Gesellschaft auf eine so feine Art beizustehen , daß dieser Beistand , statt bemerkt zu werden , nur dazu diente , Aureliens natürlichen Verstand und tiefes richtiges Gefühl so herauszuheben , daß man sie bald mit der höchsten Achtung auszeichnete . Der Baron ergoß sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens Lob , und hier traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben , daß wir so ganz verschiedener Meinung waren . Gewöhnlich machte ich in jeder Gesellschaft mehr den stillen aufmerksamen Beobachter , als daß ich hätte unmittelbar eingehen sollen in lebendige Mitteilung und Unterhaltung . So hatte ich auch Euphemien , die nur dann und wann nach ihrer Gewohnheit , niemanden zu übersehen , ein paar freundliche Worte mit mir gewechselt , als eine höchst interessante Erscheinung recht genau beobachtet . Ich mußte eingestehen , daß sie das schönste , herrlichste Weib von allen war , daß aus allem , was sie sprach , Verstand und Gefühl hervorleuchtete ; und doch wurde ich auf ganz unerklärliche Weise von ihr zurückgestoßen , ja ich konnte ein gewisses unheimliches Gefühl nicht unterdrücken , das sich augenblicklich meiner bemächtigte , sobald ihr Blick mich traf oder sie mit mir zu sprechen anfing . In ihren Augen brannte oft eine ganz eigne Glut , aus der , wenn sie sich unbemerkt glaubte , funkelnde Blitze schossen , und es schien ein inneres verderbliches Feuer , das nur mühsam überbaut , gewaltsam hervorzustrahlen . Nächstdem schwebte oft um ihren sonst weich geformten Mund eine gehässige Ironie , die mich , da es oft der grellste Ausdruck des hämischen Hohns war , im Innersten erbeben machte . Daß sie oft den Hermogen , der sich wenig oder gar nicht um sie bemühte , in dieser Art anblickte , machte es mir gewiß , daß manches hinter der schönen Maske verborgen , was wohl niemand ahne . Ich konnte dem ungemessenen Lob des Barons freilich nichts entgegensetzen als meine physiognomischen Bemerkungen , die er nicht im mindesten gelten ließ , vielmehr in meinem innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine höchst merkwürdige Idiosynkrasie fand . Er vertraute mir , daß Euphemie wahrscheinlich in die Familie treten werde , da er alles anwenden wolle , sie künftig mit Hermogen zu verbinden . Dieser trat , als wir soeben recht ernstlich über die Angelegenheit sprachen und ich alle nur mögliche Gründe hervorsuchte , meine Meinung über Euphemien zu rechtfertigen , ins Zimmer , und der Baron , gewohnt in allem schnell und offen zu handeln , machte ihn augenblicklich mit seinen Plänen und Wünschen rücksichts Euphemiens bekannt . Hermogen hörte alles ruhig an , was der Baron darüber und zum Lobe Euphemiens mit dem größten Enthusiasmus sprach . Als die Lobrede geendet , antwortete er , wie er sich auch nicht im mindesten von Euphemien angezogen fühle , sie niemals lieben könne und daher recht herzlich bitte , den Plan jeder näheren Verbindung mit ihr aufzugeben . Der Baron war nicht wenig bestürzt , seinen Lieblingsplan so beim ersten Schritt zertrümmert zu sehen , indessen war er um so weniger bemüht , noch mehr in Hermogen zu dringen , als er nicht einmal Euphemiens Gesinnungen hierüber wußte . Mit der ihm eignen Heiterkeit und Gemütlichkeit scherzte er bald über sein unglückliches Bemühen und meinte , daß Hermogen mit mir vielleicht die Idiosynkrasie teile , obgleich er nicht begreife , wie in einem schönen interessanten Weibe solch ein zurückschreckendes Prinzip wohnen könne . Sein Verhältnis mit Euphemien blieb natürlicherweise dasselbe ; er