tiefen Einkehr in sich selbst zurückgedrängt . Jetzt auf einmal fand die unstäte Begehrlichkeit seines Sinnes einen festen Halt im Daseyn . Er fühlte sich besser , als sonst , folglich auch ihrer würdiger . Die Vergnügungen , in denen er sich ehemals berauschte , ekelten ihn jetzt an - schaal und unschmackhaft waren ihm die Früchte der Weltklugheit , die er gegen den Preis eines reinen Herzens eingetauscht hatte , und gern würde er alle Blüthen seines künftigen Lebens , gleich einer Opfergabe , auf den Altar reiner Anbetung niedergelegt haben , hätte Erna nur freundlich die Hand ausstrecken wollen , sie zu empfangen . Die einzige Annäherung , die er sich gestattete , war des Abends , wo er durch die Straße ging , in der sie wohnte . Dann sah er zu den hellen Fenstern empor , wie man zu den Sternen aufblickt , wenn man die Dürftigkeit der Erde recht tief empfindend , sich nach dem Himmel sehnt . Ihm war dann , als könne er , wenn ein leichter Schatten an den Wänden vorüberschwebte , erkennen , ob sie es sei oder nicht , und nicht nur manche Sekunde im flüchtigen Vorüberstreifen , sondern ganze halbe Stunden ruhig verweilend , brachte er in seinen Mantel gehüllt , dem Hause gegenüber zu , dessen Mauern so glücklich waren , sie zu umschließen . Acht Tage waren so seit jenem Ball vergangen - da fand er einst die Fenster dunkel , folglich seinen Abendspaziergang des höchsten Reizes beraubt . Verdrieslich darüber lief er zwecklos noch durch einige Straßen , und als sein Weg ihn am Opernhause vorüberführte , und , durch die Entfernung gedämpft , Mozarts Zauber in den herrlichen Tönen Don Juan ' s sein Ohr traf , beschloß er , leise von ihnen ergriffen , einzutreten , obgleich die Vorstellung längst begonnen hatte . IX Hier fand er unverhofften Ersatz für seine früher verfehlten Wünsche . Denn als er , im Parterre stehend , gleichgültig und finster sein Auge über die schimmernden Logenreihen hingleiten ließ , wurde er mit einem Male wie durch einen elektrischen Schlag fest an eine Stelle gebannt . Denn er erblickte Erna , welche - ihre ganze Aufmerksamkeit der Darstellung widmend - neben der Gesandtin saß . Daß sie mit unverwandtem Blick auf der Bühne ruhte , begünstigte sein Verlangen , sie , nur sie zu sehen , da es unbemerkt von ihr geschehen konnte . Wie schön war sie wieder , einfach , fast nachlässig gekleidet , und doch von unendlicher Eleganz und Zierlichkeit umgeben . Ein Spitzenschleier bezeichnete , mit seinem ätherischen Gewebe sanft sich an ihr Haupt schmiegend , die schöne Form desselben , und ein türkischer Shawl die edlen Umrisse ihrer Gestalt . Ihre sprechenden Mienen , durch lebhafte Theilnahme an dem was sie sah und hörte , mit immer neuem , kindlich reinem Ausdruck beseelt , boten ihm , in ihrem Anschauen alles um sich her vergessend , eine unerschöpfliche Fülle des Genusses und der Bewunderung . Daher kam es , daß er erst mehrere Male am Ermel gezupft werden mußte , ehe er sich umsah , eine Botschaft der Gräfin Tannow zu vernehmen . Sie befinde sich in der Loge gerade über ihm , ließ sie ihm sagen , und wünsche ihn auf ein Wort zu sprechen . Ungern folgte er ihrem Geheiß , denn wenn er gleich in ihrer Loge den süßen Anblick nicht verlor , der ihn hier fast zur Bildsäule versteinert hatte , so war er doch dort weniger unbemerkt , und gezwungen , seine Blicke sorglicher zu bewachen , als hier , wo er weit unbeachteter sich im Gedränge der Menge verlor . Er mußte indeß gehorchen . Man sieht Sie ja gar nicht mehr , flüsterte die Gräfin ihm zu , als er über ihren Stuhl gebeugt , sie begrüßte . Haben