, sie ja nicht allein hier zurück zu lassen , sie beschwor sie , in ihre Dienste treten zu dürfen , und beide schlossen ihren kleinen Kontrakt heimlich mit einander ab . Alexis saß auf der Thürschwelle , sang einige von Giannina aufgefangene Strophen , hielt ihre Mandoline zwischen den gekreuzten Beinen geklemmt , und stimmte und klimperte daran , bis endlich eine Saite unangenehm schrillend zerriß ! Ha ! schrie Antonie , was war das ! sie war todtenbleich und zitterte heftig . Mein Gott ! sagte die Baronin ungeduldig , was soll es sein ! eine gesprungene Saite ist es , nichts mehr und nichts weniger ! Mein armes Mädchen , setzte sie begütigend hinzu , wie magst Du denn gleich so erschrecken ! Antonie faßte sich , die Baronin setzte sich zu ihr , und alle redeten nun freundlich über die Gewalt eines plötzlich hineinfallenden Tones , der selten der festeste Nervenbau ganz widerstehe . Auch ich , sagte die Baronin , erschrak , und mein kleiner Unwille galt meiner wie Deiner Schwäche . Und bei Lichte gesehn , fuhr sie fort , ist auch daran nicht so Großes zu tadeln . Wir wollen nun einmal von allem den Grund kennen ; überrascht uns die Wirkung ehe wir die Ursach ahnden , so schneidet das in unsern Ordnungssinn , und wir schreien , wie bei anderm Schmerz ! Darum ist uns Gott so oft ein fürchterlicher Gott ! Verständen wir ihn immer , er wäre in jedem Augenblick die Liebe ! Sie schwieg hier , eine neue Ideeenreihe war in ihr angeknüpft . Giannina aber schalt den Knaben , der , schon über Antoniens Ausrufung erschrocken , bitter weinte . Die Kleine versuchte , nicht ohne Unwillen , das zerstörte Instrument wieder in Ordnung zu bringen , als es an der Thür klopfte , und der Köhler mit einem langen , sehr bleichen , Mann in das Zimmer trat . Es dunkelte bereits , und nur die Flamme im Kamin warf ein ungewisses Licht umher . Die Baronin trat einige Schritte vor , sah zweifelnd auf den Fremden , schlang dann heftig beide Arme um ihn , und rief ganz außer sich : mein Bruder ! O Gott mein Bruder ! Dieser zog sie ungestüm an sich , und sie im Arme haltend , warf er den Adlersblick auf die andern Gestalten umher , und maaß sie langsam erforschend . Nun Marquis ! rief er , wir haben unsere Heldenbahn würdig geschlossen , wir können aufs neue Brüderschaft machen , denn beim Himmel ! ein Meisterstück ist des andern werth ! Wir geben der Welt ein Beispiel , was menschliche Klugheit ist ! Wollen Sie sich gütigst erklären , unterbrach ihn der Marquis mit kaum noch gehaltener Heftigkeit . O ich bitte Sie , sagte der Herzog , nehmen Sie es ja nicht ernsthaft . Mit dem Ernst ists vorbei , der lag in der Exposition der Tragödie , nun alles drunter und drüber geht , wirds komisch . Ich muß Sie bitten , deutlicher zu sein , wiederholte der Marquis . Ja , dann müssen Sie erlauben , daß ich mich setze , entgegnete jener , sich in einen Stuhl niederlassend , denn sehn Sie , ich habe meine gesunden Glieder dabei in den Kauf gegeben , wie Sie früher den gesunden Verstand ! Herzog ! rief der Marquis , das fodert Blut . Bewahre Gott , sagte dieser gelaßen , die Mühe , uns die Hälse zu brechen , können wir Andern überlassen , dazu hat man jetzt leichte Mittel , und ich weiß die Leute die Wege dahin zu führen . Ich brauche keine fremde Hülfe , schrie der Marquis , heftig auf ihn eindringend ! Zum Teufel , sagte jener , ich kann mich jetzt nicht schlagen , und hielt ihm den linken Arm