wollten wir ein andermal überlegen , in diesem Augenblick hatten wir vor aller Herrlichkeit keine Zeit dazu . Ich war bei meines Freundes Fechtübungen zugegen , und sogleich ward beschlossen , auch ich sollte heimlich teil daran nehmen . Jetzt wußte ich bestimmt , daß ich Soldat werden wollte , und Manfredi bestärkte mich in diesem Vorsatz . Ich lief ganz voll von allem , was ich gesehen , und betäubt von tausend Empfindungen zu meinem ehrwürdigen Hofmeister , den ich antrieb mir das Nötige herbeizuschaffen . Als ich das nächste Mal zu Manfredi kam , fand ich seinen Vater bei ihm , und er stellte mich diesem so vor , daß ich merken konnte , er hätte ihm von mir etwas gesagt . Ich war ängstlich , ich hatte noch immer eine gewisse Furcht vor allen erwachsenen , älteren Leuten , als den Feinden der jungen . Der Marchese flößte mir aber bald Zutrauen ein , er begegnete mir freundlich und mit Schonung . Als ich einigen Mut gefaßt hatte , fragte er mich nach den genauern Umständen meiner Geschichte , Manfredi hatte ihm nur das Allgemeine davon mitgeteilt . Ich erzählte nun meine Lebensart , klagte über den Zwang zu Studien , die mir Langeweile machten ; daß ich zum Kloster bestimmt , aber entschlossen wäre , mich bis in den Tod zu widersetzen ; daß an dieser Härte und diesem Zwang niemand schuld wäre , als der mir fatale Prior , der Beichtvater meiner Mutter , dem sie nicht allein das Heil ihrer Seele , sondern auch die Führung aller weltlichen Dinge anvertraut hätte . Ja , rief ich mit dem größten Affekt , ich will lieber den Tod als das Kloster ! ich will die abscheulichen Mönchskleider nicht länger tragen ! ich will nicht aussehen wie diese Mönche , und nicht werden wie sie ; dazu hat man mich schon seit der zarten Kindheit gewöhnen wollen . Ich klagte sogar mit der größten Bitterkeit , daß mir schon angekündigt wäre , mir in den nächsten Tagen die Haare abzuscheren , die ich , eitler törichter Weise , zu sehr liebte . Bis jetzt hatte sie meine Mutter trotz der Vorstellungen des schrecklichen Priors immer noch erhalten , weil sie selbst sie liebte ; nun sollten sie aber herunter , weil sie befürchtete , ihr Herz zu sehr an diesen weltlichen Schmuck zu hängen . - Sie lächeln , Juliane , über die Wärme , mit der ich dieser kindischen Eitelkeit erwähne ! Sie können aber wohl schwerlich denken , wie entsetzlich mir die Idee war , ebenso auszusehen wie die Mönche mit ihren geschornen Köpfen : meine Haare hielt ich noch für das einzige , was mich von dieser verhaßten Klasse unterschied , das Seil , das mich noch in gewissem Sinn an die Welt knüpfte , die ich durchaus nicht verlassen wollte , die ich erst wollte kennenlernen ; diese Haare sollte ich nun lassen ! « - » Nun , lieber Florentin « , rief Juliane , » halten Sie sich nicht auf , was sagte der Marchese zu Ihrer tragischen Erzählung ? « - » Dem Marchese schien sie Vergnügen zu machen , er lächelte einigemal mit Bitterkeit , als ich vom Einfluß des Priors auf meine Mutter sprach . In der Folge erfuhr ich , daß er durch die Einmischung der Geistlichen in Familienangelegenheiten schon eine schreckliche Zerrüttung bei einem seiner Freunde erfahren , und seitdem allem , was zum Mönchstume gehörte , den unversöhnlichsten Haß geschworen habe . Er ist sowohl durch seine Herkunft als durch sein Vermögen von großem Einfluß , und gebraucht diesen