und aufgespart werden . Einige gaben das Geld dem Oswald in Verwahrung ; Andere gaben es ihm wöchentlich , um damit nach und nach ein für sie aufgenommenes Kapital abzutragen . Als dies Mehrere thaten , und Oswald am Ende hundert und mehr Gulden beisammenliegen sah , dachte er : » Wozu soll dies Geld da todt und ohne Nutzen liegen ? Wenn es jährlich Zins trüge , hülfe es den armen Leuten ohne ihre Mühe schon wieder zu einem kleine Gewinn und verminderte die Schuld . « Also machte er sich ein Buch und schrieb hinein , was Jeder wöchentlich von seinem Verdienst in die Ersparnißkasse zurücklegte . Dann ging er in die Stadt und beredete einen rechtschaffenen Herrn , daß er monatlich das ersparte Geld , wären es auch nur zehn oder zwanzig Gulden , annehmen und auf Zins austhun wolle . Es wäre zum Besten armer , sparsamer Leute . Der Herr , welcher ein reicher Kaufmann war und gern das Gute beförderte , nahm das Geld und that es an Zins , und wenn am Ende des Jahren die Zinsen einkamen , that er sie wieder als ein kleines Kapital aus , also , daß die Zinsen wieder Zinsen eintragen mußten . Oswald aber schrieb in sein Ersparnißkassenbuch zu Hause immer auf , wie viel jeder von seinen Leuten an den Zinsen Antheil habe . Es war aber ein großes Glück , daß die Leute und ihre Kinder , da sie Arbeit bekamen , auch arbeiten konnten , und fast nie krank wurden . Das war sonst nicht so . Denn wenn sie sich ehemals am Sonntage vollgesoffen hatten , waren sie am Montage nicht zum Arbeiten aufgelegt , und hatten Kopfweh und Uebelkeit . Und weil sie sich insgesammt oft kämmten , wuschen , und gar reinlich hielten , waren sie von allen Uebeln und Krankheiten befreit , welche die natürlichen Strafen und Folgen der Unreinlichkeit sind . Wie nun Oswald den mit ihm Verbündeten erzählte , daß er eine Ersparnißkasse errichtet habe , und daß das Geld , welche sie ihm wöchentlich zum Aufbewahren brächten , Zinsen tragen müsse , erstaunten sie gar sehr und freuten sich . Und Jeder sah im Buche nach , wie viel Geld er schon zusammengebracht habe , und wie viel Zins er am Ende des Jahres dafür zu erwarte habe . Anfangs hatten nur wenige Haushaltungen dem Oswald ihr Geld gebracht . Nun aber sagten es die Einen den Andern . Und wie Einer hörte , der Andere habe schon fünfzehn , zwanzig und dreißig Gulden und mehr zurückgelegt , wurde er mißvergnügt und wollte es auch so haben , und nahm sein weniges Geld und trug es auch zum Oswald und sprach : » Ei , Lieber , warum hast du mir nichts von der Ersparnißkasse gesagt ? Lege mein Geld , das ich wöchentlich entbehren kann , auch hinein , es sei viel oder wenig . Denn wenn ich es im Hause habe , will es sich nicht vermehren , sondern es schwindet immer . Hat man es , so verbraucht man es wieder . Drum besser , aus den Augen , aus dem Sinn ! Kann ich ' s nicht so haben bei dir , so kann ich noch lange nicht an Abzahlen meiner Schulden denken . « So brachte nun Jeder alle Woche Etwas , das er von seinem Verdienst erübrigen konnte , und Einer bemühte sich mehr , als der Andere , in die Ersparnißkasse zu legen . Einige wurden so begierig , daß sie beinahe Weib und Kind hungern ließen , um desto mehr Geld zusammenzuscharren . Das verdroß den Schulmeister , und er hob an zu reden : » Es ist wohl gut , daß ihr mäßig seid , aber Weib und Kind müssen nicht hungern . Wer wohlgenährt ist , der hat auch Kraft und Muth , zu arbeiten . Freilich , manche Frau , die auch wohl im Felde arbeiten , oder sonst Geld verdienen könnte , muß jetzt zu Hause bleiben , und ihre Zeit beim Kochen verlieren . Wäre für jede Haushaltung von selbst schon Gekochtes da , so würde man kein Holz kaufen und bezahlen , oder es mit Zeitverlust im Walde zusammenlesen müssen , sondern man könnte vielleicht sogar jährlich von dem Gabenholz , das die Gemeinde gibt , an Andere verkaufen