abwehrend entgegen . Alle sahen jetzt erst , daß er den rechten im Bande trug , und einer Ohnmacht nahe war . Die Baronin , aufs höchste erschrocken , that dennoch keine unnütze Frage , sagte nichts , die Gemüther zu beruhigen , überzeugt , daß sich alles von selbst machen müsse , und war nur bemühet , dem Bruder Hülfe zu leisten , als dieser erschöpft sagte : Beruhige Dich , Villeroi , ich will keinen Krieg mit Dir , Du hast im Tumult Deiner Sinne die Ehre rein erhalten , Du bist der Alte ! braver Camerad vergieb mir , mein düsterer Unmuth wollte sich Luft machen , gieb mir die Hand ! wir sind nun Unglücksgefährten , wie wir sonst Kriegsgefährten waren . Du hast das Liebste , was Du auf Erden hattest , im Wahnsinn geopfert , ich habe eine unglückliche Freundin zum Schaffot geführt . Die Aebtissin - rief Antonie , - ja , sagte der Herzog , das Auge langsam auf sie hinrichtend , ich wollte geschickt und geheim ihre Freiheit sichern , ein unglücklicher Fehltritt des Pferdes stürzt dieses nieder , ich liege halbtodt am Boden , das Pferd rafft sich auf , fliegt im Gallopp mit dem leichten Karren über mich weg , lenkt in die große Straße , und führt das unglückliche Schlachtopfer den Bluthunden in die Hände . Pöbelhaftes Volk , das mit seiner Schande die Erde besudelt , fängt den Karren auf , die Aebtissin wird mißhandelt , nach dem nächsten Gerichtshofe geschleppt , und , ihrer Aehnlichkeit mit der Königsfamilie wegen , zum Tode verdammt . Ich erwache aus meiner Betäubung , unfähig mich zu rühren , Arm und Bein zerbrochen , zertreten , gequetscht , so liege ich , bis mich ein junges Weib , die des Weges geht , auf ihre Schultern ladet , und nach einer nahen Hütte schleppt . Unbeschreiblich ist ' s was die gute Seele an mir gethan hat , ihr Mann war ein Hirt , er heilte meine beschädigten Glieder . Kaum war ich im Stande , zu gehn , so nahm ich meinen Wanderstab , ich zog Erkundigungen ein , erfuhr , wie mein unseliges Geschick die verfluchte That veranlaßte , und wollte mir nun den Sohn wenigstens aus dem Höllenpfuhl erretten , der stand vor Lyon , bei der Republikaner Armee . Ich bettle und schleiche mich bis einige Meilen davon ; grade da geht der Troß der Königsgesinnten über , Toulon war auch erobert , viehischer Jubel schallt durch ganz Frankreich , ich muß mit jubeln oder mein Blut durch Henkers Hand verspritzen lassen ; mein Entschluß war gefaßt , durch und durch krank , verzehrt von Wuth und Schmerz , schicke ich mich an , das Vaterland zu verlaßen , bei den Trümmern vom Schloß Clairval stoße ich auf André , Deinen Kammerdiener , er ist jetzt Kärrner und fährt Baumwollen-Waaren aus der Schweitz nach Frankreich , er kannte Deinen Aufenthalt . Ich bin nun hier ; was weiter aus uns allen wird , ist Gott bekannt , hier können wir nicht bleiben , denn Savoyen wird in Kurzem aufs neue besetzt sein , und ich bin zum Tode müde ! Der Marquis , wie immer durch einen starken Anstoß aufgeregt , vom Anblick des ehemaligen Waffenbruders in die alte Zeit versetzt , fühlte seine Kraft im aufflammenden Ehrgefühl wachsen . Ist nichts , gar nichts mehr zu thun , rief er ! Soll Frankreich untergehn ? Sollen wir Nahmen , Stand , Eigenthum , alles hinwerfen , und die Hände in den Schoos legen ? Regt sichs nun ? sagte der Herzog lachend , ja nun ist ' s zu spät ! Ich habe meine Welt kennen gelernt ! ich bin es müde , auf Worte zu bauen ! In der Vendée da gab es Männer ! und in Lyon ! Was Menschen thun können , ist dort gethan ! Ich habe lange unter den Vendéern gestritten . Es ist vorbei ! Die Andern haben kein Mark , keinen Willen ! Es ist unglaublich , wie sich Menschen über sich selbst täuschen ! Auch die Guten ! Bei unbezwinglicher Scheu vor dem Streit fühlen sie gleichwohl das Gebot der Ehre und peitschen sich mit Worten das Blut in den Adern hin und her , bis sie schon in Gedanken auf dem Schlachtfelde stehn , da träumen sie Thaten und schlagen uns ihr noch zu vergießendes Blut zu hohen Preisen an ! Dabei bleibt es aber ! Die abgenutzten Worte Freiheit und Ehre sind wie ein Feuerzeug ohne Stahl , sie geben kein Feuer und kein Mensch wärmt sich an einer Flamme , von der er nur reden hört ! Der Marquis schwieg . Alle waren erschüttert , gestört . Antonie stand vor dem Herzog , jedes seiner Worte in sich hineinziehend . Die Baronin fühlte , daß niemand in diesem Augenblick gestellt sei , etwas Zweckmäßiges zu wollen , und für die Folge den Andern vorzuschlagen ; sie dachte daher an das Nächste , und hieß für jetzt die Andern auseinandergehn , einzig auf die Pflege und Erholung des Herzogs bedacht . Morgen , sagte sie , werden wir uns eher finden , und das Nothwendige thun , Heute hat keiner einen gesunden Willen . Es stößt sich alles wie im Fiebertraum aneinander , wir haben so viel in Kurzem erlebt , es kann noch nicht alles Platz in uns finden . Wir müssen es erst auseinanderpacken , und jedes an seine Stelle legen , dann kommt der vernünftige Entschluß von selbst . Gute Nacht also , Ihr Kinder , sagte sie , und winkte Allen , sie zu verlaßen . Der Herzog ging mit dem Marquis , bei welchem er sich einquartirte , die Andern mußten folgen . Antonie allein blieb ganz still auf der Stelle stehn , wo der Herzog gesessen hatte , schien von dem Gebote der Tante auch nichts gehört zu haben , und nur als diese es wiederholte , ging sie schweigend in ihr Zimmer . Neuntes Kapitel Die Baronin bedurfte wirklich mehr als je der Ruhe und innern Sammlung . Das Leben war ihr aufs neue so aufgerüttelt , alles trübe ineinandergewirrt , und grade jetzt , wo die Verhältnisse anfingen , sich zu setzen . Sie wäre so gern an Ort und Stelle geblieben ! Das Herumziehn in fremden Ländern , so spät im Jahre hinein , hatte viel Unerfreuliches . Und was war am Ende davon zu erwarten ? Sie mochte die Gedanken hinwerfen , wohin sie wollte , sie mochte den Lebensplan so oder so ordnen , es blieb alles unbegründet , alles durch Umstände bedingt , die ich nicht vorher bestimmen ließen . Unter dem Vielen Hin- und Herschieben und Stellen der Lebensverhältnisse ward es ihr indeß klar , daß über diese das Leben ganz allein zu bestimmen habe , daß man sie müsse kommen lassen , ohne sie sich selbst zuschneiden zu wollen , und daß der Mensch nichts anders solle und könne , als sich in jeder Lage würdig behaupten . Am Ende , sagte sie sich , ist daran auch nichts zu meistern ! es wächst alles aus tiefem , unbekanntem Grunde herauf , wir mögen die Richtungen lenken , wie wir wollen , das Leben schlägt immer seinen eigenen Weg ein . Und hier , fuhr sie fort , giebt uns die Menschliche Klugheit auch nicht einmal Augenblickliche Zwecke zu berücksichtigen . Das Nothwendige liegt vor uns , wir müssen fort von hier . Wohin wir gehen ? kann uns im Grunde gleich sein . Ein jeder Ort kann der rechte , ein jeder der unrechte sein . Wir haben keine Ursach , einen