Ey nun ich war ja in der Oper , und war ja nur um des singenden Cäsars willen hingegangen . Der Vorhang flog auf , und nach einer Weile erschien ein kleiner dicker Mann , der sich alle Mühe gab , sich noch ein wenig dicker zu machen . Recht gern würde ich ihn für einen mit Macaroni wohl ausgestopften Schäfer gehalten haben ; wäre ich nicht durch eine weiß taffetne mit ponceau Bande eingefaßte Toga belehrt worden , daß ich es mit dem unüberwindlichen Cäsar selbst zu thun habe . Welch ein langer Periode ! Meinen Helden würde er in Verlegenheit gesetzt haben . Offenbar fehlte es ihm in der ersten Viertelstunde an Athem . Wir waren ziemlich weit vom Theater entfernt , und konnten ihn sehr deutlich schnaufen hören . Ich schloß die Augen , um nicht an meinen verlornen Cäsar erinnert zu werden . Aber jetzt wurde ich durch ein wirklich meisterhaft vorgetragenes Adagio so lieblich getäuscht , daß ich sie plötzlich wieder öfnete . Da stand nun freilich der kleine Schäfer ; aber er war jetzt zu Athem gekommen , hatte seine Toga in einige recht große Falten geworfen , und stimmte eine Bravourarie an , mit deren Eingang er sich vor Meister und Gesellen konnte hören lassen . Ich horchte . - Wie viel Kraft , wie viel Ründung und Biegsamkeit ! aber o mein Gott ! wie viel Schnirkel und Verzierungen . Der Komponist hatte schon allenthalben verbrämt ; aber unserm Cäsar war es noch viel zu simpel . Triller , Vorschläge u. s w. nichts ward gespart ; aber nichts gieng auch verloren . Das dankbare Publikum nahm alles auf , und äußerte seine Zufriedenheit durch den lautesten Beifall . Wirklich ! es heißt bey uns Deutschen noch immer : je mehr , je lieber . Unsre berühmtesten Sänger mögen in Italien ausgepfiffen werden , glaubwürdige Leute mögen uns versichern , daß wir nur bekommen was man dort nicht brauchen kann , und daß unsre hochgepriesenen Schnirkeleien von dem guten Geschmacke längst nicht mehr anerkannt werden . - Es hilft nichts . Wir müssen bewundern . Dies ist uns eben so sehr Bedürfniß , wie andern Nationen das Tadeln . Julie nach ihrer löblichen Methode , nahm wieder alles von der besten Seite . Während ich mich ärgerte , sah ich sie ruhig genießen . Hin und wieder ein kleines beinah unmerkliches Lächeln abgerechnet , sonst war nichts Tadelndes an ihr zu bemerken . » Liebste Wilhelmine ! « - sagte sie , als ich mich darüber ausließ - » der Freuden sind so wenige ! will man sich nur an dem Vollkommnen ergötzen ; so wird es bald gar keine mehr geben . « Was macht der Obriste ? Hat er noch nicht geschrieben ? Sechszigster Brief Olivier an Reinhold Das ist sie , das ist sie ! An diesem Bilde erkenne ich die Unvergleichliche . Ja wohl hatte der Knabe Recht ; sollte ein Erlöser der Menschen von einer Sterblichen gebohren werden ; so mußte sie diese himmlischen Züge haben . O dieses Zurückziehen vor allem Glänzenden wird sie mir ewig verehrungswürdig und unvergeßlich machen . Wie mit dieser Erinnerung meine ganze unzerstörbare Liebe wieder erwachte ! Wie mir alles Elend jetzt so nichtig erscheint . Nein ! nein ! das Leben hat noch einen Werth ; denn sie athmet darin . Leb wohl ! Morgen geht es nach G ... Trage diesen Ring zu meinem Andenken . Wie ich auch endige ; mit Schande wird es nicht seyn . Ein und sechszigster Brief Olivier an Julie Meine Julie ! ich muß Ihnen schreiben . Ich gehe morgen gegen