wird sie es überleben ! « - » Sie bleiben ihr « , sagte Mucius und trocknete mir sanft die Augen . » Er ist ihr Liebling « , fuhr ich fort , » und verdient es zu sein . « - » Beide verdienen es ! Beide ! « rief Mucius , indem er meine Hand mit Heftigkeit an seine Lippen drückte . » Glücklicher Emil ! « setzte er hinzu , und eine Träne glänzte in seinen dunkelbraunen Augen . » Glücklicher Emil , Engel weinen um dich ! ich Unglücklicher habe keine Schwester ! « - » Ich will auch die Ihrige sein « , sagte ich , und meine Tränen flossen stärker . » Virginia ! « rief er im Ausruf des Entzückens und schlang den Arm um mich , ich sank im Übermaß des Gefühls an seine Brust . Unsre Lippen begegneten sich unwillkürlich ; wir hielten uns lange in sprachloser Seligkeit umarmt . » Oh , das Leben ist schön ! « rief endlich Mucius ; » es will mich halten mit all seinem Zauber ; gerade da ich es aufs Spiel setzen will , entfaltet es mir seine schönsten Blüten . Aber nicht dem Feigen würde dieses holde Auge lächeln , nein , ich muß kämpfen um so schönen Preis ! Wird Virginia den Sieger lieben ? « fragte er mit Schmeicheltönen . » Ewig ! « entgegnete ich . » Mein ? « - » Dein ! « riefen wir beide aus einem Munde , und eine zweite Umarmung besiegelte den Bund für die Ewigkeit . Oh , seliges Gefühl , wenn zwei Seelen , welche der Schöpfer aus einem Lichtfunken gebildet , sich finden und sich verbinden auf ewig ! Die Gegenwart und ihre kleinen Verhältnisse verschwinden dem trunkenen Auge , es sieht nur aufwärts zum Quell des Lichts . Auch meine Tränen waren plötzlich versiegt , und mein Herz jauchzte insgeheim mitten unter den Äußerungen der allgemeinen Besorgnis . Die Tränen meiner Mutter taten mir wehe , ich machte mir Vorwürfe , daß ich so glücklich war , aber ich konnte es nicht ändern , ich war glücklich . Es wurde beschlossen , daß wir sogleich die Rückreise nach Chaumerive antreten wollten , um den geliebten Emil so bald als möglich an unser Herz zu schließen ; Mucius war sogleich entschlossen , uns zu begleiten . Der Oheim schüttelte ihm zum Abschiede kräftig die Hand : » Du bist ein braver Junge « , sagte er , » tu deine Pflicht , und Gott sei mit dir , Mucius ! « - » Mit dem Schilde , Oheim , oder auf dem Schilde ! « entgegnete dieser langsam , mit Nachdruck . » Mucius Scävola « rief mein Vater und schloß ihn mit feuchten Augen an seine Brust . Marie weinte heftig , als er sie zum Abschied küßte , dann umarmte sie mich , sahe mich einen Augenblick nachdenkend an , ein halbes Lächeln schwebte auf ihrem leidenden Gesichte , sie schüttelte leise den Kopf , als wollte sie sagen : » Keine wird ihn haben ! « Sie trocknete mutig ihre Tränen und schmiegte sich sanft resigniert an ihren Vater . Unsre Rückreise war nicht erfreulich . Meine Mutter war meistens leidend und in sich gekehrt , soviel Mühe sich auch die Männer gaben , sie zu beruhigen ; mein leuchtendes Auge schien ihr wundes Gefühl oftmals zu verletzen . Auf der andern Seite aber war es mir eine hohe Freude , zu bemerken , wie mein Vater mit jeder Minute mehr Gefallen an meinem Geliebten fand . Er erzählte ihm seinen amerikanischen Feldzug und verjüngte sich mitten unter den Bildern seiner Jugend . » Dein Bruder fiel ! « seufzte meine Mutter . » Für seine Überzeugung , für eine gute Sache und von allen seinen Kameraden beweint ! « rief mein Vater , » kann das