und Geld daraus lösen . Dabei wäre schön zu sparen . Aber wir müssen das auf andere Weise anfangen . « » Ihr wisset , wir haben in theuern Zeiten elende Sparsuppen gegessen . Warum sparten wir damals , da wir nichts hatten , und nicht weit lieber jetzt , wo etwas zu sparen wäre ? - Wir haben jetzt Erdäpfel , Obst und Mehl und Brod und Fleisch in wohlfeilerm Preis . Wir können jetzt mit demselben Gelde , wie in der theuern Zeit , bessere Kost haben und viel ersparen . Wenn jetzt Einer für uns Alle kocht , ersparen viele Frauen Zeit , und können auf andere Weise arbeiten und verdienen . Unter dreißig Kesseln und Häfen braucht es zwanzigmal mehr Holz an einem Tage , als unter einem einzigen Kessel für dreißig Haushaltungen . Das begreift ihr ; dabei ist Gewinn . Aber wo für viele Menschen zusammen gekocht wird , ist auch an Salz und Schmalz und Zuthat und Geschirr Ersparniß . Lasset uns einen Versuch machen . « So sprach Oswald . Viele wollten ; Andere wollten nicht . Oswald ging zum Müller und beredete ihn , die Sparsuppe zu kochen , und dreimal wöchentlich Fleisch dazu , besonders zum Verkauf . Diejenigen , welche dazu einstanden , sagten , wie viel Suppe und Fleisch sie täglich begehrten ; es waren ihrer zuerst siebenzehn Haushaltungen . Nun mußte der Reihe nach jede Haushaltung , eine um die andere , wenn der Tag an sie kam , das Holz zum Kochen , und beim Kochen einen Aufwärter oder Gehülfen geben . Die Müllerin führte beim Kochen die Aufsicht . Alle Tage war Abwechslung in Suppe und Gemüse . Wer kein Geld hatte , konnte seine Portionen mit Mehl , Obst , Gemüs und Erdäpfeln zahlen . Das ward Keinem zu schwer . Nur wer Fleisch nahm , zahlte Geld dafür . - Die Frau Müllerin verstand das Kochen . Die andern Bauernweiber und Mädchen , wenn der Tag an sie kam , da sie helfen mußten , lernten viel dabei , was sie vorher nicht wußten . So geschah , daß die zusammenstehenden Familien , wozu auch der Schulmeister und der Müller gehörten , besser und nahrhafter aßen , als andere Leute im Dorfe und doch weit wohlfeiler . Alle Tage Suppe und Gemüs dazu , dreimal wöchentlich Fleisch und Braten auf allerlei Art zugerichtet . - Wie dies die Andern sahen , daß es da keine Säutränke oder elende Sparsuppen gab , und daß es noch für kranke Personen und Genesende gesunde Nahrung nebenbei gab , traten sie auch bei , und Viele , die gar nicht zum Goldmacherbund gehörten . Denn sie merkten bald , daß da viel an Holz , Mühe und Zeit , viel an Speisezuthat erspart und Alles weit wohlfeiler gemacht werden konnte . Es wurden für die Garküche der Müllerin endlich der Theilhaber zu viel , obgleich sie täglich mehrere Gehülfinnen erhielt . Da legte der Adlerwirth zu seinem Vortheil auch eine solche Küche an . Aber alle , die zum Goldmacherbund gehörten , blieben beim Müller . Sie hatten die verständigsten Hausväter unter sich ausgeschossen , die mußten den Ankauf der Vorräthe und deren Verwendung beaufsichtigen . Denn die Garküche sollte keinem Einzelnen zum Gewinn dienen , sondern Allen zum Vortheil gereichen . 16. Wie sich die Wirthshäuser im Dorfe vermindern , und was die alten Bauern dazu sagen . In der Küche des Adlerwirths ging es anders zu . Er kochte Sausuppe . Davon wollte Keiner essen . So blieben seine Kunden weg , weil sie nicht ihr theures Geld dafür geben wollten . Sie traten unter einander zusammen , und wollten es machen , wie die Leute bei der Müllerin . Aber es ging nicht , weil keine Ordnung war und weil Einer den Andern betrog . Da lachte der Adlerwirth und freute sich , daß es bei Andern nicht besser ginge , als bei ihm . Bei ihm ging es aber doch schlechter als bei Andern , weil er ein hartherziger , schlechter Mann war . Er hatte viel Geld auf böse Weise zusammengescharrt ; aber unrecht Gut gedeiht nicht . Wenn in der theuern Zeit Steuern und milde Gaben