den Feind . Ich weiß nicht , ob ich Sie wieder sehe . - O meine Julie ! nur seitdem ich Sie kenne habe ich mich selbst , habe ich den Adel der Menschheit begreifen lernen . Haben Sie Dank ! Einzige ! Geliebte ! Unvergeßliche ! Welch ein herrliches , unaussprechliches Gefühl durchströmt meine Seele bey Ihrem Andenken ! Wie sind alle meine Kräfte verdoppelt ! ja , ja ! ich bin etwas werth ! denn ich kann Sie lieben und begreifen . Nichts mehr ! keine Klagen ! Überlebe ich den morgenden Tag ; so schließe ich selbst diesen Brief . Wo nicht ; so besorgt ihn Antonelli oder mein Adjutant . Kein Lebewohl meine Julie ! - Zwey und sechszigster Brief Harrison , Adjutant des General Olivier an Julie von S .. Gnädiges Fräulein ! Ich habe die Ehre : Ihnen die Einnahme von G .... durch die p .... Truppen zu melden . } Unser tapfrer und allgemein verehrter General ist uns erhalten . Gleichwohl hat er zwey schwere Wunden davon getragen , über deren Folgen sich die Ärzte bis jetzt noch zweifelhaft erklären . Vielleicht wäre es möglich diesen großen und seinem Vaterlande unschätzbaren Mann zu erhalten ; wenn Sie , mein Fräulein , sich entschließen könnten , durch Ihre Gegenwart seine Leiden zu mildern . Muß ich Ihnen beschreiben , wie innig er es wünscht , und wie sehr er dennoch fürchtet , Sie durch eine Bitte zu beleidigen ? - Aber meine Kamaraden und ich , wir , mein Fräulein , können und dürfen nicht fürchten , das Leben unsers Generals im Namen des Vaterlands von Ihnen zu fodern . Verzeihen Sie der Freimüthigkeit eines Soldaten , und genehmigen Sie die Versicherung seiner höchsten Achtung , und seiner unwandelbaren Ergebenheit . Drey und sechszigster Brief Der Adjutant Harrison an Reinhold Auf Befehl meines Generals habe ich die Ehre Ihnen folgendes von der Einnahme der Vestung G .... zu melden : Sie liegt auf einem schroffen Felsen und bestreicht acht Hauptstraßen . Hatte sehr gute Werke und etwa zwölftausend Mann Besatzung . Ein Officier der Garnison war zu uns übergegangen . Auch kannten mehrere der Unsrigen das Innere des Platzes ziemlich genau . Hierauf gründete sich unsre Hofnung . Die übrigen , freilich ansehnlichen Schwierigkeiten , machten uns weiter nicht bange . In aller Stille wurde am Neunzehnten Abends ein Detaschement von sechszehnhundert Mann ausgehoben und erhielt Befehl , sich bey N ... zu versammlen . Alles gieng so gut , daß die Bestimmung dieses Korps der Armee gänzlich unbekannt blieb . Nur aus den mitgenommenen Beilen , Äxten und Brecheisen konnte man vielleicht , doch nur unvollkommen , etwas ahnen . Gegen sieben Uhr setzte sich die kleine auserwählte Schaar in Bewegung . Jeder hatte eine weiße Binde um den Arm , und war übrigens mit allem Nöthigen versehen . So gieng es schweigend durch die kalte Herbstnacht . Nur einige Wolken schwebten am Himmel . Oft brach der Mond hinter ihnen hervor und das stille Häufchen drängte sich dichter an einander . Jetzt waren wir bey N ... Man nahm Abschied von den Kamaraden , das kleine Heer ward in zwey Kolonnen , diese in zehn Attacken vertheilt , und nun gieng es rasch gegen die Vestung . Während der General den Hauptangriff dirigirte , sollte Graf Antonelli sich der L .... Straße bemeistern , durch den gewölbten Gang bey des Commandanten Wohnung hervorbrechen , und sich wieder , nachdem die Thore gesprengt seyn würden , zur Einnahme