die mindeste Einwendung gegen meinen Willen erlaubt , wenn ich Anträge abwies , die ich für Dich als unpassend erkannte , indem ich mit meinem wohlerworbnen Golde weder alte Adelsbriefe auffrischen , noch verschuldete Güter einlösen lassen mag . Nun ! des Vaters Seegen erbaut den Kindern Häuser , und auch meiner hat Dir eins gebaut , denn ich habe Dich rufen lassen , um Dir anzukündigen , daß Du endlich die Braut eines würdigen Mannes meines Standes bist , eines Kaufmanns recht nach meinem Herzen , der « - - - » Herr Holm ist im Komtoir , « rief jezt Jemand zur Thür herein . » Herr Holm ! « wiederholte Kleeborn nachdenklich für sich hin , Vicktorine bebte an allen Gliedern . » Es ist gut so , und vielleicht um so besser , « sezte jezt Kleeborn nach kurzem Ueberlegen halblaut hinzu ; dann wandte er sich zu Vicktorinen : » Geschäfte gehen allem vor , mein Kind wie Du weist , doch Du bleibst hier , es ist gleich abgethan , und wir sprechen hernach weiter . « » Lassen Sie den jungen Holm nur herein treten , « sagte er zu dem , der ihn gemeldet hatte . Dieser gieng sogleich , den Befehl zu vollstrecken und nach wenig Sekunden stand Raimund vor Vicktorinen . Sein erster Blick fiel auf sie , er sah sie fast besinnungslos da sitzen und erröthete sichtbar , doch suchte er sich schnell wieder zu fassen , und richtete wirklich seinen Auftrag an Herrn Kleeborn mit möglichster Klarheit aus ; anfangs freilich mit etwas unsicherer , nach und nach aber mit immer fester werdender Stimme . Es war von einer sehr bedeutenden Unternehmung die Rede , zu welcher Holm den Plan entworfen hatte , und zu deren Ausführung Herr Kleeborn mit dem Herrn Fischer zusammentreten wollte . Er gieng darüber mit Raimunden in sehr weitläuftige Unterhandlungen ein , lobte mehrmals die helle , bestimmte Ansicht des jungen Mannes , und betrug sich im Ganzen so freundlich und höflich gegen ihn , daß Vicktorine sich nicht nur allmählig von ihrer Ueberraschung erholte , sondern sogar begann , in ihrem Gemüthe den kühnsten Hoffnungen Raum zu geben . Der Gegenstand des Gesprächs der Beiden war nun erschöpft und Holm machte Miene sich entfernen zu wollen , doch Kleeborn hielt ihn fest . » Ehe Sie gehen , lieber Herr Holm , « sprach er , » will ich Ihnen doch einen Beweis meiner Achtung für Ihre Person geben ; Sie sollen der erste sein , der meiner Tochter als der Braut des Sir Charles Wissmann seinen Glückwunsch bringt . Ihr Bräutigam ist holländischer Konsul in London und der Sohn des berühmten Amsterdammer Hauses dieses Namens , das Ihnen gewis rühmlichst bekannt sein wird . Seit mehr als zehn Jahren bin ich diesem Hause so hoch verpflichtet , daß ich nur auf diese Weise meine Schuld einigermaßen abtragen kann . « Raimund stand jezt unbeweglich und bleich gleich einer Marmorbüste da . Es war ihm als ob bei dieser unerwarteten Anrede die Sinne ihm vergiengen ; auch Vicktorine starrte mit gefalteten bebenden Händen und mit weit offnen Augen athemlos vor sich hin . Sie sprang vom Sofa auf . » Vater ! « rief sie , » Vater , was soll dieser grausame Scherz ? « Die Stimme versagte ihr , sie verstummte , sichtbarlich zitternd vor innerer ängstlicher Bewegung . » Scherz , mein Kind ? « erwiederte Kleeborn mit erzwungnem Gleichmuth , » ei ! ei ! Vicktorine , seit wenn kennst Du mich denn von dieser spashaften Seite ? Daß ich mit ernsten Dingen nicht gewohnt bin