Ich finde Euch gar nicht sonderlich schön , die Apollonia erzählt mir immer von Euch . Das ist ein seltsam Kind , die kann nie fertig werden mit der Beichte , immer ist sie durch Euer Andenken gestört worden ; lauf , lauf , muß ich ihr sagen , lauf lieber zum Teufel , als daß ich ewig Beichte sitzen muß . Ihr seid mir alle beide lieb , wir wollen mit einander ein gutes Weinchen trinken und von unsern Bauten reden . Der Berthold ist gar kein übler Anfänger , ich hab oft schon seine Arbeit belauert , nur schade , daß all die schönen Säle zu weltlichem Gerümpel dienen sollen , denn was ist das Kleid des Menschen wert , wenn er selbst nur ein Madensack ist , Euer feinstes Tuch ist nur ein Übersack des Madensacks ; ist der Wein alt genug , so schenken wir ihn ein und in drei Schluck ist das Glas herunter , der Wein mag jämmerlich rufen : Setzt ab ! Da hilft nichts , er muß nieder , so auch der Mensch , er mag zappeln , so viel er will , er muß in die Erde , daß ihn die Maden fressen . « - Bei solchen Worten trank er mächtig und gab dem Baumeister durch Klopfen , Händedrücken , Bartstreichen allerlei närrische Zeichen , denen Berthold in Demut zusah und bescheidentlich aus seinem Glase nippte , voll des frohen Gefühls , daß es doch nicht in allen Gesellschaften Hiebe und Fußtritte regnete . Unterdessen war im Nonnenkloster seltsame Bewegung . Die Äbtissin war eine alte , sehr lebendige , dürre Jungfrau , von gar unermüdlicher Tätigkeit . Sie freute sich herzlich , wenn die Novizen sich schwesterlich an sie anschlossen und verzieh ihnen jede Unart , wenn sie nur fleißig den reichen , in Absätzen gebauten Garten des Klosters mit ihr bearbeiteten , mit ihr die gewonnenen Früchte sorgsam dürrten und in selbst ausgewirktem Honig einmachten , auch die Kräuter zur Armenapotheke , die sie für die Stadt bereit hielt , vorsichtig trockneten und klein rieben . Mit den frommen Nonnen vertrug sie sich um so schlechter , nannte sie Brigitten und Betschwestern und wurde deswegen , ungeachtet ihrer übrigen Tadellosigkeit , sehr verlästert . Die Äbtissin lachte über sie , durch ihre Wirtschaftlichkeit hatte sie Geld zusammengebracht , um die verfallene Klosterkirche neu zu erbauen , dies war ihr Stolz . Apollonia ward ihr Liebling , weil sie in der Wirtschaft schon sehr geübt war , diese rief sie zu allem Kummer und zu allen kleinen Freuden des Klosterlebens . Auch heute hatte sie ihr den neuen , heftigen Streit mit dem Prior erzählt und daß ihr nichts so kränkend sein würde , als wenn ihr Kloster den Ruhm der feinsten und stärksten Nonnenstimmen unter dem Backofen , so nannte sie das Kirchengewölbe , verlieren sollte . Apollonia meinte , es müsse doch erst untersucht werden , ob die Stimmen so unterdrückt würden , ehe sie ihre Klage beim Bischof einreichte . » Wie sollen wir ' s versuchen « , klagte die Äbtissin , » der Gang zur Kirche ist noch nicht wieder hergestellt , es möchte eine böse Nachrede geben , wenn wir in die ungeweihte , neue Kirche gingen , um den Gesang zu versuchen . « - » Und doch muß es bald geschehen « , sprach Babeli Brix , » denn der Vater sagte mir , daß der berühmte Baumeister aus Straßburg , vom Prior hieher gerufen , heute oder morgen ankommen werde , um für ihn ein Zeugnis abzulegen . « - » Da will er uns mit dem Namen des Baumeisters ganz unterdrücken « , rief die heftige Äbtissin , » ehe wir noch wissen , wie sehr unsre Stimmen