ihr Gemüth sich launisch von einem Gegenstande ab , blos darum , weil es ihr leicht war , ihn zu erhalten , oder erkaltet in der Dauer und Sicherheit des Genusses . Nein , vielmehr stärken Gewohnheit und Zeit unsre Neigungen . Was wir lange haben , wird uns darum werther , und in der Rechtmäßigkeit und Würde seiner Gefühle findet das Weib seinen Stolz und sein stärkstes Band . Der Brief von Tiridates an dich war in einem eingeschlossen , den mir Agathokles bei seiner Rückkunft nach Nikomedien geschrieben hat - ein sehr verbindliches Danksagungsschreiben für alle Gefälligkeiten , die er in unserm Hause empfangen , eine kurze Beschreibung seiner Reise , Nachrichten von Tiridates , Grüße an dich , an seine übrigen römischen Bekannten u.s.w. , ein Brief , den ich im Forum hätte können anschlagen lassen ! Und das schreibt Agathokles mir ? Es ist also vollkommene Ruhe in seinem Herzen , und von Allem , was ihn hier so tief zu bewegen schien , jede Spur auf der glatten Oberfläche seiner Seele verschwunden ? Ich muß dir gestehen , daß es mich überrascht hat , auch mitunter ein Bischen verdrossen . Aber das ist schon vorüber . Solche Stürme verwehen schnell bei mir , und es bleibt nichts davon zurück , als die weise Lehre , künftig vorsichtiger zu seyn , und vor allen Dingen kein Wesen auf der Welt in einem andern als dem klaren Tageslichte der Wirklichkeit anzusehen . Traue nur Niemand den Gestalten , die die Phantasie uns statt der Dinge an sich unterschiebt . Sie haben meistens nichts von ihren Originalien , als die äußere Form , und wir würden oft sehr erstaunen , wenn wir auf einmal statt des idealisirten Phönix den gemeinen Haushahn sehen könnten , der wirklich vor uns steht : wir würden klüger und demüthiger werden . Denn , laß es uns aufrichtig gestehen , unsere Eitelkeit hat an dergleichen Apotheosen wohl eben so viel Theil , als unser Herz und unsere Phantasie . Wir möchten gar zu gern von einem Heros geliebt seyn , mit Göttergestalten umgehen , und so nach und nach selbst zur Göttin werden . Aber es kömmt die liebe Zeit in ihrem Alltagsschritte , und die gemeine Wirklichkeit . Sie nähern sich dem schönen Phantom , das vor uns steht . Vor ihrer kräftigen Berührung verschwindet der Nimbus , der es umgab , die Göttergestalt selbt sinkt zur gewöhnlichen Erdengröße herab , und die arme Sterbliche , die sich schon eine Heroin glaubte , ist wieder auf die platte Menschheit reducirt . Das thut nun freilich weh im ersten Augenblick - im zweiten verschmerzt man ' s um den Gewinn an Menschenkenntniß und Erfahrung , und küßt , wie ein wohlgezogenes Kind , die Ruthe , die uns für den verwegenem Versuch auf die Finger klopft . Sieh , Liebe , aus diesem gemeinen , aber sehr wahren Lichte sehe ich die Geschichte zwischen Agathokles und mir an . Auch er ist ein gewöhnlicher Mann , jedem ersten Eindruck offen , schwach gegen die Macht der Schönheit , achtlos für weiblichen Werth , leichtsinnig und flatterhaft . Das erkenne ich nun deutlich , und bin auch seit dieser Erkenntniß wieder ganz in den Besitz der seligen Ruhe gelangt , die seine Anwesenheit , sein Scheiden gestört haben , und in der doch allein mir eigentlich wohl ist . Könnte ich nur in deine Brust einen Tropfen dieser friedlichen Stille , dieser behaglichen Gleichgültigkeit übertragen ! Könnte ich dich nur ein einzigesmal die Welt und die Menschen so betrachten machen , wie