Wesen , über alles hinwegtrat ! « » Das war nur für die Welt ! « sagte ein Stutzer ; » unter vier Augen , ich versichre auf Ehre , war sie nichts weniger , als spröde ! « » Sie soll von Zwillingen entbunden seyn ! « sagte eine paußbackigte Räthin . » Allerliebste Buben ! ich versichere . Sie sind bei einer Muhme von der Muhme meiner Kammerfrau in Kost ! « antwortete das Weib eines Oberpriesters . » Wer war an Allem Schuld , als die gelehrte Närrin , ihre Mutter , die durchaus ein kleines Wunder haben wollte ! Zu der Zeit ihrer Geburt raunte man sich seltsame Dinge zu ! « sagte wieder Einer . Das Täubchen ächzete leise , und schlug die Flügel einigemal , wie wenn sie die Arme zum Himmel ausbreiten wollte , um Sühne des Vergangenen herabzuflehen . Die Prinzessin litt unsäglich . Sie hörte sich schmähen , schändlich verleumden , ihre wirklichen und angedichteten Fehler aufs Bitterste herrechnen . Die Operation war schmerzlich , aber sie bewirkte eine gründliche Kur . Sie hörte , duldete und schwieg ! - Jetzt nahte sich ihr eine junge Dame , die sie oft ihren ganzen Übermuth hatte fühlen lassen , weil sie diese schlichte , unverkünstelte Natur für Beschränkung hielt . » Was werd ' ich nun hören ! « sagte sich die Prinzessin . Ihr Herz schlug fast hörbar unter dem Marmor . » Gewiß , meine Damen ! « sagte Eliante , » Sie tadeln die Prinzessin höchst unbillig . Sie war , wo möglich , schöner noch , als dies Marmorgebilde . Sie war meine Freundin nie , so gern ich die ihrige geworden wäre . Denn hinter jener unglücklichen Verbildung , welche die Folge einer schiefen Ansicht ihrer Mutter war , schlummerten hundert schöne Anlagen . Ich , an meinem Theile , habe sie nimmer gehaßt , so tief sie mich auch kränkte . « » Sie haben recht , Eliante ! « sagte ein stattlicher Herr ; » die arme Prinzessin wurde zu viel erzogen . Die schwerfälligste Schmeichelei umgab schon ihre Wiege . Sie hat nie durch die Gelehrsamkeit bis zum Menschen durchdringen können . « - Das Täubchen bewegte immerfort die Flügel und gurrte . Man fand es auffallend , daß das Sinnbild treuer Liebe auf dem kalten Marmor hause . So vergingen der Prinzessin Tage und Wochen , und die Fee ließ sich immer noch nicht weder sehen , noch hören . Fast erlag sie unter der Last unerhörter Schmähungen . Was die Großen so selten glauben , hörte sie jetzt mit eignen Ohren : daß dem Publiko keine einzige ihrer noch so geheim gehaltenen Handlungen entgehet ; daß ihre Schiefheiten scharf bemerkt , das Gute aber nur entstellt und im verjüngten Maaßstabe erwähnt wird . Der Strom verlief sich endlich ; man fand es gar nicht mehr amüsant , in die Ausstellung zu gehen ; denn endlich trafen sich immer dieselben Gesichter wieder . Überdem war in der Stadt ein Hundetheater eröffnet , wohin die schöne Welt ihre , ihr so lästige , Zeit zu tödten ging . Alle Pfeile der Schmähsucht waren nun auf die arme steinerne Dame verschossen , und sie hatte in edler Selbstüberwindung verharrt , keinen Seufzer gespendet , kein Ach ! kein Oh ! vernehmen lassen . - Die Fee erschien ! Sophia1 , deine Klugheit macht dich fortan dieses Namens , womit ich dich beehre , werth . - Sophia , du hast nun in kurzer Frist ein Leben voll Erfahrung gewonnen . - Gehe hervor , und benutze sie redlich ! « Ein Donner endete die Metamorphose . Sophia ging wie ein stralender Stern hinter einer Wolke , aus ihrer Marmorhülle hervor . Die Duegnen und Zofen quikten vor Schreck , und die Hofdamen lagen reihenweise in Ohnmacht , wobei keine an Attitüde oder Faltenwurf gedacht hatte ; denn es kamen wirklich ganz curiose Stellungen zum Vorschein . Die Höflinge waren , sich mechanisch verbeugend , erstarrt mit krummen Rücken stehen geblieben und erwarteten ihr Urtheil . Sophia war nun ihre Königin , und sagte , statt zu strafen , allen Huld und Gnade zu ; nur die Schmeichelei lag unter dem strengsten Bannfluche . Die Lehre , die sie bekommen hatte , wirkte bis auf ' s Mark bei ihr . Eliante wurde ihre theuerste Freundin , und der stattliche Herr , der mit Elianten gesprochen hatte , ihr Rathgeber und Führer . Doch blieb die Waldmutter immer die erste Instanz . Lange noch blieb Sentimentale eine Taube , weil sie sich selbst unter dieser zarten Gestalt gefiel und die ewigen Liebkosungen ihr wohl thaten . Nur nach und nach bequemte sie sich wieder zur menschlichen Gestalt ; doch behielt sie am längsten die Flügel . Ihr zu Ehren , trugen nun alle Damen Chemisen à la Sentimentale , von welchen sie sich bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz haben befreien können ; sie bedienen sich ihrer , wie man sagt , zum rastlosen Umherflattern . Das soll aber auch das Einzige seyn , was sie von der Tauben-Natur sich angeeignet haben . Die Waldmutter freute sich nun ihres Werkes , und brachte viel Zeit an diesem Hofe zu , wo sie das Amt eines geheimen Archivarius verwaltete . » Du mußt dich vermählen ! « sagte sie einst zu Sophien . - » Ich habe gewählt , Mutter ! Er ist es werth ! « - Bescheiden erröthend reichte Sophia dem Sohne ihres alten Freundes und Rathgebers , einem Edlen des Landes , die Hand ; und so machte sie an der Hand der Erfahrung , der Weisheit und Freundschaft , ihre Staaten zu den glücklichsten , welche je die Sonne beschien . - Siebentes Kapitel Wir haben diese Kleinigkeit , die Albert der Kritik des Klubbs zum Besten gab , in einer unabgebrochenen Folge hergesetzt ; Er selbst las sie in drei Abenden . Onkel Dämmrig amüsirte es trefflich ; er rieb oft während des Lesens die Hände und rief : » Köstlich ! Deliziös ! Da habt ihr ' s ! « - Die Damen hingegen sahen oft betroffen und etwas einfältig aus . Aber Wassermann warf sich mit Wuth darüber her und kunstrichterte ohne Schonung . Weil nun dieser Kleinigkeit gar kein Werth beigelegt wird , wiederholen wir hier nicht Wassermanns Kritik , da sie ohnehin ihren Richtern , sammt den Wassermännern und Vadiussen nicht entgehen wird . Vadius , der Allgefällige , wußte freilich nicht so recht , nach welchem Winde er den Mantel drehen müsse ; indeß ließ Albert sie machen , und antwortete bloß der Tante Elisa , als sie ihn freundlich fragte : » Aber , mein Herr von Ulmenhorst , es scheint in der That , als wären Sie der weiblichen höhern Kultur sehr abhold ? « - » Der unzweckmäßigen und verschrobenen von ganzem Herzen ; denn nie geschah der ächten Bildung so viel Abbruch , als durch diese . Überhaupt gebe ich für die ganze weibliche Verstandesbildung keine Priese Tabak , wenn sie ein Spiel der Eitelkeit ist und nicht Karakterbildung wird . « - Laurette maulte . Albertine sah unbefangen drein , und bemerkte es auch nicht , daß Albert ihr bei seiner letzten Äußerung einen wohlgefälligen Blick zugeschickt hatte . Albertine war eines häuslichen Geschäfts wegen abgerufen worden ; die Unterredung hatte indeß eine andere Richtung genommen . Es war viel wahres und halb wahres über den schönen Trieb der Menschheit , die Freundschaft , gesagt worden . Albert bewies aus seinen eignen