ausrichtet . Oft lockt ihn ein betrügliches Trum aus der wahren Richtung ; aber bald erkennt er den falschen Weg , und bricht mit Gewalt querfeldein , bis er den wahren erzführenden Gang wiedergefunden hat . Wie bekannt wird hier nicht der Bergmann mit allen Launen des Zufalls , wie sicher aber auch , daß Eifer und Beständigkeit die einzigen untrüglichen Mittel sind , sie zu bemeistern , und die von ihnen hartnäckig vertheidigten Schätze zu heben . Es fehlt euch gewiß nicht , sagte Heinrich , an ermunternden Liedern . Ich sollte meinen , daß euch euer Beruf unwillkührlich zu Gesängen begeistern und die Musik eine willkommne Begleiterin der Bergleute seyn müßte . Da habt ihr wahr gesprochen , erwiederte der Alte ; Gesang und Zitherspiel gehört zum Leben des Bergmanns , und kein Stand kann mit mehr Vergnügen die Reize derselben genießen , als der unsrige . Musik und Tanz sind eigentliche Freuden des Bergmanns ; sie sind wie ein fröliches Gebet , und die Erinnerungen und Hofnungen desselben helfen die mühsame Arbeit erleichtern und die lange Einsamkeit kürzen . Wenn es euch gefällt , so will ich euch gleich einen Gesang zum Besten geben , der fleißig in meiner Jugend gesungen wurde . Der ist der Herr der Erde , Wer ihre Tiefen mißt , Und jeglicher Beschwerde In ihrem Schooß vergißt . * Wer ihrer Felsenglieder Geheimen Bau versteht , Und unverdrossen nieder Zu ihrer Werkstatt gellt . * Er ist mit ihr verbündet , Und inniglich vertraut , Und wird von ihr entzündet , Als wär ' sie seine Braut . * Er sieht ihr alle Tage Mit neuer Liebe zu Und scheut nicht Fleiß und Plage , Sie läßt ihm keine Ruh . * Die mächtigen Geschichten Der längst verfloßnen Zeit , Ist sie ihm zu berichten Mit Freundlichkeit bereit . * Der Vorwelt heilge Lüfte Umwehn sein Angesicht , Und in die Nacht der Klüfte Strahlt ihm ein ewges Licht . * Er trift auf allen Wegen Ein wohlbekanntes Land , Und gern kommt sie entgegen Den Werken seiner Hand . * Ihm folgen die Gewässer Hülfreich den Berg hinauf ; Und alle Felsenschlösser , Thun ihre Schätz ' ihm auf . * Er führt des Goldes Ströme In seines Königs Haus , Und schmückt die Diademe Mit edlen Steinen aus . * Zwar reicht er treu dem König Den glückbegabten Arm , Doch frägt er nach ihm wenig Und bleibt mit Freuden arm . * Sie mögen sich erwürgen Am Fuß um Gut und Geld ; Er bleibt auf den Gebirgen Der frohe Herr der Welt . * Heinrichen gefiel das Lied ungemein , und er bat den Alten , ihm noch eins mitzutheilen . Der Alte war auch gleich bereit und sagte : Ich weiß noch ein wunderliches Lied , was wir selbst nicht wissen , wo es her ist . Es brachte es ein reisender Bergmann mit , der weit herkam , und ein sonderlicher Ruthengänger war . Das Lied fand großen Beyfall , weil es so seltsamlich klang , beynah so dunkel und unverständlich , wie die Musik selbst , aber eben darum auch so unbegreiflich anzog , und im wachenden Zustande wie ein Traum unterhielt . Ich kenne wo ein festes Schloß Ein stiller König wohnt darinnen , Mit einem wunderlichen Troß ; Doch steigt er nie auf seine Zinnen . Verborgen ist sein Lustgemach Und unsichtbare Wächter lauschen ; Nur wohlbekannte Quellen rauschen Zu ihm herab vom bunten Dach . * Was ihre hellen Augen sahn In der Gestirne weiten Sälen , Das sagen sie ihm treulich an Und können sich nicht satt erzählen . Er badet sich in ihrer Flut , Wäscht sauber seine zarten Glieder Und seine Stralen blinken wieder Aus seiner Mutter weißem Blut . * Sein Schloß ist alt und wunderbar , Es sank herab aus tiefen Meeren Stand fest , und steht noch immerdar , Die Flucht zum Himmel zu verwehren . Von innen