von dem Gewölbe erdrückt sind ; wär ' s nur nicht zu spät , wir gingen noch heute zur Kirche ; aber ich fürchte die Nachrede der Schwester Veronika . « - » Da weiß ich Rat « , sagte Babeli listig , » die ganze Stadt hat ein Gerede von einer Nonnenprozession , lauter verfluchte Nonnen , die Nachts um zwölf nach der Kirche ziehen und mit einem Kreuzritter sich begrüßen , der da begraben ist , aber keiner hat sie gesehen . Wir haben auch keine Geister gesehen , wir besprengen uns mit geweihtem Wasser , wir sind unsrer viele , da fürchten sich die Geister ; wir ziehen ganz heimlich mit Laternen , die wir unter den Kutten verbergen , um zwölf Uhr nach der Kirche , singen eine Mette , dann können wir den Prior zu einer öffentlichen Probe ausfordern , er muß zu seinem Schimpf das Gewölbe abreißen lassen . « Die Äbtissin küßte Babeli in heller Freude , und hörte nicht auf Apollonia , die ihr das Wagestück ausreden wollte , Josephine Brix brachte eine Nachricht aus dem alten Klosterkalender , daß an diesem Tage von je her um ein Lamm gespielt worden wäre . Das Kloster versammelte sich zu diesem Spiele , so ward dieser Abend mit einem Eifer , einer Lust gewürzt , es gab ein Zischeln , ein Vorbereiten , ein Beobachten der alten Nonnen , denen man nicht traute , wie es nur unter eingesperrten , lebenslustigen Jungfern möglich ist . Endlich war das lebende Gespenst , die Mutter Veronika , fort gegangen , sie hatte Apollonien das Lamm geschenkt , weil sie am schnellsten die geistlichen Sprüche hersagen konnte , nun ging ' s ans Gespensterspiel . Jedes Mädchen nahm etwas zu ihrer Bewaffnung auf die gefährliche Fahrt , nur Apollonia ließ sich an dem Lamm genügen , das sie eben gewonnen hatte und mit halb heiliger Andacht ehrte . Wegen ihres frommen Ansehens mit dem Lamm mußte sie den Zug eröffnen , die Laternen wurden versteckt , sie verließen leise die schützenden Mauern . Ein schwarzes Ringgewölbe schien über die Hälfte des Himmels gezogen , hinter welchem der Mond sich bedenklich bergen mochte , die Gassen waren leer , als ob kein Liebhaber sich in diese Gegend mit weltlichem Gesange wagte ; nur ein Kind schrie aus der Ferne , das vom Alp oder von seiner Amme gedrückt wurde , und Lampenschimmer strahlte aus einem Krankenzimmer streifig nach dem Zuge hin , die Fledermäuse schwirrten in Lüften , gar lieblich dufteten die Nachtviolen des Klostergartens im sanften Winde . Die Äbtissin sah das alles , aber sie zitterte so innerlich , daß es ihr wenig Freude machte , nur spottete sie leise zu Apollonien über den Turm , der freilich erst im Aufsteigen war . Aber als sie der Türe nahe war , erschütterte sie die Höhe derselben und die Reihen betender Gestalten , die sie im reifigen Bogen umschwebten . Sie konnte die Schlüssel nicht umdrehen und das schwarze Gewölbe legte sich immer dunkler über die freie Seite des Himmels . Die Jungfrauen drängten sie ängstlich und ungeduldig zur Türe hin , bis sie endlich ein Herz faßte und das Schloß eröffnete . Nun erhoben sich alle Laternen neugierig im ernsten Hause der Gnade , aber das Licht scheute sich noch vor dem widerspenstigen Dunkel . Endlich sammelten sich die Lichter am Altare , an dessen Seiten die Chöre sich erhoben , und alle staunten gerührt über die Herrlichkeit . Wo sie die drückende Fläche der Balken sonst mit Ärger im augenerhebenden , herzenbefeurenden Gesange angestarrt hatten , da schien jetzt des Himmels