soviel er vermag , und mit der größten Vorsicht und Klugheit , um allen Orden zu schaden , wenigstens ihrem zu großen Einfluß entgegenzuarbeiten . Er fragte mich , wozu ich entschlossen wäre , und was ich zunächst tun wollte ? Ich entdeckte ihm mein Verständnis mit dem Pater , und wie ich , sobald mich Manfredi in den notwendigsten Stücken würde unterrichtet haben , gesonnen sei , davonzugehen , und im Auslande Soldat zu werden . Mit dem letzten war der Marchese zufrieden , aber die Heimlichkeit wollte er nicht billigen . Er drang darauf , mich meiner Mutter zu entdecken . Ich erinnerte ihn , wie meine Mutter so ganz von ihrem Beichtvater abhinge , und daß ich von diesem ja auf keine Weise etwas hoffen dürfte . Gegen jeden Mann von Ehre , setzte ich keck hinzu , und der mit gleichen Waffen gegen mich ficht , werde ich offen und ohne Rückhalt handeln und sprechen , aber gegen diese Menschen halte ich die List für erlaubt , sie ist mein einziger Vorteil gegen sie . Den Marchese belustigte wahrscheinlich mein kindischer Eifer , denn er ließ mich eine gute Weile deklamieren . Endlich sagte er : Nun gut , mein junger Freund ! beruhigen Sie sich nur . Sie haben recht , Sie dürfen sich nicht aussetzen , ich werde Ihre Sache führen , hoffentlich soll es mir gelingen Sie freizumachen , nur versprechen Sie mir , nichts ohne mein Vorwissen zu unternehmen . Ich versprach alles , was er wollte , in der Freude einen Beschützer an dem Vater meines Freundes gefunden zu haben . Jetzt gedachte ich auch meiner armen Schwester , die , wie ich mir einbildete , in derselben angstvollen Lage seufzte . Der Marchese erkundigte sich näher nach ihr ; da nahm Manfredi das Wort , und beschrieb ihre rührende Schönheit , ihre Sanftmut und Geduld mit einiger Wärme . Der Marchese hörte ihn ernsthaft an , und sagte dann : Es tut mir leid , für Ihre Schwester kann ich nichts tun ; Familienverhältnisse machen es für die Töchter oft zur Notwendigkeit den Schleier zu nehmen , und nach allem , was mir Manfredi sagt , scheint sie sich recht gut in dieses Schicksal zu fügen . Ich wollte ihn vom Gegenteil überzeugen : - Nein , nein , fuhr er fort , es geht nicht an , für Ihre Schwester läßt sich nichts tun , und es wäre sehr gut , wenn ihr junge Herrn ihr nicht Hoffnung machtet , und sie von dem Wege ablenktet , den sie gehen muß . Was aber Sie betrifft , verhalten Sie sich ganz ruhig , Sie sollen bald frei sein . Ein Jüngling sollte niemals zum Kloster bestimmt werden , solange man noch Köpfe und Arme in der Welt braucht , und solange es Armeen gibt . Ich folgte dem Marchese , und blieb ruhig auf meinem Zimmer , beim Pater wurden meine Aufträge widerrufen , und ihm nur empfohlen ein wachsames Auge auf das zu haben , was bei meiner Mutter vorginge , und es mir zu hinterbringen . Einige Tage darauf kam er besorgt zu mir , und erzählte : er wäre zu meiner Mutter gerufen worden , wo er den Prior gefunden hätte ; beide hätten mit Heftigkeit geredet , indem er hineingetreten sei , und ihn scharf befragt : wo ich den Marchese gesprochen hätte ? und bei welcher Gelegenheit ? Er , der Pater , hatte sich dann völlig entschuldigt , und versichert , er wüßte von nichts , er wollte mich aber darnach fragen . Dies wäre ihm gestattet worden , und nun wollte er sich bei mir erkundigen , was er berichten sollte ? Es ward nun geschwind etwas ersonnen , das ziemlich glaubwürdig klang , und wobei der Pater zugleich von jedem Verdacht freiblieb , und alles allein auf mich fiel . Er gab mir zugleich Nachricht von einigen ernsthaften Unterredungen , die meine Mutter mit dem Prior gehabt , endlich ward ich vorgerufen ; der ehrwürdige Pater empfahl mir noch einmal sein Heil , und nun trat ich nicht ohne Herzklopfen und bange Erwartung in meiner Mutter Zimmer . Hier hatte ich einen schweren Auftritt zu überstehen . Ich ward genau aber ohne Strenge vernommen ; dann wandten sowohl meine Mutter als der Prior jede Überredung , jede Schmeichelei an , mich zu bewegen , daß ich mich freiwillig zum Kloster entschließen sollte . Meine Mutter weinte , bat , rief mir jede Erinnerung ihrer mütterlichen Zärtlichkeit ins Gedächtnis zurück , beschwor mich mit aufgehobenen Händen , mit den rührendsten Gebärden , ihr alles was sie je für mich geduldet hätte durch diesen einzigen Entschluß , der das ewige Heil meiner Seele und ihrer eigenen sicherte , zu belohnen . Ich war wie gepeinigt , konnte nicht sprechen , nur durch meine Liebkosungen suchte ich sie zu beruhigen ; im Schmerz , die Frau , die ich ehrte , so leiden zu sehen , und um meinetwillen aus Sorge für meine ewige Seligkeit so leiden zu sehen , konnte ich durchaus meinen Widerwillen nicht wiederfinden ; halb war ich erweicht , und wirklich in Gefahr nachzugeben ; in dem Augenblick fing aber der Prior an , mit seiner fetten Stimme , die mir in den Tod zuwider war , mir die großen Vorteile der Abgeschiedenheit von dieser verderbten zur ewigen Verdammnis lebenden Welt vorzuzählen , und mir mit allen Höllenstrafen für meine Widersetzlichkeit gegen meine Mutter zu drohen . Da fiel mir mein guter Manfredi ein , und sein vortrefflicher Vater , und daß ich , wenn ich standhaft bliebe , ein Pferd haben und Soldat werden sollte ; dies brachte mich zu mir selbst , und ich war gerettet . Dem Prior antwortete ich nicht , aber meiner Mutter mit einer für mein Alter seltnen Entschlossenheit und Festigkeit . Wie es der Marchese angefangen hatte , begreife ich noch jetzt nicht ; denn ich weiß gewiß , er hat mit meiner Mutter selbst nicht einmal gesprochen : kurz , ich ward befreit , und das Resultat aller Überlegungen und Unterredungen war , daß ich nach einer nicht sehr entfernten großen Stadt , in die adelige Militärschule daselbst geschickt ward , um mich dort in den nötigen Übungen geschickt zu machen , eh ich in Dienste treten konnte . Mein Hofmeister , auf den nicht der geringste Verdacht fiel , bekam die Versorgung nun noch früher , als er gehofft hatte , er tröstete sich also für meinen Verlust , und mir war es auch nichts Geringes , ihn so auf gute Art loszuwerden . Der Abschied ward mir leicht ; meine arme Schwester grämte sich aber recht herzlich , daß ich mich von ihr trennen mußte . Das arme Kind war nun ganz den Menschen überlassen , die sich der Schwäche ihres Charakters bedienten , um sie nach ihrer Willkür zu lenken . Sie fühlte ihre Abhängigkeit , aber diese drückte sie nicht so wie mich ; doch ich konnte es mir gar nicht denken , daß sie nicht ebenso unzufrieden sein müßte . Beim Abschied steckte ich ihr einen Zettel zu , ich riet ihr darin mir zu schreiben , wenn ich ihr helfen sollte , ihre Hofmeisterin würde mir zuliebe gewiß ihre Briefe bestellen . Jetzt erwartete mich aber noch eine große