Sie die Absicht , ein Einsiedler zu werden , so bitt ' ich , diesen Plan wenigstens noch ein paar Tage aufzuschieben , denn ich habe auf Sie gerechnet , und zur Strafe für Ihre Misanthropie so unumschränkt über Sie disponirt , als hätte ich das Recht , Sie zu meinen beweglichen oder unbeweglichen Gütern zu zählen . Ahnungslos , welch eine Himmelspforte ihr Vorschlag ihm aufschließen werde , antwortete er , mit sauerm Mismuth im Herzen , aber mit der behenden Gefälligkeit eines gewandten Hoffmanns , daß er keiner Gewalt als der Ihrigen sich freudiger unterwerfe , und sie daher vollkommen berechtigt sei , in jeder Hinsicht über ihn zu gebieten . Der Winter ist so schön , und wir haben ihn eigentlich noch gar nicht benutzt , fuhr die Gräfin fort , denn Bälle , Schauspiele und Assembleen könnte uns allenfalls auch der Sommer gewähren ; nun hör ' ich , daß seit gestern herrliche Schlittenbahn seyn soll , und habe ein Projekt entworfen , wie wir den morgenden Tag recht genießen wollen . Um zwölf Uhr Vormittags sind Sie bei mir zum Frühstück geladen . Sie bestellen zu halb zwei Uhr Ihren Schlitten nach , und haben die Ehre , mich nach Bellevue zu fahren . Dort erwartet uns das Diner in der Orangerie . Mit Fackelschein fahren wir zurück , und , da ein Tag , der so heiter beginnt , nothwendig auch ein frohes Ende haben muß , so bringen wir den Abend bei dem * sischen Gesandten zu , der mit seiner Familie auch von der Parthie seyn wird , und sich ' s ausgebeten hat , daß wir dann sämmtlich bei ihm absteigen . Der Nachsatz ihrer Rede söhnte Alexandern mit dem Vordersatz wieder aus , denn nur mit innerem Widerstreben , aus Höflichkeit , nicht aus Neigung , da er zu geselligen Freuden keineswegs aufgelegt war , hätte er sich außerdem in ihren Plan gefügt , der jetzt seine kühnsten Erwartungen übertraf . So sollte er sie wiedersehn , ohne in dem misfälligen Licht eines Zudringlichen zu erscheinen , ohne sie aufzusuchen , ja , auf eine Art selbst gesucht , die seinem Stolz schmeicheln , und ihm einiges Ansehn in ihren Augen verschaffen mußte , da die Gräfin Tannow , die ihn zu ihrem Führer wählte , eine der gefeiertesten Damen der Residenz war . Freudig einwilligend verbeugte er sich , und würde ihr sein Entzücken noch lebhafter bezeugt haben , wenn nicht theils die Klugheit ihm gerathen hätte , es zu verbergen , theils ein Anblick ihn so befremdet und zerstreut hätte , daß es ihm nicht möglich war , sich gehörig zu sammeln . Es trat nämlich ein junger Mann in die Loge des Gesandten , der mit allen Kennzeichen genauer , traulicher Bekanntschaft Platz hinter Erna nahm . Eine angenehme Gestalt und ein freier , durch Welt und gute Erziehung gebildeter Anstand zeichnete ihn aus - mehr noch ein gewisser Ernst , der reifer wie seine Jahre war , und sich fast zur Düsterheit hinneigte . In dem freundlichen Empfang , der ihn von Seiten der Gesandtin und Erna ' s wurde , lag ein eben so unverkennbarer Ausdruck von Achtung als von Wohlwollen , und unwillkührlich beneidete er den Unbekannten um das Lächeln , und den herzlichen Gruß , mit welchem Erna ihn aufnahm . Er verarbeitete das Unbehagen in sich , das bei diesem Anblick mit plötzlichem Schauer die frohen Wallungen seines Blutes kühlte , und als er wieder so viel Ruhe gewonnen hatte , um gleichgültig fragen zu können , forschte er nach dem Namen des ihm völlig Fremden , und erfuhr , daß es Herr von Linovsky , der Legationssecretair und sehr geachtete Hausfreund des Gesandten sei . Die Gräfin schilderte ihn als einen guten , klugen , aber etwas bizarren Menschen , der den