Wendung nimmt ! Der Graf war indessen von Rosalien gekommen , und versicherte : sie sey um vieles ruhiger , seit sie Alexis Brief gelesen , den er ihr ohne Rückhalt mitgetheilt habe . Sie gingen insgesammt zu ihr hinein , und fanden sie auf einem Ruhebette , den Brief in der Hand , den sie Rodrich sogleich mit den Worten gab : Sehen Sie , das ist der Fluch , der mich traf , daß mich alles wie eine giftige Blume flieht und ich das Liebste ins Grab stürze ! Rodrich beugte sich in stummen Schmerze über ihre Hand , während sie ihn drängte , folgende Zeilen zu lesen . » Tadlen Sie es nicht , mein gütiger Beschützer , wenn ich so plötzlich aus Ihrem Kreise verschwinde , und mich aufs neue dem ungewissen Spiele des Lebens überlasse . Sie fühlten es wohl eher , wie schwer es dem Menschen wird , von allem was er liebt zu scheiden , und in fremden Herzen die Theilnahme zu suchen , die er in der geliebten Heimath zurückläßt . Aber gewiß , es muß so seyn ! Ich habe lange mit wachen Sinnen die Träume der Kindheit fortgespielt , und meine Arme sehnend nach einem Schattenbilde ausgebreitet . Ein heftiger Sturm zerriß die Nebel . In der Erschütterung findet der Mann sich am ersten wieder . Ich thue endlich , was ich längst gesollt . Nicht jeder darf erwarten , hier seine Wünsche gekrönt zu sehen , und im fruchtlosen Kampfe gegen einen höhern Willen ermatten die besten Kräfte . Vielleicht war ich überall zu schweren Opfern bestimmt , vielleicht sollte ich das irdische Daseyn hinwerfen , um mich selbst zu behaupten ! Ich folge der innern Stimme , und eile , meines Heilandes Ruhm auf fernen Küsten zu verbreiten oder unterzugehen . Tragen meine Wünsche mich einst zu Rosaliens Füßen , so wird sie den Helden im Märtyrer ehren , und ihm die Achtung wiederschenken , die sie dem schwankenden Jünglinge versagte . Ach , mein geliebter Vater , könnte ich an ihrem Herzen alle Liebe und alle Sehnsucht ausweinen , und Ihren Seegen mit in die dunkle Zukunft nehmen ! Aber ich soll Sie nicht mehr sehen ! Ich muß , ich muß fort ! Ewig der Ihrige . Alexis . « Ich hätte es wissen sollen , sagte Rosalie , wie das zurückgeschreckte Gefühl immer das Äußerste ergreift und sich selbst in der verlornen Hoffnung vernichtet . Aber ich kannte nur den eignen Schmerz und sah überall nichts als den Spott eines höhnenden Schicksals ! - Warum mußte ich auch gerade da mit dieser ängstigenden Beständigkeit geliebt werden , wo mein Herz unverändert schwieg ! Die Gräfinn die nur froh war , daß Rosalie wieder sprach , und im eignen Unglück Trost und Entschuldigung für Alexis Schmerzen suchte , fragte begierig , wie es zugegangen sey , daß der Ritter bei so viel Liebenswürdigkeit und einem fast demüthigen Hingeben auch in frühern Kinderjahren nie einen günstigen Eindruck auf sie habe machen können ? Ich weiß nicht , erwiederte Rosalie , warum mir die Wünsche meiner Mutter , die Alexis sehr liebte , und die kleinen Neckereien meiner Gespielinnen , ehe ich sie noch ganz verstand , Widerwillen erregten , und ich ein Glück verschmähete , das mir von allen Seiten gezeigt ward . Das frei ausströmende Gefühl hätte sich vielleicht dahin gerichtet , wohin man es absichtlich zu lenken suchte ; allein jeder Schein von Zwang empört ein jugendliches Herz , und ich betrübte oft die gütige Mutter durch einen Widerstand , in welchem sie mehr Eigensinn als Abneigung erblickte . Ach , und sähe sie mich jetzt ! Verstoßen , zernichtet den Unglücklichen , den sie beschützte , elend durch mich , die ihn beglücken sollte ! War es doch von