der ersten sicher zu stellen hoffte . Aber bei kälterm Blute hielt ich für besser , dem Rathe meiner Freunde zu folgen , denen es zu viel gewagt schien , den jungen Alcibiades , der damals eben auf der höchsten Stufe der Volksgunst stand , so geflissentlich zum Kampf herauszufordern . Denn daß Alcibiades , der ohnehin sich alles zu erlauben gewohnt war , sich des feurigsten seiner Liebhaber mit verdoppeltem Eifer annehmen würde , war leicht genug vorherzusehen . Ich . Seiner Liebhaber ? - Du willst doch damit nichts sagen , was einen zweideutigen Schein auf die Sitten des weisen Sokrates werfen könnte ? Er . Ich weiß nicht wie ihr andern Cyrener diese Dinge nehmt ; zu Athen weiß jedermann genau , was er dabei zu denken hat , wenn sich jemand öffentlich als der Liebhaber eines so schönen und liederlichen Jünglings beträgt , wie der Sohn des Klinias damals war . Ich . Mich dünkt das Verhältniß des Sokrates zu dem Sohn des Klinias lasse sich auf eine ganz ungezwungene Art so erklären , daß seine Freundschaft für einen der Republik so wichtigen jungen Mann , und der moralische Zauber , wodurch er den hoffärtigsten , muthwilligsten und verwegensten aller Griechischen Jünglinge an sich zu fesseln wußte , ihm bei einem unbefangenen Richter vielmehr zum Verdienst als zum Vorwurf gereichen muß . Aber , wenn du ( wie es scheint ) anders dachtest , wie kam es , daß du von diesem Umstande keinen Gebrauch in den Wolken machtest ? Er . Soll ich dir die reine Wahrheit gestehen ? Ich wußte damals noch so wenig von dem ehrlichen Sokrates , daß mir sogar sein vertrauter Umgang mit dem jungen Alcibiades unbekannt war , bis mir der Fall meines Stücks Gelegenheit gab , gelehrter über diesen Punkt zu werden . Ich hatte ihn nur selten in der Nähe gesehen und nicht für bedeutend genug gehalten , ihm genauer nachzufragen ; das meiste , was ich von ihm wußte , war von zufälligem Hörensagen . Aus seinem öftern Umgang mit den Sophisten , welche Perikles nach Athen gezogen hatte , schloß ich , daß er selbst von ihrer Kunst Profession mache . Ich glaubte damals wie viele andere , und glaub ' es noch , daß diese kunstreichen Leute , die sich dafür ausgaben , daß sie Schwarz zu Weiß und Recht zu Unrecht machen könnten , einen schädlichen Einfluß auf unsre Jugend hätten , und also dem Staate selbst gefährlich wären . Nun gehört es , wie du weißt , zum Beruf eines Komödiendichters bei uns , Leute dieser Art dem Volke auf der Schaubühne in unsrer eignen Manier zu denunciren ; und ich für meinen Theil hatte mir , von der Zeit an da ich mich der komischen Muse widmete , zu meinem besondern Zweck vorgesetzt , meinen Stücken eine politische Richtung auf die Verwaltung und den Zustand der Republik überhaupt zu geben , und mich dadurch von meinen Vorgängern zu unterscheiden , die ihren stolzesten Wunsch erfüllt sahen , wenn ihnen ein wieherndes Gelächter aus allen Bänken des Theaters entgegen schallte , und die ihre Pritschenhiebe den einzelnen Personen , denen sie zum Spaß oder aus bösem Willen zu Leibe wollten , nur im Vorbeigehen auszutheilen pflegten . In der That war ich der erste , der den Muth hatte , nicht nur einen Mann des Volks , wie Kleon , in Person auf die Bühne zu stellen , und ohne alle Schonung und Barmherzigkeit zu behandeln , sondern sogar den Heliasten62 , dem Senat , den Prytanen63 , ja dem souveränen Volke selbst die derbesten Wahrheiten ins Gesicht zu sagen . Ich hatte dieß in den Rittern so weit getrieben , daß es