was sie nicht kannt . Es war die Rute , die verguldet Mit leeren Nüssen ausgeziert , Die gibt sie ihm so unverschuldet , Dem Herren , dem sie nicht gebührt . Es nimmt der Herr die goldne Rute Und zeigt sich , wie er einst erschien , Gegeißelt , daß vom roten Blute Auf Erden rote Rosen blühn . Sein Haupt hängt schwach , er kann ' s nicht tragen , Sein Blick ist jammervoll gesenkt , Er spricht : » So willst auch du mich schlagen , Die ich so reichlich hab beschenkt ! « Was sie verworfen und zertreten , Sieht sie mit andern Augen an , Des Herrn Geschenk in den Geräten Zeigt sich im einfach tiefen Plan . Im Wein , im Brot sein Angedenken Und seiner Mutter heilig Bild , Sie muß den Blick zur Erde senken , Manch heilig Bild dort auf sie schilt . Sie schauet rings zu ihren Füßen Sein kunstreich Werk , das sie zertrat , Zusammen hätte bleiben müssen , Des Spieles Lust , der ernste Rat . Des Buxbaums Flechtwerk war die Kirche , Der glatte Fels war der Altar , Doch öde steht nun das Gebürge , Die Kirche ist verbrannt sogar . Das Kind will nach den Gaben langen Und sammeln , was es erst verwarf ; - Da wacht es auf und sieht mit Bangen Sich ganz verschneiet , kalt und scharf . Es kommt ein Tag , doch ohne Klarheit , Die Kälte mit Entsetzen spricht : Was du versäumet , ist die Wahrheit , Was du verspielet , ist das Licht . Diese allegorische Dichtung wurde der Gräfin treulich überliefert , aber sie verstand kein Wort davon ; sie las es von hinten rückwärts , es war ihr unbegreiflich , denn beinahe hatte sie den Vorfall mit den kleinen Heiligenbildern über eine Komödie ganz vergessen , die sie aufführen wollte . Es ist mit den Dichtungen überhaupt das Eigene , daß viele Mädchen wie mit einem scharfen Striche von dem Verständnisse gewisser Arten ganz abgesondert sind , ganz insbesondre von allen , die ihrem Wesen und ihrer Natur zu nahe rücken , um in ihrer Bedeutung ihnen erfreulich zu werden ; Schmeicheleien verstehen sie dagegen in dem allerbarockesten , unverständigsten Wortgepolter , und Bosheiten gegen Bekannte ebenfalls ; am meisten scheuen sie sich vor wirklich ernsthaftem Ernst und scherzhaftem Spaß , weil beide durch die oberflächliche Schminke ihres gewohnten Lebens hindurch brechen . Nach langem Lesen brachte sie endlich heraus , der Graf halte sich für unsern Herrn Jesus , weil sie mit dem Kinde bezeichnet sei ; daß jede Dichtung etwas für sich Bestehendes sei , wenn sie auch Beziehungen auf ein gewisses Ereignis habe , das war ihr nie in den Sinn gekommen . Sie lachte der ganzen Sache und ließ sie auf sich beruhen ; sie wartete auf den Grafen , um sich über ihn aufzuhalten , er kam nicht , da er keine Antwort erhalten . Sie wartete mit Ungeduld , zuletzt ärgerte sie sich über ihn ; er machte , daß sie eine Gesellschaft versäumte , wohin sie mit ihm gehen sollte ; zuletzt fielen ihr allerlei Reden einer sehr fatalen Stadtmamsell ein , die ihr von dem alten Knecht Ruprecht , der sich nirgend mehr sehen läßt , nämlich von der Tyrannei der Männer viel erzählt hatte und wie man sie erziehen müsse . Sie empfand bald Mitleiden mit ihrem eigenen Unglücke , weinte über ihr Schicksal , das sie einem so harten Manne verbunden ; endlich erschien sie sich selbst als Heldin , sie wolle sich zeigen in ihrer Stärke , sie wolle ihre Nachgiebigkeit unterdrücken , was solle in der Ehe erst daraus werden , wenn es schon so schwer im Brautstande begonnen . Also entwickelte sich der hochmütige Eigensinn , das