für die armen Leute nach Goldenthal gekommen waren , damit man Sparsuppen kochen und austheilen könne , hatte er die Gemeindsvorsteher beredet , lieber das baare Geld an die armen Leute auszuzahlen . Dann trat er mit dem Löwenwirth zusammen , und sie verkauften den armen Leuten Mehl und Brod in ganz ungeheuerm Preise . So kam das Geld alles wieder in ihren eigenen Sack zurück . Wenn Leute im Dorfe von ihrem Heu , Vieh oder liegende Gütern aus Noth etwas öffentlich an die Steigerung bringen wollten , so trat er mit dem Löwenwirth und andern Vorstehern zusammen , und sie machten Satz mit einander , um alles wohlfeil zu bekommen . Sie boten erst kleine Summen , und legten etwas zu . Dann trat einer nach dem Andern zurück , und bot nicht mehr , weil es zu viel und die Waare zu schlecht sei . So sagte Einer nach dem Andern . Und weil man sie für die verständigsten Männer hielt , getraute sich kein Anderer , mehr zu bieten . So bekamen sie die Sachen wohlfeil . Wenn aber doch ein Anderer klug war und mehr bieten wollte , schreckte man ihn mit Drohworten , zumal wenn ein solcher ihnen schuldig war ; und sie sagten : » Hast du Geld genug für so schlechte Waare , und willst du meinen Freund überbieten : so verlange ich , du sollst mir vorher deine Schuld bezahlen . « So machte es der Adlerwirth . Aber unrecht Gut gedeiht nicht . Er war ein stolzer und zornmüthiger Mann , und hatte beständig Händel und Prozesse vor Gericht . Sogar mit seinen Brüdern und Schwestern hatte er einen Rechtsstreit gehabt , weil er sie in der väterlichen Erbschaft durch Betrug und List bei der Theilung sehr verkürzt hatte . Viele Leute im Dorfe waren von ihm durch das Prozessiren zu Grunde gerichtet worden . Ueberhaupt war die Streitsucht in Goldenthal eine Hauptursache von der Verarmung des Dorfs gewesen . Denn so lange die Leute noch im Wohlstand waren , wollten sie großthun ; wer einen Prozeß zu führen hatte , meinte , er habe etwas Großes und Ehrenvolles , weil Jedermann mit ihm davon sprach . Dann kamen arglistige Advokaten und hetzten noch mehr auf , weil sie gern durch die Dummheit und Prozeßwuth der Bauern Verdienst hatten . Die prozeßlustigen Leute waren dann so sehr auf ihre Sache erpicht , daß sie tausendmal schworen , lieber Alles daran zu setzen , als nachzugeben . Das gefiel den Advokaten sehr wohl . Da wurden die Prozesse durch allerlei Kunst in die Länge gezogen , Jahr ein Jahr aus ; da wurde replizirt , triplizirt , appellirt und den einfältigen Leuten das Geld aus dem Sack herausgeführt , bis der Handel zehnmal mehr gekostet , als er werth war . Wer dann verlor , schimpfte über Parteilichkeit der Richter und sog an den Hungerpfoten . Die Advokaten aber aßen Braten . Seit Oswald ins Dorf gekommen , hatte er viele Leute vom Prozessiren abgehalten . Denn wenn ihn Einer um Rath befragte , richtete er es immer so ein , daß die Sache in der Güte abgethan wurde . Und er redete und sprach : » Einst fanden zween Hunde , die sich auf einem schmalen Steg über dem Wasser begegneten , ein Stück Fleisch auf dem Brücklein . Und sie geriethen in Streit , wem es gehöre . « Ein dritter Hund , der das Fleisch auch gern gehabt hätte , kam dazu und sagte bald diesem , bald jenem ins Ohr : » Gib nicht nach . Es gehört dir von Rechtswegen allein ! « Also fingen die Beiden an , sich zu raufen und zu beißen , bis Beide in der Balgerei hinab ins tiefe Wasser fielen . Dann ging der Dritte gemächlich zum Fleisch und fraß es , und sah zu wie die Andern schwammen . So geht es den streitführenden Parteien in Prozessen . » Rechthaberei kostet viel Geld , und bringt Spott und Schande nach . Wer einen Prozeß anhebt , hat schon die Hälfte von dem verloren , was er gewinnen will . Boshafte Advokaten sind wie die zwei Schneiden einer Scheere ; sie vereinigen sich , um das zu trennen , was man zwischen