hatte sich so an sie gewöhnt , daß er keinen Tag zubringen konnte , ohne sie zu sehen . So kam es denn , daß er einmal in ganz heitrer , gemütlicher Laune ihr scherzend sagte , wie es nur einen einzigen Menschen in ihrem Zirkel gebe , der nicht in sie verliebt sei , nämlich Hermogen . - Er habe die Verbindung mit ihr , die er , der Baron , doch so herzlich gewünscht , hartnäckig ausgeschlagen . Euphemie meinte , daß es auch wohl noch darauf angekommen sein würde , was sie zu der Verbindung gesagt , und daß ihr zwar jedes nähere Verhältnis mit dem Baron wünschenswert sei , aber nicht durch Hermogen , der ihr viel zu ernst und launisch wäre . Von der Zeit , als dieses Gespräch , das mir der Baron gleich wieder erzählte , stattgefunden , verdoppelte Euphemie ihre Aufmerksamkeit für den Baron und Aurelien : ja in manchen leisen Andeutungen führte sie den Baron darauf , daß eine Verbindung mit ihm selbst dem Ideal , das sie sich nun einmal von einer glücklichen Ehe mache , ganz entspreche . Alles , was man rücksichts des Unterschieds der Jahre oder sonst entgegensetzen konnte , wußte sie auf die eindringendste Weise zu widerlegen , und mit dem allen ging sie so leise , so fein , so geschickt Schritt vor Schritt vorwärts , daß der Baron glauben mußte , alle die Ideen , alle die Wünsche , die Euphemie gleichsam nur in sein Inneres hauchte , wären eben in seinem Innern emporgekeimt . Kräftiger , lebensvoller Natur , wie er war , fühlte er sich bald von der glühenden Leidenschaft des Jünglings ergriffen . Ich konnte den wilden Flug nicht mehr aufhalten , es war zu spät . Nicht lange dauerte es , so war Euphemie zum Erstaunen der Hauptstadt des Barons Gattin . Es war mir , als sei nun das bedrohliche grauenhafte Wesen , das mich in der Ferne geängstigt , recht in mein Leben getreten und als müsse ich wachen und auf sorglicher Hut sein für meinen Freund und für mich selbst . - Hermogen nahm die Verheiratung seines Vaters mit kalter Gleichgültigkeit auf . Aurelie , das liebe , ahnungsvolle Kind zerfloß in Tränen . Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge ; sie kam her , und ich muß gestehen , daß ihr Betragen in hoher Liebenswürdigkeit sich so ganz gleich blieb , daß sie mir unwillkürliche Bewunderung abnötigte . So verflossen zwei Jahre in ruhigem , ungestörten Lebensgenuß . Die beiden Winter brachten wir in der Hauptstadt zu , aber auch hier bewies die Baronesse dem Gemahl so viel unbegrenzte Ehrfurcht , so viel Aufmerksamkeit für seine leisesten Wünsche , daß der giftige Neid verstummen mußte und keiner der jungen Herren , die sich schon freien Spielraum für ihre Galanterie bei der Baronesse geträumt hatten , sich auch die kleinste Glosse erlaubte . Im letzten Winter mochte ich auch wieder der einzige sein , der , ergriffen von der alten , kaum verwundenen Idiosynkrasie , wieder arges Mißtrauen zu hegen anfing . Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin , ein junger , schöner Mann , Major bei der Ehrengarde und nur abwechselnd in der Hauptstadt , einer der eifrigsten Verehrer Euphemiens und der einzige , den sie oft wie unwillkürlich , hingerissen von dem Eindruck des Moments , vor den andern auszeichnete . Man sprach einmal sogar davon , daß wohl ein näheres Verhältnis zwischen ihm und Euphemien stattfinden möge , als man es nach dem äußern Anschein vermuten solle , aber das Gerücht verscholl ebenso dumpf , als es entstanden . Graf Viktorin war eben den Winter wieder in der Hauptstadt und natürlicherweise in Euphemiens Zirkeln , er schien sich aber nicht