des ganzen Platzes mit uns vereinigen . Jetzt schlug es Zwey , noch einige hundert Schritte , wir hatten die Vestung umgangen und waren glücklich bey dem Fuße des Glacis angekommen . Die erste Schildwache pfiff sich ein Stückchen um munter zu bleiben , dann und wann schallte ein Zuruf der feindlichen Posten , sonst war kein Laut zu vernehmen . Jetzt hörten wir das dumpfe Hinan ! und ehe wir selbst es nur glaubten , war der Berg schon erstiegen . Aber in dem Augenblicke waren wir auch von der Schildwache entdeckt . Kein andrer Rath ! unsre Bajonette mußten sie zum Schweigen bringen . Ihren Kamaraden gieng es nicht besser , und so waren wir nach kurzem über die Palisaden hinweg . Aber hier änderte sich plötzlich die Scene . Zwey feindliche Posten gaben Feuer , man hörte den Angrif auf die Stadt und alles kam in Bewegung . » Zu den Waffen ! zu den Waffen ! die Feinde ! Hier Kamaraden ! « So erscholl es von allen Seiten . Jetzt schmetterte die Lärmtrommel dazwischen , und das Getöse stieg bis zur schrecklichsten Betäubung . Indessen war der Angrif auf die Stadt glücklich ausgeführt , und wir erstiegen nun muthig die Wälle . Balken , Steine , Handgranaten stürzten uns entgegen und zerschmetterten die Brüder vor unsern Augen . Der General sahe es , hörte das Röcheln dicht um sich her , und sein Schmerz schien sich in Wuth zu verwandeln . » Hinan Brüder ! hinan ! - rief er - daß Menschenblut nicht umsonst vergossen werde ! « Es half ; noch einige Minuten , und wir waren oben . Aber in dem Augenblicke wurden Graf Antonelli und seine Gefährten entdeckt . Mit fürchterlichem Getöse drang er jetzt durch den unterirdischen Gang , und nun begann ein wüthendes Gemetzel . Zwey Thore hatten wir inne ; aber er und der Platz waren verlohren hätte die Verzweiflung unsre Kräfte nicht verdoppelt . Wie ein junger Löwe brach er aus seinem Hinterhalte hervor , und befand sich beinah immer allein unter den Feinden . Unbegreiflich ist es , daß sie ihn nicht zum Gefangnen machten . Der Gang war so enge , daß nur drey Mann neben einander stehen konnten . Natürlich wurden diese sogleich getödtet , oder verwundet , versperrten denen die an ihre Stelle treten wollten den Weg , und machten so die Grundlage von einem Haufen Leichen . Dichte davor fanden wir Antonelli allein , unverwundet , aber durch Blut und Staub beynahe unkenntlich . Jetzt hörte er die Stimme unsers Generals , und ein sechsfaches Leben schien ihn zu begeistern . Mehrere der Unsrigen sahen ihn kommen und hörten vor Erstaunen nicht ihre Führer . Rechts links schlug er die Feinde . Er stand bey uns , und wir starrten ihn an . Aber jetzt wurden wir schrecklich aus unsrer Betäubung geweckt . » Der General ist verwundet ! « - durchlief es die Reihen . - » Nicht wahr ! nicht wahr ! « - rief Antonelli - und so gieng es wieder in den dichtesten Haufen der Feinde . Nun keine Rast ! wir mußten hindurch , und kamen nur bey dem Worte Sieg zur Besinnung . Die Vestung war unser , der Commandant getödtet , die Garnison gefangen ; aber unser Häufchen zu neunhundert eingeschmolzen und unser allgemein verehrter General an zwey Stellen verwundet . Ich habe Fräulein S ... geschrieben und übersende Ihnen hierbey eine Abschrift dieses Briefes . Ohne meine Bitte werden Sie alles beytragen , unsern Wunsch zu erfüllen . Ist es möglich , Fräulein Julie zu überreden , so