder doch ihren großen Schmerz zu zerstreuen . Sie erzählte und schwatzte , sie lachte und ahmte die Gebärde und Sprache vieler Leute nach , sie versuchte alle jene tausend kleinen Künste , womit die Natur ihre fröhliche Tochter ausstattete ; aber wir glauben , daß sie wenig ausrichtete , denn nur hie und da gleitete ein wehmütiges , schnell verschwebendes Lächeln über Mariens feine Züge hin . Endlich ergriff sie , als gar nichts mehr helfen wollte , ihre Laute , die in der Ecke stand . Marie besaß auf diesem Instrument große Fertigkeit , und Berta hätte sich sonst nicht leicht bewegen lassen , vor der Meisterin zu spielen . Doch heute hoffte sie durch ihr Geklimper wenigstens ein Lächeln ihrer Base zu entlocken . Sie setzte sich mit großem Ernste nieder und begann : » Fragt mich jemand , was ist Minne ? Wüßt ich gern auch darum meh ( r ) . Wer nun recht darüber sinne Sag mir , warum tut sie weh ? Minne ist Liebe , tut sie wohl ; Tut sie weh , heißt sie nicht Minne . Oh , dann weiß ich , wie sie heißen soll . « » Wo hast du dies alte , schwäbische Liedchen her ? « fragte Marie , die der einfachen Musik und dem lieblichen Text gerne ihr Ohr lieh . » Nicht wahr , es ist hübsch ? aber es kommt noch viel hübscher , wenn du hören willst « , antwortete Berta ; » das hat mich in Nürnberg ein Meistersänger , Hans Sachs , gelehrt , es ist übrigens nicht von ihm , sondern von Walther von der Vogelweide , der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat . Höre nur weiter : Ob ich recht erraten könne , Was die Minne sei ? so sprecht ja ; Minne ist zweier Herzen Wonne ; Teilen sie gleich , so ist sie da . Doch - soll ungeteilt sein , So kann ein Herz allein sie nicht enthalten ; Willst du mir helfen , traute Jungfrau mein ? Nun hast du geteilt mit dem armen Junker ? « fragte die schelmische Berta ihre errötende Base . » Vetter Kraft möchte gerne auch mit mir teilen , einstweilen kann er aber seinen ganzen Part allein tragen . Doch du wirst mir wieder ernst , ich muß schon noch ein Liedchen des alten Herrn Walthers singen : Ich weiß nicht , wie es damit geschah , Meinem Auge ist ' s noch nie geschehen , Seit ich sie in meinem Herzen sah Kann ich sie auch ohne Augen sehen ; Da ist doch ein Wunder mit geschehen , Denn wer gab es , daß es ohne Augen Sie zu aller Zeit mag sehen ? Wollt ihr wissen , was die Augen sein , Womit ich sie sehe durch alle Land , Es sind die Gedanken des Herzens mein Damit schau ich durch Mauer und Wand , Und hüten diese sie noch so gut , Es schauen sie mit vollen Augen Das Herz , der Wille und mein Mut . « Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide als einen guten Trost beim Scheiden ; Berta bestätigte es . » Ich weiß noch einen Reim « , sagte sie lächelnd , und sang : » Und zog sie auch weit in das Schwabenland , Seine Augen schauen durch Mauer und Wand , Seine Blicke bohren durch Fels und Stein , Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein ! « Als Berta noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war , ging die Gartenpforte ; Männertritte tönten den Gang herauf , und die Mädchen standen auf , die Erwarteten zu empfangen . » Herr von Sturmfeder « , begann Berta nach den ersten Begrüßungen , » verzeihet doch , daß ich es wagte , Euch in meines Vaters Garten einzuladen ; aber meine Base Marie wünscht Euch Aufträge an eine Freundin zu geben . - Nun , und daß wir andern nicht zu kurz kommen « , setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu , » so wollen wir eines plaudern und den Abendtanz von gestern mustern . « Damit ergriff sie ihres Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab . Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt . Sie lehnte sich an seine Brust und weinte heftig . Die süßesten Worte , die er ihr zuflüsterte , vermochten nicht , ihre Tränen zu stillen . » Marie « , sagte er , » du warst ja sonst so stark , wie kannst du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick , alle Hoffnung aufgeben ? « » Hoffnung ? « fragte sie wehmütig , » mit unserer Hoffnung , mit unserem Glück ist es für ewig aus . « » Siehe « , antwortete Georg , » eben dies kann ich nicht glauben ; ich trage die Gewißheit unserer Liebe in mir so innig , so tief , und ich sollte jemals glauben , daß sie untergehen könne ? « » Du hoffst noch ? So höre mich ganz an . Ich muß dir ein tiefes Geheimnis sagen , an dem das Leben meines Vaters hängt . Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes , als er ein Freund des Herzogs ist ; er ist nicht nur deswegen hier , um sein Kind heimzuholen , nein , er sucht die Plane des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren . Und glaubst du , ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Jüngling geben , der in unserem Verderben sich emporzuschwingen sucht ? Einem , der sich an Menschen anschließt , die kein Recht , sondern nur Raub suchen ? « » Dein Eifer führt dich zu weit , Marie « , unterbrach sie der Jüngling ; » du mußt wissen , daß mancher Ehrenmann in diesem Heere dient ! « » Und wenn dies wäre « , fuhr jene eifrig fort , » so sind sie betrogen und verführt , wie auch du betrogen bist . « » Wer sagt dir dies so gewiß « , entgegnete Georg , welcher errötete , die Partei , die er ergriffen , von einem Mädchen so erniedrigt zu sehen , obgleich er ahnete , daß sie so unrecht nicht habe ; » wer sagt dir dies so gewiß ? kann nicht dein Vater auch verblendet und betrogen sein ? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen , herrschsüchtigen Mannes führen , der seine Edlen ermordet , der seine Bürger in den Staub tritt , der an seiner Tafel das Mark des Landes verpraßt und seine Bauern verschmachten läßt ? « » Ja , so schildern ihn seine Feinde , « antwortete Marie , » so spricht man von ihm in diesem Heere , aber frage dort unten an den Ufern des Neckars , ob sie ihren angestammten Fürsten nicht lieben , wenngleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht . Frage jene Männer , die mit ihm ausgezogen sind , ob sie nicht freudig ihr Blut für den Enkel Eberhards geben , ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern , diesen räuberischen Edlen , diesen Städtlern ihr Land abtreten . « Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich ; » Aber wie entschuldigen denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten ? « fragte er . » Ihr sprecht immer von Eurer Ehre « , antwortete Marie , » und wollt nicht leiden , daß ein Herzog seine Ehre verteidige ? Hutten ist nicht meuchelmörderisch gefallen , wie seine Anhänger in alle Welt ausgeschrieen haben , sondern im ehrlichen Kampfe , worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte . Ich will nicht alles verteidigen , was er tat ; aber man soll nur auch bedenken , daß ein junger Herr , wie der Herzog , von schlechten Räten umgeben , nicht immer weise handeln kann . Aber er ist gewiß gut , und wenn du wüßtest , wie mild , wie leutselig er sein kann ! « » Es fehlt nur noch , daß du ihn auch den schönen Herzog nennst « , sagte Georg bitter lächelnd , » du wirst reichen Ersatz finden für den armen Georg , wenn er es der Mühe wert hält , mein Bild aus deinem Herzen zu verdrängen . « » Wahrlich , dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fähig gehalten « , antwortete Marie , indem sie sich mit Tränen des Unmuts , im Gefühl gekränkter Würde abwandte . » Glaubst du denn , das Herz eines Mädchens könne nicht auch warm für die Sache ihres Vaterlandes schlagen ? « » Sei mir nicht böse « , bat Georg , der mit Reue und Beschämung einsah , wie ungerecht er sei , » gewiß , es war nur Scherz ! « » Und kannst du scherzen , wo es unser ganzes Lebensglück gilt ? « entgegnete Marie ; » morgen will der Vater Ulm verlassen , weil der Krieg entschieden ist ; wir sehen uns vielleicht lange , lange nicht mehr , und du magst scherzen ? Ach , wenn du gesehen hättest , wie ich so manche Nacht mit heißen Tränen zu Gott flehte , er möge dein Herz hinüber auf unsere Seite lenken , er möge uns vor dem Unglück bewahren , auf ewig getrennt zu sein , gewiß du könntest nicht so grausam scherzen ! « » Er hat es nicht zum Heil gelenkt « , antwortete Georg , düster vor sich hinblickend . » Und sollte es nicht noch möglich sein « , sprach Marie , indem sie seine Hand faßte und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit , mit der gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah , » sollte es nicht noch möglich sein ? Komm mit uns , Georg , wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem Herzog zuführen . Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten , sagte er oft , er wird es dir hoch anschlagen , wenn du ihm folgst , an seiner Seite wirst du kämpfen , mein Herz wird dann nicht zerrissen , nicht geteilt sein , zwischen jenseits und diesseits ; mein Gebet , wenn es um Glück und Sieg fleht , wird nicht zitternd zwischen beiden Heeren irren ! « » Halt ein ! « rief der Jüngling und bedeckte seine Augen , denn der Sieg der Überzeugung strahlte aus ihren Blicken , die Gewalt der Wahrheit hatte sich auf ihren süßen Lippen gelagert . » Willst du mich bereden , ein Überläufer zu werden ? Gestern zog ich mit dem Heere ein , heute wird der Krieg erklärt und morgen soll ich zu dem Herzog hinüberreiten ? Kann dir meine Ehre so gleichgültig sein ? « » Die Ehre ? « fragte Marie und Tränen entstürzten ihrem Auge ; » sie ist dir also teurer als deine Liebe ? wie anders klang es , als mir Georg ewige Treue schwur . Wohlan ! sei glücklicher mit ihr als mit mir ! Aber möge dir , wenn dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlägt , weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewütet , wenn er dir ein Ehrenkettlein umhängt , weil du Württembergs Burgen am tapfersten gebrochen , möge dir der Gedanke deine Freude nicht trüben , daß du ein Herz brachst , das dich so treu , so zärtlich liebte ! « » Geliebte ! « antwortete Georg , dessen Brust widerstreitende Gefühle zerrissen , » dein Schmerz läßt dich nicht sehen , wie ungerecht du bist . Doch es sei ! daß du siehest , daß ich den Ruhm , der mir so freundlich winkte , der Liebe zum Opfer zu bringen weiß , so höre mich : Hinüber zu euch darf ich nicht . Aber ablassen will ich von dem Bunde , möge kämpfen und siegen wer da will - mein Kampf und Sieg war ein Traum , er ist zu Ende ! « Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des jungen Mannes mit süßem Lohne . » O glaube mir « , sagte sie , » ich fühle , wieviel dich dieses Opfer kosten muß . Aber siehe mir nicht so traurig an dein Schwert hinunter ; wer frühe entsagt , der erntet schön , sagt mein Vater , es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes scheinen . Jetzt kann ich getrost von dir scheiden ; denn wie auch der Krieg sich enden mag , du kannst ja frei vor meinen Vater treten , und wie wird er sich freuen , wenn ich ihm sage , welch schweres Opfer du gebracht hast ! « Bertas helle Stimme , die der Freundin ein Zeichen gab , daß der Ratsschreiber nicht mehr zurückzuhalten sei , schreckte die Liebenden auf . Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tränen und trat mit Georg aus der Laube . » Vetter Kraft will aufbrechen « , sagte Berta , » er fragt , ob der Junker ihn begleiten wolle ? « » Ich muß wohl , wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll « , antwortete Georg ; so teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie gewesen wären , so kannte er doch die strenge Sitte seiner Zeit zu gut , als daß er ohne den Vetter , als Landfremder bei den Mädchen geblieben wäre . Schweigend gingen sie den Garten hinab , nur Herr Dieterich führte das Wort , indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb , daß seine Base morgen schon Ulm verlassen werde . Aber Berta mochte in Georgs Augen gelesen haben , daß ihm noch etwas zu wünschen übrigbleibe , wobei der uneingeweihte Zeuge überflüssig war ; sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig über eine Pflanze , die gerade zu seinen Füßen mit ihren ersten Blättern aus der Erde sproßte , daß er nicht Zeit hatte , zu beobachten , was hinter seinem Rücken vorgehe . Schnell benützte Georg diesen Augenblick , Marien noch einmal an sein Herz zu ziehen , aber das Rauschen von Mariens schwerem , seidenen Gewande , Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus seinen botanischen Betrachtungen ; er sah sich um , und o Wunder ! er erblickte die ernste , züchtige Base in den Armen seines Gastes . » Das war wohl ein Gruß an die liebe Base in Franken ? « fragte er , nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte . » Nein , Herr Ratsschreiber « , antwortete Georg , » es