zu scherzen , könntest Du doch wissen . Frage nur hier Herrn Holm , das Haus Deines Schwiegervaters in Amsterdam ist ihm gewis bekannt . « » Sie scherzen nicht ? Vater , « rief jezt Vicktorine , sich und alles in ihrer Verzweiflung vergessend . » Sie scherzen nicht ? Und dieser fürchterliche Hohn - o Vater ! ich habe Ihnen ja nichts verschwiegen , Sie konnten mein Herz « - - Kleeborn unterbrach sie . » Mädchenherzen sind Modeartikel , auf die kein vernünftiger und gewis kein solider Mann sich einläßt , « erwiederte er ihr , noch immer sehr gleichmüthig . » Uebrigens , « sezte er hinzu , » will ich hoffen , daß Dein Herz kein rebellisches , sondern ein gehorsames Herz ist , wie es sich für meine Tochter ziemt . Von Deinen Geständnissen aber , die Du mir gemacht haben willst , weis ich kein Wort , und auch Du thust am besten , sie ebenfalls zu vergessen « . » Vater , o mein Vater , « rief Vicktorine ängstlich flehend , » Sie wußten um meine Liebe . Hören Sie auf , mich auf diese Weise zu ängstigen , ich habe Ihnen ja nichts verborgen , und wenn Sie auch Gründe vielleicht hatten , den Namen des Mannes , den ich liebe , nicht von mir nennen hören zu wollen , so konnten Sie ihn aus Raimunds seltnem Entschluß doch errathen ; ja Sie haben ihn errathen ; besinnen Sie sich doch , lieber Vater , Sie haben ihn errathen « - - » Das ich nicht wüßte , « fiel Kleeborn , noch immer sehr kalt und gelassen ein , » ich gab mich nie sonderlich mit Räthseln ab , doch weis ich lange , daß junge Mädchen sich mit eingebildeten Liebesgeschichten die Zeit vertreiben , wenn es mit den Puppen nicht mehr recht fort will , denn jedes Alter will sein Spielwerk . Doch , Du Vicktorine , solltest die Kinderschuhe endlich ausgetreten haben , und ich bitte , daß es von heute an geschehe , wenns nicht schon geschehen ist . « Mit hochfliegender Brust , bleich und stumm vor Entsetzen , stand Vicktorine im gewaltsamen Kampfe ihres Innern da , während ihr Vater sich jezt vornehm höflich an Raimund wandte . » Von Ihnen , Herr Holm , « sprach er zu diesem , » und von Ihrem Verstande hege ich eine zu gute Meinung , als daß ich nicht glauben dürfte , daß Sie von jeher eingesehen haben werden wie weder Ihre jetzige Lage , noch Ihre derzeitigen Vermögensumstände Sie für jezt berechtigen können , auf die Hand eines Mädchens , wie die einzige Tochter von Martin Nicolaus Kleeborn eines ist , Ansprüche zu machen . « Hier wollte Raimund antworten , doch der Alte lies ihn nicht zum Worte . » Ich will Sie mit dieser meiner Aeusserung keinesweges zurücksetzen , lieber Herr Holm , « sprach er noch immer in ziemlich höflichem Tone ; » im Gegentheil , ich kenne Sie als einen sehr soliden und geschickten jungen Mann , der einst gewis noch in der Welt sein Glück machen wird . Viele haben mit weit Wenigerm angefangen als Sie und sind jezt Millionäre . Ihr Glück blüht noch , und wenn ich in Zukunft Ihnen irgendwo dienen kann , soll es gern geschehen , denn ich helfe gern jungen Leuten fort . Aber für jezt - nun Sie wissen es ja auch , künftig ist nicht heut , und man pflückt nicht Blüthen sondern Früchte . « Raimund hatte allmählig während dieses Vorganges seine Fassung wieder errungen . « Je länger Kleeborn sprach , je höher richtete er sich aus seiner vorigen , durch Schrecken und Verlegenheit gebeugten Stellung wieder empor , so daß er zulezt mit fast königlichem