vielleicht gewannen , geht gewöhnlich in überhäufter Arbeit und Nahrungssorgen wieder zu Grunde , was sie von geistiger Unterhaltung brauchen , gewähren ihnen die politischen Welthändel , und Abends verlangt der abgemattete Mann nur nach einer guten Suppe , während die Frau ihrerseits auch froh ist , wenn sie die Kinder erst zur Ruhe weiß . « » Meine arme Annette ! « rief Gabriele dazwischen . » Und nun die Frau Basen , die Frau Gevattern , « fuhr Ernesto fort , » von diesen Leuten hat ein hochgebornes Fräulein , wie Sie sind , keinen Begriff . Familienbande sind im eigentlichen Bürgerstande viel fester und dabei weiter umfassend als in dem Ihrigen . Was mit einander in irgend einem Grad von Verwandtschaft steht , muß an Ehrentagen und bei Kaffeevisiten zusammen kommen , da gilt keine Ausnahme . Und nun denken Sie sich die hochgebildete Annette in einer solchen Gesellschaft . Die gelehrte Frau Meisterin , welche französisch und italienisch kann , von den Griechen und Römern zu reden weiß , und dabei vielleicht einmal den Festkuchen verbrennen ließ , wie würde es ihr ergehen ! wie müßte ihr selbst in diesen Umgebungen zu Muthe werden ! und welche Qual wäre es für sie , den ewig unbefriedigten Hang zum Höhern , zum geistig Schönen mit sich herum zu tragen , während sie den ganzen Tag arbeiten müßte , um ihr Hauswesen zu beschicken , und bei noch unerwachsenen Kindern selbst Nachts auf keine sicher ruhige Stunde rechnen könnte . Ihr Mann mag sie noch so herzlich lieben , er mag noch so gut und brav in seiner Art seyn , er wird doch in geistiger Hinsicht immer tief unter ihr stehen , und oft gar nicht wissen , was sie meint , wenn sie von etwas anderm , als dem ganz Alltäglichen mit ihm zu sprechen versucht . « » So sehe ich denn keine Rettung für meine arme Annette , als daß sie immer bei mir bleibt , « rief schmerzlich bewegt Gabriele . » Nichts hat je mein innigstes Mitleid mehr erregt , « fuhr sie fort , » als wenn ich las , wie Jean Paul das vernähte , verwaschne , verkochte Leben der armen Weiber schildert , die nur einmal im sonnenhellen kurzen Tage der Liebe ihr Haupt erhoben , und dann mit beraubtem Herzen auf ewig in die Tiefe versinken . Ich hoffte , es könne in der Wirklichkeit anders seyn , Sie , Ernesto , lehren mich das Gegentheil , ich traue Ihrem erfahrnen , weltklugen Sinn , aber ich möchte darüber weinen , daß der größte Theil meines Geschlechts so elend seyn muß . « » Sie gehen in Ihrem Eifer wieder zu weit , gute Gabriele , « sprach Ernesto , » gerade wie an jenem ersten Abend bei den Tableaus . Erinnern Sie sich noch , wie Sie um einiger unschuldig-boshafter Anmerkungen willen die ganze Gesellschaft für lauter maskirte Tigerkatzen ansahen ? und doch haben Sie jetzt schon gefunden , daß ich Recht hatte , indem ich Sie versicherte , daß jene Leute wirklich so übel nicht sind , und daß sie , ihrer Lust am Medisiren unbeschadet , für Unglückliche nicht nur einen Dukaten in der Hand , sondern sogar eine Thräne im Auge in Bereitschaft halten , wenn man ihnen den Jammer nur recht deutlich zu machen versteht . So wie damals die Verderbniß der Welt , so denken Sie sich jetzt das Unglück , sich nicht auf Ihre Weise des Lebens freuen zu können , wieder viel zu groß . Und nehmen Sie denn die Mutterfreuden , welche eine Handwerkers-Frau eben so gut empfindet als eine Gräfin , für gar nichts ? für nichts das Gelingen in ihrem Hauswesen ? die treuherzige , ehrliche Liebe eines guten , wenn gleich nicht geistig gebildeten Mannes ? Selbst bei Ihrem Jean Paul können Sie des Trostes genug