Erfahrungen das Daseyn dieses schönsten Zuges und Beweises menschlichen Tugendsinnes , und sprach über seine früheren Verhältnisse zu einem Freunde , den er leider nun in dem Kriege verloren habe . » Lindenhain , « sagte er , » war das Muster junger Männer . « - Albertine trat eben bei diesen Worten wieder herein ; sie hörte den Namen , schlich leise näher und lauschte . - » Durch seltsames Zusammentreffen von Umständen wurden wir getrennt , hörten lange nichts von einander ; doch - wenn ich nach meinem Herzen sprechen soll , ohne uns deshalb einander minder werth geworden zu seyn . Ich reisete aus , ihn aufzusuchen , und wenn auch nur als Volontair an seiner Seite zu fechten , als mir schon die unglückliche Nachricht entgegen kam , er sei bei Bitsch geblieben . « - Albertine sank mit einem dumpfen Schrei hinter Albert ohnmächtig zur Erde . Sie hatte so eben aus seinem Munde die Bestätigung vernommen : ihr Louis , der von Lindenhain hieß , sei nicht mehr ! - Albert war bestürzt , obschon er nicht ahnete , daß er den Zufall veranlaßt habe . Der höchste theilnehmende Schmerz ergriff ihn aber , als Laurette ihm mit der größten Ruhe sagte : » Sie werden sich schlecht bei meiner Cousine empfohlen haben , Herr von Ulmenhorst ! Der Lindenhain , dessen Tod Sie bestätigen , ist ihr Gemahl ! « - Von diesen Worten wurde Albert wie von einem Schlage getroffen . Er blieb mit starren , auf Lauretten gerichteten Augen wie angewurzelt stehen , sprach keine Silbe , stürzte dann den Frauenzimmern nach , die Albertinen in ihr Zimmer brachten , kehrte an der Schwelle plötzlich um , schlug sich vor die Stirn , und eilte ohne Hut durch eine unwegsame Straße , in der Dunkelheit eines Herbstabends , nach seinem Gute zurück , wo er erst lange nach Mitternacht verstört ankam und sich in den Kleidern auf ' s Bette warf . Seinem vertrautesten Freunde hat er nachher gestanden , daß selbst in dem Moment der höchsten Überraschung und Bestürzung , die Hoffnung einen Strahl in sein Herz geworfen und ihm Albertinens Besitz tief im Hintergrunde seiner Ahnung hingezaubert habe , ob er gleich das Auge davon , als von einer Versündigung an seinem verunglückten Freunde , schnell weggezogen habe . Tante Elisa hatte sich indessen mit der gutmüthigsten Theilnahme die Pflege ihrer Nichte angelegen seyn lassen , um welche Madame Rosamunde sich nur Wohlstandes halber , Laurette aber gar nicht bekümmerte , obschon diese jetzt ganz treffliche Sachen über Humanität , Freundschaft und Verwandtenliebe zu sagen wußte , welchen aber ihr Wassermann nur halbes Ohr lieh ; denn sein kaltes Gemüth war eben damit beschäftiget , die Zinsen von Albertinens Kapital sammt den Vortheilen zu berechnen , die der Besitz einer so hübschen Frau einem Manne wohl verschaffen könne . Onkel Dämmrigs Mitleiden ging gewöhnlich in Verdruß und üble Laune über , weil er immer in seiner Art von Frohleben gestört zu werden besorgte . Albertine verfiel in ein hitziges Nervenfieber , in dessen guten Intervallen sie zu ihrem Bruder gebracht zu werden verlangte , indeß man es für rathsamer fand , sie , der bessern Hülfe wegen , in die Stadt zu bringen , wohin ihr die ganze Familie bald folgte , weil das abfallende Laub und die bereiften Morgenfluren den nahen Winter verkündeten . Auch Albert verließ sein Gut , das ihm , ohne Albertinens Nähe , ein Exil zu seyn dünkte . So emsig er auch jeden Tag mehrere Male Nachrichten von ihr sich geben ließ , zögerte doch seine Delikatesse , sich ihr , auch