führen wäre . Alle früheren Vorsätze wurden nochmals durchgesprochen und mit den neuesten Gedanken verbunden , der Platz des neuen Hauses gegen dem Schloß über nochmals gebilligt und der Kreislauf der Wege bis dahin abgeschlossen . Ottilie hatte zu dem allen geschwiegen , als Eduard zuletzt den Plan , der bisher vor Charlotten gelegen , vor sie hinwandte und sie zugleich einlud , ihre Meinung zu sagen , und , als sie einen Augenblick anhielt , sie liebevoll ermunterte , doch ja nicht zu schweigen ; alles sei ja noch gleichgültig , alles noch im Werden . » Ich würde « , sagte Ottilie , indem sie den Finger auf die höchste Fläche der Anhöhe setzte , » das Haus hieher bauen . Man sähe zwar das Schloß nicht , denn es wird von dem Wäldchen bedeckt ; aber man befände sich auch dafür wie in einer andern und neuen Welt , indem zugleich das Dorf und alle Wohnungen verborgen wären . Die Aussicht auf die Teiche , nach der Mühle , auf die Höhen , in die Gebirge , nach dem Lande zu ist außerordentlich schön ; ich habe es im Vorbeigehen bemerkt . « » Sie hat recht ! « rief Eduard . » Wie konnte uns das nicht einfallen ! Nicht wahr , so ist es gemeint , Ottilie ? « - Er nahm einen Bleistift und strich ein längliches Viereck recht stark und derb auf die Anhöhe . Dem Hauptmann fuhr das durch die Seele , denn er sah einen sorgfältigen , reinlich gezeichneten Plan ungern auf diese Weise verunstaltet ; doch faßte er sich nach einer leisen Mißbilligung und ging auf den Gedanken ein . » Ottilie hat recht , « sagte er ; » macht man nicht gern eine entfernte Spazierfahrt , um einen Kaffee zu trinken , einen Fisch zu genießen , der uns zu Hause nicht so gut geschmeckt hätte ? Wir verlangen Abwechselung und fremde Gegenstände . Das Schloß haben die Alten mit Vernunft hieher gebaut denn es liegt geschützt vor den Winden und nah an allen täglichen Bedürfnissen ; ein Gebäude hingegen , mehr zum geselligen Aufenthalt als zur Wohnung , wird sich dorthin recht wohl schicken und in der guten Jahrszeit die angenehmsten Stunden gewähren . « Je mehr man die Sache durchsprach , desto günstiger erschien sie , und Eduard konnte seinen Triumph nicht bergen , daß Ottilie den Gedanken gehabt . Er war so stolz darauf , als ob die Erfindung sein gewesen wäre . Achtes Kapitel Der Hauptmann untersuchte gleich am frühsten Morgen den Platz , entwarf erst einen flüchtigen und , als die Gesellschaft an Ort und Stelle sich nochmals entschieden hatte , einen genauen Riß nebst Anschlag und allem Erforderlichen . Es fehlte nicht an der nötigen Vorbereitung . Jenes Geschäft wegen Verkauf des Vorwerks ward auch sogleich wieder angegriffen . Die Männer fanden zusammen neuen Anlaß zur Tätigkeit . Der Hauptmann machte Eduarden bemerklich , daß es eine Artigkeit , ja wohl gar eine Schuldigkeit sei , Charlottens Geburtstag durch Legung des Grundsteins zu feiern . Es bedurfte nicht viel , die alte Abneigung Eduards gegen solche Feste zu überwinden ; denn es kam ihm schnell in den Sinn , Ottiliens Geburtstag , der später fiel , gleichfalls recht feierlich zu begehen . Charlotte , der die neuen Anlagen , und was deshalb geschehen sollte , bedeutend , ernstlich , ja fast bedenklich vorkamen , beschäftigte sich damit , die Anschläge , Zeit- und Geldeinteilungen nochmals für sich durchzugehen . Man sah sich des Tages weniger , und mit desto mehr Verlangen suchte man sich des Abends auf . Ottilie war indessen schon völlig Herrin des Haushaltes , und wie konnte es anders sein bei ihrem stillen und sichern Betragen . Auch war