Freude : Manfredi kam , und kündigte mir an , daß er mit mir reise . Er war zwar älter als ich , und hatte seine Übungen schon vollendet , da der Marchese ihn aber so jung nicht zum Regiment schicken wollte , so hatte er in die Bitte des Sohns gewilligt , in meiner Gesellschaft sich noch in manchen Dingen vollkommner zu machen , und mich auch , da ich so völlig ohne Welt war , und man mich auf eine so unverzeihlich nachlässige Weise ganz allein reisen ließ , dort einzuführen , und meine Studien zu dirigieren . Auffallend war es in der Tat , wie man mich nach der strengsten Aufsicht plötzlich mir selbst überließ , ohne Führer , ohne Ratgeber , als ob ich von nun an für vogelfrei erklärt wäre . Man hielt mich von dem Augenblick an wahrscheinlich für einen Raub des Satans und jede Sorgfalt für ganz unnötig . Der Marchese billigte gleich den Vorsatz seines Sohnes , und befestigte ihn noch darin . Meine Erziehung schien ihn zu interessieren . In der Folge glaubte ich zu bemerken , daß es ihm auch darum zu tun war , Manfredi von meiner Schwester zu entfernen ; damals fiel es uns aber beiden gar nicht ein , wir freuten uns herzlich beisammen zu sein , und waren dem gütigen Marchese dankbar für seine Wohltaten . Ich war damals etwa vierzehn oder fünfzehn Jahr , Manfredi einige Jahre älter . Es war in derselben Jahreszeit , in der wir jetzt sind , daß ich zuerst die schöne Welt frei betrat , an der Hand meines guten Manfredi . « - » Ach « , rief Juliane , » ich schöpfe endlich freien Odem ! Ich fand keinen Ausweg für Sie , und ängstete mich gewaltig , Sie endlich dennoch unter den Mönchen zu sehen ; es wollte mir gar nicht deutlich werden , daß Sie nun hier sind , und kein Mönch haben werden müssen . « - » Florentin « , fiel Eduard ein , » hat so gut erzählt , man mußte es ganz aus den Augen verlieren , daß es eigentlich seine Geschichte sei ! « - » In der Tat « , sagte Juliane , » ich hätte nie geglaubt , daß er so zusammenhängend und in einem Strome fort reden könnte . « - » Ich kann nicht finden , daß ich so gut erzählt hätte , denn anstatt die einfache Geschichte geradeweg zu erzählen , bin ich in den Konfessionston hineingeraten . Es ist die Erinnerung meiner Kindheit , die einzige Epoche meines Lebens , die mich interessiert , die mich so schwatzhaft gemacht hat . Zum Glück ist es hier nun aus , denn ich bin es selbst müde . « - » Wie ? Aus ? « - » Ja , aus ! denn was mir nun noch zu erzählen bleibt , ist des Erzählens kaum wert , und läßt sich in ein Dutzend Worten ungefähr fassen : nämlich die eine , bis zur Ermüdung wiederholte Erfahrung : daß ich eigens dazu erkoren zu sein scheine , mich in jeder Lächerlichkeit bis über die Ohren zu tauchen , immer nur von einem Schaden zum andern etwas klüger zu werden , mich immer weniger in das Leben zu schicken , je länger ich lebe , und zuletzt der Narr aller der Menschen zu sein , die schlechter sind als ich . « - » Nicht so gar bitter , lieber Florentin « , sagte Eduard freundlich ; » vergessen Sie nicht , daß dieses mehr oder weniger das Schicksal aller Jünglinge ist , nur wirkt diese Allgemeinheit verschieden auf die verschiedenen Gemüter . « - » Jawohl , aber eben das ist es « , sagte Florentin , » daß es gerade auf mich so und nicht anders wirken mußte ! Ist denn diese Verschiedenheit nicht eigentlicher das Schicksal zu nennen , als die