törichte Vertrauen zu sich , an welchen sie endlich zu Grunde gehen mußte . Der Graf war indessen viel unglücklicher als seine Beleidigerin ; oft glaubte er ihr zu viel getan zu haben , immer wartete er auf eine Nachricht von ihr ; langsam schlich ihm der erste Tag dahin und hätte ihn sein Wirt , der ihn für krank hielt , nicht ungefragt mit Essen versorgt , er hätte gehungert . Den zweiten Tag reifte sein Entschluß , auf und davon zu ziehen ; aber wohin sollte er , es schien ihm die Sonne nur hier , hier nur konnte er atmen . Der Krieg fiel ihm wohl als Zerstreuung ein , wie so manchem Unglücklichen , aber er kannte ihn aus der Nähe , was er eigentlich sei , keine immerwährende Folge kühner Unternehmungen , großer Begebenheiten , mächtiger Taten , ungeheurer Kräfte ; das ist ein Traum aus Dichtern , er ist reizend . In Wahrheit ist aber der Krieg , wie er jetzt geführt wird , ein langweiliges Warten auf etwas , das nie erscheint ; denn am Ende ist die Schlacht selbst nur ein Abwarten , daß der andre davon laufen mag , und dieses traurige Warten in der nüchternsten Gesellschaft , in der kleinlichsten Schererei , bei den rohesten Schandtaten , unter den größten Ekelhaftigkeiten und Krankheiten , würde es nicht eine unermeßliche Zeit in ihm gelassen haben , seinem Kummer nachzuhängen ? Das ganze Kriegswesen kann nur durch einen unwiderstehlichen Trieb nach Auszeichnung belebt und geheiligt werden ; darum haben wir auch immer bemerkt , daß alle , die ohne Zwang aus einem bloß wohlwollenden Triebe sich darin einließen , unglücklich und ungeschickt waren ; nicht das Schwert soll die Welt belehren , denn wer das Schwert zieht , der soll durch das Schwert umkommen . Am dritten Tage kam ihm der Gedanke , wenn er mit Dolores auch nicht glücklich leben könne , so wolle er doch für ihr Glück leben ; ihre Sehnsucht nach dem Vater entlockte ihr wahrhaft Tränen ; sie hatte ihm erzählt , daß ein Gerücht erschollen , er sei in Ostindien ; er beschloß ihn aufzusuchen und zurück zu bringen . Gleich schrieb er die nötigen Briefe an die Vormünder , deren Verwaltung bald zu Ende lief . Die Briefe waren noch nicht gesiegelt , als der alte ehemalige Bediente der Gräfin mit einem besorgten Gesichte zu ihm ins Zimmer trat ; er grüßte ihn in ihrem Namen , wozu er keinen Auftrag hatte , und fragte ihn , ob er krank sei ; er sehe wirklich blaß aus , seine Gräfin sei seinetwegen in großen Sorgen gewesen ; es habe ihr nichts geschmeckt , sie habe immer geweint . Der Schmerz rollte dem Grafen wie ein Mühlstein vom Herzen , Tränen der Freude fielen neben Tränen der Verzweiflung auf seine Hand und sein eigenes Auge , das sie geweint , konnte sie nicht unterscheiden ; ihm war alles vergessen , er gab sich von allem die Schuld , seinem törichten Ausdeuten einer unbedeutenden Ungeschicklichkeit , - wie konnte er Vorsicht bewahren , der noch nie eine Erfahrung gemacht , sondern seine Klugheit meist auf den Erfahrungen anderer gestützt hatte . Drittes Kapitel Versöhnung beider und Hochzeit Die Briefe waren schnell zerrissen , er eilte die geliebte Dolores wieder zu begrüßen ; er glaubte , sie werde ihm einige Worte der Entschuldigung sagen , aber sie lächelte , als er eintrat , und sie lächelte so schön , daß er über die schöne Bosheit entzückend hätte verzweifeln mögen . Er wollte sich ihr erklären , aber sie mied die Gelegenheit , sie zog ihn auf über seine Lust , ein Jesus zu werden , wie sie es nannte , aber so artig , daß er