Herrn , den fremden Grafen und die Gräfin Rosa von ihm auf das beste grüßen , und für die lang erwiesene Freundschaft in seinem Namen danken ; er für seinen Teil reise in die Residenz , wo er sie früher oder später wiederzusehen hoffe . Darauf habe er dem Pferde die Sporen gegeben und sei in den Wald hineingeritten . » Lebe wohl , guter , unruhiger Freund ! « rief Leontin bei dieser Nachricht aus , » ich könnte wahrhaftig in diesem Augenblicke recht aus Herzensgrunde traurig sein , so gewohnt war ich an dein wunderliches Wesen . Fahre wohl , und Gott gebe , daß wir bald wieder zusammenkommen ! « » Amen « , fiel Rosa ein ; » aber was in aller Welt hat ihn denn auf das Dach hinaufgetrieben und bewogen , uns dann so plötzlich zu verlassen ? « - Niemand wußte sich das Rätsel zu lösen . Aber die kleine Marie hörte während der ganzen Zeit nicht auf , geheimnisvoll zu kichern , Friedrich erinnerte sich auch an das gestrige , sonderbare Nachtlied vor dem Fenster , und nun übersahen sie nach und nach den ganzen Zusammenhang . Faber hatte nämlich gestern abend mit Marie eine heimliche Zusammenkunft in der Dachkammer , wo sie schlief , verabredet . Das schlaue Mädchen aber hatte , statt Wort zu halten , das Dachfenster von innen fest versperrt und sich , ehe noch Faber so künstlich von ihnen weggeschlichen , in den Wald hinausbegeben , wo sie abwartete , bis der Verliebte , der Verabredung gemäß , auf der Leiter das Dach erstiegen hatte . Dann sprang sie schnell hervor , nahm die Leiter weg und sang ihm unten das lustige Ständchen , das Friedrich gestern belauscht , während Faber , stumm vor Zorn und Scham , zwischen Himmel und Erde schwebte . Leontin und Rosa lachten unmäßig und fanden den Einfall überaus herrlich . Friedrich aber fand ihn anders und schüttelte unwillig den Kopf über das vierzehnjährige Mädchen . Sie setzten nun also ihre Reise allein weiter fort . Der Morgen war sehr heiter , die Gegend wunderschön ; dessenungeachtet konnten sie heute gar nicht recht in die alte Lust und gewohnte Gesprächsweise hineinkommen . Faber fehlte ihnen und wurde von allen vermißt , besonders von Leontin , der fortwährend einen Ableiter seines überflüssigen Witzes brauchte . Dazu taugte ihm aber gerade niemand besser , als Faber , der komisch genug war , um Witz zu erzeugen und selber witzig genug , ihn zu verstehn . Friedrich nannte daher auch alle Gespräche zwischen Leontin und Faber egoistische Monologe , wo jeder nur sich selbst reden hört und beantwortet , anstatt daß er bei jeder Unterhaltung mit redlichem Eifer für die Sache selbst in den anderen überzeugend einzudringen suchte . Am sichtbarsten unter allen aber war Rosa verstimmt . Sie hatte sich ganz besondere , unerhörte Ereignisse und Wunderdinge von der Reise versprochen , und da diese nun nicht erscheinen wollten und auch der Schimmer der Neuheit von ihren Augen gefallen war , fing sie nach und nach an zu bemerken , daß es sich doch eigentlich für sie nicht schicke , so allein mit den Männern in der Welt herumzustreifen , und sie hatte keine Ruhe und keine Lust mehr an den ewigen , langweiligen Steinen und Bäumen . So waren sie an einen freigrünen Platz auf dem Gipfel einer Anhöhe gekommen und beschlossen , hier den Mittag abzuwarten . Ringsum lagen niedrigere Berge mit Schwarzwald bedeckt , von der einen Seite aber hatte man eine weite Aussicht ins ebene Land , wo man die blauen Türme der Residenz an einem blitzenden Strome sich ausbreiten