beide legt . Wenn du am Ende Alles gewinnst , hast du doch mehr verloren , als dir ersetzt werden kann : Zeit und Arbeit , wohl gar an der Gesundheit Schaden genommen durch Verdruß und Aerger , Furcht , Sorge und schlaflose Nächte . « So sprach Oswald . Der Adlerwirth aber fragte ihn nie , sondern hatte fast alle Jahre einen neuen Prozeß . Die vielen Unkosten und Geschenke an Advokaten und Schreiber , die vielen Läufe und Gänge und Reisen brachten ihn nach und nach um das Seinige . Als er nun einen Streit gegen eine benachbarte Gemeinde verlor , den er mit derselben wegen einer alten Eiche geführt hatte , von der er behauptete , sie stände auf seinem Lande und gehöre nicht der Gemeinde , so kam er in große Noth . Denn die Eiche hatte ihn über tausend Gulden gekostet , und er wußte nicht , woher das Geld nehmen , weil er mehr auf Haus und Land schuldig war , als man glaubte . Und da er überall Geld aufnehmen wollte und nichts erhielt , geriethen die in Sorgen , denen er schon schuldig war . Und sie begehrten zurück , was sie ihm geborgt hatten . Also blieb ihm nichts übrig , als all sein Gut den Gläubigern heimzuschlagen . Er mußte Haus und Hof verkaufen . Das war die Folge seiner Prozeßsucht . Weil er seine Felder schlecht besorgt hatte , gingen sie in mäßigen Preisen ab . Da die Leute nicht mehr häufig ins Wirthshaus gingen , weil sie entweder kein Geld hatten , oder keins versaufen wollten , brachte auch die Wirthshausgerechtigkeit nicht viel ein . Der Käufer des Hauses , als er sah , daß Niemand bei ihm einkehren und Geld verzehren wollte , stellte das Wirthen ganz ein . So blieb nur der Löwenwirth noch Meister ; denn die andern Wirthe und Bier- und Weinschenken hatten gar nichts mehr zu verdienen , und die Wirtschaft schon früher aufgegeben . Einige alte Bauern schüttelten den Kopf und sprachen : » Es ist doch böse Zeit und wir sehen wohl , unser armes Dorf geht gänzlich zu Grunde . Vorzeiten hatten drei Wirthe und noch einige Bier- und Weinschenken bei uns vollauf zu thun ; jetzt ist kaum Nahrung für einen einzigen vorhanden ! Wohl ist das eine Schande für unser Goldenthal , und ein Beweis , wie schlecht es bei uns steht . « Oswald aber sprach zu ihnen und sagte : » Mit nichten , ihr guten Leute ! sondern nun habe ich Hoffnung , daß es bei uns bald besser gehen werde . Ich bin viel in der Welt umhergereiset , und habe viele Dörfer gesehen . Wo die meisten Wirthshäuser waren , da habe ich immer die meiste Armuth gefunden . Und wo kein Wirthshaus war , als etwa , Reisende zu beherbergen , da sah man einen gewissen Wohlstand in den Häusern . Die Wirthe hängen nicht umsonst in ihre Schilde das Bild eines Raubthieres aus , Löwen und Adler , Bären und Falken , - die Thiere leben von Gut und Blut der Gemeinde . Sie hängen ein goldenes Kreuz aus , weil sie Gold haben wollen , und den Leuten Kreuz und Kummer dafür lassen . Sie hängen einen goldenen Engel aus , aber es ist ein böser Engel , der Rekruten wirbt für das Zucht- und Armenhaus und Gefängniß . Wir haben im Dorfe nur noch ein Wirthshaus , aber nur zu viel daran . Stände es nicht da , ständen die Nachbarshäuser besser . Wer am Wirthstische die Spielkarten nicht braucht , kauft sich eine Bibel und Gotteswort ins Haus . Wer nicht bei den Zechern um theures Geld Kopfweh kauft , freut sich daheim bei Weib und Kind unentgeldlich . Wer dem Wirth kein Geld zahlt , behält es im Sack . Es ist mehr Ehre , im eigenen Keller eine Flasche Wein , als im Wirthskeller ein ganzes Faß voll zu haben . « So redete Oswald , und die alten Bauern nickten mit dem Kopf , denn sie merkten wohl , er habe nicht Unrecht . Aber der Löwenwirth wollte bersten vor Zorn , zumal , da er hörte , daß Oswald den goldenen Löwen ein Raubthier geheißen hatte . Und er würde dem Oswald gern einen Prozeß angehängt haben , wenn es möglich gewesen wäre . Aber der Schulmeister war klug , nahm sich in Acht und ging dem grimmigen Löwen überall aus dem Wege , und ließ denselben brüllen und schmähen . 