jeher mein Loos , die Erwartungen derer zu täuschen , die mit voller Seele an mir hingen ! Welche Mutter , sagte Stephano , darf auch hoffen ihre frommen Wünsche gekrönt zu sehen ? Darum blicken wir so wehmüthig auf unsre Kindheit zurück , weil der einsame Mensch die goldnen Träume wieder erkennt , die seine Wiege umflatterten , und das Paradies , das ihm in der mütterlichen Liebe erblühete , so unschuldig aus den Trümmern eines zerbrochnen Lebens hervorsieht ! Rosalie , die aufgestanden war , trat zum Clavier und sang folgendes Lied : Hier im Walde , süßes Leben , Hier im Walde ruhe sanft ; Sieh , es neigen sich die Zweige , Flechten dir ein Blüthendach . Und es rauschen durch die Blätter , Von den Lüften angefacht , Linde Töne , dich zu wiegen In den lang ersehnten Schlaf . Will dich auf den Rasen betten , An der frischen Quelle Rand ; Wächter sind dir meine Sorgen Schutz und Wehr , der Mutter Arm . Blumen sprießen aus der Erde , Hüllen dich in farb ' ge Pracht , Und die zarten Düfte weben Luft ' ge Schleier um dein Haar . Wie sich schon die Augen schließen , Und der Wimpern dunkles Schwarz , Auf dem ros ' gen Hauch der Wangen , Athmend auf und nieder wallt . Reitzend schmiegen sich die Glieder Wie Crystalle licht und klar Auf dem frischen Blüthenteppich , Schimmernd in der Sterne Glanz . Lößt sich doch mein ganzes Innre , Seh ich dich so reich begabt ; Und die Freudenthränen fließen Auf dich Engelsbild herab . Jesus , schreit das Kind im Traume , Jesus , sieh das Schlangenpaar , Wie es sich durch Blumen windend , Drohend aus dem Dickicht nah ' t. Mutter , nun hat ' s mich ergriffen , Sieh die Ringel um den Hals ; Blut ' ge Thränen muß ich weinen , Wie es mich am Herzen faßt . Schlangen , Kind , sind goldne Reisen , Sagt sie lächelnd , küßt es wach , Und die Thränen deuten Perlen , Dich zu schmücken am Altar . Sinnend ging das Kind von dannen , Bis es Traum und Wald vergaß . Ach ihm zeigte bald das Leben , Was die flücht ' ge Ahnung war . Alle fühlten sich auf eine eigene Weise durch das Lied bewegt . Selbst die Gräfinn gedachte mit Rührung einzelner vorüberrauschender Anklänge ihrer Kindheit , und fühlte zum erstenmal schmerzlich , niemand zu haben , in dessen aufblühendem Daseyn sie jene entschwundene Hoffnungen und Freuden wiederfände . - Ganz anders blickte Rodrich auf sein verlassenes Leben ! Hatte je eine Mutter Freudenthränen auf sein kümmerliches Lager vergossen ? oder waren die matten Wünsche eines sterbenden Greises die einzigen Segnungen , die für ihn zum Himmel stiegen ? Warum mußte er unter Tausenden so loßgerissen und verlassen da stehn ! Was war alle Theilnahme fremder Menschen gegen das innige Zusammenhalten , das Ineinanderströmen aller Gefühle einer Familie ! Ach , und wie durfte der Glückliche klagen , der in der bedrängten Gegenwart noch die Erinnerungen seeliger Vergangenheit rettete . War er nicht überall , auch an Florio ' s Seite , ein Fremdling gewesen ? und sah ihn die sorgsame Mutter aus ihrem Kreise treten ? Drängt mich , fragte er sich bitter , das Schicksal etwa darum so gewaltsam in mich selbst zurück , daß die riesenhaften Wünsche übermäßig emporschießen und ich die Welt wie ein Atlas auf meinen Schultern tragen soll ? Die innern Schatten gingen über sein düsteres Gesicht , und Seraphine , die ihn eine Zeit lang angeblickt , sagte lächelnd : mir wird fast bange in dieser trüben Gesellschaft . Kinder , ich bitte Euch , laßt uns nur einmal wieder aus voller Seele lachen und aller störenden Erinnerungen vergessen ! Was hülfe das , sagte Rosalie , der Schmerz lebt immer wieder auf , man wird ihn trotz allem Widerstande niemals los . Sagen Sie das nicht , erwiederte Stephano , es ist entweder überall , oder nirgend Glückseligkeit zu finden . Wie verstehen Sie das ? fragte Rosalie . - Ich meine , erwiederte er , wer es dahin gebracht hat , die Bedeutung jeder Störung zu ahnen , müsse die innere Harmonie sogleich wiederherstellen und über jeder momentanen Unterbrechung schweben können . Das kann nur die Unschuld , oder die göttliche Weisheit , erwiederte Rosalie , was dazwischen liegt , wird gleich einem Ball hin und her getrieben , und erliegt endlich der steten Anstrengung . Ach , und sagte nicht der Heiland am Kreutze : Herr , wenn es seyn kann , so laß diesen Kelch an mir vorübergehen ! Warum sollten wir uns mit einer störrigen Tugend brüsten , die jeder irgend einmal verleugnet . Es ist doch eigen , sagte der Graf , der während dem nachdenkend auf und ab gegangen war , wie Familienähnlichkeiten so wiederkehren . Ich hatte einen ältern Bruder , den mir Alexis lebhaft zurückruft . Er verschwand einem Freunde zu Liebe aus der Welt , und sein verschollnes Andenken lebt nur noch in meiner Brust . Wir beide , setzte er hinzu , erregten den Zorn der Geistlichkeit , weil wir der Kirche einen Diener entzogen , weshalb ich auch mein Vaterland niemals wiedersah ! Auch Alexis Mutter traf das Schicksal ihrer Brüder . Eine schnell vollzogene Heirath rettete sie nur vor kränkenden Verfolgungen . So gewiß ist es , sagte er halb vor sich , daß der Einzelne , wie er sich selbst ungetreu wird , alle Andre mit ins Verderben zieht . - Die Zeit , fuhr er nach einer Weile fort , hatte nach und nach einen Theil unsrer zerstreuten Familie hier wieder versammelt , und wer weiß , wo wir noch einst den theuren Jüngling antreffen ! In der geliebten Heimath , mein Vater , sagte Rosalie , wo die beruhigten Herzen still an einander schlagen und alle Wünsche sich in einer seligen Umarmung auflösen . Der Graf blickte wehmüthig auf ihr bleiches Gesicht und drückte sie schweigend an die Brust . Vergebens hatte Seraphine wiederholt gesucht das Gespräch auf freudigere Gegenstände zu lenken ; sie stand endlich ermüdet auf , und begann hunderterlei kleine Geschäfte , wobei sie unruhig nach der Uhr sah und jedem vorüberrollenden Wagen verlangende Blicke nachsandte . Rosalie , die es bemerkte , sagte endlich : Geliebte Seraphine , Ihre Wünsche tragen Sie nach dem Schauspiel . Lassen Sie doch , um alles , durch mich die gewohnte Lebensweise nicht unterbrechen ; ich wäre sehr unglücklich , wenn meine Gegenwart auch Ihre schuldlosen Freuden trübte . Und glauben Sie nur , setzte sie hinzu , als die Gräfinn im Begriff war , den Vorschlag abzulehnen , ich bedarf der einsamen Stunden , um mich zu sammeln , und Ihnen Allen ein heitres Gesicht zu zeigen . Der Graf war Rosaliens Meinung , und fand es um so nothwendiger , gerade heute öffentlich zu erscheinen , um des Ritters schneller Abreise den Anschein des Gewöhnlichen und Vorhergesehenen zu geben . Du weißt , sagte er , wie sehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf unser Haus , als Fremdlinge und Anhänger der neuen herzoglichen Familie , gerichtet ist , und wie oft man sich schon der innern Störungen gefreut hat . Seraphine sah ihre Wünsche gern durch so triftige Gründe gerechtfertigt und lud Rodrich und Stephano ein , sie zu ihrer Loge zu begleiten . Rosalie reichte ihnen beim Abschiede die Hand , und sagte gerührt : geht nur , Ihr Glücklichen , die noch alles