finden ; gegen die eine Stelle , welche Sie anführten , will ich Ihnen zwanzig andere zeigen , wo er die Freuden dieser Frauen an schönen neuen Hauben und Kleidern , an festlichen Gastereien , an einem wohleingerichteten Hausstande eben so wahr schildert , als ihr mühseliges Alltagsleben . Rauben Sie Ihrer Annette nur nicht die Fähigkeit , an dem Glück sich genügen zu lassen , das ihrem Stande gebührt . Entbehrt sie die Freuden höherer Bildung , so entgeht sie auch vielen aus ihr entspringenden Schmerzen , und es ist noch immer nicht entschieden , wohin die Wage sich neigt . « » Soll ich sie denn so ganz ohne allen Unterricht lassen ? « fragte Gabriele . » Lehren Sie sie richtig deutsch schreiben und sprechen , « war Ernestos Antwort , » aber um des Himmelswillen keine fremden Sprachen , die sie nur dazu bringen könnten , sich über ihres gleichen zu erheben . Annette wird in Deutschland leben und sterben , und sollte ein seltenes Geschick sie ins Ausland versetzen , so lehrt Noth nicht nur beten sondern auch englisch und französisch . Lassen Sie ihr artiges Stimmchen mit den Waldvögeln um die Wette singen , aber wie diese , ohne Noten und ohne Guitarre , Mann und Kinder werden sich an ihren Liedern doch ergötzen . Von Alexander dem Großen und seines gleichen braucht sie vollends keine Sylbe zu wissen , um eine thätige , freundliche Hausfrau zu werden , deshalb kann sie aber doch Sonntags manches gute Buch beim Strickstrumpf lesen , das ihren literarischen Horizont nicht übersteigt , und wenn es seyn muß bey Lafontaines rührenden Geschichten ihr bitter-süßes Thränchen weinen , obgleich ich ihr gerade diese am wenigsten anpreisen möchte . « » Aber Annette hat doch so viel Anlagen , « wandte halb besiegt Gabriele ein . » Sie ist auch hübsch und wohlgewachsen , « erwiederte schnell Ernesto . » Wollen Sie sie deshalb in die kostbarsten , feinsten Stoffe kleiden , die eine schöne Gestalt am vortheilhaftesten bezeichnen ? Liebe Gabriele ! « fuhr er fort , » alle Welt schreit jetzt über den alles entnervenden äußern Luxus , in unsrer der höchsten Kraft bedürftigen Zeit , ich aber halte den geistigen Luxus für weit gefährlicher ; mir graut weit mehr , wenn ich die Töchter unsrer wohlhabenden Handwerker in französische Schulen , als wenn ich ihre Mütter in gestickten Kleidern gehen sehe . Schöne Kleider lassen sich allenfalls erwerben und bezahlen , wie aber setzt man ein durch halbes Wissen verdrehtes Köpfchen wieder zurechte ? « » Und doch redeten Sie noch gestern Abend bei der Tante allem Luxus gar sehr das Wort , « wandte lächelnd Gabriele ein . » Das that ich und werde es immer thun , « antwortete Ernesto , » aber nur bei denen , welche Zeit und Geld genug dazu haben . Alles , was wir zu besitzen streben , ohne es zu brauchen , ist Luxus , aber in unsern Tagen ist vieles Bedürfniß geworden , was noch vor dreißig Jahren Luxus war . Auch sprach ich jetzt gar nicht vom äußeren Luxus , denn jedes Kind weiß , daß wir ohne ihn wieder zum eichelnessenden Naturzustande unsrer Vorfahren herabsänken . Ich spreche vom innerlichen , geistigen , den sollen und müssen die Reichen freilich treiben . Was würde sonst aus Autoren , Verlegern und aus Künstlern , wenn niemand ein Buch oder ein Kunstwerk kaufte , als wer Freude und Genuß davon hat ? Sehen Sie nur ihre Tante an , die treibt den rechten geistigen Luxus , und ich kann sie darum nicht genug loben und ehren , denn sie hat Geld und Zeit im Ueberfluß . Für sich bedarf sie weder Bücher noch Kunstwerke , weder Gelehrte noch Künstler zum Umgange , im