Philosophen spiele , allen geselligen Freuden abgeneigt , aber demungeachtet seiner übrigen guten Eigenschaften wegen von den beiden Damen sehr wohl gelitten sei . X Da Erna nach der ersten Begrüßung sich wieder ruhig zum Theater wandte , und Linovsky sich keineswegs bemühte , sie durch seine Unterhaltung davon abzuziehen , so stillten sich in Alexandern allmählig die eifersüchtigen Regungen , die ihm von neuen bestätigt hatten , wie theuer ihm das liebenswürdige Mädchen geworden sei . Ohne das mindeste Recht auf sie , ja selbst ohne eine eigentliche Hoffnung zu haben , war ihm doch , als sei sie mit tausend unzerreißbaren , durch heiße Liebe gewebten Banden an ihn geknüpft , und als dürfe niemand wagen , sie ihm streitig zu machen , oder auch nur in bescheidener Entfernung Wünsche in Beziehung auf sie zu hegen , die er sich allein vorbehielt . Er fühlte , es sei die höchste , entscheidendste Zeit die Bahn unwürdiger Verirrungen nun auf immer zu verlassen , und den Weg der Tugend künftig zu wandeln , und übersättigt vom austrocknenden , öden Weltleben sehnte er sich darnach - aber er fühlte auch , daß er der himmlischen Stütze der Liebe bedurfte , um mit Hülfe ihrer Allmacht zu dem höheren Standpunkt empor zu klimmen , von dem ihn bisher Leichtsinn und Frivolität geschieden hatte . Schon war sein Herz mild erwärmt von jener heiligen Flamme , die über alle ehemaligen Täuschungen der Sinne ihn erhebend , keinem Rausche , sondern einer inneren Verklärung gleich , durch die das Leben sich läutert ; aber Erna ' s Betragen deutete nicht auf die Wahrscheinlichkeit einer einstigen Erwiederung seiner Gefühle , denn der ruhige Ernst ihrer Züge und die kühle Stille ihres Blicks , wenn er dem seinigen begegnete , schlug seine feurigen Hoffnungen nieder , doch nur um - Nahrung aus seinen Wünschen schöpfend - sich bald wieder von neuem zu entzünden . Er nahm sich vor , mit der leisesten Behutsamkeit zu verfahren , um durch ein immer gleiches , bescheidenes Benehmen Erna ' s Unwillen so wie ihr Mistrauen zu entkräften . Dann erst , das sagte ihm die Vernunft und ein gewisser innerer Takt , der sich nicht abläugnen ließ , dann erst , wenn er allmählig sich wieder in den Besitz ihrer Achtung gesetzt haben würde , durfte er , einen günstigen Erfolg erwartend , ihr die innigeren Empfindungen bekennen , von deren Austausch er sich jetzt allein das Glück seiner Zukunft versprach . Er konnte nicht umhin , die Gräfin , als die Oper geendigt war , an ihren Wagen zu begleiten . Auf der Gallerie , die den Eingang zu den Logen bildete , begegnete er Erna am Arme des Gesandten , seine Gemahlin von Linovsky geführt . Man wechselte einige freundliche Worte , die sich auf die Hoffnung bezogen , den morgenden Tag gemeinschaftlich mit einander zu verleben , und scherzend präsentirte die Gräfin den Damen in Alexandern den Ritter , dessen kräftigen Arme sie morgen Leben und Wohlfahrt anzuvertrauen gesonnen sei . Mit vieler Höflichkeit ergriff der Gesandte diese Gelegenheit , durch eine directe Einladung an ihn zum nächsten Abend , die frohe Erwartung zu bestätigen , welche die Gräfin schon früher in ihm erweckt hatte , sich gleichsam ohne sein Zuthun in einem Hause eingeführt zu sehen , das - weil es ihr Aufenthalt war - ein so unbeschreibliches Interesse für ihn hatte . XI Die Hälfte der Nacht verging unter Anordnungen zum folgenden Morgen , der so ahnungsvoll über ihn anbrach , als sei er der Verkündiger einer neuen , wichtigeren Epoche seines Lebens . Mit stiller Sebstzufriedenheit besah er sein Schlittengeschirr , das das glänzendste und