haben wir Hofnung . Vier und Sechzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Fräulein Julie wird in diesen Tagen einen Brief von dem Adjutanten des Obersten erhalten , oder schon erhalten haben . Sie verstehen mich - ja bestes Fräulein ! ich wage es für ihn zu bitten . Können Sie mich tadeln ? seit meinem achtzehnten Jahre ist es mein Freund . Gewiß Sie fühlen , was das heißt - fühlen es um so mehr ; wenn Sie bedenken , daß es mir meine Geschäfte unmöglich machen , zu ihm zu eilen , und seine Pflege zu übernehmen . Es sind doch nur Fremde , die ihn umgeben . Wie könnten sie , bey dem besten Willen , die Theilnahme eines Freundes ersetzen ! Dies kann nur ein Wesen - seine Julie . - O mein Fräulein , rauben Sie ihm , rauben Sie mir nicht diesen Trost . Gewiß Sie begreifen eine Männerfreundschaft . Wenn Sie Ihre Empfindung zum Maasstabe nehmen ; so habe ich sicher keine Fehlbitte gethan . Fünf und sechzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Wie fein Sie mich zu bestechen suchen . Nein ! nein ! ich darf meine Empfindung nicht mehr zum Maasstabe nehmen . Sie ist verändert , durchaus verändert ! Sonst würde ich ja Himmel und Erde bewegen diese Reise zu verhindern . Wer kann gegen das Schicksal ! - Mag nun kommen was da will ! Es müßte sonderbar zugehen ; wenn es schlimmer wäre als ich es mir vorstelle . Leben Sie wohl . Wir packen ein . Der Oberste - nicht doch ! Der General , wollte ich sagen , ist nach dem Schlosse R ... gebracht , und für uns eine prächtigere Wohnung , als wir bedürfen , eingerichtet . Ich habe einige Soubertten- und Marketenderkleider mitgenommen . So etwas Ähnliches werde ich ja wohl vorstellen müssen . Schade nur , daß es mir an der dazu gehörigen guten Laune zu fehlen scheint . Von unserm Residenzschlosse R ... ein Mehreres . Sechs und sechszigster Brief Wilhelmine an Reinhold Wir haben den Obersten sehr schlecht gefunden . Aber ich sehe es : alles hat sich verschworen . Man will sie aufopfern . Mit welcher sonderbaren Gewalt lenkt dieser Mann aller Herzen nach seinem Willen ? - Antonelli , der Adjutant , mehrere angesehene junge Männer verrathen alle Augenblicke : wie tief sie von Juliens Schönheit gerührt werden ; und dennoch scheinen sie sich das Wort gegeben zu haben , alles zu thun , um sie ihm näher zu bringen . Das ist ein Lobpreisen ! ein Wehklagen ! - Sogar den Arzt haben sie bestochen . » Fräulein Julie soll ihm die Medizin reichen . Fräulein Julie soll dies , soll jenes thun . « Und dabey treibt Antonelli ein Wesen , daß ich nicht weiß wie sie es aushalten kann . So wie er naht steigt ihre Verlegenheit bis zur peinlichsten Unruhe . Glücklicher Weise ist er zu sehr mit seiner eignen Empfindung beschäftigt , um es zu bemerken . Aber ich sehe bestätigt , was ich schon vor längrer Zeit ahnete . Sie liebt ihn , - können Sie es begreifen - das Mitleiden wird sie hinreißen , sie wird sich aufopfern . Das alles muß ich nun so mit ansehen - Soll ich sie aufklären über ihre Empfindung ? - soll ich es nicht ? Gott mag es wissen ! ich weiß nicht mehr was hier gut ist . Sieben und sechzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Alle Zweifel sind gehoben . Was ich vorher sah ist geschehen . Er hat ihr sein ganzes Vermögen hinterlassen wollen ; sie hat es ausgeschlagen . Er hat es gewagt - der Grausame - um ihre Hand zu bitten ; und sie hat sie gegeben . Was helfen Klagen ? - Das Leben wird darum nicht kürzer . Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir ein kleines Thal in der Schweitz aussuchen . Zweyter Theil Erster Brief Olivier an Reinhold Wilhelmine hat Dir geschrieben , Du weißt alles . Ach ! ich halte nicht mehr die Menschen , welche Götter zu seyn glaubten , für wahnsinnig . Ja ! lache nur ! ich , ich selbst , dünke mich ein Gott . Meine Wunden ? - o die sind geheilt ! vergessen ! Ich lebe , lebe ein Leben , was nur ein Gott leben und begreifen kann . Siehe ! ich darf sie halten , halten in meinen Armen ! - darf mich berauschen in den himmlischen Zügen - darf sie mein nennen ! - O Gott ! wer hätte geglaubt , des Menschen Herz könne so viel Seeligkeit fassen ! und darum sage ich Dir : ich bin ein Gott ; ich kann alles was ich will . Nein , es sind mehr als menschliche Kräfte , die mich beleben . Du hast es gehört , wir haben gesiegt ; allenthalben gesiegt . Die Einnahme von B ... war nur ein Vorspiel . Ich hatte ihr Wort , wußte , daß Sieg mich wieder zu ihr führte . - Wer konnte mich nun überwinden ? - Ach ! bevor die Himmlische uns ergreift , taumeln wir mit gefesselten Sinnen auf der herrlichen Erde ; verstehen kein Rauschen des Waldes , kein Flöten der Nachtigall , sehen die Sonne steigen und sinken , und begreifen uns selbst nicht . Aber sie naht , und der Götterfunke hat gezündet . Lichtglanz ergießt sich über alles was uns umgiebt . Kein Stillstand , kein Tod mehr für uns . Wir können nur Leben begreifen , geben , und empfangen . Gott sey gelobt ! der Feldzug ist geendigt . Wir haben keine Feinde mehr ; aber mögte die ganze Welt sie auch haben , ich kenne nur Freunde . Verlange nicht , daß ich Dir beschreibe , aus einander setze . - Könnte ich es ; so wäre ich minder seelig . Wer kann das Unbeschreibliche beschreiben ! - Erräthst Du es nicht , nun , so lies es denn : Sie trägt schon meinen Nahmen . Er klingt anders seitdem ; das behaupte ich , und Du selbst würdest es finden . Ich verführe die Leute , ihn so oft als möglich auszusprechen , und dann horche ich , und habe mein innigstes Wohlgefallen daran . Ach sag was Du willst ! lache wie Du willst ! ich kehre mich nicht daran . Ich bin glücklich und seelig , und wenn Du mich sähest , würdest Du es auch seyn . Zweyter Brief Wilhelmine an Julie Wie geht es Dir ? Ich sollte wohl nicht darnach fragen ; aber - rechne es unter meine Gewohnheitssünden . Ich ? - Nun , abermalige Kämpfe . - Mein Herr Vater hielt nicht weniger als drey Heyrathsprojecte für mich bereit , und wußte sich vor lauter Bewunderung nicht zu lassen . Was er denn so sehr bewundert ? Dich ! Dich ! Deine Klugheit , Weisheit , Nachgiebigkeit . Meine Mutter wollte einige Zweifel dagegen erheben ; aber er fuhr sie so wahrhaft ehemännisch an , daß ich zu seinen Ermahnungen weiter keines Kommentars bedurfte . Gottlob ! ich bin mündig . Das Vermögen meines Oheims muß mir ausgezahlt werden , und dann säume ich keinen Augenblick . Das Guth ist verpachtet . Mögen sie zerstören , was ich angelegt habe . Was kümmert ' s mich ! Meine Hoffnungen sind auch zerstört . Hin will ich noch einmal , Deine Zimmer will ich noch sehen . Das eine ist recht hübsch . Es ist gerade so , wie Du mir auf unserer Reise ein Zimmer beschriebest . Sie sollen es zuschließen . Niemand soll es bewohnen bis .... Nein ! nein ! nichts mehr ! es ist alles vergeblich ! Schreib mir noch einmal , dann will ich reisen . Dritter Brief Julie an Wilhelmine Vormals schien mir meines Oliviers Schmerz der tiefste , jetzt scheint mir der Deinige noch tiefer . O meine Wilhelmine ! was sprichst Du von zerstörten Hoffnungen ? - Glaubst Du , diese Hoffnungen würden jemals erfüllt worden seyn ? - Glaubst Du , die Natur würde sich nicht rächen ? - Hat sie zwey Weiber geschaffen sich alles zu werden , und ihre unwandelbaren Gesetze zu verspotten ? - Gewiß ! Du würdest noch früher als ich , Dich elend gefühlt haben . Denn siehe , Dir kann ich es wohl vertrauen ; ich habe niemals etwas von dem Erdenleben gehofft . Wie soll ich es Dir beschreiben ? - Mir ist , als schweben nur Schattengestalten mir vorüber , als sey nichts wirklich von dem was mich umgiebt . Töne , Farben , ja die gröberen Sinne des Geschmacks , des Geruchs , scheinen mir auf etwas Vollkommneres zu deuten . Wenn ich eine Rose , eine Hyacinthe rieche , erwachen Ahnungen in mir , für die ich keinen Nahmen habe . Sehe ich schöne Gestalten , höre ich harmonisch verbundene Töne ; dann verklären sich diese Ahnungen zur Gewißheit , und mir ist , als sollte ich plötzlich der Erde entfliehn . Was mich dann noch hält , was mir dann hier noch wirklich erscheint , ist : ein stiller , heiliger Sinn , der sich stets zu dem Vollkommnen neiget ; aber darum die Schattenfreude nicht störet . O mögte ich ihn haben diesen Sinn ! mögte ich ihn erhalten , wenn er mir einst zu Theil wird ! leider ! jetzt bin ich noch weit davon entfernt . Wie könnte sonst Andrer Schmerz so schrecklich auf mich wirken ? - Ist mir die Freude ein Schatten , warum ist er es nicht auch ? warum reißt er mich hin zu Irrthümern ? warum will ich dem Schicksale vorgreifen ? - Doch was schwatze ich ! beste Wilhelmine ! versuche keinen Sinn da hinein zu bringen . Es ist keiner darin . Gewiß keiner . Vierter Brief Wilhelmine an Julie Wer bedarf des Lichts , wo es Tag ist ? - Ich habe mir keine Mühe gegeben , Sinn in Deine Worte zu bringen . Für mich sind sie nicht dunkel . Auch begreife ich sehr wohl , daß Dir die Freude wie ein Schatten ; aber nicht der Schmerz so erscheint . Wollte der Himmel ! ich begriffe eben so leicht , wie man sich berufen glauben kann , der ganzen Welt Schmerzen zu lindern , und gegen seine eigenen die unmenschlichste Gleichgültigkeit zu behaupten . Mag die Natur es verantworten , wenn sie ein Geschöpf dem Andern zum Opfer bestimmt . Aber das Opferthier darf sich wehren , es darf dem Verderben entfliehn . Auch in ihm regt sich der Trieb des Lebens , mahnet es zum Genuß und zur Erhaltung des Wohlseyns . Wer verspottet nun die Gesetze der Natur ? wer wird dafür büßen ? - - Zwey Weiber können sich nicht alles seyn ? - Schlimm genug ? schlimm genug , daß die Geschöpfe welche den Weibern dieses sogenannte Alles seyn sollen , dieses Alles so elend repräsentiren . Im ausschließenden Besitze dessen , was den Geist erheben , ihn zur Selbstüberwindung , zur Tugend entflammen kann , glauben sie sich zu den ausschweifendsten Leidenschaften berechtigt . Nenne mir ein Laster , was sie nicht an uns abscheulich , und an sich erträglich fänden ? Nenne mir eine Tugend , die sie nicht von uns foderten , um sie nach Wohlgefallen zu zerstören . Und die Natur sollte mich strafen ; wenn ich mich