mir aus mehr als Einem Grunde rathsam schien , in meinem nächsten Stücke einen andern Weg einzuschlagen , meine Geißel gegen eine andere , für mich weniger gefährliche Gattung von Menschen zu führen , und aus dem häuslichen Leben einen Stoff zu wählen , der mir Gelegenheit gäbe , die Nachtheile der neumodischen Erziehung und den verderblichen Einfluß der Sophisten auf die Denkart und Sitten der Alten und Jungen in Athen nach meiner Weise darzustellen . Dieß , Aristipp , war ' s im Grunde , was ich mit den Wolken beabsichtigte , und wer sie für eine Personalsatyre auf den guten Sokrates ansieht , hat meine Meinung und Absicht ganz unrecht gefaßt . Ich kannte den Mann , wie gesagt , zu wenig dazu , und er war keine so wichtige Person in meinen Augen , daß ich für nöthig gehalten hätte , nun auch an ihm zu thun , was ich ein Jahr zuvor an Kleon gethan hatte . Auch sollt ' es , denke ich , aus der ganzen Anlage des Stücks in die Augen fallen , daß es mit der komischen Person , der ich seinen Namen gab , bloß darauf abgesehen war , aus den stärksten Charakterzügen eines abgeschmackten Pedanten , eines sophistischen Taschenspielers , und eines armen Schluckers , ein Zerrbild zusammenzusetzen , womit ich die ganze löbliche Sophisten-Innung der unverdienten Achtung , worin sie bei den Unwissenden steht , verlustig machen könnte . Uebrigens läugne ich nicht , daß die Verachtung , welche Sokrates ( wie mir gesagt wurde ) bei allen Anlässen gegen die neuern Komödiendichter und ihre Werke äußerte , natürlicherweise mit ins Spiel kam , und daß ich es für meine Schuldigkeit hielt , ihm bei dieser Gelegenheit im Namen der ganzen Brüderschaft unsre Dankbarkeit zu beweisen . Ich . Bei dem allen kann ich - verzeihe meiner Freimüthigkeit ! - nicht anders als beklagen , daß , da es dir nur um ein Zerrbild zu thun war , gerade ein so tugendhafter und ehrwürdiger Mann wie Sokrates seinen Namen und seinen guten Ruf dazu hergeben mußte . Er . Vielleicht kann ich deinen Schmerz durch ein paar kleine Betrachtungen lindern , die auch wohl nebenher zu meiner Rechtfertigung dienen mögen . Ich finde sehr natürlich , daß dir Sokrates , den du erst in seinem sechs oder siebenundsechzigsten Jahre kennen gelernt hast , so ehrwürdig vorkommt . Aber bedenke , daß er seit der Zeit , da ich mir die Freiheit nahm ihn auf die komische Bühne zu stellen , um ganze zweiundzwanzig Jahre älter , weiser und respektabler geworden ist . Man hält einem alten Manne manches zu gut , was man ihm vor zwanzig Jahren nicht zu übersehen schuldig war . Damals war man manches noch nicht an ihm gewohnt , und es kleidete ihn vielleicht auch nicht so gut als jetzt . Er trug z.B. die Nase immer höher als andere , schaute über die Leute weg ins Blaue hinaus , beunruhigte jeden , der ihm in den Wurf kam , durch unerwartete kleine Fragen , und wenn sich einer in den Antworten , die er ihm treuherzig gab , zuletzt so verfangen hatte daß er sich nicht mehr zu helfen wußte , ging er lachend davon . Ich . Das that er , um etwa einen jungen von sophistischem Wind aufgeblasenen Jüngling zum Gefühl seiner Unwissenheit zu bringen . Ich weiß daß ihm dieses Mittel bei verschiedenen gelungen ist . Der schöne Euthydem64 z.B. , den er dadurch beinahe zur Verzweiflung brachte , ist jetzt einer seiner eifrigsten und lehrbegierigsten Anhänger . Er . Das mag seyn . Aber dafür gibt es Hundert gegen Einen , denen diese neue Methode , die Leute durch Schrauben und Necken weiser zu