nicht böse werden konnte ; ernsthaft warf sie ihm seinen plötzlichen Unwillen vor , scherzend verzieh sie ihm ; er umfaßte sie und seufzte , und doch ward ihm dabei so wohl , daß er sein Schicksal dem ihren ergab , und dieser Tag entschied ihre künftige Herrschaft über sein besseres Selbst . Ihre eigene Unruhe lähmte seine eigene Tätigkeit , seine eignen Beschäftigungen ; sie beschäftigte ihn mit ihrem Nichts und seine höhere Bestimmung , sein Streben nach Reinheit und Vollendung in allem , was er trieb , ward ihr ein Scherz müßiger Stunden , und wurde er einmal ernstlich böse , so brauchte sie nur an eine Reise nach Sizilien vor ihrer Verheiratung zu denken , um ihn zu besänftigen . Ihr frischer Reiz , ihre unendliche Anmut , selbst in allem dem , was sie gegen seine Gesinnung tat , vermochten noch jedes aufsteigende Mißverhältnis wie junge Zweige zur Laube zusammen zu beugen , die Versöhnung war immer noch reicher als der Streit , und jede neue Vertraulichkeit weckte noch immer heftigere Neugierde ; aber je stärker diese äußere Gewalt sie jetzt noch zusammenhält , desto mächtiger wird alles aus einander sprengen , wenn sich diese innere Verschiedenheit erst ganz kennen gelernt . Dolores liebte wirklich manches in dem Grafen , aber sie konnte keinen Menschen im ganzen lieben mit allen Eigentümlichkeiten , sich selbst etwa ausgenommen . Er verehrte und pflegte ihre Besonderkeiten mit solcher Liebe , daß er sich häufig überredete , ihre Fehler und Unarten seien auch verkappte , ihr eigentümliche Trefflichkeiten , er schätzte Fehler , die sie bei einer freundlichen Vorstellung gern abgelegt hätte und die eigentlich nur von irgendeiner Gesellschafterin angenommen , seit ihr guter Engel Klelia sie nicht mehr bewachte . So schien sie zuweilen leidenschaftlich zu spielen , eigentlich nur , um eine leere Stunde zu töten , der Graf aber überredete sich , nachdem er sie ganz ohne Eitelkeit gegen alle Arme freigebig gefunden , darin eben zeige sich ihr höherer Charakter , daß sie gern ihr Glück versuche ; sie fühle sich dem Schutze der höheren Mächte näher . Oft übte sie böse Nachrede , bloß weil andern das gefiel ; er achtete es als eine besondere Stärke der Beobachtung , als eine besondere Reinheit in ihr , die nichts Böses in ihrer Nähe litte . War er einmal streitig mit ihr , so gedachte er des alten Sprichworts : Was sich liebt , das neckt sich ; kurz , es gibt ein Labyrinth von Gedanken , wie er in sich alles an ihr als gut und weislich auszulegen bemüht war . Mitten in diesen Kometenbahnen der Liebe rückte das planetarische Jahr zu seinem Ende , das seine Minderjährigkeit beschlossen hatte ; er verzieh den Vormündern wegen ihres guten Willens , wo sie ihm geschadet hatten , und übernahm selbst die Verwaltung seiner Güter . Lange genug von eigennützigen Verwaltern nach der Strenge des Gesetzes bewirtschaftet , fanden seine Leute in ihm eine väterliche Unterstützung zu allem Guten ; der Schulen nahm er sich selbst an ; von der künftigen Zeit hoffte er alles , darum wollte er sie selbst unterrichten , wenigstens zuweilen zur Aufsicht seiner Schullehrer ; da ward nicht soviel darauf gesehen , ob die Bursche schreiben konnten , aber das Andenken deutscher Ehre , heiliger und großer Menschen , das ward in ihr Herz geschrieben . Nach diesen ersten Einrichtungen , zu denen auch die Verzierung seines Landschlosses gehörte , kehrte er zu Dolores zurück , beladen mit einer prachtvollen Aussteuer . Erst