nicht vor einem dieser Sultane niederwürfe , überglücklich , daß er mir die Gnade erzeigte , seinen Fuß auf meinen Nacken zu setzen ? - Nein ! nein ! noch haben wir unsre fünf Sinne ! und was die Natur auch versuchen mag sie zu empören , sie sind der Fesseln gewohnt , und ohnehin , unter allen Umständen , zu einer ewigen Sclaverey verdammt . Ich habe nichts zu gewinnen ; aber ein unschätzbares Guth zu verlieren . Meine Freyheit . Welch ein großes , seelenerhebendes Wort ! Wo gäbe es ein Glück ohne sie ! wo gäbe es einen Schmerz , den sie nicht linderte . Wenn mich alles verläßt , dann wird mein Herz mir die Welt . Fünfter Brief Reinhold an Olivier Warum verwechseltest Du mich immer mit Dir selbst ? Lachen sollte ich ? Was gäbe es da zu lachen ? - Es sey denn , daß Du etwas lächerliches ahnetest . Wäre das ; so müßte ich Dich bedauern , müßte glauben : Du sähest schon jetzt die Zeit im Geiste , wo Dir das Höchste , was dem Menschen gegeben ist , wie ein Kinderspiel erscheinen wird . Möge der Himmel Dich vor dieser thörichten Weisheit bewahren . Einen Freund hättest Du dann weniger . Sechster Brief Olivier an Reinhold Warum nun gleich so kurz und so bitter ? Wahrlich Du irrst ! Ach wenn ich ein Spiel ahne ; so ist es ein sehr ernsthaftes Spiel , und wobey ich leider der verlierende Theil seyn werde . - Mein Glück hat mich berauscht , die Vergangenheit und die Zukunft habe ich vergessen . Nur so ist es möglich glücklich zu seyn . - Aber der Rausch ist verschwunden , und dafür die Zweifelsucht mit allen Quaalen erwacht . Wie ? ist das Liebe , was sie mir zeigt ? - Ist es Mitleid ? Ist es Ergebung ? - Zwar verzeihen wir den Weibern keine Ausbrüche der Sinnlichkeit ; aber sollte sie sich darum niemals verrathen ? Ist es bey wahrer Liebe möglich , jede Aufwallung zu unterdrücken ? Und wenn auch eine ganze Reihe menschlicher Empfindungen diesem schwärmerischen Herzen vormals unbekannt war ; mußten sie nun nicht erwachen ? Ach was soll ich glauben ? - Ihre Aufführung ist untadelhaft . Selbst Antonelli wird mit einer Art Kälte empfangen . Aber ... ich weiß nichts hinzuzusetzen . Ich fühle es , ich bin ungerecht , und doch ruft eine Stimme in meinem Innern : es ist nicht so wie es seyn sollte . Auch Antonelli ist verändert . Alle seine Munterkeit ist verschwunden . Was fehlt ihm ? - Ich vermeide die Antwort auf diese Frage . Siebenter Brief Reinhold an Olivier Und , setze ich hinzu , Du wirst wohl thun , sie zu vermeiden . - Doch nein ! lieber gleich das Messer an den Schaden ! er könnte unheilbar werden . Also - denn warum soll ich nicht schreiben , was Du denkst ? - Antonelli hat seine Munterkeit verlohren , heißt mit andern Worten ; er ist sich seiner Empfindung bewußt , seine Unschuld ist dahin , er wünscht Julie zu besitzen , das ist nicht möglich , und er fühlt sich elend . Julie ? ob sie Dich liebt ? - Aber hat sie Dir Liebe versprochen ? Ich achte Sie , und werde nie einem Andern gehören . Das waren ihre Worte . Hast Du sie vergessen ? Woher kommen nun mit einemmale die Träume von Liebe ? Fasse Dich ! was hilft der Zorn ? was hilft die Reue ? - Ich kenne Dich , und will Dich vor Dir selbst zu retten suchen . Siehe , was vermagst Du über die Vergangenheit ? nicht einen Gedanken , viel weniger eine Handlung kannst Du zurücknehmen . Aber die ganze Zukunft , in so fern Dein Wille auf sie