Gegentheil sie sind ihr alle recht lästig , dennoch kauft sie die erstern , bereitet den zweiten ein angenehmes Daseyn , und ahnet nicht einmal , wie viel Gutes sie damit stiftet . Aber eine Frau des arbeitenden Mittelstandes darf ihr das nicht nachthun . Wenn eine solche Bildchen malt , Guitarre spielt und Lektüre treibt , so verschwendet sie wenigstens die Zeit , welche ihrem Haushalt gehört , und oft köstlicher als Gold ist ; obendrein bereitet sie sich eine traurige Existenz , weil sie gegen ihren , ihr bestimmten Kreis anstrebt , von welchem sie sich doch nicht losreißen kann . Darum , liebe Gabriele , bitte ich Sie nochmals , versuchen Sie es nicht , aus einer niedlichen Wiesenblume eine Prachtpflanze zu ziehen , die in dem rauhen Klima zu Grunde gehen müßte , in welchem sie in ihrem natürlichen Zustande recht ergötzlich blüht ! Lehren Sie Annetten weder französisch noch italienisch , und sagen Sie ihr kein Wort mehr von Alexander dem Großen . « Gabriele versprach endlich , ihrem erfahrnen Freunde zu folgen , obgleich mit innerm Widerstreben , denn er hatte nur ihren Verstand aber nicht ihr Gemüth besiegt ; obendrein erschwerten ihr sowohl Annettens Eitelkeit , als ihre wirkliche Lust am Lernen diesen Entschluß , aber sie blieb ihm treu , nicht nur weil sie es versprochen hatte , sondern auch weil sie einsah , daß es wirklich so besser sey . Ottokar blieb noch immer Gabrielens Hausgenosse . Als den Sohn eines entferntlebenden , aber mit ihrem Gemahl innigst verbunden gewesenen Freundes , hatte die Gräfin Rosenberg ihn dringend eingeladen , in ihrem sehr geräumigen Hause bei ihr zu wohnen , so lange er in der Stadt verweilen mußte , in welcher er seine nahe Anstellung zu einem Gesandtschaftsposten erwartete . Aus den wenigen zu seinem dortigen Aufenthalt bestimmt gewesenen Wochen wurden Monate , ohne daß weder er noch seine gastlichen Freundinnen es zu bemerken schienen . Ottokar befand sich zu wohl in ihrer Nähe , um über dieses Zögern der Entscheidung seines Schicksals in Ungeduld zu gerathen . Die Gräfin sowohl als Aurelia hatten ebenfalls ihre eignen triftigen Gründe , ihn gerne bei sich zu sehen , und so lebten alle drei in großer Zufriedenheit neben einander hin , ohne die Tage zu zählen . In der ersten Zeit sah Gabriele Ottokarn weit seltner , als sie es im Stillen gehofft und gefürchtet hatte , denn der geselligen Abende im Hause ihrer Tante gab es jetzt sehr wenige . In großen Städten tritt zwar nie eine gänzliche Ebbe der Vergnügungen ein , aber oft eine alles mit sich fortreißende Fluth , während welcher Feste an Feste sich reihen , und die Zahl der Tage für alle kaum hinreichen will . Solch eine Fluth fiel gerade in die Zeit , wo Gabriele noch nicht öffentlich erschien . Bälle , große Soupers , auffallende theatralische Neuigkeiten zogen die Gräfin und ihre Tochter an jedem Abende aus dem Hause , ohne ihnen Zeit für ihre eignen Zirkel zu lassen , und auch Ottokar ward von dem Strome mit fortgerissen . Gabrielen entging dadurch jede Gelegenheit , ihn anders als an der Mittagstafel zu sehen , und auch an dieser vermißte sie ihn oft . Sowohl seine persönliche Liebenswürdigkeit , als seine äußern Verhältnisse zogen ihm vielfältige Einladungen in andern Häusern zu , und die Gräfin hielt ihn nie davon zurück , solche anzunehmen . Sie blieb auch in Hinsicht seiner ihrem Systeme treu : keinen ihrer Gäste in seiner Freiheit zu beschränken , denn Erfahrung hatte sie gelehrt , daß dieß der sicherste Weg sey , sie immer fester an sich zu binden . Mit gewaltigem Herzklopfen hörte