freut und jede neue Lust eine frohe Zukunft voraussagt ; was Euch bewegt , glühete auch einmal in diesem verödeten Herzen ! Als ihr Wagen an den Fenstern vorüberrollte , wo die einsame Rosalie wie ein Marmorbild an einer Säule lehnte , hub der Graf an : Wenn ich nur begreifen könnte , wie das tiefe Gefühl der Frauen so oft der kalten herzlosen Eitelkeit der Männer erliegt , und ihre leidenschaftliche Ausdauer allein das matte Spiel erhält . Dieser Ludovico war ein feiner , anmuthiger Jüngling , voll kleiner Talente für die Gesellschaft , geschmeidig , hingebend , ohne Liebe und ohne Haß , leidenschaftlich , so viel es braucht um ein Weiberherz zu berücken , doch ohne Zärtlichkeit und Mitgefühl . Er wählte Rosalien , wie er jede Andre gewählt haben würde , und verließ sie eben so . Er folgte auch hier nur den willenlosen Regungen verzärtelter Herzen , und wollte ihr eigentlich nicht wehe thun . Er meinte , es solle sich alles so fügen , und es ist wohl nicht unbedeutend , wie das Schicksal so kurzsichtiger Plane spottet . Der lächelnde , schwankende Ludovico , der nichts als gefallen und der herrschenden Meinung jedes Opfer bringen wollte , mußte die unsichre Hand in das edelste Blut tauchen und scheu das Vaterland fliehen . Es ist unbegreiflich , sagte Rodrich , wie Rosaliens hohe Natur sich bis zu ihm neigen konnte ! Die gänzliche Charakterlosigkeit , erwiederte Stephano , hat dies mit der reichsten Fülle gemein , daß sich in beiden die ganze Welt spiegelt . Frauen wollen in der Regel im Einzelnen das Ganze umfassen . In der gränzenlosesten Hingebung vergessen sie , daß sich der leere Grund flacher Seelen wie eine Schraube nach allen Seiten dreht , und nur den Schein des Bildes aufnimmt . Erwägen Sie noch , sagte die Gräfinn , daß der erste Blick , der ein unbewachtes Herz berührt , für das ganze Leben entscheidet , und die spätere Überlegung jenes Zusammenfallen keimender Gefühle nicht wieder aufhebt . Tiefen Gemüthern bleibt dann der Schmerz , indessen Leichtgesinntere mit der Liebe spielen , oder sie , wie ein verzehrendes Gift scheuen . Eine flüchtige Röthe überzog bei diesen Worten ihr Gesicht . O , sagte sie schnell , als der Graf ihr lächelnd die Hand reichte : gedankenlose Tändeleien gehören nicht hieher . Ich bin leicht über das Leben hingegangen , ohne je meine Eigenthümlichkeit einzubüßen , und was mir Eitelkeit als wahr aufdringen wollte , habe ich bald gegen etwas edleres vertauscht , setzte sie schmeichelnd hinzu , und hüpfte , als der Wagen eben hielt , zu dem breiten schönen Portal hinein , an dessen Eingang der Gelehrte stand , und ihnen sagte , daß der Herzog oben und das Spiel bereits angefangen sei . Was wird denn gegeben , fragte Seraphine gleichgültig ? Alle lachten , daß Niemand bisher daran gedacht hatte , und als der Gelehrte Macbeth nannte , sagte die Gräfinn , ich hätte so etwas erwarten können , da der Herzog zugegen ist . Liebt er das Tragische so ausschließend , fragte Rodrich ? Ich weiß nicht , erwiederte Seraphine , allein es ist , als wolle er sich an den Riesengestalten aufrichten , und als bedürfe er es , alle Schauer der Hölle außer sich zu sehen , um innerlich ruhiger zu werden . Wieder das alte Mißtrauen , rief der Graf unwillig ; ich dächte , vorherrschende Neigungen sollten in Dir eine billige Richterinn finden . Nun mindestens , erwiederte sie , wollen die schlaffen Sinne durch eine derbe Erschütterung gehoben seyn , denn so außer allem Zusammenhange mit dem übrigen Menschen stehen seine Neigungen doch wohl nicht . Ich