da es schon schicklich gewesen wäre , vorzustellen . Er kannte die Zärtlichkeit ihres Gemüths , das aber dennoch , sich selber gelassen , jeder Einwirkung der Vernunft und einer gesetzten Fassung empfänglich war . Wassermann , den alle zarteren Verhältnisse des Lebens leere Form und leidige Konvenienz dünkten , dachte jetzt auch : Nun , was ist ' s denn ? Der erste Besitzer ist todt . Warum sollte ich seinen Nachlaß nicht sobald als möglich erstehen ? Mit diesem Vorsatze im Herzen , begann er Lauretten , der er fast erlaubt hatte , ihn nach ihrer Weise zu lieben , schnöde und äußerst grob zu begegnen . Er widersprach ihr , ehe er noch ihre Meinung recht wußte , glaubte , um recht verständlich zu seyn , ihr oft im Beiseyn eines Dritten ihre Neigung zu ihm vorrücken zu müssen , und äußerte mit höchster Unzartheit , daß er sie nicht erwiedern wolle . In eben diesem Grade unfein waren seine Zuneigungs-Äußerungen gegen Albertinen , die ihm , wie er glaubte , nicht entgehen könne . Oft polterte er mit schweren , schmutzigen Stiefeln durch ihr Vorzimmer bis zu ihrem Bette hin , störte ihren seltnen heilsamen Schlummer , um ihr den Vorzug seiner Theilnahme angedeihen zu lassen ; und nie verließ er sie , ohne sie auf die Ehre aufmerksam gemacht zu haben , welche er ihr durch seine Aufmerksamkeit zu erweisen glaubte . Dieser , Albertinen so unwillkommnen und von ihr unaufgeforderten Liebe wegen , entstand ein Mißverhältniß im Ganzen , das Albertinen in seinen Folgen sehr bedeutend wurde , und das sie bald ausgetrieben haben würde , hätte Tante Elisens fortdauernde Liebe und der vertraute Umgang mit ihrer Euler , ihm nicht das Gleichgewicht gehalten . Achtes Kapitel Jetzt , da Albertine wieder außer Gefahr war und kleine Gesellschaften in ihrem eignen Zimmer anzunehmen anfing , wagte auch Albert einst um Zulassung bei denselben zu bitten . Albertine gewährte es ihm mit sichtbarer Bewegung ; und als er erschien , brach ihr Schmerz zum Erstenmale in einen Strom von Thränen aus . Denn bis dahin hatte sie , zum Schrecken ihrer Freundinnen , in ein dumpfes , thränenloses Schweigen hingebrütet , ohne der Ursache ihres Grams im mindesten zu erwähnen . Die Wehmuth überwältigte sie so , daß sie , ihr Gesicht in ein Tuch verbergend , das Zimmer wankend verließ . Albert blieb betroffen zurück , und war schon im Begriffe , sich ebenfalls zurückzuziehen , als Madame Euler erschien und ihn in Albertinens Namen zu ihr zu kommen einlud . Albertine wollte ihn etwas fragen ; es erstarb ihr aber auf der bebenden Lippe , und so gut Albert es errieth , so wagte er doch nicht , es zu beantworten . Sie weinte so schmerzlich , daß Albert , dessen männliches Herz leicht in anderer Gefühle einging , nichts zu sagen vermochte , als : » hassen Sie mich nicht , daß ich der Trauerbote war ! « - » Wie sollte ich den hassen , der ihm werth war ! « erwiederte Albertine . » Sie haben also die schreckliche Gewißheit ? « setzte sie mit zitternder Stimme hinzu . - » Leider sah ich den werthen Namen in der Todtenliste des Regimentes nach dem unglücklichen Überfall ! Seine theuren Überreste - setzte er leiser hinzu - sind Preußischer Seits nicht gefunden , weil die gräßliche Verwirrung und die Dunkelheit der Nacht jede Art von gewöhnlicher Procedur unthunlich machte . « - Albertinens Brust hob sich konvulsivisch bei dieser lebhaften Vorstellung ihres Verlustes , und sie winkte Alberten mit der Hand , sich zu entfernen . Nach einer langen Zeit erschien sie , auf ihre Freundin gestützt , bei der Gesellschaft . Wassermann , der Albertinen auf gewisse Weise schon als sein Besitzthum ansah , fuhr Alberten sehr ungeziemend an , daß er es gewagt habe , den eingewiegten Schmerz zu wecken ; und Albertinen legte er mit seiner eigenthümlichen Disgrazie die Hand auf ihren schönen Arm , wobei er ihr mit seinem harten , herz-und klanglosen Tone sagte : » Hin , ist hin , und todt , ist todt ! spare die vergebne Noth ! « - Albertine antwortete sanft : » Ich bitte , mein Herr , lassen Sie mir meinen Gram , und bedenken Sie , daß wir mit einander nichts gemein haben . Unsere Naturen sind sich durchaus fremd ! « Wassermann zog ergrimmt die Hand zurück , mit der er ihr , seinem Gefühle nach , schon zu viel Ehre erzeigt hatte , und sein Zorn schwoll um so mehr , da Laurette in ein hämisches Gelächter ausbrach , welchem sie , um doch auch Albertinen eins abzugeben , hinzusetzte : » Es leben die Prüden ! « - Albert war , wie überall die Liebe in feinen Gemüthern leise und still waltet , schüchtern , sich dem Gegenstande derselben zu nähern , und richtete beinahe immer das Gespräch an Tante Elise , Laurette , oder lieber noch an Madame Euler . Das hielten nun die beiden Ersten für nichts anders , als entstehende Liebe zu ihnen . An einem schönen Morgen fanden sie sich bei Albertinen ein , und Tante Elise erklärte nach manchem Räuspern und viel mädchenhafter Ziererei , die als Frühlingsblüthe reizend , als Herbstspätling aber widrig ist , sie wisse sich bei dieser neuen Liebe des guten Alberts nicht zu verhalten , da sie , nach der Untreue ihres letzten Geliebten , dem falschen Gott ganz zu entsagen , öffentlich gelobt habe . Indeß sei der Albert so lieb , so zärtlich , so schön , 2 » wie ein blühender Mond . Der süße Ton des lieblichen Mundes , wenn er Worte voll Sehnsuchtsklänge aushauchte , drehete sich in ihm wie Räder in den Flüssen , und sie leugne nicht , dann wende sich ihre Sehnsucht um die Schaufeln . « - » Nie hätte ich mir eine solche auffallende Selbsttäuschung , bei so langer Erfahrung , als möglich gedacht ! « äußerte Laurette schneidend . - » Tante , « sagte sie : » ich fürchte sehr , auch diesen werden Sie auf die lange Liste ihrer Ungetreuen setzen müssen . Sagt Ihnen denn Ihr guter Verstand nicht , wen er nur meinen kann ? « - » Nun , und wen denn ? « fragte Tante , ziemlich beleidiget . » Erklären Sie sich , Mademoiselle ! « - Laurette erhob sich und machte Tanten in der Nähe eines Spiegels , der ihr ihre ganze Gestalt zeigte , einen tiefen , spöttischen Knicks . » Ich denke , es hängt nur von mir ab , wie bald Sie erfahren sollen , wer von uns Beiden Gebieterin in Ulmenwalde wird ! « - Tante wußte in der Geschwindigkeit nichts Besseres zu sagen , als : » So , so ! « und Albertine sagte freundlich : » welcher das gute Loos auch falle , werde ich mich herzlich freuen ! « » Ja ! « sagte wieder die liebe , alberne Elise , die durch Albertinens Freundlichkeit entwaffnet wurde ; » und wenn ich mir wieder das Göttliche denke , was dem Menschen werden könnte im Genuß freier Liebe , die kein Gesetz über sich anerkennen dürfte , als das allgemeine unverletzlicher Schönheit , die mit der Liebe Eins ist ! Möchte man nicht an einer Menschheit verzweifeln , die sich selbst so drückende Fesseln schmiedete ? « - » Liebe Tante ! « fragte Albertine , die eben Laurettens beißenden Spott fürchtete , » kam diese Tirade nun wohl aus Ihrem eigenen sanften Sinn und Ihrem strengen sittlichen