nur ! es ist Alles für dich ! Sieh , das prächtige Clavier und die Harfe , und die Kiste mit lauter feinen weissen Kleidern hat dir der Fürst , das schöne Stück Leinwand und die hübsche Nählade die Mutter , und das Gesangbuch mit Silber beschlagen der Vater , und wir haben dir Alle von unserm Honigkuchen , Zuckergebackenen , Aepfeln und Nüssen dazu beschert . Nimm ! nimm ! - riefen die Kleinen darein - schmeckt gut , und sollst doch , wenn wir auch unsers aufgegessen haben , Alles behalten , und wollen nichts wieder von dir fordern ! Nun entstand mit einemmale im Nebenzimmer ein Gelächter . Es ist der Fürst und Herr Stephani und der Vater ! - flüsterten die Aeltesten - sie haben sich versteckt und zugesehen , wie du erschrocken bist , und dich gefreut hast , und du wirst jetzt eine ordentliche vornehme Dame , und sollst Clavier und Harfe spielen , und Singen und Zeichnen lernen , und gar nicht mehr für die Leute nähen . Was schwatzt ihr denn da ? - sagte endlich die Frau Präsidentin - Laßt doch das arme Mädchen zu sich selbst kommen ! Und nun zeigte sie mir Alles und sagte : es sey wirklich für mich , und der Fürst wolle mich Alles lernen lassen , und wenn es die Mutter und der Herr Vetter zufrieden wären , wolle sie mich ganz zu sich ins Haus nehmen . Ich solle es ihr heute gleich schreiben und bitten , daß sie es überlege , und mir bald Antwort gäbe . Es sey ja Alles zu meinem wahren Glücke ; denn zu etwas Anderem werde sie nimmermehr rathen . Das sagte sie auch zu dem Herrn Vetter . Der wurde aber ganz betrübt , und sagte : er werde es nicht verschmerzen , und werde ihm kein Essen mehr schmecken . Da hieß mich aber die Frau Präsidentin hinausgehen , und sagte , sie wolle mit dem Herrn Vetter allein sprechen . Sie muß ihm gewiß recht zugeredet haben , denn als er zu Hause kam , sagte er : packe zusammen Gretchen , und mache , daß du aus dem Hause kommst . Aber thue ' s heimlich , sprich mir nichts von Abschied , und wenn du mich alten Mann nicht kränken willst , so sieh des Tages wenigstens einmal nach mir . Hoffärtig wirst du nicht werden , das weiß ich schon , und so gehe mit Gott ! Ich will in die Werkstätte und will ' s verarbeiten . Ich hielt ' ihn aber fest bei der Hand , und sagte : liebster Herr Vetter ! sey er doch nicht gar zu betrübt ! sonst kann ich nicht aus dem Hause , und was hilft mir all mein Glück , wenn er es nicht ertragen kann ? Ich will ' s ertragen - sagte er wischte sich aber die Thränen ab - und jetzt laß mich gehen ! Ich will dir ein Andenken machen , das sollen mir die jungen , neumodischen Bursche ungehudelt lassen , und soll Jedermann Respect dafür haben . Ich aber konnte nun auch das Weinen nicht mehr lassen , und hätte beinahe gewünscht , es mögte ganz anders gekommen seyn . Als ich mich aber recht ausgeweint hatte , wurde ich mit einemmale wieder heiter , und dachte : wie , wenn du nun aber dem Vetter in der einen Stunde , wo du etwa kommen kannst , mehr Freude machtest , als sonst am ganzen Tage ? - Kannst ja immer vorher daran denken , kannst ihm ein Gericht , was er gern ißt , oder sonst etwas Angenehmes bereiten , kannst dir die Zeitungen anschaffen , und ihm gleich , ehe er es noch sonst wo erfährt , das Neueste daraus erzählen . Den Mägden kannst du auch immer etwas mitbringen , daß sie besser arbeiten und mit der Frau Base nicht uneinig werden , und wenn sie ' s geworden sind , läßt sich auch in einer Stunde viel wieder gut machen . So dacht ' ich , und packte meine Sachen zusammen . Als ich nun aber Alles ausgeleert hatte , wurde mir doch wieder ganz wehmüthig , und als ich mich