vor dem andern zu wählen . Das Zweifelhafte hierbei muß uns , an uns selbst zweifeln , und höherer Führung vertrauen lehren . Es ward ihr ganz leicht ums Herz , als sie sich das so anschaulich bestimmt ausgesprochen hatte ; um so mehr , da sie nicht anders glauben konnte , als Frankreich werde dennoch das endliche Ziel aller dieser Irrfahrten sein . Und ob sich auch dort ihrer Seele kein vertraut gebliebenes Bild zeigen wollte , so war es doch der heimathliche Boden , welcher sich , wie glückliche Inseln , aus den unruhigen Wellen der Ereignisse heraufhob . Sie ruhete hier aus , ließ die Familie des Marquis ihre eigene sein , sah mancherlei von weitem kommen , bis die Gedanken immer loser , die Bilder immer unkenntlicher , wurden , und sie endlich einschlief . Sie lag indeß noch zwischen Bewußtsein und Traum , im anmuthigen Gefühl unwiderstehlicher Hingebung , als ihre Vorhänge leise geöffnet wurden und der warme Hauch flüsternder Lippen ihre Wange berührte . Die Baronin war von Natur schrekhaft , leicht überrascht , und verfiel , durch irgend etwas stark ergriffen , auf das Unwahrscheinlichste . Sie fuhr jetzt schnell in die Höhe , sah indeß kaum die Umrisse einer weiblichen Gestalt im Dämmerlicht der Lampe , als sie eben so schnell in ihre Kissen zurückfiel , und kaum hörbar stammelte : mein Heiland ! die Marquise ! Meine beste Tante , sagte Antoniens Stimme , ich wollte Sie nicht erschrecken . Aber Sie haben in meinem Herzen gelesen . Die Mutter ist es , die mich zu Ihnen führt . Ich habe ihretwegen keine Ruhe . Ich muß es wissen , wie und auf welche Weise sie starb . Sonderbares Kind ! sagte die Baronin etwas beschämt , welche Stunde wählst Du auch dazu , Du hast mich ganz verwirrt , ich träumte wohl grade . Verzeihen Sie mir , erwiederte jene , aber ich dachte , wie unzuverläßig es jetzt mit der Zeitbestimmung sei , wir müssen vielleicht schon Morgen von hier fort , was uns zusammenführte , kann uns auch wieder von einander reißen , man wird anjetzt so scheu , und dazu ängstet mich das Dunkel der Vergangenheit mehr als die ungewisse Zukunft , deshalb meine Tante - Nun wohl , unterbrach sie die Baronin , ich will Dir gern die gewünschte Auskunft geben . Sie richtete sich im Bette auf , und Antoniens beide Hände fassend , gleich als wolle sie sich versichern , daß sie zu einem lebenden Wesen rede , zog sie diese sanft zu sich nieder . Hast Du , hub sie nach einigem Besinnen an , vielleicht von einer geheimnißvollen Kraft gehört , welche einem Wesen über das Andere eine furchtbare Gewalt einräumt , und die man , mit Recht oder Unrecht , magnetisch zu nennen pflegt ? - Magnetisch heißt die Kraft ? fiel Antonie schnell ein . Ja , erwiederte die Baronin . Ich zweifele nicht , fuhr sie fort , es giebt so unbegreifliche Einflüsse in der Natur , welche der Einzelne freilich nur am Einzelnen entdecken kann . Allein das Menschliche Gemüth ist nicht enthaltsam , es kann nichts kommen , nichts aus seiner Nothwendigkeit ruhig hervorgehn lassen , es muß alles an sich reißen , und wie der Effekt den Sinn trifft , und der Mensch durch irgend ein Vermittelndes dem Herr wird , so freuet er sich schwachherzig der Meisterschaft , und prüft und übt sich an etwas Willkührlichem , das ihm unvermerkt Zweck wird . So ging es sicher mit mancher unerforschten Thätigkeit in der Natur , deren Wirkung , blendend oder verletzend , als Gaukelspiel verworfen ward , weil sie außer