machen , nicht ansteht ; und ich finde nichts natürlicher , als daß sie ihm den Ruf eines spitzfindigen , einbildischen , streitsüchtigen und beschwerlichen Menschen zuzog . Dazu kam denn noch , daß sein Aeußerliches und der kurze , öfters ziemlich schmutzige Mantel , der gewöhnlich seine ganze Garderobe ausmachte , wenig dazu beitragen konnte , denen die ihn nicht genauer kannten eine große Ehrfurcht für seine Person einzuflößen . Mit Einem Wort , er gab den Spöttern und Lachern , und das ist so viel als neun Zehnteln unsrer Attischen Autochthonen65 , zu vielerlei Blößen , als daß wir Komiker seiner hätten schonen dürfen ; und du wirst mir daher auch keinen meiner Kunstverwandten nennen können , der sich nicht bei jeder Gelegenheit , mehr oder weniger , über ihn lustig gemacht hätte . Ich ( lachend ) . Ihr seyd in der That gefährliche Leute ; da ein Sokrates nicht sicher vor euch war , wer darf hoffen eurer Pritsche zu entgehen ? Er . Das soll auch niemand hoffen . Man hört wohl , daß du ein Ausländer bist , Aristipp : du nimmst die Sache gar zu tragisch . Bei uns lachen die Getroffenen oft am lautesten ; die meisten stecken ihre Hiebe stillschweigend ein ; ja , ich versichre dich , Hyperbolus und seines gleichen wußten es uns sogar Dank , daß wir ihnen eine Art von Celebrität verschafften , und bei unsern Matrosen , Abladern , Sackträgern , Wurstmachern und Salzfischhändlern die Meinung erregten , als ob sie Leute von Bedeutung wären , da ihnen eine Ehre von uns widerfuhr , die gemeiniglich nur einem Perikles , Lamachus , Kleon , Nicias , Alcibiades und andern dieses Schlages erwiesen wurde . Ihr andern Fremden könnt euch nicht vorstellen , wie wenig die Satyre bei uns einem Manne , der nicht ohne allen Werth ist , Schaden thut ; besonders hat unser Volk seine Freude daran , wenn seinen Günstlingen recht übel von den Komikern mitgespielt wird . Es ist ihnen gesund , denkt mein grillenhafter , griesgrämischer , kindischer alter Kauz von Demos66 , es ist ihnen sehr gesund wenn sie die Geißel immer über ihrem Rücken schweben sehen ; und hab ' ich es doch immer in meiner Gewalt sie zu entschädigen , wenn ihnen zu viel geschieht . So wurde z.B. der berüchtigte Kleon , bald darauf nachdem ihn meine Ritter auf eine wirklich grausame und nie erhörte Art mißhandelt hatten , zum Oberfeldherrn gegen die Spartaner erwählt : und bedarf es wohl eines stärkern Beweises , wie unschädlich das Salz ist , womit wir unsre Mitbürger zu ihrem eigenen und dem gemeinen Besten reiben , als daß Sokrates seit mehr als fünf Olympiaden ungestört sein Wesen unter uns treibt , und an Ansehn und Ruhm zu Athen , und allenthalben wo unsre Sprache gesprochen wird , von Jahr zu Jahr zugenommen hat ? Was ihm auch in der Zukunft noch begegnen könnte , immer bleibt gewiß , daß die Wolken keine Schuld daran haben67 , da ihm in einer so langen Zeit nicht ein Haar um ihrentwillen gekrümmt wurde . Ich . Und was könnte denn dem besten aller Menschen , die ich kenne , noch Uebels begegnen ? Wohin müßte es mit euch Athenern gekommen seyn , wenn das untadeligste Leben , die reinste Tugend , und die größten Verdienste um seine Mitbürger einem Manne von seinen Jahren kein ruhiges und glückliches Ende zusicherten ? Er . Mein guter Aristipp , Unschuld , Tugend und Verdienste schützen weder zu Athen noch irgendwo vor dem Hasse der Bösen , dem guten Willen der Thoren , und den Gruben , in die uns unsre eigene Sorglosigkeit fallen macht . Ueberdieß