Zusammen besorgten sie die häuslichen Dinge , und hier ließ sich das gute Kind öfters bis zur Handarbeit herunter und wußte sich gleich darauf in alles zu schicken , was höhere Anordnung und Berechnung erheischte . In kurzer Zeit stellte sie eine Ordnung her , die wir bis jetzt im Schlosse gar nicht vermißt hatten . Sie war eine sehr verständige Haushälterin ; und da sie damit angefangen hatte , bei uns mit an Tafel zu sitzen , so zog sie sich nunmehr nicht etwa aus falscher Bescheidenheit zurück , sondern speiste mit uns ohne Bedenken fort ; aber sie rührte keine Karte , kein Instrument an , als bis sie die übernommenen Geschäfte zu Ende gebracht hatte . Nun muß ich freilich gestehen , daß mich das Schicksal dieses Mädchens innigst zu rühren anfing . Ich bedauerte die Eltern , die wahrscheinlich eine solche Tochter sehr vermißten ; ich seufzte , daß so sanfte Tugenden , so viele Eigenschaften verlorengehen sollten . Schon lebte sie mehrere Monate mit uns , und ich hoffte , das Vertrauen , das wir ihr einzuflößen suchten , würde zuletzt das Geheimnis auf ihre Lippen bringen . War es ein Unglück , wir konnten helfen ; war es ein Fehler , so ließ sich hoffen , unsere Vermittelung , unser Zeugnis würden ihr Vergebung eines vorübergehenden Irrtums verschaffen können ; aber alle unsere Freundschaftsversicherungen , unsre Bitten selbst waren unwirksam . Bemerkte sie die Absicht , einige Aufklärung von ihr zu gewinnen , so versteckte sie sich hinter allgemeine Sittensprüche , um sich zu rechtfertigen , ohne uns zu belehren . Zum Beispiel , wenn wir von ihrem Unglücke sprachen : Das Unglück , sagte sie , fällt über Gute und Böse . Es ist eine wirksame Arzenei , welche die guten Säfte zugleich mit den üblen angreift . Suchten wir die Ursache ihrer Flucht aus dem väterlichen Hause zu entdecken : Wenn das Reh flieht , sagte sie lächelnd , so ist es darum nicht schuldig . Fragten wir , ob sie Verfolgungen erlitten : Das ist das Schicksal mancher Mädchen von guter Geburt , Verfolgungen zu erfahren und auszuhalten . Wer über eine Beleidigung weint , dem werden mehrere begegnen . Aber wie hatte sie sich entschließen können , ihr Leben der Roheit der Menge auszusetzen , oder es wenigstens manchmal ihrem Erbarmen zu verdanken ? Darüber lachte sie wieder und sagte : Dem Armen , der den Reichen bei Tafel begrüßt , fehlt es nicht an Verstand . Einmal , als die Unterhaltung sich zum Scherze neigte , sprachen wir ihr von Liebhabern und fragten sie : ob sie den frostigen Helden ihrer Romanze nicht kenne ? Ich weiß noch recht gut , dieses Wort schien sie zu durchbohren . Sie öffnete gegen mich ein Paar Augen , so ernst und streng , daß die meinigen einen solchen Blick nicht aushalten konnten ; und sooft man auch nachher von Liebe sprach , so konnte man erwarten , die Anmut ihres Wesens und die Lebhaftigkeit ihres Geistes getrübt zu sehen . Gleich fiel sie in ein Nachdenken , das wir für Grübeln hielten und das doch wohl nur Schmerz war . Doch blieb sie im ganzen munter , nur ohne große Lebhaftigkeit , edel , ohne sich ein Ansehn zu geben , gerade ohne Offenherzigkeit , zurückgezogen ohne Ängstlichkeit , eher duldsam als sanftmütig , und mehr erkenntlich als herzlich bei Liebkosungen und Höflichkeiten . Gewiß war es ein Frauenzimmer , gebildet , einem großen Hause vorzustehn ; und doch schien sie nicht älter als einundzwanzig Jahre . So zeigte sich diese junge , unerklärliche Person , die mich ganz eingenommen hatte , binnen zwei Jahren , die es ihr gefiel bei uns zu verweilen , bis sie mit einer Torheit schloß , die viel seltsamer ist , als ihre Eigenschaften ehrwürdig und glänzend waren . Mein Sohn , jünger als ich , wird sich trösten können ; was mich betrifft , so fürchte ich , schwach genug zu sein , sie immer zu vermissen . « Nun will ich die Torheit eines verständigen Frauenzimmers erzählen , um zu zeigen , daß Torheit oft nichts weiter sei als Vernunft unter einem andern Äußern . Es ist wahr , man wird einen seltsamen Widerspruch finden zwischen dem edlen Charakter der Pilgerin und der komischen List , deren sie sich bediente ; aber man kennt ja schon zwei ihrer Ungleichheiten , die Pilgerschaft selbst und das Lied . Es ist wohl deutlich , daß Herr von Revanne in die Unbekannte verliebt war . Nun mochte er sich freilich auf sein funfzigjähriges Gesicht nicht verlassen , ob er so schon frisch und wacker aussah als ein Dreißiger ; vielleicht aber hoffte er , durch seine reine , kindliche Gesundheit zu gefallen durch die Güte , Heiterkeit , Sanftheit , Großmut seines Charakters ; vielleicht auch durch sein Vermögen , ob er gleich zart genug gesinnt war , um zu fühlen , daß man das nicht erkauft , was keinen Preis hat . Aber der Sohn von der andern Seite , liebenswürdig , zärtlich , feurig , ohne sich mehr als sein Vater zu bedenken , stürzte sich über Hals und Kopf in das Abenteuer . Erst suchte er vorsichtig die Unbekannte zu gewinnen , die ihm durch seines Vaters und seiner Tante Lob und Freundschaft erst recht wert geworden . Er bemühte sich aufrichtig um ein liebenswürdiges Weib , die seiner Leidenschaft weit über den gegenwärtigen Zustand erhöht schien . Ihre Strenge mehr als ihr Verdienst und ihre Schönheit entflammte ihn ; er wagte zu reden , zu unternehmen , zu versprechen . Der Vater , ohne es selbst zu wollen , gab seiner Bewerbung immer ein etwas väterliches Ansehn . Er kannte sich , und als er seinen Rival erkannt hatte , hoffte er nicht , über ihn zu siegen , wenn er nicht zu Mitteln greifen wollte , die einem Manne von Grundsätzen nicht geziemen . Dessenungeachtet verfolgte er seinen Weg , ob ihm gleich nicht unbekannt war , daß Güte , ja Vermögen selbst , nur Reizungen sind , denen sich ein Frauenzimmer mit Vorbedacht hingibt , die jedoch unwirksam bleiben , sobald Liebe sich mit den Reizen und in Begleitung der Jugend zeigt . Auch machte Herr von Revanne noch andere Fehler , die er später bereute . Bei einer hochachtungsvollen Freundschaft sprach er von einer dauerhaften , geheimen , gesetzmäßigen Verbindung . Er beklagte sich auch wohl und sprach das Wort Undankbarkeit aus . Gewiß kannte er die nicht , die er liebte , als er eines Tages zu ihr sagte , daß viele Wohltäter Übles für Gutes zurückerhielten . Ihm antwortete die Unbekannte mit Geradheit : » Viele Wohltäter möchten ihren Begünstigten sämtliche Rechte gern abhandeln für eine Linse . « Die schöne Fremde , in die Bewerbung zweier Gegner verwickelt , durch unbekannte Beweggründe geleitet , scheint keine andere Absicht gehabt zu haben , als sich und andern alberne Streiche zu ersparen , indem sie in diesen bedenklichen Umständen einen wunderlichen Ausweg ergriff . Der Sohn drängte mit der Kühnheit seines Alters und drohte , wie gebräuchlich , sein Leben der Unerbittlichen aufzuopfern . Der Vater , etwas weniger unvernünftig , war doch ebenso dringend ; aufrichtig beide . Dieses liebenswürdige Wesen hätte sich hier wohl eines verdienten Zustandes versichern können : denn beide