endlich in der Dämmerung fortschlich , kam ich doch mit ganz rothgeweinten Augen zu der Frau Präsidentin . Nun lebe sie wohl , herzliebste Mutter ! Ich hoffe doch , daß sie nicht böse darüber wird , daß ich ihre Erlaubniß nicht abgewartet habe . Der Herr Vetter hatte aber keine Ruhe mehr , und sagte : was geschehen müsse , solle gleich geschehen , denn das Aufschieben könne er vollends nicht aushalten , und er wolle es schon bei ihr verantworten . Nun lebe sie nochmals wohl , herzliebste Mutter ! Ich wünsche ihr ein fröliches neues Jahr , und bitte Gott , daß er sie auf all ihren Wegen begleite . Stephani an seine Verwandten . Ich habe eine himmlische Erscheinung gehabt , und in meine ganz umdüsterte Seele ist ein belebender Lichtstral gefallen . Alles schien mir dem Grabe geweiht ; aber das Glockengeläute zum heiligen Feste scheint mir jetzt nur Auferstehung zu verkündigen . Ein unverwelklicher Frühling ist mir aufgegangen , alle Blumen öffnen mir Seligen den Kelch , und ich kann nichts denken , als Leben . O es war kein Traum ! Das göttliche Mädchen , was mir einst Trank im brennenden Fieber reichte , was Niemand gesehen haben wollte , ich hab ' es gesehen . O ihr versteht mich nicht , und so muß ich erzählen . Die spielenden Knaben waren ganz fertig , der Fürst trug grosses Verlangen , sie zu sehen , und wollte mich mit Bernhard , der gerade bei ihm war , in meine Werkstätte begleiten . Als wir aber vor das Haus kamen , schien mein ganzes Vorzimmer in Flammen zu stehen . Bernhard erschrack so wie wir , faßte sich aber bald , und rief zu unserm Erstaunen mit Lächeln : ich wette , das haben die Weiber angestellt ! Schnell drangen wir nun durch den Haufen des gaffenden Volks , und Bernhard , vielleicht seiner Sache doch nicht gewiß , eilte voraus . Als er aber das Zimmer öffnete , leuchtete uns mit einemmale eine ganze Christbescherung mit allen neun Kindern entgegen . Anfangs sah ich nichts als die Kinder ; plötzlich aber stralte mir vom andern Ende des Tisches ein Mädchen im Gewande der Himmelskönigin entgegen . Ich trete näher , sehe ein Wunder unvergleichlicher Schönheit , eine Jungfrau im höchsten Sinne des Worts . Meine Knie wollen sich beugen . Da nimmt sie die Krone vom Haupt , und reicht sie mir mit einem Palmzweige . In dem Augenblicke fällt ein Lichtstral in meine Seele . Ich erkenne das himmlische Kind , was mir im Fieber einst Trank reichte . Aber die göttliche Erscheinung wendet sich von mir und verschwindet . Betäubt staun ' ich ihr nach , da tritt der Fürst zu mir , betrachtet schweigend , was sie mir gegeben , wendet sich dann ebenfalls schnell , beinahe unwillig von mir weg , und verläßt uns . Noch erstaunter betracht ' ich nun die Gabe , als eins der Kinder ruft : sieh Mutter ! Gretchen hat die Kron ' und den Palmzweig Herrn Stephani gegeben ! Wer ist Gretchen ? - frag ' ich nun schnell . - Sie ist die Tochter eines Landschulmeisters - antwortet Mathilde - nach unserer Stadtsprache , ein ganz ungebildetes Mädchen ; aber gewiß die engelreinste Seele , die man finden kann . Ja wohl ! - fiel Bernhard ein - und nie habe ich sie in einem passendern Kleide gesehen . Sie hat mich auf das herrlichste überrascht ; doch schien sie es noch mehr , als wir Alle . Sieh doch nach ihr und bitte sie , diesen Abend bei uns zu bleiben . Mathilde aber kam mit der Antwort zurück : ihr sey nicht wohl , und sie habe gebeten , sich schnell nach Hause begeben zu dürfen . Es ist wahrscheinlich nichts als Schrecken und Ermüdung - fuhr sie fort - morgen wird sie wieder hergestellt seyn , und wir werden ihr hier im Hause Alles bescheren