ich sie ansehe ! Glaube mir , es würden noch Schönheiten genug an der ersten , und Tugenden an den letztern übrig bleiben , um ihnen recht gut zu seyn , und seines Lebens froh zu genießen ; aber was unsre Leidenschaften in so stürmische Bewegung bringt was uns das kurze Daseyn so oft verbittert , würde wegfallen . Wir würden von Umständen und Menschen nicht mehr erwarten , als sie leisten können , kein Wesen mehr schätzen , als es verdient , und jedes nach seiner Art benützen , ohne über die Uebel , die wir ja zu berechnen wußten , zu klagen . Ich meine , mit dieser Art zu denken , hätte ich auch mit deinem Serranus nichts unglücklich seyn wollen ! Er kömmt zuweilen zu mir , und ich glaube beinahe , er hat Lust , mich zur Vertrauten seines beklemmten Herzens zu machen ! Ich kann eben nicht sagen , daß mich das sehr freuen würde , aber die Achtung , die er mir zeigt , freut mich . Er ist im Grunde ein guter Mensch , nur leichtsinnig und schwach , durch Erziehung und Beispiel verdorben , und hätte wohl vielleicht , unter vernünftiger Leitung , ein ganz annehmliches Wesen werden können . Er liebt dich aufrichtig . Der Verlust deiner Neigung - der arme Mann wiegt sich in den süßen Traum , sie vor Tiridates Ankunft besessen zu haben - thut ihm sehr weh . Im Ernst , Sulpicia ! glaube mir , so ein Mann ist trotz seiner prosaischen Denkart weit brauchbarer für ' s alltägliche Leben , als jene idealisirten Geschöpfe . In Verbindung mir einem vernünftigen Weibe übernimmt sich so ein Mensch nicht leicht , überläßt der klügeren Frau die Leitung ihres gemeinschaftlichen Besten , stört ihre Ruhe durch keine wilden Flüge der Einbildungskraft , reißt sie nicht , ihrer besseren Vernunft zum Trotz , in überirdische Welten fort , liebt sie aufrichtig und dankbar - und bleibt ihr treu ! O ich lobe mir die Prosa des Lebens ! Darum , liebe Sulpicia , um dieser neuen Erfahrungen willen , überhöre die Stimme der Freundschaft , die schon so oft vergeblich an dein Herz drang , nicht länger , suche jetzt , da Entfernung und andere Umstände diesen Entschluß begünstigen , eine Neigung zu besiegen , die dich gewiß unglücklich machen muß : nicht , weil du mit Anicius vermählt bist - Ehen können getrennt werden , - nicht , weil deiner Verbindung mit Tiridates Hindernisse im Wege stehen - Muth und Standhaftigkeit werden sie besiegen - nein , darum , weil kein Mann der Liebe eines Weibes würdig ist , darum , weil sie Alle , mehr oder minder flatterhaft , sinnlich , selbstsüchtig sind . Was sie an uns lockt , ist Sinnenreiz , was sie eine Weile festhält , Phantasie , Eitelkeit , Eigensinn . Hören diese Triebfedern auf zu spielen , so erschlafft die Begierde , mit ihr die Liebe , und wir sind ihnen nichts mehr . Nenne mich nicht grausam , wenn ich dir jetzt etwas sage , das dich hart dünken wird . Schilt den Arzt nicht , der in Ueberzeugung des Bessern dir bittere Arznei reicht . Glaubst du wohl , daß ohne deine Schönheit und die ungeheuren Hindernisse Tiridates Liebe so feurig und treu seyn würde ? Laß nur den Krieg glücklich enden , deine Verbindung mit Anicius durch die Macht des Cäsars getrennt werden , den Prinzen im ruhigen Besitz seines väterlichen Throns und deiner Hand seyn , und dann sieh , wie lange die Flamme noch matt fortglimmen wird , die jetzt so ungestüm lodert ! So denken sie Alle - Alle - und diejenige , die einen Einzigen ausnehmen will , ist betrogen . Was sie aber betrügt , ist nicht der Mann - denn der Bösewichter , die aus Absichten Liebe heucheln , sind wenige - sondern ihr eigenes Herz , ihre aufgereizte Einbildungskraft , die es ihr unmöglich macht , den allgemeinen Geschlechtsbegriff auf den Einzelnen anzuwenden , die Eitelkeit , die ihr zuflistert , daß sie eine Ausnahme würde gefunden haben , weil - sie eine zu finden verdiente u.s.w. Verzeih , Sulpicia ! wenn dich mein Brief schmerzt ; verzeih es der ' Freundschaft , die dich so gern vom Abgrund zurückreißen möchte ; verzeih es den Erfahrungen , die ich gemacht habe , und liebe mich darum nicht weniger . Leb ' wohl , theure Freundin ! Wir sehen uns nächstens . 16. Tiridates an Sulpicien . ( Im vorigen eingeschlossen . ) Nikomedien , im Mai 301 . Meere und Länder trennen uns ! Zwei unendliche Monate dehnen sich zwischen dem letzten glücklichen Augenblicke meines Lebens , und den unerträglichen Stunden , die ich hier Pflanzen gleich verträume ! Was ist das Daseyn ohne dich ? Was ist das bedeutungslose Athmen einer Luft , in der dein Hauch nicht schwimmt , der langweilige Verkehr mit Menschen , von denen Keiner dich kennt , Keiner deine Göttergestalt gesehen , Keiner je das Glück gefühlt hat , den Ton deiner Stimme zu hören ? Sulpicia ! Nur die Aussicht auf das Ziel , das meine angestrengtesten Kräfte jetzt zu erreichen streben , die Hoffnung auf die Befriedigung der edelsten Leidenschaften , deren die menschliche Brust fähig ist , gibt mir Stärke , hier auszuhalten . Was sonst als dies kann mich hindern , zurückzueilen , und in deinen Armen , an deiner Brust die Wonne der Götter zu fühlen ? O der Anblick deiner Reize , der Wohllaut deiner Stimme wird mit dem Leben nicht zu theuer bezahlt ! Und all ' diese Fülle von Seligkeit wird mein seyn ! Keine Macht der Welt , keine unwürdigen Bande , kein Bestreben niederer Eifersucht wird mir deinen Besitz streitig machen . Mein Arm wird den Thron meiner Väter erkämpfen , und ich werde ihn nur besitzen , um ihn mit dem schönsten Weibe der Erde zu theilen . Dann , Sulpicia ! dann wird dein Geist seinen angebornen Platz behaupten , und dein königlicher Sinn in königlichem Wirken sich beglückt und beglückend fühlen . O eilt , eilt ihr Stunden ! Steige früher , Titan , aus dem Flammenmeere , stürze dich früher in Thetis Arme , und beflügle den trägen Gang der Zeit , bis der helle Augenblick naht , der allein den Namen des Lebens verdient ! Ich schwärme , Sulpicia ! meine Pulse fliegen , mein Blut kocht , mein ganzes Wesen entzündet sich bei dem Gedanken dieses Glücks . Dann bist du mein ! und all ' der unendliche Liebreiz deiner Gestalt , diese zauberischen Formen , diese anmuthigen Bewegungen , dieser Ton der Stimme , der in den innersten Tiefen meines Herzens wiederhallt , sind mein - mein ausschließliches , unbestreitbares Eigenthum ! Laß mich abbrechen , laß mich ruhiger werden , sonst kann ich unmöglich den Brief endigen , und dir sagen , was du zu wissen brauchst ! Ich habe deinen Brief erhalten . Welche düsteren Bilder , welche quälenden Vorstellungen beunruhigen dich , meine Geliebte ! Fürchte nichts , nichts für unsere Liebe , nichts für mein Leben ! Den Gefahren der Seereise bin ich glücklich entgangen . Mehr als einmal drohte der Sturm unser Schiff an Felsen zu zerschellen , er durfte nicht . Der Glückliche , der zur Wonne der Götter in deinen Armen