Welt so sehr zuwider , als ein gehaltloser Mensch , wenn ein solcher noch Mensch genannt werden kann . Aber indem ich dies ganz und gar nicht befürchte , erwarte ich nichts Geringeres von dir , als eine Vereinigung oder vielmehr Verschmelzung der schönen Form mit einem reichen Wesen ; gerade wie bei dem Diamant , um bei dem einmal gebrauchten Bilde zu bleiben . Besorge nicht , daß man dir irgend eine Gewalt anthun werde . Alle tugendhaften Neigungen , die in dir sind , wirst du befriedigen können , wenn du Verstand genug hast , deine Pflichten scharf ins Auge zu fassen . Selbst deinen Gewohnheiten brauchst du nicht zu entsagen , wofern du nicht für gut befindest , neue anzunehmen . Sehr bald wirst du die Entdeckung machen , daß man sich auch bei Hofe nicht von dem allgemeinen Gesetze dispensiren kann , den Menschen nur nach seinem inneren Werth zu schätzen , und daß es neben dir noch manche Andere giebt , die davon nicht weniger haben , weil sie gefällige Manieren damit verbinden . Das beste Mittel , dich auf der Stelle geltend zu machen , ist , dich an diese anzuschließen , und dabei deine Stellung so zu nehmen , daß du immer aus der Schußweite der Partheien bleibst . Da ich deine Gutmüthigkeit kenne , so warne ich dich vor nichts so ernstlich , als vor allem Befassen mit Empfehlungen . Verbinde so viel Bedürftige , als du immer kannst , das heißt , so viel deine Einkünfte und deine Kräfte überhaupt erlauben ; aber setze deine Freunde nicht in Contribution , weil du sie dadurch zu Gegengefälligkeiten berechtigen würdest , die zu sehr unangenehmen Verwickelungen führen könnten . Das große Problem , das du zu lösen hast , besteht , so weit ich diese Region kenne , darin , daß du von Allen abzuhängen scheinest , und immer deine volle Freiheit behauptest . Man nennt den Boden , den du betreten sollst , schlüpfrich ; er mag es auch im Ganzen genommen seyn . Allein wer in einem natürlichen Gleichgewicht mit sich selbst stehet , bewegt sich zuletzt selbst auf einer spiegelglatten Eisfläche mit Leichtigkeit und Anmuth ; und meiner Mirabella darf ich es zutrauen , daß sie da nicht fallen werde , wo sich so viele Andere vor ihr aufrecht erhalten haben . « Diese Bemerkungen meines Pflegevaters beruhigten mich , indem sie mir zugleich die Vermuthung zuführten , daß Alles vorher mit ihm verabredet worden sey . Wenigstens gerieth ich auf den Gedanken , daß seine Connivenz , außer dem pädagogischen Zwecke , den er nicht verhehlte , auch einen politischen haben könnte , da er , seiner Gewohnheit ganz entgegen , in dieser Angelegenheit bei weitem entschlossener war , als ich ihn bei minder wichtigen kennen gelernt hatte . Wie dem aber auch seyn mochte , so hatten alle meine Bedenklichkeiten nach dieser Unterredung ein Ende ; und vertrauensvoll trat ich meine neue Laufbahn an . Sowohl der Fürst als dessen Gemahlin empfingen mich mit einer ausgezeichneten Huld , welche mir um so mehr wohlthat , da sie sich weniger in Lobsprüchen , als in - ich möchte sagen elterlicher Affection offenbarte , und mir zuraunte , daß es nur von mir abhange , um am Hofe wie zu Hause zu seyn . Prinzessin Caroline ihrer Seits kam mir mit aller der Naivetät entgegen , wodurch sie der Zauber aller ihrer Bekannten war . Da sie mich schon sonst gesehen hatte , so lag in meinem Wesen nichts Fremdes für sie ; und dies mußte mir nothwendig um so lieber seyn , weil in meiner Miene sehr viel Ernsthaftes war , wodurch ich leicht zurückschrecken konnte . Ich befand mich