können . Auf diese Worte fingen die Kinder an zu jubeln , und ich trat gedankenvoll in mein Zimmer . Den andern Morgen holten sie mich mit der Nachricht : es solle Gretchen beschert werden , der Fürst sey da ; wolle sich aber mit uns im Nebenzimmer verbergen , um recht zu sehen , wie Gretchen erstaunen und sich freuen werde . Ich sah sie wieder . O du himmlische , himmlische Unschuld ! Du liebenswürdigstes aller Geschöpfe , die auf Erden geboren wurden ! wofern du nicht gerade vom Himmel stiegest . Du meine innigste , heiligste Erscheinung ! die ich oft auf der Leinwand darstellen wollte , damit ich sie auch mit körperlichem Auge schauen möchte ; die dann aber zerfloß , nicht sichtbar werden wollte . Die ich dann schnell wieder , wie ein heiliges Geheimniß , in mein Innerstes verschloß , trauernd , daß es mir nicht vergönnt sey , dich als sichtbare Gottheit den Menschen zu hinterlassen . O du athmest wie ich ! Körper bist du dennoch geworden . Sey , werde unsterblich ! oder verschwinde nur nicht von der Erde , bevor meine Augen sich schliessen ! Was soll ich sehen , wenn ich dich nicht mehr sehe ? - So weit hatt ' ich geschrieben , als ein Geräusch mich aus meiner Entzückung weckte . Es war der Fürst . Was treibst du ? - fragte er - Alle deine äusseren Sinne waren verschlossen . Man meldete mich dir , ich trat mit Geräusch zu dir ein , und du bliebst unbeweglich . Ich betheuerte , daß kein Mensch bei mir gewesen , daß ich ihn gesehen habe , ohne zu begreifen , woher er so plötzlich gekommen . Gleichwohl - antwortete er - ist mir mein Laufer auf deiner Schwelle begegnet . Aber , wie gesagt , du warest der Erde völlig entrückt . Hätt ' ich dich malend gefunden , wär ' es begreiflich gewesen ; aber mich dünkt , du schriebst , oder hattest geschrieben . An meinen liebsten Verwandten - sagt ' ich - dessen Briefe an Alle und für Alle gelten . Man sieht mir viel nach , und so schreibe ich ohn ' alle Rücksicht . Auch wird ein Brief in unserer Familie wie ein Heiligthum gehalten , und ein Jeder , der daraus das Geringste verriethe , würde ein Verbrechen zu begehen glauben . Eine Lehre für mich ! - rief er - denn wie dürft ' ich nun , wie sehr mich mein Herz dazu drängt , nach dem Inhalte fragen ? - Er hielt inne und schien auf Antwort zu warten . Ich aber sah schweigend vor mich nieder . - Eins aber - fuhr er fort - ist mir dennoch vergönnt , rathen ist mir nicht untersagt . Du schriebst , so rath ' ich nun , von der , von welcher du immer schreibst . Er sah mich forschend an , ich wollte seinen Blick vermeiden ; aber eine brennende Röthe überzog meine Wangen . Nicht ? nicht ? - rief er , und ging , als er keine Antwort bekam , in heftiger Bewegung auf und ab , blieb dann plötzlich wieder vor mir stehen , ergriff meine Hande , und sagte mit der höchsten Wehmuth : Stephani ! du schriebst nicht von ihr ? nicht von Rosamunden ? - Nein ! - sagt ' ich halblaut , und wandte mein Gesicht von ihm weg . Du wendest dich weg ? - rief er - du schreibst nicht von ihr ? So weiß ich .... und plötzlich hielt er wieder inne , und ging , kämpfend mit sich selbst , auf und ab . Stephani - fing er dann wieder an - das Einzige sage mir ! von wem schriebst du ? Von dem wunderbaren Mädchen - antwortete ich nun - welches mir in Gestalt der Himmelskönigin erschien , mir im Fieber einst Trank reichte , Niemand wollte gesehen haben , und ich am Ende für ein Gebilde meiner Phantasie hielt . Jetzt nicht mehr ! - rief er . - Wie kann ich ? - fuhr ich fort - Da liegt die Krone und die Palme und gestern sah ich sie ja zum zweitenmale mit Ihnen . - O ich bin ein armer