geschmackvollste der Residenz war . Denn er liebte den Luxus , und sein Vermögen setzte ihn in den Stand , allem was ihm angehörte , den Stempel einer Eleganz aufzudrücken , die durch edle Auswahl um so lieblicher ins Auge fiel . So hatte er auch hier , da das Schlittenfahren zu seinen Lieblingsvergnügungen gehörte , Sorge getragen , es auf eine seine Eitelkeit in jeder Hinsicht befriedigende Art genießen zu können , und es war nicht zu läugnen , daß wenn sein silbernes Glockenspiel harmonisch erklang , der Anblick des schimmernden Schlitten , des mit männlicher Grazie und Leichtigkeit ihn lenkenden Führers , und des muthigen , auserwählt schönen Rosses , das aufs zierlichste geschmückt war , etwas zauberisches in der Erscheinung hatte . Der reiche Anzug seines Vorreuters , die Farben des Schlittens und seiner eigenen Uniform waren so passend gewählt , daß eins durch das andere gehoben wurde , und die reine Winterdecke des Schnees bildete nirgends den Grund zu einem anmuthigeren Gemälde , als wenn er wie auf Sturmwindsflügeln auf diese Weise vorüberflog . Ungeduldig zählte er die einzelnen Schläge der Uhr , die der Stunde vorausgingen , welche ihn zu Erna ' s Wiedersehen rief - aber als sie nun selber schlug , die lang ersehnte , da zögerte er , schüchtern mit sich selbst kämpfend , und alle Blödigkeit der ersten Jugend , in dämmernder Erinnerung schon abgelegt , kehrte in ihn zurück , und vereinigte sich mit der nie gekannten Furcht , zu misfallen , um ihn ängstlich so lang wie möglich zurück zu halten . Es war ihm , als habe ihn , gleich einem Läuterungsbad , der nie empfundene Zauber einer wahren ernsten Liebe , den er jetzt empfand , von all ' den Flecken gereinigt , mit denen die Verdorbenheit der Welt und seines eigenen Sinnes früher sein Gemüth entstellt hatte . Er fühlte sich weich , wehmüthig , kindlich geworden . Weinen hätt ' er mögen um die verlorene , entweihte Vergangenheit , die eine so tiefe Kluft zwischen ihn und Erna warf , wenn nicht die Hoffnung tröstend in ihm den Glauben gestärkt hätte , daß Reue , die ja mit dem Himmel versöhnt , auch ihn ihr wieder nähern werde . Er gelobte sich selbst , wenn es ihm gelänge , die Herrliche zu gewinnen , durch ein untadelhaftes Leben sich ihres Besitzes werth zu machen , und wenn gleich manche Schwierigkeit sich vor ihm aufthürmte , so zeigte der Spiegel der Zukunft seiner Sehnsucht doch in der Ferne dies neidenswerthe Loos . Hatte sie ihn doch geliebt , als seine Fehler wie üppig wucherndes Unkraut in seiner Seele jeden Keim des Besseren erstickten - wie sollte sie ihn jetzt zu hassen vermögen , da Wunsch und Vorsatz der Besserung sein Inneres veredelte , und ihn moralisch ihr um so viel näher brachte . Versenkt in diese Träume , denen die Hoffnung ein so rosiges Colorit lieh , vergaß er zu gehen , bis ein Eilbote der Gräfin ihn an sein Versprechen erinnerte . Die Gesellschaft war schon versammelt , und mit dem Frühstück bereits fertig , als er athemlos herein trat . Ich habe Ihre Galanterie nicht wenig verläumdet , rief ihm die Gräfin entgegen , oder vielmehr Ihr spätes Kommen hat es gethan , und nur weil Gnade bei mir vor Recht geht , sollen Sie noch eine Tasse kaltgewordene Chocolade haben . Er wollte sich entschuldigen , aber der Blick in Erna ' s großes , ernstes Auge machte ihn verwirrt , und widerspenstig verweigerte ihm die Fülle der Worte ihren Dienst , die ihm sonst so leicht zu Gebot stand . Der Gruß , mit welchem sie den seinigen erwiederte , war nur höflich , und die stille Kälte ihrer Mienen , die abgemessene Fremdheit ihres Benehmens