Gabriele jedesmal die Stunde schlagen , welche sie in den Speisesaal rief ; ihre sonst ziemlich überwundne ängstliche Blödigkeit kehrte dann mit verdoppelter Gewalt zurück , und nur heimlich wagte es ihr Blick , unter den Anwesenden nach Ottokar zu suchen . Stumm und traurig nahm sie ihren Platz ein , wenn er abwesend war ; die Unterhaltung rauschte unbeachtet an ihr vorüber , und nur Aureliens lustiger Uebermuth versuchte es zuweilen , sie hinein zu verflechten . Die Uebrigen , mit Stadtgesprächen beschäftigt , schienen fast gar nicht sie zu bemerken . Ohnehin war die Gesellschaft nie zahlreich , die Gräfin liebte keine Diners , sie schimmerte lieber bei Kerzenschein , und auch Ernesto war ein seltner Gast an ihrem Tische . Ganz anders aber gestaltete sich die Unterhaltung , wenn sie durch Ottokars Gegenwart belebt ward . Mit Entzücken sah dann Gabriele , wie alles in seiner Nähe sich veredelte , wenn sie auch dabei bald hochroth erglühte , bald blüthenweiß erblaßte , und ihr Herz sich zitternd in ihrer Brust bewegte . Es konnte ihr nicht entgehen , daß Alle strebten , sich vor ihm vom Gemeinen entfernt zu halten , und ihn offenbar als den Ersten unter sich anerkannten , obgleich er mit der anspruchlosesten Bescheidenheit sich über keinen zu erheben suchte . Sein Platz an der runden Tafel zwischen der Gräfin und Aurelien war dem von Gabrielen gerade gegenüber . Ihr entging fast kein einziges seiner Worte , und wenn er im Gespräch sich gegen seine Nachbarinnen wendete , so konnte sie dem freundlichen Strahlen seiner Augen , dem anmuthigen Spiel seiner Gesichtszüge zusehen , ohne daß jemand es bemerkte . Oft wünschte sie recht sehnlich , daß er auch an sie mit freundlichen Worten sich wenden möge , und wenn er es that , so raubte süßes Erschrecken ihr den Athem zur Antwort . Ottokar konnte nicht umhin , ihre ewige Verlegenheit zu bemerken , er sah , daß sie auch mit den übrigen Anwesenden nur dann sprach , wenn sie gefragt ward , und immer in möglichst wenigen Worten . Er schrieb ihr Benehmen einzig der unüberwindlichen Furchtsamkeit zu , die er an einem so jungen , in der tiefsten Einsamkeit erzogenen Mädchen sehr natürlich fand , und begnügte sich endlich , aus Mitleid mit ihrer Angst , sie nur mit einem freundlichen Lächeln zu begrüßen , ohne sie ferner durch Anreden in Verlegenheit zu setzen . Gabriele bemerkte dieß , ohne zu wissen , ob sie sich darüber freue oder betrübe . Immer mehr verstummte sie in seinem Beiseyn und strebte nur , nichts von dem zu verlieren , was er zu den Uebrigen sprach . Ihr war dabei , als ob er dennoch nur sie damit meine , als wenn nur sie den Sinn seiner Rede vollkommen verstünde , weil nur sie so an jedem seiner Worte hing , denn die andern konnten doch manches zuweilen achtlos überhören . Jeder seiner Gedanken war wie aus ihrer tiefsten Seele herausgesprochen , bei jedem vorkommenden Gegenstande fühlte sie im voraus , wie er sich darüber äußern würde , und doch war und blieb sie die Einzige , zu der er niemals mit Worten sich wendete . Träfe er mich nur einmal im Zimmer allein ! dann müßte er doch zu mir reden , ich hätte gewiß dann auch den Muth , ihm zu antworten , und alles wäre anders ! So dachte sie oft , während alles blieb wie es war . Auch wußte sie nicht , was denn eigentlich anders werden solle . Ihre Wünsche , ihre Hoffnungen schwammen formlos vor ihrem sonst so klaren Sinn , aber tief in ihrem Gemüth herrschte eine unaussprechliche Sehnsucht nach jenem seligen Moment , ohne daß ihr nur von ferne der Gedanke kam , ihn auf irgend eine Weise