ihre ganze Sinnesweise dem Hause und dem Häuslichen mehr als der Welt , mehr als dem Leben im Freien zugewendet . Eduard bemerkte bald , daß sie eigentlich nur aus Gefälligkeit in die Gegend mitging , daß sie nur aus geselliger Pflicht abends länger draußen verweilte , auch wohl manchmal einen Vorwand häuslicher Tätigkeit suchte , um wieder hineinzugehen . Sehr bald wußte er daher die gemeinschaftlichen Wanderungen so einzurichten , daß man vor Sonnenuntergang wieder zu Hause war , und fing an , was er lange unterlassen hatte , Gedichte vorzulesen , solche besonders , in deren Vortrag der Ausdruck einer reinen , doch leidenschaftlichen Liebe zu legen war . Gewöhnlich saßen sie abends um einen kleinen Tisch auf hergebrachten Plätzen : Charlotte auf dem Sofa , Ottilie auf einem Sessel gegen ihr über , und die Männer nahmen die beiden andern Seiten ein . Ottilie saß zu Eduarden zur Rechten , wohin er auch das Licht schob , wenn er las . Alsdann rückte sich Ottilie wohl näher , um ins Buch zu sehen , denn auch sie traute ihren eigenen Augen mehr als fremden Lippen ; und Eduard gleichfalls rückte zu , um es ihr auf alle Weise bequem zu machen , ja er hielt oft längere Pausen als nötig , damit er nur nicht eher umwendete , bis auch sie zu Ende der Seite gekommen . Charlotte und der Hauptmann bemerkten es wohl und sahen manchmal einander lächelnd an ; doch wurden beide von einem andern Zeichen überrascht , in welchem sich Ottiliens stille Neigung gelegentlich offenbarte . An einem Abende , welcher der kleinen Gesellschaft durch einen lästigen Besuch zum Teil verloren gegangen , tat Eduard den Vorschlag , noch beisammen zu bleiben . Er fühlte sich aufgelegt , seine Flöte vorzunehmen , welche lange nicht an die Tagesordnung gekommen war . Charlotte suchte nach den Sonaten , die sie zusammen gewöhnlich auszuführen pflegten , und da sie nicht zu finden waren , gestand Ottilie nach einigem Zaudern , daß sie solche mit auf ihr Zimmer genommen . » Und Sie können , Sie wollen mich auf dem Flügel begleiten ? « rief Eduard , dem die Augen vor Freude glänzten . » Ich glaube wohl , « versetzte Ottilie , » daß es gehen wird . « Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier . Die Zuhörenden waren aufmerksam und überrascht , wie vollkommen Ottilie das Musikstück für sich selbst eingelernt hatte , aber noch mehr überrascht , wie sie es der Spielart Eduards anzupassen wußte . Anzupassen wußte ist nicht der rechte Ausdruck ; denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen abhing , ihrem bald zögernden , bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten , dort mitzugehen , so schien Ottilie , welche die Sonate von jenen einigemal spielen gehört , sie nur in dem Sinne eingelernt zu haben , wie jener sie begleitete . Sie hatte seine Mängel so zu den ihrigen gemacht , daß daraus wieder eine Art von lebendigem Ganzen entsprang , das sich zwar nicht taktgemäß bewegte , aber doch höchst angenehm und gefällig lautete . Der Komponist selbst hätte seine Freude daran gehabt , sein Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen . Auch diesem wundersamen , unerwarteten Begegnis sahen der Hauptmann und Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu , wie man oft kindische Handlungen betrachtet , die man wegen ihrer besorglichen Folgen gerade nicht billigt und doch nicht schelten kann , ja vielleicht beneiden muß . Denn eigentlich war die Neigung dieser beiden ebensogut im Wachsen als jene , und vielleicht nur noch gefährlicher dadurch , daß beide ernster , sicherer von sich selbst , sich zu halten fähiger waren . Schon fing der Hauptmann an zu fühlen , daß eine unwiderstehliche Gewohnheit ihn an Charlotten zu fesseln drohte . Er gewann es über sich , den Stunden auszuweichen , in denen Charlotte nach den Anlagen zu kommen pflegte , indem er schon am frühsten Morgen aufstand , alles anordnete und sich dann zur Arbeit auf seinen Flügel ins Schloß zurückzog . Die ersten Tage hielt es Charlotte für zufällig ; sie suchte ihn an allen wahrscheinlichen Stellen ; dann glaubte sie ihn zu verstehen und achtete ihn nur um desto mehr . Vermied nun der Hauptmann , mit Charlotten allein zu sein , so war er desto emsiger , zur glänzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die Anlagen zu betreiben und zu beschleunigen ; denn indem er von unten hinauf , hinter dem Dorfe her , den bequemen Weg führte , so ließ er , vorgeblich um Steine zu brechen , auch von oben herunter arbeiten und hatte alles so eingerichtet und berechnet , daß erst in der letzten Nacht die beiden Teile des Weges sich begegnen sollten . Zum neuen Hause oben war auch schon der Keller mehr gebrochen als gegraben und ein schöner Grundstein mit Fächern und Deckplatten zugehauen . Die äußere Tätigkeit , diese kleinen , freundlichen , geheimnisvollen Absichten bei innern , mehr oder weniger zurückgedrängten Empfindungen ließen die Unterhaltung der Gesellschaft , wenn sie beisammen war , nicht lebhaft werden , dergestalt daß Eduard , der etwas Lückenhaftes empfand , den Hauptmann eines Abends aufrief , seine Violine hervorzunehmen und Charlotten bei dem Klavier zu begleiten . Der Hauptmann konnte dem allgemeinen Verlangen nicht widerstehen , und so führten beide mit Empfindung , Behagen und Freiheit eins der schwersten Musikstücke zusammen auf , daß es ihnen und dem zuhörenden Paar zum größten Vergnügen gereichte . Man versprach sich öftere Wiederholung und mehrere Zusammenübung . » Sie machen es besser als wir , Ottilie ! « sagte Eduard . » Wir wollen sie bewundern , aber uns doch zusammen freuen . « Neuntes Kapitel Der Geburtstag war herbeigekommen und alles fertig geworden : die ganze Mauer , die den Dorfweg gegen das Wasser zu einfaßte und erhöhte , ebenso der Weg an der Kirche vorbei , wo er eine Zeitlang in dem von Charlotten angelegten Pfade fortlief , sich dann die Felsen hinaufwärts schlang , die Mooshütte links über sich , dann nach einer völligen Wendung links unter sich ließ und so allmählich auf die Höhe gelangte . Es hatte sich diesen Tag viel Gesellschaft eingefunden . Man ging zur Kirche , wo man die Gemeinde im festlichen Schmuck versammelt antraf . Nach dem Gottesdienste zogen die Knaben , Jünglinge und Männer , wie es angeordnet war , voraus ; dann kam die Herrschaft mit ihrem Besuch und Gefolge ; Mädchen , Jungfrauen und Frauen machten den Beschluß . Bei der Wendung des Weges war ein erhöhter Felsenplatz eingerichtet ; dort ließ der Hauptmann Charlotten und die Gäste ausruhen . Hier übersahen sie den ganzen Weg , die hinaufgeschrittene Männerschar , die nachwandelnden Frauen , welche nun vorbeizogen . Es war bei dem herrlichen Wetter ein wunderschöner Anblick . Charlotte fühlte sich überrascht , gerührt und drückte dem Hauptmann herzlich die Hand . Man folgte der sachte fortschreitenden Menge , die nun schon einen Kreis um den künftigen Hausraum gebildet hatte . Der Bauherr , die Seinigen und die vornehmsten Gäste wurden eingeladen , in die Tiefe hinabzusteigen , wo der Grundstein , an einer Seite unterstützt , eben zum Niederlassen