17. Vom Blitzstrahle im Pfarrhause und dem neuen Herrn Pfarrer . Zu dieser Zeit war in einer Nacht ein erschreckliches Gewitter . Der ganze Himmel stand in Flammen . Der Donner rollte , daß die Häuser bebten und die Fenster klirrten . - Wenn die Bauern das ganze Jahr ruchlos blieben , so beteten sie doch allemal beim Gewitter recht laut , und bereuten ihre Sünden von ganzem Herzen so lange , bis das Wetter vorüber war . Dann lebten sie wieder wie vorhin . Plötzlich fuhr mit entsetzlichem Krachen und Prasseln der Blitz ins Dorf . Er fiel wie ein Feuermeer auf das Pfarrhaus ; doch zum Glück zündete er nicht und beschädigte Niemanden . Aber am folgenden Morgen sah man , wie der Blitz das ganze Dach zerschmettert hatte , und der alte Herr Pfarrer war vom Schrecken so hart befallen worden , daß er nach wenigen Tagen starb . Da schimpften die Goldenthaler auf die Regierung , und sagten : » Die Regierung ist an dem ganzen Unglück Schuld . Denn hätte sie nicht verboten , beim Hochgewitter mit der Glocke zu läuten , so wäre das nicht geschehen . Sonst hat man doch das Wetter , wenn es kam , wegläuten können ; jetzt ist das verboten . Die großen Herren haben keine Religion mehr im Leibe . Nun haben wir das Unglück . « - So sprachen die Goldenthaler . Oswald aber sagte : » Wie denket ihr doch in euerm Herzen so thöricht , und sprechet mit euerm Munde so lästerlich . Die Regierung hat den Blitz nicht auf das Dach des Pfarrhauses gezogen , sondern der metallene Knopf mit der eisernen Wetterfahne hat es gethan . Denn es hat Gott in die Natur des Blitzes gelegt , immer dem Wasser oder den Metallen auf der Erde nachzugehen , besonders den metallenen Spitzen . Das hat Gott gethan , auf daß der Mensch erkenne , wie er sich vor der Gewalt des Blitzt verwahren könne . Denn sobald der Blitz Metalle findet , an denen er bis in den Erdboden dringen kann , ist er unschädlich . « So sprach Oswald , und führte die Bauern auf das Dach des Pfarrhauses . Da sahen sie Alle in dem vergoldeten Knopf kleine eingeschmolzene Löcher , und sahen , wie der Blitz den aufrechtstehenden Nägeln der Hohl- und Eckziegel am Dache nachgelaufen war , bis unter das Dach zu einem Eisendraht , an welchem man vor der Hausthür zu klingeln pflegte , wenn man zum Herrn Pfarrer wollte . Weil nun der Blitz solch einen eisernen Weg zur Stunde gefunden , war das übrige Haus von ihm verschont worden , und ein kalter Schlag geblieben , wie die Bauern sagten . Er wäre aber , hätte er jenes leitende Eisenzeug nicht gefunden , wohl leicht ein gar heißer Schlag geworden . Oswald sprach ferner : » Weil die Kirchthürme hohe Spitzen tragen und viel Eisenwerk im Innern , geschieht es oft , daß der Blitz sie trifft . Und weil daher schon mancher arme Mensch beim Gewitterläuten erschlagen worden ist , hat die hohe Obrigkeit das unnütze und abergläubige Läuten verboten . « So sprach Oswald ; und weil er merkte , daß sich seit der Zeit viele Leute vor dem Blitzstrahl mehr als vorher fürchteten , that es ihm leid . Und er sprach : » Angst und Schrecken beim Gewitter sind ein Unglück ; das Gewitter selbst ist ein Segen des barmherzigen Gottes für die Länder , deren Lüfte er reinigen und deren Boden er befruchten will . Darum legt euern Kummer ab . Gehet hin , befestiget auf dem Giebel eures Hauses eine eiserne Spitze , eines Schuhes hoch ; knüpfet daran einen eisernen Draht , nicht dicker als die Spule einer großen Schreibfeder , der muß über das Dach herab bis zur Erde gehen in eine feuchte Stelle . So habet ihr dem Blitz einen Weg gemacht , auf dem er unschädlich zur Erde fährt , wenn der Draht ein einziges Stück ist von oben bis unten , und ihr ihn sauber haltet von