längste Leben einen so schönen Tod aufwiegen ? « - » Auch ein Leben voll Liebe nicht ? « fragte meine Mutter und drückte zärtlich seine Hand . » Das Leben ist schön « , erwiderte er und umarmte sie , » aber der Heldentod des Jünglings ist es nicht minder . « - » Wohl ist er zu beneiden « , sagte Mucius , » wenn ein schönes Auge um ihn weint ; er lebt dann in diesen köstlichen Tränen ein seliges Leben ! « Eine dunkle Wolke flog bei diesen Worten durch meine Seele , aber mutig scheuchte ich sie hinweg . » Glückliches Geschlecht « , sagte ich , » das handelnd eingreifen kann in die großen Weltbegebenheiten ! « - » Preise das deine glücklich « , antwortete mein Vater , » dem ein kleinerer Kreis bezeichnet wurde ; es hat keine schmerzliche Wahl , kann nicht schwanken zwischen den Pflichten für sein Haus und für sein Land . « - » Ich erkenne es , mein Vater « , sagte ich , seine Hand küssend . Ich verstand recht gut , was an seinem Geiste vorüberging . Wir trafen in Chaumerive fast zugleich mit dem teuern Emil ein . Meine Mutter schloß ihn leidenschaftlich in ihre Arme und schien noch einige Hoffnung zu hegen , ihn zurückzuhalten ; doch überzeugte sie seine ruhige Haltung und meines Vaters bestimmte Erklärung sehr bald , daß sie sich dem Unvermeidlichen ergeben müsse . Sie tat es mit der besten Fassung von der Welt , augenscheinlich in der Absicht , das Herz ihres Lieblings nicht schwer zu machen . O Allmacht der mütterlichen Liebe , welche Wunder bringst du hervor ! Meine arme Mutter , sonst so heftig in den Äußerungen ihres Schmerzes , gewann es über sich , ihrem Sohn immer ein heiteres Gesicht zu zeigen , während ihr Herz aus tausend Wunden blutete . Sie war rastlos mit seinen kleinen Bedürfnissen beschäftigt und sprach sogar scherzend von seiner baldigen siegreichen Rückkehr . Nur in der Stille des Morgens hörte ich oft ihr Schluchzen im anstoßenden Kabinett und bemerkte , wenn sie in das Wohnzimmer trat , auf ihrer blassern Wange Spuren frischvergossener Tränen , welche sie jedoch sorgfältig zu tilgen suchte , wenn die Frühstücksstunde herannahte . Mit zärtlicher Achtsamkeit forschte der Sohn oft auf ihrem lieben Gesichte und bat dann mit seiner schmeichelnden Stimme : » Sei nicht traurig , liebe Mutter ! « Sie lächelte jedesmal und leugnete , es zu sein . So flossen uns noch vierzehn schmerzlich-süße Tage dahin . Emil bemerkte bald das zärtliche Verhältnis zwischen seinem Freunde und mir , welches wir auch gar nicht zu verhehlen strebten . Er zog uns beide in seine Arme . » Ich halte des Lebens größte Schätze an meiner Brust ! « sagte er . » Alle ? « fragte ich schalkhaft . » Lebend und im Bilde ! « erwiderte er . Ich fühlte , daß er , zugleich mit mir , Dein Bild an sich drückte , welches , meinem Busen entfallen , an meiner rechten Seite hing . Im Übermaß meiner Liebe für den teuren Bruder und im Gefühl meines eigenen Glücks nahm ich die Kette mit Deinem Bilde von meinem Halse und schlang sie um den seinigen . » Es sei deine Ägide « , sagte ich , » und schütze dein liebes Herz ! « Er war außer sich vor Entzücken und Dankbarkeit . » Ein mutiges Herz wird dagegenschlagen « , sagte er , » bis es zu klopfen aufhört . « - » O nichts vom Stillstehen dieses Herzens ! « bat ich , von dem Gedanken erschüttert . » Nun , nun « , sagte er lächelnd , » mir flüstert dies oft eine leise Ahndung zu , doch gehe ich