bereit lag . Ein wohlgeputzter Maurer , die Kelle in der einen , den Hammer in der andern Hand , hielt in Reimen eine anmutige Rede , die wir in Prosa nur unvollkommen wiedergeben können . » Drei Dinge « , fing er an , » sind bei einem Gebäude zu beachten : daß es am rechten Fleck stehe , daß es wohl gegründet , daß es vollkommen ausgeführt sei . Das erste ist eigentlich die Sache des Bauherrn ; denn wie in der Stadt nur der Fürst und die Gemeine bestimmen können , wohin gebaut werden soll , so ist es auf dem Lande das Vorrecht des Grundherrn , daß er sage : hier soll meine Wohnung stehen und nirgends anders . « Eduard und Ottilie wagten nicht , bei diesen Worten einander anzusehen , ob sie gleich nahe gegen einander über standen . » Das dritte , die Vollendung , ist die Sorge gar vieler Gewerke ; ja wenige sind , die nicht dabei beschäftigt wären . Aber das zweite , die Gründung , ist des Maurers Angelegenheit und , daß wir es nur keck heraussagen , die Hauptangelegenheit des ganzen Unternehmens . Es ist ein ernstes Geschäft , und unsre Einladung ist ernsthaft ; denn diese Feierlichkeit wird in der Tiefe begangen . Hier innerhalb dieses engen , ausgegrabenen Raums erweisen Sie uns die Ehre , als Zeugen unseres geheimnisvollen Geschäftes zu erscheinen . Gleich werden wir diesen wohlzugehauenen Stein niederlegen , und bald werden diese mit schönen und würdigen Personen gezierten Erdwände nicht mehr zugänglich , sie werden ausgefüllt sein . Diesen Grundstein , der mit seiner Ecke die rechte Ecke des Gebäudes , mit seiner Rechtwinkligkeit die Regelmäßigkeit desselben , mit seiner wasser- und senkrechten Lage Lot und Waage aller Mauern und Wände bezeichnet , könnten wir ohne weiteres niederlegen ; denn er ruhte wohl auf seiner eignen Schwere . Aber auch hier soll es am Kalk , am Bindungsmittel nicht fehlen ; denn so wie Menschen , die einander von Natur geneigt sind , noch besser zusammenhalten , wenn das Gesetz sie verkittet , so werden auch Steine , deren Form schon zusammenpaßt , noch besser durch diese bindenden Kräfte vereinigt ; und da es sich nicht ziemen will , unter den Tätigen müßig zu sein , so werden Sie nicht verschmähen , auch hier Mitarbeiter zu werden . « Er überreichte hierauf seine Kelle Charlotten , welche damit Kalk unter den Stein warf . Mehreren wurde ein Gleiches zu tun angesonnen und der Stein alsobald niedergesenkt , worauf denn Charlotten und den übrigen sogleich der Hammer gereicht wurde , um durch ein dreimaliges Pochen die Verbindung des Steins mit dem Grunde ausdrücklich zu segnen . » Des Maurers Arbeit , « fuhr der Redner fort , » zwar jetzt unter freiem Himmel , geschieht , wo nicht immer im Verborgnen , doch zum Verborgnen . Der regelmäßig aufgeführte Grund wird verschüttet , und sogar bei den Mauern , die wir am Tage aufführen , ist man unser am Ende kaum eingedenk . Die Arbeiten des Steinmetzen und Bildhauers fallen mehr in die Augen , und wir müssen es sogar noch gutheißen , wenn der Tüncher die Spur unserer Hände völlig auslöscht und sich unser Werk zueignet , indem er es überzieht , glättet und färbt . Wem muß also mehr daran gelegen sein , das , was er tut , sich selbst recht zu machen , indem er es recht macht , als dem Maurer ? Wer hat mehr als er das Selbstbewußtsein zu nähren Ursach ? Wenn das Haus aufgeführt , der Boden geplattet und gepflastert , die Außenseite mit Zieraten überdeckt ist , so sieht er durch alle Hüllen immer noch hinein und erkennt noch jene regelmäßigen , sorgfältigen Fugen , denen das Ganze sein Dasein