wirken kann , hängt von Dir ab . Darum nun fasse sie unerschrocken ins Auge ! Was läßt sich von ihr erwarten ? Entweder Du erhebst Dich zur Gerechtigkeit , Du foderst nicht mehr , als sie versprach , und suchst zu verdienen , was Du wünschest . Mag immerhin ihre Sinnlichkeit für einen Andern sprechen , mag es ihr unmöglich seyn , lebhafter für Dich zu empfinden ; ihre Pflicht wird die Oberhand behalten . Es ist nicht gedenkbar , es ist schlechterdings unmöglich , daß sie sich jemals zu etwas Unedlem herablasse . Worauf soll nun ein anderer Mann seine Hoffnung gründen ? Und was wird aus einer männlichen Liebe ohne Hoffnung ? - Sie erstirbt , sie muß ersterben , und alles kehrt wieder in die ruhige Ordnung zurück . Vielleicht bist Du so glücklich Vater zu werden . Dann ist sie mit tausend Banden an Dich gefesselt . Die ganze Kraft ihres Herzens wird sich in der Mutterliebe erschöpfen . Ihre Welt ist in Deiner Nähe , Du bist der Gott in dieser Welt , und was außerhalb ist wird ihr fremd . So empfindet eine Julie ; oder alles müßte mich täuschen . Aber wie wird sie bey aller Reinheit und Vortrefflichkeit empfinden , wenn Du der Leidenschaft folgst ? Du ahnest Mangel an Liebe , und fühlst Dich unglücklich . Aber wird Mißtrauen , Härte und mürrische Kälte , das gewöhnliche Gefolge der Eifersucht , diesen Mangel ersetzen ? - Wirst Du glücklicher seyn , wenn Du Furcht , dann Mißfallen und zuletzt Abscheu erregst ? - O fort , fort mit den Greueln die ich jetzt ahne ! Nein ! nein ! Du wirst , Du mußt das Beste erwählen . Achter Brief Olivier an Reinhold Es ist alles gut was Du sagst ; aber es paßt nicht . Sie ist nicht so rein , wie Du glaubst . Grade diese Kälte verräth sie . Wenn sie mich , wenn sie ihr eignes Herz nicht fürchtete , warum blieb sie nicht wie vormals ? Nur seit dieser abschreckenden Kälte ist Antonelli traurig , leidenschaftlich geworden . Ach ! ihre Sinnlichkeit ist erwacht ! sie hat sich auf ihn gewendet , und seine Unschuld ist ihr lästig . Er soll wünschen , kämpfen , ein Roman soll es werden ! und das unter meinen Augen ! Tod und Teufel ! Ich müßte nicht ich selbst seyn , wenn ich es duldete ! Empfindungen kann ich nicht gebieten , das weiß ich ; aber die Ehre kann ich retten , und bey meinem Leben ! das werde ich nicht unterlassen . Neunter Brief Olivier an Reinhold Du antwortest nicht ? - ich verstehe Dein Schweigen . Aber höre ! höre und erstaune . Ich wollte mit ihr auf meine Güther . Alles war zur Abreise bereit . Ich hatte sie gebeten , sich wegen der lästigen Besuche , für krank auszugeben . Gestern wünscht sie in den Garten zu gehen . Auf meinen Befehl war er verschlossen . Aber der Gärtner glaubt , weil sie es ist , den Augenblick öffnen zu müssen , und , der Dummkopf schließt nicht wieder zu . Antonelli kommt , frägt nach mir , der Bediente sieht den Garten offen , glaubt , ich sey darin , und läßt ihn hinein gehen . Jetzt kehre ich von einem Besuche zurück , und höre das Alles . Seit einer Stunde war Antonelli in dem Garten . Seit einer Stunde ! - Ich fasse mich , ich gehe hinein . Es war seine Stimme . Laut rief er ihren Nahmen . Mein Blut wollte erstarren . Ich nähere mich der Laube , worinnen sie waren . Ja ! ja ! sie beide ! allein - Er hält sie bey ihren Kleidern . Sie will entfliehn , sieht mich , und stürzt , laut schreyend , mir in die Arme . Ich dachte