gegenwärtig in einem Alter von drei und zwanzig Jahren , und die höhere Cultur , die mir durch Studium und Schicksale zu Theile geworden war , konnte mich , einer so jungen Person , als Prinzessin Caroline , gegenüber , nur allzuleicht zu einer Verwechselung der Gesellschaftsdame mit der Gouvernante verführen . Um diesem Übelstand auszuweichen , nahm ich mir vor , alles zu vermeiden , was einer förmlichen Lehre oder Zurechtweisung ähnlich sähe , mich , wie man es gegenwärtig nennt , gehen zu lassen , und immer nur auf die Unterhaltung der Prinzessin , wenn gleich so bedacht zu seyn , daß ich nicht von ihr gezogen würde . Der Erfolg rechtfertigte meine Maximen . Ohne nur ein einzigesmal auf Albernheiten oder Fadaisen eingegangen zu seyn , wurde ich der Prinzessin so nothwendig , daß sie nicht von meiner Seite wich , so lange es ihre übrigen Verhältnisse erlaubten , in meiner Gesellschaft zu seyn . Da ich mich zugleich in einer gewissen Zurückgezogenheit hielt , und alle , mit welchen ich , oder welche mit mir zu thun hatten , mit gleicher Aufmerksamkeit behandelte ; so gewann man mich in kurzer Zeit lieb . Vielleicht wußte man nicht , was man von mir denken sollte ; allein mir war es auch nur darum zu thun , daß Niemand Nachtheiliges von mir denken möchte . Ich wünschte , meine Gewohnheiten mit denen des Hofes in Harmonie zu setzen ; und dies wurde mir nicht schwer , so bald die Tagesordnung des Hofes mir geläufig geworden war . Seit meinem sechsten Jahre gewohnt , um fünf Uhr des Morgens , im Winter wie im Sommer , aufzustehen , behielt ich diese Sitte bei , indem ich mir berechnete , daß die drei bis vier Stunden , die ich auf diesem Wege gewann , nicht übel angewendet seyn würden , wenn ich sie meinen Privatangelegenheiten widmete . Mochte ich also auch noch so spät ins Bette kommen - und dies war , ich gestehe es , Anfangs keine geringe Beschwerde für mich - so war ich immer zu derselben Zeit aus dem Bette . Mein erstes Geschäft war alsdann , mich mit kaltem Wasser zu waschen , und mein nächstes , mich vollständig für den Vormittag anzuziehen . War ich damit fertig , so las oder schrieb ich im Winter , und verrichtete für mich oder für andere irgend eine weibliche Handarbeit im Sommer . Immer war es mein Stolz gewesen , den größten Theil meiner Bekleidung selbst verfertigen zu können ; und diesen Stolz behielt ich bei , weil er mir niemals schaden konnte . So lange ich bei meinen Pflegeeltern lebte , war ich nie allein , wenn ich auch noch so früh aufstand ; denn meine Pflegemutter wenigstens war immer schon vor mir aus dem Bette . Es kam mir daher anfangs ein wenig schauerlich an , wenn ich , besonders im Winter , wo die Natur um fünf Uhr selbst noch schläft , das einzige wachende Wesen im ganzen Schlosse war ; doch , da ich einmal durchaus nicht im Bette bleiben konnte , wenn ich ausgeschlafen hatte , so suchte ich das unangenehme Gefühl des Alleinseyns durch eine verdoppelte Thätigkeit zu zerstreuen , und dies gelang mir so gut , daß es sich nach und nach gänzlich verlor . Sobald die Prinzessin aufgestanden war , frühstückte ich mit ihr , und von diesem Augenblick an war ich in allem , was Gewohnheit war , au courant des Hofes , ohne mir auch nur die kleinste Abweichung zu gestatten . In Hinsicht meiner Neigungen hatte ich größere Mühe , mich in den Hof zu schicken . Es gab besonders zwei Punkte , worin ich sehr gern meinem Genius allein gefolgt wäre , hätte es in meiner Gewalt gestanden , die Bedingungen zu machen . Der