Gefühle ? « Elise gestand , daß sie den Gedanken , weil er sie auf den ersten Anklang frappirte , einem jungen , ziemlich excentrischen Dichter gestohlen hätte . » Meine liebe gute Tante muß nicht stehlen ; sie ist reich genug an eigenem Vermögen ! « antwortete Albertine schmeichelnd ; und so wurden durch die Liebenswürdigkeit des einen Gemüths , die beiden andern wieder freundlicher gestimmt . Neuntes Kapitel Wenn der Schmerz beginnt , sich häufiger mit seinem Gegenstande zu beschäftigen , wenn er wagt , ihn in ' s Auge zu fassen und ihn so zu sagen von allen Seiten berührt und sich von ihm berühren läßt , so vertheilt er sich bald in kleinere Ableitungen , und die Masse wird vermindert . Albertine beschäftigte sich , seit sie bestimmter von ihrem Verluste wußte , ganz mit demselben . Sie stellte sich jede mögliche Art der Todesquaal , die Greuel jener Nacht , alles , was sie über diese grausenhafte Scene gehört hatte , vor , bis sie mit der Vorstellung vertraut wurde , daß der Schmerz seinen bittersten Stachel abstumpfte . Bald kam sie nicht mehr ungerufen vor ihre Seele , und es wurde schon Vorsatz , sich in jenen Seelenzustand von Zeit zu Zeit zu versetzen . Ihn einigermaßen fest zu halten und bleibend zu machen , entwarf sie eine Zeichnung zu einem Gemälde , wobei sie freilich immer noch herzlich weinte ; aber doch idealisirte die Phantasie schon mehr , als tiefer , schneidender Schmerz es zu gestatten pflegt . Und warum sollte es auch nicht so seyn ? Warum sollte die kaum neunzehnjährige Albertine an dieser wohlthätigen Einrichtung der Natur nicht auch Theil nehmen ? - Wehe dem armen Menschengeschlechte , müßte es ein Leben hindurch Leid um die Gestorbenen tragen ! - Albertine vergaß nicht , aber sie verschmerzte endlich , was zu ändern nicht in menschlicher Macht stand . Onkel Dämmrig , der seiner eignen Behaglichkeit wegen keinen Traurigen um sich leiden mochte , bestand darauf , sie müsse sich zerstreuen . Sie erschien also wieder in dem Kreis der Hausfreunde , und besuchte auch zuweilen wieder öffentliche Orter . So wenig die sittsame Schönheit der höchst reizenden Albertine sonst war bemerkt worden , weil sie es nicht seyn wollte , so viel Aufsehen machte jetzt die interessante junge Wittwe , weil sie mit einem Hause in Verbindung stand , das viel Tischfreuden und Genuß mancher Art spendete . Wer auf Ton Anspruch machte , stand Albertinen im Schauspiele lorgnirend gegenüber , stieß mit dem Ellenbogen um sich und rannte im Gedränge alles übern Haufen , beim Ausgange auf sie zu warten , um dann an der table d ' hôte von ihr , wie von einer Bekanntschaft , zu sprechen . - Anfänglich bemerkte Albertine von dem Allen nichts , aber die wohlerfahrne Madame Rosamund faßte desto sicherer alle die Vortheile auf , die in solchen Fällen dem abnehmenden Lichte einer Frau , die schon zu lange schön gewesen ist , durch die Allianz mit dem zunehmenden Lichte einer aufblühenden Schönheit , zu Theil werden . Unter dem Vorwand , Albertinen zu zerstreuen , führte sie die gute , unbefangene Seele überall ein ; und so gelang es ihr , sich nach und nach ein Gefolge von jungen Herren zu bilden , wobei sie ihren Zweck , sich zu amüsiren und noch eine Art von Aufsehen zu machen , vollkommen erreichte . Wir müßten der Wahrheit zu nahe treten , wenn wir behaupteten , Albertine habe sich sogleich in dieser ungewohnten Art zu seyn , gefallen . An stille , ernste Unterhaltung gewöhnt , fand sie dies Umherwandern unsäglich fade , und froh eilte sie zu dem gehaltreichen Umgang ihrer Euler und Alberts , der sich ihr auf ' s Bescheidenste näherte , zurück . » Gefällt Ihnen denn Keiner von allen den jungen Männern , die sich , wie Sie es doch wohl bemerken müssen , an Sie drängen ? « fragte einst Rosamunde . - » Nein , kein Einziger ! - Die Ernsthaften haben einen unleidlichen Anstrich von Pedanterie , und treiben das literarische Wesen ordentlich fabrikenmäßig ; und die andern , deren Munterkeit mich allenfalls noch unterhält , sind so flach , laufen so ohne Unterschied jedem Weibe nach , daß es mich vielmehr beleidigt , von ihnen bemerkt zu werden , weil ich ihre Aufmerksamkeit mit dem elendesten Weiber-Pöbel theile ! « - » Mit dieser Delicatesse wird Albertine ziemlich allein bleiben . Im geselligen Leben muß man tolerant seyn oder sich in eine Karthause verschließen . « - » Keines von beiden , Madame ! Ich denke , ich hoffe , es giebt einen Mittelweg . « - » Albertine , ich kenne die Welt ; ich habe in ihr und mit ihr gelebt , ich habe immer gefunden , daß , um froh zu leben , man es nicht zu genau nehmen müsse . Jedes Blümchen , das an unserm Wege aufsprießt , muß man pflücken . « - » Jedes ? theure Madame ! Auch die giftigen ? « - » Aus diesen bereitet man Arzeneien . Aber ich sehe , daß Sie meine gute Absicht , Sie in ein froheres , genußreicheres Leben einzuführen , wenig erkennen werden . Ich werde Sie wieder Ihrer Euler und dem steifen Landjunker Ulmenhorst lassen müssen ! « - Albertinen that dieser Stich auf ihre Freunde unsäglich wehe ; doch wollte ihre Gutmüthigkeit auch Rosamunden beweisen , sie sei nicht unerkenntlich . Sie ging aber hierin viel zu weit , indem sie sagte : » Ich bin Ihre , Madame ! machen Sie mit mir , was Sie wollen ! Sie sollen mich nicht undankbar finden ! « - Indem gedachte sie ihres Bruders . Der Muth sank ihr und die Unterredung endete damit , daß Rosamunde ihre Zusage für diesen Abend zu einer Gesellschaft erhielt , die über alle Beschreibung glänzend seyn sollte . - Zehntes Kapitel » Das ist ein süperber Anzug , Albertine , werden Sie den anlegen ? « fragte die einfache Euler , die freilich ihre Toilette sehr beschränken mußte . » Es ist mein Anzug für diesen Abend . Der Onkel und die Rosamunde bestanden auf dieser Eleganz , « antwortete Albertine , etwas verlegen . - » Ach , es ist immer ein gutes Zeichen , wenn junge Wittwen so angelegentlich ihre Toilette besorgen , « erwiederte Madame Euler . - » O , nicht diese Sprache , meine Henriette ! Bin ich denn nicht mehr Ihre Albertine ? « indem sie sich an Henriettens Busen warf . - » Ach , Albertine ! wenn der Strudel Sie fassen sollte ! Wenn dieses herzige , innige Wesen in jene kalte Herzlosigkeit der Welt sich verlöre ! Wenn Lindenhains Wittwe einen solchen Mißgriff thäte ! « - » Nein , Henriette , das ist zu viel ! Noch hat kein unwürdiger Gedanke sein theures Bild in mir entweiht ! « - Albertine setzte sich wehmüthig an ihre Arbeit und retouchirte einiges an dem , seinem Andenken gewidmeten , Gemälde . Sie vertiefte sich so , daß sie erinnert werden mußte , sich zu der Abendfete zu schmücken . Die Gesellschaft , in die Rosamunde sie einführte , war in der That glänzend . Das heißt , sie war äußerlich im höchsten Grade elegant . Albertine erkannte Männer vom ersten Range ; zwar einigermaßen travestirt , doch hielt sie das in ihrer Unerfahrenheit für gewohnte Sitte . Indeß schienen wieder die Damen nicht jener höhern Klasse anzugehören . Obwohl