Mann ! - rief er abermals , und warf sich in einen Sessel . Sein Zustand drang mir tief durch die Seele . Dankbarkeit begeisterte mich . Mein Fürst und mein Wohlthäter - hub ich an - geben Sie dem Schmerze nicht Raum ! Kann es Sie beruhigen , wenn mein ganzes Herz offen vor Ihnen liegt , wohlan blicken Sie hinein ! und so möge mich Gott in der letzten Stunde verlassen , wofern Ihnen eine Empfindung , deren ich mir bewußt bin , verborgen bleibt ! Er sah mich gerührt und zweifelhaft an . Lesen Sie dann ! - fuhr ich fort - und wenn Ihnen dieses Blatt entdeckt , daß Ihre Weissagung erfüllt ist ; so erfahren Sie auch zu gleicher Zeit , daß dieses wunderbare Mädchen ein überirdisches Wesen für mich ist . Das kann es bleiben . Nur seinen Anblick entziehen Sie mir nicht ! sonst möchte meine schon umdüsterte Seele gänzlich verfinstert werden . O ! - rief er - es ist geschehen ! Ich wollte mein Unglück und mußte es wollen . Wer konnte mich schützen vor meinem eigenen Willen ? Ich mein Fürst kann es vielleicht ! Ich kann , ich darf vielleicht ihrem edeln Willen Einhalt thun . O wie tief fühl ' ich mich beschämt , gezüchtigt , für so manche Künstlerlaune , die ich dem feinfühlendsten , edelsten Menschen und Fürsten entgegensetzte ! Möchte mein Blut fliessen , diesen Fleck in meinem Leben zu vertilgen ! oder möcht ' ich würdig seyn , ihm , der es zu einem himmlischen erheben wollte , einen himmlischen Lohn durch ewige Entsagung zu bereiten ! Zu spät ! - rief er - das Schicksal hat längst schon bereitet ! Wen sie liebt , dem wird sie gehören ! verwahrte sie der Andere hinter dreifachen Riegeln . Wen wird sie lieben ? - fiel ich ein - als den grössesten Menschenfreund , ihren grössesten Wohlthäter ? der mit dem Strale seiner hohen Vernunft ihre schöne Seele erleuchtet . O ! - rief er lächelnd - sie kann unserer Vernunft , wie unseres Lichtes entbehren ! Ihre Vernunft ist die höchste Liebe ! Liebe ihre höchste Vernunft ! Ihr Herz hell und tief , wie der blaue Himmel ! Ihr ganzes Leben und Weben nichts als Wahrheit und Licht ! Ich hab ' es gesehen ! - fiel ich ein - denn meine Knie wollten sich beugen . Sie ist meine innigste , heiligste Erscheinung . Ich habe sie gesehen , lange , eh ' ich sie sah ! Diese unbesonnenen Worte verwundeten abermals sein edles Herz . Er sprang auf und verließ mich . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Mir ist , als wäre ich in den Himmel gekommen . Des Nachts träum ' ich auch immer von Engeln , träume , daß ich schon die Harfe und das Clavier spielen könnte , und daß sie mir zuhörten . Die Harfe , die mir immer etwas schwer vorkommt , und mich manchmal , weil ich sie noch nicht recht zu halten verstehe , ein wenig drückt , ist mir im Traume ganz leicht . Ja , ich schwebe mit ihr frei in der Luft , singe aus voller Brust Lieder , die ich in meinem Leben nicht hörte , greife voll Zuversicht in die Saiten , und bebe von unaussprechlicher Wonne , wenn sie ertönen . O meine herzallerliebste Mutter ! was bin ich so selig ! Sehe sie ! ich kann gar nicht mehr beten , wie sonst , und Gebete aus den Gebetbüchern kann ich auch nicht mehr beten . Ich kann nur die Hände falten , und manchmal auf das Clavier , und manchmal auf die Harfe blicken . Und dann kann ich das Weinen nicht mehr lassen , denn ich bin gar zu selig , und der ganze herrliche Tag , wo ich so viel lernen werde , steht mir vor Augen . Wenn ich nun so gar nicht mehr weiß , was ich sagen und wie ich beten soll , dann tröste ich mich mit der Nacht , wo ich in den herrlichen Liedern , die ich nie gelernt habe , Alles sagen kann , was ich jetzt