herbeiführen zu wollen . Keiner von denen , welche sie kannte , schien ihr würdig , an Ottokars Seite zu stehen , selbst Ernesto nicht , in deßen hellem , scharfem Blick sie die milde Güte oft vermißte , durch welche Ottokar ihr vor Allen liebenswerth erschien , und so stieg dieser nach jedem Wiedersehen immer höher in ihrer Verehrung , und ihr Anerkennen seines seltnen Werthes ward immer demüthiger . In ihrem einsamen Zimmer rief sie sich jedes seiner Worte , jede seiner Bewegungen zurück , aber sie vermochte es nie , vor andern seinen Namen zu nennen , selbst nicht vor der sich immer fester an sie schließenden Auguste von Willnangen . Es betrübte sie , sie schalt sich undankbar , wenn es ihr unmöglich war , das herzliche Vertrauen im gleichen Maaß zu erwiedern , mit welchem diese , mädchenhaft traulich , sie auf den tiefsten Grund ihres Herzens blicken ließ . Aber sie war an das Leben mit einem Wesen gewöhnt , das ohne Worte sie verstand , und dessen jetzt ruhendes Herz sonst mit dem ihrigen in stetem Einklange schlug , wie zwei gleichgestimmte Saiten , die nur eines Hauches bedürfen , um zugleich im nämlichen Tone zu erbeben . Es blieb ihr unbegreiflich , daß nicht Ernesto , Frau von Willnangen , deren Tochter , daß nicht alle nur von Ottokar sprachen , daß sie ihn nicht alle als den Einzigen , Seltnen laut anerkannten , wie er ihr schon beim ersten Anblick auf der Reise erschienen war . Aber da jedermann schwieg , so verstummte auch sie . Nur in der stillen Nacht ergoß sich ihr volles Herz in dem Tagebuche , welches sie schon früh zu führen gewöhnt worden war , und in welchem sie von jeher alles Merkwürdige aus ihrem äußern und innern Leben oft nur in kurzen Sätzen niederschrieb . Oft glaubte sie bei dieser einsamen Beschäftigung , die beseligende Nähe des Geistes ihrer Mutter zu fühlen , der ihrer Ueberzeugung nach , als schützender Engel sie umschwebte . Dann redete sie die Mutter als noch lebend an , ihr und den Blättern ihres Tagebuchs vertraute sie allein das glühende Gefühl , welches sie jetzt allmächtig beherrschte , dem sie immer wehrloser sich hingab , weil sie es nicht erkannte . Ottokar ward gar bald durch das Schreiben von ihm zum Geschöpf ihrer jugendlichen Fantasie , zu einem himmlischen Gebilde ; er stand in einer Glorie vor ihrem Sinne , zu welcher sie ihm selbst die Strahlen lieh , ohne sich dessen bewußt zu werden . Alles , was wir in der Einsamkeit dem Papier vertrauen , übt dadurch tausendfache Gewalt an uns , Liebe , Freude , vor allem der Schmerz . Wir selbst schärfen bei dieser stillen Beschäftigung jeden Stachel des Lebens , wir drücken ihn immer tiefer in das wunde Herz , während wir uns alles verhehlen , was ihn sänftigen könnte . Und so kommen wir bald dahin , in fruchtlosem Mitleid mit uns selbst zu vergehen , und kein Strahl aus der helleren Wirklichkeit erleuchtet mehr die sternlose Nacht , die wir selbst immer dichter und dichter um uns und unser Geschick ziehen . So war es auch mit Gabrielen ; aber keiner von den Wenigen , die an ihr Theil nahmen , konnte vor dieser Gefahr sie warnen , denn allen blieb sogar das Daseyn ihres Tagebuchs ein Geheimniß und mußte seiner Natur nach es bleiben . Alle Abende , an denen Feste und Lustbarkeiten ihre Hausgenossen entfernt hielten , brachte Gabriele bei der Frau von Willnangen zu . Das Gefühl , mit welchem die edle Frau zuerst der Tochter Augustens entgegen kam , hatte sich bald in wahrhaft mütterliche Liebe zu dem verwaisten Mädchen umgewandelt , und oft betrachtete sie es mit ängstlicher Sorge . Ihrem tief eindringenden