weiß nicht , sagte der Gelehrte , ob die Sehnsucht nach dem Gediegenen , in sich Feststehenden , gerade von einer kraftlosen Seele zeugt , oder ob nicht vielmehr dies Bedürfniß selbst schon erweckte Kraft ist , die sich nach einem Wiederschein von außen sehnt . Auch für Sie , sagte die Gräfinn lachend , ist es genug , daß man den nordischen Dichter liebt , um etwas Edles in dieser Vorliebe zu finden ! Gewiß , erwiederte er , sind es nur befangene Menschen , die sich in ihm so wenig als in der reichen Gestaltung der Natur finden können . Das Nationale der Farbenmischung , so wie alles dasjenige , was dem Zeitmoment angehört , sollte billig für Niemand eine Störung seyn , der die mannichfache Bedeutung der Natur aufsucht . Und wie Shakespear auch in der blos äußern Darstellung frühere Zeitalter verstand , wie südliche Gluth in ihrer höchsten Fülle , in der zartesten Lieblichkeit ihn durchdrangen , das sehen wir in den historischen Stücken und in Romeo und Julie . Sie traten jetzt in die Loge , und Rodrich ward durch den Anblick der wogenden schimmernden Menge , die das weite Haus umfaßte , wie durch den Glanz der herzoglichen Umgebungen angenehm überrascht . Er kannte bis jetzt nur einzelne herumziehende Truppen , und der hohe Maaßstab römischer Amphitheater war zu dem beschränkten Raum elender Breterbuden zusammen geschrumpft . Jetzt eröffnete sich ihm ein neuer ungeahneter Genuß . Vergangenheit und Gegenwart traten lebendig vor ihn hin und rissen ihn unaufhaltsam fort . Die Schauspielerinn , welche Lady Macbeth darstellte , spielte mit einer erschütternden Wahrheit . Rodrich fühlte die Gewalt , mit welcher sie den in seiner Grausamkeit schwankenden Gemahl zum Ziele riß . Und als nun die That geschehen war , und die freche Sünde noch einmal mit der Reue stritt , bis diese sie gespenstisch anfaßte und der bleiche Tod auf den starren Zügen lag , da überfiel ihn eine Angst , daß er kaum aufzublicken wagte . Um sie los zu werden , theilte er Macbeths Trotz , und focht in Gedanken für ihn um den Thron , bis sein blutiges Haupt die furchtbare Prophezeyung löste und das Verderben der Rache die Hand bot . Rodrich saß mit klopfendem Herzen da , auf allen Gesichtern lag Entsetzen . Zufällig blickte er nach der herzoglichen Loge . Die tief gebrannten Lichter warfen unsichere Schatten , ihm war als schwankte der Herzog und wolle niederfallen , unwillkührlich sprang er auf , als ihn Seraphine bei der Hand faßte , und unruhig sagte : Lassen Sie uns fortgehen , die blutigen Gestalten ängsten mich . Fühlen Sie wohl , sagte der Gelehrte , wie ächte Poesie durch alle Zeiten fortschreitet und nach Jahrhunderten die innere Wahrheit sich in aller Herzen behauptet . Ich wünschte , sagte die Gräfinn , sie nahete sich in freundlichern Gebilden ; diese Verzerrungen bemächtigen sich wohl des Gefühls , lassen aber eine widrige Störung zurück . Es kommt darauf an , erwiederte er , ob man bei dieser stehen bleibt , oder bis zur Idee des Gedichts hindurchdringt . Das Laster in dem verblichnen Schein mattherziger Tugend auftreten zu lassen , so wie das Verbrechen auf den halben Weg zu führen , um ein verpfuschtes Leben durch ohnmächtiges Wollen und thörichtes Vollbringen zu verwirren , das war jenen frühern Dichtern fremd , die alles scharf und bestimmt außer sich hinstellten , und wie die Urkräfte der Natur das Chaos gewaltsam durchbrachen . - Das mag seyn , sagte die Gräfinn , aber wir sind längst über den Zeitpunkt hinaus , wo das rohe Walten jener Kräfte dem Menschen so nahe lag , daß er