sah . Der mitgenommene Mundvorrat wurde nun abgepackt , ein Feldtischchen mitten in der Aue aufgepflanzt , und alle lagerten sich in einem Kreise auf dem Rasen herum und aßen und tranken . Rosa mochte launisch nichts genießen , sondern zog , zu Leontins großem Ärgernis , ihre Strickerei hervor , setzte sich allein seitwärts und arbeitete , bis sie am Ende darüber einschlief . Friedrich und Leontin nahmen daher ihre Flinten und gingen in den Wald , um Vögel zu schießen . Die lustigen bunten Sänger , die von einem Wipfel zum andern vor ihnen herflogen , lockten sie immer weiter zwischen den dunkelgrünen Hallen fort , so daß sie erst nach langer Zeit wieder auf dem Lagerplatze anlangten . Hier kam ihnen Erwin mit auffallender Lebhaftigkeit und Freude entgegengesprungen und sagte , daß Rosa fort sei . Ein Wagen , erzählte der Knabe , sei bald , nachdem sie fortgegangen waren , die Straße hergefahren . Eine schöne , junge Dame sah aus dem Wagen heraus , ließ sogleich stillhalten und kam auf die Gräfin Rosa zu , mit der sie sich dann lange sehr lebhaft und mit vielen Freuden besprach . Zuletzt bat sie dieselbe , mit ihr zu fahren . Rosa wollte anfangs nicht , aber die fremde Dame streichelte und küßte sie und schob sie endlich halb mit Gewalt in den Wagen . Die kleine Marie mußte auch mit einsitzen , und so hatten sie den Weg nach der Residenz eingeschlagen . - Friedrich kränkte bei dieser unerwarteten Nachricht die Leichtfertigkeit , mit der ihn Rosa so schnell verlassen konnte , in tiefster Seele . Als sie an den Feldtisch in der Mitte der Aue kamen , fanden sie dort ein Papier , worauf mit Bleistift geschrieben stand : » Die Gräfin Romana . « » Das dacht ich gleich « , rief Leontin , » das ist so ihre Weise . « - » Wer ist die Dame ? « fragte Friedrich . - » Eine junge , reiche Witwe « , antwortete Leontin , » die nicht weiß , was sie mit ihrer Schönheit und ihrem Geiste anfangen soll , eine Freundin meiner Schwester , weil sie mit ihr spielen kann , wie sie will , eine tollgewordene Genialität , die in die Männlichkeit hineinpfuscht . « Hierbei wandte er sich ärgerlich zu seinen Jägern , die ihre Pferde schon wieder aufgezäumt hatten , und befahl ihnen , nach seinem Schlosse zurückzukehren , um die Reise freier und bequemer , bloß in Friedrichs und Erwins Begleitung weiter fortzusetzen . Die Jäger brachen bald auf und die beiden Grafen blieben nun allein auf dem grünen Platze zurück , wo es so auf einmal still und leer geworden war . Da kam Erwin wieder gesprungen und sagte , daß man den Wagen soeben noch in der Ferne sehen könne . Sie blickten hinab und sahen , wie er in der glänzenden Ebene fortrollte , bis er zwischen den blühenden Hügeln und Gärten in dem Abendschimmer verschwand , der sich eben weit über die Täler legte . Von der andern Seite hörte man noch die Hörner der heimziehenden Jäger über die Berge . » Siehst du dort « , sagte Friedrich , » die dunklen Türme der Residenz ? Sie stehen wie Leichensteine des versunkenen Tages . Anders sind die Menschen dort , unter welche Rosa nun kommt ; treue Sitte , Frömmigkeit und Einfalt gilt nicht unter ihnen . Ich möchte sie lieber tot , als so wiedersehn . Ist mir doch , als stiege sie , wie eine Todesbraut , in ein flimmernd aufgeschmücktes , großes Grab , und wir wendeten uns treulos von ihr und ließen sie gehen . « - Leontin fuhr lustig über die Saiten der Gitarre und sang : » Der Liebende steht träge auf , Zieht ein Herrjemine-Gesicht