im mindesten um sie zu bemühen , sondern vielmehr sie absichtlich zu vermeiden . Demunerachtet war es mir oft , als begegneten sich , wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten , ihre Blicke , in denen inbrünstige Sehnsucht , lüsternes , glühendes Verlangen wie verzehrendes Feuer brannte . Bei dem Gouverneur war eines Abends eine glänzende Gesellschaft versammelt , ich stand in ein Fenster gedrückt , so daß mich die herabwallende Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte , nur zwei bis drei Schritte vor mir stand Graf Viktorin . Da streifte Euphemie , reizender gekleidet als je und in voller Schönheit strahlend , an ihm vorüber ; er faßte , so daß es niemand als gerade ich bemerken konnte , mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm , - sie erbebte sichtlich ; ihr ganz unbeschreiblicher Blick - es war die glutvollste Liebe , die nach Genuß dürstende Wollust selbst - fiel auf ihn . Sie lispelten einige Worte , die ich nicht verstand . Euphemie mochte mich erblicken ; sie wandte sich schnell um , aber ich vernahm deutlich die Worte : Wir werden bemerkt ! Ich erstarrte vor Erstaunen , Schrecken und Schmerz ! - Ach , wie soll ich Ihnen , ehrwürdiger Herr , denn mein Gefühl beschreiben ! - Denken Sie an meine Liebe , an meine treue Anhänglichkeit , mit der ich dem Baron ergeben war - an meine böse Ahnungen , die nun erfüllt wurden ; denn die wenigen Worte hatten es mir ja ganz erschlossen , daß ein geheimes Verhältnis zwischen der Baronesse und dem Grafen stattfand . Ich mußte wohl vorderhand schweigen , aber die Baronesse wollte ich bewachen mit Argusaugen und dann bei erlangter Gewißheit ihres Verbrechens die schändlichen Bande lösen , mit denen sie meinen unglücklichen Freund umstrickt hatte . Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen ; umsonst , ganz umsonst waren meine Bemühungen , und es wäre lächerlich gewesen , dem Baron das mitzuteilen , was ich gesehen und gehört , da die Schlaue Auswege genug gefunden haben würde , mich als einen abgeschmackten , törichten Geisterseher darzustellen . - Der Schnee lag noch auf den Bergen , als wir im vergangenen Frühling hier einzogen , demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die Berge hinein ; im nächsten Dorfe begegne ich einem Bauer , der in Gang und Stellung etwas Fremdartiges hat , als er den Kopf umwendet , erkenne ich den Grafen Viktorin , aber in demselben Augenblick verschwindet er hinter den Häusern und ist nicht mehr zu finden . - Was konnte ihn anders zu der Verkleidung vermocht haben , als das Verständnis mit der Baronesse ! - Eben jetzt weiß ich gewiß , daß er sich wieder hier befindet , ich habe seinen Jäger vorüberreiten gesehn , unerachtet es mir unbegreiflich ist , daß er die Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht haben sollte ! - Vor drei Monaten begab es sich , daß der Gouverneur heftig erkrankte und Euphemien zu sehen wünschte , sie reiste mit Aurelien augenblicklich dahin , und nur eine Unpäßlichkeit hielt den Baron ab , sie zu begleiten . Nun brach aber das Unglück und die Trauer ein in unser Haus , denn bald schrieb Euphemie dem Baron , wie Hermogen plötzlich von einer oft in wahnsinnige Wut ausbrechenden Melancholie befallen , wie er einsam umherirre , sich und sein Geschick verwünsche und wie alle Bemühungen der Freunde und der Ärzte bis jetzt umsonst gewesen . Sie können denken , ehrwürdiger Herr , welch einen Eindruck diese Nachricht auf den Baron machte . Der Anblick seines Sohnes würde ihn zu sehr erschüttert haben , ich reiste daher allein nach der Stadt . Hermogen war durch starke Mittel , die man angewandt , wenigstens von den wilden Ausbrüchen des wütenden Wahnsinns befreit , aber eine stille Melancholie war eingetreten , die den Ärzten unheilbar schien . Als er mich sah , war er tief bewegt - er sagte mir , wie ihn ein unglückliches Verhängnis treibe , dem Stande , in welchem er sich jetzt befinde , auf immer zu entsagen , und nur als Klostergeistlicher könne er seine Seele erretten von ewiger Verdammnis . Ich fand ihn schon in der Tracht , wie Sie , ehrwürdiger Herr , ihn vorhin gesehen , und es gelang mir , seines Widerstrebens unerachtet , endlich ihn hieher zu bringen . Er ist ruhig , aber läßt nicht ab von der einmal gefaßten Idee , und alle Bemühungen , das Ereignis zu erforschen , das ihn in diesen Zustand versetzt , bleiben fruchtlos , unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses vielleicht am ersten auf wirksame Mittel führen könnte , ihn zu heilen . Vor einiger Zeit schrieb die Baronesse , wie sie auf Anraten ihres Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde , dessen Umgang und tröstender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf Hermogen wirken könne , da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz religiöse Tendenz genommen . - Es freut mich recht innig , daß die Wahl Sie , ehrwürdiger Herr , den ein glücklicher Zufall in die Hauptstadt führte , traf . Sie können einer gebeugten Familie die verlorne Ruhe wiedergeben , wenn Sie Ihre Bemühungen , die der Herr segnen möge , auf einen doppelten Zweck richten . Erforschen Sie Hermogens entsetzliches Geheimnis , seine Brust wird erleichtert sein , wenn er sich , sei es auch in heiliger Beichte , entdeckt hat , und die Kirche wird ihn dem frohen Leben in der Welt , der er angehört , wiedergeben , statt ihn in den Mauern zu begraben . - Aber treten Sie auch der Baronesse näher . - Sie wissen alles - Sie stimmen mir bei , daß meine Bemerkungen von der Art sind , daß , so wenig sich darauf eine Anklage gegen die Baronesse bauen läßt , doch eine Täuschung , ein ungerechter Verdacht kaum möglich ist . Ganz meiner Meinung werden Sie sein , wenn Sie Euphemien sehen und kennen lernen . Euphemie ist religiös schon aus Temperament , vielleicht gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe , tief in ihr Herz zu dringen , sie zu erschüttern und zu bessern , daß sie den Verrat am Freunde , der sie um die ewige Seligkeit bringt , unterläßt . Noch muß ich sagen , ehrwürdiger Herr , daß es mir in manchen Augenblicken scheint , als trage der Baron einen Gram in der Seele , dessen Ursache er mir verschweigt , denn außer der Bekümmernis um Hermogen kämpft er sichtlich mit einem Gedanken , der ihn beständig verfolgt . Es ist mir in den Sinn gekommen , daß vielleicht ein böser Zufall noch deutlicher ihm die Spur von dem verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem fluchwürdigen Grafen zeigte als mir . - Auch meinen Herzensfreund , den Baron , empfehle ich , ehrwürdiger Herr , Ihrer geistlichen Sorge . « - Mit diesen Worten schloß Reinhold seine Erzählung , die mich auf mannigfache Weise gefoltert hatte , indem die seltsamsten Widersprüche in meinem Innern sich durchkreuzten . Mein eignes Ich , zum grausamen Spiel eines launenhaften Zufalls geworden und in fremdartige Gestalten zerfließend , schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse , die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten . - Ich konnte mich selbst nicht wiederfinden ! - Offenbar wurde