gegen ihn , schnitt um so schmerzlicher in sein warmes Herz , da er sich von dem heutigen , ungezwungenen Beisammenseyn mit ihr so viel versprochen hatte . XII Er war daher froh , als das Signal zum Aufbruch seine Verlegenheit beendigte . Still und wortkarg lenkte er den Schlitten durch die schneebedeckten Gefilde , wenig in der Gräfin heiteres Plaudern eingehend und seine düsteren Gedanken reuig in die Vergangenheit , zagend in die Zukunft senkend . Der Weg führte durch einen Tannenwald , dessen dunkles Grün die Hülle von Schnee zuweilen durchbrach , wie eine leise Hoffnung in ihm die Nacht der Resignation durchschimmerte , zu der Erna ' s an Geringschätzung gränzende Gleichgültigkeit ihn zu verdammen schien . Auf einer Anhöhe , zu der , wo der Wald aufhörte , eine breite Allee sanft empor leitete , lag Bellevue , das Ziel ihrer Fahrt , und hell und freundlich von der mittäglichen Sonne beschienen , strahlte ihnen das wohlgebaute Schloß mit den weit ausgebreiteten Orangeriegebäuden entgegen , die es umgaben . Dort stiegen sie aus , und wandelten umher . Der Reichthum so vieler tropischen Gewächse , die Zierden jedes Himmelsstrichs , und der Triumph der Kunst , die selbst in dieser Jahreszeit die dem Sommer eigenthümlichen Blumen zum Blühen zwang , machte auf Erna , die der Pflanzenwelt so hold war , einen kindlich frohen , ihr ganzes Wesen freudig umwandelnden Eindruck . Auch Alexander fühlte sich freudiger angeregt , indem er bemerkte , daß in dieser sanften Neigung wenigstens ihr Gefühl dem seinen begegnen müsse , denn an Kinder , an Musik und Blumen hing sein Herz vorzüglich , und beurkundete eben dadurch , daß es ursprünglich eine edlere Tendenz von der Natur erhalten hatte , als sich im Getöse seelenloser , oft gar die Seele entweihender Freuden müde zu schlagen . Er selbst zog in seinen Zimmern mit der genausten Sachkenntnis , und mit wahrer väterlichen Liebe die schönsten Blumen , und so ungeduldig er auch übrigens war , so konnte sein rascher Sinn doch mit der größten Behutsamkeit und Ausdauer das Entwickeln und Fortschreiten einer Knospe belauschen , oder dem leisen Entfalten einer lang ersehnten Blüthe entgegen harren . Es näherte ihm Erna auf eine zwanglose und ganz zufällig scheinende Art , daß seine botanische Gelehrsamkeit ihr viele Namen , die ihr fremd waren , zu nennen wußte , und da er diese Wissenschaft nicht blos systematisch , sondern mit wahrer entschiedener Vorliebe und Anwendung auf das praktische Leben geübt hatte , so konnte er ihr mehr mittheilen , als die trockene Nomenclatur allein bietet , und fügte die Eigenschaften , Zwecke und charakteristischen Tugenden eines jeden Gewächses , das ihr eine neue Erscheinung war , mit hinzu . Eine so harmlose Unterhaltung machte sie zutraulich . Schon hörte sie nicht nur mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu , sondern suchte durch Fragen ihren Umfang zu erweitern , und durch Einwürfe , und oftmals keck genug ausgesprochene Zweifel sich immer gründlicher durch seine Mittheilungen zu unterrichten . Unvermerkt entfernten sie sich von den Uebrigen , die weniger lebhaften Antheil an den Einzelnen nehmend , sich lieber dem Gesammteindruck dieses erkünstelten Frühlings überließen , und vor der prächtigen camellia japonica stehend , docirte er ihr mit vielem Ernst , daß sie vermöge des ewig frischen Grüns ihrer Blätter und des pergamentartigen Stoffs ihrer Blüthen zu dem Geschlecht der Orangerie gehöre , in China und Japan zu Hause sei , und die Eigenheit besitze , daß ihre vom höchsten Purpur bis zum reinsten Weiß übergehenden