sehr geschmückt , hörte sie in manchem aufgehaschten Fragmente eines Gespräches so gewöhnliche Ausdrücke , als ob sie vielmehr den ganz untersten Klassen entronnen wären . Sie waren theils Rosamundens ehemalige Gefährtinnen , theils die Hausfreundinnen jener travestirten großen Herren , die sich ' s einmal mit ihrem Unterstabe wohl seyn ließen . Rosamunde durchkreuzte den großen Saal in allen Richtungen , küßte und kosete mit der alten Kameradschaft , und sprach zu jedem mit großem Gepränge , Albertinens Namen von Lindenhain aus ; wogegen die junge , schöne Wittwe manch artiges Kompliment eintauschte . Albertine war nie verlegen ; aber die Ahndung , in was für einer Gesellschaft sie sich befände , und ein unwillkührlicher Gedanke an ihren Bruder , gaben ihrem Betragen eine liebenswürdige Zurückhaltung , die allerdings unter diesen Weibern eine ganz fremde Erscheinung war . Sie verließen den Saal , und gingen in ein Nebenzimmer , wo Hazardspiele gespielt wurden . Rosamunde war eine leidenschaftliche Spielerin ; sie trat an einen Pharaotisch , und überließ Albertinen der Unterhaltung eines jungen Herrn von Stande , der bei einer schönen , interessanten Figur , alle Künste der Verführung im höchsten Grade , besonders die gefährliche Schmiegsamkeit besaß , sich in jeden fremden Karakter leicht einzufügen . Albertine befand sich bei seiner leichten , anmuthigen Unterhaltung sehr wohl ; er hatte Länder und Menschen gesehen und von beiden das Interessanteste aufgefaßt , welches wie ein sanft rinnender Bach von seinen Lippen floß . Albertine wurde nicht müde , ihm zuzuhören , und - was sollen wir ' s leugnen ! - ihn zu sehen , so daß Mitternacht vorbei war , als sie den Abend kaum begonnen zu haben meinte . » Ich bitte ; nur auf ein Wort ! « rief Rosamunde Albertinen zu und trat verstört zu ihr . » Ich habe heut ' entschiedenes Unglück ; haben Sie eine Börse bei sich ? « - Albertine gab ihr acht Louisd ' or ; und die Spielerin eilte damit zu den raubgierigen Geiern zurück , die in sehr kurzer Frist die acht Louisd ' or in ihren Händen hatten . Rosamunde rief Albertinen noch einmal auf die Seite . Der Baron Weißensee , eben der , der Albertinen so angenehm unterhalten hatte , bemerkte schnell die Verlegenheit der Dame und präsentirte ihr mit der feinsten Art seine volle Börse . Rosamunde wollte Umstände machen ; er bat aber , so viel davon anzunehmen , als sie eben brauche , bekümmerte sich auch nicht darum , wie viel sie nahm . Auch dieses liberale und galante Benehmen verfehlte seine Wirkung bei unserer jungen Freundin nicht . Mit diesem Gelde spielte Rosamunde sehr glücklich , und in einigen Stunden lag ein hoher Klumpen Gold vor ihr . Sie verließ endlich den Spieltisch um drei Uhr Morgens , und Albertine bemerkte , daß sie dem Baron nur zehn Goldstücke zurück gab , da sie genau gesehen hatte , daß sie sich deren zwanzig zugezählt hatte . Albertinen gab sie , ungeachtet sie so sehr viel gewonnen hatte , keinen Schilling zurück , worüber diese sehr betroffen war , denn es war beinahe ihre ganze kleine Baarschaft , die sie ihr hingegeben hatte . Der Baron Weißensee führte die Damen zu ihrem Wagen , und erhielt leicht die Erlaubniß , ihnen in ihrem Hause aufwarten zu dürfen , die er denn so gut benutzte , daß er nicht nur der tägliche Besuch war , sondern bald zu den nähern Hausfreunden gerechnet wurde ; wogegen Albertine wenigstens nichts einwendete . Als Albertine in ihrer Wohnung ankam , sah sie bei Elisen noch Licht