war es sein Plan , sie auf sein altes Stammschloß zu führen , um dort die Hochzeit zu feiern , aber sie wußte ihn so rührend an ihr erstes Erkennen zu erinnern , daß er von den Summen , die während der Vormundschaft gesammelt worden , ihren väterlichen Palast sich zum Eigentum kaufte ; er bekam ihn wohlfeil von den Schuldnern , obgleich teurer , als sie ihn jedem andern würden gelassen haben . Der unerwartete Todesfall eines reichen Lehnsvetters setzte den Grafen in den Besitz eines großen Vermögens , indem er seine Güter in angenehmer Nähe , um das Dreifache vermehrte . Schnell richtete er sich reche artig ein ; eine große Hochzeit weihete das herrliche Haus zu beider Glücke ein , wie sie hofften , wie ihnen von allen Gästen vorausgesagt wurde , die in einem artigen Schäferspiele die Geschichte des Grafen und der Gräfin , wie er sie oft erzählt hatte , darstellten . Was sie beide dabei fühlten , was sie in ihrem Herzen gelobten , was ihnen blieb für ein Glück , nachdem die Gesellschaft auseinander gegangen , können wir weder ermessen noch beschreiben ; sie waren beide sorgenlos und jung und hatten lange des Tages und der Nacht geharret . Viertes Kapitel Der Graf und die Gräfin reisen aufs Land Der häßliche Baron und die tolle Ilse Der Drang des Grafen zu seiner eigentlichen Tätigkeit , und einige arkadische Träume der Gräfin , auch ihr Wunsch sich den zahlreichen Untertanen recht prachtvoll und wohltätig zu zeigen , beschleunigten die Abreise der Neuvermählten aufs Land nach dem Stammschlosse des Grafen . Ihr Empfang war herzlich froh ; Ehrenpforten und Blumen waren nicht gespart und das Schloß und die Gärten , alles gefiel der Gräfin ungemein , weil es ihr alles noch so neu war . Dieses Anknüpfen mit tausend neuen Bekannten schützte sie wohl einen Monat gegen die Langeweile , die sie später doch empfand , nachdem sie in der Art der meisten jungen Frauen und adligen Mädchen Beschäftigungen mit Künsten , wie Malerei , Musik unter großen Anstalten dazu aufgegeben hatte . Sie nahm an allen Beschäftigungen und Freuden des Landlebens einen spielenden , aber eben darum unerquicklichen Anteil , der ihr den Drang , das Beschwerliche darin , das Wachen , die Mühe , die böse Witterung ganz unerträglich machte . Mit den Nachbaren hatte sie sich durch ihre städtische Art bald entzweit ; sie wollte durchaus spät essen und keinen Tabaksrauch erdulden ; sie sprach über Dinge scherzend ab , die den Leuten sehr ernsthaft waren , verachtete anderes , was jenen feierlich verehrungswürdig ; sie hatte die rechte Art nicht , mit diesen starren , eigentümlich im eignen Hause und kleinen Leben gebildeten Seelen zu sprechen ; sie hatte in diesem neuen Kreise kein Gefühl , wo sie anstieß , und wo sie gefiel , und so verschloß sie sich mit verkehrter Freimütigkeit sehr bald die schwache Quelle der Unterhaltung , welche sie mit Familien des Landadels , der Pächter und Prediger verbinden konnte . Nur ein furchtbar von den Pocken zerrissener Nachbar , ein Baron , der früher in fremden Kriegsdiensten gestanden , hielt es mit seiner allgemeinen Grobheit vollkommen gegen sie aus ; ihre Unterhaltung war ein Austausch von Beleidigungen , besonders war sein vergebliches Freien ein Lieblingsgegenstand ihres Spottes . Der Baron schoß schon seit vielen Jahren Reiher , um seiner Braut einen recht vollen Busch zum Kopfschmucke zu überreichen , und ließ alle Jahr eine gewisse Zahl Gänse zur besseren Füllung des Brautbettes