Blüthen abfallen , ehe sie noch verwelkt sind . Diese Worte schienen in Erna ' s leicht bewegtem Gemüth eine sonderbare Erschütterung hervorzubringen . Abfallen , vor dem Verwelken , welch ein neidenswerthes Loos ! sagte sie leise vor sich hin , und beugte sich auf eine der Blüthen herab , die , obgleich nur sanft von ihr berührt , sich vom Stiel trennte , und herab säuselte . Schnell hob Alexander sie auf . Wie eine Mutter in ihren Kindern noch fortlebt , sprach er , so pflegt man diese Blüthen auf junge Knospen ihres Stammes zu setzen , wo sie noch lange in ihrer Schönheit fortdauern , ohne eine andere Nahrung in sich zu ziehen , als die , die sie in ihrer eigenen Kraft finden . Sie nahten sich jetzt der Plumeria rubra , und Erna fragte , ob dies nicht eine Abart des Oleanders sei , den sie in südlichen Ländern so oft im Freien habe blühen sehen . Alexander mußte eine flüchtige Familienähnlichkeit zwischen diesen Gewächsen anerkennen , berichtigte aber den freundlichen Irrthum , in welchem sie gleichsam eine alte Bekanntschaft in dieser Pflanze zu erneuern wähnte , dahin , daß er ihr aus einander setzte , wie sie , aus Jamaika abstammend , nur in heißen Lüften gedeihe , und schon in den sonderbaren , mit einander gleichlaufenden , und noch vor dem Rande der grünen Blätter sich wieder vereinigenden Seitenadern ihre indische Herkunft beurkunde , da eine solche Zeichnung europäischen Gewächsen nicht eigen sei . Sie verlange stets eine gleiche , und nicht zu schwache Temperatur der Wärme , und lohne die sorgsame Pflege , die ihr unter kälteren Zonen Bedürfnis sei , durch ihren herrlichen Duft , der ihr in ihrer Heimath auch noch die Benennung : rother Jasmin zugezogen habe . Ihren botanischen Namen verdanke sie dem verdienstvollen französischen Pater Plumier , der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die westindische Naturgeschichte mit so vielem Eifer untersuchte , so treffliche Entdeckungen als Resultate seines Forschens uns hinterließ , und der erste war , der diese Zierde eines fremden Himmelsstrichs nach Europa sandte . Mit vielem Interesse hörte Erna ihm zu . Wie schön find ' ich diese Art , das Andenken eines Naturforschers zu ehren , sagte sie . Ein unvergänglicheres Denkmahl , als Erz und Marmor bieten können , blüht ihm in der ewig sich erneuernden Jugend und Schönheit des Pflanzenlebens , und trägt seinen Namen dankbar in ferne Jahrhunderte hinüber . Ich kann ' s nicht ausdrücken , fuhr sie zur Gräfin gewendet , fort , die sich ihr genähert hatte , welchen warmen Antheil gerade dieser Zweig der Naturgeschichte in mir erregt , welch eine eigene , schmerzlich süße Bedeutung mein Gemüth in das stille Knospen , Treiben und Vergehn der Pflanzen legt . Es gemahnt mich , wie das menschliche , oder vielmehr wie das weibliche Leben , das auch , so eng beschränkt auf eine Stelle , sich oft , wie in eine stehende Form des Daseyns gegossen , nur entfaltet , um zu verblühen - selten bemerkt - seltener noch gekannt . - Warum schließen Sie aber die Männer aus , liebes Kind , fiel die Gräfin schalkhaft ein . Freilich - es wäre ihnen zu viel Ehre erzeigt , ihnen unter den Blumen ihren Platz anzuweisen - und sie in die Klasse des Unkrauts zu stellen , dazu sind sie offenbar zu gut . Aber es fände sich ja wohl eine andere , passendere Rubrick für sie . Lassen Sie uns ein wenig nachdenken . Sollen wir sie zu den Schmetterlingen zählen , die das Blühende umflattern , so lange es blüht ? - Oder zu den Dornen , deren Zweck mehr zu verwunden , als zu schützen ist ? Oder zu den Würmern , die oft zerstörend