Blick entging es nicht , daß Gabriele von einer einzigen , vielleicht ihr ganzes künftiges Daseyn bestimmenden Empfindung beherrscht ward , aber vergebens strebte sie , den Gegenstand ihrer jugendlichen Neigung zu entdecken , denn bis jetzt hatte sie in Ottokars Gegenwart sie fast nie gesehen , auch kannte Frau von Willnangen Letztern ohnehin nur oberflächlich , da er so ganz zu den nächsten Umgebungen der Gräfin Rosenberg gehörte . Ahnendes Vorgefühl ließ sie wenig Erfreuliches für Gabrielens Zukunft hoffen , desto fester aber begründete sich der Vorsatz in ihrem Gemüth , dieses so vereinzelt und hülflos dastehende anmuthige Wesen in keinem des Trostes bedürfenden Moment zu verlassen , und bei Gabrielen , wie ehemals bei Ferdinand , an die Stelle der früh verklärten Auguste zu treten , so viel die Möglichkeit dieß erlaubte . Im nähern Umgang mit ihrer welterfahrnen Freundin ward Gabrielens Blick in das Leben allmählich immer mehr erweitert . Blieb sie allein mit ihr und Augusten , so verlebte sie Abende , während welchen sie sich in ihre frühere Zeit auf Schloß Aarheim wieder versetzt glaubte . Musik , gemeinschaftliches Lesen , vertraulich heitres Gespräch und Uebung mancher weiblichen Kunst liehen den Stunden dann Flügel . Oft aber erweiterte sich auch der kleine Kreis durch das Hinzukommen mehrerer Freunde der Frau von Willnangen , und freie , frohe Mittheilung belebte dann die kleine Gesellschaft . Gabriele fühlte sich in ihr weit heimischer als im Hause ihrer Tante , aber sie vermochte es doch noch nicht , ihr zurückhaltendes Wesen im Beiseyn Mehrerer ganz abzulegen , und blieb darum gewöhnlich nur eine stumme , wenn gleich fröhlich theilnehmende Zuhörerin . So verging der Anfang des Winters ; immer näher kam das neue Jahr , welches bestimmt war , Gabrielen diesen stilleren Freuden zu entreißen , um sie in größere Zirkel einzuführen . Sie sah ihm deshalb mit bangem Widerstreben entgegen . Eines Abends ward die Gesellschaft weit größer und glänzender als gewöhnlich , viele , die sonst mitten im Geräusch lebten und selten Frau von Willnangen besuchten , traten nach und nach in ihr Zimmer , denn ein ungewöhnlich spät anfangender Ball ließ ihnen zufällig den Abend frei , und sie benutzten diese Gelegenheit , sich vorher hier zu versammeln , wo sie die Frau vom Hause immer zu finden gewiß waren . Unter mehreren Personen , welche Gabriele schon im Hause ihrer Tante gesehen hatte , erkannte diese vorzüglich die Gräfin Eugenia und den jungen Mann , welcher den Antonius vorgestellt hatte ; ganz zuletzt kam auch Ernesto hinzu und mit ihm Ottokar . Frau von Willnangen wurde Gabrielens Erschrecken bei Ottokars Eintritt , ihr hohes Erröthen und eben so plötzliches Erbleichen gewahr , und das bis dahin vergebens gesuchte Geheimniß des jungen Herzens lag nun entschleiert vor ihrem Blick . Ihre Ansicht von Gabrielens Zukunft klärte sich auf , denn ohne Ottokarn genau zu kennen , wußte sie doch genug von ihm , um ihn günstig zu beurtheilen . Zum erstenmal fiel es ihr ein , daß er und Gabriele in einem Hause lebten ; daß die ihr eigne Liebenswürdigkeit bei diesem steten Zusammenseyn sich ihm offenbaren müsse ; und daß auch er von ihr sich bald mächtig angezogen fühlen würde , schien ihr gewiß . Sie beschloß daher , von nun an Ottokarn genauer zu beobachten , und keine Gelegenheit dazu entschlüpfen zu lassen . Der Gedanke , Gabrielen recht bald unter dem Schutz , am liebenden Herzen eines edlen Mannes zu sehen , war ihr zu tröstend , zu erfreulich , als daß sie sich nicht hätte geneigt fühlen