Herren von Revanne beteuren , ihre Absicht sei gewesen , sie zu heiraten . Aber an dem Beispiele dieses Mädchens mögen die Frauen lernen , daß ein redliches Gemüt , hätte sich auch der Geist durch Eitelkeit oder wirklichen Wahnsinn verirrt , die Herzenswunden nicht unterhält , die es nicht heilen will . Die Pilgerin fühlte , daß sie auf einem äußersten Punkte stehe , wo es ihr wohl nicht leicht sein würde , sich lange zu verteidigen . Sie war in der Gewalt zweier Liebenden , welche jede Zudringlichkeit durch die Reinheit ihrer Absichten entschuldigen konnten , indem sie im Sinne hatten , ihre Verwegenheit durch ein feierliches Bündnis zu rechtfertigen . So war es , und so begriff sie es . Sie konnte sich hinter Fräulein von Revanne verschanzen ; sie unterließ es , ohne Zweifel aus Schonung , aus Achtung für ihre Wohltäter . Sie kommt nicht aus der Fassung , sie erdenkt ein Mittel , jedermann seine Tugend zu erhalten , indem sie die ihrige bezweifeln läßt . Sie ist wahnsinnig vor Treue , die ihr Liebhaber gewiß nicht verdient , wenn er nicht alle die Aufopferungen fühlt , und sollten sie ihm auch unbekannt bleiben . Eines Tages , als Herr von Revanne die Freundschaft , die Dankbarkeit , die sie ihm bezeigte , etwas zu lebhaft erwiderte , nahm sie auf einmal ein naives Wesen an , das ihm auffiel . » Ihre Güte , mein Herr « , sagte sie , » ängstigt mich ; und lassen Sie mich aufrichtig entdecken , warum . Ich fühle wohl , nur Ihnen bin ich meine ganze Dankbarkeit schuldig ; aber freilich - « - » Grausames Mädchen ! « sagte Herr von Revanne , » ich verstehe Sie . Mein Sohn hat Ihr Herz gerührt . « - » Ach ! mein Herr , dabei ist es nicht geblieben . Ich kann nur durch meine Verwirrung ausdrücken - « - » Wie ? Mademoiselle , Sie wären - « - » Ich denke wohl ja « , sagte sie , indem sie sich tief verneigte und eine Träne vorbrachte : denn niemals fehlt es Frauen an einer Träne bei ihren Schalkheiten , niemals an einer Entschuldigung ihres Unrechts . So verliebt Herr von Revanne war , so mußte er doch diese neue Art von unschuldiger Aufrichtigkeit unter dem Mutterhäubchen bewundern , und er fand die Verneigung sehr am Platze . - » Aber , Mademoiselle , das ist mir ganz unbegreiflich - « - » Mir auch « , sagte sie , und ihre Tränen flossen reichlicher . Sie flossen so lange , bis Herr von Revanne , am Schluß eines sehr verdrießlichen Nachdenkens , mit ruhiger Miene das Wort wieder aufnahm und sagte : » Dies klärt mich so auf ! Ich sehe , wie lächerlich meine Forderungen sind . Ich mache Ihnen keine Vorwürfe , und als einzige Strafe für den Schmerz , den Sie mir verursachen , verspreche ich Ihnen von seinem Erbteile so viel , als nötig ist , um zu erfahren , ob er Sie so sehr liebt als ich . « - » Ach ! mein Herr , erbarmen Sie sich meiner Unschuld und sagen ihm nichts davon . « Verschwiegenheit fordern ist nicht das Mittel , sie zu erlangen . Nach diesen Schritten erwartete nun die unbekannte Schöne , ihren Liebhaber voll Verdruß und höchst aufgebracht vor sich zu sehen . Bald erschien er mit einem Blicke , der niederschmetternde Worte verkündigte . Doch er stockte und konnte nichts weiter hervorbringen als : » Wie ? Mademoiselle , ist es möglich ? « - » Nun was denn , mein Herr ? « sagte sie mit einem Lächeln , das bei einer solchen Gelegenheit zum Verzweifeln bringen kann . - » Wie ? was denn ? Gehen Sie , Mademoiselle , Sie sind mir ein schönes Wesen ! Aber wenigstens sollte man rechtmäßige Kinder nicht enterben ; es