die geheimsten Wurzeln des Daseyns zernagen , daß die zarte Staude hinwelkt , ohne daß ein menschliches Auge die Ursach ihres Leidens wahrnimmt ? - Erna wurde roth . Ihr Auge erhob sich mit dem schüchternen Ausdruck leisen Forschens , welchen Eindruck diese Worte auf ihn machten , zu Alexandern , welcher , aufgebracht über den bittern Scherz der Gräfin , der seine stille Unterhaltung störte , und Erna ' s Stimmung sichtlich eine andere Richtung gab , sich schweigend in die Lippen biß . Das sanfte Mitleid mit seinem gereitzten und peinlichen Zustande gab indeß ihrem Blick einen unwillkührlichen Ausdruck von Zärtlichkeit , der alle Bitterkeit des Unmuths in ihm verlöschte , und indem sie leicht und schonend das Gespräch auf andere Gegenstände wandte , sparte sie ihm die Anstrengung mit so befangener Seele in die ihm misfällige Heiterkeit der Gräfin eingehen zu müssen . Sie fragte nämlich nach einer Gemäldesammlung , die , wie sie gehört hatte , interimistisch im Schlosse Bellevüe aufbewahrt werde , bis ein eigenes Local in der Residenz für sie eingerichtet sei , und in welcher , zwar noch ungeordnet und bunt unter einander gemischt , doch manche interessante Erinnerung aus grauer Vorzeit , manches Andenken an später lebende berühmte Menschen in ihren Bildern enthalten seyn solle . Alexander kannte diese Sammlung und erbot sich zum Cicerone , und da der kurze Wintertag nicht lange mehr volle Beleuchtung von außen versprach , so eilte man , sie noch vor der eintretenden Dämmerung zu betrachten . XIII Alexander führte sie in einen Saal , der durch mehrere Stockwerke gehend , und mit Gallerieen umgeben , an seinen hohen Wänden die Heldengestalten der Vergangenheit , gepaart mit den schönsten Frauen ihres Zeitalters zeigte . Zunächst begrüßten sie Heinrich den Vogler , den wackern Kaiser , der der Stifter der Turniere und ihrer edlen Gesetze war . Einen Falken auf der tüchtigen Faust , der mit den sonnenhellen Augen lüstern um sich blickt , schaut der tapfere Held in seiner ritterlichen Tracht , eine rothe , gekrümmte Hahnenfeder auf dem Haupt , gar fest und gebietend um sich her , während nach altdeutscher Weise aus seinem Munde Verse gehen , die derb und bieder in ihrer kaum mehr verständlichen Sprache an jene unverfeinerte , aber kräftige Epoche mahnen . Die Gräfin fand es in seiner listigen Physionomie ausgesprochen , daß es im Leben seine Freude war , die harmlosen Waldbewohner zu berücken , und mit der Leimruthe , oder im betrügenden Netz des Vogelheerds ihnen das kostbare Gut ihrer Freiheit zu rauben . Erna aber , stets milde Ansichten habend , las neben dem Heldensinn , der aus seinem Auge blitzte , die väterliche Milde , mit der er einst seiner ungehorsamen Tochter Helena vergab , als sie mit ihrem Entführer , dem Grafen von Altenburg in eine böhmische Wildnis geflüchtet und zufällig von ihm , der sie fünf Jahre betrauert hatte , entdeckt worden war . Sie hielt ihn für einen fremden Ritter , denn sie erkannte ihn nicht , da er im tiefen Schmerz um ihren Verlust während ihrer langen Entfernung weder sein Haupt noch seinen Bart hatte scheeren lassen , was zu den Zügen des Grams und des vor der Zeit dadurch herbeigelockten Alters noch den wilden Ausdruck einer fast an Wahnsinn gränzenden Verworrenheit gesellte . Er aber erkannte den undankbaren Liebling seines Herzens sogleich ; doch männlich sich zusammen nehmend , lies er nicht ahnen , wie tief bewegt sein schwer gekränktes väterliches Herz war . Und als Helena , fröhlich nach so langer Abgeschiedenheit endlich einmal wieder Kunde von der Welt und ihren