eine war der Tanz , der andere das Spiel . Um den Tanz zu lieben , fehlte es mir offenbar an Temperament ; und da man nicht mit Erfolg tanzen kann , wenn man nicht gern tanzt , so war ich in einer desto größeren Verlegenheit . Es kam aber noch dazu , daß die Prinzessin Caroline über diesen Punkt ganz entgegengesetzter Neigung war , und nicht aufhörte , mich in ihr Interesse ziehen zu wollen . Ich that zuletzt , was in meinen Kräften stand , und erreichte dadurch alles , was ich zu erreichen nur wünschen konnte . Aber im Ganzen genommen blieb mir der Tanz zuwider , und mein liebster Trost war immer , daß die Gelegenheit dazu nicht täglich wiederkehrte . Spielen hatte ich nie gelernt , wiewohl es mir auch dazu nicht an Gelegenheit gefehlt hatte . An den Hof versetzt , sah ' ich sehr bald ein , daß Fertigkeit in dieser Beschäftigung eine von den Haupttugenden sey , die ich mir erwerben müßte . Allein wie in den Besitz dieser Fertigkeit gelangen ? Ich ließ mich unterrichten , und ohne Mühe faßte ich die Regeln des Spiels . Doch wie wenig hatte ich dadurch gewonnen ! Die Hauptsache war und blieb , diese Regeln mit Leichtigkeit und Grazie anzuwenden ; und dahin konnte ich es nicht bringen . Es fehlte mir ganz offenbar der Spielgeist . Um ihn zu erhalten , sagte ich zu mir selbst : » das Spiel , so wie es am Hofe getrieben wird , ist ein pis aller ; weil es unmöglich ist , eine große Gesellschaft auf eine edle Weise in Thätigkeit zu setzen , so hat man diesen Ausweg erfunden , sie nicht ganz unbeschäftigt zu lassen . Ohne Spiel würde man in den Hofzirkeln von der Langenweile zu Tode gemartert werden , und jeder den Hof fliehen ; eben deswegen aber muß jeder , der dem Hofe keine Schande machen will , sich auf das Spiel verstehen . « Allein , wie ich mich auch stacheln mochte , ich kam in der Sache selbst nicht weiter ; ich war und blieb zerstreut , verlor mein Geld , und würde gern das Doppelte verloren haben , wenn ich nur hätte dispensirt bleiben können . Endlich schlug sich der Fürst selbst großmüthig ins Mittel ; und indem er erklärte , daß es künftig immer von mir abhängen sollte zu spielen oder nicht zu spielen , fand ich in meiner Abneigung von dem Spiele den Keim zu einer seltenen Tugend , die ich genauer analysiren muß . Wie ich sie nennen soll , weiß ich nicht ; ihrem Wesen nach aber bestand sie darin , daß , indem ich für alle Nichtspielenden die Gesellschaftsdame machte , ich die in der That nicht leichte Kunst lernte , mich mit allen Menschen , wenn ich mich so ausdrücken darf , zu ihrer und meiner Zufriedenheit aus einander zu finden . Es war zuletzt die Langeweile , die mich zur Unterhaltung hintrieb ; aber , indem ich diesem Stoße folgte , abstrahirte ich sehr bald , daß man , um mit Erfolg zu unterhalten , so wenig als möglich von dem Seinigen geben , und so viel als möglich von dem Fremden empfangen müße . In wenigen , sehr bestimmt ausgedrückten , das Individuum , welches man vor sich hat , tief ergreifenden Fragen muß die Kraft enthalten seyn , nicht nur Mittheilung überhaupt , sondern auch diejenige Art der Mittheilung zu erzwingen , welche den sämmtlichen Verhältnissen des Hofes entspricht . Die Fragen an und für sich würden nichts bewirken , wenn sie nicht unter solchen Wendungen gemacht und von solchen Manieren begleitet wären , daß , während das Gemüth in den Fesseln des Fragenden einhergeht , der Geist in Freiheit gesetzt wird . Vor allen Dingen kommt es darauf an , den Stolz , der in der Frage selbst liegt , so zu verschleiern , daß er gar nicht sichtbar wird . Eine Kunst , auf welche sich nur sehr Wenige verstehen , die aber , wenn ich nicht irre , das Criterion der gesellschaftlichen Bildung ist . Das ganze Manövre , welches man in dieser Hinsicht macht , setzt den allerschnellsten und feinsten Takt voraus ; denn der kleinste Fehlgriff zerstört das Werk , weil man sogleich aus der Stellung gehoben wird , in welcher man sich nothwendig befinden muß , um Anderen die Täuschung zuzuführen , daß man nur mit ihnen beschäftigt sey . Wer sich nicht ganz in seiner Gewalt hat , wird von seiner eigenen Kunst über den Haufen geworfen ; denn es kommt nicht nur darauf an , daß man schicklich anfange und gut fortfahre , sondern auch , daß man vortrefflich endige . Die ganze Unterhaltung muß ein Sonnet seyn , in welchem ein interessanter Gedanke so verarbeitet wird , daß die Hauptidee den Beschluß macht . In der That , jene italiänischen Improvisatoren , welche jedes beliebige Thema so ausbilden , daß es mit allen Farben der Poesie zum Vorschein tritt , haben die größte Ähnlichkeit mit wirklich ausgebildeten Hofleuten ; und der Zauber , welche beide in den Gemüthern zurücklassen , ist vollkommen derselbe . Alle Saiten sanft berühren , und aus dem Instrument , worauf wir spielen , eine solche Harmonie hervorlocken , wodurch wir selbst nie beleidigt werden , das Instrument selbst aber entzückt wird - dies ist es , worauf wir ausgehen müssen , und was wir gewiß erreichen , wofern es uns nicht an der scheinbaren Entsagung fehlt , die alles Eigenthümliche nur deshalb in den Hintergrund stellt , damit es desto unerreichbarer bleibe . Ob Überlegenheit des Geistes die unerlaßliche Bedingung der besten Ausübung dieser Kunst sey , möcht ' ich weder bejahen , noch verneinen , da sie es bei den einen wirklich , bei den anderen gar nicht ist . Ich glaube wenigstens bemerkt zu haben , daß man , wie in vielen anderen Dingen , so auch in dieser Kunst , durch gewisse Eigenschaften des Gemüthes eben so weit kommt , als durch die des Geistes ; und der größte Theil ihrer Ausüber dürfte sie wohl durch die ersteren erwerben . Vielleicht ist dies aber nur Schein , und wenn in irgend einer Kunst , so muß in dieser Geist und Gemüth in dem vollkommensten Gleichgewicht stehen . In welcher bestimmten Individualität ich auch als Weib dastehen mochte , so gab die Weiblichkeit in mir doch den Ausschlag über alles ; und da der Grundcharakter des Weibes Resignation ist , so wurde mir die Erlernung jener nahmenlosen Kunst , die ich so eben beschrieben habe , dadurch nicht wenig erleichtert . Für mich selbst gewann ich dabei auf eine doppelte Weise ; einmal indem jene spröde Eigenthümlichkeit , die ich an den Hof gebracht hatte , sich nach und nach verlor , ohne daß mein Charakter im Wesentlichen dabei litte ; zweitens indem sich mein Gesichtskreis durch alle die Ideen erweiterte , welche mir durch die Mittheilung ganz absichtslos zugeführt wurden . In Beziehung auf den ganzen Hof aber füllte ich eine Lücke aus , die man vor meiner Ankunft mehr empfunden als deutlich gedacht hatte . Hätte ich in jenem zarten Alter über diese Beziehung raisonnirt ; so würde ich auf das Resultat gestoßen seyn , daß der ganze Hof , als geistiger Mittelpunkt genommen , in mir conzentrirt wäre ; allein daran dacht ' ich damals eben so wenig , als irgend einer von denen , die ich in den Stand setzte , ihren Neigungen rücksichtsloser zu folgen . Die Oberhofmeisterin war im Besitz aller der Formen , welche ihr Geschäft mit sich führte ; aber sie war zugleich so sehr in der Repräsentation untergegangen , daß sie , auch wenn sie noch einer Erhebung fähig gewesen wäre , allen Geist für eine Todsünde erklärt haben würde . Man nannte sie in der Regel Madame Etiquette ; und diese Benennung beleidigte sie nie , theils weil sie sich bewußt war , als Repräsentantin der Etiquette einen hohen Werth zu haben , theils weil sie keine Ahnung davon hatte , daß es neben dem staatsbürgerlichen Werth noch einen anderen giebt , der zuletzt alles entscheidet . Das einzige Menschliche , was in ihr zurückgeblieben war , bestand in einer Art von Witz , wodurch sie zwar sehr zum Lachen reizte , wobei es aber sehr unentschieden blieb , ob sich das Lachen mehr auf ihre Einfälle , oder auf den Widerspruch bezog , in welchem diese Einfälle mit ihrer Person und ihrem Geschäfte als Oberhofmeisterin standen . Es war nämlich eine gute Mundvoll Zweideutigkeiten , wodurch sie sich auszeichnete : eine üble Angewohnheit , die sie unstreitig ihrer ersten Erziehung zu verdanken hatte , um so übler , weil sie längst über das Alter hinaus war , wo der weiblichen Erfahrenheit ein freieres Wort verziehen wird . - Aus allen diesen Gründen nun konnte kein Abstich auffallender seyn , als der , den ich gegen sie bildete . Ich sage in der That nicht zuviel , wenn ich behaupte , daß in ihr und mir zwei Extreme einander gegenüber standen , von welchen man das eine die vollendete Unweiblichkeit , das andere die höchste Jungfräulichkeit nennen konnte . Dieser Gegensatz blieb nicht unbemerkt ; und wenn man sich auch nicht darüber äußerte , so lag die Sache selbst doch dadurch an dem Tag , daß man , aus überwiegender Achtung für mich , eine Frau vernachlässigte , welche , dem Range nach , die erste nach der Fürstin selbst war . Mir war dabei oft sehr peinlich zu Muthe ; allein , wie sehr man sich auch an mich anschließen mochte , so sah die gute Oberhofmeisterin darin immer nur die größere Freiheit , welche sie als leidenschaftliche Lhombrespielerin für sich gewann , und das Höchste , was ihr Neid ihr auszupressen vermochte , war : daß ich in ihrem Alter auf gleicher Linie mit ihr stehen würde ; eine Prophezeihung , welche niemals eintreffen konnte , weil ich mit meinen Eigenschaften darüber hinaus war , ihre Erfahrungen zu machen . Abgesehen von dieser Opposition , wirkte die Stellung , welche ich genommen hatte , dadurch sehr eigenthümlich auf mich zurück , daß ich , indem ich für alle vorhanden seyn mußte , für keinen Einzelnen vorhanden seyn konnte . Selbst wenn Moritzens Bild mir - wie dies wirklich der Fall war - nicht als Ideal vorgeschwebt hätte , so würde ich durch das Problem , dessen Auflösung ich einmal übernommen hatte , von allem , was Liebe im engeren Sinne des Wortes genannt wird , entfernt geblieben seyn . Ich hatte mich , trotz meines jugendlichen Alters , von der Liste der fühlenden Wesen gestrichen , um mich auf die der Intelligenzen setzen zu können . Mein Pflegevater freuete sich nicht wenig über diese Verwandlung meines Wesens ; sie entsprach seinen Erwartungen von mir eben so sehr , als seinen Wünschen . Unstreitig würde sie noch vollkommner gewesen seyn , hätte nicht mein Verhältniß zu der Prinzessin Caroline meinen ursprünglichen Charakter , d.h. denjenigen , mit welchem ich an den Hof gekommen war , auf das wesentliche festgehalten . Wie der ganze übrige Hof , so war auch die Prinzessin von der Verbindung belehrt , in welcher ich mit dem Herrn