denken nicht alle Athener so günstig von ihm wie du . Sokrates lebt , spricht , und beträgt sich in allem wie ein freier , aber nicht immer wie ein kluger Mann . Er hat sich durch seine Freimüthigkeit Feinde gemacht ; er verachtet sie , und geht ruhig seinen Weg . Ich bin keiner von seinen Feinden ; aber wenn ich einer seiner Freunde wäre , so würde ich ihn bitten auf seiner Hut zu seyn . Diese Rede machte mich stutzen , wie du denken kannst : aber ich konnte meinen Mann nicht dahin bringen sich näher zu erklären ; er wich mir immer durch allgemeine Formeln aus , und ein Dritter und Vierter , die sich zu uns gesellten , lenkten das Gespräch auf andere Gegenstände . Wie ich den Sokrates kenne , würde es zu nichts helfen , wenn ich ihm etwas von dem Inhalt meiner Unterredung mit dem Komiker , den er weder liebt noch achtet , mittheilen wollte ; und über eine Bitte , auf seiner Hut zu seyn , würde er lachen . Niemand weiß besser als er selbst , wie unzuverlässig die Gemüthsart der Athener ist , und daß es unter seinen Mitbürgern Leute gibt , die ihm übel wollen , wiewohl keiner von ihnen auftreten und sagen kann : Sokrates hat mir jemals Unrecht gethan . Er weiß daß er Feinde hat : aber ( wie der Komiker sagte ) er verachtet sie und geht seinen Weg . Ich erinnere mich , daß einst in einem kleinen vertrauten Kreise der unerschütterlichen Festigkeit erwähnt wurde , womit Sokrates , als damaliger Vorsteher der Prytanen68 , sich der Wuth des Volks , bei dem gesetzwidrigen Verfahren gegen den Admiral Diomedon und seine Collegen , entgegen gestellt hatte . Das Gespräch fiel unvermerkt auf die Unmöglichkeit , daß ein Staatsbeamter in einer Demokratie , bei einer ausdauernden Beharrlichkeit auf seiner Pflicht , dem Haß und der Verfolgung , die er sich dadurch zuzöge , nicht in kurzer Zeit unterliegen sollte . Es ist traurig , sagte Kriton , sich gegen seinen alten Freund wendend , sich ' s nur als möglich zu denken , daß ein rechtschaffner Mann , gerade deßwegen , weil er rechtschaffen ist , Feinde haben soll . Da es nun aber nicht anders ist , versetzte Sokrates , was soll es uns kümmern ? Das ärgste , das sie uns zufügen können , ist doch nur , daß sie uns dahin versetzen , wo wir nichts mehr von ihnen zu leiden haben werden . Gestehe , Kleonidas , Sokrates ist ein herrlicher Mann ! Ich fühle dieß zuweilen so lebhaft , daß ich - Sokrates seyn möchte , wenn mir ' s möglich wäre etwas anders zu seyn als dein Aristipp . 10. An Kleonidas . Du bist begierig von mir zu erfahren , was für eine Bewandtniß es mit dem Dämonion des Sokrates habe , von welchem dir dein Megarischer Gastfreund , wie es scheint , seltsame und unglaubliche Dinge erzählt hat . » Was denkt sich Sokrates dabei ? Von welcher Gattung Dämonen ist dieses Dämonion ? Hat es eine Gestalt ? Oder ist es eine bloße Stimme , die ihm leise ins Ohr flüstert , oder vielleicht ohne Worte sich nur dem innern Sinne vernehmbar macht ? Oder wirkt es etwa bloß durch leise Berührung ? Im Wachen oder im Traum ? Gefragt oder ungefragt ? Häufig oder selten ? Hat es nie getäuscht ? Sind die Dinge , die es ihm vorhersagt , so beschaffen , daß es schlechterdings unmöglich ist sie vorherzusehen ? Oder läßt sich begreifen , wie ein Mann von scharfem Blick in den Zusammenhang der Dinge sie auch ohne Dämonion errathen konnte ? « Alle diese kleinen Fragen , mein Freund , könnte uns niemand besser beantworten als Sokrates selbst . - » Warum fragst du ihn denn nicht ? « - Ich