ihrem Zusammenhang auf Individuelles bezogen , das todte Produkt tief verborgener , ungekannter Ursach blieb . Die bereits festgestellte Wissenschaft duldet das nicht , und es konnte nicht fehlen , daß grade dasjenige , was dem Geisterreich so nahe gerückt schien , alle solche zu Feinden hatte , welche nach vorgefundenem Maaßstabe prüfen , wie im Gegentheil in denjenigen Anhänger fand , die niemals Zeit behalten zu prüfen . Dein Vater gehörte ganz unbedingt zu den Letztern ; und jemehr die kalte Zergliederung und Herabwürdigung Anderer ihn verletzte , je leidenschaftlicher hielt er sich an dem , was er sah , erlebte , durch sich selbst erfuhr . Und wirklich waren die Hervorbringungen des Magnetismus so unleugbar , die Kraft des Willens erschien dabei so über alles herrschend , daß der Marquis den weisern Einwurf , wie den frechen Tadel , auf gleiche Weise verlachte . Es wäre mir so unbequem , wie Dir unersprießlich , wollte ich alle die zauberischen Wirkungen des Magnetismus hier aufzeichnen . Eben so wenig kann ich Dir ein genaues Bild der dabei vorwaltenden , mechanischen Behandlung entwerfen . Die große Hauptsache war , daß zuerst durch magnetische , mit der flachen oder geschlossenen Hand geführte , Striche , der Behandelte von dem ersten Grad müden Ziehens der Augen , nach und nach in einen Zustand versetzt ward , in welchem die äußern Sinne vollkommen ruhen und die innern allein agiren . In diesem Zustande hat der magnetisch Schlafende eine vollkommene Kenntniß seiner selbst , sieht in sich , wie in Andere , hinein , denkt , handelt mit Bewußtsein , und redet Dinge , welche er vielleicht wachend nicht zu sagen wüßte . Es ist unglaublich , welche Sensation diese Entdeckung in Paris machte . Verbindungen wurden geschlossen , Gebäude , Zimmer eingerichtet , Versuche gemacht , an deren Resultate sich die gescheutesten Köpfe vergebens wagten . Der Marquis hatte indeß bei alle dem nur Eines im Sinne . Er beherrschte das Gemüth seiner Frau , und hielt ihr Herz in Händen . Sie war froh , seine leidenschaftliche Zweifel stillen zu können , und öffnete ihm in Stunden der Crisen willig ihr reines Innre . Da sie indeß guter Hoffnung und äußerst reizbar war , so kam es dahin , daß ein anhaltender Blick des Marquis sie in convulsivische Zuckungen und dann in jenen unnatürlichen Schlaf versetzte , die mir , als ich einst gegenwärtig war , das ängstigende Gefühl gaben , als stehe ich zwischen dem todten Leib und der geschiedenen Seele meiner Schwester . Vergebens schrie ich dem Marquis ins Gewissen , daß er seine Frau tödte , beschwor ihn , sich von ihr zu entfernen , setzte Freunde , Aerzte , Himmel und Erde , in Bewegung , sie vor ihm zu retten , allein durch einen seltsamen Widerspruch wollte sie so wenig von ihm , als er von ihr lassen , ja sie war in dem Maaße an ihn gebannt , als seine Nähe zerstörend auf sie wirkte . So ward sie immer schwächer , fast verworren in sich selbst , und gab in einer dieser Crisen Euch , meine armen Kinder , das Dasein . Die Natur aber ward durch den doppelten Kampf zerrissen , sie starb wenige Stunden darauf . Die Baronin schwieg sehr bewegt . Antonie sah vor sich hin . Der Tod der Mutter hatte nichts Trübes mehr für sie , im Gegentheil ward ihre Brust von der süßesten Wehmuth gehoben . Sie fühlte in allem dem eben Erfahrenen nur die Gewalt tiefer , unergründlicher Liebe . Sie konnten nicht von einander laßen , sagte sie sich