von Z ... gestanden hatte ; und da sie sich in einem Alter befand , worin keine Unterhaltung willkommner ist , als diejenige , welche einen Liebeshandel zum Gegenstand hat , so bat sie mich in den Augenblicken , wo wir allein waren , sehr oft , ihr etwas von meiner Geschichte zu erzählen . In sofern ich selbst die Heldin derselben war , würd ' ich es schwerlich der Mühe werth gehalten haben , den Mund zu öffnen ; aber da ich das Andenken an meinen Moritz liebte , so ließ ich mich immer bereitwillig finden , der Prinzessin mitzutheilen , was ihn in seiner eben so kräftigen als edlen Individualität darstellte . Merkwürdig war der Erfolg meiner Erzählung dadurch , daß niemals eine von uns beiden dadurch gerührt wurde , dies Wort in seinem gewöhnlichen Sinne genommen . Meine Erzählung enthielt gewiß alle Elemente des Tragischen ; aber auf unsere Thränendrüsen wirkten diese nie zurück . Ich selbst war wie begeistert , und mein Zustand riß die Prinzessin zu einem ähnlichen hin ; doch alles , was sich mit Wahrheit von uns sagen ließ , war : daß wir uns im höchsten Grade interessirt fühlten , ohne in unserem Gemüthe im Mindesten verwirrt zu seyn . Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin , eine artistische Bemerkung zu machen , die , wie sehr sie auch den gewöhnlichen Theorien widersprechen mag , mir vollkommen richtig scheint . Sie ist : » daß die wahre Tragödie das Gemüth nicht foltern , sondern heben müsse , so daß der Zuschauer , nachdem der Vorhang gefallen , nicht mit beklommenem , sondern mit freudigem Herzen die Bühne verläßt . « Es ist gewiß nur immer die Schuld des Dichters , wenn dies nicht der Fall ist . Wer sich eines tragischen Stoffes so zu bemächtigen versteht , daß er die Entwickelung in ihrer Nothwendigkeit fortführen kann , der befriediget zugleich unser Gemüth und unseren Verstand ; und dabei ist die volle Heiterkeit des ganzen Menschen nicht nur möglich , sondern sogar nothwendig . Wer hingegen den tragischen Stoff zerreisset , und aus poetischem Unvermögen die Einbildungskraft der Zuschauer nöthigt , das Ganze , das er selbst nicht zu Stande bringen konnte , an seiner Stelle zu schaffen ; der kann nicht anders als verwirren , ängstigen und foltern . Will man wissen , wer der eigentliche Meister in der tragischen Kunst ist ? Derjenige unstreitig , der alles so anzuordnen weiß , daß das Nothwendige immer mit Freiheit vollzogen wird , so daß das Schicksal nie über den Helden , dieser hingegen beständig über jenes siegt , sogar alsdann , wenn er vom Schicksal zerschmettert wird . Wer dies nicht kann , der ist und bleibt ein Pfuscher in der Tragödie , gut genug für den Pöbel , dem es immer nur um Gemüthsbewegung zu thun ist , aber zu schlecht für gebildete Menschen , welche die Freiheit im Kampf mit der Nothwendigkeit obsiegen sehen wollen . Wollte man sagen , daß ich hier als Aristokratin spreche , so würde meine Antwort seyn : » Die größte Aristokratin ist die Kunst selbst , die sich nur in der Region des Idealen bewegen will , weil sie weiß , daß sie , ohne abgeschmackt zu werden , diese Region nicht verlassen kann . « Doch ich lenke wieder ein . Indem ich der Prinzessin gegenüber meine ganze Individualität festhielt , so konnte es schwerlich fehlen , daß , vermöge der achtungsvollen Anhänglichkeit , die sie für mich empfand , von meinem ganzen Wesen sehr viel auf sie überging . Ich möchte nicht sagen , daß ich mich zu ihr herabließ ; dies war durchaus unnöthig , da alle ihre Anlagen von einer solchen