einschlachten . Aber der Busch hätte fast schon einen schwachen Kopf niedergedrückt und das Bette erreichte beinahe den Balken und noch immer hatte er keine willige Schöne finden können , so verschrieen war er wie ein Blaubart wegen der Grausamkeit , mit der er seine erste Frau ohne geistlichen Trost hatte sterben lassen , indem er ihr immer zugeschworen , sie sei gar nicht krank . Mit gleicher Grausamkeit verfuhr er gegen seine Bauern , hetzte sie mit Hunden , ließ den trägen Mägden Flachs um die Finger binden und anzünden , und schon dadurch war er dem Grafen verhaßt . Wie nun jede Unterhaltung , die in ihrem Scherze über die wohlgezogenen würdigen Grenzen , welche die Schicklichkeit der geselligen Freude gesteckt hat , hinaus springt , leicht überschlagen kann , so erging ' s auch eines Morgens zwischen dem Baron und der Gräfin ; er sagte ihr so harte Worte , nahm so bösen Abschied von ihr , daß der Graf bei seiner Heimkunft sie einsam weinend auf ihrem Ruhebette ausgestreckt fand . Sie klagte ihm ihr Ärgernis , und ehe sie ihn noch aufforderte , sie an dem Baron zu rächen , war ihr Ingrimm schon so gedoppelt zu ihm übergegangen , daß er es kaum über sich gewinnen konnte , sie auszuhören . Vielhundertmal hatte er demonstriert , daß der Zweikampf , so wie er in Deutschland nur zwischen gewissen Ständen eingeführt , eine elende Taschenspielerei mit der Ehre sei , während ihn die zahlreichen Klassen des Volkes für etwas Schändliches halten ; da sei kein Gottesgericht wie in der ältesten Zeit , keine allgemein geglaubte Ehrenreinigung dabei und in seinem unbestimmten Verhältnisse zu den Landesgesetzen und Sitten , die ihn bald geböten , bald verböten , stelle er ein trauriges Zeichen jener Unbestimmtheit aller Einrichtungen dar , die gerade so wesentliche edelste höchste Beziehungen im Volk , wie die Ehre , ohne allgemeine durchgeführte Gesinnungen willkürlich mißhandelten , brauchten und unterdrückten . Das war seine Betrachtung , aber mit dem Augenblicke der Leidenschaft faßte ihn die gewohnte Gesinnung seines Standes ; an dem Baron ist nichts verloren , dachte er noch obenein ; die Bauern werden von einem schlechten Herren befreit , niemand mag ihn leiden : das waren die jetzigen Betrachtungen , mit denen er seine Kuchenreiterschen Pistolen in die Halftern steckte , sich auf seinen schwarzen Hengst schwang und kaum mehr hörte , daß ihm die Gräfin zurief , er möchte ihrer gedenken , so werde er ihn nicht verfehlen . Er ritt keine halbe Stunde , da stand er vor dem Baron und machte ihm mit der Art angenommener Kaltblütigkeit , die in solchen Verhältnissen geachtet wird , seinen gefährlichen Antrag . Der Baron war aber längst über dergleichen Verhältnisse hinaus ; er lachte den Grafen an : ob er ihn denn für wahnsinnig halte , sich auf so etwas einzulassen , da er noch tausend andern Spaß haben könne , und ihm selbst die schimpflichste Abbitte nichts koste . Wirklich rief er in großer Ruhe seine Schreiber hinein und diktierte einem eine so beschämende demütige Abbitte , unterschrieb und besiegelte sie , war nachher so lustig wie vorher , daß der Graf , der von dem Mute des Barons manche Proben wußte , die er in fremden Diensten abgelegt hatte , über eine Natur staunte , die aus dem ganzen Ehrenkreise seiner Zeit , seines Volkes , ohne große Begebenheiten , bloß durch sich selbst heraus gerissen worden ; mit Schrecken dachte er , daß eine Revolution gerade notwendig solche Menschen an ihrer Spitze