muß verschweigen . Der vortreffliche Mann , der Fürst , wußte wohl , was mir gut war . Er sah , daß ich Manches dachte , was ich nicht ausdrücken konnte . Er hat mir eine Sprache gegeben , und in dieser Sprache will ich ihm danken . Seit mehreren Tagen hab ' ich ihn nicht gesehen ; denn er hat der Frau Präsidentin gesagt : ich solle nicht kommen . Anfangs erschrack ich darüber . Aber die Frau Präsidentin sagte : er habe gar zu viel Geschäfte , und dürfe nicht gestört werden . Herrn Stephani seh ' ich nun alle Tage ; aber es ist sonderbar , wir sprechen kein Wort miteinander . Das thut auch nichts ; denn wenn ich nur seine Stimme höre , ist ' s einerlei , mit wem er spricht . Herzliebste Mutter ! ich sagte ihr einmal , er gliche einem trauernden Engel . Sehe Sie nur in die grosse Bilderbibel . Da wo der junge Tobias zu seinem Vater kommt . Gerade so , wie der Engel , der dabei steht , sieht er . Aber traurig ist er nicht mehr . Besonders nicht , wenn er einem unvermuthet entgegen kommt . Gestern trug ich gerade einen Veilchenbusch , den ich heimlich für die Frau Präsidentin gezogen hatte , in ihr Schlafzimmer , und gerade , wie ich in die Thüre trat , kam er mir entgegen . Es waren Fremde bei der Frau Präsidentin ; und da hatte er sich geflüchtet . Sie quälen ihn gewöhnlich mit Lobsprüchen , und wollen mit Gewalt in sein Zimmer , und seine Bilder sehen . Das kann er aber nicht leiden . So standen wir dann wieder dicht voreinander , wie am Weihnachtsabend . Aber ich weiß nicht , wie es kam - diesesmal war ich gar nicht verlegen ; sondern sah ihm so freudig ins Gesicht , als ob ich im Traume die Harfe spielte , und dazu sänge . Auch er sah vor Freude ganz verklärt aus , und es war wirklich , als hätten wir uns lange verloren , und jetzt erst gefunden . Der Blumentopf glitt leise an mir nieder auf den Teppich . Er hob ihn auf , gab ihn mir wieder , und wartete schweigend , bis ich das Zimmer verlassen hatte . Herzliebste Mutter ! ich habe seitdem erst begriffen , was in der Bibel vom Anschauen Gottes steht , und daß die Geister schon dadurch selig würden . Stephani an seine Verwandten . Wie viel widersprechende Gefühle vermag des Menschen Brust zu umfassen ! Reue , Dankbarkeit , Entzücken . Welches ist das Herrschende ? welches wird es bleiben ? Ach ich weiß es nicht ! - Was wollt ich vor wenigen Wochen ? Was will ich jetzt ? Warum tödtet mich diese Frage nicht ? - Mich ! Kann auch ein Seliger getödtet werden ? Soll ich hin zu ihr ? soll ihr gestehen , daß sie mich besser kannte , als ich mich selbst ? - Aber was liegt dann in diesem Bekenntnisse ? liegt nicht darin , sie sey mir weniger geworden ? und ist das wahr ? Nein , bei dem allwissenden Gott ! das ist nicht wahr ! Möcht ' ich sie lassen ? sie verlieren ? O ich kann es nicht denken ! eben so wenig , als von der Himmlischen , die mich umschwebt , verbannt werden . Was will ich dann ? - Ach ! ich ließ die Feder fallen , breitete meine Arme weit aus , und rief : sie beide ! - Sie beide ! - Ich ? - Wer bin ich , daß ich diesen Wunsch dachte ? laut rief ? Was that ich , ihn denken zu dürfen ? - Nichts ! Aber tief in meinem Innern fühl ' ich den Werth dieser Unvergleichlichen ; tief in meinem Inneren fühl ' ich , daß kein Mann ihn so würdigen kann und wird . Woher ich das weiß ? O ich sehe es ! Wird irgend Einer von Allen , die mich umgeben und der Kunst huldigen , von Schönheit so ergriffen , durchdrungen , wie ich ? Wäre das , so müßten sie sie darstellen , wie ich ; denn alle Darstellungsgabe ist nichts , als Uebermaaß des Gefühls , des inneren Lebens , das gewaltsam