schlingt ein heimlich Band Sich um des Reiches Unterthanen , Und Wolken wehn wie Siegesfahnen Herunter von der Felsenwand . * Ein unermeßliches Geschlecht Umgiebt die festverschlossenen Pforten , Ein jeder spielt den treuen Knecht Und ruft den Herrn mit süßen Worten . Sie fühlen sich durch ihn beglückt , Und ahnden nicht , daß sie gefangen ; Berauscht von trüglichem Verlangen Weiß keiner , wo der Schuh ihn drückt . * Nur Wenige sind schlau und wach , Und dürsten nicht nach seinen Gaben ; Sie trachten unablässig nach , Das alte Schloß zu untergraben . Der Heimlichkeit urmächtgen Bann , Kann nur die Hand der Einsicht lösen ; Gelingt ' s das Innere zu entblößen So bricht der Tag der Freyheit an . * Dem Fleiß ist keine Wand zu fest , Dem Muth kein Abgrund unzugänglich ; Wer sich auf Herz und Hand verläßt Spürt nach dem König unbedenklich . Aus seinen Kammern holt er ihn , Vertreibt die Geister durch die Geister , Macht sich der wilden Fluten Meister , Und heißt sie selbst heraus sich ziehn . * Je mehr er nun zum Vorschein kömmt Und wild umher sich treibt auf Erden : Je mehr wird seine Macht gedämmt , Je mehr die Zahl der Freyen werden . Am Ende wird von Banden los Das Meer die leere Burg durchdringen Und trägt auf weichen grünen Schwingen Zurück uns in der Heymath Schooß . * Es dünkte Heinrichen , wie der Alte geendigt hatte , als habe er das Lied schon irgend wo gehört . Er ließ es sich wiederholen und schrieb es sich auf . Der Alte ging nachher hinaus und die Kaufleute sprachen unterdessen mit den andern Gästen über die Vortheile des Bergbaues und seine Mühseligkeiten . Einer sagte : der Alte ist gewiß nicht umsonst hier . Er ist heute zwischen den Hügeln umhergeklettert und hat gewiß gute Anzeichen gefunden . Wir wollen ihn doch fragen , wenn er wieder herein kömmt . Wißt ihr wohl , sagte ein Andrer , daß wir ihn bitten könnten , eine Quelle für unser Dorf zu suchen ? Das Wasser ist weit , und ein guter Brunnen wäre uns sehr willkommen . Mir fällt ein , sagte ein dritter , daß ich ihn fragen möchte , oder er einen von meinen Söhnen mit sich nehmen will , der mir schon das ganze Haus voll Steine getragen hat . Der Junge wird gewiß ein tüchtiger Bergmann , und der Alte scheint ein guter Mann zu seyn , der wird schon was Rechtes aus ihm ziehn . Die Kaufleute redeten , ob sie vielleicht durch den Bergmann ein vortheilhaftes Verkehr mit Böhmen anspinnen und Metalle daher zu guten Preisen erhalten möchten . Der Alte trat wieder in die Stube , und alle wünschten seine Bekanntschaft zu benutzen . Er fing an und sagte : Wie dumpf und ängstlich ist es doch hier in der engen Stube . Der Mond steht draußen in voller Herrlichkeit , und ich hätte große Lust noch einen Spaziergang zu machen . Ich habe heute bey Tage einige merkwürdige Höhlen hier in der Nähe gesehn . Vielleicht entschließen sich Einige mitzugehn ; und wenn wir nur Licht mitnehmen , so werden wir ohne Schwierigkeiten uns darinn umsehn können . Den Leuten aus dem Dorfe waren diese Höhlen schon bekannt : aber bis jetzt hatte keiner gewagt hineinzusteigen ; vielmehr trugen sie sich mit fürchterlichen Sagen von Drachen und andern Unthieren , die darinn hausen sollten . Einige wollten sie selbst gesehn haben , und behaupteten , daß man Knochen an ihrem Eingange von geraubten und verzehrten Menschen und Thieren fände . Einige andre vermeinten , daß ein Geist dieselben bewohne , wie sie denn einigemal aus der Ferne eine seltsame menschliche Gestalt gesehn , auch zur Nachtzeit Gesänge da herüber gehört haben wollten . Der Alte schien ihnen keinen großen Glauben beyzumessen , und versicherte