um sich zu versammeln . Fernando weidete sich schweigend an der Verwirrung , die über ihr ganzes Wesen ausgegossen war . Er sah wohl , daß sie auf eine gleichgültige Anrede sann , die das Gespräch anknüpfen sollte ; er wußte eben so wohl , daß es ihm ein kleines Wort kostete , um dieses in den Gang zu bringen ; allein er sah ruhig zu , wie sie die Tassen hin und her rückte , übermäßig Zucker hineinschüttete , für weit mehr Menschen Thee eingoß , als ihr kleiner Cirkel in sich faßte und endlich höchst trocken fragte : ob er den deutschen Maler schon lange kenne , da er ihn sich zum Reisegefährten gewählt habe ? Ich kenne , erwiederte Fernando , die Menschen entweder gar nicht , oder sehr lange . Sie gehn unbemerkt neben mir hin , oder ein unwiderstehlicher Zug reißt mich ihnen nach ; dann schließt sich meine ganze Seele auf , und strömt wie eine Feuerfluth in die ihrige über , so daß ich sie plötzlich durchdringe und kenne . - Er hatte sich Luisen genähert und faßte ihre Hand , die spielend das siedende Wasser in den Theetopf tröpfeln ließ . Ich bitte Sie , fuhr er fort , schöne Gräfin , vergessen Sie es nicht , daß ich ein Fremdling in ihrem Norden bin , messen Sie mich nicht mit dem gewohnten Maßstab Ihrer einmal angenommenen Weise . Die deutschen Frauen , sagt man , sind sehr ernst und an einen ruhigen , besonnenen Umgang gewöhnt ; übersehen Sie daher die Funken , die bei der leisesten Berührung aus diesem glühenden Innern sprühen , und denken Sie darum nicht nachtheiliger von mir als - Julius trat herein . Ich habe , fuhr er fort , diesem die andre Hand reichend , nur kurze Zeit in einem Familienkreis verlebt und wenige Erinnrungen aus meiner Kindheit von so friedlichen Augenblicken gerettet ; allein sie wollen hier wieder erwachen , und ich bitte zwei gute Menschen , mich auf eine Zeitlang in ihre Mitte aufzunehmen . Julius umarmte ihn gerührt ; Luise sagte mit unsichrer Stimme ; sie wünsche , daß er sich in den einförmigen Umgebungen gefallen könne , und eilte dann in ihr Cabinet , folgende Zeilen an Emilien zu schreiben . » Sie ahnden schwerlich , daß ich Ihnen aufs neue den Nahmen jenes berüchtigten Fremden nennen , und Sie von dessen plötzlicher Erscheinung benach richtigen will . Er ist wirklich hier , und was noch mehr ist , gesonnen , lange hier zu bleiben . Sein Anblick hat den Eindruck nicht verwischen können , den sein früher aufgefaßtes Bild in mir zurück ließ . Ich weiß es nicht , warum mir alles , auch das Einfachste in ihm , zweideutig und falsch erscheint ; allein in dieser Stimmung muß ich befangen und wir alle drei müssen in einem gespannten Verhältniß bleiben . Vielleicht wirkt er auf Andre günstiger , vielleicht sehe ich auch hier in meiner Einsamkeit zu ängstlich auf ihn und lasse mich von Kleinigkeiten stören , die sonst wohl unbemerkt hingingen . Ich wage es daher , liebe Emilie , Ihre Mutter an die Erfüllung ihres Versprechens zu erinnern , und erwarte Sie mit allen Ihren Gästen in diesen Tagen auf dem Falkenstein . Sagen Sie ihr , daß ich , an die Leitung der besten Mutter gewöhnt , ihrer feinen Gewandtheit und Weltkenntniß bedürfe , um eine schickliche Haltung zu gewinnen , und daß ich sie dringend bitte , mir den Beistand nicht zu versagen , den sie mir so mütterlich zugesichert habe . Leben Sie wohl , beste Emilie . Empfehlen Sie mich Ihrer gelehrten Welt und dem guten Carl , wenn er noch bei Ihnen ist . Vergessen Sie auch nicht , den Maler mitzubringen , der Fernando vielleicht am besten unter uns allen kennt . « Als Luise siegelte , hörte sie im Hofe ein italienisches Lied singen ; gleichwohl war Julius mit seinem Freunde im Nebenzimmer . Francesca - dachte sie , und sprang zum Fenster . Ein finstres , ältliches Gesicht sah ihr zwischen zwei Mantelsäcken entgegen , die Fernandos Bedienter auf beiden Schultern geladen , dem Hause singend entgegen trug . Sie holte tief Athem . - Warum auch nicht ? fragte sie beschämt . Warum ? - wiederholte sie heftig - welche Unschicklichkeit ! wenn er hier - - Sie mochte den Gedanken nicht festhalten , und eilte zu ihrem kleinen Geschäft zurück . Julius unterbrach sie auf ' s neue , indem er sie freundlich erinnerte , Fernando nicht so geflissentlich zu meiden , was ihn nothwendig verletzen müsse . Sie machte ihn darauf mit ihrem Vorhaben bekannt , mehrere Menschen um ihren Gast zu versammeln , der ohnehin wohl die deutsche Häuslichkeit sehr todt finden werde . Julius war es gern zufrieden , worauf sie beide in den Saal zurückgingen . Fernandos lebendiger Sinn durchbrach sehr bald die Schranken überlegter Zurückhaltung , die er sich für den Augenblick selbst gezogen hatte . Er konnte den gewohnten Gang der Unterhaltung , den ruhigen Strom der Worte , die in gegenseitiger Mittheilung still hinfließen , und in ihrem Lauf Gedanken und Gefühle allmählig entwickeln ; er konnte das nicht ertragen , ohne wie ein ungeduldiges Kind einen Stein hinein zu werfen , daß die Wellen kreisend über einander schlugen und sich alles verwirrte . Ueberdem wußte er , daß solch plötzliches Unterbrechen , solch gewagter Wurf oft die klarsten Gemüther befängt , und man bei kühnem Vordringen leicht den Platz einnimmt , den man behaupten will . Er ließ sich daher von seiner Phantasie ungestört forttragen , und bemerkte nicht ohne innre Lust Luisens Kampf , mit dem sie gegen das Feuer seiner Unterhaltung anstritt , um sich vor sich selbst in ihrer angenommenen Kälte zu behaupten . Als sie am folgenden Abend bei dem Wasserfall nicht weit vom Schlosse saßen und sich alle Drei unwillkührlich in das stille Rauschen verloren , ohne die innren Gefühle laut werden zu lassen , sagte Julius endlich : Du hast uns immer noch so wenig von Deinem eignen Leben erzählt , lieber Fernando , und dennoch ist es sicher reich an merkwürdigen Begebenheiten . Mein Leben ? erwiederte dieser , wie aus sich selbst erwachend , das besteht aus Fragmenten , aus nichts als Fragmenten ! es hat sich mir so unter den Händen zerstückelt ; ich finde seit Kurzem selbst keinen Zusammenhang darin . Er sah auf Luisen , zu deren Füßen er auf einem Stein saß , so daß ihr Kleid bei einer kleinen Bewegung seine Locken streifte . Dies luftige Berühren ging wie ein elektrischer Funke durch sein Innres ; er bog sich noch mehr zurück und drückte einen leisen Kuß auf den weichen Mußelin . Fragmente ? wiederholte Julius - Nun wenn sie rechter Art sind , so enthalten sie dennoch ein Ganzes . Gieb uns nur immer einige derselben zum Besten . Seltsam ! rief Fernando aus , daß jetzt , grade jetzt einer der furchtbarsten Momente vor mich hintritt . Er war aufgesprungen , und heftete seine Blicke , wie unwillkührlich angezogen , auf einen Fleck . Luisens Herz klopfte , sie erwartete ängstlich , daß er das Schweigen breche . Du weißst , hub er endlich an , sich zu Julius wendend , daß ich nach dem Tode meiner Eltern , die ich niemals sahe , in Neapel bei einer Verwandten erzogen und späterhin , in Begleitung eines deutschen Gelehrten , auf Reisen geschickt ward . Du hast es so wenig als ich