und seinen Halt zu danken hat . Aber wie jeder , der eine Übeltat begangen , fürchten muß , daß , ungeachtet alles Abwehrens , sie dennoch ans Licht kommen werde , so muß derjenige erwarten , der insgeheim das Gute getan , daß auch dieses wider seinen Willen an den Tag komme . Deswegen machen wir diesen Grundstein zugleich zum Denkstein . Hier in diese unterschiedlichen gehauenen Vertiefungen soll verschiedenes eingesenkt werden zum Zeugnis für eine entfernte Nachwelt . Diese metallnen zugelöteten Köcher enthalten schriftliche Nachrichten ; auf diese Metallplatten ist allerlei Merkwürdiges eingegraben ; in diesen schönen gläsernen Flaschen versenken wir den besten alten Wein , mit Bezeichnung seines Geburtsjahrs ; es fehlt nicht an Münzen verschiedener Art , in diesem Jahre geprägt : alles dieses erhielten wir durch die Freigebigkeit unseres Bauherrn . Auch ist hier noch mancher Platz , wenn irgendein Gast und Zuschauer etwas der Nachwelt zu übergeben Belieben trüge . « Nach einer kleinen Pause sah der Geselle sich um ; aber wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt : niemand war vorbereitet , jedermann überrascht , bis endlich ein junger , munterer Offizier anfing und sagte : » Wenn ich etwas beitragen soll , das in dieser Schatzkammer noch nicht niedergelegt ist , so muß ich ein paar Knöpfe von der Uniform schneiden , die doch wohl auch verdienen , auf die Nachwelt zu kommen . « Gesagt , getan ! und nun hatte mancher einen ähnlichen Einfall . Die Frauenzimmer säumten nicht , von ihren kleinen Haarkämmen hineinzulegen ; Riechfläschchen und andre Zierden wurden nicht geschont ; nur Ottilie zauderte , bis Eduard sie durch ein freundliches Wort aus der Betrachtung aller der beigesteuerten und eingelegten Dinge herausriß . Sie löste darauf die goldne Kette vom Halse , an der das Bild ihres Vaters gehangen hatte , und legte sie mit leiser Hand über die anderen Kleinode hin , worauf Eduard mit einiger Hast veranstaltete , daß der wohlgefugte Deckel sogleich aufgestürzt und eingekittet wurde . Der junge Gesell , der sich dabei am tätigsten erwiesen , nahm seine Rednermiene wieder an und fuhr fort : » Wir gründen diesen Stein für ewig , zur Sicherung des längsten Genusses der gegenwärtigen und künftigen Besitzer dieses Hauses . Allein indem wir hier gleichsam einen Schatz vergraben , so denken wir zugleich , bei dem gründlichsten aller Geschäfte , an die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge ; wir denken uns eine Möglichkeit , daß dieser festversiegelte Deckel wieder aufgehoben werden könne , welches nicht anders geschehen dürfte , als wenn das alles wieder zerstört wäre , was wir noch nicht einmal aufgeführt haben . Aber eben , damit dieses aufgeführt werde : zurück mit den Gedanken aus der Zukunft , zurück ins Gegenwärtige ! Laßt uns nach begangenem heutigem Feste unsre Arbeit sogleich fördern , damit keiner von den Gewerken , die auf unserm Grunde fortarbeiten , zu feiern brauche , daß der Bau eilig in die Höhe steige und vollendet werde und aus den Fenstern , die noch nicht sind , der Hausherr mit den Seinigen und seinen Gästen sich fröhlich in der Gegend umschaue , deren aller sowie sämtlicher Anwesenden Gesundheit hiermit getrunken sei ! « Und so leerte er ein wohlgeschliffenes Kelchglas auf einen Zug aus und warf es in die Luft ; denn es bezeichnet das Übermaß einer Freude , das Gefäß zu zerstören , dessen man sich in der Fröhlichkeit bedient . Aber diesmal ereignete es sich anders : das Glas kam nicht wieder auf den Boden , und