lachend , daß sie unter dem Schutze eines Bergmanns getrost mitgehn könnten , indem die Ungeheuer sich vor ihm scheuen müßten , ein singender Geist aber gewiß ein wohlthätiges Wesen sey . Die Neugier machte viele beherzt genug , seinen Vorschlag einzugehn ; auch Heinrich wünschte ihn zu begleiten , und seine Mutter gab endlich auf das Zureden und Versprechen des Alten , genaue Acht auf Heinrichs Sicherheit zu haben , seinen Bitten nach . Die Kaufleute waren eben so entschlossen . Es wurden lange Kienspäne zu Fackeln zusammengeholt ; ein Theil der Gesellschaft versah sich noch zum Überfluß mit Leitern , Stangen , Stricken und allerhand Vertheidigungswerkzeugen , und so begann endlich die Wallfahrt nach den nahen Hügeln . Der Alte ging mit Heinrich und den Kaufleuten voran . Jener Bauer hatte seinen wißbegierigen Sohn herbeygeholt , der voller Freude sich einer Fackel bemächtigte , und den Weg zu den Höhlen zeigte . Der Abend war heiter und warm . Der Mond stand in mildem Glanze über den Hügeln , und ließ wunderliche Träume in allen Kreaturen aufsteigen . Selbst wie ein Traum der Sonne , lag er über der in sich gekehrten Traumwelt , und führte die in unzählige Grenzen getheilte Natur in jene fabelhafte Urzeit zurück , wo jeder Keim noch für sich schlummerte , und einsam und unberührt sich vergeblich sehnte , die dunkle Fülle seines unermeßlichen Daseyns zu entfalten . In Heinrichs Gemüth spiegelte sich das Mährchen des Abends . Es war ihm , als ruhte die Welt aufgeschlossen in ihm , und zeigte ihm , wie einem Gastfreunde , alle ihre Schätze und verborgenen Lieblichkeiten . Ihm dünkte die große einfache Erscheinung um ihn so verständlich . Die Natur schien ihm nur deswegen so unbegreiflich , weil sie das Nächste und Traulichste mit einer solchen Verschwendung von mannichfachen Ausdrücken um den Menschen her thürmte . Die Worte des Alten hatten eine versteckte Tapetenthür in ihm geöffnet . Er sah sein kleines Wohnzimmer dicht an einen erhabenen Münster gebaut , aus dessen steinernem Boden die ernste Vorwelt emporstieg , während von der Kuppel die klare fröliche Zukunft in goldnen Engelskindern ihr singend entgegenschwebte . Gewaltige Klänge bebten in den silbernen Gesang , und zu den weiten Thoren traten alle Creaturen herein , von denen jede ihre innere Natur in einer einfachen Bitte und in einer eigenthümlichen Mundart vernehmlich aussprach . Wie wunderte er sich , daß ihm diese klare , seinem Daseyn schon unentbehrliche Ansicht so lange fremd geblieben war . Nun übersah er auf einmal alle seine Verhältnisse mit der weiten Welt um ihn her ; fühlte was er durch sie geworden und was sie ihm werden würde , und begrif alle die seltsamen Vorstellungen und Anregungen , die er schon oft in ihrem Anschauen gespürt hatte . Die Erzählung der Kaufleute von dem Jünglinge , der die Natur so emsig betrachtete , und der Eydam des Königs wurde , kam ihm wieder zu Gedanken , und tausend andere Erinnerungen seines Lebens knüpften sich von selbst an einen zauberischen Faden . Während der Zeit , daß Heinrich seinen Betrachtungen nachhing , hatte sich die Gesellschaft der Höhle genähert . Der Eingang war niedrig , und der Alte nahm eine Fackel und kletterte über einige Steine zuerst hinein . Ein ziemlich fühlbarer Luftstrom kam ihm entgegen , und der Alte versicherte , daß sie getrost folgen könnten . Die Furchtsamsten gingen zuletzt , und hielten ihre Waffen in Bereitschaft . Heinrich und die Kaufleute waren hinter dem Alten und der Knabe wanderte munter an seiner Seite . Der Weg lief anfänglich in einem ziemlich schmalen Gange , welcher sich aber bald in