darum nicht weniger mutig dem Feinde entgegen . Sage einst Adelen « , setzte er ernst hinzu , » ich hätte sie geliebt , bis zum letzten Hauch geliebt . « Seine Stimme versagte ihm auf einen Augenblick , aber plötzlich richtete er sich mit ruhig freundlichem Gesichte aus meiner Umarmung auf . Er schien mir , als ich zu ihm aufsah , mit einem Male um ein beträchtliches größer . Voll aufgeregter Ängstlichkeit warf ich mich in Mucius ' Arme . » Flüstert dir die Ahndungsstimme auch ? « fragte ich zitternd . » Nur Freudiges verkündigt sie mir « , sagte er und umschlang mich . » Sei ruhig , meine Virginia , das Glück ist dem Mutigen hold ! wir werden uns alle , und freudig , wiedersehn . « Der Ausspruch des Geliebten ist ja wie die Stimme von Dodona , auch in meine Brust rief sie die Hoffnung zurück . So brach der Abschiedsmorgen heran . Zum letzten Male begrüßte die Sonne bei ihrem Aufgang eine zärtlich vereinte , glückliche Familie . Mein Vater war weich und freundlich , meine Mutter blasser als je , aber anscheinend ruhig und gefaßt . Emil betrieb lebhaft die Zurüstungen zur Abreise und lächelte jedem von uns zu , um uns seine Bewegung zu verbergen . Mucius , nur mit seiner Liebe beschäftigt , wendete die aufmerksamste Sorgfalt an , meinen Mut aufrechtzuerhalten . Ach , ich bedurfte des Beistandes nur zu sehr ! In Gefahr , die beiden geliebtesten Gegenstände meiner Zärtlichkeit auf immer zu verlieren , verließ mich mein sonstiger Heldensinn , und das liebende Mädchen kämpfte fruchtlos mit seinen Tränen . Mein Vater sah den Kampf in meiner Seele , und gütig , wie er immer war , wollte er mir einen stützenden Trost geben . Zärtlich ergriff er Emils und Mucius ' Hände und rief mit bewegter Stimme : » Meine beiden Söhne ! O ich bin ein reicher Vater ! ich weihe an einem Tage zwei Söhne dem Vaterlande . Seid einer des anderen Schutzengel , bleibt einander treu mit hülfreicher Liebe , bleibt euch treu im Leben und im Tode ! Das Band der Freundschaft knüpfte schon längst eure Herzen , ich füge in dieser feierlichen Stunde noch ein , wo möglich , schöneres hinzu , das brüderliche . Sobald ihr zurückkehrt , werde Mucius Virginiens Gatte . « Wir waren alle überrascht von diesen Worten , und jeder äußerte seine Bewegung auf verschiedene Weise . Mucius warf sich mit stürmischer Freude in meines Vaters Arme , ich sank schluchzend zu seinen Füßen , Emil umfaßte seinen Freund , meine Mutter sah staunend vom Sofa auf die Gruppe und streckte die Hand nach uns aus . Sie hatte , einzig mit der Reise ihres Sohnes beschäftigt , weniger auf unser Verhältnis geachtet , und es war ihr daher ziemlich fremd geblieben ; doch hatte auch sie Mucius liebgewonnen , um seiner selbst willen und als Emils Freund . Als wir daher beide vor ihr niederknieten und um ihren Segen baten , segnete sie uns mit der freudigsten Rührung . Emil küßte sie dafür , kindlich schmeichelnd . Da nahm sie seine Hand , legte sie in die seines Freundes und sagte : » Ich gab Ihnen die teure Tochter , und Ihren Händen vertraue ich den geliebten Sohn , schützen Sie Ihren Bruder . « - » Mit meinem Blute ! « rief Mucius und preßte Emil in seine Arme . » Seien Sie ohne Sorgen , verehrte Mutter , ich bringe ihn gesund zurück ; an seiner Hand oder niemals wieder kehre ich heim . « Diese unerwarteten Szenen hatten uns allen einen heroischen Schwung gegeben , welcher uns