bestimmt ist , durfte sein Grab nicht in den dunkeln Fluthen finden , und kein Pfeil wird diese Brust treffen , in der dein Bildniß lebt . Diese Zuversicht steht fest in mir ; mir ist , als könnte ich den Zufall kühn herausfordern , und versichert seyn , daß seine ganze Tücke nichts gegen mein Glück vermögen wird . Du liebst mich , Sulpicia ! du hast mich gewählt . Aus fernen Weltgegenden hat uns das Schicksal zusammengeführt , unsre Wege , die so verschieden lagen , vereinigt , mir in Cäsar Galerius einen Freund geschenkt , der das einzige Hinderniß unserer Vereinigung , deine Verbindung mit dem schwachen Serranus , zu heben vermag . Diocletians Politik macht ihn meinen Absichten geneigt , die Armee ist voll des besten Willens , in Armenien sind meine Freunde thätig gewesen , mein Volk liebt mich , es liebt nicht mich allein um meiner selbst willen , es segnet und ehrt noch die Wohlthaten und weise Regierung einer langen Reihe von Vätern in dem letzten Sprößling des edlen Stammes . Das persische Joch hat auch den Nacken der einst Mißvergnügten nun wund gedrückt , sie werden sich mit meinen Freunden vereinigen , sie werden viel - Alles wagen . Sage mir , Sulpicia ! wo ist nun ein Grund zur Furcht für uns ? Muthig , meine Geliebte ! O laß mich die freudige Zuversicht , die meine Brust erfüllt , auch in deinen zarten Busen gießen , und dir Kraft ertheilen , das Einzige , was wir zu fürchten und zu tragen haben , die Qualen einer langen Trennung , standhaft zu erdulden . Agathokles ist nun auch mit mir in den Strudel des geschäftigen Lebens hineingezogen . Ich glaube , es ist sehr gut für ihn ; denn die Muße ließ seinem kräftigen Geiste zu viele Freiheit , in sich hinein mit verderblicher Gewalt zu wirken . Er hat Calpurnien mehr geliebt , als sie vielleicht glaubt ; dennoch hat er in der Ueberzeugung , daß er nie glücklich mit ihr werden könnte , die Kraft gehabt , sich von ihr loszureißen . Ich weiß nicht , was ich mehr bewundern soll , diese Standhaftigkeit oder jene Grille . Genug , es hat ihn einen schweren Kampf gekostet , aus dem sein besseres Ich , wie er es nennt als Sieger hervorging . Das hat er mir auf der Reise gestanden , so wie auch das , daß die Erinnerung an seine erste Geliebte in den gewohnten alten Umgebungen wieder lebhafter geworden ist . Er hat von Neuem Nachforschungen nach ihr angestellt , und der Eifer , mit dem er diesem Phantom nachstrebt , und die schöne Wirklichkeit von sich stößt , scheint mir ein neuer Beweis , wie nöthig ihm Zerstreuung und thätige Geschäftigkeit ist , die ihn aus den Regionen der Phantasie in die Gegenwart einführt . Dennoch liebe ich ihn herzlich , und fürchte mich auf unsre nahe Trennung ; denn ich gehe zum Cäsar Galerius , der das Centrum kommandirt , und Agathokles als Centurio zu Demetrius , auf unsern linken Flügel . Du aber , meine Geliebte , meine unaussprechlich theure Freundin ! beruhige dich , entferne die düstern Bilder , die dein schönes Gemüth quälen ! Die Götter werden , sie können uns nicht trennen . Was auch niedrige Menschen beginnen mögen , was sie ersinnen , um unsre Verbindung zu hindern , laß es dir keinen trüben Augenblick machen . Ich werde den Cäsar in wenig Tagen sprechen . Sein Machtwort beschwört jeden Sturm , der sich gegen uns erhebt , und mein Arm wird den Zufluchtsort , von dem aus unsere Liebe der ganzen Welt sicher Trotz bieten kann , erkämpfen . Diese schöne Hoffnung steht lebhaft vor mir , befeuert meinen Muth , und macht es mir möglich , ohne dich zu leben . Leb ' wohl ! 