äußern Begebenheiten ? « - Juliane unterbrach ihn : » O lieber Florentin , nur einige von Ihren Erfahrungen , wie Sie sie nennen , erzählen Sie noch , ich bin sehr begierig zu hören , wie man Sie so oft hat zum besten haben können , man muß es doch eigen angefangen haben . « - » Auf die einfachste Weise von der Welt , das sollen Sie hören . Manfredi und ich waren unzertrennlich während unsers Aufenthalts auf der Akademie ; noch liebe ich ihn immer herzlich , und ich wünschte wohl , wir träfen noch einmal im Leben zusammen , wir waren uns gewiß echte Freunde , obgleich wir , dem Äußern nach , eben nicht füreinander paßten : ich war immer wild , ausgelassen , einigermaßen tollkühn und roh ; er hingegen sanft , liebend , von schöner Gestalt , und edlem Gesicht , feinem Anstand , tadellosen , wahrhaft altadeligen Sitten , strengen Grundsätzen über die Ehre ; und doch zog uns diese Verschiedenheit vielmehr gegenseitig an . Er konnte am ersten mich von irgendeiner Ausgelassenheit zurückführen , dagegen konnte ich sicher auf ihn rechnen , wenn es darauf ankam , irgend etwas Rechtes auszuführen , oder wenn meine Ehre zu retten war . Hatte ich zu irgend etwas mein Wort gegeben , so half er es lösen , wenn auch mit Lebensgefahr . War es aber vollbracht , so mußte ich oft die ernsthaftesten Verweise wegen meiner Unbesonnenheit von ihm hören . Von niemand hätte ich sie ertragen , als von dem , der den Mut und die Liebe hatte , alles für mich zu wagen . O du mein guter Genius , der du meine Jugend , mein schönstes Dasein schütztest , warum haben wir uns trennen müssen ? Seitdem , mein Manfredi , wandre ich einsam und in der Irre . « - Florentin sagte diese letzten Worte mit einer vor Rührung erstickten Stimme , er hob sein Auge mit Wehmut empor , dann schwieg er , in Gedanken verloren . Eduard nahm seine Hand ; Florentin blickte ihn an und sah Tränen in seinen Augen glänzen , er warf sich in seine Arme : - » Ich verstehe den Vorwurf dieses Händedrucks , mein guter Eduard ! Nein , ich bin jetzt nicht mehr allein , nicht mehr in der Irre ! ich habe wieder ein Herz gefunden , das verdient neben dem Andenken an meinen Manfredi zu stehen ! Ich bin dein , Eduard , auf immer ! « - » Ewig dein , mein Florentin ! « - Sie hielten sich in fester Umarmung umschlossen . - » Schließt mich nicht aus , aus eurem Bunde « , sagte Juliane , » auch ich bin euer « - Eduard umarmte sie zärtlich ; sie beugte sich gegen Florentin , er berührte freundlich lächelnd ihre Stirn mit seinen Lippen . Achtes Kapitel Nach einer Pause fing Florentin wieder an : » Wir waren ungefähr zwei Jahre auf der Akademie , unsre Übungen waren vollendet , wir sprachen schon von unsrer Rückreise und meinem weitern Fortkommen , als ganz unerwartet ein Brief an mich ankam , er war von meiner Schwester . Der Tag ihrer Einkleidung sei bestimmt , schrieb sie mir , und sehr nah , sie wolle also von mir und meinem Freunde schriftlich Abschied nehmen , und mich meines Versprechens , ihr zu helfen , entlassen , denn sie dürfe jetzt nicht mehr auf die Ausführung desselben hoffen . Sie sei nun entschlossen , sich drein zu ergeben ; auch hoffe sie , es würde ihr gewiß am Ende gut gehen , denn seit dem Jahre , daß sie nun im Kloster gelebt , habe sie viel Liebe und Freundlichkeit von den Nonnen erfahren ; sie habe auch schon einige gute Freundinnen , die sie sehr