hervorbricht , um getrennt von dem , welchem es zu mächtig ward , ein eigenes , selbstständiges Leben zu beginnen . Ist es nicht längst bekannt , daß nur der sich ein Gut am meisten zueignet , der es am meisten zu würdigen und zu geniessen versteht ? - Wenn das ist ; darf ich dann nicht rufen : sie sind mehr mein , als irgend eines Andern ! - Wenn das ist ; darf ich mich dann nicht niederwerfen vor Gott , und bitten : gieb , erhalt ' sie mir Beide ! und liegt in dieser Bitte mehr , als ich mit meinem innigsten Gefühle , mit meinem mächtigsten Bedürfnisse rechtfertigen kann und will ? - Ach , wohin bin ich gerathen ! Ist mein Wille das Schicksal ? - Unglücklicher ! bin ich es , der Verzicht thun wollte ? Was klag ' ich ? Wem lächelt das Schicksal dennoch so wie mir ? Während ich den Blick zur Erde heftete , wurde himmlischer Trost mir bereitet . Die Stadt Pisa fordert eine Madonna , als Altarblatt , von mir . Ja , ihr sollt sie haben ! Gerade ich kann sie euch geben ! Ach die nöthigen Vorbereitungen halten mich noch auf ! Aber warum soll ich warten ? Kann ich nicht selbst Handwerker , Handlanger werden ? Ja , das will ich ! und reinigen will ich die Farben , daß alles Irrdische daraus verschwindet . Gefärbtes Licht sollen sie bleiben ; auch da , wo sie Schatten werden müssen . Rosamunde , du schwebtest ! Margarethe , du sollst schweben , wie sie ! Aus eigener Kraft erhob sich jene von der Erde ; du warst vom Anfange erhoben . Genien meines Lebens ! Kunst und Liebe hält euch in meiner Nähe ! Halleluja , ihr könnt nicht mehr von mir weichen ! Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Es war gestern des Fürsten Namenstag . Ich wußte es schon lange , und hatte meinen Lehrer gebeten , mich ein recht schönes Lied zu lehren , was ich meinem theuern Wohlthäter singen könnte . Es war ein prächtiges Lied , und mein Lehrer sagte , ich sänge es recht gut . Ach , wie freuete ich mich ! Ich zog das schönste von den weissen Kleidern an , mit dem feinen goldenen Gürtel , den mir der Fürst dazu geschenkt hat , und dem Perlenhalsbande mit dem goldenen Schlosse . Ich war gewiß recht schön geputzt , und als ich fertig war , dacht ' ich einmal über das andere : ach , wenn doch meine herzliebste Mutter hier wäre , und mich sähe ! denn ich bin ja doch ihre einzige Freude auf der Erde . Der Herr Präsident ließ mich auf das Schloß fahren , und meine Harfe wurde mir bis in das Vorzimmer gebracht . Als ich aber in des Fürsten Zimmer treten sollte , wurde mir bange , und ich dachte : ach , die Harfe ist so schwer ! wie ungeschickt wirst du damit hineinkommen ! Aber es ging besser , als ich dachte . Dicht neben der Thüre ist eine Erhöhung , auf diese kniete ich , und setzte die Harfe etwas tiefer vor mir nieder . Ich sagte nichts , sondern fing gleich an zu spielen und zu singen . Es überraschte den Fürsten ausserordentlich , und gefiel ihm über die Maassen ; denn er kam in grosser Bewegung auf mich zu , und sagte : was kniest du Engel ? Steh ' auf ! Ich aber blieb immer noch liegen , und spielte das Lied erst ganz aus , und sang die letzten Verse , welche die schönsten sind , viel besser als die ersten . Die grosse Freude , daß ich ihm mit so schönen Worten danken konnte , trieb alle Angst von mir weg , und die Harfe klang , wie im Traume . Er aber nahm sie mir aus dem Arme , und sagte wiederum : O , steh ' auf ! Wer kann dich so sehen ! - Nein ! - rief ich - gnädiger Herr ! lassen Sie mich Ihnen so danken für das Leben , was Sie mir gegeben haben ! Ach ich war todt vorher ! Nur jetzt leb ' ich wirklich ! fühle jeden Tag ein erhöhteres Leben ! Was