verstanden , warum mich mein Mentor nicht nach seinem Vaterlande , sondern nach Paris führte , womit ich übrigens ganz zufrieden war und mir dabei so wohl gefiel , daß ich meiner Tante sehr mißfiel und nur eilen mußte , sie durch eine baldige Rückkehr zu versöhnen . Die liebe , gütige Frau herrschte mit einer so unwiderstehlich sanften Gewalt über mich , daß ich den Gedanken ihres Unwillens nie ertragen konnte , und es jedesmal herzlich bereute , sie gekränkt zu haben . Meine Bereitwilligkeit , zu ihr zurückzukehren , entzückte sie ; jede Spur des Unwillens war bei meiner Ankunft verwischt . Sie betrachtete mich mit rührendem Wohlwollen und führte mich durch tausend theilnehmende Fragen so leicht und gefällig in den Kreis meiner verlassenen Freuden zurück , daß ich sie noch einmal an ihrer Seite heraufführte und mit froherm Sinn genoß . So schwatzten wir die ersten Abende bis tief in die Nacht hinein . An einem derselben , als sie gefällig auf jedes kleine Abentheuer hörte , ward noch ganz spät ein Fremder bei ihr gemeldet , der ihr zugleich ein Blatt überschickte , auf welchem ich griechische Schriftzüge wahrnahm . Sie überflog es schnell , schlug beide Hände in höchster Bewegung zusammen , indem sie wiederholt ausrief : er lebt ! - er lebt , Fernando , um Gottes Willen ! Ein ältlicher Mann , von hoher , etwas gebeugter , Gestalt trat hier in das Zimmer . Er trug ein langes , graues Oberkleid , das mit einem weißlichen Gürtel zusammengehalten war ; sein gebleichtes Haar hing noch voll und lockig über große tiefliegende Augen , die sich unverwandt auf mich hefteten . Es war etwas Fremdes , Auffallendes , in dieser Erscheinung , was mich unwillkührlich anzog . Die Markise schrie laut auf und riß mich zu dem Fremden , der uns Beide fest umschlang , ohne ein Wort zu sagen , als fürchte er , aus einem glücklichen Traum zu erwachen . Ich wußte nicht wie mir war , mein Herz klopfte ungestüm ; alles Geheimnißvolle war mir von je her ängstlich . Ich hätte gern das dumpfe Schweigen durch eine dreiste Frage unterbrochen ; allein ein Blick auf den Fremden hielt mich gefangen . Meine Tante flüsterte zuerst einige Worte , wir traten auseinander ; die Beiden sprachen leise und heftig in einem Fenster , ich ging wie auf glühenden Kohlen auf und nieder . Todt ? - rief der Fremde plötzlich . - Großer Gott , ich wußte es , und dennoch - ! Der klagende Ton ging mir durch die Seele . Ich näherte mich ihm ; er streckte mir beide Arme entgegen und weinte heftig an meiner Brust . Morgen , lieber Fernando , sagte meine Tante , mich sanft wegdrängend , morgen sollst Du - Heute laß uns - Ich ging zur Thür ; ein leises Wimmern riß mich noch einmal zurück . Der Fremde lag , das Gesicht mit beiden Händen verdeckt , zusammengesunken in einem Stuhl und klagte in zerreißenden Tönen . Die Markise winkte mir ; ich ging still nach meinem Zimmer , ohne etwas Deutliches zu denken , ohne mich selbst einem bestimmten Gefühl zu überlassen . Die Luft ward mir hier zu enge ; ich öffnete das Fenster und starrte in die dunkle Nacht hinein . Morgen , dachte ich - Morgen ! warum nicht jetzt , nicht diesen Augenblick ? Was soll die geheimnißvolle Weise , was will der bekümmerte Alte ? Ich hatte große Lust , die ganze Begebenheit zu verspotten und in einigen lustigen Ausfällen die wehmüthige Unruhe von mir zu werfen , die mir fremd und drückend war ; allein es ging nicht , meine Brust zog sich ängstlich zusammen , ich fand nirgend Ruhe . Nach einer Weile hörte ich eine Thür öffnen , die