liebe , die sie wieder zärtlich lieben , und mit denen sie immer zusammen sei , das sei doch eine Freude , die sie bei der Mutter entbehre , wo sie ebenso streng eingezogen leben müsse , als im Kloster , und dabei ganz allein , ohne eine Gespielin ihres Alters zu haben . Sie wünsche sehr von mir und Manfredi mündlich Abschied zu nehmen , wir sollten es doch möglich zu machen suchen , zurückzukommen , um bei der feierlichen Einkleidung zugegen zu sein , und sie in ihrem Schmuck zu sehen , denn sie würde ganz herrlich geschmückt sein , die Mutter hätte ihr für ihren Gehorsam einen reichen Anzug zur Zeremonie gegeben , und so viel Geld zu guten Werken , als sie nur immer verlangte . Ihre vorige Hofmeisterin habe diesen Brief zu bestellen übernommen , aus alter Liebe für ihre Pflegekinder , und wolle ihr auch meine Antwort überbringen , wenn ich ihr eine schreiben wollte . Dies war ungefähr der Inhalt ihres Briefes . Die Unschuld aber , das Unbewußte , Einfältige , das aus jedem Wort hervorblickte , kann ich nicht ausdrücken . Wir wurden beide auf eine eigne Weise von der Beschränktheit gerührt , und Manfredi erinnerte sich dabei mit vieler Zärtlichkeit der süßen Gestalt und der frommen kleinen Miene . Ich beschloß auf der Stelle , sie zu retten , wenn Manfredi mir zur Ausführung helfen wollte . Dieser war nicht so bald zu bewegen , aber ich hatte ihm das Geständnis abgedrungen , daß ihr rührendes Bild , so wie er es durch die Planke des Gartens erblickt hatte , jetzt aufs neue mit großen Ansprüchen auf seine Hülfe vor ihn träte , daß er es eigentlich noch nie aus seiner Seele verloren habe , kurz daß er sie liebe , und gewiß glücklich sein würde , wenn er sich mit ihr verbinden dürfte . Überdem hatte ich ihr Hülfe versprochen , und sie schien sogar auf ihn gerechnet zu haben ; er ward endlich überredet , daß unsre Unternehmung gerecht und ehrenvoll sei , und versprach mir seine Hülfe . Und nun ward ein allerliebster Plan verabredet , der so toll war , daß es uns alle drei , wenn er gelungen wäre , ins tiefste Elend gezogen hätte . Uns kam aber damals nichts leichter , nichts natürlicher vor . Meiner Schwester schrieb ich in wenigen Worten : Ich wolle mein Versprechen mit Manfredis Hülfe erfüllen . Sie solle alles tun , was man von ihr verlangte , nur Sorge tragen , daß sie nicht die erste sei , die an dem Tage das Gelübde ablegte . Sie werde mich in dem Augenblick sehen , wenn sie zum Altar gehen müsse , dann solle sie sich gefaßt halten , mir auf meinen Wink zu folgen . Mit Manfredi hatte ich verabredet , gleich zurückzureisen , ohne es jemand wissen zu lassen , ohne uns zu zeigen , und den Tag der Einkleidung in einem entlegenen Hause vor dem Tor zu erwarten . Dann wollte ich ganz eingehüllt ins Kloster gehen , und mich unter das Gedränge mischen ; wenn dann meine Schwester sich mit der Begleitung aller Angehörigen durch die Menge drängte , um zum Altar zu gelangen , und alles aufmerksam auf die Himmelsbräute wäre , die vor ihr eingekleidet würden , dann sollte ich den Moment wahrnehmen , sie von den übrigen ab , und zur Tür zurückführen , sie dann schnell in einen Mantel verhüllen , den ich über meinen eigenen hängen wollte , und mit ihr durch den nächsten Gang in den Garten eilen . Da bei einer öffentlichen Feierlichkeit die Türen offen sind , oder doch nachlässig bewacht werden , so