sein eignes Daseyn darin wiederfand , und wie Sie es auch stellen mögen , die Erscheinungen heutiger Zeit sind dennoch milder , beruhigender , kurz unserm Herzen verwandter . Je beschränkter der Kreis , erwiederte der Gelehrte , je näher berühren sich die Gegenstände , und dem ohngeachtet , könnten Sie plötzlich das allgemeine Band einengender Rücksichten von den Herzen der Menschen lösen , und mit ihm den Schein des Gleichartigen weghauchen , Sie würden jetzt , wie damals , das Hohe vom Niedern getrennt im schärfsten Gegensatze erblicken . Daß so oft das einzelne Große in der allgemeinen Nichtigkeit verschwimmt , daß liegt nicht sowohl daran , daß die Menschen nicht können , was sie wollen , sondern daß sie nicht wollen , was sie können . Nun , erwiederte Seraphine , ich kann und will Ihnen gute Nacht sagen und dem langweiligen Streite ein Ende machen , wo jeder Recht behält ; denn ich will nun einmal nicht die lustige Gegenwart für jene halb verwischte , unkenntlich gewordene Bilder der Vergangenheit hingeben . Wer so frisch und lebendig in ihr erscheint und alles um sich her verschönt , sagte der Gelehrte , der hätte auch Unrecht , eine so reitzende Einheit zu unterbrechen . Gottlob ! sagte sie lachend , Sie ersetzen mir den Ritter ; nun , wir wollen bald mehr streiten , jetzt schlafen Sie wohl . Sie eilte an des Grafen Arm zum Wagen , und ließ Rodrich mit den beiden Andern zurück , die das Gespräch noch weiter fortsetzten . Sie verkennen in der That das Streben heutiger Welt , sagte Stephano , das sich gerade in der allgemeinen Verwirrung darthut . Sehen Sie denn nicht den Wunsch alles zu umfassen , sowohl aus dunklen als erkannten Regungen hervorleuchten . Und ist es nicht natürlich , daß , seit die Richtungen mannichfacher wurden , der Einzelne den aufgeschloßnen Weg nicht mehr so streng verfolgt , sondern sich nach allen Seiten neigt und die Kräfte auf tausend Weisen übt . Mich dünkt aber , sagte Rodrich , der erweiterte Kreis werde den innern Reichthum nicht schmälern , so bald ein fester Punkt da ist , wohin man zurückkehrt , und es ist ja nach früher geäußerten Grundsätzen auch wohl Ihre Meinung , daß darin die Consequenz der Allseitigkeit bestehe , in Vielem das Eine aufzusuchen und zu reflektiren . Ganz richtig , erwiederte Stephano , aber dies Eine ist jetzt nicht sowohl der Mensch , als die Menschheit überhaupt . Dasselbe , sagte der Gelehrte , war weit früher und auf eine weit würdigere Weise die Tendenz des Christenthums , und ist die Aufopferung des Individuums im Staale bei den Römern etwas anderes ? Ganz gewiß , erwiederte Stephano , denn Christenthum und Römischer Staat sind zwei abstrakte Begriffe , die sich in der Idee der Menschheit erst auffinden . Daher die Einseitigkeit , zu der beide ausarteten . Und was ist denn die jetzige Universalität ? fragte der Gelehrte . Ich sage nicht , daß sie überall schon etwas ist , erwiederte Stephano , allein man darf ahnen , wohin alles führt . Manches Licht glüht im Verborgnen , und - ein zerlumpter Knabe nahete sich hier mit einer Laterne , und fragte , ob er ihnen zu Hause leuchten sollte . Sie sahen mit Erstaunen , wie das alles leer und dunkel um sie war . Der wieder aufgezogene Vorhang zeigte ihnen die erloschnen Lampen , und schmutziges Gesindel , das den Weihkessel der Prophetinnen , Birnams Wald und Maebeths blutiges Schwerdt hin und her zerrte . Das nackte Gerüst blickte sie frostig nach dem lebendigen Spiele an , der Zugwind strich durch die geöffneten Thüren und bewegte die halb sichtbare