Und wünscht , er wäre tot . Der Morgen tut sich prächtig auf , So silbern geht der Ströme Lauf , Die Vöglein schwingen hell sich auf : Bad , Menschlein , dich im Morgenrot , Dein Sorgen ist ein Wicht ! « Darauf bestiegen sie beide ihre Pferde und ritten in das Gebirge hinein . Nachdem sie so mehrere Tage herumgeirrt und die merkwürdigsten Orte des Gebirges in Augenschein genommen hatten , kamen sie eines Abends schon in der Dunkelheit in einem Dorfe an , wo sie im Wirtshause einkehrten . Dort aber war alles leer und nur von einer alten Frau , die allein in der Stube saß , erfuhren sie , daß der Pächter des Ortes heute einen Ball gebe , wobei auch seine Grundherrschaft sich befände , und daß daher alles aus dem Hause gelaufen sei , um dem Tanze zuzusehen . Da es zum Schlafengehen noch zu zeitig und die Nacht sehr schön war , so entschlossen sich auch die beiden Grafen , noch einen Spaziergang zu machen . Sie strichen durchs Dorf und kamen bald darauf am andern Ende desselben an einen Garten , hinter welchem sich die Wohnung des Pächters befand , aus deren erleuchteten Fenstern die Tanzmusik zu ihnen herüberschallte . Leontin , den diese ganz unverhoffte Begebenheit in die lustigste Laune versetzt hatte , schwang sich sogleich über den Gartenzaun , und überredete auch Friedrich , ihm zu folgen . Der Garten war ganz still , sie gingen daher durch die verschiedenen Gänge bis an das Wohnhaus . Die Fenster des Zimmers , wo getanzt wurde , gingen auf den Garten hinaus , aber es war hoch oben im zweiten Stockwerke . Ein großer , dichtbelaubter Baum stand da am Hause und breitete seine Äste gerade vor den Fenstern aus . » Der Baum ist eine wahre Jakobsleiter « , sagte Leontin , und war im Augenblicke droben . Friedrich wollte durchaus nicht mit hinauf . » Das Belauschen « , sagte er , » besonders fröhlicher Menschen in ihrer Lust , hat immer etwas Schlechtes im Hinterhalte . « » Wenn du Umstände machst « , rief Leontin von oben , » so fange ich hier so ein Geschrei an , daß alle zusammenlaufen und uns als Narren auffangen oder tüchtig durchprügeln . « Soeben knarrte auch wirklich die Haustür unten und Friedrich bestieg daher ebenfalls eilfertig den luftigen Sitz . Oben aus der weiten , dichten Krone des Baumes konnten sie die ganze Gesellschaft übersehen . Es wurde eben ein Walzer getanzt , und ein Paar nach dem andern flog an dem Fenster vorüber . Junge , flüchtige Ökonomen , wie es schien , in knappen und eng zugespitzten Fracken fegten tapfer mit tüchtigen Mädchen , die vor Gesundheit und Freude über und über rot waren . Hin und wieder zogen fröhliche , dicke Gesichter , wie Vollmonde , durch diesen Sternenhimmel . Mitten in dem Gewimmel tanzte eine hagere Figur , wie ein Satyr , in den abenteuerlichsten , übertriebensten Wendungen und Kapriolen , als wollte er alles Affektierte , Lächerliche und Ekle jedes einzelnen der Gesellschaft in eine einzige Karikatur zusammendrängen . Bald darauf sah man ihn auch unter den Musikanten ebenso mit Leib und Seele die Geige streichen . » Das ist ein höchst seltsamer Gesell « , sagte Leontin , und verwendete kein Auge von ihm . » Es ist doch ein sonderbares Gefühl « , erwiderte Friedrich nach einer Weile , » so draußen aus der weiten , stillen Einsamkeit auf einmal in die bunte Lust der Menschen hineinzusehen , ohne ihren inneren Zusammenhang zu kennen ; wie sie sich , gleich Marionetten , voreinander verneigen und beugen , lachen und die Lippen bewegen , ohne daß wir hören , was sie sprechen . « » Oh , ich könnte mir « , sagte Leontin , » kein schauerlicheres und lächerlicheres Schauspiel zugleich wünschen , als eine Bande Musikanten , die recht eifrig und in den schwierigsten Passagen spielten , und einen Saal voll Tanzender dazu , ohne daß ich einen Laut von der Musik vernähme . « - » Und hast du dieses Schauspiel nicht im Grunde täglich ? « entgegnete Friedrich . » Gestikulieren , quälen und mühen sich nicht überhaupt alle Menschen ab , die eigentümliche Grundmelodie äußerlich zu gestalten , die jedem in tiefster Seele mitgegeben ist , und die der eine mehr , der andere weniger und keiner ganz auszudrücken vermag , wie sie ihm vorschwebt ? Wie weniges verstehen wir von den Taten , ja , selbst von den Worten eines Menschen ! « - » Ja , wenn sie erst Musik im Leibe hätten ! « fiel ihm Leontin lachend ins Wort . » Aber die meisten fingern wirklich ganz ernsthaft auf Hölzchen ohne Saiten , weil es einmal so hergebracht ist und das vorliegende Blatt heruntergespielt werden muß ; aber das , was das ganze Hantieren eigentlich vorstellen soll , die Musik selbst und Bedeutung des Lebens , haben die närrisch gewordenen Musikanten darüber vergessen und verloren . « In diesem Augenblicke kam ein neues Paar bei dem Fenster angeflogen , alles machte ehrerbietig Platz und sie erblickten ein wunderschönes Mädchen , das sich durch seinen Anstand vor allen den andern auszeichnete . Sie lehnte lächelnd die zarte , glühende Wange an die Fensterscheibe , um sie abzukühlen . Darauf öffnete sie gar das Fenster , teilte zierlich ihre Haare , durch die ein Rosenkranz geflochten war , nach beiden Seiten über die Stirn , und schaute , so wie in Gedanken versunken , lange in die Nacht hinaus . - Leontin und Friedrich waren ihr dabei so nahe , daß sie ihren Atem hören konnten ; ihre stillen , großen Augen , in deren feuchtem Spiegel der Mond widerglänzte , standen gerade vor ihnen . » Wo ist das Fräulein ? « rief auf einmal eine Stimme von innen , und das Mädchen wandte sich um und verlor sich unter den Menschen . - Leontin sagte : » Ich möchte den Baum schütteln , daß er bis in die Wurzeln vor Freude beben sollte , ich möchte hier ins offene Fenster hineinspringen und tanzen , bis die Sonne aufginge , ich möchte wie ein Vogel von dem Baume fliegen über Berge und Wälder ! « - Zwei ältliche Herren unterbrachen diese Ausrufungen , indem sie sich zum Fenster hinauslehnten . Ihr Gespräch , so ruhig wie ihre Gesichter , ergoß sich wie ein einförmiger , aber klarer Strom über die neuesten politischen Zeitbegebenheiten , von denen sie bald auf ihre Landwirtschaft ablenkten , und aus den Blitzen , die man in der Ferne am wolkenlosen Himmel erblickte , ein günstiges Erntewetter prophezeieten . Unterdes hatte die Musik aufgehört , das Zimmer oben wurde leerer . Man hörte unten die Tür auf- und zugehen , verschiedene Parteien gingen bei dem schönen Mondscheine im Garten auf und nieder , und auch die beiden alten Herren verschwanden von dem Fenster . Da kam ein junges Paar , ganz getrennt von den übrigen , langsam auf den Baum zugewandelt . » Gott steh uns bei « , sagte Leontin , » da kommen gewiß Sentimentale , denn sie wandeln so schwebend auf den Zehen , wie einer , der gern fliegen möchte und nicht kann . « Sie waren indes schon so nahe gekommen , daß man verstehen konnte , was sie sprachen . » Haben Sie « , fragte der junge Mann , » das neueste Werk von Lafontaine