leichter über die gefürchtete Abschiedsstunde hinwegtrug . Die Pferde standen schon lange bereit , der Postillion hatte schon mehreremal ins Horn gestoßen , da ergriff Mucius rasch die Hand seines Freundes . » Wir müssen scheiden ! « sagte er mutig . » Lebt wohl , Vater und Mutter ! lebe wohl , Virginia ! wir kehren bald zurück . « Er küßte uns der Reihe nach , mit Eile , und ließ Emilen kaum die Zeit , ein Gleiches zu tun . Der arme gute Emil ! Blässe überzog sein Gesicht , doch schwebte noch das gewohnte Lächeln darauf , wir drückten ihn an uns , er sagte uns Lebewohl . Mit festen Schritten folgte er dann seinem Freunde , welcher ihn rasch mit sich fortriß . In wenigen Minuten waren sie unseren Blicken entschwunden , die beiden hohen Jünglingsgestalten . Ach , auf immer ! Meine Mutter sah ihnen unverwandt nach , und als der Wagen unsern Blicken nicht mehr sichtbar war , sank sie ohnmächtig nieder . Die Sorge um sie und ihre Pflege zogen meinen Vater und mich von unsern eigenen Empfindungen ab . Wir taten alles , um sie zu zerstreuen und aufzuheitern , aber mit geringem Erfolg . Mein Vater bestand eifrig darauf , die unterbrochene Reise wieder anzutreten , die Mutter war aber dazu nicht zu bewegen . » Wenn Emil wiederkehrt , werde ich von selbst genesen « , sagte sie , » kommt er nicht zurück , nun dann - « , sie brach ab , nach einer Pause setzte sie hinzu : » Ich würde ja an jedem andern Orte seine Briefe später erhalten . « - Diese Briefe waren von jetzt an die einzige Nahrung , welche die schwache Flamme ihres Lebens erhielt ; unsre Liebkosungen nahm sie freundlich auf und erwiderte sie auch , aber ihre Tränen flossen selbst in den Armen ihres geliebten Gatten . Als die Schlacht von Eßlingen bekannt wurde , stieg die Angst meiner Mutter auf das höchste . Sie sahe jede Nacht ihren Sohn , verwundet oder tot , in ihren Träumen . Umsonst wendete mein Vater alle Vernunftgründe an ; doch wenn das Herz heftig leidet , dann wird es von den Tröstungen des Verstandes nur beleidigt . » Ich bin keine Römerin ! « sagte sie mit Heftigkeit . » Und hast kein Vaterland ? « fragte mein Vater . » Möge es doch zertrümmern « , rief sie , » wenn ich nur meinen teuern Sohn und euch behalte ! « - » Klara , liebe Klara « , sagte mein Vater , sanft verweisend , » der Schmerz tobt aus dir , du wirst dich wiederfinden . Die Pflicht über alles ! Kein Gut der Erde tröstet uns , wenn diese verletzt wird . « Ich meinesteils suchte gar nicht , sie zu trösten , ich weinte mit ihr . Mein armes Herz schwankte zwischen Hoffnung und Furcht , ich hätte selbst des Trostes bedurft ; aber das Schauspiel des unbegrenzten mütterlichen Schmerzes gab mir feste Haltung . Ich gelobte mir im stillen , den etwanigen Schlägen des Schicksals mit mehr Fassung zu begegnen . Endlich , nach mancher vergeblichen Bemühung um Nachricht , langte ein Brief von den beiden Geliebten an und gab meiner Mutter das Leben wieder ; auch mir und dem Vater sank ein schwerer Stein vom Herzen , und unser Mut erhielt sich auch während der folgenden Zeit . Die Freunde waren an jenem heißen Tage im heftigsten Feuer gewesen und ihre Kameraden rechts und links gefallen , sie jedoch unversehrt geblieben . Dies schien uns ein besonderer Schutz des Himmels zu sein , und wir sahen sie als ein paar Geweihete an , denen keine Kugel nahen dürfe . Die Mutter war nicht ganz so mutig , aber sie hoffte auf schnellen Frieden und betete inbrünstig zu Gott . Die Schlacht von Wagram erfuhren wir durch einen Brief von Mucius . Er hatte dem schnellfüßigen Gerüchte doch zuvorzukommen gewußt . Mit Begeisterung lobte er den Mut und die schnelle Geistesgegenwart Emils , welcher sogar Gelegenheit gehabt , vom Kaiser bemerkt und gelobt zu werden . » Leider aber « , hieß es am Schluß seines Berichts , » ist der geliebte Bruder gegen den Ausgang der Schlacht am Fuße verwundet worden , doch ist durchaus keine Gefahr , und wir gedenken bald wieder bei unseren Lieben einzutreffen . « Emil selbst fügte einige Zeilen hinzu , worin er uns bat , ganz ohne Sorgen zu sein . Wir bedauerten den Geliebten , doch waren wir nicht allzu besorgt . Eine leichte Fußwunde , meinte mein Vater , dabei sei keine Gefahr , und meine Mutter dankte Gott aus tief aufatmender Brust , daß er es so gnädig gefügt . Auf jeden Fall war nun ihr Liebling geborgen . Selbst wenn , gegen alle Wahrscheinlichkeit , noch einmal geschlagen wurde , er war in Sicherheit . Sie fing an , sich sichtlich zu erholen , nahm wieder an den Geschäften den tätigsten Anteil und erheiterte uns alle durch ihre muntern Einfälle und ihre frohe Laune . Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Laute berührt , aber jetzt ergriff sie oft die meinige und sang uns mit ihrer schönen Stimme die artigsten Lieder . Mein Vater fühlte sich in die ersten Tage seiner Liebe zurückversetzt und war wieder selig und lebendig wie damals . Der gute Pfarrer und unsre wenigen Hausfreunde freuten sich mit uns . Ich selbst schwamm in einem Meere von Wonne , besonders da bald darauf ein zweiter Brief eintraf , welcher schon auf dem Rückmarsch geschrieben war . Mucius meldete uns , daß er eine zufällige Unterredung mit dem Kaiser gehabt habe , in welcher er ihm über sich und seinen verwundeten Freund , in der Kürze , Auskunft gegeben . Der Kaiser habe sich meines Vaters erinnert und ihm eigenhändig für Emil das Kreuz der Ehrenlegion und den Abschied als Kapitän zugestellt . » Was Sie , junger Mann , betrifft « , hatte er hinzugefügt , » Sie können jetzt gehen , wohin das Herz Sie ruft , ich bin Ihrer gewiß ; wenn ich und das Vaterland Ihrer bedürfen , so kehren Sie zum zweiten Male freiwillig unter meine Fahnen zurück . « Goldne Worte ! welchen fröhlichen Rausch verbreiteten sie über unser ganzes Haus ! Emil schrieb auch , seine Wunde war noch nicht heil , aber er achtete ihrer nicht , sein liebendes Herz und die Sehnsucht seines Freundes trieben ihn zur Heimat . Sein schönes Herz sprach sich so liebevoll in jeder Zeile aus , er freute sich kindlich über die empfangenen Ehrenzeichen , aber mehr um seiner Eltern als um seinetwillen , wohl auch um Deinetwillen , denn er fügte triumphierend hinzu : » Die Ägide , Virginia , hat mein Herz treulich beschützt . « Guter , herrlicher Bruder ! so brav , so liebend , so treu ! nur Engel können dir gleichen ! Engel , jetzt deine Gesellschafter , deine tröstenden Gefährten ! Meine Mutter war nun geschäftig wie Martha und fröhlich wie die Tochter Jephta am Tage der Rückkehr . Sie schmückte und ordnete das ganze Haus zu dem frohen Empfange . Daneben beschäftigte sie sich mit meiner Ausstattung und scherzte freundlich mit mir über meinen Brautstand und die nahe Verbindung . Ich berührte kaum die Erde , ich schwebte in den Gefilden der