Viktorin durch den Zufall , der meine Hand , nicht meinen Willen leitete , in den Abgrund gestürzt ! - Ich trete an seine Stelle , aber Reinhold kennt den Pater Medardus , den Prediger im Kapuzinerkloster in .. r- , und so bin ich ihm das wirklich , was ich bin ! - Aber das Verhältnis mit der Baronesse , welches Viktorin unterhält , kommt auf mein Haupt , denn ich bin selbst Viktorin . Ich bin das , was ich scheine , und scheine das nicht , was ich bin , mir selbst ein unerklärlich Rätsel , bin ich entzweit mit meinem Ich ! Des Sturms in meinem Innern unerachtet , gelang es mir , die dem Priester ziemliche Ruhe zu erheucheln , und so trat ich vor den Baron . Ich fand in ihm einen bejahrten Mann , aber in den erloschenen Zügen lagen noch die Andeutungen seltner Fülle und Kraft . Nicht das Alter , sondern der Gram hatte die tiefen Furchen auf seiner breiten offnen Stirn gezogen und die Locken weiß gefärbt . Unerachtet dessen herrschte noch in allem , was er sprach , in seinem ganzen Benehmen eine Heiterkeit und Gemütlichkeit , die jeden unwiderstehlich zu ihm hinziehen mußte . Als Reinhold mich als den vorstellte , dessen Ankunft die Baronesse angekündigt , sah er mich an mit durchdringendem Blick , der immer freundlicher wurde , als Reinhold erzählte , wie er mich schon vor mehreren Jahren im Kapuzinerkloster zu .. r- predigen gehört und sich von meiner seltnen Rednergabe überzeugt hätte . Der Baron reichte mir treuherzig die Hand und sprach , sich zu Reinhold wendend : » Ich weiß nicht , lieber Reinhold , wie so sonderbar mich die Gesichtszüge des ehrwürdigen Herrn bei dem ersten Anblick ansprachen ; sie weckten eine Erinnerung , die vergebens strebte , deutlich und lebendig hervorzugehen . « Es war mir , als würde er gleich herausbrechen : » Es ist ja Graf Viktorin « , denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein , und ich fühlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen höher färben . - Ich baute auf Reinhold , der mich ja als den Pater Medardus kannte , unerachtet mir das eine Lüge zu sein schien ; nichts konnte meinen verworrenen Zustand lösen . Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens Bekanntschaft machen , er war aber nirgends zu finden ; man hatte ihn nach dem Gebirge wandeln gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn , weil er schon mehrmals tagelang auf diese Weise entfernt gewesen . Den ganzen Tag über blieb ich in Reinholds und des Barons Gesellschaft , und nach und nach faßte ich mich so im Innern , daß ich mich am Abend voll Mut und Kraft fühlte , keck all den wunderlichen Ereignissen entgegenzutreten , die meiner zu harren schienen . In der einsamen Nacht öffnete ich das Portefeuille und überzeugte mich ganz davon , daß es eben Graf Viktorin war , der zerschmettert im Abgrunde lag , doch waren übrigens die an ihn gerichteten Briefe gleichgültigen Inhalts , und kein einziger führte mich nur auch mit einer Silbe ein in seine nähere Lebensverhältnisse . Ohne mich darum weiter zu kümmern , beschloß ich dem mich ganz zu fügen , was der Zufall über mich verhängt haben würde , wenn die Baronesse angekommen und mich gesehen . - Schon den andern Morgen traf die Baronesse mit Aurelien ganz unerwartet ein . Ich sah beide aus dem Wagen steigen und , von dem Baron und Reinhold empfangen , in das Portal des Schlosses gehen . Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab , von seltsamen Ahnungen bestürmt , nicht lange dauerte es , so wurde ich herabgerufen . - Die Baronesse trat mir entgegen - ein schönes , herrliches Weib , noch in voller Blüte . - Als sie mich erblickte , schien sie auf besondere Weise bewegt , ihre Stimme zitterte , sie vermochte kaum Worte zu finden . Ihre sichtliche Verlegenheit gab mir Mut , ich schaute ihr keck ins Auge und gab ihr nach Klostersitte den Segen - sie erbleichte , sie mußte sich niederlassen . Reinhold sah mich an , ganz froh und zufrieden lächelnd . In dem Augenblick öffnete sich die Türe , und der Baron trat mit Aurelien herein . - Sowie ich Aurelien erblickte , fuhr ein Strahl in meine Brust und entzündete all die geheimsten Regungen , die wonnevollste Sehnsucht , das Entzücken der inbrünstigen Liebe , alles , was sonst nur gleich einer Ahnung aus weiter Ferne im Innern erklungen , zum regen Leben ; ja das Leben selbst ging mir nun erst auf , farbicht und glänzend , denn alles vorher lag kalt und erstorben in öder Nacht hinter mir . - Sie war es selbst , sie , die ich in jener wundervollen Vision im Beichtstuhl geschaut . Der schwermütige , kindlich fromme Blick des dunkelblauen Auges , die weichgeformten Lippen , der wie in betender Andacht sanft vorgebeugte Nacken , die hohe schlanke Gestalt , nicht Aurelie , die heilige Rosalie selbst war es . - Sogar der azurblaue Shawl , den Aurelie über das dunkelrote Kleid geschlagen , war im phantastischen Faltenwurf ganz dem Gewande ähnlich , wie es die Heilige auf jenem Gemälde und eben die Unbekannte in jener Vision trug . - Was war der Baronesse üppige Schönheit gegen Aureliens himmlischen Liebreiz . Nur sie sah ich , indem alles um mich verschwunden . Meine innere Bewegung konnte den Umstehenden nicht entgehen . » Was ist Ihnen , ehrwürdiger Herr ? « fing der Baron an : » Sie scheinen auf ganz besondere Weise bewegt ! « - Diese Worte brachten mich zu mir selbst , ja ich fühlte in dem Augenblick eine übermenschliche Kraft in mir emporkeimen , einen nie gefühlten Mut , alles zu bestehen , denn sie mußte der Preis des Kampfes werden . » Wünschen Sie sich Glück , Herr Baron ! « rief ich , wie von hoher Begeisterung plötzlich ergriffen , » wünschen Sie sich Glück ! - Eine Heilige wandelt unter uns in diesen Mauern , und bald öffnet sich in segensreicher Klarheit der Himmel , und sie selbst , die heilige Rosalia , von den heiligen Engeln umgeben , spendet Trost und Seligkeit den Gebeugten , die fromm und gläubig sie anflehten . - Ich höre die Hymnen verklärter Geister , die sich sehnen nach der Heiligen und , sie im Gesange rufend , aus glänzenden Wolken herabschweben . Ich sehe ihr Haupt strahlend in der Glorie himmlischer Verklärung , emporgehoben nach dem Chor der Heiligen , der ihrem Auge sichtlich ! - Sancta Rosalia , ora pro nobis ! « Ich sank mit in die Höhe gerichteten Augen auf die Knie , die Hände faltend zum Gebet , und alles folgte meinem Beispiel . Niemand frug mich weiter , man schrieb den plötzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend einer Inspiration zu , so daß der Baron beschloß , wirklich am Altar der heiligen Rosalia in der Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen . Herrlich hatte ich mich auf diese Weise aus der Verlegenheit gerettet , und immer mehr war ich bereit , alles zu wagen , denn es galt Aureliens Besitz , um den mir selbst mein Leben feil war . - Die Baronesse schien in ganz besonderer Stimmung , ihre Blicke verfolgten mich , aber sowie ich sie unbefangen anschaute , irrten ihre Augen unstet umher . Die Familie war in ein anderes Zimmer getreten , ich eilte in den Garten hinab und schweifte durch die Gänge , mit tausend Entschlüssen , Ideen , Plänen für mein künftiges Leben im Schlosse arbeitend und kämpfend . Schon war es Abend worden , da erschien Reinhold und sagte mir , daß die Baronesse , durchdrungen von meiner frommen Begeisterung , mich auf ihrem Zimmer zu sprechen wünsche . - Als ich in das Zimmer der Baronesse trat , kam sie mir einige Schritte entgegen , mich bei beiden Ärmen fassend , sah sie mir starr ins Auge und rief : » Ist es möglich - ist es möglich ! - Bist du Medardus , der Kapuzinermönch ? - Aber die Stimme , die Gestalt , deine Augen , dein Haar ! Sprich , oder ich vergehe in Angst und Zweifel . « - » Viktorinus ! « lispelte ich leise , da umschlang sie mich mit dem wilden Ungestüm unbezähmbarer Wollust , - ein Glutstrom brauste durch meine Adern , das Blut siedete , die Sinne vergingen mir in namenloser Wonne , in wahnsinniger Verzückung ; aber sündigend war mein ganzes Gemüt nur Aurelien zugewendet , und ihr nur opferte ich in dem Augenblick durch den Bruch des Gelübdes das Heil meiner Seele . Ja ! Nur Aurelie lebte in mir , mein ganzer Sinn war von ihr erfüllt , und doch ergriff mich ein innerer Schauer , wenn ich daran dachte , sie wiederzusehen , was doch schon an der Abendtafel geschehen sollte . Es war mir , als würde mich ihr frommer Blick heilloser Sünde zeihen und als würde ich , entlarvt und vernichtet , in Schmach und Verderben sinken . Ebenso konnte ich mich nicht entschließen , die Baronesse gleich nach jenen Momenten wiederzusehen , und alles dieses bestimmte mich , eine Andachtsübung vorschützend , in meinem Zimmer zu bleiben , als man mich zur Tafel einlud . Nur weniger Tage bedurfte es indessen , um alle Scheu , alle Befangenheit zu überwinden ; die Baronesse war die Liebenswürdigkeit selbst , und je enger sich unser Bündnis schloß , je reicher an frevelhaften Genüssen es wurde , desto mehr verdoppelte sich ihre Aufmerksamkeit für den Baron . Sie gestand mir , daß nur meine Tonsur , mein natürlicher Bart sowie mein echt klösterlicher Gang , den ich aber jetzt nicht mehr so strenge als anfangs beibehalte , sie in tausend Ängsten gesetzt habe . Ja bei meiner plötzlichen begeisterten Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe überzeugt worden , irgend ein Irrtum , irgend ein feindlicher Zufall habe ihren mit Viktorin so schlau entworfenen Plan vereitelt und einen verdammten wirklichen Kapuziner an die Stelle geschoben . Sie bewunderte meine Vorsicht , mich wirklich tonsurieren und mir den Bart wachsen zu lassen , ja mich in Gang und Stellung so ganz in meine Rolle einzustudieren , daß sie oft selbst mir recht ins Auge blicken müsse , um nicht in abenteuerliche Zweifel zu geraten . Zuweilen ließ sich Viktorins Jäger , als Bauer verkleidet , am Ende des Parks sehen , und ich versäumte nicht , insgeheim mit ihm zu sprechen und ihn zu ermahnen , sich bereit zu halten , um mit mir fliehen zu können , wenn vielleicht ein böser Zufall mich in Gefahr bringen sollte . Der Baron und Reinhold schienen höchlich mit mir zufrieden und drangen in mich , ja des tiefsinnigen Hermogen mich mit aller Kraft , die mir zu Gebote stehe , anzunehmen . Noch war es mir aber nicht möglich geworden , auch nur ein einziges Wort mit ihm zu sprechen , denn sichtlich wich er jeder Gelegenheit aus , mit mir allein zu sein , und traf er mich in der Gesellschaft des Barons oder Reinholds , so blickte er mich auf so sonderbare Weise an , daß ich in der Tat Mühe hatte , nicht in augenscheinliche Verlegenheit zu geraten . Er schien tief in meine Seele zu dringen und meine geheimste Gedanken