wollt ' es wirklich ; zwei oder dreimal lag mir die Frage schon auf der Zunge : aber immer hielt mich ein ich weiß nicht was , eine Art von Scheu zurück , als ob ich im Begriff wäre etwas Unziemliches zu thun . Aufrichtig zu reden , Kleonidas , ich schäme mich ein wenig , mit einem so ehrwürdigen alten Glatzkopfe von - seinem Dämonion zu reden , und es ist mir gerade so dabei zu Muthe , als ob ich ihn fragen wollte , was ihm diese Nacht geträumt habe ? Wenn ich aber auch über diese Scham Meister werden könnte , so würde ich vermuthlich nicht mehr damit gewinnen als einer meiner Cameraden , Simmias von Theben , der sich das Herz nahm , eine Frage über sein Dämonion an ihn zu thun , und keine Antwort von ihm erhielt . Im Gegentheil ( sagte mir Simmias in seiner böotischen Treuherzigkeit ) , er drehte sich mit einem so finstern Blick von mir weg , daß mir die Lust ihn wieder zu fragen auf immer vergangen ist . Weil also , wie du siehst , die Quelle selbst , aus welcher wir allenfalls die reinste Wahrheit zu schöpfen hoffen dürften , unzugangbar ist , so wirst du dich schon an dem begnügen müssen , was ich von seinen ältern Freunden und Anhängern , nach und nach , meistens nur tropfenweise habe herauspressen können . Denn es ist als ob sie Bedenken trügen sich offenherzig gegen mich heraus zu lassen ; woran freilich wohl die etwas unglaubige Miene Schuld seyn mag , die ich bei solchen Gelegenheiten nicht völlig in meine Gewalt bekommen kann . Ich habe immer bemerkt , daß Personen , die mit der Neigung wunderbare Dinge zu glauben etwas reichlich begabt sind , sich zurückgehalten fühlen , mit kalten Köpfen so freimüthig und nach Herzenslust von solchen Dingen zu sprechen , wie sie mit ihres gleichen zu thun pflegen . Was ich indessen von der Sache selbst herausgebracht habe ( denn an den Meinungen dieser Leute kann dir nicht viel gelegen seyn ) läuft auf Folgendes hinaus . Sokrates glaubt , durch eine besondere göttliche Schickung von Kindheit an eine Art von ihm allein hörbarer Stimme vernommen zu haben , als ein Warnungszeichen , wenn er etwas beginnen wollte , dessen Ausgang oder Erfolg ihm nachtheilig gewesen seyn würde . Ueber die Art und Weise , wie diese angebliche Stimme ihm vernehmbar werde , hat er sich nie erklärt : gewiß aber ist , daß er sie für etwas Göttliches ( daimonion ti ) , oder genauer zu reden , für etwas Divinatorisches von eben der Art , wie die Götter , nach dem gemeinen Volksglauben ( welchem auch er immer zugethan war ) durch Orakel , oder die Eingeweide der Opferthiere , den Flug gewisser Vögel , und andere solche Anzeichen , den Menschen zukünftige Dinge , die sich durch keinen Grad menschlicher Klugheit und Erfahrenheit vorhersehen lassen , andeuten sollen . Niemand hat ihn je sagen gehört , daß er einen eigenen Dämon habe ; dieß aber ist gewiß , daß er diese wahrsagende Stimme - die er jedesmal so oft er selbst oder seine Freunde etwas , das zu ihrem Verdruß oder Schaden ausgefallen wäre , unternehmen wollte , zu vernehmen glaubte - für eine göttliche Wirkung hielt , und sich daher der Ausdrücke » die Stimme , oder das Dämonion , oder Gott hat mich gewarnt « als gleichbedeutend zu bedienen pflegte . Auch darüber , wie er dazu gekommen sey die Bedeutung dieses göttlichen Warnungszeichens zu verstehen , hat er sich nie erklärt ; vermuthlich mag es ihm in seiner frühen Jugend öfters begegnet seyn , einer Stimme , deren Sprache ihm noch unbekannt war , nicht zu achten ; weil es ihm aber jedesmal übel bekam , so wurde er endlich aufmerksamer , und entdeckte auf diese Weise die Meinung und Absicht derselben . Auch ist bemerkenswerth , daß - nachdem er sich durch häufige Erfahrungen ein für allemal überzeugt hatte , daß die Stimme sich allezeit richtig hören lasse , so oft er , oder einer seiner Freunde in seiner Gegenwart , etwas das unglücklich für ihn ausgegangen wäre unternehmen oder beschließen wollte - er nun auch das Stillschweigen derselben für ein sicheres Zeichen nahm , daß der Himmel sein Gedeihen zu dem , was er oder seine Freunde vornehmen wollten , geben werde : so daß er also diese Wundergabe sowohl auf der rechten als auf der umgekehrten Seite als Warnungs- und Billigungszeichen gebrauchen konnte . Zum Beweise , wie übel der Ungehorsam gegen die Warnungen dieses Orakels einigen Bekannten des Sokrates bekommen sey , sind mir verschiedene Beispiele erzählt worden , womit ich dich verschonen will , da dir diese Leute unbekannt sind , und die Umstände , in welche ich mich einlassen müßte , kein Interesse für dich haben können . Genug , daß ich diese Thatsachen zum Theil aus dem Munde unverwerflicher Zeugen habe , und daß wenigstens nicht leicht zu erklären wäre , was den Sokrates hätte bewegen können , die besagten Personen durch ein erdichtetes Vorgeben , er höre das gewohnte Warnungszeichen , von Ausführung dessen , was sie im Sinne hatten , zurückzuhalten . Uebrigens muß ich zur Steuer der Wahrheit noch hinzuthun , daß ich den Sokrates selbst in den zwei Jahren , seitdem ich ihn alle Tage sehe und ihm oft in ganzen Wochen nicht von der Seite komme , dieser ihm beiwohnenden Art von Divination mit keinem Wort erwähnen gehört habe . Dieß kann zufälliger Weise , oder vielleicht wohl gar auf Abrathen des Dämonions selbst geschehen seyn ; denn ich habe zuweilen einen Argwohn , daß es mir nicht recht grün ist , und bin ziemlich geneigt , ihm die Schuld zu geben , daß Sokrates mich mit einer gewissen Zurückhaltung und Kälte zu behandeln scheint , die ich mir lieber aus dieser als irgend einer andern Ursache erklären mag . Indessen beruht die Sache auf so übereinstimmenden Zeugnissen aller , die schon viele Jahre mit ihm gelebt haben , daß es ungereimt wäre , daran zweifeln zu wollen , daß er wirklich und schon von langer Zeit her diese übernatürliche Einwirkung zu erfahren vorgegeben habe . Und hat er dieß vorgegeben , so zweifle ich nicht , und auch du , Kleonidas , würdest , wenn du nur ein paar Tage mit ihm umgegangen wärest , keinen Augenblick zweifeln , daß er selbst von der Realität der Sache vollkommen überzeugt ist . » Aber wie sollen wir uns die Möglichkeit einer solchen Ueberzeugung , bei einem so verständigen , gesetzten und helldenkenden Manne wie Sokrates ist , erklären ? « fragst du . - Es gibt der Dinge so viele , mein Freund , die wir uns nicht erklären können , daß es auf eines mehr oder weniger nicht ankommt . Soll ich dir indessen freimüthig sagen was ich denke ? - Sokrates ist unläugbar ein sehr weiser Mann ; aber am Ende sind wir doch alle - von Weibern geboren ; und wem hängt nicht irgend eine Schwachheit an , die ihn mit allen andern so ziemlich auf gleichen Fuß setzt ? Die seinige ist ( unter uns ) , daß er ein wenig aberglaubischer ist als einem weisen Manne ziemt . Es scheint wirklich ein Erbstück von seiner Mutter oder Großmutter zu seyn . - » Aberglaubisch ? Sokrates aberglaubisch ? 69 « rufst du . - Ja , Kleonidas ! entweder aberglaubisch , oder der größte Heuchler , den je die Sonne beschienen hat . Das letztere ist er nicht , bei Gott , kann er nicht seyn ! - Also jenes ! oder wie nennst du den , der , nicht zufrieden in solchen Dingen den Gesetzen seines Landes genug zu thun , in ganzem Ernst an alle Götter und Göttinnen , von Uranus und Ge bis zum kleinsten Quellnymphchen auf dem Pernes , an Orakel , prophetische Vögel , Träume und Anzeichen aller Arten glaubt , und seine Freunde nach Delphi oder Klaros schickt , um sich Raths zu erholen , ob das , was sie beginnen wollen , wohl von Statten gehen werde ? Der Grund dieser Anhänglichkeit an den gemeinen Volksglauben muß tief und fest bei ihm sitzen , da Anaxagoras selbst , zu welchem er doch schon in seiner Jugend freien Zutritt hatte , es nicht weiter bei ihm brachte , als ihm in den reinern Begriffen von der Gottheit in neues Mittel zu Unterstützung des Aberglaubens an die Hand zu geben . - » Die Gottheit , oder die Götter ( denn er pflegt sich ohne Unterschied bald auf die eine bald auf die andere Art auszudrücken ) , die Gottheit also , sagt er , welche für alle Dinge , um des Menschen willen , und für den Menschen allein , als ihren Liebling , um seiner selbst willen sorgt , hat ihn mit einem Körper , woran alles zu seinem bequemsten Gebrauch und Nutzen aufs künstlichste eingerichtet ist , versehen ; und damit er im Stande sey , alle möglichen Vortheile aus der Natur der Dinge zu ziehen , hat sie ihm die Vernunft mitgetheilt , um ihre Eigenschaften und Beziehungen auf ihn zu erkennen und sie zu dem , was sie seyn sollen , zu Mitteln seines eigenen Zwecks zu machen . Aber seine Vernunft dringt nicht so tief in den Zusammenhang der Dinge , daß sie ihm auch ihre künftigen Verknüpfungen und den Nachtheil , der seinen Unternehmungen dadurch zuwachsen kann , hinlänglich zu enthüllen vermochte . Sie zeigt ihm wohl , wo , wann und wie er handeln soll ; aber die Folgen und der Ausgang seines Thuns und Lassens bleiben meistens ungewiß . Sollten die Götter für ihren Liebling nicht besser gesorgt haben , als ihn ohne alle Gewähr und auf bloßes Gerathewohl im Dunkel der Zukunft umher tappen zu lassen ? Allerdings ! sie selbst kommen der Unzulänglichkeit seiner Vernunft zu Hülfe , und entschleiern , so weit sie es ihm nöthig oder zuträglich finden , durch Orakel , Träume und Vorbedeutungen die Zukunft vor ihm . Da es also in seiner Macht steht , sich auf diesem Wege über den Ausgang seiner Unternehmungen zu unterrichten , so wäre es eben so thöricht und gottlos , diesen ihm angebotenen Beistand der Götter zu verachten , als es thöricht und vermessen wäre , wenn er in Dingen , worin seine Vernunft ihm hinlängliches Licht geben kann , zu Orakeln und Divinationen seine Zuflucht nehmen wollte . « Was meinst du , Kleonidas , sollte ein Mann von sehr lebhaftem Geiste , der so räsonnirt , nicht unvermerkt dahin gelangen können , das divinatorische Vermögen der Vernunft , das in höherm oder geringerm Grade allen Menschen beiwohnt , zumal das dunkle Vorgefühl eines Uebels , welches uns oder andere unter gewissen Umständen und Anscheinungen treffen könnte , für einen Wink der Gottheit , eine seinem Innern zuflüsternde dämonische Stimme , zu halten , und wenn etwa der Erfolg zufälligerweise einem solchen vermeinten Wink entsprochen hätte , sich in seiner Einbildung dergestalt zu bestärken , daß was vielleicht anfangs eine bloße Vermuthung war , ihm endlich zur Gewißheit würde ; und dieß um so leichter , wenn er , wie Sokrates , sich angewöhnt hätte , von der Gottheit , nach morgenländischer Weise , bei allen Gelegenheiten so zu reden , als ob sie die unmittelbare Ursache aller natürlichen und menschlichen Dinge sey ? Doch bin ich nicht selbst ein Thor , dich und mich mit einer Sache dieser Art so lange aufzuhalten ? muß denn an einem so ungewöhnlichen Manne wie Sokrates , alles so begreiflich wie an einem Alltagsmenschen seyn ? Die neuesten Berichte , die ich aus Cyrene erhalte , lassen mich ohne Dämonion voraussehen , daß Ariston , durch das Uebergewicht , das ihm seine eigennützige Freigebigkeit bei der zahlreichsten und handfestesten Volksclasse verschafft , vermuthlich in kurzem den Sieg über seine Nebenbuhler davon tragen , und es in seine Gewalt bekommen wird , der Republik eine neue Gestalt zu geben . Ob auch eine bessere ? - das liegt im Schooße der Götter . Immer finde ich , daß deine Familie nicht übel gethan hat , sich , wie du mir meldest , noch in Zeiten und mit guter Art an die Partei anzuschließen , die , allen Anscheinungen nach , das Spiel gewinnen wird . Wenn man keine Hoffnung hat , etwas fürs Allgemeine ausrichten zu können , so gebietet die Klugheit , wenigstens für sich selbst zu sorgen . Aber sollte denn wirklich für die Republik nichts mehr zu thun seyn ? Ich fürchte , nein ! und sehe , bei der allgemeinen Verderbniß unsrer Sitten , es noch für ein Glück an , daß es keine energischen Seelen unter uns gibt , die uns den schnell verlodernden Enthusiasmus für Freiheit und Gleichheit , unter dessen Gewalt wir gar bald zusammensänken , mit schrecklichen Krämpfen und Zuckungen büßen lassen würden . In unsrer Lage wäre vielleicht das schlimmste was begegnen könnte , wenn die demokratische Partei Mittel fände , sich der Zügel zu bemächtigen . Indessen , da der Ausgang bürgerlicher Unruhen immer ungewiß ist , rathe ich dir und deinen Freunden , es mit keiner Partei ganz zu verderben , und keine so eifrig zu nehmen , daß ihre Niederlage auch euern Untergang nach sich ziehen müßte . 11. An Demokles . So ist sie denn endlich geborsten , die Gewitterwolke , die wir schon so lange über unser ungewahrsames Vaterland herhangen sahen ! Jetzt , lieber Demokles , darf ich dir doch wohl bekennen , daß die Besorgniß , in eine von den Factionen , die einander dermalen in den Haaren liegen , wider Willen hineingezogen zu werden , ein Hauptgrund war , meine Reise nach Griechenland zu beschleunigen . Dächte mein Verwandter Ariston wie ich , oder hätten meine Vorstellungen Eingang bei ihm gefunden , so möchte sich unsre Regierung noch lange zwischen Oligarchie und Demokratie hin und her geschaukelt haben , ohne daß die öffentliche Ruhe viel dabei gelitten hätte . Aber seine hohe Meinung von sich selbst , die zehn Jahre die er älter ist als ich , das Unglück zu früh zum Besitz eines beinahe fürstlichen Vermögens gekommen zu seyn , und der Hof von Schmeichlern und Parasiten , wovon er überall umgeben ist , standen immer zwischen ihm und mir . Die Republik hat nun einmal den Grad der Verderbniß erreicht , der eine Veränderung ihrer Regierungsform unvermeidlich macht ; unter den drei oder vier Nebenbuhlern , die sich um die schöne Basileia70 bewerben , muß sie ( wie es scheint ) am Ende doch Einem zu Theil werden ; und da einer so viel Recht an sie hat als der andere , warum sollte der eitle und ehrsüchtige Ariston sie einem andern überlassen , ohne wenigstens zu versuchen , wie weit er es durch