Gewölbe mit Sternenglanz und Ätherschein sich erst zu erheben , fast schien es ihnen , als ob die Kirche oben noch nicht geschlossen sei . Die Äbtissin und alle Jungfrauen blieben lange stumm in Beschämung und Bewunderung über die Herrlichkeit einer Kunst , die sie nie geahndet hatten . Dann stimmte die Äbtissin ein Gloria an , und der Schall des Chors verklärte sich so wunderbar in dem Gewölbe , daß sie erschrak , als ob noch ein andrer Chor von obenher einstimme . Als sie aber die Herrlichkeit des eignen Ausdrucks in diesem heiligen Raume erkannt hatten , da riß Begeisterung die ungläubigen Scharen an den Haaren empor , daß sie zwischen Himmel und Erde schwebend , ein unerschöpfliches Gloria der heiligen Baukunst erschallen ließen . Sechste Geschichte Die hohe Fremde und ihr Ritter Der Baumeister und der Prior saßen , der Zeit vergessen , bis Mitternacht beim Weine , nur Berthold zählte die Augenblicke , weil er die Angst der Mutter bei seinem späteren Ausbleiben kannte , aber er wagte nicht , die beiden Herren zu stören , deren Gespräch ihn bezauberte , weil er nie zwei Menschen über so hohe Dinge ausführlich hatte reden hören . - » Kein Glas mehr « , sagte der Baumeister , » sonst finde ich den Weg nach Hause nicht mehr ! « - » Der junge Freund da wird Euch schon führen « , sagte der Prior , » er trinkt mäßig und hört lieber zu , das ist eine seltene Tugend bei den jungen Leuten unsrer Zeit . Noch ein Glas vom Besten und dazu singen wir noch einmal das Lied vom Babylonischen Turme : Als der Turm zu Babylon Mit dem Haupte wankte , Läuft der Meister gleich davon , Der vorher sich zankte , Steckt den Plan in seine Tasche , Saugt sich Mut aus voller Flasche , Läßt sie nicht von seinem Mund , Bis er sieht auf ihren Grund . Lächelnd tritt er in sein Haus , Spricht als rechter Kenner : Diese Rechnung war zu kraus , Zähler ohne Nenner , Mauern ohne Fundamente , Sprache , die uns Menschen trennte , Seht der Mond stieß an die Spitz , Da verbrannte sie der Blitz . Gib dem Himmel alle Schuld , Wenn du schlecht bestanden , Und du gehst in eigner Huld Nimmermehr zu schanden , Ist der Turm dir eingefallen , Diese Dummheit kommt von allen , Wer das Geld hat nach dem Streit , Gilt doch einzeln für gescheit . Es ist doch seltsam « , sagte der Prior am Schlusse des Liedes , » daß bei allen großen Bauten immer große Streitigkeiten ausgebrochen sind , von denen in Straßburg seid Ihr noch besser , als ich , unterrichtet und nun bei meinem kleineren Bau an der Nonnenkirche will es wieder nicht friedlich enden . Der Mond scheint eben hell durch die Wolken , ich meine , wir besuchen einmal mein Werk , der Mond gibt allen Bauwerken das schönste Licht , denn der farbige Flitterstaat der vergänglichen Welt setzt dann unsre Arbeit am wenigsten zurück . « - » Das kann ein Grund sein « , sagte der Baumeister , » aber die Verhältnisse erscheinen größer , je weniger die bekannten Gegenstände uns deutlich sichtbar werden ; ich freue mich auf ein Werk , das mir im Plane wohl gefällt . « - So rüsteten sie sich zum Fortgehen und Berthold begleitete sie in Ergebenheit , indem er vergeblich nach einem Vorwande suchte heimkehren zu können . So kamen sie in die Nähe der Kirche , und der Baumeister lobte scholl die schönen Verhältnisse . Vielleicht wären sie vorüber gegangen , wenn nicht eine alte Hebamme mit großer Angst an ihnen vorüber laufend erzählt hätte , es sei der