tragen müsse , und mancher jugendliche Umwälzungsplan , den er mit dem gärenden Moste der Zeit getränkt hatte , verschwand vor seinen Augen in dem einen bedeutenden Augenblicke ; nur der Ruchlose fängt eine neue Welt an in sich , das Gute war ewig ; das Bestehende soll gut gedeutet werden , sagt ein tiefer Denker1 , dem folgt Deutschland in seiner Entwickelung . Es wurde ihm so wohl , indem er rasch fortreitend dieser ruhig fortschreitenden Bildung des geliebten Vaterlandes gedachte ; er sah schon bis zur Hütte herunter alles in behaglicher , selbständiger Freiheit , daß schon das schöne Verhältnis im unbedeutendsten Baue , das Wohlgefällige im ärmlichsten Anzuge es dartaten , ein höheres Leben habe sich bis zu allen äußersten Punkten verbreitet ; es dringe die Blütezeit hervor , auf welche die Dichter schon lange vergebens hoffen . Wurde ihm aber recht wohl und freudig , so schwebte ihm jedesmal unwillkürlich seine Frau vor , die jetzt in höchster Blüte ihrer Schönheit alles erstaunte und bezwang ; er pflegte sich dann ein lautes Glückauf zu rufen . Diesmal spornte er mit lustigem Eifer sein Pferd , sah mehr nach den Wipfeln der Bäume , die über ihm rauschten und taumelten , als nach dem Wege , der unter ihm hallte . Er glaubte noch auf dem rechten Fußpfade zu sein , und an der Furt , die er gut kannte , als er seinen Hengst heftig in den Fluß spornte , vor dem er scheute . Kaum war er drin , so merkte er , daß dies eine andre sehr tiefe heftig strudelnde Stelle sei , sein Pferd wollte er nicht verlassen und konnte es auch nicht , das Wasser hatte ihm die Bügel angedrückt ; es schwamm schlecht und versank immer tiefer . Endlich zeigte sich am Ufer ein neugieriges schwach wieherndes Pferd ; gleich war sein Hengst von neuer Kraft durchdrungen , arbeitete sich empor und ohne Unterlaß ans Land , von wo sich das grasende Pferd im plumpen Umschwenken ungeschickt in des Waldes Dickicht flüchtete . Diese Lebensrettung durch die Zuneigung der beiden Pferde , so zufällig sie sein mochte , hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht ; es tat ihm so leid dieses Ungeschick des grasenden Pferdes , dessen dumme Flucht es eines guten Futters beraubte , das er ihm im Schlosse zudachte ; er wollte es dahin treiben , aber es war ihm nicht beizukommen , also drehte er sein Pferd nicht ohne Widerstand nach seinem Schlosse um , jagte immer schneller je näher , und als er endlich die Waldhörner seines Jägers hörte und das Tüchlein seiner Frau ihm winkte , da ging es in vollem Laufe in den Torweg und im Schwunge vom Pferde , mit klirrendem Sporne die Treppen hinauf zu Dolores . - » Du lebst und er ist tot ? « rief sie ihm entgegen , » sehnlich habe ich dich erwartet ! « - » Wir leben beide « , antwortete der Graf lächelnd ; » wie du vom Tode eines Menschen redest , und weinst doch über einen Nietnagel . Er ist tot und nicht tot , wie du es nennen willst , im bessern Sinne ist er es schon lange ; - deine Ehre habe ich in der Tasche , sieh da , sie ist ganz naß geworden , aber nicht verlöscht und nicht zerrieben . « - Der Gräfin war es eigentlich nicht ganz recht , daß ihr Beleidiger nicht umgekommen : wir werden die Gründe nachher erfahren ; doch verbarg sie das unter Liebkosungen ; sie erzählte dem Grafen so viel Schönes , wie sie den Tag bei einer Einsiedlerin zugebracht habe . » Wo wohnt die ? « fragte der Graf neugierig . Die Gräfin zeigte weithin nach einer Ecke des Waldes , und erzählte dann , wie ihre Kammerjungfer Rosalie sie dahin geführt ; sie habe ein artig Hüttchen gefunden mit Rasen ganz bedeckt , mit zwei kleinen Fenstern und einer Türe versehen , vor welchem ein verbranntes Mädchen von auffallend nach einer Seite zusammengezogenen Zügen und listigen Blicken einige Töpfe ausgewaschen , die ihr zugerufen : » Woher du glänzende Schönheit im weißen Kleide mit dem schmutzigen Saume ? « - » Das Mädchen ist wohl toll ? « fragte der Graf . - » Keinesweges « , antwortete Dolores , » sie ist ungemein gescheit , aber sie ist zu gescheit , zu witzig für Bauersleute ; sie hat über Vater und Mutter und Bruder und Bräutigam so viel Spott ergossen , der aber wahr ist , bis sie endlich von ihren Eltern nach dem Stadttollhause gebracht worden . Dort kam sie unter städtische Leute und redete allen so zu Dank , daß sie mit dem Zeugnisse eines völlig gesunden Verstandes zurückging ; aber gleich wie sie wieder zu ihrem Vater kam , redete sie so böse Worte darüber , daß er seinen einen Strumpf verkehrt angezogen , daß weder er noch irgend einer im Dorfe sie aufnehmen wollte . Sie ging trotzig aus dem Dorfe , wie sie sagte , weil die Dummheit sich immer so breit setze , daß für die Klugheit kein Platz übrig sei . Ihr Bräutigam , der vergebens getrachtet hatte , sie bei seinen Verwandten unterzubringen , ward traurig über dieses Ereignis und bot ihr sein Haus an , sie sollte drin schon jetzt als seine Frau schalten und walten . Sie aber fragte ihn kalt : Da soll ich wohl kochen und backen und brauen für alle ; Sommers auf dem Felde arbeiten , Winters spinnen , mit Schmerzen Kinder gebären und die kleinen schmutzigen Tiere säugen und waschen und wickeln ? Ich bin Euch recht gut , aber daraus wird nichts ; ich will eine Jungfer bleiben und mir mit Botenlaufen meinen Unterhalt verdienen , da hör ich alle Tage was Neues und brauch keinem Rechenschaft abzulegen . Da hat ihr der Bräutigam mit Tränen die Hütte gebaut und ist mit Tränen von ihr geschieden . « - » Abscheulich « , rief der Graf , » die muß eine Hexe werden , die ist es schon . « - » Ei nicht doch « , sagte die Gräfin , » du sollst sie gleich sehen , sie sieht nicht häßlich aus , hat klare Augen und , lieber Mann , ich habe sie zu meiner zweiten Kammerjungfer gemacht ; du mußt sie schon ertragen lernen . « - » Liebes Kind « , antwortete der Graf , » du weißt , dein Wille ist der meine ; aber gedenk daran , daß es eine schlechte Aufmunterung für brave Mädchen ist , wenn so ein freches verwogenes Weibsbild ihr Glück macht ; nirgend muß das Geld mit mehrerer Schonung und Billigkeit wieder verteilt werden , als da , wo es im mühsamen Gewerbe gewonnen wird ; manche Verschwendung ist uns in der Stadt erlaubt , wo keiner weiß , mit welcher Anstrengung es zu kleinen Hauszinsen gesammelt worden , und es fällt doch den armen Leuten auf , zwei Mädchen bei dir müßig zu sehen , die nur eines bei meiner Mutter gewohnt waren , aber wie viel mehr , so ein nichtsnutziges Mädchen in dem Staate zu sehen , nach welchem die Besten umsonst trachten . « - Die Frau schmeichelte und der Mann schwieg . » Wie du nun bist « , sagte sie , » da habe ich den ganzen Tag allein gesessen , du läßt mich ganz allein , und habe in Angst geschauet aus dem Fenster , ob du kämest ; habe dazwischen vor dem Spiegel mit mir getanzt , bis es dunkel wurde , und du gönnst mir nicht die kleine Unterhaltung mit dem wunderlichen Mädchen , mit der Ilse . « - » Ach ist das die Ilse « , sagte