war von dieser Seite kein Hindernis zu befürchten . Manfredi mußte unterdessen eine Strickleiter an die Mauer befestigt haben , und uns draußen mit einer Chaise und raschen Pferden erwarten ; auch müßte er eine Männerkleidung in Bereitschaft halten , die meine Schwester sogleich anlegen könnte , wenn wir uns außer der Stadt sähen , dann wollten wir , ohne zu rasten , nach Venedig reisen , dort würden sie sogleich getraut . Für die Einwilligung meiner Schwester war ich Bürge , ich war überzeugt , sie würde sich in ihrem neuen Lose besser und glücklicher finden , als in dem traurigen , wozu sie sich schon so geduldig gefügt hatte . Manfredi bleibt mit ihr in Venedig , ich reise zurück , versöhne den Marchese mit ihnen , der zu edel ist , um sie seinen Zorn lange empfinden zu lassen , besonders da diese Handlung seinen wahren Grundsätzen gar nicht entgegen sein kann ; was er uns damals darüber gesagt , war gewiß nur , um uns von allen weiteren Plänen abzuhalten , sein Ernst konnte es aber nicht sein . Ist nur erst der Marchese versöhnt , so muß es ihm leicht werden , auch unsre Mutter zu beruhigen , besonders da es doch nun einmal geschehen , und nicht zu ändern sein wird . Dann hole ich sie wieder von Venedig ab , sie werden beide glücklich sein , und werden mir ihr Glück danken ; ich habe dann redlich meine große Schuld gegen Manfredi abgetragen . Wir haben unser Leben gewagt für die gute Sache , wir haben den Priestern ein Schlachtopfer aus den Händen gewunden ! Das Bewußtsein dieser großen Handlung wird uns auf ewig stärken und erheben , und unser Trost im Tode sein , wenn wir dem Versuche unterliegen sollten ! - Mit diesen hohen Worten , die wir wechselsweise einander zuriefen , und uns die Köpfe immer mehr erhitzten , eilten wir an die Ausführung des großen Werks . Von den unzähligen Schwierigkeiten fiel uns keine ein . Anfangs ging alles dem Plane gemäß . Wir reisten ab , kamen an , wohnten im strengsten Inkognito vor dem Tore in einem unbekannten Hause . Den Morgen nach unsrer Ankunft erzählte uns unsre Wirtin : es werde heute in dem Nonnenkloster ein großes Fest gefeiert , wo die ganze Stadt gewiß hinströmen würde , um es anzusehen , sie selbst wolle auch nicht zurückbleiben ; sie bat uns daher , mit unsrer Abreise zu eilen , wenn wir nicht etwa auch Zuschauer abgeben wollten . Es würden drei vornehme Fräulein heute ihr Gelübde ablegen , die alle drei schön und fromm wie die heiligen Engel wären , und es wohl verdienten , glückselige Bräute des Himmels zu werden . Das wäre ein sehr schönes und erbauliches Schauspiel , auch freute man sich schon , die heiligen Reden des vortrefflichen Priors zu hören und seinen Segen zu erhalten . Sie nannte den wohlbekannten Namen des Priors , und mein ganzer Eifer entbrannte aufs neue . Manfredi eilte , seine Aufträge zu besorgen , ich in die Kirche des Klosters . Es war noch sehr früh , das Volk versammelte sich allmählich , mir ward die Zeit lang . Ich ging wieder hinaus , um mir den nächsten Gang nach dem Garten , und durch denselben nach der Mauer , recht zu merken . In der Tür begegnete mir meine alte Wärterin ; ich wandte mich von ihr , um mich zu verbergen , sie hatte mich aber schon erkannt und guckte mich scharf an . Mein Jesus ! sind Sie wahrhaftig hier ; kommen Sie nur gleich mit mir zum Fräulein , sie erwartet Sie schon , folgen Sie mir