Hinderndes erinnert , allein kaum hatte er es ausgesprochen , so erschrak er auch auf das heftigste vor dem entsetzlichen Gedanken . Ja , ja , rief er , mein Anblick wird sie stören , muß sie ewig stören ! wie ein Gespenst werde ich zwischen ihre fromme Ergebung treten , werde die ungeheure Pflicht mir verzeihen zu müssen , in die zurückgezogene Herzen drücken . Unter Eisesschauern , scheu , in Todesangst werden sie mir gegenüber stehn . Kann ich den Schmerzesstachel aus ihrer Seele ziehn , kann ich das Geschehene ungeschehen machen ? Wie soll die Mutter mir vergeben ! Sie dachte es wohl , da das Unglück ihr so fern schien , jetzt aber ! - Blansche - und du ? wirst du hassen und lieben zugleich ! Ach Gott ! was die Rührung , was des offnen Grabes Stimme Dir aus dem Herzen riß , was Du bewegt verhießest , es ist auch wohl jetzt verklungen . Der stumme Schmerz verschließt dir nun die Welt , du bist ernst und ruhig ; von da zur Kälte und Strenge ist nur ein Schritt ! Verdammen wird deine Engelsmilde mich just nicht , doch abwehren , zurückdrängen wirst du den feindlichen Störer ! Er ging heftig in den dunkeln Schattengängen auf und ab . Die Nacht war wolkig und kühl , durch die Fenster sah er Licht , nur am Gartensaale hin war alles verschlossen , vor der Glasthüre war noch eine äußere hölzerne angelehnt , breite eiserne Querstangen lagen wie Riegel darüber . Hier , dachte Alonzo , hier trugen sie den Sarg hinaus zwischen den Blumen hin ! alle rauschten und klagten über das früh gebrochene Leben ! Er sahe den Leichenzug , den bleichen Kerzenschein , der Blumen wunderliches Wanken . Zufällig stieß der Wind gegen die Thür , sie bebte zwischen den Eisenklammern , ihm war als falle sie jetzt erst zu . Gruft und Gewölbe und des Todes dunkle Angst zog durch seine Sinne . Er blieb vor der Thüre stehen . Alles ausgestorben , rief er ! und durch dich Unglückseliger ! Das war der namenlose Druck , die Pein , die mich hier in Frankreich folterte . Der Haß , der Freiheitsdurst war es nicht allein ! Das stolze Herz verlangte nach den großen Worten , es konnte nichts die heiße Brust füllen , die unbestimmte Angst wollte einen Namen haben . Darum befeindete ich das arme , verblendete Volk und dich , du lieber verführter Jüngling ! So hämisch riß mich mein Geschick in den Abgrund . Ich hätte dich versteh ' n sollen ! der Vorschmack dieser Höllenqualen der lag mir in der Seele ! Hier klopfte es leise auf seine Schulter . Er fuhr rasch zurück . Jesus ! mein Erlöser rief er , das Kreutz schlagend . Ihm war nicht anders , als sehe er Türgis vor sich steh ' n. Was erschrecken Sie nur so heftig , rief eine bekannte Stimme fast unter gleichen Schauern bebend ! Sind Sie es Philipp , sagte Alonzo etwas beschämt . Ja , entgegnete dieser , zutraulich seine Hand fassend , ich komme für einige Tage Abschied zu nehmen . Alonzo konnte sich noch nicht recht von dem gehabten Schreck erholen , er betrachtete ihn ganz verwirrt . Philipp war in einen weißen Beutemantel gewickelt , das kleine Barett lag nachläßig auf die dunkeln Locken , so daß diese hervorquillend die Stirn beschatteten und vom Nachthauch bewegt , einen unkenntlich machenden Schein aufs Gesicht warfen . Ich werde , sagte er , jenen durch seine Stimme beruhigend , noch in dieser Nacht von hier in Aufträgen versandt . Ich denke es ist das letzte Geschäft der Art , was mir überkommt . Morgen wird der Friede unterzeichnet , ich fodre dann