leise , so fest kettet die geheimnißvolle Kraft ! Seitdem , unterbrach endlich die Baronin das Schweigen , haben nähere Ereignisse das Auge von dem Unbegreiflichen abgezogen . Mein Kind , fuhr sie fort , ich habe noch immer gefunden , daß wenn die Menschen die Natur so recht derb anfassen , und sie nun in ihrer Gewalt zu haben glauben , diese plötzlich ihren Händen entschlüpft , und groß und gelassen ihren gemessenen Gang über ihnen hingeht ; sie ruft sie an , aber unter ganz anderer Gestalt , und heißt ihnen , sie geschichtlich begleiten , wenn sie im freundlichen Verkehr mit ihr bleiben wollen . Wer dem Moment die Flügel beschneiden und ihn zu etwas machen will , der thut eben gar nichts ! Und doch , sagte Antonie , ist das ganze Leben auch nur ein Moment , und was geschieht nicht alles in ihm ! Ach die Liebe schafft ja eine ganze Welt hinein ! Grade die Liebe , erwiederte die Baronin , soll viel mehr als den Augenblick wollen . Will sie ihr Reich auf Erden so recht dicht und fest gründen , so bricht es zusammen , und das Herz obenein . Aber wie bricht es ! unterbrach sie Antonie , unter der allerseligsten , wie unter der furchtbarsten Gewalt ! Kind , entgegnete die Tante , erinnere Dich , daß jedes Heraustreten aus dem Gleichgewicht der Natur Krankheit ist , und daß wir uns vor dieser überall zu hüten haben . Und nun geh ' , Du kleine Nachtwandlerin , fuhr sie gütig fort , geh , wir kehren sonst auch die Naturordnung um , und das thut niemals gut . Mir hat es wohl gethan , sagte Antonie , indem sie ihre brennende Lippen auf die Hand der Baronin drückte . Diese küßte ihr die Stirn , und sah sie , mit einer Art von wehmüthigen Beklemmung , an dem Nachtlicht vorüber durch das Zimmer gehn . Am folgenden Morgen ließ der Herzog keinen aus der Gesellschaft lange ruhen . Er war heftig , ja ungestüm , und konnte es nicht dulden , daß man lange über einen Entschluß sann , oder die Entscheidung gar von sich wegschob . Die Baronin aber trauete sich selbst nicht recht in Dingen , die in einem sächlich oder persönlichen Verhältniß zu nahe auf sie zutraten , ihr Blick ward alsdann leicht befangen , es ging ihr , wie solchen Augenkranken , die nur in gewisser Entfernung eine helle Unterscheidung und Uebersicht gewinnen . Sie sagte daher dem Herzog : Niemand wird so geblendet , so leicht bestochen , als ich wenn Mehreres zusammentritt ; verschone mich also mit jedem , was einer Auswahl unter Vielem ähnlich sieht . Ich bin entweder ganz Gefühl , oder ganz Ueberlegung . Die Letztere allein läßt es zu nichts kommen , das Erstere reißt mich fort . Ist einmal ein Unglück geschehn , so weiß ich mich schnell zu finden , weil ich , zurücksehend , die Ursach bald entdecke , soll ich dies aber umgehn , so verwickele ich mich in den Wegen die umherlaufen . Es ist einmal meine Art so . Aendern läßt sich darin nicht viel . Schilt darüber auch weiter nicht , und da Du siehst , daß uns allen ein kräftig-bestimmender Wille Noth thut , so bestimme Du für uns . Nun gut , sagte der Herzog , meine Parthie ist bald genommen . Der Marquis schwindelt da noch von Abwehren der Gefahr , geheimen Einflüssen , und Gott weiß was allem , aber das muß er mir nicht sagen , ich weiß auf ein Haar , wie wir stehn , ich bin auch keinesweges auf Gaukeleien der Art gestellt . Das Kurze und das Lange von der Sache ist , daß wir fort müssen , je eher je lieber , auf dem kürzesten Wege dem besten . Daher