nur . Ei , ei , Sie sind wirklich gekommen ! Ihre Anrede befremdete mich , ich suchte sie so vorsichtig als möglich auszuforschen , sie wußte aber nichts weiter , konnte mir auf keine Frage antworten , als daß sie mich zu meiner Schwester führen sollte , die mich sprechen müßte , ich folgte ihr also . Sie öffnete eine Tür , ich trat hinein , und sah meine Schwester in prächtigem Brautschmuck in den Armen meiner Mutter , die sie mit Schmeicheleien und Küssen bedeckte . Meine Schwester schrie laut auf , als sie mich gewahr ward , ihr Gesicht in beiden Händen bergend ; dann kam sie auf mich zu : Vergib mir ! rief sie , und fiel mir um den Hals , vergib mir , Guter , und lebe wohl ! Sie wollte noch sprechen , meine Mutter verhinderte sie aber daran . Geh , meine fromme Tochter ! sagte sie , laß mich mit ihm allein . Meine Schwester ging hinaus , ich war unbeweglich und stumm vor Erstaunen . Meine Mutter fing wieder an : Ich habe nur wenig Zeit , Florentin , mich mit dir zu unterhalten . Dein entsetzliches gottloses Vorhaben ist entdeckt ! Sei ewig gepriesen von mir , gebenedeite Jungfrau , daß du das Herz meines Kindes gerührt hast , eh ' es unwiderruflich verloren war ! In dieser Nacht , die das arme Kind in der Angst ihres Herzens unruhig und schlaflos zubrachte , ward es ihr in einer wundervollen Erscheinung offenbar , daß sie auf schlimmem Wege sei , und im Begriff ihre Seele ewiger Verdammnis zu übergeben , und mit ihr zwei andre Seelen noch , die leider , ach ! vielleicht nicht mehr zu retten sind . Ein Strahl der ewigen Gnade hat das geliebte Kind des Himmels erleuchtet , und sie fest im Entschluß zum Guten gemacht . Diesen Morgen , als ich ihr den Brautschmuck anlegen half , und mich ihrer Schönheit im Herzen erfreute , hat sie mir euer Vorhaben entdeckt , und deinen Brief gezeigt . Florentin , ich will jetzt nichts davon erwähnen , wie sehr es mich beugte , noch steht es bei dir , mich in hoher Himmelsfreude wieder aufzurichten . Auf mein Geheiß hat das fromme Kind gebeichtet , und ihre Seele von aller Angst lösen lassen . Der Prior , dem sie die Beichte abgelegt , weiß nun alles ; auch habe ich soeben eine Unterredung mit ihm deinetwegen gehabt . Du hast dich schwer vergangen , er kann und darf es nicht verhindern , daß du schwer dafür büßest . Ein einziges Mittel gibt es noch , dich mit dem Himmel zu versöhnen . Entsage der Welt , leb in Ruhe im Schoß der Kirche ! - Nimmer , nimmermehr , Mutter ! rief ich in höchster Bewegung . - Nein ? durchaus nicht ? Nun so fliehe , eile von hier weg , es ist das einzige , was ich für dich tun kann , wenn ich dich aufs schnellste entfliehen heiße , denn hier bist du jetzt keinen Augenblick in Sicherheit , mein Herz blutet für dich , glaub mir das ! Hier , nimm diesen Beutel ! Was er enthält , ist alles , was du jemals von mir zu erwarten hast . Dein weiteres Fortkommen bleibt dir selbst überlassen ; du hast dir ein müh- und sorgenvolles Leben erwählt , nun mußt du es tragen . Du wirst kümmerlich darben müssen in der Welt ; in der heiligen Zurückgezogenheit hättest du weltliche Not nie gekannt . - Davon nichts mehr , Mutter ! ich will gehen , gleich gehen ! Nur ein Wort noch ! Ist es möglich , daß Sie selbst meiner schwachen Schwester zureden konnten , mich dem Prior zu verraten ? - Lästerliche Worte ! nennst du die Beichte Verrat ? deine fromme