meinen Abschied . Er kann mir nicht entstehn . Bis dahin bleibe ich bei meinem Regimente . Doch sobald ich frei bin , kehre ich noch einmal zurück , um alsdann von hier meinen Weg nach Rom zu nehmen . Nach Rom , wiederholte Alonzo gedankenvoll . Meine ganze Seele , fuhr jener fort , durstet danach . Haben Sie nicht gelesen , wie der heilige Vater , auf dem Altane stehend , den Segen austheilte und das Weihwasser mild träufelnd vom Himmel sprühete ? O die ewige Liebe weiß es , wieviel tausend Wunden jetzt an diesem Balsam heilen müssen ! Sein herrliches Auge glänzte wie ein milder Stern im Dunkeln . Alonzo fühlte sich leise erschüttert . Glauben Sie mir , fuhr Philipp fort , wir leben in einer dreisten , kühnen Zeit , die tiefsinnigsten Wunder werden herausgerissen , ans Licht geworfen , beklügelt , besprochen . Alle wollen alles wissen , es thut uns Noth , daß wir uns in Demuth zurückziehn und still und heimlich werden . Die Luft hier ist trocken und kühl , sie wirft einen fahlen Staub auf das Mysterium des Lebens . Wir halten den blassen Nebel für Licht und wenden das Auge bequem ohne Blendung hier hin und dorthin , und bleiben doch immer auf dem alten Fleck . Vor jener Sonne aber reißt das Netz , wir werden erschrecken und das eben brauchen wir . - Sie gingen schweigend weiter . Vor Alonzos Wohnung standen sie noch einen Augenblick . Sie kommen also gewiß wieder , fragte Alonzo ? - gewiß , erwiederte Philipp , doch meines Bleibens darf hier nur kurz sein . Auch Sie , setzte er hinzu , thun wohl bald von hier fortzukommen . Alonzo drückte verlegen seine Hand . Der Kampf , sagte Philipp ernst , ist kein Unglück , wohl aber die Beschwichtigung . Nichts ist dem Menschen so gefährlich als sich mit dem aussöhnen , was ihm feindlich entgegenstehen soll , und Frevel wird es , alles Hohe und Herrliche der Seele augenblicklichen Beziehungen unterwerfen , und denken zu wollen , man sei eben nicht größer als das Herz es wolle . Sein Blick flammte , des Geistes fromme Erleuchtung hob ihn über sich selbst hinaus , heftig drückte er den Freund an seine Brust , Gott verlasse Sie nicht , rief er , und eilte dann fort zu seinem Geschäft . Alonzo sah ihm nach . Ob es Philipp , ob es ein Bote des Himmels , der eben geredet , war , er wußte es nicht , sein Herz bebte , er wollte ihm folgen , - doch tröstlich war es ihm zugleich , daß er ihn nun nicht mehr erreichen konnte . Dreizehntes Kapitel Alonzo erfuhr bald , daß Frau von Saint Alban mit ihrer Tochter im Kloster Sainte Genevieve sei und dort die stille Trauerzeit zuzubringen denke . Er war noch in den bangsten Zweifeln , ob er sie dort aufsuchen dürfe als eine Einladung der liebenswürdigen Frau ihn schnell über alle Unsicherheit hinaushob . Sie schrieb ihm : Mein armer junger Freund . Ich muß Sie sehen , wir gehören von nun an zusammen , das Unglück verbindet uns ; denn mein Gott ! wie unglücklich müssen Sie jetzt sein ! Ich habe alle die Zeit mit wahrem Schmerz an Sie gedacht . Und ich Alonzo - ich ? denken Sie nicht , daß Sie mein Gefühl begreifen , daß Sie es nur entfernt ahnden können ! Wie ich an dem fürchterlichen Tage die Augen aufschlug ! wie es Nacht war und Nacht blieb , wie es an meinem Herzen riß und ich es mit aller Lebenskraft halten wollte ! Es ist gescheh ' n , es ist vorbei ! Das Herz ist mir aus der Brust gefallen , sie ist seitdem ganz hohl und leer , nur Blansches Bild schwankt noch drin umher . Das arme