ist schon genug , sie anzuklagen . Ja , Mademoiselle , ich durchdringe Ihr Komplott mit meinem Vater . Sie geben mir beide einen Sohn , und es ist mein Bruder , das bin ich gewiß ! « Mit ebenderselben ruhigen und heitern Stirne antwortete ihm die schöne Unkluge : » Von nichts sind Sie gewiß ; es ist weder Ihr Sohn noch Ihr Bruder . Die Knaben sind bösartig ; ich habe keinen gewollt ; es ist ein armes Mädchen , das ich weiterführen will , weiter , ganz weit von den Menschen , den Bösen , den Toren und den Ungetreuen . « Darauf ihrem Herzen Luft machend : » Leben Sie wohl ! « fuhr sie fort , » leben Sie wohl , lieber Revanne ! Sie haben von Natur ein redliches Herz ; erhalten Sie die Grundsätze der Aufrichtigkeit . Diese sind nicht gefährlich bei einem gegründeten Reichtum . Sein Sie gut gegen Arme . Wer die Bitte bekümmerter Unschuld verachtet , wird einst selbst bitten und nicht erhört werden . Wer sich kein Bedenken macht , das Bedenken eines schutzlosen Mädchens zu verachten , wird das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken . Wer nicht fühlt , was ein ehrbares Mädchen empfinden muß , wenn man um sie wirbt , der verdient sie nicht zu erhalten . Wer gegen alle Vernunft , gegen die Absichten , gegen den Plan seiner Familie , zugunsten seiner Leidenschaften Entwürfe so schmiedet , verdient die Früchte seiner Leidenschaft zu entbehren und der Achtung seiner Familie zu ermangeln . Ich glaube wohl , Sie haben mich aufrichtig geliebt ; aber , mein lieber Revanne , die Katze weiß wohl , wem sie den Bart leckt ; und werden Sie jemals der Geliebte eines würdigen Weibes , so erinnern Sie sich der Mühle des Ungetreuen . Lernen Sie an meinem Beispiel sich auf die Standhaftigkeit und Verschwiegenheit Ihrer Geliebten verlassen . Sie wissen , ob ich untreu bin , Ihr Vater weiß es auch . Ich gedachte durch die Welt zu rennen und mich allen Gefahren auszusetzen . Gewiß diejenigen sind die größten , die mich in diesem Hause bedrohen . Aber weil Sie jung sind , sage ich es Ihnen allein und im Vertrauen : Männer und Frauen sind nur mit Willen ungetreu ; und das wollt ' ich dem Freunde von der Mühle beweisen , der mich vielleicht wieder sieht , wenn sein Herz rein genug sein wird , zu vermissen , was er verloren hat . « Der junge Revanne hörte noch zu , da sie schon ausgesprochen hatte . Er stand wie vom Blitz getroffen ; Tränen öffneten zuletzt seine Augen , und in dieser Rührung lief er zur Tante , zum Vater , ihnen zu sagen : Mademoiselle gehe weg , Mademoiselle sei ein Engel , oder vielmehr ein Dämon , herumirrend in der Welt , um alle Herzen zu peinigen . Aber die Pilgerin hatte so gut sich vorgesehen , daß man sie nicht wiederfand . Und als Vater und Sohn sich erklärt hatten , zweifelte man nicht mehr an ihrer Unschuld , ihren Talenten , ihrem Wahnsinn . So viel Mühe sich auch Herr von Revanne seit der Zeit gegeben , war es ihm doch nicht gelungen , sich die mindeste Aufklärung über diese schöne Person zu verschaffen , die so flüchtig wie die Engel und so liebenswürdig erschienen war . Sechstes Kapitel Nach einer langen und gründlichen Ruhe , deren die Wanderer wohl bedürfen mochten , sprang Felix lebhaft aus dem Bette und eilte , sich anzuziehn ; der Vater glaubte zu bemerken , mit mehr Sorgfalt als bisher . Nichts saß ihm knapp noch nett genug , auch hätte er alles neuer und frischer gewünscht . Er sprang nach dem Garten und haschte unterwegs nur etwas von der Vorkost , die der Diener für die Gäste brachte , weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten erscheinen würden . Der Diener war gewohnt , die Fremden zu unterhalten und manches im Hause vorzuzeigen ; so auch führte er unsern Freund in eine Galerie , worin bloß Porträte aufgehangen und gestellt waren , alles Personen , die im achtzehnten Jahrhundert gewirkt hatten , eine große und herrliche Gesellschaft ; Gemälde sowie Büsten , wo möglich , von vortrefflichen Meistern . » Sie finden « , sagte der Kustode , » in dem ganzen Schloß kein Bild , das , auch nur von ferne , auf Religion , Überlieferung , Mythologie , Legende oder Fabel hindeutete ; unser Herr will , daß die Einbildungskraft nur gefördert werde , um sich das Wahre zu vergegenwärtigen . Wir fabeln so genug , pflegt er zu sagen , als daß wir diese gefährliche Eigenschaft unsers Geistes durch äußere reizende Mittel noch steigern sollten . « Die Frage Wilhelms : wenn man ihm aufwarten könne ? ward durch die Nachricht beantwortet : der Herr sei , nach seiner Gewohnheit , ganz früh weggeritten . Er pflege zu sagen : » Aufmerksamkeit ist das Leben ! « - » Sie werden diesen und andere Sprüche , in denen er sich bespiegelt , in den Feldern über den Türen eingeschrieben sehen , wie wir hier z.B. gleich antreffen : Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen . « Die Frauenzimmer hatten schon unter den Linden das Frühstück bereitet , Felix eulenspiegelte um sie her und trachtete , in allerlei Torheiten und Verwegenheiten sich hervorzutun , die Aufmerksamkeit auf sich zu leiten , eine Abmahnung , einen Verweis von Hersilien zu erhaschen . Nun suchten die Schwestern durch Aufrichtigkeit und Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes , der ihnen gefiel , zu gewinnen ; sie erzählten von einem werten Vetter , der , drei Jahre abwesend , zunächst erwartet werde , von einer würdigen Tante , die , unfern in ihrem Schlosse wohnend , als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei . In krankem Verfall des Körpers , in blühender Gesundheit des Geistes ward sie geschildert , als wenn die Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein göttliche Worte über die menschlichen Dinge ganz einfach ausspräche . Der neue Gast lenkte nun Gespräch und Frage auf die Gegenwart . Er wünschte den edlen Oheim in rein entschiedener Tätigkeit gerne näher zu kennen ; er gedachte des angedeuteten Wegs vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen und suchte die Worte auf seine Weise auszulegen , das ihm denn ganz gut gelang und Juliettens Beifall zu erwerben das Glück hatte . Hersilie , die bisher lächelnd schweigsam geblieben , versetzte dagegen : » Wir Frauen sind in einem besondern Zustande . Die Maximen der Männer hören wir immerfort wiederholen , ja wir müssen sie in goldnen Buchstaben über unsern Häupten sehen , und doch wüßten wir Mädchen im stillen das Umgekehrte zu sagen , das auch gölte , wie es gerade hier der Fall ist . Die Schöne findet Verehrer , auch Freier , und endlich wohl gar einen Mann ; dann gelangt sie zum Wahren , das nicht immer höchst erfreulich sein mag , und wenn sie klug ist , widmet sie sich dem Nützlichen , sorgt für Haus und Kinder und verharrt dabei . So habe ich ' s wenigstens oft gefunden . Wir Mädchen haben Zeit zu beobachten , und da finden wir meist , was wir nicht suchten . « Ein Bote vom Oheim traf ein mit der Nachricht , daß sämtliche Gesellschaft auf ein nahes Jagdhaus zu Tische geladen sei , man könne hin reiten und fahren . Hersilie erwählte