neusten Begebenheiten zu vernehmen , durch mancherlei Fragen nach ihnen forschte , drängte nicht kindliche Liebe , Reue , oder Sehnsucht das Wort über ihre Lippen , wie es Kaiser Heinrich ergehe ? Als nun der Kaiser , ihre Gesinnung auf die Probe zu stellen , ihr erwiederte , daß er seit einem Jahr schon verschieden , und die zeitliche Krone mit der ewigen vertauscht habe , hoffte er vielleicht leise , eine Thräne werde aus dem Auge seines Kindes als vermeintliches Todtenopfer ihm fallen . Aber Helena schlug jauchzend in ihre Hände , und freute sich , eine Waise zu seyn , weil sie nun die Einsamkeit verlassen dürfe , die selbst an der Seite des Geliebten ihr drückend war . Was wolltet Ihr denn thun , edle Frau , fragte Heinrich , wenn Ihr den Kaiser in Eurer Macht hättet , gleich wie nunmehro mich ? Wir wollten ihm das Licht heute auf eine Weise auslöschen , antwortete Helena , daß er das morgende nimmer erblicken sollte . Nach lang geführtem Gespräch , in welchem der gekränkte Vater sich sorgsam bewachte , um sich nicht zu verrathen , bettete Helena ihn sanft aus Dankbarkeit , wie sie sagte , für die ihr gegebene frohe Nachricht , und entließ ihn am anderen Morgen , ohne zu vermuthen , wen sie unter ihrem Dache bewirthet habe . Als aber der Kaiser wieder zu den Seinigen gekommen war , sammelte er ein Kriegsheer , und bewaffnete es mit Beilen , um einen Weg durch das Dickicht des Waldes zu bahnen , bis sie das Schloß seiner unkindlichen Tochter erreichten , das er bestürmen ließ . Als nun der Graf von Altenburg sich so feindlich umzingelt sah , fragte er , wer es wage , ihm mit Kriegsüberzug zu nahen , und : Kaiser Heinrich , donnerte es in sein Ohr , während er an der Spitze des Heeres den grauen Ritter erblickte , den er vor kurzem unerkannt bei sich beherbergte . Und als nun ein Herold ihn zur Uebergabe auffoderte , und ihm verkündete , daß es des Kaisers Befehl sei , ihn todt oder lebendig in seine Hände zu liefern , griff der Graf verzweiflungsvoll zum Bogen , sich bis zu seinem letzten Blutstropfen zu vertheidigen - aber in fünfjähriger Ruhe war die Senne desselben vermodert , und es blieben ihm nur Steine zur jämmerlichen Nothwehr . Da zerraufte sich Helena das Haar , und lief mit gerungenen Händen auf die Zinne des Schlosses , und rief hinab mit herzzerschneidenden Jammertönen : Wisset , daß wo mein Herr und Gemahl seines Lebens beraubt werden soll , ich das meinige keine Stunde verlängert sehen will , und dafern mich keiner von Euch ermorden mag , soll meine eigene Hand so beherzt seyn , mir die Brust zu durchstoßen . Da stritten in dem schwer beklommenen Vaterherzen Haß und Liebe und Mitleid mit einander , und die sanfteren Empfindungen siegten , und bezwangen den gerechten Zorn . Knieend beugten sich die Fürsten und Herren , die ihn umgaben , vor ihm , und legten eine Fürbitte ein , die Schuldigen zu verschonen , und durch Vergebung ihres Unrechts zu begnadigen . Thränen perlten an des Kaisers grauen Wimpern , und rollten seine eingesunkene Wange herab . O wie mancherlei Fäll hat doch die Liebe , brach er aus . Wohlan ! es soll Euerer Fürbitt ' gewillfahret werden . Diese milde väterliche Antwort öffnete wie durch einen Zauberschlag ohne alle fernere Gewalt das Schloß , und die Liebenden kamen , zwar bebend , aber nicht mehr zaghaft , hervor , und warfen sich in Demuth nieder vor ihren beleidigten Herrn und Vater , der sie aber liebreich aufhub , ihnen verzieh , und sie wieder mit sich in sein Hoflager führte . XIV Ich muß gestehen , ich wäre nicht so bereitwillig gewesen , zu verzeihen , sagte