eine sehr weite und hohe Höhle endigte , die der Fackelglanz nicht völlig zu erleuchten vermocht ; doch sah man im Hintergrunde einige Öffnungen sich in die Felsenwand verlieren . Der Boden war weich und ziemlich eben ; die Wände so wie die Decke waren ebenfalls nicht rauh und unregelmäßig ; aber was die Aufmerksamkeit Aller vorzüglich beschäftigte , war die unzählige Menge von Knochen und Zähnen , die den Boden bedeckten . Viele waren völlig erhalten , an andern sah man Spuren der Verwesung , und die , welche aus den Wänden hin und wieder hervorragten , schienen steinartig geworden zu seyn . Die Meisten waren von ungewöhnlicher Größe und Stärke . Der Alte freute sich über diese Überbleibsel einer uralten Zeit ; nur den Bauern war nicht wohl dabey zu Muthe , denn sie hielten sie für deutliche Spuren naher Raubthiere , so überzeugend ihnen auch der Alte die Zeichen eines undenklichen Alterthums daran aufwies , und sie fragte , ob sie je etwas von Verwüstungen unter ihren Heerden und vom Raube benachbarter Menschen gespürt hätten , und ob sie jene Knochen für Knochen bekannter Thiere oder Menschen halten könnten ? Der Alte wollte nun weiter in den Berg , aber die Bauern fanden für rathsam sich vor die Höhle zurückzuziehn , und dort seine Rückkunft abzuwarten . Heinrich , die Kaufleute und der Knabe blieben bey dem Alten , und versahen sich mit Stricken und Fackeln . Sie gelangten bald in eine zweyte Höhle , wobey der Alte nicht vergaß , den Gang aus dem sie hereingekommen waren , durch eine Figur von Knochen , die er davor hinlegte , zu bezeichnen . Die Höhle glich der vorigen und war eben so reich an thierischen Resten . Heinrichen war schauerlich und wunderbar zu Muthe ; es gemahnte ihn , als wandle er durch die Vorhöfe des innern Erdenpalastes . Himmel und Leben lag ihm auf einmal weit entfernt , und diese dunkeln weiten Hallen schienen zu einem unterirdischen seltsamen Reiche zu gehören . Wie , dachte er bey sich selbst , wäre es möglich , daß unter unsern Füßen eine eigene Welt in einem ungeheuern Leben sich bewegte ? daß unerhörte Geburten in den Vesten der Erde ihr Wesen trieben , die das innere Feuer des dunkeln Schooßes zu riesenmäßigen und geistesgewaltigen Gestalten auftriebe ? Könnten dereinst diese schauerlichen Fremden , von der eindringenden Kälte hervorgetrieben , unter uns erscheinen , während vielleicht zu gleicher Zeit himmlische Gäste , lebendige , redende Kräfte der Gestirne über unsern Häuptern sichtbar würden ? Sind diese Knochen Überreste ihrer Wanderungen nach der Oberfläche , oder Zeichen einer Flucht in die Tiefe ? Auf einmal rief der Alte die Andern herbey , und zeigte ihnen eine ziemlich frische Menschenspur auf dem Boden . Mehrere konnten sie nicht finden , und so glaubte der Alte , ohne fürchten zu müssen , auf Räuber zu stoßen , der Spur nachgehen zu können . Sie waren eben im Begriff dies auszuführen , als auf einmal , wie unter ihren Füßen , aus einer fernen Tiefe ein ziemlich vernehmlicher Gesang anfing . Sie erstaunten nicht wenig , doch horchten sie genau auf : Gern verweil ' ich noch im Thale Lächelnd in der tiefen Nacht , Denn der Liebe volle Schaale Wird mir täglich dargebracht . * Ihre heilgen Tropfen heben Meine Seele hoch empor , Und ich steh in diesem Leben Trunken an des Himmels Thor . * Eingewiegt in seelges Schauen Ängstigt mein Gemüth kein Schmerz . O ! die Königinn der Frauen Giebt mir ihr getreues Herz . * Bangverweinte Jahre haben Diesen schlechten Thon verklärt , Und ein Bild ihm eingegraben , Das ihm Ewigkeit gewährt . * Jene lange Zahl von Tagen Dünkt mir nur ein Augenblick ; Werd