Umgang der Geisternonnen nach der Kirche gegangen und singe jetzt darin . Der Prior wollte sie ausfragen , aber sie ließ sich nicht halten und schrie , als ob sie selbst gebären wollte . Der Prior stutzte , aber der Baumeister sagte ruhig : » So müssen wir uns in die Kirche begeben , wer weiß , was da für Unfug getrieben wird , den Gesang höre ich deutlich . « - Sie gingen beide der Kirche zu , während Berthold halb entseelt ihnen nachschlich , und sie doch in seiner Treulichkeit nicht verlassen wollte . Die Türe öffnete sich leise , sie standen bald in der Mitte der Kirche und staunten der lieblichen Erscheinung der schönen Mädchen , die entschleiert dem Altar nahe standen , an dessen höchster Stufe Apollonia mit ihrem Lamm , von der Last desselben gedrückt , sich niedergelassen hatte . Doch dieser Anblick und der Gesang dauerte nur wenig Augenblicke in seiner Schönheit und Würde : nicht Bertholds feurig erglühende Wangen , aber der weiße Mantel des Baumeisters störte die Versammlung . Die mutige Babeli schrie zuerst auf : » Der Kreuzritter ! « und lief davon , ihr folgten die andern mit der Äbtissin , nur Apollonia , deren Kleid sich an einen Haken , woran der Teppich befestigt werden sollte , gehängt hatte , konnte nicht aufkommen . Ihr war , als halte sie eine Hand , aus der Erde erwachsen , endlich riß sie sich los und sprang den andern , aller Beruhigungsworte des Priors ungeachtet , wie ein verschüchtert Füllen blind nach , aber er sowohl , wie der Baumeister und Berthold , folgten ihr . Das war auch nützlich , denn an der Tür des nahen Klosters , die von den geschreckten Jungfrauen zu übereilt geschlossen war , fanden sie Apollonien in einer Art Betäubung niedergesunken . » Was ratet Ihr jetzt ? « fragte der Prior » Machen wir Lärmen an der Türe , so öffnen sie diese darum doch nicht in ihrer Furcht und der Lärmen könnte noch mir und dem Kloster in dieser argwöhnischen , geschwätzigen Zeit eine üble Nachrede machen . « - Der Baumeister schwieg , indem er Apollonien unterstützte , deren Lamm unser guter Berthold sorgfältig auf den Arm genommen hatte . Endlich ermunterte sie sich mit heftigem Weinen , indem sie ihren Ruf und die Liebe ihres Vaters schon als gänzlich verloren betrachtete . Umsonst suchte sie der Baumeister aufzurichten , sie sprach immer von der Strenge ihres Vaters und wie sie im Kloster so glücklich gewesen , das ihr nun auf immer verschlossen . Der Prior sah in der Ferne einige Leute , er drängte zu einem Entschluß , schlug Bertholds Haus vor , aber das lehnte Apollonia mit einem Seufzer ab , weil sie sich mit ihrem Vater auf ewig verfeinden würde . Die Tritte der Leute auf den Pflastersteinen wurden immer hörbarer , da führte der Baumeister die Betrübte fort , indem er zum Prior sagte , er wolle sie zu einer fremden Frau von gesetztem Alter bringen , die einen Sohn suche und gewiß an dieser Tochter ihre Freude finden würde , es sei dies dieselbe Bürgerin aus Straßburg , in deren Angelegenheit er ebenfalls einen Grund seiner Reise gefunden . » Das hätte Euch gleich einfallen sollen « , sagte der Prior ungeduldig , » mir ist nie so seltsam bange gewesen , wie in dieser Verwirrung . « Sie gingen schnell und schweigend , endlich klopfte der Baumeister bei einem kleinen Wirtshause an , schnell wurde aufgetan und der Prior äußerte sich sehr überrascht , so viele Leute bei großer Erleuchtung in dienender Tätigkeit zu