17. Agathokles an Phocion . Edessa , im Junius 301 . Wenn du dir einen Begriff von der verzweiflungsvollen Lage des Verbannten machen kannst , der nach langem Irren endlich die Küsten des Vaterlandes erblickt , und im Begriff , das Ende seiner Leiden zu finden , sich auf einmal von einem furchtbaren Sturm zurückgeworfen , und an das unwirthbare Gestade eines Felsen getrieben sieht , wo er die heiß ersehnte Gegend , das Ziel seiner Wünsche beständig im Auge , vor Hunger und Elend umkommen muß , so kannst du dir ein Bild von meinem Zustande machen . Phocion ! Welches unerbittliche Spiel treibt das Schicksal mit meinen Wünschen ? Was hat es mit mir vor , daß es mich durch solche Prüfungen führt ? Ich habe sie gefunden - ich habe Larissen gesehen ! Ich lebe mit ihr unter einem Dache - und habe sie auf ewig verloren ! Fassest du den Jammer , der in diesen Worten liegt ? Ich bin zu bewegt , um ordentlich zu schreiben . Laß mir Zeit , mich zu fassen . Ich habe gekämpft , ich habe auf Minuten den Sturm besänftigt , der in meinem Innern wüthet , um dir erzählen zu können . Diese Uebung meiner Seelenkräfte steht mir jetzt noch oft bevor , ich kann nicht genug eilen , um mich daran zu gewöhnen . Höre also : Vor acht Tagen kam ich nach dem Befehl des Diocletian zu Edessa bei dem Demetrius1 an . Das Hauptquartier unsers Flügels ist bei dieser Stadt auf der Villa eines reichen Bürgers . Zu diesem Feldherrn hatte mich der Wunsch meines Vaters , die Genehmigung des Augustus bestimmt . Alter Kriegsruhm , strenge Zucht und unbescholtene Redlichkeit haben ihn Beiden empfohlen , damit ich von ihm in Allem unterwiesen , würdig unter eines würdigen Mannes Anleitung meine erste Schlacht kämpfen sollte . Demetrius empfing mich , wie ich es erwartet hatte , rauh , trocken , aber mit Anstand . Die Zerstreuungen und Geschäfte meines neuen Berufs halfen mir in den ersten Pagen vergessen , was mir öfters schmerzlich einfiel , daß ich allein , von jedem theuern Wesen losgerissen unter fremden Menschen , in einer ganz ungewohnten Lage lebte . Die Gemahlin des Feldherrn , die ihren Gemahl aus Gefälligkeit und Achtung für seinen Willen begleiten sollte , wurde erwartet . Nach drei Tagen langte sie an . Ihre Gegenwart im Hause wurde durch nichts anders bemerkbar , als eine ehrerbietige Stille auf dem Flügel , den sie bewohnte , und den öftern Anblick weiblicher Sclaven die hin und her gingen . Sonst blieb sie im Gynecäum verschlossen . An der Tafel , wo sie mit ihrem bejahrten Gatten speiste , waren nur wenige Vertraute zugelassen , und selbst in den Gärten , die weitläufig um die Villa herumliegen , schien sie eigne Plätze zu wählen , die Düsternheit , Einsamkeit und ihre Gegenwart die Uebrigen vermeiden machte . Vorgestern führten mich meine Träume in eine der wildesten Partien des Gartens , wo hohe Tannen , mit Epheu umwebt , eine finstre Laube bildeten . Die Stille , die Düsternheit des Orts lud mich ein . Ich trat in die Laube , in der ich Niemand sah , und war im Begriff , mich auf die Rasenbank zu werfen , als ein Korb mit vielen Knäueln von Goldfaden , und einigen Spindeln von Purpurwolle , der auf dem Tische stand , mir in die Augen fiel . Dieser Anblick , die Einsamkeit der Scene ließ mich vermuthen , daß die