Beschaffenheit waren , daß ich sie mit Leichtigkeit zu mir heraufziehen konnte . Es kam dahin , daß wir Studien und Vergnügungen gemein hatten und in einer solchen Harmonie lebten , daß man uns für geborne Schwestern hätte halten können . Im Scherz nannte mich die Prinzessin bisweilen ihren Moritz ; und dies mochte ich auch in der That seyn , wenn nur von dem geistigen Verhältniß die Rede ist , das zwischen ihr und mir statt fand . Ob ich durch Übertragung meiner Eigenthümlichkeit der Prinzessin nützlich oder schädlich wurde , war etwas , woran ich gar nicht denken konnte , da die Verhältnisse , in welche sie zu treten bestimmt war , tief im Hintergrunde lagen ; wenn ich aber auch daran gedacht hätte , so würde mich keine Klugheit abgehalten haben , meinen ganzen Charakter zu behaupten , weil dieser zuletzt doch das Einzige ist , was der Mensch sein nennen kann , und jede künstliche Modifikation desselben baare Narrheit genannt werden muß . Ich habe mich hinterher , ich gestehe es , sehr häufig über die Unbefangenheit gewundert , womit der Fürst seine einzige Tochter eine Entwickelung gewinnen sah , welche sie in ihren künftigen Verhältnissen nur unglücklich machen konnte ; allein mir selbst hab ' ich nie den mindesten Vorwurf darüber gemacht , daß ich die Urheberin dieser Entwickelung war ; denn ehe man mich zur Gesellschaftsdame wählte , hätte man ausmachen sollen , ob meine Wahl nicht schädliche Folgen haben könnte . Es ging hierin , wie es in der Welt gewöhnlich geht : An das Wesentliche dachte man nicht , und nachdem der Schaden einmal geschehen war , konnte er nicht wieder gut gemacht werden . War es aber auch meine oder der Prinzessin Schuld , daß diejenigen , welche , ihrem Stande nach , zu uns hätten passen sollen , als ob sie für uns geboren gewesen wären , nicht zu uns paßten ? Wir konnten unserm Wesen nicht entsagen , ohne uns herabzuwürdigen ; aber diejenigen , mit welchen wir zu schaffen hatten , konnten dies sehr wohl ; und alles Unglück , das uns begegnete , rührte nur daher , daß sie in ihren Gewohnheiten allzu tief versunken waren , um das Edlere und Bessere zu lieben . Ehe ich die Räthsel löse , welche in dem vorhergehenden Abschnitt enthalten sind , muß ich , aus Achtung für die Zeitfolge , noch des Todes meines Pflegevaters erwähnen . Er starb , nachdem ich ungefähr drei Jahre am Hofe gelebt hatte . Über sein Hinscheiden weiß ich nur das zu sagen , daß es das Hinscheiden eines ächten Christen war , der , wenn seine letzte Stunde geschlagen hat , mit Ergebung in den Mittelpunkt der Gesellschaft zurücksinkt , welcher er sich , sein ganzes Leben hindurch , nützlich zu machen gestrebt hat . Das Testament , welches er zurückließ , war ganz eigenthümlichen Inhalts , in sofern er seiner eigenen Schwester den kleinsten , mir hingegen den größten Theil seines Vermögens mit dem Zusatze vermachte , daß davon nie etwas auf seine Verwandten zurückfallen sollte . Ich erbte auf diesem Wege von ihm nicht weniger als dreißigtausend Thaler ; eine ungleich größere Summe , als wofür man sein Vermögen bis dahin angenommen hatte . Das Wahre von der Sache aber war unstreitig , daß die eben genannte Summe nicht zu seinem Vermögen gehörte , sondern ihm nur von denjenigen anvertrauet war , die es für gut befanden , meine Abkunft zu verschleiern . Immer hatte ich so viel gewonnen , daß ich , ohne mein Kapital anzugreifen , von den Zinsen desselben mit Anstand und Freiheit leben konnte . Dies war die Ansicht , welche ich faßte , sobald ich mich über den Hintritt meines Pflegevaters beruhigt hatte ; und dieser Ansicht gemäß nahm ich mir vor , nie zu heirathen , indem ich noch immer daran verzweifelte , einen Mann zu finden , wie der Herr von Z ... gewesen war . Auf meine Verhältnisse am Hofe wirkte die Unabhängigkeit , die ich durch mein Vermögen erworben hatte , nicht weiter zurück ; denn diese waren so gut , als sie werden konnten , da ich mich schon vorher durch meine innere Kraft frei gemacht hatte . Ich war kaum mit meiner Erbschaft im Reinen , als das ... sche Fürstenhaus um die Hand der Prinzessin Caroline für den Erbprinzen Carl werben ließ . Ohne gerade glänzend zu seyn , war dieser Antrag ehrenvoll ; auch wurde er keinesweges zurückgewiesen . Was man von dem Erbprinzen sagte , war so beschaffen , daß er zu den frohesten Erwartungen berechtigte ; man schilderte ihn nämlich als einen schönen jungen Mann von den besten Sitten und den herrlichsten Eigenschaften des Gemüths und des Geistes . Der ganze Hof schätzte die Prinzessin glücklich , einen solchen Bewerber gefunden zu haben ; und sie selbst gab sich der süßen Täuschung , alle ihre Wünsche nach kurzer Frist erfüllt zu sehen , nur allzu bereitwillig hin . Da unser Hof den Rang vor dem ... schen hatte , so wurde nur die Bedingung gemacht , daß der Erbprinz sich in eigner Person bewerben möchte , und diese Bedingung zu erfüllen , erschien derselbe anderthalb Monate darauf . Eine schöne Figur , mit einem Gesichte , dem es weniger an Adel , als an bestimmten Ausdruck fehlte ! So wie sich der Prinz zum erstenmale produzirte , mußte er gefallen . Die Prinzessin Caroline war eben so bezaubert von seinem Betragen , als von seiner Gestalt . Mir entging , bei einer fortgesetzten Aufmerksamkeit auf den Prinzen , nicht , daß eine gewisse Heftigkeit in ihm war , die sich auf den ersten besten Gegenstand wirft , weil sie denjenigen noch nicht gefunden hat , der sie anhaltend beschäftigen könnte ; allein , wie wichtig mir meine Entdeckung um der Prinzessin willen seyn mochte , so hielt ich es doch nicht der Mühe werth , darüber ein Wort fallen zu lassen , da sie einen Fehler betraf , der sehr leicht zu verbessern ist . Die Vermählung würde ohne Carolinens Einwilligung beschlossen und vollzogen worden seyn ; aber dies war so wenig nothwendig , daß in dem vorliegenden Falle das Herz recht eigentlich im Bunde mit der Politik zu seyn schien , oder vielmehr wirklich war . Das Einzige , was die Prinzessin sich ausbedung , war , daß es ihr erlaubt seyn möchte , mich als Gesellschaftsdame mit an den ... schen Hof zu nehmen ; eine Bedingung , die man sehr gern gestattete . Von der Vermählung der Prinzessin , welche einige Monate darauf an unserem Hofe vollzogen wurde , kein Wort ; denn sie war , wie dergleichen immer zu seyn pflegen . Vierzehn Tage darauf erfolgte die Abreise . Während der Reise hatte ich mehr als eine Gelegenheit , die Bemerkung zu machen , daß meine erste Entdeckung in Betreff des Erbprinzen eine sehr richtige gewesen sey , und ich gestehe , daß ich jetzt anders darüber urtheilte , als vorher ; allein wenn mir die Mittheilung meiner Entdeckung früher nicht der Mühe werth geschienen hatte , so war sie jetzt zu spät , und mein Vorsatz konnte kein anderer seyn , als mich mit der größten Behutsamkeit zu betragen , im Fall meine Freundin selbst aus ihrer bisherigen Täuschung erwachen sollte . Diesem Vorsatze gemäß betrug ich mich so , daß ich die junge Fürstin zu keiner Vertraulichkeit aufforderte