gelesen ? « » Ja « , antwortete das Mädchen , in einer ziemlich bäuerischen Mundart , » ich habe es gelesen , mein ädler Freund ! und es hat mir Tränen entlockt , Tränen , wie sie jeder Fühlende gern weint . Ich bin so froh « , fuhr sie nach einer kleinen Pause fort , » daß wir aus dem Schwarm , von den lärmenden , unempfindlichen Menschen fort sind ; die rauschenden Vergnügungen sind gar nicht meine Sache , es ist da gar nichts für das Herz . « Er : » Oh , daran erkenne ich ganz die schöne Seele ! Aber Sie sollten sich der süßen Melancholie nicht so stark ergeben , die edlen Empfindungen greifen den Menschen zu sehr an . « - » Sie sieht aber doch « , flüsterte Friedrich , » blitzgesund aus und voll zum Aufspringen . « » Das kommt eben von dem Angreifen « , meinte Leontin . - Er : » Ach , in wenigen Stunden scheidet uns das eiserne Schicksal wieder , und Berge und Täler liegen zwischen zwei gebrochenen Herzen . « Sie : » Ja , und in dem einen Tale ist der Weg immer so kotig und kaum zum Durchkommen . « Er : » Und an meinem neuen schönen Parutsch gerade auch ein Rad gebrochen . - Aber genießen wir doch die schöne Natur ! An ihrem Busen werd ich so warm ! « Sie : » O ja . « Er : » Es geht doch nichts über die Einsamkeit für ein sanftes , überfließendes Herz . Ach ! die kalten Menschen verstehen mich gar nicht ! « Sie : » Auch Sie sind der einzige , mein ädler Freund , der mich ganz versteht . Schon lange habe ich Sie im stillen bewundert , diesen - wie soll ich sagen ? - diesen ädlen Charakter , diese schönen Sentimentre - « » Sentiments wollen Sie sagen « , fiel er ihr ins Wort und rückte sich mit eitler Wichtigkeit zusammen . » O jemine ! « flüsterte Leontin wieder , » mir juckt der Edelmut schon in allen Fingern , ich dächte , wir prügelten ihn durch . « Die beiden Sentimentalen hatten einander indes mit den Armen umschlungen und sahen lange stumm in den Mond . » Nun sitzt die Unterhaltung auf dem Sande « , sagte Leontin , » der Witz ist im abnehmenden Monde . « Aber zu seiner Verwunderung hub er von neuem an : » O heilige Melancholie ! du sympathetische Harmonie gleichgestimmter Seelen ! So rein , wie der Mond dort oben , ist unsere Liebe ! « Währenddessen fing er an , heftig an dem Busenbande des Mädchens zu arbeiten , die sich nur wenig sträubte . » Nun « , sagte Leontin , » sind sie in ihre eigentliche Natur zurückgefallen , der Teufel hat die Poesie geholt . « » Das ist ja ein verwetterter Schuft « , rief Friedrich , und fing oben auf seinem Baume an , ganz laut zu singen . Die Sentimentalen sahen sich eine Weile erschrocken nach allen Seiten um , dann nahmen sie in der größten Verwirrung Reißaus . Leontin schwang sich lachend , wie ein Wetterkeil , vom Baume hinter ihnen drein und verdoppelte ihren Schreck und ihre Flucht . Unsere Reisenden waren nun wahrscheinlich verraten und mußten also auf einen klugen Rückzug bedacht sein . Sie zogen sich daher auf den leeren Gängen des Gartens an den Spazierengehenden vorüber und wurden so , vom Dunkel begünstigt , von allen entweder übersehen oder für Ballgäste gehalten . Als sie , schon nahe am Ausgange , eben um die Ecke eines Ganges umbiegen wollten , stand auf einmal das schöne Fräulein , die mit einer Begleitung von der andern Seite kam , dicht vor ihnen . Der Mondschein fiel gerade sehr hell durch eine Öffnung der Bäume und beleuchtete die beiden schönen Männer . Das Fräulein blieb mit sichtbarer Verwirrung vor ihnen stehen . Sie