Kind ! sie lernt so frühe weinen ! Die Augen sind ihr so trübe , die Wangen so bleich , matt und krank die Stimme , der Gang langsam und schleppend . Ich sahe das mit neuen Sorgen , aber ich habe noch keine Kraft zur Angst , wie müßte ich sein , um ein neues Unglück fassen zu können , Sie werden das alles lesen , die Thränen werden Ihnen in die Augen treten , Sie werden glauben mitzufühlen ! Ach mein Herr , der Schmerz der hier wühlt , zittert nur matt in einer andern Seele wieder ! Die Einbildungskraft schafft das nicht , die Natur sträubt sich es vorher zu offenbaren , nur wenn das Schicksal sie beschleicht und zwingt , dann tritt sie aus aller Ordnung und wird entsetzlich ! Ich lerne jetzt die Worte recht verachten ! sie beschneiden das Gefühl , es kommt ganz eng und matt heraus . Ein Ton , - ein einziger Ton ! O Gott , was sagt der nicht ! Zuweilen , wenn es mich so befällt , das Namenlose mich packt , ich in der Angst die Hände krampfhaft zusammenpresse , und ein Schrei aus meiner Brust dringt , dann beben selbst der Engel Seelen , die Heiligen weinen , und Menschen ahnden , was ein Mutterherz spaltet und zerbricht ! Alonzo , der graue Mantel ist nun doch niedergefallen ! sie haben ihm das liebe Gesicht verhüllt . Das schwere Kleid liegt auf ihm . Vielleicht erbarmt sich der Frühling und streuet leichte Blumen darauf . Wie ich sonst wohl sein Bett sorgsam zurecht legte , jedes Fältchen aus den Tüchern strich , die Vorhänge zuzog , Luft und Zug abwehrte , so hüte ich nun sein Grab , pflanze und begieße und spiele Leben , aber kein Auge dankt mir , keine Lippe öffnet sich nicht mehr ! Ich hätte unrecht vor Ihnen so zu klagen ? Nein , nein , Sie dürfen es hören , Ihre Seele ist rein von aller Schuld , das schwöre ich ! Aber auch seine ? nicht wahr Alonzo , auch er ist gereinigt ? » Gott weiß es , ich liebe Sie jetzt mehr als sonst . Sie sind mir ein schmerzliches Andenken ; und der Schmerz thut mir so wohl ! Kommen Sie denn mein trüber , armer Freund . Ich erwarte Sie . « Es bedurfte der herzerschütternden Worte nicht , um Alonzos ganzes Wesen gefangen zu nehmen . Er hatte ja schon lange keinen andern Wunsch , keinen andern Gedanken mehr . Das Unglück , was er über diese Familie gebracht , erschien ihm so ungeheuer , daß sein Leben nicht hinreichte es auszugleichen . Von jetzt kannte er keine andre Pflicht als die Thränen zu trocknen , die er ausgepreßt . Er hielt sich dazu für berufen . Umsonst hatte ihn das Verhängniß nicht so wunderbar gestellt . Kaum hatte er die letzte Zeile gelesen , so flog er zu Frau von Saint Alban . Sie schrie laut als sie ihn sahe . Er stürzte zu ihren Füßen , er drückte ihre Hände an seine Brust , seine Augen lagen bittend auf den ihrigen . Sie weinte ohne ein Wort hervorbringen zu können , doch ihm unter den Thränen freundlich zulächelnd , war sie bemüht , Friede in das allzubewegte Herz zu gießen . Blansche stand in großer Anstrengung abwärts . Mit der einen Hand das herabhängende Batisttuch haltend , stemmte sie sich gegen ein Tischchen , die andre spielte in einer neben ihr stehenden Cypressenstaude . Ohne Verrückung der ruhig klaren Züge , flossen die Thränen perlend über ihre Wangen , die Augen senkten sich zur Erde , ein bleiches Roth flog an sie hin , als sie schüchtern aufsehend , Alonzos rührenden Blicken begegnete . Er sahe sie leicht beben . Das war der Strahl , so fühlte er , der ihre Seelen auf ewig vermählte . Frau