Thalia auf dem Vorhange schauerlich hin und her , das letzte Licht erlosch und sie mußten des Knaben Anerbieten benutzen , um die langen Gänge hindurch zu finden . Schweigend begrüßten sie einander im Vorhofe , und jeder ging den eignen Weg . In Rodrichs Seele stiegen dunkle Ahnungen auf , und kämpften mit dem unbezwinglichen Drange nach Größe und Herrlichkeit . Was ist es denn mit den Wünschen der Menschen , sagte er muthlos , wenn ihn am Ziele die vergeudete Kraft und die hingeworfene Blüthen unter Trümmern eines gescheiterten Glückes begraben , und alles was ihn hier bewegte , in einen erstarrten Blutstropfen zusammendringt ! Und wird nicht einem jeden , wenn die Jugend zerronnen und der frische Glanz verblichen ist , die Wirklichkeit wie ein Gerippe erscheinen ? Thäte man denn nicht besser , sich langsam vom Strom dahin treiben zu lassen , wohin man doch einmal gelangt , als mit ängstlicher Hast die wohlthätige Trägheit der Zeit zu beflügeln ? Hier ging ein Mädchen mit einer Cyther vorbei , von deren vorüberrauschendem Gesange er nur folgende Worte erhaschte : Laß die Schatten zieh ' n und wandeln , Flüchtig Spiel fand nimmer Stillstand , Wünsche wechseln wie Gedanken , Bleibend Licht erfreut hier Niemand . Leben ist ein streitend Lieben , Lieb ' im Streit des Lebens Anfang , Wie sich Muth und Kraft entbinden , Strömt erst siegend kühler Balsam . Die schlanke Gestalt hüpfte so leicht über die Straße hinweg , während sie mit den zierlichsten Bewegungen den Takt der Musik angab , daß ihr Rodrich noch lange nachsah , als die Töne schon in der Ferne verhallten , und er nur noch ganz schwach » Leben ist ein streitend Lieben « zu hören glaubte , Worte die sein Herz mit der wehmüthigsten Sehnsucht erfüllten . Er konnte sich viele Tage hindurch nicht wiederfinden , und die Geschäfte seines neuen Berufs ermüdeten ihn zum erstenmale , statt ihn aufzurichten , selbst der Ernst des Grafen schien ihm erkünstelt , wie das ganze Treiben zwecklos . Die weite Aussicht einer thatenreichen Zukunft beschränkte sich immer mehr auf einzelne wiederholte Uebungen , die mit dem Reitz der Neuheit auch jede anregende Kraft verloren . Rücksichten , die er früher nicht geachtet , dünkten ihn jetzt lästig . Ja ihm war , als schlänge sich die Kette des Alltäglichen immer fester um ihn herum , und werde ihm zuletzt jede freie Bewegung rauben . Die behagliche Wohlhabenheit seiner Lage achtete er nicht mehr , seit er sie besaß . Der üppige Erguß des Glückes hatte ihn überfüllt , und er betrachtete die Welt wie jemand , der in der aufblühenden Jungfrau die erstorbenen Züge der Matrone erblickt . Die innere Unzufriedenheit wuchs , da er immer auf demselben Punkt blieb , und nirgends einen Fortgang sah . So lange er der Kunst gelebt , erkannte er einen großen Zweck , dem er kräftig entgegenarbeitete . Was er damals suchte , war ihm plötzlich nahe getreten , er hatte es erfaßt , und glaubte mit einem raschen Anlauf das höchste Ziel zu erschwingen . Jetzt ging alles den gewöhnlichen Gang , und was er wünschte und haßte , was er früher geträumt , schwebte in verworrenen Bildern vor Ihm her , und verfinsterte seinen Weg . Oft wollte er sich Stephand entdecken , allein ihn schreckte sein kalter Blick und die Verstandesruhe , mit welcher er über menschliche Verhältnisse hinaussah . Rosalie war krank , und ließ Niemand vor sich . Seraphine hatte einigemal sein langweiliges Gesicht belacht , er verlor die Lust an ihrer Gesellschaft , seit er aufgehört hatte , ihr neu und interessant zu seyn . So