grüßten sie ehrerbietig . Sie dankte verlegen mit einer tiefen , zierlichen Verbeugung , und eilte dann schnell wieder weiter . Aber sie bemerkten wohl , daß sie sich in einiger Entfernung noch einmal flüchtig nach ihnen umsah . Sie kehrten nun wieder in ihr Wirtshaus zurück , wo sie bereits alles zu einer guten Nacht vorbereitet fanden . Leontin war unterwegs voller Gedanken und stiller , als gewöhnlich . Friedrich stellte sich eben noch an das offene Fenster , von dem man das stille Dorf und den gestirnten Himmel übersah , verrichtete sein Abendgebet und legte sich schlafen . Leontin aber nahm die Gitarre und schlenderte langsam durch das nächtliche Dorf Nach verschiedenen Umwegen kam er wieder an den Garten . Da war unterdes alles leer geworden und totenstill , in der Wohnung des Pächters alle Lichter verlöscht und die ganze laute , fröhliche Erscheinung versunken . Ein leichter Wind ging rauschend durch die Wipfel des einsamen Gartens , hin und wieder nur bellten Hunde aus entfernteren Dörfern über das stille Feld . Leontin setzte sich auf den Gartenzaun hinauf und sang : » Der Tanz , der ist zerstoben , Die Musik ist verhallt , Nun kreisen Sterne droben , Zum Reigen singt der Wald . Sind alle fortgezogen , Wie ist ' s nun leer und tot ! Du rufst vom Fensterbogen : Wann kommt der Morgen rot ! Mein Herz möcht mir zerspringen , Darum , so wein ich nicht , Darum , so muß ich singen Bis daß der Tag anbricht . Eh es beginnt zu tagen : Der Strom geht still und breit , Die Nachtigallen schlagen , Mein Herz wird mir so weit ! Du trägst so rote Rosen , Du schaust so freudenreich , Du kannst so fröhlich kosen , Was stehst du still und bleich ? Und laß sie gehn und treiben Und wieder nüchtern sein , Ich will wohl bei dir bleiben ! Ich will dein Liebster sein . « Das schöne Fräulein war in dem Hause des Pächters über Nacht geblieben . Sie stand halbentkleidet an dem offenen Fenster , das auf den Garten hinausging . » Wer mögen wohl die beiden Fremden sein ? « sagte sie gleichgültig scheinend zu ihrer Jungfer . - » Ich weiß es nicht , aber ich möchte mich gleich fortschleichen und noch heute im Wirtshause nachfragen . « - » Um Gottes willen , tu das nicht « , sagte das Fräulein erschrocken , und hielt sie ängstlich am Arme fest . - » Morgen ist es zu spät . Wenn die Sonne aufgeht , sind sie gewiß längst wieder über alle Berge . « - » Ich will schlafen gehen « , sagte das Fräulein , ganz in Gedanken versunken . » Gott weiß , wie es kommt , ich bin heute so müde und doch so munter . « - Sie ließ sich darauf entkleiden und legte sich nieder . Aber sie schlief nicht , denn das Fenster blieb offen und Leontins verführerische Töne stiegen die ganze Nacht wie auf goldenen Leitern in die Schlafkammer des Mädchens ein und aus . Siebentes Kapitel Stand ein Mädchen an dem Fenster , Da es draußen Morgen war , Kämmte sich die langen Haare , Wusch sich ihre Äuglein klar . Sangen Vöglein aller Arten , Sonnenschein spielt ' vor dem Haus , Draußen übern schönen Garten Flogen Wolken weit hinaus . Und sie dehnt ' sich in den Morgen Als ob sie noch schläfrig sei , Ach , sie war so voller Sorgen , Flocht ihr Haar und sang dabei : » Wie ein Vöglein hell und reine , Ziehet draußen muntre Lieb , Lockt hinaus zum Sonnenscheine , Ach , wer da zu Hause blieb ' ! « Die Morgensonne traf unsre Reisenden schon wieder draußen zu Pferde , und das Dorf , wo sie übernachtet , lag dampfend hinter ihnen . Leontin hatte bereits im