Anstande vor seinem Widersacher stand , und ihm so fest ins Auge sah , daß Kleeborn jezt seinerseits dadurch in einige Verlegenheit gerieth und unwillkührlich das Gesicht von ihm abwandte . » Ich weis , wer und was ich bin , und es bedarf keiner Erinnerung von Ihnen , Herr Kleeborn , um mich in den mir gebührenden Schranken zu halten , « erwiederte Raimund jezt , zwar mit gemässigtem , aber dennoch sehr festem , ernsten Tone . » Ja , ich gestehe es , « fuhr er fort , » und ich bin stolz darauf , es Ihnen und der ganzen Welt zu bekennen , daß ich Vicktorinen mehr liebe als mich , als mein Glück , als mein Leben . Doch verstehen Sie mich recht , nur sie liebe ich , nur nach ihrem Besitze strebe ich , nicht nach dem Vermögen ihres Vaters , dessen ich Gottlob nicht zu meinem Glücke bedarf . « » Ich habe Sie ausreden lassen , und erbitte mir die nämliche Gefälligkeit jezt von Ihnen , « setzte Raimund hinzu , da er bemerkte , daß der Alte ihm etwas erwiedern wollte . » Es kann Ihnen nicht unbekannt sein , « fuhr er fort , » daß , wäre ich dem Stande getreu geblieben , zu dem ich erzogen ward , ich die sichre Aussicht hatte , Ihrer Tochter mit meiner Hand ein vielleicht glänzendes , oder doch gewis ein unabhängiges und ehrenvolles Loos bieten zu können . Doch ich verlies diese Bahn , um auf eine Weise zu dem höchsten Ziele meiner Wünsche zu gelangen , die auch Ihnen gefallen , und sogar mit der Zeit Ihnen nützlich werden könnte . Ich wünschte , dem Vater Vicktorinens durch ein nicht unbedeutendes Opfer meine Liebe zu seiner Tochter zu beweisen , und zugleich durch meinen angestrengtesten Fleiß ihm späterhin ein sorgloses , mühloses Alter .... » So ? Ey das ist ja recht schön und lobenswerth , « fiel Kleeborn jezt noch immer ein wenig verlegen ein , - denn das edle feste Benehmen des jungen Mannes imponirte ihm doch einigermassen , und überdem mochten auch Rücksichten auf das eben gesprochene , wichtige Geschäft ihn bewegen , denselben mit einiger Schonung zu behandeln . » Ja sehen Sie « fuhr er daher ziemlich freundlich fort , » das ist wie gesagt recht lobenswerth und schön . Nun Sie werden es mir gewis noch selbst einst verdanken , daß ich so gleichsam die unschuldige Ursache war , Sie auf den rechten Weg zu bringen , denn Sie sind zum Kaufmann geboren . Und wie gesagt , wenn ich gleich Ihre Offerte wegen meiner Tochter diesmal nicht annehmen kann , so bin ich doch stets geneigt , Ihnen in Zukunft mit meinem guten Rath ' oder auch sonst zu dienen , denn wir bleiben doch gute Freunde , da ich von Ihrer Rechtschaffenheit hoffe , daß Sie nicht hinter meinem Rücken etwas unternehmen werden , um mein einziges Kind zum Ungehorsam zu verleiten . « Holm , ohne ihm zu antworten , wandte sich Vicktorinen zu , die , einer Sterbenden ähnlich , in der leidenschaftlichsten Bewegung vergebens nach Athem rang . » Theures , unaussprechlich geliebtes Wesen , « sprach er , und drückte ihre Hand an sein hochschlagendes Herz , Vicktorine , Du Licht meiner Augen , Du Leben meines Lebens , zürne mir nicht , daß ich jezt Deine Freiheit Dir wieder gebe ; ich wollte Dich verdienen , doch erschleichen will ich Dich nicht ; entscheide über Dich selbst und , wenn Du es vermagst , so folge dem Willen Deines Vaters ; laß den Gedanken an mein künftiges Geschick auf Deinen Entschluß keinen Einfluß haben . Dein Glück ist das meine , Dein Bild kann