ich einst von hier getragen Schau ich dankbar noch zurück . * Alle waren auf das angenehmste überrascht , und wünschten sehnlichst den Sänger zu entdecken . Nach einigem Suchen trafen sie in einem Winkel der rechten Seitenwand , einen abwärts gesenkten Gang , in welchen die Fuß [ s ] tapfen zu führen schienen . Bald dünkte es ihnen , eine Hellung zu bemerken , die stärker wurde , je näher sie kamen . Es that sich ein neues Gewölbe von noch größerem Umfange , als die vorherigen , auf , in dessen Hintergrunde sie bey einer Lampe eine menschliche Gestalt sitzen sahen , die vor sich auf einer steinernen Platte ein großes Buch liegen hatte , in welchem sie zu lesen schien . Sie drehte sich nach ihnen zu , stand auf und ging ihnen entgegen . Es war ein Mann , dessen Alter man nicht errathen konnte . Er sah weder alt noch jung aus , keine Spuren der Zeit bemerkte man an ihm , als schlichte silberne Haare , die auf der Stirn gescheitelt waren . In seinen Augen lag eine unaussprechliche Heiterkeit , als sähe er von einem hellen Berge in einen unendlichen Frühling hinein . Er hatte Sohlen an die Füße gebunden , und schien keine andere Kleidung zu haben , als einen weiten Mantel , der um ihn hergeschlungen war , und seine edle große Gestalt noch mehr heraus hob . Über ihre unvermuthete Ankunft schien er nicht im mindesten verwundert ; wie ein Bekannter begrüßte er sie . Es war , als empfing er erwartete Gäste in seinem Wohnhause . Es ist doch schön , daß ihr mich besucht , sagte er ; Ihr seyd die ersten Freunde , die ich hier sehe , so lange ich auch schon hier wohne . Scheint es doch , als finge man an , unser großes wunderbares Haus genauer zu betrachten . Der Alte erwiederte : Wir haben nicht vermuthet , einen so freundlichen Wirth hier zu finden . Von wilden Thieren und Geistern war uns erzählt , und nun sehen wir uns auf das anmuthigste getäuscht . Wenn wir euch in eurer Andacht und in euren tiefsinnigen Betrachtungen gestört haben , so verzeiht es unserer Neugierde . - Könnte eine Betrachtung erfreulicher seyn , sagte der Unbekannte , als die froher uns zusagender Menschengesichter ? Haltet mich nicht für einen Menschenfeind , weil ihr mich in dieser Einöde trefft . Ich habe die Welt nicht geflohen , sondern ich habe nur eine Ruhestätte gesucht , wo ich ungestört meinen Betrachtungen nachhängen könnte . - Hat euch euer Entschluß nie gereut , und kommen nicht zuweilen Stunden , wo euch bange wird und euer Herz nach einer Menschenstimme verlangt ? - Jetzt nicht mehr . Es war eine Zeit in meiner Jugend , wo eine heiße Schwärmerey mich veranlaßte , Einsiedler zu werden . Dunkle Ahndungen beschäftigten meine jugendliche Fantasie . Ich hoffte volle Nahrung meines Herzens in der Einsamkeit zu finden . Unerschöpflich dünkte mir die Quelle meines innern Lebens . Aber ich merkte bald , daß man eine Fülle von Erfahrungen dahin mitbringen muß , daß ein junges Herz nicht allein seyn kann , ja daß der Mensch erst durch vielfachen Umgang mit seinem Geschlecht eine gewisse Selbstständigkeit erlangt . Ich glaube selbst , erwiederte der Alte , daß es einen gewissen natürlichen Beruf zu jeder Lebensart giebt , und vielleicht , daß die Erfahrungen eines zunehmenden Alters von selbst auf eine Zurückziehung aus der menschlichen Gesellschaft führen . Scheint es doch , als sey dieselbe der Thätigkeit , sowohl zum Gewinnst als zur Erhaltung gewidmet . Eine große Hoffnung , ein gemeinschaftlicher Zweck treibt sie mit Macht ; und Kinder und Alte scheinen nicht dazu zu gehören . Unbehülflichkeit und Unwissenheit schließen die Ersten davon aus , während die letztern