zwar ohne Wunder . Man hatte nämlich , um mit dem Bau vorwärtszukommen , bereits an der entgegengesetzten Ecke den Grund völlig herausgeschlagen , ja schon angefangen , die Mauern aufzuführen , und zu dem Endzweck das Gerüst erbaut , so hoch , als es überhaupt nötig war . Daß man es besonders zu dieser Feierlichkeit mit Brettern belegt und eine Menge Zuschauer hinaufgelassen hatte , war zum Vorteil der Arbeitsleute geschehen . Dort hinauf flog das Glas und wurde von einem aufgefangen , der diesen Zufall als ein glückliches Zeichen für sich ansah . Er wies es zuletzt herum , ohne es aus der Hand zu lassen , und man sah darauf die Buchstaben E und O in sehr zierlicher Verschlingung eingeschnitten : es war eins der Gläser , die für Eduarden in seiner Jugend verfertigt worden . Die Gerüste standen wieder leer , und die leichtesten unter den Gästen stiegen hinauf , sich umzusehen , und konnten die schöne Aussicht nach allen Seiten nicht genugsam rühmen ; denn was entdeckt der nicht alles , der auf einem hohen Punkte nur um ein Geschoß höher steht ! Nach dem Innern des Landes zu kamen mehrere neue Dörfer zum Vorschein , den silbernen Streifen des Flusses erblickte man deutlich , ja selbst die Türme der Hauptstadt wollte einer gewahr werden . An der Rückseite , hinter den waldigen Hügeln , erhoben sich die blauen Gipfel eines fernen Gebirges , und die nächste Gegend übersah man im ganzen . » Nun sollten nur noch « , rief einer , » die drei Teiche zu einem See vereinigt werden ; dann hätte der Anblick alles , was groß und wünschenswert ist . « » Das ließe sich wohl machen , « sagte der Hauptmann ; » denn sie bildeten schon vorzeiten einen Bergsee . « » Nur bitte ich , meine Platanen- und Pappelgruppe zu schonen , « sagte Eduard , » die so schön am mittelsten Teiche steht . Sehen Sie , « - wandte er sich zu Ottilien , die er einige Schritte vorführte , indem er hinabwies - » diese Bäume habe ich selbst gepflanzt . « » Wie lange stehen sie wohl schon ? « fragte Ottilie . » Etwa so lange , « versetzte Eduard , » als Sie auf der Welt sind . Ja , liebes Kind , ich pflanzte schon , da Sie noch in der Wiege lagen . « Die Gesellschaft begab sich wieder in das Schloß zurück . Nach aufgehobener Tafel wurde sie zu einem Spaziergang durch das Dorf eingeladen , um auch hier die neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen . Dort hatten sich auf des Hauptmanns Veranlassung die Bewohner vor ihren Häusern versammelt ; sie standen nicht in Reihen , sondern familienweise natürlich gruppiert , teils , wie es der Abend forderte , beschäftigt , teils auf neuen Bänken ausruhend . Es ward ihnen zur angenehmen Pflicht gemacht , wenigstens jeden Sonntag und Festtag diese Reinlichkeit , diese Ordnung zu erneuern . Eine innere Geselligkeit mit Neigung , wie sie sich unter unseren Freunden erzeugt hatte , wird durch eine größere Gesellschaft immer nur unangenehm unterbrochen . Alle vier waren zufrieden , sich wieder im großen Saale allein zu finden ; doch ward dieses häusliche Gefühl einigermaßen gestört , indem ein Brief , der Eduarden überreicht wurde , neue Gäste auf morgen ankündigte . » Wie wir vermuteten , « rief Eduard Charlotten zu ; » der Graf wird nicht ausbleiben , er kommt morgen . « » Da ist also auch die Baronesse nicht weit , « versetzte Charlotte . » Gewiß nicht ! « antwortete Eduard ; » sie wird auch morgen von ihrer Seite anlangen . Sie bitten um ein Nachtquartier und wollen übermorgen zusammen wieder fortreisen . « » Da müssen wir unsere Anstalten beizeiten