allem Rost und Schmutz . Ein Blitzableiter ist ein Furchtableiter , und bewahrt zugleich Haus und Dorf gegen ein mögliches Unglück und Feuersbrunst durch den Strahl . « Also redete der Schulmeister , und setzte auf sein eigenes Haus eine Eisenspitze mit dem daran herabhängenden Draht ( denn Elsbeth fürchtete sich stark bei Gewittern ) . Der Müller hatte dergleichen schon längst in der Stadt gesehen und that es auch . Viele Bauern folgten dem Beispiel nach , denn es kostete nicht viel und half doch zur Beruhigung . Andere aber nahmen in ihrer Dummheit daran großes Hinderniß und sagten : » Heißt das nicht , unserm Herrgott nach den Augen stechen und ihm Gesetze vorschreiben ? Kann er nicht mit seinen Blitzen treffen , wen er will ? Werden die vielen Wetterstangen nicht die fruchtbringenden Gewitter verhindern und schlechte Witterung machen ? « Da antwortete der Schulmeister und sprach : » Ihr Thoren , die Wetter Gottes gehen über tausend Spitzen der Bäume des Waldes , wie über kahle Ebenen ; und seine Blitze befruchten den Erdboden , sie mögen in den Wipfel der Eiche oder in Eisenstäbe , oder in See ' n , Flüsse und Meere fallen . Aber der Herr gab uns Einsicht , auf daß wir uns bewahren sollen vor dem Schaden , den die herrlichste Sache am unrechten Ort stiftet . Das Feuer ist mit Licht und Wärme wohl ein herrliches Ding , aber nicht wenn das Haus brennt . Darum gab uns Gott das Wasser zum Löschen des Feuers . Brauchet ihr nun das Wasser zum Löschen des Feuers , warum traget ihr Bedenken , das Eisen zum Löschen des Blitzes zu gebrauchen ? Es ist kein Uebel in der Welt , Gott hat uns dagegen ein Mittel gegeben . Aber der Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen . Wer nun in blinder Verstocktheit das Mittel verschmäht , ist ein Verächter von Gottes theuersten Gaben , und leidet gerechte Strafe , es sei , daß sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers , oder daß sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde . « Viele glaubten an diese verständige Reden . Andere aber , die Blöden und Hochmüthigen , verachteten solche Worte in ihrem Herzen , und wollten nicht zugeben , daß es der Schulmeister besser verstehe , als sie ; denn sie schämten sich dumm zu sein , und wollten ihrer Unverständigkeit das Ansehen der Klugheit verleihen . Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarrers blieb nicht lange unbesetzt . Der neu erwählte Herr Pfarrer Roderich , damals noch ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren , kam ins Dorf . » Ei ! « riefen einige Bauern : » was soll uns dieser Knabe ? Wenn die Regierung keinen Glauben mehr hat , so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen , und einen würdigen Mann schicken , der Jahre und Erfahrung hat . « Andere sprachen : » Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode . Gott sei es geklagt . Wenn er predigt , spricht er so wie unsereins , und man kann wahrhaftig alles begreifen und behalten . Das taugt nichts . Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr lernen . Da muß man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten . Das war ein ganz anderer Mann ! Der predigte so schön und gründlich gelehrt , daß ihn unsereins nur nicht verstand , und wenn er anderthalb Stunden auf der Kanzel war . Der wußte unsereins herzunehmen , wenn er von der Hölle und ewigen Pein anfing und von Buße und Glauben , und wenn er das ganze Sündenregister hersagte . Zumal im Winter , wenn es in der Kirche fror , daß man hätte Ach und Weh schreien mögen , dann machte er ' s am längsten ! « - Wieder Andere sagten : » Ja , der alte Herr selig , das war ein Mann ! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar , da war doch von seiner großen , breiten Gestalt etwas zu sehen . Der neue Herr Pfarrer ist viel zu schmal , und dünn wie ein Zwirnfaden . Ja , und wenn der alte Herr selig einmal eifern wollte , hörte man ihn weit übers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der Almende ; und den Leuten , wenn sie aus der Kirche kamen , klangen die Ohren zwei Stunde hernach . Der hatte eine Stimme ! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so , als wäre er bei uns in der Stube . « So urtheilten die Leute zu Goldenthal , doch auch nicht alle . 18. Noch etwas von dem neuen Pfarrer . Es gab auch Leute im Dorfe , die sahen wohl , daß der Pfarrer Roderich ein recht frommer , würdiger und gelehrter Mann war , ungeachtet seiner Jugend , ein Mann nach dem Herzen Gottes . Ja , wenn man ihn lange beobachtete , ward einem zu Muthe , als wäre er mehr als ein gewöhnlicher Mensch , und von wahrhaft himmlischer Abkunft . Denn er war leutselig und doch voll Ernstes ; er war demüthig , und flößte doch in seiner Demuth große Ehrfurcht ein . Er schalt nie , er zürnte nie , und war immerdar voll Sanftmuth und Geduld ; und wenn er tadelte , hörte man nur die Stimme der Liebe , die den Verirrten zurechtwies . Als er in Goldenthal angekommen war , besuchte er alle Familien im Dorfe und machte sich mit allen bekannt . Nachher verging kein Tag , daß er nicht bald in dieses , bald in jenes Haus ging . Er verstand da die rechte Kunst , Vertrauen zu erwecken . Immer wußte er guten Rath zu geben , immer die Bekümmertem zu trösten , das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Versöhnung zu stiften . Gleichwie Christus der Herr , ward auch er bei armen Leuten gesehen , oder bei denen , die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres Herzens bekannt waren . Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete , war es ein wunderbares Wesen . Denn Jeder glaubte , der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein . Jeder hörte gleichsam da die Geschichte seines eigenen Herzens , das Geheimniß seiner eigenen Fehler , und die wahren Ursachen , wie man zu denselben gekommen und von Gott abgefallen sei , und die Art und Weise , wie man wieder zum himmlischen Vater zurückkehren müsse . Und dabei wies er immer auf Jesum Christum und die Heiligen Gottes , als die Vorbilder des Wandels zu Gott . Das erweckte dann in jedem Zuhörer großes Nachdenken , weil Jeglicher meinte , es sei nur von ihm die Rede . Und man vergaß die Jugend des Lehrers , und seine zarte Gestalt , und die Mildigkeit seiner Stimme . Denn seine Worte waren Himmelsworte , die da an das Herz drangen mit Süßigkeit und Entsetzen . Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte , um ihre Einrichtung kennen zu lernen , machte die Reinlichkeit , Stille und Ordnung der Kinder , wie sie kamen , ihm große Freude . Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel und die ganze Schule niedersank zum Gebet , rührte ihn der schöne Anblick der betenden Jugend . Und er kniete und beugte sich vor Gott , und die hellen Thränen flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen . Und er blieb liegen , als Oswald geendet hatte , und streckte die gefalteten Hände zum Himmel und sprach : » Mein Vater im Himmel , höre auch mein Gebet und Seufzen ! Bleibe mit deiner Gnade gegenwärtig diesen unschuldsvollen Kindern , daß sie sich nie von dir verlieren ; bleibe , bis es bei ihnen Abend wird , und du sie aus der Welt voll Prüfungen hinwegrufst an dein Vaterherz . Dann , o dann , Barmherziger ! vergib um Jesu willen auch mir meine Sünden , daß ich knien darf mit diesen verklärten Engeln um deinen Thron , und drüben keiner fehle von uns . Und segne den Lehrer dieser frommen Jugend , segne sein Wort und Werk , daß er mächtig bleibe durch deine Macht , dein Reich herrlich zu erweitern ! « So sprach er ; dann stand er auf und sagte zu den Kindern : » Liebe Kindlein , betet fleißig für diesen euern Lehrer , daß ihn Gott euch erhalte