von Saint Alban hatte sich schnell gefaßt . Sie zeigte sich ruhiger als es Alonzo erwarten durfte . Mit unaussprechlicher Güte hob sie ihn vom Boden auf , hieß sie ihn neben ihr sitzen . Alles Liebkosende und Süße ihrer Stimme wandte sie an , um jede Scheu , jede Besorgniß aus seiner Seele zu wischen . Wie sie nun so herzlich bemühet war , ihn zu beruhigen und der düstere Zweifel doch nicht von seiner Stirn weichen wollte , sagte sie : denken Sie nicht , daß es anders in mir sei , wenn ich Sie nicht sehe . Ich habe eine sehr lebhafte Vorstellung von den Leidenschaften der Menschen , und wie sie aneinander gerathend das Unerhörteste erzeugen . In ruhigen Stunden liegt der Grund von den Ereignissen , die mich am härtesten treffen , ganz unumwunden vor mir , ich gewinne eine Einsicht und werde stiller und ergebener in dem , was einmal so kommen mußte . Man beschuldigt die Frauen , es komme bei ihnen alles darauf an , eine Ursach , eine Veranlassung auffinden zu können , wenn sie sagen dürfen , das ist es , daher kam es , so sind sie fertig in sich , der Erfolg möge dann sein , welcher er wolle . Ich weiß es nicht , ob die Befriedigung müßiger Neugier das Herz stillen könne , doch leugnen werde ich es nicht , daß , was einmal in nothwendiger Folge vor mir entsteht und wird , aufhört mich wie ein Gespenst mit verstörendem Sinn und Geist umhüllenden Schauder zu erfüllen . Die helle , freiwillige Ergebung in dem Unabwendbaren ist mir eigen , ist den Frauen überhaupt so nothwendig . Wir können so wenig thun , wir müssen so viel leiden ! wie kämen wir nur mit uns selbst zurecht , wie bewahrten wir die Duldung und Liebe , wenn ein eingebohrner Sinn nicht von selbst Dinge und Gefühle zu ordnen wüßte ? Ich habe es in den gepreßtesten , engsten Verhältnissen erfahren , daß man sich nur dann frei bewegt , wenn man so viel als möglich jedes an seinen Platz zu stellen vermag . Ich weiß Sie zu stellen , Alonzo , auch meinen Türgis . Glauben Sie mir , ich kenne die ewige Ausgleicherin Zeit . Frankreich hat über seine Kräfte hinausgegriffen , es hat sich überlebt , es ist welk und matt geworden . Ihm geht es wie jener Coquette , die täglich roth trug , und es nicht begreifen konnte , daß einmal der Tag kam , wo sie aufhören mußte , da sie es erst gestern und vorgestern that . Der Aufenthalt im Auslande hat mich über vieles belehrt . Wir passen nicht unter die junge Welt , glauben Sie , ich fühle das , und ohne zu wissen , was mit uns werden solle , begreife ich doch jeden Widerstreit . Frau von Saint Alban kam von hier auf das wechselnde Unglück ihres Vaterlandes zu reden , und was seit Jahrzehnte an ihm gepreßt und gezehrt hätte . Sie verweilte mit Theilnahme bei allem Schönen und Erwünschten , was es zum Lebensgenusse biete . Mehr und mehr erreichte sie sich über sein trübes Geschick . Die Demüthigung , welche es erfahren , schmerzte sie tief , der Unwille gegen die Verbündete blitzte unwillkührlich auf , sie tadelte diese niemals , aber sie lobte das Eigenthümliche französischer Nationalität mit warmer , eingeborner Partheilichkeit , und konnte sich nicht enthalten zu sagen , das jugendlich gewordene Europa solle in seinem aufstrebenden Stolze nicht vergessen , daß es lange in französischer Schule ging , man könne nicht immer angeben , welchen Rutzen man von diesem oder jenem Unterricht gezogen , es solle sich nicht durch unbilliges Herabwürdigen selbst beflecken . Wenn sie