aus dem Cabinet meiner Tante in den Garten ging . Ich lehnte mich weit aus dem Fenster , konnte indeß in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden . Ein leises Rauschen , wie ferne menschliche Tritte , ging über den Rasen hin ; dann ward alles wieder still . Ich warf mich halb ärgerlich , halb erschöpft , aufs Bett , ohne gleichwohl schlafen zu können . Nach einigen Stunden wiederholte sich dasselbe Geräusch . Thüren knarrten , Fußtritte gingen durch das Haus , alles leise , kaum hörbar . Zu Anfang strengte ich meine Aufmerksamkeit an , etwas Wahres zu unterscheiden ; allein es war , als senke sich der Schlaf bleiern auf meine Augen ; ich widerstand nicht lange und schlief fest , als mich am Morgen ein furchtbares Angstgeschrei erweckte . Mein erster Blick traf das versammelte Hausgesinde der Markise , das voll Entsetzen zu mir hereinstürzte . Ich sprang wie betäubt unter sie ; verworrene , dunkle Worte , Thränen , lautes Jammern umfing mich von allen Seiten und riß mich zu dem Cabinet meiner Tante . Nein , niemals , niemals wird mich das Entsetzen jenes Augenblickes verlassen ! - Er faßte Luisens beide Hände und bedeckte sein Gesicht , auf welchem alle Schrecken jener Erinnrung lagen . Ich fand sie todt - sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen , mit stockender , verhaltener Stimme , todt - ermordet , die schönen Hände gebunden , alle Zeichen eines gewaltsamen Ueberfalls und der schändlichsten Beraubung ihrer Kostbarkeiten um sie her . Der Fremde , der Fremde , tönte es wie aus einem Munde von den Umstehenden . Ich weiß nicht , warum mich dieser Verdacht mehr als die That empörte . In der höchsten Wuth stritt ich dagegen , sank indeß bald darauf erschöpft und bewußtlos zu den Füßen meiner geliebten Freundin , von der man mich , ohne ein Zeichen des Lebens , den Gefahren einer langen Krankheit entgegenführte . Als ich endlich genas und die Erinnrungen des Vergangnen langsam wieder hervortraten , sagten mir meine Freunde , jene grauenvolle That wiederhole sich auf ähnliche Weise , fast jede Nacht , in den angesehensten Häusern Neapels . Eine ängstigende Scheu liege auf den bleichen Gesichtern der Einwohner , die still auf den Straßen hinschlichen , ohne Lust und Muth , einander anzureden . Niemand traue dem geliebtesten Freunde , die Häuser blieben verschlossen , und gleichwohl glaube man an eine unsichtbare Gewalt , die dem angstvoll Schlafenden überfalle und das frischeste Leben schnell beende . Nöthigen Vorkehrungen gemäß , habe man auf bloßen Verdacht hin , eine Menge Personen in Verhaft gezogen , ohne gleichwohl irgend eine zuverlässige Spur aufzufinden . Ich dachte sogleich an den Unbekannten , und mit einer Angst , die unbeschreiblich ist , forschte ich , ob er sich unter den Beschuldigten befände . Allein niemand wußte etwas von ihm . Die Leute im Hause meinten , er sei gar nicht sichtbar in der Stadt geworden , kein Mensch wolle ihn gesehn haben . Ich ward wieder ruhiger , und ließ in einer Art von Dumpfheit , die wohl noch Folge meiner Krankheit war , alles um mich her geschehen , ohne sonderlichen Antheil zu nehmen , als eines Tages die Haushälterin der Markise im höchsten Unwillen zu mir hereintrat und mit Thränen sagte : das Maaß der Leiden dieser armen Stadt sei gefüllt , da auch die geprüfteste Unschuld nicht mehr vor erniedrigendem Verdacht sicher sei . Sogar der arme Schuster , fuhr sie fort , hier im Nebenhause , dessen stilles , heiliges Leben wohl manchem ein Vorwurf sein mochte , ist diesen