machen , Ottilie ! « sagte Charlotte . » Wie befehlen Sie die Einrichtung ? « fragte Ottilie . Charlotte gab es im allgemeinen an , und Ottilie entfernte sich . Der Hauptmann erkundigte sich nach dem Verhältnis dieser beiden Personen , das er nur im allgemeinsten kannte . Sie hatten früher , beide schon anderwärts verheiratet , sich leidenschaftlich liebgewonnen . Eine doppelte Ehe war nicht ohne Aufsehn gestört ; man dachte an Scheidung . Bei der Baronesse war sie möglich geworden , bei dem Grafen nicht . Sie mußten sich zum Scheine trennen , allein ihr Verhältnis blieb ; und wenn sie Winters in der Residenz nicht zusammen sein konnten , so entschädigten sie sich Sommers auf Lustreisen und in Bädern . Sie waren beide um etwas älter als Eduard und Charlotte und sämtlich genaue Freunde aus früher Hofzeit her . Man hatte immer ein gutes Verhältnis erhalten , ob man gleich nicht alles an seinen Freunden billigte . Nur diesmal war Charlotten ihre Ankunft gewissermaßen ganz ungelegen , und wenn sie die Ursache genau untersucht hätte : es war eigentlich um Ottiliens willen . Das gute , reine Kind sollte ein solches Beispiel so früh nicht gewahr werden . » Sie hätten wohl noch ein paar Tage wegbleiben können , « sagte Eduard , als eben Ottilie wieder hereintrat , » bis wir den Vorwerksverkauf in Ordnung gebracht . Der Aufsatz ist fertig , die eine Abschrift habe ich hier ; nun fehlt es aber an der zweiten , und unser alter Kanzellist ist recht krank . « Der Hauptmann bot sich an , auch Charlotte ; dagegen waren einige Einwendungen zu machen . » Geben Sie mirs nur ! « rief Ottilie mit einiger Hast . » Du wirst nicht damit fertig , « sagte Charlotte . » Freilich müßte ich es übermorgen früh haben , und es ist viel , « sagte Eduard . » Es soll fertig sein , « rief Ottilie und hatte das Blatt schon in den Händen . Des andern Morgens , als sie sich aus dem obern Stock nach den Gästen umsahen , denen sie entgegenzugehen nicht verfehlen wollten , sagte Eduard : » Wer reitet denn so langsam dort die Straße her ? « Der Hauptmann beschrieb die Figur des Reiters genauer . » So ist ers doch , « sagte Eduard ; » denn das Einzelne , das du besser siehst als ich , paßt sehr gut zu dem Ganzen , das ich recht wohl sehe . Es ist Mittler . Wie kommt er aber dazu , langsam und so langsam zu reiten ? « Die Figur kam näher , und Mittler war es wirklich . Man empfing ihn freundlich , als er langsam die Treppe heraufstieg . » Warum sind Sie nicht gestern gekommen ? « rief ihm Eduard entgegen . » Laute Feste lieb ich nicht , « versetzte jener . » Heute komm ich aber , den Geburtstag meiner Freundin mit euch im stillen nachzufeiern . « » Wie können Sie denn soviel Zeit gewinnen ? « fragte Eduard scherzend . » Meinen Besuch , wenn er euch etwas wert ist , seid ihr einer Betrachtung schuldig , die ich gestern gemacht habe . Ich freute mich recht herzlich den halben Tag in einem Hause , wo ich Frieden gestiftet hatte , und dann hörte ich , daß hier Geburtstag gefeiert werde . Das kann man doch am Ende selbstisch nennen , dachte ich bei mir , daß du dich nur mit denen freuen willst , die du zum Frieden bewogen hast . Warum freust du dich nicht auch einmal mit Freunden , die Frieden halten und hegen ? Gesagt , getan ! Hier bin ich , wie ich mir vorgenommen hatte . « » Gestern hätten Sie große Gesellschaft gefunden , heute finden Sie nur kleine , « sagte Charlotte . » Sie finden den Grafen und die Baronesse , die Ihnen auch schon zu schaffen gemacht haben . « Aus der Mitte der vier Hausgenossen , die