gleich der Verderbtheit nicht das Wort reden , und schreiende Thatsachen entschuldigen wollte , so sahe sie diese doch mehr in den Zeitumständen , in der Form zufälliger Gestaltung als in den verschlammten Wust vergifteter Lebenskraft begründet . Und prophezeihete sie auch noch viel unsägliches Unheil für Frankreich , so ahndete sie doch sein phönixartiges Vergnügen und das beschämte Anerkennen ungerechter Feinde . Ein lebhafter Sinn steigerte den Streit in ihrer Brust , bis sie , nicht mehr ausreichend , in matte Wehmuth verfiel . Die Vergänglichkeit , der Wechsel alles irdischen Lebens trat ausgleichend vor sie hin , sie ward stiller und weinte viel . Alonzo fühlte sich beengt . Es war das erstemal , daß zwischen ihnen Nationalverschiedenheiten berührt , gerügt wurden . Frau von Saint Alban in allen ihren Gefühlen aufgelöst , sprach sich rücksichtslos aus , die Worte reiheten sich unberechnet aneinander und rollten eines durch das andre fortgezogen , in der Fluth unvereinbarer Empfindungen weiter . Endlich stand sie auf und ging in ein Nebenzimmer , wo sie unter vielen Papieren kramte und ordnete . Auch sie also ! dachte Alonzo , auch sie kann den Stolz und die Herbigkeit nicht verleugnen , wie gerecht sie auch zu sein denkt . Er näherte sich Blansche . Sie war an das Fenster getreten . Erröthend gab sie es zu , daß er ihre Hand fasse . Blansche , fragte er leise , wenn Sie in dieser Zeit an mich dachten , wie erschien Ihnen mein Bild ? Haben Sie es in keinem Augenblick mit Schmerz und Unwillen zurückgedrängt ? Haben Sie nie den Unglücklichen verwünscht , der zu Ihrer Qual Frankreichs Boden betrat ? Meine Seele , erwiederte Blansche still gefaßt , weiß nichts von der wüsten Qual , die Sie in mir voraussetzen . Ich habe recht friedlich und wie zum Trost in den letzten Stunden an Sie gedacht . Ich wußte Sie voll Theilnahme und Mitgefühl , Ihr Andenken ist ganz rein und ungetrübt in mir . Das Fenster war offen , sie sahen über die Klostermauern in das weite Feld . Volle Kornähren wogten im glühenden Abendroth wie ein leise wallendes Meer , die Sonne warf scheidend die schärfsten blendensten Lichter zurück , Blansche stand ganz glänzend wie verklärt neben Alonzo . Unwillkührlich sank er vor ihr nieder und mit den heißen Lippen die Falten ihres Kleides berührend , rief er , heiliger Engel ! sage , daß du mich nicht verwirfst , daß du das Opfer meines Lebens annimmst ! Blansche faltete die Hände , drückte sie gegen die Brust und die Augen zum Himmel gehoben , sagte sie , Gott willst du ein Opfer , nimm mich , laß ihn schuldlos , den Frieden seiner Seele unangefochten ! Sie senkte das Gesicht in beide Hände , und blieb einige Sekunden still , drauf sich zu Alonzo wendend und ihn sanft vom Boden aufhebend , fuhr sie zutraulich fort : mein Freund , ich weiß wenig von der Welt , ihre Verhältnisse sind mir meist unverständlich und was sich dunkel und verworren um mich her getrieben , macht mich nicht begierig mehr zu erfahren . Was das Leben von mir fodern wird , es wird es mir ja sagen ; ich will es gefaßt erwarten . Was aber in mir lebt , - Sie haben den stillen Gedanken Worte gegeben , ich hege keine Scheu es auszusprechen , ja Alonzo , in mir lebt Ihr Bild , es hat mein ganzes Herz genommen , und ich widerstehe der sanften Gewalt nicht . Geht es Ihnen auch so , so lassen Sie uns in dem innern , geheim gehaltenen Verkehr beglückt und heiter sein , vertrauen Sie Gott , lassen Sie das Uebrige kommen , noch weiß ich gewiß , ist die Stunde nicht da , wo die Welt , wo ein Mensch außer uns darum wissen darf . Alonzo wagte nicht zu sprechen , sie anzurühren , seine ganze Seele war in ihr , doch Wort und Bewegung schien ihm zu roh , zu kühn für dies durchsichtig helle Wesen , ihre Blicke flossen lautlos in einander , die Lippen verschlossen den allzudreisten Klang . Frau von Saint Alban war wieder hineingetreten . Sie fand Alonzo gedankenvoll , ohne Worte . Freundlich , mit höchst liebenswürdiger Beschämung , die Hand auf seine Schulter gelegt , sagte sie : hat mein rasches Gefühl Sie vorher beleidigt , armer Freund ? Ich habe es schon längst vergessen , daß Sie nicht immer zu uns gehörten , wollen Sie , daß ich Worte und Gefühl beherrschend , mich absichtlich daran erinnern soll ? - Alonzo war viel zu bewegt , um an irgend etwas außer Blansche und an sein Glück zu denken . Mein Gott , entgegnete er zerstreut , ich glaube , es ist überall Friede , im Himmel und auf Erden , was bleibt uns noch zu wünschen übrig ? Freilich , sagte Frau von Saint Alban , Sie haben wohl recht , man ist lange nicht durchdrungen , lange nicht entzückt genug über diese Himmelsgabe ! Aber so ist das Herz , niemals gnügt ihm das Eine , das Höchste , es zieht sich mühsam herab in den Streit hinein , es kann nicht Ruhe halten . Nun , Alonzo , nicht wahr , wir streiten nicht mit einander ? Nein , gewiß nicht , gnädige Frau , rief er hastig , bei Ihnen ist Liebe und Güte und eine Welt voll Glück . Er war im Begriff mehr zu sagen , Blansche sah ihn warnend an . Frau von Saint Alban war wieder mit sich selbst Eins und über das Vergangene beruhigt . Alonzo allein wußte nirgend hin mit dem gedrängten Herzen , wie im Taumel redete er lebhaft und confus , küßte mit immer wachsender Innigkeit verschiedentlich Frau von Saint Alban die Hand und rettete endlich die überströmende Leidenschaft vor allzu bedrohlichem Ausbruch durch frühes Entfernen . Vierzehntes Kapitel Es war gescheh ' n , der Bund war geschlossen . Was Alonzo noch vor wenigen Wochen ein frecher Spott über sich selbst geschienen hätte , war Schritt vor Schritt heraufgedrungen , hatte sich Bahn gemacht , stand ausgesprochen vor ihm , und hatte seine Gewalt über ein andres Wesen ausgestreckt , das zu ihm gehörte , das von nun an Pflicht und Ehre an sein Herz legten , das er nicht mehr lassen konnte . Er erwachte des folgenden Morgens etwas schüchtern , ohne rechtes Vertrauen zu seinem Glück , zu sich selbst . Sein Stolz war geknickt , er verhüllte sich in den Zweifel an menschliche Kraft überhaupt . Er fing an , der Nothwendigkeit ein furchtbares Recht über That und Gedanken einzuräumen und sahe mit Unsicherheit dem fortrollenden Rade der Zeit kein Ziel . Philipp hatte ihm einen Theil seiner Sachen zum Aufbewahren zurückgelassen . Auch das unvollendet gebliebene Bild . Es stand auf einem Tischchen , die Rückseite nach außen , gegen die Wand gelehnt . Alonzo hatte es schon mehrere male betrachtet , und immer wieder mit einiger Unruhe abwärts gestellt . Unausgeführte Gemählde haben stets etwas schauerlich Rührendes . Das unerschaffene Geheimniß liegt noch wie ein Schleier darüber , das ausgesprochene Leben hat kein Recht daran . Dies Bild ganz besonders sah wie ein Geisterhauch aus der dunkeln Traumwelt herüber . Alonzo ward immer bewegter , je öfter und länger er es ansah . So ist es , rief er sehr erschüttert , so ist es , aufwärts rufst du den Blick , unter dir , auf der trüb bewegten Welle ist nicht Halt , nicht Raum für des Menschenfuß . Das steile Ufer , der kahle Strand , alles glatt und schroff und zurückweisend , nirgend wo der Mensch dem Menschen begegnen mag ! O läge ich , wo Türgis liegt , wir wären wohl weniger getrennt ! Weißes Nachtwölkchen mit den blendenden Schmetterlings-Schwingen weisest du dahin ? Mahntest du nicht umsonst , bleicher warnender Todtenvogel ? - Er setzte das Bild schweigend an seine Stelle , und den bangen Druck im Innern los zu werden , ging er , sich an Aeußerem zerstreuend , in die Stadt umher . Der Friede war bekannt gemacht , der Abmarsch der Truppen bestimmt . Die Freude der Franzosen gewann mehr und mehr ein übermüthiges Gesicht . Des rettenden Schutzes uneingedenk , die lästigen Mahner armen Unvermögens verwünschend , bläheten sich aufs neue viele in Eitelkeit und Hochmuth . Was man nicht ungeschehen machen konnte , wollte man doch wenigstens lächerlich machen . Vertrauen , Mäßigung , ritterliche Treue , alles ward durch solche verhöhnt , die mit behender Gewandheit , mit gespanntem Scharfsinn über alles jenes hinaus ein einziges Gesetz übten und ehrten , die es sich täglich zuriefen : Zügle das Gefühl , nutze den Vortheil der Gegenwart , deren rasche , auf Aeußeres gestellte und geschliffene Fertigkeit tausendmal die Arg- und Harmlosen überlistet , tausendmal in Unbedeutendem den Sieg über sie davon getragen hatten . Deutsche und Russen hoben den Kopf stolz über das fratzenhafte Andrängen hinaus , und wehrten mühelos , mit kaum gehobener Hand , die Pfeile ab , die man höhnisch genug in ihrem Rücken verschoß . Sie athmeten schon in Gedanken überrheinische Luft , sie schüttelten den Staub von ihren Füßen und dankten Gott und freueten sich der Erlösung . Wie nach einem Schiffbruch der Geängstete Land sehend , dem Bruder entzückt die Hand reicht , sie drückt und schüttelt und mit freiem Blick die Spanne mißt , die ihn noch vom Ufer trennt , so traten jetzt Bekannte und Unbekannte , Stammverschiedene und Mitbürger eines Landesstriches zu einander , und was die Unbekanntschaft der Sprache nicht zu sagen verstattete , das zeigten Minen und Geberden und die nach Osten winkende Hand . Jubelnd , den schlanken Leib wie zum Gruß geneigt , in dem behenden Arm die Lanze schwingend , sausten flinke Cosakken durch die Straßen und wie sie an den Franzosen vorüberflogen , fuhren diese doch etwas zusammen , der Witz erstarb auf ihren Lippen , sie schluckten ihn beklemmt hinunter und verbargen geschickt das rasche Wort , bis die furchtbaren Rächer Seine und Rhein hinter sich hatten . Alonzo vergaß , daß er zurückbleiben mußte . Er gesellte sich zu mehreren jungen Fremden , die frisch und froh gesinnt in dem lustigsten Behagen der überstandenen Prüfungsstunden gedachten und einander mit immer wachsender Innerlichkeit und Rührung die Rückkehr in die Heimath ausmahlten . Ich kann mir kaum denken , sagte ein hübscher frischer Jüngling , mit dem einnehmendsten Gesicht und den freundlichsten , herzlichsten Augen , wie es sein wird , wenn ich die liebe gute Mutter , den Großvater , die Schwestern und alle herzensgute Menschen wiedersehen werde . Als wir uns trennten , - es war eine abscheuliche Zeit , das ganze Land von feindlichen Bundesgenossen überschwemmt , die Hauptstadt ! - ach ich mag gar nicht mehr daran denken ! wie Gefangene , in bürgerlichen