Morgen , da er sich zufällig mit mehrern seines Gewerbes in der Herberge befand , aufgegriffen und eingezogen worden . Ich kannte den Mann sehr wohl ; er gehörte zu den Frommen Neapels , und war sowohl wegen seines strengen , enthaltsamen , Wandels berühmt , als wegen der erschütternden Reden , die er öfters dem Volke auf den Straßen hielt . Er redete in wahrhafter Verzückung mit einem Feuer und in so phantastischen Bildern , daß man unwillkührlich hingerissen ward , weshalb er denn auch in den vornehmsten Häusern Zutritt fand . Ich tröstete die bekümmerte Frau , der er wohl oft das Herz mochte erweicht haben , mit der allgemeinen Achtung , die Antonio genoß , und versprach ihr , mich noch persönlich wegen seiner Freilassung zu verwenden . Der Gang des Rechts ist indeß langsam , die Anhäufung der Klagen und Fürbitten war so groß , die ganze Verhandlung so dunkel , daß es mir erst nach vierzehn Tagen gelang , Antonio zu befreien . Seine Anhänger erwarteten ihn mit stürmischer Freude an den Thüren des Gefängnisses . Er trat mit ernster Ruhe unter sie , und duldete es nicht , als man ihn im Triumph nach Hause führen wollte ; indeß geschahen mehrere Tage hindurch förmliche Wallfahrten nach seiner dunklen , öden Wohnung , in der er sich eingeschlossen hielt . Man nahm allgemeinen Antheil an dieser kleinen Begebenheit , und ward eben so sehr allgemein bestürzt , als es verlauten wollte , daß der Verdacht gegen den Schuster aufs neue erwache , da während der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft kein Mord geschehen , die blutige That indeß an einem der vornehmsten Richter in der Nacht nach Antonios Freilassung verübt sei . Ich , wie Mehrere , erklärten dies für einen Zufall . Man ward dennoch aufmerksam , beobachtete ihn , forschte nach seinem Thun und Treiben , ohne jedoch etwas zu entdecken . Ein fremder Rechtsgelehrter hatte den Einfall , den Angeklagten mitten in der Nacht überfallen , aus dem Bett reißen und vor das Gericht führen zu lassen . Halb vom Schlaf befangen , aus den unruhigen Träumen eines bewegten Gemüthes in die fremde Wirklichkeit hinübergezogen , trat Antonio vor die ernste Versammlung der Richter . Sein Gleichmuth verließ ihn , er fand keinen Ausweg , und bekannte , daß er seit zwei Monaten fast jede Nacht , allein , ohne eines Menschen Wissen , in die Häuser der Reichen , deren geheime Zugänge er kenne , gedrungen , sie ermordet und beraubt habe . Eine so ungewohnte Erscheinung veranlaßte tausend Nachforschungen , was diesen Frevel in ihm veranlaßt habe . Er sagte darauf immer dasselbe : vom Guten zum Bösen , wie von der Demuth zum Uebermuth , führe oft nur ein Schritt . Die Eitelkeit habe ihn in des Teufels Arme gelockt . Als er keine Rettung sah , stieß er sich den Kopf an den Mauern seines Gefängnisses ein . Als Fernando hier endigte , die Eindrücke der Erzählung in eines Jeden Brust hin und her wogten , und niemand ein beruhigendes Bild festhalten und den innern Aufruhr stillen konnte , bemerkte Julius ihnen gegenüber den Mönch , der , mit verschränkten Armen an einem Baumstamme gelehnt , wohl schon lange dort in stiller Beschauung mochte gestanden haben . Er ging ihm , wie gewöhnlich , mit herzlicher Freude entgegen . Fernando achtete nicht viel darauf . Er war um Luisen beschäftigt , die , heftig erschüttert , ihre Thränen nicht zurückhalten konnte . Hätte ich früher , sagte er leise , einen Begriff von dieser zarten Regsamkeit gehabt , wäre es mir überall gegeben , in Ihrer Nähe lange zu überlegen , glauben Sie sicher , ich würde jene grauenvolle Erscheinung nie an Ihnen vorübergeführt haben . Werden Sie mir verzeihen ? fragte er schmeichelnd . Luise lächelte freundlich unter ihren Thränen , und nickte wiederholt mit dem Kopfe , ohne ein Wort sagen zu können . Werden Sie mich eben so wenig roh und ungeschickt nennen , fuhr er fort , wenn ich die rührende Beweglichkeit ihres Sinnes nicht ganz verstehe , und Sie frage , was Sie eigentlich so ungewohnt bewegt ? Ich weiß es nicht , erwiederte sie , sich fassend , ich weiß es durchaus nicht ; allein mir ist , als wären mir einige der erwähnten Personen nicht fremd , als ginge es mich mit an . Als ginge es Sie mit an ? unterbrach sie Fernando , ihre Worte falsch deutend ; Luise - Sie stand auf und wandte sich zu Julius , der mit dem Mönch auf sie zutrat . Guten Abend , lieber Vater ! rief sie dem Letztren zu . Dieser blieb einen Augenblick in sich versunken , dann sagte er mit bewegter Stimme : der Herr segne und behüte Euch ! und schlug einen andren Weg zum Kloster ein . Was war das , rief Fernando ! seltsam ! wie sich heute alles in mir verwirrt ! - Sie traten Alle jetzt den Rückweg zum Schlosse an , und trennten sich dann alle drei in eignen Vorstellungen befangen . Luise warf sich geängstet in ihrem Bett hin und her , ohne einen Augenblick Ruhe zu finden . Die Scheu gegen Fernando , und das Mißtrauen , das ihr früher sein Lächeln eingeflößt , kämpften peinlich mit Wohlwollen und Bewundrung . Umsonst suchte sie ihre gestrige Stimmung hervorzurufen , umsonst blieb sie bei jeder zweideutigen Aeußrung stehn , umsonst drängte sie sein Bild von sich weg , es rang sich tief aus der gepreßten Brust herauf , und riß sie in einen Wirbel widersprechender Gefühle fort . Die Nacht dehnte sich in ewig langen Stunden hin , in denen der unsichre Blick , durch nichts Aeußres angezogen , hin und her schweifte , und , wie in Fieberträumen , immer nur das Gefürchtete sah . Am Morgen endlich raffte sie sich aus dem Taumel empor . Mit den ersten Lichtstralen ward es klarer in ihrer Seele , die bangen Vorstellungen wichen immer weiter und weiter zurück . Der junge Tag sah ihr wie ein neues Leben frisch und freudig entgegen . Lieber Gott , sagte sie bewegt , gieb mir einen stillen Sinn , deinen Frieden rein in meiner Brust zu bewahren . So sahe sie , wohl noch etwas schwankend , aber doch mit offner empfänglicher Seele ins Freie , als man ihr folgenden Brief der Baronin überbrachte . » Erlauben Sie , meine junge Freundin , daß ich Ihre gütige Zeilen in Emiliens Nahmen beantworte . Vieles darin ist ohnehin an mich gerichtet , und ich will sogleich von dem Vorrechte Gebrauch machen , welches Sie mir , mit der liebenswürdigsten Hingebung , einräumen . Man beschuldigt jeden , dessen Wirksamkeit beschränkt ist , und vorzüglich Frauen in meinen Jahren , daß sie gern Rollen in fremden Angelegenheiten übernehmen , und sich sehr wichtig auf dem Platze erscheinen , den ihnen Alter und Erfahrung ganz natürlich anweisen . Die Eitelkeit schleicht sich wohl oft unbemerkt in unsre Herzen , und wirft einen vornehmen Schein über nichtswürdige Motive ; dennoch kann ich hier wohl mit Wahrheit versichern , daß mich die allerherzlichste Theilnahme an Ihnen zu der freien Mittheilung meiner Gesinnungen zwingt , zur der Sie mich gewissermaßen auffordern . Ich kann es Ihnen nicht verhehlen , Ihr Brief hat mich erschreckt . Es ist ein gewisses unsichres Herumfassen nach fremder Hülfe darin sichtbar , eine Angst vor sich selbst , die