finden . » Sie ist reich , diese unsre Mitbürgerin « , sagte der Baumeister , » auch fordern die Sitten unsrer Stadt mehr Glanz und Aufsehen , als wirkliche Verschwendung , wir tragen schon etwas vom Stempel unsrer Nachbarn , der Franzosen . « - Der Baumeister ging voran , und die andern blieben in einem hell erleuchteten Vorzimmer , Apollonia und Berthold sahen einander angenehm verlegen an , der Prior kneipte ihnen die Backen und fragte : » Kinder , habt ihr euch denn nichts zu sagen ? « - Da trat in sehr bescheidner Tracht , aber mit edlem , festen Anstande eine Frau in dem Alter ein , wo eine gewisse Fülle reicht noch den verlornen Reiz erster Jugend ersetzt , es war ein so wohlwollendes Gesicht , das jeden aus der Verlegenheit riß . Sie hob das Kinn Apolloniens mit ihrer flachen Hand in die Höhe und ; sagte ihr : » Schweig nur , ich weiß alles schon , Geheimnisse sind meine einzige Freude auf Erden und ich weiß lange keine Nacht , die sie sich mir so schön angefangen . Wundert Euch nicht , Herr Prior , wenn ich von der Nacht , wie andre vom Tage , rede , ein seltsames Gelübde verpflichtet mich , den Tag zu meiden , das Antlitz der Sonne nie aus Absicht wieder zu sehen ! Es war ein sehr unglücklicher Tag , der mir diesen Schwur abzwang , ich verlor Mann und Sohn in einer Stunde durch die verruchten Kronenwächter . « » Schweigen wir davon « , sagte der Baumeister ernst , » wir sind in der Fremde , wir sind nicht mehr im Verbande treuer Städte und Ihr kennet am besten ihre Kundschafter , wo sie herrschen . « » Freilich « , sagte die Frau , » aber wer kann sich immer bezwingen , es fällt mir so manches ein , indem ich die beiden jungen Leute betrachte ! Du bist recht hübsch Apollonia , bilde dir nichts darauf ein , man achtet ' s nur , so lange man andern gefallen will ; deine Augen sind groß und weit auseinander , wie ich es gern habe , der Mund ist fein geschnitten , die Nase recht gut gebogen , - die ganz krummen Nasen kann ich nicht leiden , sie sitzen im Gesicht , als ob sie die Veilchen der Augen absicheln wollten , - dein Wuchs ist kräftig , du wirst noch wachsen ; ohne gemein auszusehen , könntest du dich aller schweren Arbeit unterziehen . Aber Kind , so gut deine Hände gebaut sind , waschen mußt du dich ! « - » Es kommt von den Blumen « , antwortete Apollonia , » mit denen das Lamm bekränzt war und auf die ich vor dem Kloster mich stützte . « - » Einerlei « , sagte die Frau , » du mußt dich waschen - ein Waschbecken ihr Leute ! « - Die lebhafte Frau ließ sich nicht einreden und im Augenblicke trugen ein paar Mädchen ein silbernes Waschbecken mit wohlriechendem Wasser und ein Handtuch herbei , das mit Spitzen besetzt war . Der Baumeister war sichtbar wegen dieser Waschung in Verlegenheit , aber er begnügte sich ans Fenster zu treten , als ob er die Adspekten der Sterne belauern wollte . Der Prior trat einen Augenblick zu ihm und sagte : » Was ist das für eine seltsame Frau , unter dem groben Kleide sieht ein Hemde von höchster Feinheit hervor und ist mit einem Diamanten zugesteckt , den jeder König in seiner Krone tragen könnte . « - » Es ist so der Brauch bei unsern reichen Bürgerfrauen « , antwortete der Baumeister , » Ihr müßt der guten Frau in gewissen Dingen nach sehen , ihr Verstand mag wohl von manchem Unglück angegriffen sein , aber sie ist sehr gut und muß mit aller Achtung behandelt werden . « - » Nun seht « , sprach