mir niemand rauben , und eine Zukunft giebt es nicht mehr für dieses Herz , das hinfort nur in der Vergangenheit lebt . Ich bleibe Dein , denn ich kann nicht anders , doch Du - - - » Raimund ! Raimund ! « schrie Vicktorine mit konvulsivischer Heftigkeit laut auf ; sie stürzte zum erstenmal sich in seine Arme , an seine Brust , sie umschlang seinen Nacken mit furchtbarer Angstgeberde , und sank dann vor ihrem Vater nieder , dessen Knie sie fest umklammerte . » Vater ! « rief sie , » können Sie mich , Ihr einziges Kind so sehen und nicht sich erbarmen ! können Sie diesen edelsten der Menschen hören und nicht an Ihre Brust ihn schließen , und nicht Gott danken , daß er ihr Sohn sein will ! « » Romanenheldin ! Komediantin ! solche Theaterpossen gehen an mir verloren , « rief der Vater bleich vor Zorn , mit bebenden Lippen , indem er sich los zu machen strebte . » Also auf du und du ? bei Gott das geht weit ! Steh ' auf ! Steh ' auf Vicktorine , Du bist und bleibst Charles Wissmanns Braut , denn ich gab mein Wort , und werde es Deiner Narrheit zu gefallen nicht zum erstenmal in meinem Leben brechen . Und Sie junger Herr - - « » Vollenden Sie nicht , was Sie sagen wollen ! Hören Sie erst meine Erklärung auch , « sprach Raimund mit so festem männlichen Ton , daß Kleeborn sich bewogen fühlte , ihm nachzugeben . » Daß ich nach diesem nicht mehr daran denken kann , Sie durch Bitten erweichen zu wollen , werden Sie mir zutrauen , daß ich mein Glück nicht erschleichen will , wiederhole ich Ihnen nochmals . « » Sie werden also hinfort nicht suchen , meine Tochter heimlich zu sehen ? Sie wollen ihr nicht schreiben ? in Summa , Sie geben alle Ihre Ansprüche auf ? « » Ich habe keine Ansprüche als an ihr Herz , und nur Vicktorine darf hier entscheiden , « erwiederte Raimund . » Ich bin Du , Du bist ich , « rief Vicktorine überlaut und umschlang ihn nochmals . » Lassen Sie mich , mein Vater , « sprach sie mit so wild blitzenden Augen , als dieser eine Bewegung machte , sie von Raimund los zu reissen , daß er erschrocken von ihrer Heftigkeit , zurück fuhr . » Höre mich , Gott , was ich in Gegenwart meines Vaters gelobe , « rief sie , und hob wie zu einem Eidschwur ihre rechte Hand empor . » Ich schwöre Treue , unverbrüchliche Treue diesem Mann . So wie nichts ihn je aus meinem Herzen reissen kann , so soll nichts je mich bewegen , meine Hand einem Andern zu geben . Und nun lebe wohl , « sprach sie , in die höchste Weichheit übergehend , » lebe wohl , mein Glück , meine Jugend , meine Seeligkeit auf Erden ! Raimund ich bin Dein und bleibe es , darum versprich für mich was Du willst , ich werde es halten , denn Du bist meine Seele , meine Tugend , Du bist alles ! Meineid wirst Du auf mich nicht laden wollen , « hauchte sie noch in gebrochenen Tönen hin , und sank wie aufgelöst , in seinen Armen zusammen . » Vicktorine , o meine Vicktorine ! « war alles , was Raimund aus gepreßter Brust hervor seufzen konnte , und Thränen glänzten in seinen Augen , indem er sie aus seinen Armen auf das Sofa niedersinken lies , ihre Hand behielt er fest in der seinen , indem er ihrem Vater sich zuwandte , der jezt , schäumend beinah , in unthätigem Zorn , dabei stand . » Sie hörten die Erklärung Ihrer Tochter , « sprach Raimund mit edlem Anstand ' und gemässigtem Ton ; » Ich habe hier nach Vicktorinens Willen für uns beide zu handeln , und so