zu erspähen . Ein unbezwinglicher tiefer Mißmut , ein unterdrückter Groll , ein nur mit Mühe bezähmter Zorn lag auf seinem bleichen Gesichte , sobald er mich ansichtig wurde . - Es begab sich , daß er mir einmal , als ich eben im Park lustwandelte , ganz unerwartet entgegentrat ; ich hielt dies für den schicklichen Moment , endlich das drückende Verhältnis mit ihm aufzuklären , daher faßte ich ihn schnell bei der Hand , als er mir ausweichen wollte , und mein Rednertalent machte es mir möglich , so eindringend , so salbungsvoll zu sprechen , daß er wirklich aufmerksam zu werden schien und eine innere Rührung nicht unterdrücken konnte . Wir hatten uns auf eine steinerne Bank am Ende eines Ganges , der nach dem Schloß führte , niedergelassen . Im Reden stieg meine Begeisterung , ich sprach davon , daß es sündlich sei , wenn der Mensch , im innern Gram sich verzehrend , den Trost , die Hilfe der Kirche , die den Gebeugten aufrichte , verschmähe und so den Zwecken des Lebens , wie die höhere Macht sie ihm gestellt , feindlich entgegenstrebe . Ja , daß selbst der Verbrecher nicht zweifeln solle an der Gnade des Himmels , da dieser Zweifel ihn eben um die Seligkeit bringe , die er , entsündigt durch Buße und Frömmigkeit , erwerben könne . Ich forderte ihn endlich auf , gleich jetzt mir zu beichten und so sein Inneres wie vor Gott auszuschütten , indem ich ihm von jeder Sünde , die er begangen , Absolution zusage ; da stand er auf , seine Augenbraunen zogen sich zusammen , die Augen brannten , eine glühende Röte überflog sein leichenblasses Gesicht , und mit seltsam gellender Stimme rief er : » Bist du denn rein von der Sünde , daß du es wagst , wie der Reinste , ja wie Gott selbst , den du verhöhnest , in meine Brust schauen zu wollen , daß du es wagst , mir Vergebung der Sünden zuzusagen , du , der du selbst vergeblich ringen wirst nach der Entsündigung , nach der Seligkeit des Himmels , die sich dir auf ewig verschloß ? Elender Heuchler , bald kommt die Stunde der Vergeltung , und in den Staub getreten wie ein giftiger Wurm , zuckst du im schmachvollen Tode , vergebens nach Hilfe , nach Erlösung von unnennbarer Qual ächzend , bis du verdirbst in Wahnsinn und Verzweiflung ! « - Er schritt rasch von dannen , ich war zerschmettert , vernichtet , all meine Fassung , mein Mut war dahin . Ich sah Euphemien aus dem Schlosse kommen mit Hut und Shawl , wie zum Spaziergange gekleidet ; bei ihr nur war Trost und Hilfe zu finden , ich warf mich ihr entgegen , sie erschrak über mein zerstörtes Wesen , sie frug nach der Ursache , und ich erzählte ihr getreulich den ganzen Auftritt , den ich eben mit dem wahnsinnigen Hermogen gehabt , indem ich noch meine Angst , meine Besorgnis , daß Hermogen vielleicht durch einen unerklärlichen Zufall unser Geheimnis verraten , hinzusetzte . Euphemie schien über alles nicht einmal betroffen , sie lächelte auf so ganz seltsame Weise , daß mich ein Schauer ergriff , und sagte : » Gehen wir tiefer in den Park , denn hier werden wir zu sehr beobachtet , und es könnte auffallen , daß der ehrwürdige Pater Medardus so heftig mit mir spricht . « Wir waren in ein ganz entlegenes Boskett getreten , da umschlang mich Euphemie mit leidenschaftlicher Heftigkeit ; ihre heißen , glühenden Küsse brannten auf meinen Lippen . » Ruhig , Viktorin , « sprach Euphemie , » ruhig kannst du sein über das alles , was dich so in Angst und Zweifel gestürzt hat ; es ist mir sogar lieb , daß es so mit Hermogen gekommen , denn nun darf und muß ich mit dir über manches sprechen , wovon