zu reiten . Felix bat inständig , man möge ihm auch ein Pferd geben . Man kam überein , Juliette sollte mit Wilhelm fahren und Felix als Page seinen ersten Ausritt der Dame seines jungen Herzens zu verdanken haben . Indessen fuhr Juliette mit dem neuen Freunde durch eine Reihe von Anlagen , welche sämtlich auf Nutzen und Genuß hindeuteten , ja die unzähligen Fruchtbäume machten zweifelhaft , ob das Obst alles verzehrt werden könne . » Sie sind durch ein so wunderliches Vorzimmer in unsere Gesellschaft getreten und fanden manches wirklich Seltsame und Sonderbare , so daß ich vermuten darf , Sie wünschen einen Zusammenhang von allem diesem zu wissen . Alles beruht auf Geist und Sinn meines trefflichen Oheims . Die kräftigen Mannsjahre dieses Edlen fielen in die Zeit der Beccaria und Filangieri ; die Maximen einer allgemeinen Menschlichkeit wirkten damals nach allen Seiten . Dies Allgemeine jedoch bildete sich der strebende Geist , der strenge Charakter nach Gesinnungen aus , die sich ganz aufs Praktische bezogen . Er verhehlte uns nicht , wie er jenen liberalen Wahlspruch : Den Meisten das Beste ! nach seiner Art verwandelt und Vielen das Erwünschte zugedacht . Die Meisten lassen sich nicht finden noch kennen , was das Beste sei , noch weniger ausmitteln . Viele jedoch sind immer um uns her ; was sie wünschen , erfahren wir , was sie wünschen sollten , überlegen wir , und so läßt sich denn immer Bedeutendes tun und schaffen . In diesem Sinne « , fuhr sie fort , » ist alles , was Sie hier sehen , gepflanzt , gebaut , eingerichtet , und zwar um eines ganz nahen , leicht faßlichen Zweckes willen ; alles dies geschah dem großen , nahen Gebirg zuliebe . Der treffliche Mann , Kraft und Vermögen zusammenhaltend , sagte zu sich selbst : Keinem Kinde da droben soll es an einer Kirsche , an einem Apfel fehlen , wornach sie mit Recht so lüstern sind ; der Hausfrau soll es nicht an Kohl noch an Rüben oder sonst einem Gemüse im Topf ermangeln , damit dem unseligen Kartoffelgenuß nur einigermaßen das Gleichgewicht gehalten werde . In diesem Sinne , auf diese Weise sucht er zu leisten , wozu ihm sein Besitztum Gelegenheit gibt , und so haben sich seit manchen Jahren Träger und Trägerinnen gebildet , welche das Obst in die tiefsten Schluchten des Felsgebirges verkäuflich hintragen . « » Ich habe selbst davon genossen wie ein Kind « , versetzte Wilhelm ; » da , wo ich dergleichen nicht anzutreffen hoffte , zwischen Tannen und Felsen , überraschte mich weniger ein reiner Frommsinn als ein erquicklich frisches Obst . Die Gaben des Geistes sind überall zu Hause , die Geschenke der Natur über den Erdboden sparsam ausgeteilt . « » Ferner hat unser würdiger Landherr von entfernten Orten manches Notwendige dem Gebirge näher gebracht ; in diesen Gebäuden am Fuße hin finden Sie Salz aufgespeichert und Gewürze vorrätig . Für Tabak und Branntwein läßt er andere sorgen ; dies seien keine Bedürfnisse , sagt er , sondern Gelüste , und da würden sich schon Unterhändler genug finden . « Angelangt am bestimmten Orte , einem geräumigen Försterhause im Walde , fand sich die Gesellschaft zusammen und bereits eine kleine Tafel gedeckt . » Setzen wir uns « , sagte Hersilie ; » hier steht zwar der Stuhl des Oheims , aber gewiß wird er nicht kommen , wie gewöhnlich . Es ist mir gewissermaßen lieb , daß unser neuer Gast , wie ich höre , nicht lange bei uns verweilen wird : denn es müßte ihm verdrießlich sein , unser Personal kennen zu lernen , es ist das ewig