Wirtshause erfahren , daß das schöne Fräulein die Tochter eines in der Nähe reich begüterten Edelmannes sei , welcher , wie er sich sehr wohl erinnerte , mit seinem Vater in ganz besonders freundschaftlichen Verhältnissen gestanden hatte . Es wurde daher beschlossen , bei ihm einzusprechen . Gegen Abend erblickten sie das Schloß des Herrn v. A. , das aus einem freundlichen Chaos von Gärten und hohen Bäumen friedlich hervorragte . Sie ritten langsam zwischen hohen Kornfeldern hin . Die Sonne , die sich eben zum Untergange neigte , warf ihre Strahlen schief über die Fläche und spielte lustig in den nickenden Ähren . Ein fröhliches Singen und Wirren verschiedener Stimmen lenkte bald die Augen der beiden Reiter von der ruhigen Landschaft vor ihnen ab , und sie erblickten seitwärts in einiger Entfernung vom Wege ein weites Feld , wo man soeben mit der Ernte begriffen war . Eine lange Reihe von Arbeitern wimmelte lustig durcheinander , der laute Ruf der Merker erschallte von Zeit zu Zeit dazwischen , und schwerbeladene Wagen zogen langsam und knarrend dem Dorfe zu . Im Hintergrunde dieses Gewimmels sah man eine bunte Gruppe von vornehmeren Personen gelagert , die den Arbeitern zusahen und unter denen Leontin sogleich das schöne Fräulein wiedererkannte . Mitten unter ihnen ragte eine höchst seltsame Figur hervor . Ein hagerer Mensch nämlich in einem langen , weißen Mantel saß auf einem hochbeinigten Schimmel , der den Kopf fast auf die Erde hängen ließ . Von dieser seiner Rosinante teilte die abenteuerliche Gestalt im Tone einer Predigt Befehle an die Bauern aus , worauf jedesmal ein lautes Gelächter erfolgte . Leontin und Friedrich zweifelten nicht , daß jene Zuschauer die Herrschaft des Ortes seien , und da sie bemerkten , daß bereits alle Augen auf sie gerichtet waren , so übergaben sie ihre Pferde an Erwin und eilten , sich selber der Gesellschaft vorzustellen . Herr v. A. und seine Schwester , die sich seit dem Tode ihres Mannes beim Bruder aufhielt , erinnerten sich sogleich der ehemaligen freundschaftlichen Verhältnisse zwischen den beiden Häusern , und drückten ihre Freude , Leontin und seinen Freund bei sich zu sehen , mit den aufrichtigsten Worten aus . Das Fräulein wurde bei ihrer Ankunft über und über rot und wagte nicht , die Augen aufzuschlagen , denn sie erkannte beide recht gut wieder . Neben ihr stand ein ziemlich junger , bleicher Mann , in dem sie sogleich dieselbe Gestalt wiedererkannten , die gestern mit so einer ironischen Wut getanzt und musiziert hatte . Seine auffallenden Gesichtszüge hatten sich tief in Leontins Gedächtnis gedrückt . Aber es war heut gar keine Spur von gestern an ihm , er schien ein ganz anderer Mensch . Er sah schlicht , still und traurig und war verlegen im Gespräche . Es war ein Theolog , der , zu arm , seine Studien zu vollenden , auf dem Schlosse des Herrn v. A. Unterhalt , Freunde und Heimat gefunden und dafür die Leitung des Schulwesens auf den sämtlichen Gütern übernommen hatte . Der Ritter von der traurigen Gestalt dagegen schaute von seinem Schimmel während des Empfanges und der ersten Unterhaltung so unheimlich und komisch darein , daß Leontin gar nicht von ihm wegsehen konnte . Jeder Bauer , den seine Arbeit an ihm vorüberführte , gesegnete die Gestalt mit einem tüchtigen Witze , wobei sich jener immer heftig verteidigte . Leontin erhielt sich nur noch mit vieler Mühe , sich nicht dareinzumischen , als die Tante endlich die Gesellschaft