verflossen ihm mehrere Wochen . Die wechselnden Gegenstände erregten seine Aufmerksamkeit nur schwach , und er selbst ging unbeachtet als eine gewohnte Erscheinung an den Menschen hin . Einst als ihn ein langer Spatziergang vor dem alten Schlosse vorüberführte , gedachte er jenes Abends mit neuer Rührung . Rosaliens Bild schwebte auf dem Altane , er begriff nicht , wie er es je verkannt hatte , daß sie in seinem Herzen lebe und ihn von der Welt entfernt habe , wo er sie längst nicht mehr fand . Alexis plötzliches Verschwinden hatte auch jene frühere Eindrücke betäubt , und die Worte der kleinen Sängerinn verwirrten seine Gefühle , statt sie zu entfalten . Jetzt war ihm alles so klar , er fühlte es bestimmt , daß sie es war , die ihm fehlte . Voll heitrer Erwartungen wandte er sich zur Stadt . Er wollte sogleich zu ihr gehen , sie sollte in dem milden Schein der zartesten Liebe genesen ; nie , das gelobte er sich , dürfe ein kühnes Wort ihr Gefühl verletzen . Im Verborgnen solle die Blüthe reifen und einst die innigste Treue lohnen . Alles schien ihm leicht und sicher . Sein Inneres wogte wie die reichen Kornfelder , die er froh durchstrich . Er blickte heiter um sich her . Ueberall ruhete ein seliges Schweigen , man hörte nur das Flistern der vollen Aehren , die sich leise zu einander neigten ; die ganze Flur schwamm im klaren Sonnenlichte und die hochrothen Dächer der Stadt glüheten wie eine Purpurwolke . Ihm war fast wie an jenem Morgen , da er das Kloster verließ , nur fühlte er sich stiller , die Welt hatte andre Erwartungen in ihm erregt , und er lauschte sehnend auf jeden Athemzug der Freude . In dieser weichen , zärtlichen Stimmung , trat er unter die Platanen , wo er Seraphinen bei ihren Blumen antraf . Kommen Sie Rosalien Glück zu wünschen ? fragte sie heiter , ihr die den ersten Tag außer dem Bette zubrachte , und wieder Zerstreuung sucht und findet . Gehen Sie nur hinein , sie wird Sie gern empfangen . Es war ihm nicht eingefallen , daß Rosalie für ihn nicht sichtbar und fortwährend krank seyn könnte , und dennoch ward er durch die Nachricht ihres Wohlseyns überrascht , und sah sie als eine günstige Vorbedeutung seiner Wünsche an . Er fand Rosalien schöner als jemals . Das zarteste Weiß umfloß wie ein Hauch die edle Gestalt . Sie saß an einem offnen Fenster und freuete sich der milden Luft , die mit ihrem Haar spielte . Die untergehende Sonne spiegelte sich in dem Strom und färbte mit den letzten Strahlen die bleiche Wange der Kranken . Vor ihr stand ein offnes Kästchen , in welchem sie beschäftigt war Briefe zu ordnen . Helfen Sie mir , sagte sie lächelnd , meine Liebe zu Grabe tragen . Diesen Schatz will ich in die Erde versenken , damit kommende Geschlechter sehen , wie geschickt man einst heimlich zu morden wußte . Nein , fuhr sie nach einer Weile fort , Niemand ward je so unerhört betrogen ! Lesen Sie , ich bitte Sie , lesen Sie diese beiden Briefe , sie sind um wenige Tage aus einander . Ach Gott , ich müßte Ihnen wohl mehr sagen ! nun ja - Sie wissen , ich liebte - ein Strom von Thränen benetzte ihr Gesicht ; ach , ich habe ihn unbeschreiblich geliebt , sagte sie wehmüthig ; unbeschreiblich ! Wenn ich der ersten süßen Regungen gedenke , wie alles so friedlich war und die bescheidnen Wünsche mich in selige Träume wiegten , und wie dann plötzlich alles die Gränzen überschritt und die gewichtige Leidenschaft die heiligsten Bande zerriß ! Rodrich war in der peinlichsten Lage . Diesen Beweis ihres Vertrauens hätte er gerade heute gern entbehrt , und