Seligen , und doch hatte ich nie die irdischen Geschäfte pünktlicher und sorgsamer verrichtet . So werden alle Fähigkeiten der Seele und ihres Organs , des Körpers , durch die Liebe und die Freude erhöhet , ja verdoppelt ! Die Zeit der Weinreife rückte heran . Ich war schon in den Bergen und ordnete die verschiedenen Vorbereitungen zur Lese an . Die Sonne ging hinter einer entfernteren Bergspitze nieder , und krause rötliche Wölkchen gaben ihr das Geleite . An einem grünen Abhange gelagert , blickte ich fröhlich auf die magischen Beleuchtungen , welche einzelne Sonnenstrahlen noch rechts und links über die schöne Landschaft warfen . Ich hatte eben einen Grashalmenkranz geknüpft auf Mucius ' Wiederkehr in den nächsten Tagen , er war sehr erwünscht und bejahend ausgefallen . In der Fröhlichkeit meines Herzens pflückte ich neben mir die Blumen , welche ich erreichen konnte , und reihete sie , halbleise eine von Petrarcas zärtlichen Stanzen singend , zum Kranz , auf welchen Tränen der Wonne tropfend niederfielen . Da gewahrte ich , als ich das Auge wieder über die Landschaft erhob , in der Entfernung einen Landmann , welcher , einen Botenstab in der Hand , eilig den Weg zum Berge daherschritt . Sein Anblick ergriff mich plötzlich mit einem ahndenden Gefühl , mein Herz klopfte voll bangen Schreckens , je näher er mir kam , es war , als wenn ein grauses Schicksal auf mich zuschritt . Ach , nur zu grausend , zu entsetzlich war , was mir nahte ! Der Bote reichte mir einen Brief , er war von Mucius ' Hand , von Mucius ' lieber Hand , und dennoch wagte ich nicht , ihn zu öffnen ; auf so ungewöhnlichem Wege , und ich wagte nicht zu fragen , ich war mir selber unbegreiflich . Endlich faßte ich , in gewaltsamer Anstrengung , den Mut , das Siegel mit zitternder Hand zu lösen . Schon die ersten Zeilen dieses Unglückbriefes schmetterten mich zu Boden . Noch in diesem Augenblicke , nach fünf Jahren , versagt mir die Feder fast den Dienst , kaum kann ich mich entschließen , Dir das fürchterliche Wort zu wiederholen , welches mich damals , gleich einem Blitzstrahle aus heiterer Luft , vernichtete . » Emil tot ! « Mehr sah ich nicht . Eine tiefe Ohnmacht warf mich auf die Blumen nieder . Ein lauter Ruf des erschrockenen Boten hatte meinen Vater herbeigezogen , welcher sich in der Nähe befand . Er hatte den mir entfallenen Brief aufgehoben und erfuhr so , unvorbereitet wie ich , die schreckliche Nachricht . Unglücklicher Vater , was mußt du bei dieser fürchterlichen Botschaft empfunden haben ! Dein einziger Sohn ! dein Stolz ! In der Blüte zerschmettert die Hoffnung deines Alters ! Die Natur hatte sich mitleidig meiner erbarmt und durch einen totenähnlichen Schlummer meinem Leiden auf einige Minuten Stillstand geboten . Die einzige Ohnmacht meines Lebens . Sie mochte lange gedauert haben , denn es fing schon an zu dämmern , als ich in den Armen meines Vaters erwachte . Er war sehr blaß , doch mit Besonnenheit um mich beschäftigt . » Emil ! « rief ich , als das Bewußtsein mir klar zurückkehrte , » Emil ! mein Emil ! « , und ein Strom von Tränen stürzte aus meinen starren Augen . Mein Vater verbarg sein Angesicht , doch fühlte ich an dem Zittern seines Armes , wie bewegt er innerlich sein mußte . Aber nur einige Minuten lang , dann sahe er wieder mit Fassung auf mich nieder . » Virginia « , sagte er mit liebkosender Stimme , » Virginia , mein starkes Mädchen , erhole dich . Tränen gebühren dem lieben , dem edlen Sohn und Bruder , aber wir haben noch lange Zeit , ihn zu beweinen , jetzt rufen nahe Sorgen unsre ganze Tatkraft auf . « - » Oh , meine Mutter ! « rief ich schmerzlich . » Für sie fürchte ich am meisten « , sagte er . » Darum fasse dich , mein Kind . Auch müssen wir ja Mucius sehen . « - » Mucius ? « fragte ich , » wo ist er ? « - » Hast du nicht seinen Brief gelesen ? « erwiderte er . » Nichts als die schrecklichen Worte ! « - » Mache dich mit seinem ganzen Inhalt bekannt und komme langsam nach , ich gehe voran und bereite alles vor . Gott stärke uns ! « Nach diesen Worten ging er langsam den Hügel hinunter und überließ mich meiner eigenen Kraft . Laut brachen meine Tränen , meine Klagen aus , doch kehrte mir bald einige Besonnenheit zurück . Plötzlich fiel mir , wie durch Eingebung , eine Stelle aus » Nathan dem Weisen « in den Sinn . Ich hatte Mehreres aus diesem Lessingischen Meisterwerke , zur Übung der deutschen Sprache , übersetzt , jetzt sagte ich mir diese Stelle halblaut unwillkürlich vor . » Und doch ist Gott ! Doch war auch Gottes Ratschluß das ! Wohlan ! Komm ! übe , was du längst begriffen hast ; Was sicherlich zu üben schwerer nicht Als zu begreifen ist , wenn du nur willst . « Schluchzend , doch mit Begeisterung , streckte ich meine Arme hoch zum Himmel und rief : » Ich will ! willst Du nur , daß ich wolle ! « Still und gen Himmel blickend , setzte ich diesen Gedanken einige Augenblicke fort und fühlte mich wunderbar gestärkt und erhoben . Der Odem des Ewigen schien mich zu umwehen . Da stieg der Mond in voller Pracht hinter dem Taugewölk empor und verbreitete sanfte Tageshelle um mich her . Mein Blick fiel auf den Brief , welcher entfaltet mir zur Seite lag und durch dessen Blätter der Abendwind flüsterte . Ich nahm und las mit leidlicher Fassung , was die Verzweiflung geschrieben . - Die zu früh angetretene Reise in dieser heißen Jahreszeit hatte Emils anscheinend leichte Wunde sehr verschlimmert . Er blieb in Frankfurt , am Wundfieber erkrankt . Bald gesellte sich ein bösartiges Nervenfieber hinzu . Vergebens wendete Mucius die treueste Sorgfalt an , vergebens rief er die tätigste Hülfe herbei , die Ärzte gaben wenig Hoffnung , sie erklärten , das noch nicht vollendete starke Wachstum des Kranken habe , verbunden mit den Mühseligkeiten des Feldzugs , die Natur zu sehr erschöpft , sie versage die Unterstützung . So schlummerte der holde Jüngling sanft und bewußtlos zu einem schöneren Leben hinüber , beklagt und geliebt , selbst von denen , welche ihn nur in seiner Krankheit kannten . Die Töchter des Wirtes weinten um den schönen Toten und gelobten , Rosen um seinen stillen Hügel zu pflanzen . Mucius hatte , die Erlaubnis seines Feldherrn benutzend , den Dienst schon verlassen , um seinen Freund zu uns zu geleiten , wo ihm die Myrten der Liebe winkten . Jetzt fiel ihm der Gedanke zentnerschwer auf das Herz , ohne den Geliebten , den Pflege- und Schutzbefohlenen , vor der verzweifelnden Mutter zu erscheinen . Es schien ihm unmöglich , unsern vereinten Jammer zu tragen . Angst und Verzweiflung trieben ihn , bei einem Regimente wieder Dienste zu nehmen , welches durch Frankfurt nach Spanien marschierte . Er wollte den Tod suchen . Jetzt schrieb er mir aus einer Entfernung von wenigen Meilen , er