nehmen Sie denn unser beider heiliges Versprechen , daß wir nicht suchen wollen , uns heimlich weder zu sehen noch zu schreiben , so lange Sie es uns verbieten , denn ich hoffe , daß Ihre Behandlung Vicktorinens mir nicht zur Pflicht machen wird , der Geliebten zu Hülfe zu eilen . Wollen Sie noch mehr ? « » Ihr sollt euch trennen , « schrie Kleeborn , fast unverständlich vor Wuth . » Wir trennen uns , bis ein günstigeres Geschick uns vereint , hier oder dort ! « sprach Raimund mit glänzenden Augen . Fest , aber wehmüthig setzte er noch hinzu . » Sein Sie ruhig , alter Mann , wir sind beide nicht fähig Sie zu betrügen . « Dann küßte er noch einmal Vicktorinens leblose Hand . » Lebe wohl , lebe wohl , auf lange Zeit ! « rief er aus , und verließ das Zimmer . » Und so ist es noch in diesem Augenblick , Tante , « sprach Vicktorine am Ende ihrer Erzählung . » Wir haben Wort gehalten , wir sehen uns nicht , wir schreiben uns nicht , aber die Luft , die mich umweht , bringt mir seinen Gruß , und die Sterne am Himmel sind unsre Vertrauten , denn sie leuchten mir und ihm , ich lese in ihnen , daß er meiner gedenkt , der Abglanz seiner Blicke stralt mir aus ihnen entgegen , das kann mein Vater doch nicht hindern ? Nein so weit reicht nicht seine Gewalt ; aber auch eben so wenig soll sie dahin reichen , mich zwingen zu können , jenem Verhassten meine Hand zu geben , und so auf mein bis jezt schuldloses Gemüth die Sünde des Meineids zu laden . O Tante , sagen Sie ihm nur dieses , wenden Sie Ihre Ueberredungskraft nur dazu an , ihn hiervon zu überzeugen , damit er aufhöre , mich zu zwingen , ihm widerspenstig und pflichtvergessen zu erscheinen , während ich doch nur thue , was ich muß . O nehmen Sie gütig uns Verlassene in Ihren Schutz ! « setzte Vicktorine kindlich flehend hinzu . » Glaubst Du wirklich , es bedürfe Deiner Bitten , damit ich alles , was in meinen Kräften steht , zu Deinem Besten versuche ? « erwiederte freundlich die Tante . » Das Nöthigste wäre freilich erst , auszumitteln , was eigentlich Dein Bestes erfordert , und vor allen Dir beizustehen , damit Du Gewalt genug über Dich gewinnst , um jene Heftigkeit zu mässigen , die spät oder früh Dich ins Verderben stürzen muß . « » Tante , liebe Tante , « fiel Vicktorine ihr ein , » ich bin von Natur nicht heftig , ich war in Raimunds Nähe stets sanft und mild und lenksam wie ein Kind . Aber hier gilt es mehr als mein Leben ! Gewis wenn wir nicht früherem Untergange bestimmt sind , so kommt einst die Zeit , die mich und Raimund hier noch vereint , denn wir beide sind nur zusammen , nur eins durch das andere , alles was wir sein können ! Nehmen Sie mir ihn , und Sie rauben mir nicht nur mein ganzes Erdenglück , Sie rauben mir das Gefühl des Rechts , der Tugend , Sie machen mich zu einem Nichts , und in mir , o mein Gott ! « rief sie mit unendlicher schmerzhafter Geberde , » o mein Gott , in meinem armen unbedeutenden Ich zerstört ihr das grosse schöne Herz meines Freundes ! Wer könnte diesen Mord euch vergeben ! « setzte sie mit strömenden Augen hinzu und verbarg laut weinend ihr Gesicht . In diesem Moment trat Angelika hinein , doch da sie die Beiden so bewegt sah , entfernte sie sich sogleich wieder , um durch ihre Gegenwart nicht störend zu werden . Die Tante sah schweigend ihr nach . » Und wie willst Du denn diese milde liebliche Erscheinung Dir erklären , Vicktorine , « fragte sie endlich ; « darfst Du Deinen Schmerz dem Ihren gleich stellen ? und lebt sie nicht ? lächelt sie nicht zuweilen ! ? und siehst Du nicht sogar in allen ihrem Thun zarte Keime eines neuen , nur anders gestellten Lebens erblühen ? Ach liebes Kind , Glück und Unglück gehen an uns vorüber , nur das Recht , die Pflicht bestehen , und was diese uns gebieten , läßt sich erfüllen . Die Kraft dazu kommt uns , wir wissen nicht wie , obgleich wir es ahnen , und die Bessern unter uns hebt der Schmerz über sich selbst : und veredelt sie , statt sie nieder zu drücken . « » Tante « rief Vicktorine , » um Gotteswillen , nennen Sie Angelikas armes Dasein Leben ? sind denn die Keime neuen Lebens , wie Sie sie nennen , etwas anders , als nimmer aufblühende Knospen , die zu einer Todtenkrone sich flechten wollen ? Können Sie so irren ? Haben Sie nie gelebt ? nie geliebt ? « » Doch wohl vielleicht ! « erwiederte die Tante mit einem leisen Seufzer , und brach für diesen Abend das Gespräch ab . Zu aller ihrer Freunde höchsten Erstaunen , erholte sich Vicktorine unglaublich schnell von dem letzten Stoß , den ihre Gesundheit erlitten hatte . Man schrieb dieses halbe Wunder zwar dem Arzte zu , doch eigentlich war es die Tante , die den Grund dazu legte , theils indem sie der Kranken durch Herrn Müller die beruhigende Gewisheit zu verschaffen wußte , daß von Raimunds Reise nach Odessa nie ernstlich die Rede gewesen sei , theils indem sie den schweren Druck gewaltsam erzwungnen Schweigens von ihr nahm , und ihr erlaubte , alle Gefühle ihres , von Angst und Liebe überströmenden Herzens vor ihr auszuschütten . Im Genuß ihrer freudigen Jugend hatte Vicktorine bis jezt keiner Vertrauten bedurft , und folglich auch keine gefunden , aber sie war auch dabei vom Schicksal zu verwöhnt worden , um den Schmerz ebenfalls allein tragen zu können . So hatte einzig das gewaltsame Zurückdrängen des sie allmächtig beherrschenden Gefühls des Kummers , der Sorge um den Geliebten , sie an den Rand des Grabes gebracht . Jezt aber fand sie in der Tante , was weder die gute , doch beschränkte Virnot , noch eine ihrer Jugendgespielen ihr hatten sein können : eine weise , theilnehmende Freundin , die zwar weit davon entfernt blieb , ihr Benehmen durchaus zu billigen , und dieses sogar mit eindringendem Ernst zuweilen äusserte , die aber doch gern und gelassen sie anhörte . Und für dieses leidenschaftliche Gemüth war das schon eine grosse Erleichterung . Uebrigens übte die Tante durch ihre bloße Gegenwart eine Art magnetischer Kraft an Vicktorinen , die in der That wunderbar und seltsam genug war . Sie widersprach ihr wenig , sie fragte noch weniger , sie hörte sie meistens nur an . Aber der ernste , durchdringende Blick ihres klaren Auges entflammte Vicktorinen zu immer festeren Beschlüssen ; dem stummen Widerspruch , den sie oft in den Zügen ihrer Vertrauten zu lesen glaubte , stellte sie ihre geheimsten Gedanken , ihr verborgenstes Empfinden laut entgegen und so lernte sie erst durch dieses , mit unsichtbarer Gewalt erpreßte Vertrauen sich und ihr Herz klar erkennen , indem sie dadurch über vieles erst zum deutlichen Bewußtsein gelangte , was bis dahin nur wortlos ihrem innern Sinne vorgeschwebt hatte . So kehrte denn nach und nach das gewohnte Leben in den häuslichen Kreis des Kleebornschen Hauses wieder zurück , und der Herr desselben