Gebieterin des Hauses diesen Platz gewählt habe , und schon wollte ich mich entfernen , als ein zweiter Blick auf den Korb mich festhielt . Eine dunkle wehmüthige Erinnerung , süße halbverwischte Bilder , die immer lebhafter wurden , wachten in meiner Seele auf . Ich konnte die Augen nicht von dem Korbe wenden , es war mir , ich hätte ihn schon irgendwo gesehen , er war mir nicht fremd , und an sein Bild kettete sich eine Reihe von seltsamen Gedanken und Empfindungen , bis auf einmal die Gewißheit - es war derselbe Korb , den ich vor mehr als zwölf Jahren selbst geflochten , und Larissen am Geburtstage voll Blumen gebracht hatte - hell und erschütternd vor mir stand . In der heftigsten Bewegung ergriff ich den Korb , besah ihn einmal , und war im Begriff , ihn an meine Lippen zu drücken , als ein kleines Geräusch mich aufmerksam machte . Ich sah mich um . Eine schlanke weibliche Gestalt , in lange fließende Gewänder gekleidet , das Haupt mit einem Schleier bedeckt , trat in den Eingang der Laube , und schien vor Erstaunen gefesselt stehen zu bleiben . Auf einmal drang eine Stimme , die mein Innerstes aufregte , in mein Ohr : » Ist ' s möglich , sehe ich den Sohn des Hegesippus wieder ? Bist du ' s , Agathokles ? « Die Gestalt näherte sich , und schlug den Schleier zurück . O Götter , allmächtige Götter ! Es war Larissa ! Wir flogen einander in die Arme , wir vermochten nicht zu sprechen , wir fühlten nur das Glück , uns nach acht hoffnungslosen Jahren wieder zu sehen . Auf einmal richtete sich Larissa in meinen Armen auf , ich sah ihr Gesicht mit einer tödtlichen Blässe überzogen , sie trat einen Schritt zurück , und sagte mit gebrochener Stimme : » Ich bin die Frau des Demetrius ! « Ich erstarrte - mehr über ihren Anblick , als den verhängnißvollen Inhalt ihrer Worte . » Meine Larissa ! « hob ich von Neuem an , und wollte mich ihr nähern . Nein ! nein ! rief sie , und machte mit der Hand eine Bewegung , als wollte sie mich entfernen . In dem Augenblicke wurde sie noch bleicher , ihre Kniee zitterten , sie wankte , ich umfaßte sie , und sie glitt aus meinen Armen auf die Rasenbank . » Ach Agathokles ! « rief sie schmerzhaft , » warum haben wir uns jetzt gefunden ? « Ich sah , daß sie einer Ohnmacht nahe war , ich strebte ihr zu helfen , ich wollte ihre Frauen rufen ; » Laß , « rief sie , mit kaum hörbarer Stimme ! » Laß uns allein . « Hier brach ihr Blick und Stimme , und sie sank ganz bewußtlos an meine Brust . O ihr Götter , welch ein Augenblick ! Nach so vielen Leiden , so langer Entbehrung schien sie im Augenblicke des Wiedersehens an meiner Brust zu vergehen ! Was ich gethan , um sie wieder zu erwecken , weiß ich selbst nicht mehr , kaum daß ich es damals wußte . Endlich schlug sie die Augen auf , sie sah mich an . - O Phocion ! Was ist die Liebe , wenn sie nicht aus diesen Blicken sprach ! Und doch - Ich schloß sie fest an meine Brust , ich sagte ihr Alles , was mir mein Herz eingab . Sie hörte mich stumm aber ohne Widerstreben an , ihr Auge hing unverwandt an den meinigen . Endlich brach sie in Thränen aus . » Du hast mich nicht vergessen , meine Larissa ! du liebst mich noch , « rief ich entzückt . Ihr Blick wurde auf einmal finster , sie hob ihren Kopf von meiner Schulter auf , sie zog sich zurück , drückte mich mit dem Arm weg , und sagte mit dumpfer Stimme : » Nein , ich darf nicht - ich bin verheirathet . « Das