war ein Gruß an mich selbst , und zwar von der , die ich einst heimzuführen gedenke . Ihr habt doch nichts dagegen , Vetter ? « » Gott bewahre ! ich gratuliere von Herzen « , antwortete Herr Dieterich , der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Tränen etwas eingeschüchtert wurde . » Aber der Tausend , das heiß ich veni , vidi , vici ; ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schöne , und habe mich kaum eines Blickes erfreuen können . Und heute muß ich nun gar den Marder selbst herausführen , der mir das Täubchen vor dem Mund wegstiehlt . « » Verzeihe den Scherz , Vetter , den wir uns mit dir machten « , fiel ihm Berta ins Wort , » sei vernünftig und laß dir die Sache erklären . « Sie sagte ihm , was er zu wissen brauchte , um gegen Mariens Vater zu schweigen . Mehr durch die freundlichen Blicke Bertas besänftigt , versprach er zu schweigen , unter der Bedingung , setzte er schalkhaft hinzu , daß sie etwa auch einen solchen Gruß an ihn bestelle . Berta verwies ihm , wiewohl nicht allzu strenge , seine unartige Forderung , und fragte ihn neckend an der Gartentüre noch einmal um die Naturgeschichte des ersten Veilchens , das die Sonne hervorgelockt hatte . Er war gutmütig genug , eine lange und gelehrte Erklärung darüber zu geben , ohne weder durch Mariens leises Weinen , noch durch Georgs klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen . Ein dankender Blick Mariens , ein freundlicher Handschlag von Berta belohnte ihn dafür beim Scheiden , und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen , über den Gartenzaun hin , den Scheidenden nach . VIII Im stillen Klostergarten Eine bleiche Jungfrau ging ; Der Mond beschien sie trübe , An ihrer Wimper hing Die Träne zarter Liebe . L. Uhland Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager . Statt der friedlichen Landleute , der geschäftigen Bürger , die sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach , durch die Straßen gingen , sah man überall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhüten , mit Lanzen , Armbrüsten und schweren Büchsen . Statt der Ratsherren , in ihrer einfachen schwarzen Tracht , zogen stolze Ritter , mit wehenden Helmbüschen , ganz mit Stahl bedeckt , begleitet von einer großen Schar bewaffneter Dienstleute , über die Plätze und Märkte . Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt ; auf einem Anger an der Donau übte Sickingen seine Reiterei , auf einem großen Blachfelde gegen Söflingen hin , pflegte Frondsberg sein Fußvolk zu tummeln . An einem schönen Morgen , etwa drei bis vier Tage nachdem Marie von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte , sah man eine ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen auf jener Wiese versammelt , um diesen Übungen Frondsbergs zuzusehen . Sie betrachteten diesen Mann , dem ein so großer Ruf vorangegangen war , vielleicht mit nicht geringerem Interesse als wir , wenn wir die kaiserlichen oder königlichen Söhne des Mars , die Dienste eines Feldherrn verrichten sahen . Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten Führers das Interesse , das dem ganzen Heere gilt , ja wir meinen oft die Schlachten , von denen uns die Sage oder öffentliche Blätter erzählen , um so deutlicher zu verstehen , wenn wir uns die Gestalt des Heerführers vor das Auge zurückrufen können . So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumut sein , wenn sie ihre engen Straßen verließen , um den Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen . Die Geschicklichkeit , mit der er sein Fußvolk , das sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte , zu geschlossenen Massen vereinigte ; die Schnelligkeit , womit sie sich nach seinem Winke nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare , von Piken und Donnerbüchsen starrende Kreise zusammenzogen ; seine mächtige Stimme , die selbst die Trommeln übertönte , seine erhabene , kriegerische Gestalt , dies alles gewährte ein so neues , anziehendes Bild , daß auch die bequemsten Bürger es nicht scheuten , einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen , und unbeweglich dieses Schauspiel zu genießen . Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen