ich keine Gesandten . Aber eben dieser Vorzug , daß ich meine Geschichten nicht aus der Luft greife , sondern aus Depeschen , nötigt mich , mehr Mühe anzuwenden , sie zu verziffern , als andere hätten , sie aufzuschmücken oder auszusinnen . Kein kleineres Wunder als das , welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt , schien bisher die Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden , und zwar mit einem solchen Glücke , daß von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten , mit Mutmaßungen gefüllten Brieffelleisen keines Mäuse merkte . ( Und recht zum Vorteil der Welt ; denn sobald z.B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei verzognen Namen der ersten Bände des Titans auseinanderringelt , so stoß ' ich das Dintenfaß um und gebe nichts mehr heraus . ) Aus den Namen ist bei mir nichts zu schließen , weil ich die Paten zu meinen Helden auf den sonderbarsten Wegen presse . Bin ich z.B. nicht oft abends ? während dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere , die ihre Kreuzzüge nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten , in den Zeltgassen mit der Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen , die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden , so wie sie fielen , aufgefangen und eingetragen , um sie wieder unter meine biographischen Leute auszuteilen ? Und avancierte dabei nicht das Verdienst , und mancher Gemeine stieg zum tafel- und turnierfähigen Edelmann auf , Profosse zu Justizministern , und Rotmäntel zu patribus purpuratis ? - Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere nach diesem herumschleichenden , auf zwei Füßen mobil gemachten Observationskorps ? - Für Autoren , die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen , bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flügelmann . Ich habe länger als andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen , die eine Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können , studiert und imitiert und glaube zu wissen , wie man gute Regentengeschichten , Protokolle von Majestätsverbrechern , Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen müsse ; keine stärkere Züge entscheiden als die kleinen , womit Peter von Cortona ( oder Beretino ) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein lachendes umzeichnete , und dieses in jenes zurück . Voltaire verlangte mehr als einmal - wie bei allen Sachen ; denn er gab der Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte sich und alles unverdrossen - , daß der Historiker seine Geschichte nach den Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle , nach einem dramatischen Fokalpunkt . Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln , die uns Lessing , Aristoteles und griechische Muster geben , daß der Schauspieldichter jeder historischen Begebenheit , die er behandelt , alles leihen müsse , was der poetischen Täuschung zuschlägt , so wie das Entgegengesetzte entziehen , und daß er Schönheit nie der Wahrheit opfere , sondern umgekehrt . Voltaire gab , wie bekannt , nicht nur die leichte Regel , sondern auch das schwere Muster , und dieser große Theaterdichter des Welttheaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und Karl nirgends bei der Wahrheit stehen , wo er gewiß sein konnte , er gelange eher zur Täuschung . Und das ist eigentlich die echte , dem historischen Romane entsprechende romantische Historie . Nicht ich , sondern andere - nämlich der Lehnpropst und die Legationssekretäre - können entscheiden , inwiefern ich eine wahre Geschichte illusorisch behandelt habe . Ein Unglück ists , daß schwerlich je die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt ; sonst dürfte mir vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren , daß Kenner meine dichterischen Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach leichter jedem von uns das Seinige geben , sowohl der Wahrheit als mir . Allein auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen , skandalöse Chroniker nolens volens Verzicht , weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint . - Aber unter dem Komponieren der Geschichte muß ein Autor auch darauf auslaufen , daß sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate , sondern auch keine falsche und gar niemand . Eh ' ich z.B. für einen schlimmen Fürsten einen Namen wähle , seh ' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und regierten Häupter durch , um keinen Namen zu brauchen , den schon einer führt ; so werden in Otaheiti sogar die Wörter , die dem Namen des Königs ähnlich klingen , nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet . Da ich sonst gar keine jetzt lebende Höfe kannte : so war ich nicht imstande , in den Schlacht- und Nachtstücken , die ich von den Kabalen , dem Egoismus und der Libertinage biographischer Höfe malte , es so zu treffen , daß Ähnlichkeiten mit wirklichen geschickt vermieden wurden ; ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar ein schlechter Behelf , oft den Machiavell vor sich hinzulegen , um mit Zuziehung der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen wenigstens auf Länder zu wehren , in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den Einfluß gehabt , den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset ; so wie Herder gegen die Naturforscher , welche gewisse mißgestaltete Völker aus Paarungen mit Affen ableiten , die sehr gute Bemerkung macht , daß die meisten Ähnlichkeiten mit Affen , der zurückgehende Schädel der Kalmucken , die abstehenden Ohren der Pevas , die schmalen Hände in Karolina , gerade in Ländern erscheinen , wo es gar keine Affen gibt . Wie gesagt , auffallende Unähnlichkeiten wollten mir nicht gelingen ; jetzt hingegen ist jeder Hof , um welchen meine Legations-Flottille schifft , mir bekannt und also vor Ähnlichkeiten gedeckt , besonders jeder , den ich schildere , der flachsenfingische , der hohenfließische etc. Die Theatermaske , die ich in meinen Werken vorhabe , ist nicht die Maske des griechischen Komödianten , die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums gebosselt war18 , sondern die Maske des Nero , die , wenn er eine Göttin auf dem Theater machte , seiner Geliebten ähnlich sah19 , oder wenn er einen Gott spielte , ihm selber . Genug ! Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang , aber die Jobelperiode wars auch ; je länger der Johannistag eines Landes , desto länger seine Thomasnacht . - - Und nun lasset uns sämtlich ins Buch hineintanzen , in diesen Freiball der Welt - ich als Vortänzer voraus und dann die Leser als Nachhopstänzer - , so daß wir unter den läutenden Tauf-und Totenglöckchen am sinesischen Hause des Weltgebäudes - angesungen von der Singschule der Musen - angespielt von der Gitarre des Phöbus oben - munter tanzen von Tomus zu Tomus - von Zykel zu Zykel - von einer Digression zur andern - von einem Gedankenstrich zum andern - bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder ! Zweite Jobelperiode Die beiden biographischen Höfe - die Sennenhütte - das Fliegen - der Haar-Verschleiß - die gefährliche Vogelstange - das in eine Kutsche gesperrte Gewitter - leise Bergmusik - das Kind voll Liebe - Herr von Falterle aus Wien - Tortursouper - das zersplitterte Herz - Werther ohne Bart - mit einem Schusse - die Versöhnung 10. Zykel Mit jugendlichen Kräften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern durch das helle volle Mailand zurück , wo die Ähre und die Traube und die Olive oft auf einer Erdscholle zusammen grünen . Schon der Name Mailand schloß ihm einen Frühling auf , weil er , wie ich , an allen Mai-Wesen , an Maiblumen , Maikäfern , sogar an der Maibutter in der Kindheit so vielen Zauber fand wie an der Kindheit selber . Dazu kam , daß er ritt ; der Sattel war für ihn ein Rittersitz der Seligen , wie eine Sattelkammer eine Regensburger Grafenbank , und jeder Gaul sein Pegasus . Auf der Insel war ihm in jener geistigen und körperlichen Ermattung , worin die Seele sich lieber in helldunkle Schäferwelten als in heiße staubige Kriegs-und Fechtschulen begeben will , die Aussicht in die nahen Rätsel und Kämpfe seines Lebens zuwider gewesen ; aber jetzt mit dem Herzen voll Reise- und Frühlingsblut streckte er die jungen Arme ebensosehr nach einem Gegner als nach einer Freundin aus , gleichsam nach einem Doppelsiege . Je weiter die Insel zurücktrat , desto mehr fiel der Zauberrauch um die nächtliche Erscheinung zu Boden und hinterließ ihm bloß einen unerklärlichen Gaukler aufgedeckt . Jetzt erst vertrauete er die Spukgeschichte seinen Gefährten . Schoppe und Augusti schüttelten Köpfe voll Gedanken , aber jeder über etwas anders ; der Bibliothekar suchte eine physikalische Auflösung des akustischen und optischen Betrugs ; der Lektor suchte eine politische , er konnte gar nicht fassen , was der Schauspieldirektor dieser Totengräberszene eigentlich mit allem haben wollen . Den einzigen Trost behielt der Bibliothekar , daß Alban an seinem Geburtstage dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustatten habe , die er nur - bleiben lassen dürfe , um aus dem Seher einen Myopen und Lügner zu fertigen : » Wollte Gott , « ( sagt ' er ) » mir verkündigte einmal ein Ezechiel , daß ich ihn an den Galgen bringen würde - ich tät ' es um keinen Preis , sondern brächte ihn ohne Gnade statt um den Hals um Kredit und Kopf . « - Auch seinem ungläubigen Vater schrieb Albano noch unterwegs mit einigem Erröten die unglaubliche Historie ; denn er hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz , um Zurückhaltung an sich oder andern zu lieben . Nur weiche Blattwickler- und Igel-Seelen ringeln und krempen sich vor jedem Finger in sich zusammen ; unter dem offnen Kopfe hängt gern ein offnes Herz . Endlich kamen sie , da helle Berge und schattige Wälder genug , wie durchlebte Tage und Nächte , hinter sie zurückgegangen waren , nahe vor das Ziel ihrer mit Ländern gefüllten Reitbahn , und das Fürstentum Hohenfließ lag nur noch ein Fürstentum weit von ihnen . Dieses zweite , das ein Tür- und Wandnachbar des erstern war und mit diesem leicht zu einem Staatsgebäude ausgebrochen werden konnte , hieß , wie geographische Leser wissen , Haarhaar . Der Lektor erzählte dem Bibliothekar neben den Grenzwappen und Grenzsteinen , daß beide Höfe sich fast als Blutfeinde ansähen , nicht sowohl weil sie diplomatische Verwandte wären - da unter Fürsten Vetter , Oheim , Bruder nicht mehr bedeuten wie bei Postillonen Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutter - als weil sie wirkliche wären und einander beerbten . Es würde mir zu viel Platz wegnehmen , wenn ich die Sippschaftsbäume beider Höfe - die ihre Gift- und Drachenbäume wurden - mit allen ihren heraldischen Blättern , Wasserschößlingen und Flechtmoosen für den Leser hereinsetzen wollte ; das Resultat kann ihn beruhigen , daß dem haarhaarschen Fürstentume hohenfließische Land und Leute zustürben , falls der Erbprinz Luigi , der letzte hohlröhrige Schuß und Fechser des Hohenfließer Mannsstammes , verdorrte . Welche Herden von venezianischen Löwenköpfen Haarhaar ins künftige Erbland treibt , die da nichts verschlingen sollen als gelehrte Anzeigen und Wundzettel - und welche Spitzbubenbande von politischen Mechanikern es da wie in eine Botany-Bay aussetzt , ist gar nicht zu sagen aus Mangel an Zeit . Doch ist Haarhaar auf der andern Seite wieder so brav , daß es nichts so herzlich wünscht als den höchsten Flor des Hohenfließer Finanz-Etats , Handels , Acker- und Seidenbaues und Gestütes und daß es im höchsten Grade jede öffentliche Verschwendung - diese Entnervung des großen Interkostal-Nervens ( des Geldes ) - als das stärkste kanonische Impediment aller Bevölkerung hasset und verflucht : » Der Regent « ( sagt der echt menschenfreundliche Fürst von Haarhaar ) » ist der Ober-Hirt , nicht der Schächter des Staats , sogar die Wollenschere nehm ' er nicht so oft als die Hirtenflöte in die Hand ; nicht über fremde Kräfte und Ehen ist unser Vetter ( Luigi ) Herr , sondern über seine , diese soll er ruinieren ! « - Als sie ins Hohenfließische einritten , hätten sie einen Abstecher nach Blumenbühl20 , das seitwärts von Pestitz liegt , gleichsam in die Kinderstube Albanos ( Isola bella ist die Wiege ) machen können , wenn dieser nicht fortgeritten wäre aus Heißhunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem zweiten Abschiede , der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt . Die Reise , die Reden des Vaters , die Bilder des Gauklers , die Nähe der Akademie hatten an unserm Vogel Rok die Flügelfedern - die in seinem Alter zu lang sind , wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz - so aufgespreizet , daß sie im enggehäusigen Blumenbühl sich nur verstauchen konnten ; beim Himmel , er wollte ja etwas werden im Staate oder auf der Erde , weil ihn so tödlich jene narkotische Wüste des vornehmen Lebens anekelte , durch dessen Lilienopium der Lust man schläfrig und betrunken wankt , bis man an doppelseitigen Lähmungen umfällt . Man wird es aus der ersten Jobelperiode nicht behalten haben - weils in einer Note stand - , daß Alban niemals nach Pestitz durfte , und zwar aus sehr guten Gründen , die dem Ritter allein bekannt sind , aber nicht mir . Dieser lange Torschluß der Stadt schärfte nur seine Sehnsucht darnach noch mehr . - Sie standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhöhe , wo sie die Pestitzer Kirchtürme in Westen vor sich sahen und - wenn sie sich umkehrten - unten den Blumenbühler Turm in Morgen ; aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes Mittagsgeläute her ; Albano hörte seine Zukunft und seine Vergangenheit zusammentönen . Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rotes Häuschen auf einem nahen Berge , das ihm wie eine hell bemalte Urne längst ausgewischter Tage nachglänzte ; er seufzete ; er blickte über die weite Baustelle seines künftigen Lebens und sprengte nun mit verhängtem Zügel nach den Lindenstädter Türmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu . - Aber das nette Häuschen gaukelte ihm wie ein roter Schatten voraus . Ach hatt ' er denn nicht in dieser Sennenhütte einmal einen träumenden Tag voll Zufälle verlebt , und noch dazu in jener kindlichen Zeit , wo die Seele auf der Regenbogenbrücke der Phantasie trocknes Fußes über die Lachen und Mauern der untern Erde wegschreitet ? - Wir wollen in diesen lieben Tag , in dieses kindliche Vorfest des Lebens , jetzt mit ihm zurückgehen und die frühern Stunden kennen lernen , die ihm so schön mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Sennenhütte nachklingen . - 11. Zykel Es war nämlich an einem herrlichen Jakobustage - und zugleich am Geburtstage des Landschaftsdirektors Wehrfritz , der aber damals noch keiner war - , als dieser am Morgen den Wagen herausschieben ließ , um darin nach Pestitz zum Minister zu fahren und die Dreschmaschine des Staates als Unterhändler der Landschaft versuchsweise in eine Säemaschine umzustellen . Er war ein rüstiger Mann , dem ein Ferientag länger wurde als andern ein Exerzitientag und dem nichts Langweile machte als Kurzweile : » Aber abends « ( dacht ' er ) » mach ' ich mir einen guten Tag , denn es ist einmal mein Geburtstag . « - Sein Angebinde sollte darin bestehen , daß er eines - machte ; er wollte nämlich aus Pestitz dem kleinen Albano einen Österleinschen Flügel aus seinem eignen Beutel - so wenig darin war - und obendrein einen Musikmeister auf Don Gaspards Verlangen mitbringen . Aber warum will man das dem Leser nicht vorher auf das deutlichste auseinandersetzen ? Don Gaspard hatte nämlich in der Revision des Erziehungswesens für Albano gewollt , daß auf dessen körperliche Gesundheit mehr als auf die geistige Superfötation gesehen würde ; der Erkenntnisbaum sollte mit dem Lebensbaume ablaktieret werden . Ach wer der Weisheit die Gesundheit opfert , hat meistens die Weisheit auch mitgeopfert ; und nur angeborne , nicht erworbne Kränklichkeit ist Kopf und Herzen dienlich . Daher hatte Albano in seinem Bücherriemen nicht die vielbändige Enzyklopädie aller Wissenschaften gebückt zu schleppen , sondern bloß Sprachlehren . Nach den Schulstunden der Dorfjugend suchte nämlich der Rektor des Orts - namens Wehmeier , bekannter unter dem Titel : Schachtelmagister - seine schönsten Struveschen Nebenstunden , seine Otia und Noctes hagianae darin , daß er ihn unterwies und in die von innern Strömen angefaßte Mühlwelle des ewig regen Knaben alphabetische Stifte zu einer Sprachwalze einschlug . Freilich aber wollte Zesara bald etwas Schwerers bewegen als die Sprach-Tastatur ; so wurde z.B. die Sprachwalze im eigentlichen Sinne zur Spielwalze ; denn stundenlang versucht ' er auf der Orgel des Orts ohne sonderliche Kenntnis des Kontrapunkts ( er kannte keine Note und Taste und stand unter dem Orgelstücke auf dem fortbrausenden Pedale fest ) sich in den entsetzlichsten Mißtönen , wogegen die Enharmonika aller Piccinisten verstummen muß , senkte sich aber desto länger und tiefer in den zufälligen Treffer eines Wohllauts ein . - Ebenso arbeitete sich die saftvolle Seele gleichsam in Laubknöpfen , Holztrieben und Ranken aus und machte Gemälde , Tongebilde , Sonnenuhren und Plane aller Art , und sogar in den juristischen Felsen des Pflegevaters , z.B. in Fabris Staatskanzlei , trieb sie , wie oft Kräuter in Herbarien , ihre durstigen Wurzeln herum und über die dürren Blätter hinaus . O wie schmachtete er ( so wie in der Kindheit von Oktav- zu Quart-Büchern , von Quart zu Folio , von Folio bis zu einem Buche so groß wie die Welt - welches eben die Welt ist ) jetzt nach geahneten Lehren und Lehrern ! - Aber desto bessert Nur der Hunger verdauet , nur die Liebe befruchtet , nur der Seufzer der Sehnsucht ist die belebende aura seminalis für das Orpheus-Ei der Wissenschaften . Das bedenket ihr nicht , ihr Fluglehrer , die ihr Kindern den Trank früher gebt als den Durst , die ihr wie einige Blumisten in den gespaltenen Stengel der Blumen fertige Lackfarben , und in ihren Kelchfremden Bisam legt , anstatt ihnen bloß Morgensonne und Blumenerde zu geben - und die ihr jungen Seelen keine stille Stunden gönnt , sondern um sie unter dem Stäuben ihres blühenden Weins gegen alle Winzer-Regeln mit Behacken , Bedüngen , Beschneiden hantiert . - O könnt ihr ihnen jemals , wenn ihr sie vorzeitig und mit unreifen Organen in das große Reich der Wahrheiten und Schönheiten hineintreibt , gerade so wie wir alle leider mit dunkeln Sinnen in die schöne Natur einkriechen und uns gegen sie abstumpfen , könnt ihr ihnen mit irgend etwas das große Jahr vergüten , das sie erlebet hätten , wenn sie ausgewachsen , wie der erschaffne Adam , mit durstigen offnen Sinnen in dem herrlichen geistigen Universum sich hätten umherdrehen können ? - Daher gleichen auch euere Eleven den Fußpfaden so sehr , die im Frühling vor allem grünen , später aber sich gelb und eingetreten durch die blühenden Wiesen ziehen . - Wehrfritz erneuerte , da er schon auf der Wagentreppe das Gesicht in diesen kehrte , wieder den Befehl der Aufsicht über den jungen Grafen und machte die Signatur , womit Kaufleute kostbare Warenkisten der Post empfehlen , recht dick auf diesem : er liebte das feurige Kind wie seines ( er hatte nur eins , aber keinen Sohn ) ; - der Ritter hatte Vertrauen auf ihn , und um dieses zu rechtfertigen , würd ' er , da der Ehrenpunkt der Schwerpunkt und die Himmelsachse aller seiner Bewegungen war , sich ohne Bedenken , wenn der Knabe z.B. den Hals gebrochen hätte , seinen abgeschnitten haben ; - auch sollte Albano abends vor dem neuen Lehrer aus der Stadt auffallend gut bestehen . Albine von Wehrfritz , die Gemahlin , versprach alles hoch und teuer ; sie konnte sich den Evangelisten Markus und Johannes gleichsetzen , weil ihr heftiger Mann die Gesellschafts-Tiere beider , die Tierkönige Löwe und Adler , öfters repräsentierte , so wie sich manche andere Gattin in Hinsicht ihrer Begleitung mit dem Lukas vergleichen mag und meine mit dem Matthäus21 . Sie hatte ohnehin auf abends ein kleines Familienfest voll spielender buntgefärbter Ephemeren der Freude ausgeschrieben ; und zum größten Glück war schon vor einigen Tagen das Diplom eingelaufen , das unsern Wehrfritz zum Landschaftsdirektor installierte , und das man als ein Patengeschenk des Geburtstages auf heute aufhob . Aber kaum fuhr Wehrfritz hinter dem Schloßgarten , so trat Alban mit seinem Projekte hervor und berichtete , er wolle den ganzen Feiertag droben im einsamen Schießhäuslein versitzen ; denn er spielte gern allein , und ein elterlicher Gast war ihm lieber als ein Spielknabe . Die Weiber gleichen dem Pater Lodoli , der ( nach Lambergs Tagebuche ) nichts so mied als das Wörtchen Ja ; wenigstens sagen sie es erst nach dem Nein . Die Pflegemutter ( ich will aber künftig bei ihr und der Pflegeschwester Rabette das verdrießliche Pflege wegstreichen ) sagte ohne Bedenken Nein , ob sie gleich wußte , daß sie noch keines gegen den Trotzkopf durchgesetzt . - Dann entlehnte sie sehr gute Dehortatorien vom Willen des Landschaftsdirektors und hieß ihn bedenken - dann schlug sich die rotbackige gutmeinende Rabette zum Bruder und bat mit , ohne zu wissen warum - dann beteuerte Albine , wenigstens das Essen soll ' er nur nicht auf den Berg nachgeliefert erwarten - dann marschierte er zum Hofe hinaus So stand ich schon öfters dabei und sah zu , wie die weiblichen Ellenbogen und Knochen unter dem Wegstemmen allmählich vor meinen Augen Knorpel wurden und sich umbogen . Nur in Wehrfritzens Beisein hatte Albine Kraft zum langen Nein . 12. Zykel Unser Held war aus den kindischen Jahren , wo Herkules die Schlangen erdrückte , in die gottestischfähigen getreten , wo er sie erwärmte unter der Weste , um sie in spätern wieder zu köpfen . Jubelnd schlugen draußen - sie flogen nebeneinander - sein neuer und sein alter Adam die Flügel auf unter einem blauen Himmel , der gar keinen Ankergrund hatte . Was kümmerte ihn die Mahlzeit ? Alle Kinder tragen vor und unter einer Abreise keinen Magen unter ihren Flügeln , wie auch den Schmetterlingen jener einschrumpft , wenn ihnen diese aufgehen . Die oftgedachte Sennenhütte oder das Schießhäuslein war nichts Geringers als ein Schießhaus mit einer Wachtstube für eine abgedankte Soldatenfrau , mit einem Schießstand im untern Stock und mit einem Sommerstübchen im obern , worin der alte Wehrfritz in jedem Sommer eine Landpartie und ein Vogelschießen haben wollte , es aber nie hatte , weil der arme Mann sich in der Arbeitsstube , wie andere im Tafelzimmer , entmastete und abtakelte . Denn obgleich der Staat seine Diener wie Hunde zum zehntenmal wieder herlockt , um sie bloß zum eilften wieder abzuprügeln ; und ob Wehrfritz gleich an jedem Landtage alle Staatsgeschäfte und Verdienste verschwur - weil ein redlicher Mann wie er am Staatskörper überall so viel wie an denen antiken Statuen zu ergänzen findet , wovon nur noch die steinerne Draperie geblieben - : so kannt ' er doch kein weicheres Faul- und Lotterbette zum Ausruhen als eine noch höhere Ruderbank , und er strebte jetzt vor allen Dingen , Landschaftsdirektor zu werden . Die deutschen Höfe werden das Ihrige dabei denken , daß ich ihnen die folgende Knaben-Idylle anbiete . Mein schwarzäugiger Schäfer lief gegen die Bergfestung der Senne Sturm und erhielt von der Soldatenfrau die Torschlüssel zum weißgrünen Sommerkabinett . Beim Himmel ! als alle östliche und westliche Fensterladen und Fenster aufgestoßen waren und der Wind von Osten blätternd durch die Akten und kühlend durch den Stuben- Schwaden strich - und als außen Himmel und Erde um die Fenster herumstanden und nickend hereinsahen - als Albano unter dem Fenster nach Osten das tiefe breite Tal mit dem steinigen springenden Bache beschauete , auf welchem alle Glimmerscheiben , die die Sonne wie Steinchen schief anwarf , auf der Bergseite hinausfuhren - als er vor dem westlichen Fenster hinter Hügeln und Wäldchen den Schwibbogen des Himmels , den Berg vor der Lindenstadt sah , der wie ein krummgeworfner Riese auf der Erde schlief - als er sich von einem Fenster zum andern setzte und sagte : » Das ist sehr prächtig ! « : so wurden seine Lustbarkeiten im Stübchen am Ende so glänzend , daß er hinausging , um sie draußen noch höher zu treiben . Die Göttin des Friedens schien hier ihre Kirche und ihre Kirchstühle zu haben . - Die rüstige Soldatenfrau legte in einem hochstaudigen Gärtlein Früherbsen und warf zuweilen einen Erdenkloß in den Kirschbaum unter die geflügelten Obstdiebe , und begoß wieder unverdrossen die neue Leinwand und den verpflanzten Salat , und lief doch willig zum kleinen zehnjährigen Mädchen , das , von Blattern erblindet , auf der Türschwelle strickte und nur bei gefallnen Maschen sie als Maschinengöttin berief . Albano stellte sich an den äußersten Balkon des sich lieblich-aufschließenden Tals , und jeder Windstoß blies in seinem Herzen die alte kindische Sehnsucht an , daß er möchte fliegen können . Ach , welche Wonne , so sich aufzureißen von dem zurückziehenden Erdenfußblock und sich frei und getragen in den weiten Äther zu werfen - und so im kühlen durchwehenden Luftbade auf- und niederplätschernd , mitten am Tage in die dämmernde Wolke zu fliegen und ungesehen neben der Lerche , die unter ihr schmettert , zu schweben - oder dem Adler nachzurauschen und im Fliegen Städte nur wie figurierte Stufensammlungen , und lange Ströme nur wie graue , zwischen ein Paar Länder gezogne schlaffe Seile , und Wiesen und Hügel nur in kleine Farbenkörner und gefärbte Schatten eingekrochen zu sehen - und endlich auf eine Turmspitze herabzufallen und sich der brennenden Abendsonne gegenüberzustellen und dann aufzufliegen , wenn sie versunken ist , und noch einmal zu ihrem in der Gruft der Nacht hell und offen fortblickenden Auge niederzuschauen und endlich , wenn sich der Erdball darüberwirft , trunken in den Waldbrand aller roten Wolken hineinzuflattern ! ... Woher kommt es , daß diese körperlichen Flügel uns wie geistige heben ? Woher hatte unser Albano diese unbezwingliche Sehnsucht nach Höhen , nach dem Weberschiffe des Schieferdeckers , nach Bergspitzen , nach dem Luftschiffe , gleichsam als wären diese die Bettaufhelfer vom tiefen Erdenlager ? Ach du lieber Betrogener ! Deine noch von der Puppenhaut bedeckte Seele vermengt noch den Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die äußere Erhebung mit der innern und steigt im physischen Himmel dem idealistischen nach ! - Denn dieselbe Kraft , die vor großen Gedanken unser Haupt und unsern Körper erhebt und die Brusthöhle erweitert , richtet auch schon mit der dunkeln Sehnsucht nach Größe den Körper auf , und die Puppe schwillt von den Schwingen der Psyche , ja an demselben Bande , woran die Seele den Leib aufzieht , muß ja auch dieser jene heben können . Wenigstens flog Albano zu Fuß den Berg hinab , um mit dem Bache fortzuwaten , der in die weißgrüne Birken-Holzung , sich abzukühlen , floß . Schon öfters hatt ' ihn seine Robinsonaden-Sucht nach allen Strichen und Blättern der Windrose fortgeweht ; und er ging gern mit einer unbekannten Straße ein hübsches Stück Weg , um zu sehen , welchen sie selber einschlage . Er lief am silbernen Ariadnens-Faden des Baches tief ins grüne Labyrinth und wollte durchaus unter die Hintertüre des langen Dickichts vor eine weite Perspektive gelangen - er gelangte nicht darunter - die Birken wurden bald lichter , bald düsterer , der Bach breiter - die Lerchen schienen draußen in hoher Ferne über ihm zu singen - aber er bestand auf seinem Kopf . Die Extreme hatten für ihn von jeher magnetische Polarität - wie die Mitte nur Indifferenzpunkte - ; so war ihm z.B. außer dem höchsten Stande des Barometers keiner so lieb als der tiefste , und der kürzeste Tag so willkommen als der längste , aber die Tage nach beiden fatal . Endlich nach dem Fortschritte einiger Stunden in Zeit und Raum hört ' er hinter den lichtern Birken und hinter einem stärkern Rauschen als des Baches seinen Namen von zwei weiblichen Stimmen öfters leise und lobend nennen . Jetzt galoppierte er , gleichgültig gegen das Wagen der Lunge und des Lebens , keuchend wieder zurück - sein Name wurde lange darnach wieder um ihn genannt , aber schreiend - seine heimliche Schutzheilige , die Kastellanin der Senne , tat seinetwegen diese Notschüsse unten am Berge . Er kam hinauf , und die runde Tafel der Erde lag hell und sonderbar-erweichend um sein durstiges Auge . Wahrhaftig die weite Ferne samt der Müdigkeit mußte den Zugvogel hinter dem Sanggitter der Brust an seine fernen Länder und Zeiten erinnern und ihn damit wehmütig machen , als so die mit roten Dächern buntgefleckte Landschaft vor ihm ihre weißen leuchtenden Steine und Teiche wie Licht-Magnete und Sonnensplitter auslegte - als der lange graue Straßendamm nach Lindenstadt , deren Prospekte im Sommerstübchen hingen und wovon zwei Turmspitzen oben aus dem Gebirge keimten , vor ihm die fernen Wanderer hinauftrug in die für ihn geschlossene Stadt - und als ja alles nach Westen flog , die vorbeizischenden Tauben , die über die Saaten wogten , und die Wolkenschatten , die leicht über hohe Gärten wegliefen Ach das jüngste Herz hat die Wogen des ältesten , nur ohne das Senkblei , das ihre Tiefe misset ! - - Das gelehrte Deutschland macht sich , merk ' ich , seit mehrern Zykeln auf große Fata und Fatalitäten gefaßt , die diesem Sennentage meines Helden die nötige Würde geben ; ich , der sie am ersten wissen müßte , weiß gegenwärtig noch von keinen . Aus der Kindheit - ach aus jedem Alter - bleiben unserm Herzen oft Tage unvergänglich , die jedes andere vergessen hätte ; so ging dieser nie aus Albanos seinem . Zuweilen wird ein kindlicher Tag auf einmal durch ein helleres Aufblicken des Bewußtseins verewigt ; in Kindern , zumal solchen , wie Zesara ist , dreht sich das geistige Auge weit früher und schärfer nach der