ist mein Plan , über die Gebirge nach der Schweiz und Deutschland zu gehn . Sind wir gleich bereits weit in der Jahreszeit vorgerückt , und sind Wege und Wetter rauh , so ist das ein freiwilliges Uebel , das wir uns auflegen , und keinesweges mit einem entehrenden Tode zu vergleichen , der uns hier unfehlbar bedroht . Ich für mein Theil wenigstens gehe , und seid ihr klug , so folgt ihr nach . War es sonst schon immer schwer , dem raschen Andringen seiner Worte zu widerstreben , so ließ sich jetzt gegen das Gewichtige derselben nichts einwenden . Es wurden deshalb , trotz der Unbequemlichkeit und dem Störenden einer Winterreise , alle erforderliche Anstalten dazu getroffen . Antonie , welche sich dem Herzog sehr ergeben zeigte , war besonders geschäftig dabei , und übertrug gewissermaßen Marien , die ungern den angenehmen , ruhigen Auffenthalt verließ , zumal da sie wegen Giannina in Verlegenheit war , und nicht recht wußte , wie sie es einzuleiten habe , daß sie das gute Kind begleiten dürfe . Allein diese hatte in der Baronin eine Beschützerin gefunden , die selbst nicht von der Kleinen laßen konnte . Sie ward daher förmlich in das Gefolge des Marquis eingeschoben , ob man gleich ihr heiter-luftiges Wesen durch keine genauere Dienstbeschäftigung einengen wollte . Marie ward dadurch um vieles getrösteter , nur kostete es ihr Mühe , sich von ihren freundlichen Wirthsleuten zu trennen . Sie gewöhnte sich so leicht an Menschen ! Der Ton ihrer Stimme , ihr Lächeln , ein gutes Wort , herzliches Benehmen ' ja die eigene , selbst auf sie nicht Bezug habende , Art und Weise , fesselte sie , und ihr weiches Herzchen brach fast , mußte sie solche verlaßen , die ihr wohlgewollt , oder sie durch Gefälligkeit verpflichtet hatten . Zudem goß das lautlose Gewerbe beider Eheleute , ihre stille , genaue Thätigkeit , das Nothwendige ihres Gehens und Kommens , der angenehm belebte und doch so friedfertige Gang ihrer Unterhaltung , ein so helles lebendiges Sein , so behagliche Ordnung , durch das kleine Häuschen , daß allen darin wohl war , und Marie oftmals mit innerm Behagen dachte , wie schön es sei , sich als Mittelpunkt einer so geschaffenen kleinen Welt zu finden ! Sie beneidete Felicitas darum , wie denn überhaupt der Umgang dieser stets heiteren Frau , die Anlage zu mancher häuslichen Tugend und den alles fördernden und über allem waltenden Ordnungssinn mehr und mehr in ihr heraushob , und ihr vielfache Unterhaltung in der wohleingerichteten Haushaltung gab . Jetzt ward der Faden ihrer kleinen Gedankenspiele plötzlich wieder zerrissen , der einfach ruhige Farbenton ihrer Vorstellungen gemischt , vervielfacht , ihr Blick auf Ungekanntes gelenkt , sie konnte sich der innern Trauer so wenig wie des Gedankens erwehren , daß solch unstätes Leben sie nur verwirre , und ihr Gefühl noch oft zerreißen werde . Ihre Zärtlichkeit für die ; welche sie verlaßen sollte , mehrte sich mit jeder Stunde , und bewegte sowohl Felicitas , wie ihren Mann , auf solche Weise , daß Erstere ihr einen feinen Spitzenschleier , Letzterer aber zwei mit einander verbundene Goldringe , mit dem Bedeuten verehrte , solche an ihrem Hochzeitstage von einander zu lösen und die Einigkeit und freudige Lust , die sie hier verbunden , mit dem Geliebten zu theilen ; wie Gott ihrer beider Hände dann zusammenfügen werde , so werde sich auch das stille Band der Einigkeit verschlingen und Liebe und Treue nur