die Gräfin , » Apolloniens schöne , länglichte Finger , welche weiße , weiche Haut , nur darum war es mir zu tun , daß jeder die anerkennen sollte ; wie schön wird sich auf diesem Finger der Trauring ausnehmen - daß er dir nur nichts Trauriges bedeute ! « - Bei diesen Worten steckte sie gerührt einen goldnen Ring an Apolloniens Finger und sprach : » Den behalt so lange , bis dir einer lieber ist , als du dir selbst . « - Sie ging jetzt zu Berthold über und sagte : » Und dieser Johannes mit dem Lamme , will es scheren , um daraus feine Tücher für die ganze Welt zu verfertigen , ach Gott , den kann ich gar nicht ansehen , Ihr wißt Baumeister den Zug an den Augen , diese Hügel zur Stirne herauf , das kann ich gar nicht sehen , ohne zu weinen ! Ihr Leute bringt mein Mitternachtessen ; wer zu essen verlangt , lasse sich einen Teller geben , aber der Prior darf sich nicht so nahe setzen , der arme Mann hat so rote Augen , wüßte ich ihn nur zu heilen ! « » Die Augen sehen ins Himmelreich , davon sind sie rot « , sagte der Prior , » ins Himmelreich und ins Glas , kann sie nicht mehr rein polieren , sie sind dauerhaft rot angelaufen , es ist die Frage , ob ' s einer für Geld machen könnte , wenn ' s verlangt würde . « - » Ihr solltet beständig Brillen mit breiten Rändern tragen lieber Prior « , sagte die Frau , » so sähe niemand Eure Augen genauer und Ihr könntet für einen erträglichen Mann gelten . Ihr Leute schafft eine Brille ! « Das Essen wurde in prachtvollen , silbernen Gefäßen gebracht , auch silberne Teller umgereicht und in dem Gedecke ließ sich deutlich ein fürstliches Wappen noch an der Krone erkennen , ungeachtet das Schild ausgeschnitten und ein schön gewebter Blumenstern eingenäht war . Auch eine Brille kam bald , die ein Mädchen dem Prior , der sich erst weigerte , auf die Nase steckte , mit dem Bedeuten , die gnädige Frau könne sonst aus Widerwillen nicht essen . Es wurden seltene , kostbare Speisen aufgetragen , aber die Frau nahm nur wenig davon , Apollonia und ihr Lamm waren zu ängstlich , um etwas zu verlangen , die andern hatten das Ihre reichlich genossen , desto lebhafter wurde von allen Seiten über Apolloniens Schicksal beraten . Der Prior sollte am Morgen der Äbtissin , die er durch Apolloniens wahren Bericht ganz in seine Gewalt bekommen , von dem Vorgange unterrichten und Apollonia in der Dunkelheit am folgenden Abend zu der frommen Herde zurückführen . Dem Bürgermeister hingegen sollte alles verschwiegen bleiben , da von seiner störrigen Gemütsart , die selbst vom eignen Vorteile nicht zu beschwichtigen war , einiger Skandal für das Kloster und für Apollonien zu besorgen wäre . Der Tisch war aufgehoben , alles war besprochen , der Prior und Berthold wollten fortgehen , indem der letztere Mut gefaßt hatte , seiner Eltern zu erwähnen , da hielt der Baumeister beide auf , sagte dem Prior , daß er ihm mit Elsässer Weinen eine Antwort auf die Neckarweine schuldig wäre , und Berthold versicherte er , daß er schon durch einen Boten des Priors seine Eltern seinetwegen beruhigt habe , sie alle wären der Frau , die sie aufgenommen und die nur bei Nacht Gesellschaft sehen dürfe , zu einiger Unterhaltung verpflichtet . - » Nun freilich « , sagte die Frau , » auch ich bin euch dergleichen schuldig ; die beide Herren haben ihre Flasche , was fang ich aber mit euch beiden jungen Leuten an . Stellt euch einmal an , als wäret ihr verliebt , es gilt nur für diese Nacht und morgen ist Apollonia ein kleines , angehendes Nönnchen . « - Apollonia ließ es sich gefallen , ihre Hand Berthold zu geben , mehr wurde aber nicht aus der Sache . » Willst du denn wirklich eine Nonne werden ? « fragte die Fürstin Apollonien . Diese antwortete ihr , daß sie erst recht zufrieden im Kloster geworden , sie müsse dahin zurückkehren . - Die Fürstin seufzte und sprach : » Es ist schwer , dem zu entsagen , was wir nicht kennen , wer aber die Welt mit aller ihrer Freude kannte und alles verlor , der mag da gern absterben ; suchte ich nicht den verlornen Sohn , ich hätte mich längst in die Stille der Klostermauern zurückgezogen . Ich war einst ein recht wildes Mädchen « , fuhr sie nach einer Pause fort , » vielleicht merkt ihr davon nichts , als eine gewisse Lebhaftigkeit , die zuweilen in schnellen Sprüngen meiner Gedanken sich äußert und die Leute bange macht , weil ich des Übergangs nicht erwähne , ich könnte wohl von Sinnen sein : unser guter Baumeister war schon oft in dieser Meinung . Mein Vater , der keine Söhne hatte , förderte meine Neigung zu männlichen Beschäftigungen , weil er mich auf diese Art beständig um sich sehen und in müßigen Stunden der Jagd sich mit mir unterhalten konnte . Da fabelten wir oft , wie der Ritter durch Heldentaten aller Art ausgezeichnet sein müßte , der mein Herz rühren sollte ; wir musterten alle junge Fürsten-und Grafensöhne Schwabens , fanden aber keinen meiner würdig . « - Sie ist also doch eine Fürstentochter , dachte der Prior , wie hätte sie sonst an solche Freier denken können . - » Statt aller der kühnen Abenteurer ward mir ein stiller Spinner und Weber zu Teil . « - » Ein Mann an der Spindel ? « fragte der Prior . - » Ich kann Euch nicht erklären , was mich zu ihm führte « , antwortete die Frau , » mich bestimmte ewige Zuneigung , die nie erlöschen wird , meinen Vater andre Gründe , kurz dieselben Kronenwächter , die ihn mir gaben , entrissen ihn mir , als er sich von ihrer Tyrannei loszureißen und an den Kaiser anzuschließen trachtete . Nicht Blödsinn oder Schwäche hatte ihn zu weiblichen Arbeiten herabgewürdigt , er war ritterlich geübt in allen Waffen , sondern eingeborne Lust und die vieljährige Einsamkeit im seltsamsten Winkel der Erde hatte ihn veranlaßt , bei solchen Beschäftigungen Geduld zu lernen . In kunstreich gewirkten Teppichen hatte er eine besondere Meisterschaft erreicht , in einem derselben , den mir der Vater brachte , entdeckte er mir seine Neigung . Seht , hier in diesem Kasten bewahre ich seine besten Arbeiten als treue Begleiter , seht dieses Geflecht seltsamer Pflanzen , das bis zu den Sternen reicht , Kinder sitzen in den Blumenkelchen und blicken sehnlich empor . Unter dem Dach dieser Pflanzenwelt sitzt er selbst einsam am Webstuhle , wo mit seltsamer Künstlichkeit sich alle Wurzeln zu einem Aufzug seiner Arbeit hin vereinen , sein Schiff aber , welches den Einschlag trägt , ist wie ein Herz gebildet . Der Sinn dieses Bildes umfaßte sein reines Dasein . Wie konnte er mit diesem Herzen , mit dieser freudigen Anschauung der Welt die finsteren , drückenden Erwartungen seines Hauses ertragen und durchführen ! Gern hätte er im offenen Kampfe mit dessen Unterdrückern gestritten , aber dieses katzenartige Lauern war ihm unmöglich . « - Apollonia bewunderte die Herrlichkeit dieses Gewebes , der Prior wollte es durchaus nicht glauben , daß so etwas gewebt werden könne , er meinte , es sei gemalt . - » Könntet Ihr so etwas weben « , sagte er zu Berthold , » da wollte ich Euer Tuch auch kaufen und Meßgewänder daraus schneiden lassen . « - » Ich schäme mich unsres Ungeschicks bei dem Anblick dieser Weberei ! « sagte Berthold . - » Laßt Euch nicht irre machen , junger Herr « , unterbrach ihn die edle Frau , » wenn Ihr mit Lust und Liebe etwas unternommen habt ; oft erzählte mir mein Mann , daß er wegen einiger Spottreden der Kronenwächter einmal die Weberei aufgeben wollte und seine Not einem alten , geistlichen Einsiedler klagte . Der schüttelte mit dem Kopfe und riet Ihm beim werke zu bleiben , denn , sagte er , wir Menschen sind Nachtwandler mitten am Tage , nur ein kleiner Kreis unsers Lebens ist zu unsrer Prüfung der freien Wahl überlassen , öfter ist es unsre höchste Tugend , dem Gesetze und dem Triebe unsres Herzens uns mutig zu überlassen , wo der Geist nicht widerspricht . - Kein Werk ist zu niedrig , das mit Liebe getan wird , und die Magd , welche in emsiger Häuslichkeit den Stall reinigte , wo unser Herr geboren ward , tat ihm mehr zu Liebe , als Fürsten und Völker jetzt vermögen , die ihm Kirchen zum Himmel erheben . - Diese Bemerkung kränkt unsern guten Baumeister , darum wende ich mich zu meiner Geschichte . Diese Weberei gewann mein Herz , ich mußte den sehen , von dem lernen , der so etwas schaffen konnte , und mein Ritter behauptete immer , daß seine Arbeit ihren Preis und ihren unbewußten Zweck erreicht habe , indem sie ihm meine Neigung gewonnen . Meinem Vater war es gleichgültig , was uns verband , seine geheime Absichten wollten uns verbinden , so sah er es doch gerne , daß der Ritter mir Tage lang auf unserm Jagdschlosse in dieser künstlichen Arbeit Unterricht gab , und lachte , wenn ihm die Zofen hinterbrachten , daß dies Geschäft zwischen uns nicht ohne Liebelei ausgehen würde . In geselligem Spiele versteckter und doch nicht geheimer Wünsche webten wir zusammen diesen zweiten Teppich , den wir zusammen erfanden , als wär ' s eine fremde Geschichte , indem wir unsre Bilder nur in Ermangelung andrer anwebten . Seht mich als Jägerin auf einem getigerten Rosse , der Falke auf meiner Hand , das Jagdhorn über den Rücken , eingefangen aber selbst von einem goldnen Netze , in dessen Maschen listige Liebesgötter gaukeln , dort aber den Ritter , der nicht darauf Achtung zu geben scheint , weil er das Netz an eine Krone anzustricken und damit zu schließen trachtet . « - » Wunderschön « , rief der Prior , » hier ist weibliche Geschicklichkeit zu bewundern . « - » Nein Herr Prior « , sagte die Frau , » jenes ist als Arbeit tadelfreier , als dies Gewebe , hier ist mancher Fehler von mir nur künstlich durch meinen Meister versteckt worden , jenes hättet Ihr mehr bewundern müssen , wenn Ihr mir schmeicheln wolltet , das ist fehlerfrei , denn es ist von ihm . Das Gewebe machte mir viel unnützen Kummer , denn wie ich meinte , daß er mich bei dessen Endigung verstanden habe , so war mein Ritter statt dessen mit kurzem Abschiede von mir fortgeritten , ohne sich näher über seine Absicht zu erklären . Zorn trat der verschmähten Liebe nach , es war mir unleidlich , dem Ritter zu Ehren so viele liebe Gewohnheit aufgegeben , so viele Arbeit unternommen zu haben , ohne von ihm des rechten Danks gewürdigt zu sein . Mein Roß und mein Falke wurden wieder zu Gnaden angenommen