sollen , auf das Thätigste dazu mitzuwirken , sobald die Gelegenheit sich darbot . Fürs erste aber wollte sie sich auf bloßes Bemerken beschränken . Das Gespräch wandte sich diesen Abend sehr bald wieder auf die Tableaus bei der Gräfin Rosenberg . Als die ersten und bis jetzt einzigen , welche man hier gesehen hatte , waren diese Darstellungen noch unvergeßlich , und in den Gesellschaften ward viel herüber und hinüber , preisend und tadelnd , darüber gesprochen . Gräfin Eugenia fand es seit jenem Feste für gut , überall so wie hier , als die erklärteste Widersacherin dieses neuen geselligen Vergnügens aufzutreten . » Ich war herzlich froh , « sprach sie , » als ich einen schicklichen Vorwand ersonnen hatte , mich von der Theilnahme davon loszumachen . Nie hätte ich es ausgehalten ; mich bewegungslos von mehr als hundert Augen anstarren zu lassen , dazu gehört ein Grad von Muth , welchen ich mich wenigstens nicht rühmen darf zu besitzen . « » Und doch waren Sie so gütig , uns auf unserm Privattheater recht oft durch ihre Erscheinung zu entzücken , « wandte mit einer höflichen Verbeugung der Antonius jenes Abends ein . » Das ist ja ganz etwas anderes , « erwiederte Eugenia , » dort auf den Bretern bin ich nicht mehr ich , die Dichtung , die Kunst reißen mich hin , ich sehe die Zuschauer und ihre Blicke nicht mehr . Ueberdem gehört ein gewisses Talent dazu , um auf der Bühne aufzutreten ; aber schön geputzt einige Minuten bewegungslos dastehen , kann jedes Gänschen vom Lande , wenn es nur hübsch ist . « » Vor allen Dingen ist der hohe Grad von Eitelkeit und Leichtsinn wohl zu erwägen , welcher dazu gehört , sich in fantastischer , oft unanständiger , ja sogar heidnischer Kleidung zur allgemeinen Bewunderung hinzustellen , « sprach langsam bedächtig ein Fräulein Silberhain . Diese junge Dame stand schon seit einiger Zeit auf der zweiten Gränze ihres Lebensfrühlings . Früher war sie eine Naturphilosophin , jetzt wandte sie sich zur Frömmigkeit , weil diese moderner ist , aber sie hatte Schelling und Thomas a Kempis in ihrem Köpfchen noch nicht recht zu einigen gewußt , und warf daher Redensarten aus beiden im Gespräch verwirrt und wunderlich durcheinander . Uebrigens hing ein fein gearbeites Kruzifix an einer goldenen Kette von ihrem Halse herab , ein zweites krümmte sich sehr widerwärtig zu einem Ringe an ihrer Hand , und ihre gemessenen Worte drängten sich mühsam durch die kaum geöffneten , fast regungslosen Lippen . » Ich begreife nicht wie man um so nichtigen Zweck seine Identität zu opfern vermag , « fuhr Fräulein Silberhain in ihrer Rede fort , » wie kann ein in seinen tiefsten Tiefen vom Höchsten erfülltes Gemüth so ganz dieses vergessen und dem prunkenden Schimmer irrdischer Vergänglichkeit huldigen ! Die Stille des Gemüths , das beseligende Gefühl dessen , was unser Eins und Alles seyn soll , müssen ja in der aus Tand und flüchtigen Glanz entstehenden Verblendung auf lange von uns weichen , und der verirrte Sinn braucht vielleicht viele Monate , ehe er wieder zur anschauenden Klarheit gelangt . « » Hätte ich nur einen recht schönen türkischen Shawl gehabt , ich wäre für mein Leben gern dabei gewesen , wenn ich auch nur ein ganz unbedeutendes Nebenpersönchen hätte vorstellen sollen ; und was wetten wir ? mein frommes , gelehrtes Schwesterchen würde sich unter dieser Bedingung auch wohl dazu haben bewegen lassen , « rief überlaut das sehr junge Fräulein Fanny Silberhain , indem es sich lachend hinter Gabrielen vor den zürnenden Blicken der viel ältern Schwester verbarg . » Allerdings , « sprach ein ansehnlicher , schwarz gekleideter Mann , » allerdings wüßte ich wenigstens keine beßre Gelegenheit , um sowohl jene kostbaren Hüllen als überhaupt alle Pracht der Gewänder und auch körperliche Vorzüge ins schönste Licht zu stellen , als solche Tableaus . Bei Maskeraden verlieren die ausgesuchtesten Masken sich im Gewühl , und obendrein verhüllen die häßlichen Larven das Gesicht , hier aber wird uns der ungestörteste Genuß der Anschauung des Schönen , verbunden mit der aesthetischen Freude an dem Kunstwerk , welches , gleichsam ins Leben gerufen , vor uns tritt . « » Echte Freude an der Kunst ist allemal religiös , hier aber , Herr Professor ! sehe ich nur die traurige Erscheinung ungebändigten Weltsinns und unverhüllter Eitelkeit , « sprach , sanftmüthig zürnend , das Fräulein mit dem Kruzifix . » Erlauben Sie indessen , meine Gnädige ! « erwiederte der Professor , » daß ich Sie daran erinnere , wie untrennbar die Neigung zur Eitelkeit von jeder höhern Natur ist , die man die organische zu nennen pflegt ; bemerkt man sie doch sogar an einigen der edleren Thiergattungen . Sie ganz ausrotten zu wollen , wäre eben so vergeblich als schädlich , so wie alles , was gegen die Natur anstrebt . Es ist vielleicht unschicklich , hier den nackten Wilden als Beweis , wie tief der Hang zum Putz in unserem Wesen liegt , anzuführen , der sich tattowirt und mit grellen Farben bemalt um sich zu verschönern , aber blicken Sie nur um sich her , Sie finden bei Reichen und Armen dasselbe , nur anders gestaltet . Daß man sich , schön geschmückt , auch Andern gerne zeigt , ist ebenfalls natürlich und war es vom Anbeginn der Welt . Damals , als Weichlichkeit und Prachtliebe das alte Rom seinem Untergange näher führten , war es unter den vornehmen Römerinnen gebräuchlich , sich , wenn sie einander besuchten , nicht nur auf das herrlichste zu schmücken , sondern sich auch durch ihre Sklavinnen mehrere reiche Gewänder und Schmuck nachtragen zu lassen , die sie im Hause der den Besuch empfangenden Dame alsdann sich anlegen ließen , wie Sie alle , meine Gnädigen , aus der weltberühmten Anekdote der Mutter der Grachen längst wissen werden . Man behauptet , daß diese Sitte auch unter den , allen männlichen Augen verborgen lebenden , vornehmen Frauen des Orients noch heut zu Tage im Schwange sey . Aber wie ärmlich , wie unbequem , wie ungraziös selbst erscheint diese Art von Schaustellung gegen eine Reihe von Tableaus , welche die glücklichste Wahl unter den Kostüms aller Völker , aller Jahrhunderte frei lassen . Die Pracht der Steine und der Gewänder erscheint in ihnen nur als das begleitende Attribut der Schönheit , des geistreichen Ausdrucks und der anmuthigsten Stellungen , und wir können es in der That der Gräfin Rosenberg nicht genug verdanken , daß sie mit diesem erhöhten Genuß uns bekannt machte . « » In welchen wunderlichen Zeiten leben wir ! ein Professor muß gegen Damen die Eitelkeit in Schutz nehmen ! « rief ein alter Herr . » Mich dünkt , wir leben in einer in dieser Hinsicht recht verständigen Zeit , in welcher man endlich einmal aufhört , die Frauen allein eines Fehlers zu beschuldigen , den ich am liebsten eine Tugend nennen möchte , « erwiederte schnell Ottokar . » Wir Männer mögen uns noch so weise anstellen , « fuhr er lächelnd fort , » wir sind eben so wenig frei von ihm als die Frauen , und ich danke Gott dafür . Der Hang zum Gefallen erscheint mir als die Würze des geselligen Lebens , als die Wurzel aller seiner Freuden und Tugenden , die ohne ihn zu Grunde gehen müßten . Man thäte