in Romanen und Schauspielen wiederholte : ein wunderlicher Oheim , eine sanfte und eine muntere Nichte , eine kluge Tante , Hausgenossen nach bekannter Art ; und käme nun gar der Vetter wieder , so lernte er einen phantastischen Reisenden kennen , der vielleicht einen noch sonderbarern Gesellen mitbrächte , und so wäre das leidige Stück erfunden und in Wirklichkeit gesetzt . « » Die Eigenheiten des Oheims haben wir zu ehren « , versetzte Juliette ; » sie sind niemanden zur Last , gereichen vielmehr jedermann zur Bequemlichkeit . Eine bestimmte Tafelstunde ist ihm nun einmal verdrießlich , selten , daß er sie einhält , wie er denn versichert : eine der schönsten Erfindungen neuerer Zeit sei das Speisen nach der Karte . « Unter manchen andern Gesprächen kamen sie auf die Neigung des werten Mannes , überall Inschriften zu belieben . » Meine Schwester « , sagte Hersilie , » weiß sie sämtlich auszulegen , mit dem Kustode versteht sie ' s um die Wette ; ich aber finde , daß man sie alle umkehren kann und daß sie alsdann ebenso wahr sind , und vielleicht noch mehr . « - » Ich leugne nicht « , versetzte Wilhelm , » es sind Sprüche darunter , die sich in sich selbst zu vernichten scheinen ; so sah ich z.B. sehr auffallend angeschrieben : Besitz und Gemeingut ; heben sich diese beiden Begriffe nicht auf ? « Hersilie fiel ein : » Dergleichen Inschriften , scheint es , hat der Oheim von den Orientalen genommen , die an allen Wänden die Sprüche des Korans mehr verehren als verstehen . « Juliette , ohne sich irren zu lassen , erwiderte auf obige Frage : » Umschreiben Sie die wenigen Worte , so wird der Sinn alsobald hervorleuchten . « Nach einigen Zwischenreden fuhr Juliette fort , weiter aufzuklären , wie es gemeint sei : » Jeder suche den Besitz , der ihm von der Natur , von dem Schicksal gegönnt ward , zu würdigen , zu erhalten , zu steigern , er greife mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher , als er zu reichen fähig ist ; immer aber denke er dabei , wie er andere daran will teilnehmen lassen : denn nur insofern werden die Vermögenden geschätzt , als andere durch sie genießen . « Indem man sich nun nach Beispielen umsah , fand sich der Freund erst in seinem Fache ; man wetteiferte , man überbot sich , um jene lakonischen Worte recht wahr zu finden . Warum , hieß es , verehrt man den Fürsten , als weil er einen jeden in Tätigkeit setzen , fördern , begünstigen und seiner absoluten Gewalt gleichsam teilhaft machen kann ? Warum schaut alles nach dem Reichen , als weil er , der Bedürftigste , überall Teilnehmer an seinem Überflusse wünscht ? Warum beneiden alle Menschen den Dichter ? weil seine Natur die Mitteilung nötig macht , ja die Mitteilung selbst ist . Der Musiker ist glücklicher als der Maler , er spendet willkommene Gaben aus , persönlich unmittelbar , anstatt daß der letzte nur gibt , wenn die Gabe sich von ihm absonderte . Nun hieß es ferner im allgemeinen : Jede Art von Besitz soll der Mensch festhalten , er soll sich zum Mittelpunkt machen , von dem das Gemeingut ausgehen kann ; er muß Egoist sein , um nicht Egoist zu werden , zusammenhalten , damit er spenden könne . Was soll es heißen , Besitz und Gut an die Armen zu geben ? Löblicher ist , sich für sie als Verwalter betragen . Dies ist der Sinn der Worte » Besitz und Gemeingut « ; das Kapital soll niemand angreifen , die Interessen werden ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehören . Man hatte , wie sich im Gefolg des Gesprächs