begann schon , dem Zeitpunct freudig entgegen zu sehen , in welchem Ueberfluß , Pracht und rauschende Gesellschaften seine weiten Säle wieder füllen würden . Er kam jezt jeden Abend auf eine Stunde in das Wohnzimmer , wo die Tante mit anmuthiger Sitte und gewohnter Heiterkeit am Theetische waltete , um welchen sich schon zuweilen einige vertraute Freunde versammeln durften ; er sah mit Vergnügen , wie auf Vicktorinens bleichen Wangen die Farbe der Genesung allmählig wieder erblühte , und ihr so lange verdunkeltes Auge wieder im helleren Glanze zu strahlen begann . » Nun , nun , murmelte er dann für sich hin , es geht wie ich dachte , mit der Zeit wird sich alles geben , « und eilte seelenvergnügt dem Spieltische zu , an welchem seine Freunde ihn erwarteten . Eines Abends , an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand , sprach er kurz ehe er fortgieng sehr viel von einem glänzenden Feste , mit welchem er nächstens die völlige Genesung seiner Tochter zu feiern gedachte , und Babet und Agathe arbeiteten dabei wie nach dem Tackt ' an einem neuen Ballputze , den sie nach Angabe der Tante für sich verfertigten . Der Himmel hieng ihnen dabei voll , lauter Walzer spielenden Geigen , und sie sahen schon im Geiste die kleinen Füschen unter der dicken blumenreichen Garnirung des kurzen Kleidchens zierliche Triller schlagen . Angelika ging indessen in liebenswürdiger Geschäftigkeit ab und zu , und suchte jedem , besonders der Tante , nach ihrer Weise etwas Angenehmes zu erzeigen . Der stille Schmerz verklärte dies holdseelige Wesen immer mehr und mehr , und machte es immer freundlicher . Jeder , sogar Herr Kleeborn , fühlte sich von dem eigenthümlichen Wohlwollen , das Angelika Allen bezeigte , zu ihr gezogen , und empfand gleichsam die Verpflichtung , ihr verlornes Glück durch verdoppelte Liebe ihr zu ersetzen , so weit dies möglich war . Das dankbare Gemüth des stillen , freundlichen Mädchens öffnete sich natürlicherweise gern dem tröstenden Einfluße dieser überall ihm entgegen kommenden Neigung , und es faßte wieder Freude am Leben , doch nicht am eignen . In dieses sah Angelika vollkommen , wie in ein fremdes hinein , es war ihr , als gienge sie sich selbst nichts mehr an ; nur im Schmerz oder in der Freude Anderer fühlte sie noch ihr irdisches Dasein und daher war es ihr sehnlichster Wunsch , nur Vicktorinen wieder froh und glücklich zu sehen , deren lebensreiche Natur weder Schmerz noch Entsagung zu tragen wußte . Bald nach Herrn Kleeborns Entfernung ergriff die Tante ein Buch , wie sie jeden Abend zu thun pflegte , um mit ihrer wohlthuenden sonoren Stimme den jungen Mädchen etwas vorzulesen . Sie war Meisterin in dieser Kunst , und die Wahl , die sie unter den vorzüglichsten Dichtern unserer Zeit zu treffen wußte , bezweckte vor allem , das Gemüth ihrer beiden Lieblinge zu beschwichtigen , indem sie den eignen Schmerz im verklärten Lichte der Poesie ihnen zeigte . So öffnete sie zugleich die jungen Herzen jenem beseeligenden Einfluße der Kunst , der ihre Lieblinge weit über irdisches Geschick erhebt , und allein uns lehrt , in stiller Thätigkeit und dennoch duldend , es zu besiegen , und in der eignen Brust einen Himmel uns zu erbauen , den keine Erdenmacht verhüllen darf . Agathe und Babet , die nur den Augenblick mit Ungeduld erwartet hatten , in welchem die Tante ermüdet das Buch wieder hinlegen