soll ich , was kann ich thun , Ihnen zu danken ? O , möchten Sie etwas recht Schweres von mir fordern ! Etwas , das kein Mensch thun könnte , als ich . Steh ' auf ! - rief er wieder - Du lieber Engel ! was dir schwer wird , kann mir nicht frommen ! nur was dir leicht würde , könnte mich beglücken . O ! - rief ich wieder - gnädiger Herr ! ich will es lernen ! ich will es lernen ! bis es mir leicht wird . Er lächelte schmerzhaft , hob mich auf , und führte mich hinunter ins Zimmer . Nun sah er mich eine ganze Weile schweigend und gerührt an , und sagte dann : mich dünkt , du bist grösser geworden Gretchen ! Das glaub ' ich wohl , gnädiger Herr ! - antwortete ich - Es ist so lange , daß ich nicht zu Ihnen kommen durfte . Du wolltest also doch zu mir kommen ? Ich glaubte , du hättest nicht einmal an mich gedacht . Da wär ' ich wohl ein verabscheuungswürdiges Geschöpf , wenn ich an den nicht dächte , der mein grössester Wohlthäter ist . O , Nacht und Tag hab ' ich an Sie gedacht und Gottes Segen für Sie erfleht . Doch weiß ich Jemand , an den du noch viel mehr dachtest . Nun den möcht ' ich wohl sehen ! Wie ! - rief er erstaunt und sah mich wieder eine Weile forschend und schweigend an . Ich kann mir nun wohl einbilden , gnädiger Herr ! - sagte ich - daß Sie Herrn Stephani meinen . Aber von dem kann ich eben so wenig sagen , daß ich an ihn denke , als ich sagen kann , daß ich an mein Auge , oder an mein Herz denke . Er steht mir immerdar vor Augen , ich mag ihn sehen oder nicht . Ich habe auch meiner Mutter schon längst geschrieben : ich glaube er sey unser Verwandter , und habe immer zu uns gehört . Ich also - rief er ganz empfindlich - gehöre nicht zu euch ? Ach , gnädigster Herr ! - sagte ich - Sie sind ja ein Fürst ! wie können Sie denn zu uns gehören ? Freilich - setzt ' ich schnell hinzu : denn es fiel mir wie ein Stein auf ' s Herz , was er vormals von den Fürsten , und daß sie keine Freunde hätten , gesagt hatte - freilich ! wenn der Vater zu den Kindern , wenn Gott zu den Menschen gehört , wenn unsere innigste Liebe Sie uns zu eigen machen kann , so gehören Sie zu uns , und werden immer zu uns gehören . O , schweig ! - rief er - das klingt , als hättest du es von meinen Hofleuten gelernt . Es war mein Trost , daß du diese Sprache nie lernen würdest . Den wenigstens hättest du mir lassen können . Gnädiger Herr ! - sagte ich - Gott gebe , daß es Ihre Hofleute so gut mit Ihnen meinen , wie ich ! Dann wird Ihr Widerwille gegen sie sehr ungerecht seyn . Daß ich mich aber ungeschickt und unbesonnen ausdrücke , habe ich immer geglaubt , würden Sie mir zu gute halten . Davon ist nicht die Rede ! - sagte er verdrüßlich - Wenn ich dir etwas nicht zu gute halte , so ist es eben das Geschickte und Besonnene . Ach , gnädiger Herr ! - rief ich nun , und konnte das Weinen nicht mehr zurückhalten - ich habe es schon lange gemerkt , daß , so gütig und gnädig Sie auch gegen mich sind , doch etwas in mir seyn muß , was Ihnen zuwider ist . Ich bitte Sie flehentlich ! sagen Sie mir , was es ist ? Was ist das Geschickte und Besonnene ? Ich will es ablegen . Was man ernstlich will , sagte mein seliger Vater , das kann man auch , und der allwissende Gott ist mein Zeuge ! daß ich es ernstlich will . Aber gerade jetzt , da Sie mich geschickt und besonnen nannten , ging mir Ihr Zustand tief durch die Seele . Muß ich und kann ich das nun auch ablegen ? Nun kam er mit einemmale wieder ganz freundlich und gerührt auf mich zu und sagte : weine nicht , du heiliges Herz ! Ich will es überlegen , ja ich will es überlegen , ob es gut ist , daß ich dir sage