sich unter unnatürlichem Haß gegen einen Unbekannten verbirgt . Was reizt Sie zu dieser Heftigkeit , die Sie in sich selbst irre macht ? Glauben Sie mir , es ist den Frauen selten etwas gefährlicher , als einem ausschließenden Gefühl für irgend einen Mann , der nicht der ihrige ist , Raum zu geben , am wenigsten aber dürfen Sie es sich und Andren so klar und mit dieser Leidenschaftlichkeit aussprechen . Haß und Liebe berühren sich schon darin , daß uns der Gegenstand beider Empfindung niemals gleichgültig ist , und gleichgültig sollte Ihnen der fremde Jüngling billig sein . Was haben Sie mit seinen Fehlern und Tugenden zu schaffen ? Lassen Sie ihn ruhig neben sich hingehen , Ihre Wege sind ohnehin von einander geschieden . Und von mir , liebes Kind , von meinem Rath erwarten Sie die schickliche Haltung in Ihrer mißlichen Lage ? Fühlen Sie wirklich diese schon in irgend einem Augenblick verloren zu haben ? Welch Gefühl , ich bitte Sie , ist so mächtig in Ihre Brust , daß es die große Ehrfurcht vor dem äußren Anstand , vor Ihrer ganzen Lage und Ihren Verhältnissen , nur in mindesten schwächen könnte ? Bewahren Sie doch um Alles das ruhige Gleichgewicht Ihres Seyns und Wirkens , ohne welches Sie die strenge vorgezeichnete Bahn leicht übertreten könnten . Ich sollte vielleicht schweigen , und Sie ruhig neben dem Abgrund fortgehen lassen . Vielleicht sicherte Sie eigne angeborne Kraft , vielleicht sähen Sie selbst noch klarer die Gefahr . Ich würde es darauf ankommen lassen , wenn Ihre freundliche Einladung und das Drängen meiner Hausgenossen , sie anzunehmen , mich nicht zu reden zwänge . Sie wissen , wen ich Ihnen zuführe . Sein Sie auf Ihrer Hut . Morgen Abend umarme ich Sie , und hoffe im voraus Verzeihung für meinen treuherzig mütterlichen Rath , den meine Liebe und Theilnahme allein entschuldigen können . « - Luise ward unangenehm durch den Inhalt dieser Zeilen ergriffen , so als wenn man unversehens eine wunde Stelle berührt und den ungeahndeten Schmerz hervorruft . Was ist denn geschehen , fragte sie sich selbst , das diese ernste , eindringliche Worte veranlaßt . Schicklichkeit - äußrer Anstand ! nein , nein , das nicht ! Dein heiliger Wille , mein Gott , der ist es , den ich nicht verletzen darf , und der zum Glück noch laut und vernehmlich genug in meiner Seele spricht , um ihn nie zu überhören . Guten Morgen , liebe Luise ! rief hier Julius , der eben unter ihrem Fenster , an welches sie sich gedankenvoll lehnte , vorüberging . Sie fuhr unwillkührlich zusammen . Seine Stimme traf sie wie ein innrer Vorwurf . Er sah so gut , so herzensgut , aus , die Thränen traten ihr in die Augen . Guten Morgen ! rief sie aus voller Seele , als er in dem Augenblick zu ihr hereintrat . Er hatte ihr heut tausend Dinge zu sagen . Sein Herz öffnete sich wie unter freundlicher Berührung ; es war klar , irgend etwas Aeußres regte ihn ungewöhnt an . Luise lenkte das Gespräch auf den gestrigen Abend , und bemerkte bald , daß er auch in ihm einen Eindruck zurückgelassen , der noch jetzt fortwirkte . Es ist nicht jene Geschichte , sagte Julius , ihre Fragen beantwortend , was mich bewegt . Ich möchte ihren Inhalt vergessen können , der die Möglichkeit des plötzlichen Sündenfalls in einer bis dahin frommen und reinen Seele , so schauderhaft , in dieser blutigen Verzerrung hinstellt . Nein , es ist der Mönch , den ich nicht vergessen kann . Wie verzückt sah er auf eine Stelle , als ich zu ihm hintrat , und ohne meinen Gruß zu beachten , sagte er vor sich