Eine sein . Marie empfing die Gaben , sowohl durch ihre Bedeutung , als den lustigen Glanz derselben , erfreuet . Sie besah sie wohl tausendmal , und steckte die Ringe unter innerm Erzittern des Herzens an den Finger . Noch oft am Tage zog sie sie ab , und steckte sie wieder an , sie erröthete dabei , und versuchte , wie sie sich wohl ablösen würden , ohne dadurch verletzt zu werden . Der Goldarbeiter bemerkte es wohl , und freuete sich ihrer unschuldigen Lust . Indeß war alles zur Reise angefertigt , Felleisen gepackt , Wagen und Führer gemiethet , Wege und Stationen berechnet , die Richtung östlich über Aosta , den St. Bernhard und die Walliser Gebirge , nach Thun , Bern und Basel zu genommen ; und da sie den näheren Weg über Genf wegen der Kriegsunruhen vermeiden mußten , so sahen alle dem späteren Ruhepunkte mit Verlangen entgegen , und eilten nun insgesammt , aus dem natürlichen Triebe das frühere Ungemach erst hinter sich zu haben , schnell zur Abfahrt . Auch diesmal verließ sie der Köhler nicht , um so mehr , da er sich dort drüben die Gelegenheit ansehen , und erwägen wollte , ob da seines Bleibens sein könnte . Die kränkliche Frau aber ließ er unter dem Schutze ihres Bruders zurück , was er wohl thun durfte , da sie als Italienerin nichts von den feindlichen Franzosen zu fürchten hatte . Nur von Alexis wußte er sich auf keine Weise zu trennen , und da der Knabe so leidenschaftlich an Giannina gebannt war , und diese ihre besten Neckereien mit ihm trieb , so fügten sich alle , und das Kind fand sein Plätzchen . Der Herzog hatte seinen Aerger über das viele Hin und her Reden , die kleinen Berücksichtigungen , das Abschiednehmen und seltsame Erweichen bei der Trennung von einem Ort , den man von Anfang her nur als einen Durchgangspunkt angesehen , ja ihn niemals anders betrachtet wissen wollte . Welche Umstände , sagte er , um von Abend bis Morgen zu leben ! wie schwerfällig macht so unzeitiges Erweichen , und wie träge zu jeder tüchtigen Betriebsamkeit ! Du könntest , unterbrach ihn die Baronin , eben so gut sagen , welche Umstände überall , zu leben , da jeder des Todes gewiß ist ! Ein jeder weiß , daß er hier auf Erden keine bleibende Stätte aufschlägt , und gleichwohl ! wer vergäße es nicht gern ? wer möchte noch etwas anfassen , erinnerte er sich jeden Augenblick , daß er den Tod in Händen halte ? Treibt man im Allgemeinen schon so tolles Narrenspiel , sich selbst zu äffen , sagte der Herzog , so sollte man es doch nicht absichtlich , bis zur Kinderei , vervielfachen . Es geschieht auch im Kleinen wie im Großen nicht absichtlich , erwiederte jene , es kommt von selbst , man muß die Gegenwart eben so oft von ganzer Seele lieben , wie sie einem in andern Augenblicken von Herzen lästig fällt . Sie wandte sich bei diesen Worten nicht ohne Unwillen von dem edlen aber schroffen Bruder , und Marien , auf welche dieser Ausfall besonders , ihrer vielen Thränen wegen , gerichtet war , bei der Hand nehmend , stieg sie in den Wagen , und gab so das Zeichen zum Aufbruch . Es schien aber , als seien alle aus ihrem Gleise gewichen . Die heftigen , über die Lippen hinfliegenden Worte , hatten die Baronin verstimmt , sie fühlte dadurch in ihrem Innern das Verhältniß zu dem Bruder für den Augenblick gestört , sie konnte sich niemals einen Unwillen , oder gar eine Heftigkeit , gegen die , welche sie liebte , verzeihen , und wie sichtlich deren Unrecht war ,