jene Hoffnung erfüllt , jenen Zweck erreicht sehen , und nun nicht mehr von ihnen in den Kreise jener Gesellschaft verflochten , in sich selbst zurückkehren , und genug zu thun finden , sich auf eine höhere Gemeinschaft würdig vorzubereiten . Indeß scheinen bey euch noch besondere Ursachen statt gefunden zu haben , euch so gänzlich von den Menschen abzusondern und Verzicht auf alle Bequemlichkeiten der Gesellschaft zu leisten . Mich dünkt , daß die Spannung eures Gemüths doch oft nachlassen und euch dann unbehaglich zu Muthe werden müßte . Ich fühlte das wohl , indeß habe ich es glücklich durch eine strenge Regelmäßigkeit meines Lebens zu vermeiden gewußt . Dabey suche ich mich durch Bewegung gesund zu erhalten , und dann hat es keine Noth . Jeden Tag gehe ich mehrere Stunden herum , und genieße den Tag und die Luft soviel ich kann . Sonst halte ich mich in diesen Hallen auf , und beschäftige mich zu gewissen Stunden mit Korbflechten und Schnitzen . Für meine Waaren tausche ich mir in entlegenen Ortschaften Lebensmittel ein , Bücher hab ich mir mitgebracht , und so vergeht die Zeit , wie ein Augenblick . In jenen Gegenden habe ich einige Bekannte , die um meinen Aufenthalt wissen , und von denen ich erfahre , was in der Welt geschieht . Diese werden mich begraben , wenn ich todt bin und meine Bücher zu sich nehmen . Er führte sie näher an seinen Sitz , der nahe an der Höhlenwand war . Sie sahen mehrere Bücher auf der Erde liegen , auch eine Zither , und an der Wand hing eine völlige Rüstung , die ziemlich kostbar zu seyn schien . Der Tisch bestand aus fünf großen steinernen Platten , die wie ein Kasten zusammengesetzt waren . Auf der obersten lagen eine männliche und weibliche Figur in Lebensgröße eingehauen , die einen Kranz von Lilien und Rosen angefaßt hatten ; an den Seiten stand : Friedrich und Marie von Hohenzollern kehrten auf dieser Stelle in ihr Vaterland zurück . Der Einsiedler fragte seine Gäste nach ihrem Vaterlande , und wie sie in diese Gegenden gekommen wären . Er war sehr freundlich und offen , und verrieth eine große Bekanntschaft mit der Welt . Der Alte sagte : Ich sehe , ihr seyd ein Kriegsmann gewesen , die Rüstung verräth euch . - Die Gefahren und Wechsel des Krieges , der hohe poetische Geist , der ein Kriegsheer begleitet , rissen mich aus meiner jugendlichen Einsamkeit und bestimmten die Schicksale meines Lebens . Vielleicht , daß das lange Getümmel , die unzähligen Begebenheiten , denen ich beywohnte , mir den Sinn für die Einsamkeit noch mehr geöffnet haben : die zahllosen Erinnerungen sind eine unterhaltende Gesellschaft , und dies um so mehr , je veränderter der Blick ist , mit dem wir sie überschauen , und der nun erst ihren wahren Zusammenhang , den Tiefsinn ihrer Folge , und die Bedeutung ihrer Erscheinungen entdeckt . Der eigentliche Sinn für die Geschichten der Menschen entwickelt sich erst spät , und mehr unter den stillen Einflüssen der Erinnerung , als unter den gewaltsameren Eindrücken der Gegenwart . Die nächsten Ereignisse scheinen nur locker verknüpft , aber sie sympathisiren desto wunderbarer mit entfernteren ; und nur dann , wenn man im Stande ist , eine lange Reihe zu übersehn und weder alles buchstäblich zu nehmen , noch auch mit muthwilligen Träumen die eigenliche Ordnung zu verwirren , bemerkt man die geheime Verkettung des Ehemaligen und Künftigen , und lernt die Geschichte aus Hoffnung und Erinnerung zusammensetzen . Indeß nur dem , welchem die ganze Vorzeit gegenwärtig ist , mag es gelingen , die einfache Regel der Geschichte zu entdecken . Wir kommen nur zu unvollständigen und