den seltsamen , willkommenen Mann umgeben hatten , fuhr er mit verdrießlicher Lebhaftigkeit heraus , indem er sogleich nach Hut und Reitgerte suchte : » Schwebt doch immer ein Unstern über mir , sobald ich einmal ruhen und mir wohltun will ! Aber warum gehe ich aus meinem Charakter heraus ! Ich hätte nicht kommen sollen , und nun werd ich vertrieben . Denn mit jenen will ich nicht unter einem Dache bleiben ; und nehmt euch in acht : sie bringen nichts als Unheil ! Ihr Wesen ist wie ein Sauerteig , der seine Ansteckung fortpflanzt . « Man suchte ihn zu begütigen , aber vergebens . » Wer mir den Ehstand angreift , « rief er aus , » wer mir durch Wort , ja durch Tat diesen Grund aller sittlichen Gesellschaft untergräbt , der hat es mit mir zu tun ; oder wenn ich sein nicht Herr werden kann , habe ich nichts mit ihm zu tun . Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur . Sie macht den Rohen mild , und der Gebildetste hat keine bessere Gelegenheit , seine Milde zu beweisen . Unauflöslich muß sie sein ; denn sie bringt so vieles Glück , daß alles einzelne Unglück dagegen gar nicht zu rechnen ist . Und was will man von Unglück reden ? Ungeduld ist es , die den Menschen von Zeit zu Zeit anfällt , und dann beliebt er sich unglücklich zu finden . Lasse man den Augenblick vorübergehen , und man wird sich glücklich preisen , daß ein so lange Bestandenes noch besteht . Sich zu trennen gibts gar keinen hinlänglichen Grund . Der menschliche Zustand ist so hoch in Leiden und Freuden gesetzt , daß gar nicht berechnet werden kann , was ein Paar Gatten einander schuldig werden . Es ist eine unendliche Schuld , die nur durch die Ewigkeit abgetragen werden kann . Unbequem mag es manchmal sein , das glaub ich wohl , und das ist eben recht . Sind wir nicht auch mit dem Gewissen verheiratet , das wir oft gerne los sein möchten , weil es unbequemer ist , als uns je ein Mann oder eine Frau werden könnte ? « So sprach er lebhaft und hätte wohl noch lange fortgesprochen , wenn nicht blasende Postillons die Ankunft der Herrschaften verkündigt hätten , welche wie abgemessen von beiden Seiten zu gleicher Zeit in den Schloßhof hereinfuhren . Als ihnen die Hausgenossen entgegeneilten , versteckte sich Mittler , ließ sich das Pferd an den Gasthof bringen und ritt verdrießlich davon . Zehntes Kapitel Die Gäste waren bewillkommt und eingeführt ; sie freuten sich , das Haus , die Zimmer wieder zu betreten , wo sie früher so manchen guten Tag erlebt und die sie eine lange Zeit nicht gesehn hatten . Höchst angenehm war auch den Freunden ihre Gegenwart . Den Grafen sowie die Baronesse konnte man unter jene hohen , schönen Gestalten zählen , die man in einem mittlern Alter fast lieber als in der Jugend sieht ; denn wenn ihnen auch etwas von der ersten Blüte abgehn möchte , so erregen sie doch nun mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen . Auch dieses Paar zeigte sich höchst bequem in der Gegenwart . Ihre freie Weise , die Zustände des Lebens zu nehmen und zu behandeln , ihre Heiterkeit und scheinbare Unbefangenheit teilte sich sogleich mit , und ein hoher Anstand begrenzte das Ganze , ohne daß man irgendeinen Zwang bemerkt hätte . Diese Wirkung ließ sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden . Die Neueintretenden , welche unmittelbar aus der Welt kamen , wie man sogar an ihren Kleidern , Gerätschaften und allen Umgebungen sehen konnte , machten gewissermaßen mit unsern Freunden , ihrem ländlichen und heimlich leidenschaftlichen Zustande eine Art von Gegensatz