ergab , dem Oheim vorgeworfen , daß ihm seine Güter nicht eintrügen , was sie sollten . Er versetzte dagegen : » Das Mindere der Einnahme betracht ' ich als Ausgabe , die mir Vergnügen macht , indem ich andern dadurch das Leben erleichtere ; ich habe nicht einmal die Mühe , daß diese Spende durch mich durchgeht , und so setzt sich alles wieder ins gleiche . « Dergestalt unterhielten sich die Frauenzimmer mit dem neuen Freunde gar vielseitig , und bei immer wachsendem gegenseitigem Vertrauen sprachen sie über den zunächst erwarteten Vetter . » Wir halten sein wunderliches Betragen für abgeredet mit dem Oheim . Er läßt seit einigen Jahren nichts von sich hören , sendet anmutige , seinen Aufenthalt verblümt andeutende Geschenke , schreibt nun auf einmal ganz aus der Nähe , will aber nicht eher zu uns kommen , bis wir ihm von unsern Zuständen Nachricht geben . Dies Betragen ist nicht natürlich ; was auch dahinterstecke , wir müssen es vor seiner Rückkehr erfahren . Heute abend geben wir Ihnen einen Heft Briefe , woraus das Weitere zu ersehen ist . « Hersilie setzte hinzu : » Gestern machte ich Sie mit einer törigen Landläuferin bekannt , heute sollen Sie von einem verrückten Reisenden vernehmen . « - » Gestehe es nur « , fügte Juliette hinzu , » diese Mitteilung ist nicht ohne Absicht . « Hersilie fragte soeben etwas ungeduldig , wo der Nachtisch bleibe , als die Meldung geschah , der Oheim erwarte die Gesellschaft , mit ihm die Nachkost in der großen Laube zu genießen . Auf dem Hinwege bemerkte man eine Feldküche , die sehr emsig ihre blank gereinigten Kasserollen Schüsseln und Teller klappernd einzupacken beschäftigt war . In einer geräumigen Laube fand man den alten Herrn an einem runden , großen , frischgedeckten Tisch , auf welchem soeben die schönsten Früchte , willkommenes Backwerk und die besten Süßigkeiten , indem sich jene niedersetzten , reichlich aufgetragen wurden . Auf die Frage des Oheims , was bisher begegnet , womit man sich unterhalten , fiel Hersilie vorschnell ein : » Unser guter Gast hätte wohl über Ihre lakonischen Inschriften verwirrt werden können wäre ihm Juliette nicht durch einen fortlaufenden Kommentar zu Hülfe gekommen . « - » Du hast es immer mit Julietten zu tun « , versetzte der Oheim , » sie ist ein wackres Mädchen , das noch etwas lernen und begreifen mag . « - » Ich machte vieles gern vergessen , was ich weiß , und was ich begriffen habe , ist auch nicht viel wert « , versetzte Hersilie in Heiterkeit . Hierauf nahm Wilhelm das Wort und sagte bedächtig : » Kurzgefaßte Sprüche jeder Art weiß ich zu ehren , besonders wenn sie mich anregen , das Entgegengesetzte zu überschauen und in Übereinstimmung zu bringen . « - » Ganz richtig « , erwiderte der Oheim , » hat doch der vernünftige Mann in seinem ganzen Leben noch keine andere Beschäftigung gehabt . « Indessen besetzte sich die Tafelrunde nach und nach , so daß Spätere kaum Platz fanden . Die beiden Amtleute waren gekommen , Jäger , Pferdebändiger , Gärtner , Förster und andere , denen man nicht gleich ihren Beruf ansehen konnte . Jeder hatte etwas von dem letzten Augenblick zu erzählen und mitzuteilen , das sich der alte Herr gefallen ließ , auch wohl durch teilnehmende Fragen hervorrief , zuletzt aber aufstand und , die Gesellschaft , die sich nicht rühren sollte , begrüßend , mit den beiden Amtleuten sich entfernte . Das Obst hatten sich alle , das Zuckerwerk die jungen Leute , wenn sie auch ein wenig wild aussahen , gar wohl schmecken