beschwerlichen Formeln , und können froh seyn , nur für uns selbst eine brauchbare Vorschrift zu finden , die uns hinlängliche Aufschlüsse über unser eigenes kurzes Leben verschafft . Ich darf aber wohl sagen , daß jede sorgfältige Betrachtung der Schicksale des Lebens einen tiefen , unerschöpflichen Genuß gewährt , und unter allen Gedanken uns am meisten über die irdischen Übel erhebt . Die Jugend liest die Geschichte nur aus Neugier , wie ein unterhaltendes Mährchen ; dem reiferen Alter wird sie eine himmlische tröstende und erbauende Freundinn , die ihn durch ihre weisen Gespräche sanft zu einer höheren , umfassenderen Laufbahn vorbereitet , und mit der unbekannten Welt ihn in faßlichen Bildern bekannt macht . Die Kirche ist das Wohnhaus der Geschichte , und der stille Hof ihr sinnbildlicher Blumengarten . Von der Geschichte sollten nur alte , gottesfürchtige Leute schreiben , deren Geschichte selbst zu Ende ist , und die nichts mehr zu hoffen haben , als die Verpflanzung in den Garten . Nicht finster und trübe wird ihre Beschreibung seyn ; vielmehr wird ein Strahl aus der Kuppel alles in der richtigsten und schönsten Erleuchtung zeigen , und heiliger Geist wird über diesen seltsam bewegten Gewässern schweben . Wie wahr und einleuchtend ist eure Rede , setzte der Alte hinzu . Man sollte gewiß mehr Fleiß darauf wenden , das Wissenswürdige seiner Zeit treulich aufzuzeichnen , und es als ein andächtiges Vermächtniß den künftigen Menschen zu hinterlassen . Es giebt tausend entferntere Dinge , denen Sorgfalt und Mühe gewidmet wird , und gerade um das Nächste und Wichtigste , um die Schicksale unsers eigenen Lebens , unserer Angehörigen , unsers Geschlechts , deren leise Planmäßigkeit wir in den Gedanken einer Vorsehung aufgefaßt haben , bekümmern wir uns so wenig , und lassen sorglos alle Spuren in unserm Gedächtnisse verwischen . Wie Heiligthümer wird eine weisere Nachkommenschaft jede Nachricht , die von den Begebenheiten der Vergangenheit handelt , aufsuchen , und selbst das Leben eines Einzelnen unbedeutenden Mannes wird ihr nicht gleichgültig seyn , da gewiß sich das große Leben seiner Zeitgenossenschaft darinn mehr oder weniger spiegelt . Es ist nur so schlimm , sagte der Graf von Hohenzollern , daß selbst die Wenigen , die sich der Aufzeichnungen der Thaten und Vorfälle ihrer Zeit unterzogen , nicht über ihr Geschäft nachdachten , und ihren Beobachtungen keine Vollständigkeit und Ordnung zu geben suchten , sondern nur aufs Gerathewohl bey der Auswahl und Sammlung ihrer Nachrichten verfuhren . Ein jeder wird leicht an sich bemerken , daß er nur dasjenige deutlich und vollkommen beschreiben kann , was er genau kennt , dessen Theile , dessen Entstehung und Folge , dessen Zweck und Gebrauch ihm gegenwärtig sind : denn sonst wird keine Beschreibung , sondern ein verwirrtes Gemisch von unvollständigen Bemerkungen entstehn . Man lasse ein Kind eine Maschine , einen Landmann ein Schiff beschreiben , und gewiß wird kein Mensch aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schöpfen können , und so ist es mit den meisten Geschichtschreibern , die vielleicht fertig genug im Erzählen und bis zum Überdruß weitschweifig sind , aber doch gerade das Wissenswürdigste vergessen , dasjenige , was erst die Geschichte zur Geschichte macht , und die mancherley Zufälle zu einem angenehmen und lehrreichen Ganzen verbindet . Wenn ich das alles recht bedenke , so scheint es mir , als wenn ein Geschichtschreiber nothwendig auch ein Dichter seyn müßte , denn nur die Dichter mögen sich auf jene Kunst , Begebenheiten schicklich zu verknüpfen , verstehn . In ihren Erzählungen und Fabeln habe ich mit stillem Vergnügen ihr zartes Gefühl für den geheimnißvollen Geist des Lebens bemerkt . Es ist mehr Wahrheit in ihren Mährchen , als in gelehrten Chroniken . Sind auch ihre Personen und deren Schicksale erfunden : so ist doch der Sinn , in dem sie erfunden sind , wahrhaft und natürlich . Es ist für unsern Genuß und unsere Belehrung gewissermaßen einerley , ob die Personen , in deren Schicksalen wir den unsrigen nachspüren , wirklich einmal lebten , oder nicht . Wir verlangen nach der Anschauung der großen einfachen Seele der Zeiterscheinungen , und finden wir diesen Wunsch gewährt , so kümmern wir uns nicht um die zufällige Existenz ihrer äußern Figuren . Auch ich bin den Dichtern , sagte der Alte , von jeher deshalb zugethan gewesen . Das Leben und die Welt ist mir klarer und anschaulicher durch sie geworden . Es dünkte mich , sie müßten befreundet mit den scharfen Geistern des Lichtes seyn , die alle Naturen durchdringen und sondern , und einen eigenthümlichen , zartgefärbten Schleyer über jede verbreiten . Meine eigene Natur fühlte ich bey ihren Liedern leicht entfaltet , und es war , als könnte sie sich nun freyer bewegen , ihrer Geselligkeit und ihres Verlangens froh werden , mit stiller Lust ihre Glieder gegen einander schwingen , und tausenderley anmuthige Wirkungen hervorrufen . Wart ihr so glücklich , in eurer Gegend einige Dichter zu haben ? fragte der Einsiedler . Es haben sich wohl zuweilen einige bey uns eingefunden : aber sie schienen Gefallen am Reisen zu finden , und so hielten sie sich meist nicht lange auf . Indeß habe ich auf meinen Wanderungen nach Illyrien , nach Sachsen und Schwedenland nicht selten welche gefunden , deren Andenken mich immer erfreuen wird . So seid ihr ja weit umhergekommen , und müßt viele denkwürdige Dinge erlebt haben . Unsere Kunst macht es fast nöthig , daß man sich weit auf dem Erdboden umsieht , und es ist als triebe den Bergmann ein unterirdisches Feuer umher . Ein Berg schickt ihn dem andern . Er wird nie mit Sehen fertig , und hat seine ganze Lebenszeit an jener wunderlichen Baukunst zu lernen , die unsern Fußboden so seltsam gegründet und ausgetäfelt hat . Unsere Kunst ist uralt und weit verbreitet . Sie mag wohl aus Morgen , mit der Sonne , wie unser Geschlecht , nach Abend gewandert seyn , und von der Mitte nach den Enden zu . Sie hat überall mit andern Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt , und da immer das Bedürfniß den menschlichen Geist zu klugen Erfindungen gereitzt , so kann der Bergmann überall seine Einsichten und seine Geschicklichkeit vermehren und mit nützlichen Erfahrungen seine Heymath bereichern . Ihr seyd beynah verkehrte Astrologen , sagte der Einsiedler . Wenn diese den Himmel unverwandt betrachten und seine unermeßlichen Räume durchirren : so wendet ihr euren Blick auf den Erdboden , und erforscht seinen Bau . Jene studieren die Kräfte und Einflüsse der Gestirne , und ihr untersucht die Kräfte der Felsen und Berge , und die mannichfaltigen Wirkungen der Erd- und Steinschichten . Jenen ist der Himmel das Buch der Zukunft , während euch die Erde Denkmale der Urwelt zeigt . Es ist dieser Zusammenhang nicht ohne Bedeutung , sagte der Alte lächelnd . Die leuchtenden Profeten spielen vielleicht eine Hauptrolle in jener alten Geschichte des wunderlichen Erdbaus . Man wird vielleicht sie aus ihren Werken , und ihre Werke aus ihnen mit der Zeit besser kennen und erklären lernen . Vielleicht zeigen die großen Gebirgsketten die Spuren ihrer ehemaligen Straßen und hatten selbst Lust , sich auf ihre eigene Hand zu