aufforderte , sich nach Hause zu begeben , und alles aufbrach . Die sonderbare Gestalt setzte sich nun voraus in Galopp . Er schlug dabei mit beiden Füßen unaufhörlich in die Rippen des Kleppers und sein weißer Mantel rauschte in seiner ganzen Länge in den Lüften hinter ihm drein . Die Bauern riefen ihm sämtlich ein freudiges Hurra nach . Herr v. A. , der die Verwunderung der beiden Gäste bemerkte , sagte lachend : » Das ist ein armer Edelmann , der vom Stegreif lebt , ein irrender Ritter , der von Schloß zu Schloß zieht , und uns besonders oft heimsucht , ein Hofnarr für alle , die ihn ertragen können , halb närrisch und halb gescheut . « Als sie durchs Dorf gingen , wurden sie von allen Seiten nicht nur mit dem Hute , sondern auch mit freundlichen Worten und Mienen begrüßt , welches immer ein gutmütiges und natürliches Verhältnis zwischen der Herrschaft und ihren Bauern verrät . Sie kamen endlich an das Schloß und übersahen auf einmal einen weiten , freundlichen und fröhlich wimmelnden Hof . Alles war geschäftig , nett und ordentlich und beurkundete eine tätige Hauswirtin . Friedrich äußerte diese Bemerkung , wodurch sich die Tante ungemein geschmeichelt zu finden schien . Sie konnte ihre Freude darüber so wenig verbergen , daß sie sogleich anfing , sich mit einer Art von Wohlbehagen über ihre häuslichen Einrichtungen und die Vergnügungen der Landwirtschaft auszubreiten . Das Schloß selbst war neu , sehr heiter , licht und angenehm , das Hausgerät in den gemütlichen Zimmern ohne besondere Wahl gemischt und sämtlich wie aus einer unlängst vergangenen Zeit . Der Tisch in dem großen , geräumigen Tafelzimmer wurde gedeckt und man setzte sich bald fröhlich zum Abendessen . Die Unterhaltung blieb anfangs ziemlich stockend , steif und gezwungen , wie dies jederzeit in solchen Häusern der Fall ist , wo , aus Mangel an vielseitigen , allgemeinen Berührungen mit der Außenwelt , eine gewisse feste , ungelenke Gewohnheit des Lebens Wurzel geschlagen hat , die durch das plötzliche Eindringen wildfremder Erscheinungen , auf die ihr ewig gleichförmiger Gang nicht berechnet ist , immer eher verstimmt als umgestimmt wird . Herr v. A. , ein langer , ernster Mann , in seiner Kleidung fast pedantisch , sprach wenig . Desto mehr führte seine Schwester das hohe Wort . Sie war eine lebhafte , regsame Frau , wie man zu sagen pflegt , in den besten Jahren , eigentlich aber gerade in den schlimmsten . Denn ihre Gestalt und unverkennbar schönen Gesichtszüge fingen soeben an , auf ein vergangenes Reich zu deuten . In dieser gefährlichen Sonnenwende steigt die Schönheit mürrisch , launisch und zankend von ihrem irdischen Throne , wo sie ein halbes Leben lang geherrscht , in die öde , freudenlose Zukunft , wie ins Grab . Wohl denen seltenen größeren Frauen , welche die Zeit nicht versäumten , sondern im ruhigen , gesammelten Gemüte sich eine andere Welt der Religion und Sanftmut erbauten ! Sie verwechseln nur die Throne und werden ewig lieben und geliebt werden . Das Gespräch fiel während der Tafel auch auf die Erziehung der Kinder , ein Kapitel , von dem fast alle Weiber am liebsten sprechen und am wenigsten verstehen . Die Tante , die nur auf eine Gelegenheit gepaßt hatte , ihren Geist vor den beiden Fremden glänzen zu lassen , verbreitete sich darüber in dem gewöhnlichen Tone von Aufklärung , Bildung , feinen Sitten usw. Zu ihrem Unglück aber fiel es dem irrenden Ritter , der unterdes ganz unten an der Tafel mit