würde , benutzten jezt diesen , um in ihr Zimmer zu eilen , und sich dort für das erzwungne beschwerliche Schweigen während der Lektüre zu entschädigen , Angelika hingegen holte auf der Tante bittenden Wink ihre Harfe herbei , und hauchte mit süsser leiser Stimme folgendes Lied in den Klang der goldenen Saiten . Sie hatte in einer schönen wehmüthigen Stunde , bald nachdem Ferdinand zur Armee gegangen war , es selbst gedichtet , und Worte und Melodie waren zugleich entstanden . Angelikas Lied Bricht an der Tag mit seinen hellen Lichtern , So flücht ' ich meiner Liebe heil ' gen Schein Vor all ' der bunten , lauten Menge schüchtern In meines Herzens tief verschloßnen Schrein ; Dort ruht er ungesehen , glüht verborgen , Bis daß der Abend kommt ; dies ist sein Morgen . Denn , wenn nun dieser zieht die grauen Schatten , Das Licht sich nach und nach in Dunkel bricht Bis es im letzten Strahle muß vermatten , Wenn Nacht sich um die weiten Himmel flicht , Dann zünde ich im allertiefsten Herzen Ganz still mir an der stillen Liebe Kerzen . Sie leuchten freudig mir in meiner Zelle , Aus herrlicher Vergangenheit herauf ; Sie zeigen auch im Dunkel Hoffnungshelle Mir meiner Zukunft unenthüllten Lauf ; Sie glänzen - gehn die müden Augen schlafen - Als Pharus in des Traumes Wunderhafen . Und diese lichten Träume sollen blühen So lang des Lebens Traum mich noch umfängt ; Sie sollen treu auch dahin mit mir ziehen Wo man zum langen Schlaf ' mich eingesenkt . Nein ! Diese Flammen können nicht vergehen ; An ihnen zündet sich das Auferstehen . Thränen glänzten in den Augen der Zuhörerinnen , als die Sängerin verstummte , doch ihre Augen blieben klar , ihre Züge heiter , indem sie aufstand und schweigend die Harfe wieder hinaus trug . Sobald sie das Zimmer verlassen hatte , warf sich Vicktorine mit überströmendem Gefühl ' in Annas Arme . » Tante , « rief sie , » glauben Sie es nur , ich fühle die stille Lehre , die Sie durch die Gegenwart dieses schon halbverklärten Engels mir geben wollen , aber kann denn die junge Tanne sich schmiegen und beugen wie der Epheu ? liebe , gütige Frau , ich leide in Ihrer Seele wenn ich Ihre Zukunft mir denke , denn ich sehe es , Sie wollen zu der Höhe mich führen , auf welcher Angelika , erhoben in ihrer Demuth , schon steht , und Sie werden zu meinem frühen Grabe mich hinleiten ! « In Thränen schwimmend , verbarg sie jezt ihr Gesicht am Busen der Tante , die , schmeichelnd und liebkosend , sie aufzurichten strebte . » Meine Vicktorine , « sprach sie , » mein geliebtes Kind , glaubst Du denn , ich wisse nicht , wie Schmerz oder Freude auf Jeden , seiner eignen Natur nach , verschieden wirken muß ? oder denkst Du , ich wäre ungerecht genug , Allen Alles zuzumuthen ? da doch das Maaß und die Art unsrer Kraft so verschieden sind ? Nur können wir dieses Maaß nicht eher erkennen , bis wir erprobt haben , wie weit es reicht . Und deshalb thut es mir immer weh , und macht mich sogar zuweilen unmuthig , was es nicht sollte , wenn ich sagen höre : das kann ich nicht , das ist mir unmöglich . Ach , wir können tausendmal mehr , als unsre feigherzige Trägheit uns eingestehen mag , wenn es uns nur mit dem Wollen ein rechter Ernst ist ! Ich spreche aus Erfahrung , liebes Kind ! oder denkst Du wirklich , weil ich jezt alt bin , ich habe nie jugendlich gefühlt , nie jugendlich gelitten , wie Du oder Angelika . ?