Kleidern mußten wir Offiziere uns hineinschleichen , wir Preußen kennen das sonst nicht , unser Stolz ist die Uniform , mir war als müßte ich den armen Sünderrock anzieh ' n und wäre es nicht um meine Mutter gescheh ' n , mich hätten wahrhaftig nicht zehn Pferde nach Berlin gebracht . Sie war aber voller Muth , schenkte mir den Säbel hier und wie ihr die Thränen in die Augen traten , drängte sie mich selbst sanft zur Thür hinaus ! wie leicht hätten wir uns niemals wiedergesehn ! Bei Lützen war es hart dran ! Sein älterer Bruder stand hinter ihm , zupfte an dem wohlgehaltenen Bart und strich einigemal über die schöngezeichneten , etwas stolzen Augenbraunen . Gottlob , sagte er , den Kopf gehoben , mit vornehmen zu ihm gehörigen Wesen , es ist niemand unter uns , der nicht leichten Herzens zurückkehren könnte . Unser ganzer Stamm hat seinem Namen Ehre gemacht , wir sind uns in allem , auch in unserm Abscheu und Ekel gegen dies Land treu geblieben . Alonzo fuhr es durch alle Nerven . Ich für mein Theil , fuhr jener fort , nehme noch eine Portion Widerwillen mehr nach Hause , als ich mitbrachte , und das will wahrhaftig viel sagen , denn mir kochte die Rache schon im Herzen , seit ich als Knabe in den Schulferien zum erstenmal nach Hause kommend , die unverschämten Gäste wie lästige Brumfliegen durch die Zimmer summsen hörte , alle Freude war mir verdorben , ich empfand wie Knechtschaft in den kleinsten Lebensbeziehungen drücke , und schwur es einst zu rächen und habe Wort gehalten ! Die Herren mochten schon damals spüren , was ihnen die heranwachsende Jugend für ein Süppchen bereite , sie erinnerten die Mutter mit vieler Weisheit meinen Stolz zu mäßigen , ich hege , wie sie sagten , eine vornehme Geringschätzung gegen fremde marquante Personen , die mir späterhin nachtheilig werden könnte . Wir haben jetzt viele von den marquanten Personen marquirt , und ich denke sie werden sich nie wieder aus ihren Gränzen verlaufen . Man sage was man wolle , nahm ein Andrer das Wort , die Rache ist doch die eigentliche Sühnung der Ehre , und wir sollen nicht glauben , durch so ein zimperlich baumwollenes Wesen , unsrer Würde gerade einen großen Zuwachs gegeben zu haben , auf den Schlag gehört der Stich , das ist alte Sitte , also doppelte Bezahlung . Nun , ich denke , erwiederte der Erstere , schuldig sind wir ihnen just nichts geblieben . Diese Wiedervergeltung ist denn aber auch nächst dem befreieten Bewußtsein , das einzig kräftige wahrhafte Gefühl , was man hier haben konnte . In meinem ganzen Leben ist es noch nicht so leer und schal in mir gewesen als hier . Die Luft ist ansteckend , es ist gut daß wir sie gekostet haben , wir werden davon zu sagen wissen . Hoffentlich wird sich die närrische Wuth nach Frankreich und Paris zu reisen , bei Kind und Kindeskind gelegt haben . Was ist denn auch Großartiges , Hohes und Heiliges ehemals von hier aus auf Europa übergegangen ? Welche Ausbeute gewann der französirte Ausländer ? Liederlichen Witz , schlaffe und flache Philosophie , engherzige Moral und ausgeartete Beredsamkeit , das waren die Schätze , an denen er den eingebornen Reichthum setzte . Und denke niemand , man könne so ungestraft aus sich herausgehen , wie zum Spiele , das Eine thun , das Andre nicht lassen , das ist nichts , entweder warm oder kalt - Gott haben oder nicht , dazwischen giebt ' s kein drittes . Alonzo stand wie auf Kohlen . So hatte er ja auch gedacht ,