Gewicht dieser Worte fiel auf mein Herz ! Ich sah unser Unglück , den Abgrund , an dem wir standen . Aber Tiridates Hoffnungen strahlten durch die dunkle Nacht meiner Seele , ich näherte mich ihr wieder : Sollte denn keine Hoffnung zur Vereinigung seyn , keine Möglichkeit ? sagte ich mit neuem Muthe . » Keine , keine , « rief sie gewaltsam , und ihre Thränen verdoppelten sich . Ich drang heftig in sie , sich zu erklären . Sie schluchzte , daß ihre Brust bebte . Nach einer Weile erhob sie sich . » Agathokles , « sagte sie mit himmlischer Güte , » verlaß mich , dringe jetzt nicht in mich , ich bin unfähig , mit dir zu sprechen . Wenn du mich liebst , Freund meiner Jugend ! so gönne mir Ruhe . Geh ' , ich werde mich zu fassen suchen . Sende mir in einer Weile meine Sclavinnen , daß sie mich zurückbegleiten . Ich fühle es , ich bin nicht im Stande , das Haus zu erreichen . « Ich wollte sprechen , ich wollte sie unterstützen . Mit gerungenen Händen und einem Blicke , der mehr sagte , als ihr bang geschlossener Mund , drang sie auf meine Entfernung . Ich verließ sie , und fand mich nach einiger Zeit in meinem Zimmer wieder . Erst lange darnach vermochte ich den Begebenheiten , die mir wie ein Traum vorkamen , nachzudenken . Wenig tröstlich war , was Vernunft und Ueberlegung mir sagten ; dennoch schien es mir weder möglich noch nöthig , jede Hoffnung aufzugeben . Wie viele Ehen sind mit Einwilligung beider Theile getrennt worden ! Es ist nicht der Fall Sulpiciens , die jung und schön den jungen Gatten , dem sie freiwillig die Hand gab , der sein Glück in ihr findet , verlassen will , um dem später Geliebten zu folgen . Es ist die Jugendfreundin des Wiedergefundenen , der heilige Rechte an sie hatte , ehe Demetrius sie kennen lernte : es ist die junge Gemahlin des kalten Greisen , der unempfindlich für ihre Vorzüge und Tugenden , vielleicht nur seine Haushälterin in ihr schätzt . Mehr scheint ihm Larissa ja nicht zu seyn , und wie bald ist so ein Platz in einem Hause ersetzt , wo die Frau keinen Platz im Herzen des Mannes behauptet ! So dachte ich , so denke ich noch , und glühte vor Verlangen , mit ihr zu sprechen , ihr diese Gründe an ' s Herz zu legen , über unser Schicksal mich mit ihr zu berathen . Phocion ! Welch unbegreifliches Betragen ! Welche erstarrende Kälte ! Seit vorgestern habe ich sie , die mit mir in Einem Hause lebt , die mich einst so sehr liebte , die mich noch zu lieben schien , die wissen muß , welchen Qualen sie mein Herz preisgibt , mit keinem Auge mehr gesehen ! Ich weiß , daß sie sogar die Gärten , sonst ihren Lieblingsaufenthalt , seitdem nicht mehr betreten hat , um mir nicht zu begegnen ! Wie ist dies Benehmen zu erklären , wie zu vertheidigen ? Verdiene ich nicht einmal , daß man mit mir spricht , daß man sich die Mühe nimmt , die dunkeln Räthsel unsers Verhältnisses zu lösen , und nur wenigstens zu sagen : Lieber Freund ! meine Liebe ist erstorben ; das , was mich im ersten Augenblick erschütterte , war Ueberraschung , übrigens haben wir nichts mit einander zu besprechen , du nichts zu hoffen . Wie ist sie dazu gekommen , einem Greise , den sie nicht lieben kann , die Hand zu reichen ? Was ist aus ihrer Familie geworden ? Man gibt doch dem gleichgültigsten Bekannten aus der Vaterstadt , den man in der Fremde trifft , freundlichen Bescheid um alte Verhältnisse und Freunde . Ich will ja nichts mehr , ich will ja nichts mehr von Larissen , der Frau des Demetrius ; nur die Tochter des Timantius , die Nachbarin soll mir erzählen , was aus der Gespielin meiner Kindheit , aus ihren Eltern , ihren Brüdern geworden ist . Das kann doch ihre Pflicht gegen Demetrius nicht verletzen . Sie thut es nicht : also will sie nicht - also bin ich ihr nichts , gar nichts mehr ! - O Phocion ! Das ist denn nun die ersehnte Entwicklung lange verwirrter Schicksale ! Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Edessa , eine Stadt in Mesopotamien . 18. Larissa an Junia Marcella . Edessa , im Junius 301 . Mit schwacher , unsichrer Hand , kaum fähig meine Gedanken zu ordnen , schreibe ich dir , geliebte Freundin ! Vielleicht wirst du Mühe haben , die Züge meiner Schrift zu lesen ; aber ich finde eine Art von Beruhigung darin , dir zu sagen , was in mir vorgeht , und dich in diesen trüben Stunden um Rath und Trost zu bitten . Dies , und heiße Gebete , unbedingte Unterwerfung unter die Hand desjenigen , der züchtigt , weil er liebt , ist für jetzt Alles , was mir übrigt , um nicht zu unterliegen . Fünf traurige Jahre der Trennung und mannigfacher Leiden , unter Mangel , häuslichem Zwist und Härte fremder Menschen waren vergangen , ohne daß es meinen glühenden Wünschen , meinem heißen Gebete gelungen wäre , das vom Himmel zu erlangen , was allein mein höchstes Gut ausmachte . Warum es nicht geschah , welche Leidenschaften , welche Zufälle sich in ' s Spiel mischten , um das stille Glück eines armen Herzens zu zerstören , weißt du . Laß mich schweigen ! Das Grab bedeckt unsre Tugenden und unsre Fehler mit gleich dichter Hülle . Genug , es war nicht Gottes Wille ! Da reichte ich am Sterbebette eines unglücklichen Vaters dem Demetrius meine Hand . Auf Glück und Liebe hatte ich alle Ansprüche aufgegeben . Warum sollte ich nicht , mit dem Opfer meines verödeten Herzens , meiner verlassenen Familie eine Stütze , dem sterbenden Vater den letzten Trost , mir selbst einen anständigen Wirkungskreis für meine Bestimmung als Weib erkaufen ? Drei Jahre lebe ich an der Seite dieses Mannes , drei Jahre erdulde ich schweigend , was ein herrisches Gemüth und kriegerische Sitten einer Frau von so verschiedener Denkart Schweres auflegen können . Ich hatte errungen , was ich suchte - die Achtung meines Gemahls . Ich opferte Gott meine Leiden auf , ich erhielt von ihm Kraft und Geduld zu meinem Berufe , ich war ruhig ; denn in mir war Friede . Vier Tage sind es nun , als ich eines Nachmittags einsam in einer dunkeln Laube des Gartens saß , der die Villa umgibt , in welcher das Hauptquartier unsers Heeres , und für jetzt mein Aufenthalt ist . Ich war mit Zurechtmachung der Wolle1 zu einem Waffenmantel für Demetrius beschäftigt . Jenes Körbchen , das du kennst , das einzige Ueberbleibsel einer bessern Zeit , stand neben mir auf dem Tische , und meine Gedanken irrten in weiten Fernen , als man mich eines Geschäftes wegen in ' s Haus zurück rief . Nach einer Weile kam ich wieder , und ging auf die Laube zu . Der Anblick eines fremden Mannes , der am Tische stand , und meinen Arbeitskorb betrachtete , machte mich stutzen . Ich ließ den Schleier nieder , und trat näher . O meine Freundin ! Wie soll ich dir meine Ueberraschung , meinen Schrecken , und mein Entzücken schildern , als jeder Blick , jedes nähere Betrachten mich überzeugte , daß ich Agathokles vor mir sähe !