fühle sich nicht stark genug , mich noch einmal zu sehen , auch erlaubten es seine Dienstverhältnisse nicht . Er sagte mir ewiges Lebewohl und fügte nur ganz von ungefähr hinzu , der Marsch gehe über Bellegarde und er hoffe , seinen Oheim noch einmal zu umarmen . Im Nu verstand ich jetzt , was der Vater gemeint . » Wir müssen hin ! « rief ich und sprang auf , » wir müssen hin ! « , und dahin flog ich , mit des Windes Eile unsrer Wohnung zu . Im Hofe wurde ein Reisewagen bereitet . Ich stürzte hastig ins Zimmer . » Wir müssen hin ! ja wir müssen hin ! « - » Freilich « , sagte mein Vater , indem er mir ein Zeichen gab und den Finger an die Lippen drückte . Ich schwieg und suchte mich zu sammeln . Meine Mutter stand uns abgewandt , einige Kleidungsstücke zusammenlegend , sie wandte sich um , da sie meine Gegenwart bemerkte , sie war sehr bleich , und ihre Glieder zitterten . » Weißt du das Unglück schon ? « fragte sie . Ich schwieg und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen . » Wir müssen hin ! « fuhr sie fort , » vielleicht ist noch Rettung möglich . « Ich merkte mit innerem Beben , daß sie das Schrecklichste noch nicht wußte . Sie trieb mich , etwas Wäsche zu packen , ich gehorchte zum Scheine . Nach einer halben Stunde saßen wir alle drei im Wagen und fuhren der furchtbaren Entwickelung entgegen . Meine Mutter sprach unaufhörlich von der traurigen Lage ihres Sohnes : gefährlich krank , so fern von den Seinen , ohne zarte weibliche Pflege , voll Sehnsucht nach uns . Ich schluchzte und schwieg . Dann kam sie auf den Gedanken , man habe sie gleich anfangs über seine Wunde getäuscht , es sei viel gefährlicher gewesen , er sei gräßlich verstümmelt . Ihre Einbildungskraft erhitzte sich und schuf schreckliche Bilder seines Zustandes . Mein Vater widersprach nicht und wies sie nur sanft auf den Willen des Ewigen hin , ohne welchen kein Haar von unserm Haupte falle . Es wollte keine Wirkung tun auf ihren sonst so religiösen Sinn , sie haderte mit Gott und den Menschen . » Ein Krüppel auf Lebenszeit ! « rief sie heftig , » unnütz der Welt , sich selber eine Last ! « - » Freilich « , sagte mein Vater , » einem Zustande , wie du ihn schilderst , wäre der Tod vorzuziehn , würde es in die Wahl des Menschen gestellt . « Er malte das Bild der Möglichkeit noch weiter aus . » Nein , lieber tot ! « schrie meine Mutter , » lieber tot ! Herr des Himmels , höre mich ! kann ich ihn nicht mehr glücklich sehn , so nimm ihn mir ! ich will ihn lieber missen , als daß er leide . « - » Klara ! teure , geliebte Klara « , bat mein Vater , » gedenke dieses Ausspruchs , gedenke deines Gelübdes . Das Schicksal könnte dich mächtig ergreifen . « Ich bückte mich auf ihre Knie nieder und überströmte sie mit meinen Tränen . Sie versank in tiefes Schweigen , wir schwiegen alle . So fuhren wir den übrigen Teil der Nacht hindurch , bis die Morgenröte hervorbrach . Die ersten Strahlen des Lichts regten meine Mutter wieder zu einigem klaren Bewußtsein auf . Sie betrachtete bald die Gegenstände am Wege mit Aufmerksamkeit , bald forschte sie auf unsern Gesichtern . Mir wollte das Herz zerspringen , und der Vater mußte sich fast immer seitwärts wenden , um den schrecklichen Kampf seines Innern zu verbergen . Plötzlich fuhr sie mit dem Kopf zum Schlage hinaus und sah rückwärts . Die Sonne sandte eben ihre ersten Purpurstrahlen herauf