hinredend : unbegreifliches , unbegreifliches Schicksal ! dann fragte er mit einer Heftigkeit , die ich ihm niemals kannte , seit wie lange der fremde Jüngling bei mir sei ? Ich gab ihm in einigen Worten Auskunft über unsre Bekanntschaft und Fernandos unstätem Herumstreifen . Er machte eine schnelle Bewegung zu diesem hin , wandte sich aber wie von deiner Stimme aufgeschreckt , von uns ab , und ging still dem Walde zu . Beide fanden das höchst sonderbar , und Luise erschöpfte sich , nach Frauenart , in tausend Muthmaßungen , als Fernando zum Frühstück hereintrat . Er war ernst und einsilbig , allein so , daß man nicht recht wußte , ob ihn Kummer oder Mißmuth verstimme . Als er späterhin mit Luisen allein war , bemerkte er theilnehmend , daß sie bleich aussähe , und in ihren Augen Spuren vergossener Thränen . Sie lehnte seine Fragen ziemlich unbefangen ab , und erzählte ihm von den Gästen , die sie morgen erwarte , unter denen sie Emilien sehr anziehend heraushob . Er schien nicht viel darauf zu merken , als sie aber fortfuhr , die Vortrefflichkeit einiger Mitglieder der Gesellschaft zu schildern , und der Baronin einfaches , würdiges Wesen rühmte , sagte er höhnisch , sie wollten wohl den Teufel durch fromme Geister bannen . Luise entfärbte sich und fühlte mit Unmuth , daß sie , wie sie es auch anfangen möchte , ihm gegenüber immer auf irgend eine Weise in Verlegenheit gerathen müsse . Gestehn Sie es nur , fuhr er fort , die Bekannten und Freunde sollen doch den lästigen Fremdling nur übertragen helfen ; Luise , was habe ich Ihnen gethan , daß Sie mich hassen . Jenes Berühren von Haß und Liebe , in dem Briefe der Baronin , fiel ihr plötzlich ein . Mein Gott , sagte sie schnell , nein , ich hasse Sie nicht , gewiß nicht ! Warum fürchten Sie mich denn ? fragte er ernst . Mit vollen Schwingen hob sich bei diesen Worten die eingeborne Würde der Weiblichkeit in Luisens Seele . Sie sah ihn ruhig an , und sagte fester , als sie es vor einem Augenblick noch gekonnt hätte , wie sollten Sie mir furchtbar sein , ich kenne Sie weder im Guten noch Bösen . Fernando wollte einlenken , allein Luise blieb für jetzt gefaßt und sicher , weshalb er sich denn auch verletzt zurückzog , und gedankenlos am nächsten Fenster in einem Buche blätterte . Einige Anordnungen nöthigten sie , sich zu entfernen ; als sie wieder hereintrat , fand sie das Zimmer leer ; allein , zu ihrem großen Schreck , den Brief der Baronin , den sie bei Julius Eintritt in ein Buch gelegt hatte , offen auf demselben Fenster , an dem sie Fernando verlassen . Ich bin verloren , sagte sie , das Blatt in tausend Stücke reißend , wenn er ihn gelesen hat . O über meine Thorheit , jedem Gefühl , das flüchtig durch meine Seele hinzieht , Worte zu leihen , und dadurch so unnütze , so verderbliche Erklärungen zu veranlassen ! Und nun noch diese Unachtsamkeit ! - Sie blieb den ganzen Tag in der peinlichsten Unruhe , die Fernandos zweideutiges Wesen noch vermehrte . Recht von Herzen fühlte sie sich daher am folgenden Abend erleichtert , als nun endlich die ersehnte Gesellschaft eintraf . Sie begrüßte jeden der Angekommenen mit sichtlicher Freude , und hatte selbst denjenigen , die ihr bis dahin gleichgültig geblieben waren , etwas Verbindliches zu sagen . Emilie sah sehr reizend in einem kleinen Strohhut aus , der zwar das schöne Haar verbarg , allein übrigens zu der zierlichen Gestalt sehr wohl stand . Es mußten sie schon häufige Neckereien über Fernando getroffen haben , denn sie konnte sich eines kleinen