der Graf , » mit der habe ich oft auch Spaß gehabt , sie hatte schon als Kind eine unverschämte Art zu antworten . Wenn sie dir gefällt , behalt sie ; mir muß sie aber aus dem Wege gehen , das sage ihr . « - So endete sich das Gespräch , in welchem der Graf tausend neue Beweise von der Liebe und Ergebenheit seiner Frau zu entdecken meinte ; die Wahrheit ist , daß dieses verschmitzte Mädchen , die tolle Ilse , die Gräfin mit ihrem Geschwätze ganz umstrickt hatte ; sie schmeichelte ihr so geschickt , kniete vor ihr , betete sie an , er zählte so viele fatale Geschichten aus der Gegend von heimlichen Liebeshändeln und Abenteuern , daß dieser Tag der vergnügteste gewesen , den die Gräfin auf dem Lande zugebracht hatte ; der Graf und sein Zweikampf war ihr dabei fast entfallen , als ihr Ilse sagte , daß er über das Feld jage , und sie ihm entgegen winkte . Der Graf stand am nächsten Morgen früh auf , und noch voll von den Gefühlen des vorigen Tages , dachte er sich ganz in die Stimmung seiner Frau ; da saß er still lächelnd und redete vor sich , wie sie gestern in seiner Abwesenheit wohl hätte träumen können . Es ist so süß sich etwas Liebes und Freundliches aus der Seele eines andern zu denken , dem wir ergeben ; wir versichern uns seiner in uns , und so dachte er , wie sie in allen schönen Nachgedanken über Augenblicke , die ihm wert , nach seiner Art in träumender Unterhaltung sich befunden ; wie sie plötzlich erfreut , in der Meinung er komme , den Zusammenhang des Gedankens vergesse und nicht wieder auf die Vorstellung kommen könne , die sie so innerlich erfüllt hatte , und wie sie da so sehnlich ausrufe : Sie zu Hause Was füllte mein träumendes Herze ? Vergessener Schein ! Schwer trifft sich ein liebendes Herze So ledig allein . Die Schatten sind niedergezogen , Ich ahndet es nicht , Die schönen Geschichten verflogen , Mein Wundergesicht . Wie Abend die Seen erreget Mit fröhlichem Hauch , So nur ein Gedanke beweget , Bewegte mich auch . Ich sinne und suche und springe So hin und zurück , Und locke zum Käfig ihn , singe , Blick einmal zurück . Nicht mehr in dem Spiegel ich sehe Mein lieblich Gestalt Und wende mich abwärts und flöhe Gern tief in den Wald . Wie wird ' s ach im Walde so helle , Am Himmel , am Himmel so klar , Es kehret zurück der Geselle , Und alles und alles wird wahr . Er nach Hause eilend sang darauf , als spornte er in die Gitarre mit raschen Griffen : Mein Auge treu , Mein Ohr so wach , Die Liebe neu Vieltausendfach . Was siehst du fern , Was siehst du gern ? Auf Wäldern hoch Das weiße Schloß , Und rascher flog Mein schwarzes Roß , Die Brust , so heiß , Beschäumt sich weiß . Mein Auge treu , Mein Ohr so wach , Die Liebe neu Vieltausendfach . Was hörst du fern , Was ist dein Stern ? Das Tüchlein winkt , Das Waldhorn schallt . Die Sonne sinkt , Mein Herz hoch wallt ; Das Tor weit auf Durchhallt im Lauf . Fünftes Kapitel Kommerzienrat Nudelhuber und der Prinzenhofmeister Kirre Der Graf musizierte die Lieder , und als er sie ganz in der Kehle und Hand hatte , ging er nach dem Schlafzimmer , seine Frau damit zu erwecken . Verwundert hörte er da eine Unterredung mit einem Manne ; an der Stimme , die schnarrend und laut , erkannte er den Baron . Er trat hinein und sah , daß seine Frau am Fenster stand , ganz wie sie aus dem Bette gesprungen ; der Wind spielte mit ihrem Hemdlein und zitterte in ihrem leichten Nachthäubchen ; als sie den Grafen bemerkte , winkte sie ihm näher