s ja immer , Johannes kann Alles , was er will , und Ernestine war von Grund aus gut , wie verschroben sie auch sein mochte ! “ sagte Angelika . „ Ich habe sie gleich lieb gehabt , als ich sie zum ersten Mal wieder sah , und habe sie immer in Schutz genommen , wenn Ihr über sie herfielt . Nun ist ’ s gekommen , wie ich ’ s vorausgewußt , geradeso ! “ „ Ja natürlich ! Ich möchte nur einen Fall kennen , den Ihr Weiber nicht vorausgewußt hättet . Das versteht sich , “ lachte Moritz , „ Ihr seid immer klüger als wir ! Und wenn die Ernestine ihren Mann eben so unglücklich machte , als sie ihn glücklich macht , dann würde es heißen , < < Ach — ich habe es geahnt ! — O , mein Instinkt hat mich gleich vor ihr gewarnt ! Es war immer etwas in mir gegen sie — > > u. s. w. , das kennt man schon . “ „ Du garstiger Mensch , “ schmollte Angelika , wie magst Du jetzt nur spaßen , wo uns Allen so bange ist . Wenn Johannes die Frau verlöre — er wäre selbst ein verlorener Mann . “ „ Ah pah , er wird sie nicht verlieren . Nur keine Sentimentalitäten , “ schalt Moritz . Hilsborn trat hinter dem Vorhang heraus : „ Mach Dich nur nicht schlimmer als Du bist , Moritz , “ sprach er . „ Ich habe Dich selbst noch nie so erdfahl gesehen . Du weißt es wohl , was wir Alle an dieser Frau besitzen ! “ „ Hol ’ mich der Teufel , wenn ich ’ s nicht weiß ! “ rief Moritz , „ das Weib hat mir ’ s ja auch angetan , ich kann nur die Lamentos nicht leiden , bevor irgend ein Grund da ist . Gott erhalte sie , sie ist ein Prachtweib geworden — es wäre wirklich Schade um sie ! “ „ Ja , “ mischte sich nun auch Gretchen ins Gespräch : „ Ja , solch eine Frau gab es wohl selten . Was tut , was leistet sie ! Welch eine Hausfrau ist sie geworden ! Was uns Andern alle Mühe und alle Zeit in Anspruch nimmt , das macht sie spielend nebenher , als etwas ganz Selbstverständliches , Untergeordnetes , worüber gar kein Wort weiter zu verlieren ist und macht es besser als wir Alle — nicht wahr Angelika ? “ „ Ei — das will ich meinen ! Sie hat ihr Hauswesen wie am Schnürchen , Die Mutter kann nicht genug erzählen . “ „ ’ S ist merkwürdig , “ sagte Moritz , „ was die Ernestine Alles zu Stande bringt ! Hilsborn , hast Du in Deinem Leben gehört , daß eine Hausfrau die andere lobt ? Ich nicht ! “ „ Sie verdient es aber auch wie keine ! Und dabei findet sie doch noch Zeit , den erlesensten Kreis der Stadt um sich zu versammeln und ein schönes Haus zu machen , “ meinte Gretchen . „ Und sich mit Johannes wissenschaftlich zu beschäftigen , “ ergänzte Hilsborn . „ Ja , so was ist mir noch nicht vorgekommen , “ sagte Moritz . „ Sie geht ihm an die Hand wie ein Assistent , kümmert sich um Alles , was er schreibt , und er versicherte mich erst gestern wieder , daß er nie mit solcher Lust gearbeitet habe , als seit ihm die Frau mit ihrem feurigen Interesse und klugen Verständnis zur Seite stehe . “ „ Er kann über Alles mit ihr sprechen wie mit einem Manne , und das ist viel wert , denn so würde ja der beste Freund nicht in seinen Bestrebungen aufgehen , wie diese Frau es tut ! “ bestätigte Hilsborn . „ Er mag sie am Schreibtisch und in seinem Laboratorium so wenig missen , wie in seinem Hause . “ „ Mit einem Wort , “ sagte Gretchen , die seit sie Frau war , erst Goethe zu lesen wagte ; „ ich spreche mit Märchen : Sie ist ein ander Weib als wir Näherinnen und Köchinnen — “ 119 „ Seid stille ! “ unterbrach sie Angelika , „ hört Ihr nichts ? “ Alle lauschten . „ Ich denke , wir werden nun bald etwas Neues erfahren , “ bemerkte Moritz . Wieder gingen die Paare ungeduldig auf und nieder , es war eine Zeit lang so still im Zimmer , als hielten Alle den Atem an . „ Wenn ’ s nur ein Knabe wird , Ernestine wünscht ihn sich so sehr , “ seufzte Angelika . „ Na hoffentlich wird ’ s einer ! “ fuhr Moritz auf . „ Es dauert lang , “ sagte Hilsborn . „ Schon zwei Uhr vorbei . Wenn man nur einmal fragen dürfte , wie es geht . “ „ Ei , bei Leibe nicht , “ warnte Angelika , „ Johannes hat es streng verboten . “ Wieder verflossen zehn bange Minuten . Da ward plötzlich die Tür aufgerissen und der alte Heim rief mit Donnerstimme heraus : „ Es ist da ! “ Alle stürzten mit einem Schrei auf ihn zu : „ Gott sei gelobt ! “ „ Was ist ’ s denn , ein Junge ? “ fragte Angelika . „ Nein , ein Mädchen ! “ „ Ein Mädchen ? ! “ rief Moritz . „ Na , — schön ist ’ s nicht , aber ’ ne Sünd ’ ist ’ s auch nicht , — sagt der Schwab ’ ! “ „ Willst Du still sein , Du Spottvogel , wenn Ernestine das hörte ! “ schalt Angelika . „ Dürfen wir jetzt hinein , Onkel Heim ? “ „ Nein , Ihr sollt noch draußen bleiben , “ und damit machte der Alte wieder die Tür zu . — Drin im Zimmer war es still und feierlich wie in einem Tempel . Die Frauen waren flüsternd um das Kind beschäftigt , nur Johannes stand noch stumm vor Glück bei Ernestinen und ihr Haupt ruhte an seiner Brust . Jetzt rief man ihn , sein Töchterchen , in ein schneeiges Bettchen gehüllt , aus der Hand der Großmutter zu empfangen . Sein Herz pochte hoch auf in reinster Vaterliebe , als er den ersten Kuß auf die zarten Lippen drückte . Er brachte es der Gattin und legte es ihr in die Arme . „ Mutter ! “ — war Alles , was er sagen konnte und er sank am Bette nieder wie vor einem Altar . „ Vater ! “ antwortete sie und sah ihn an mit einem Blick , daß ihm die heißen Freudetränen über die bärtigen Wangen rannen . Eine Zeit lang hielten sie sich schweigend umschlungen . — Endlich hob Johannes den Kopf und sagte anmutig scherzend : „ Aber Ernestine , es ist nur ein Mädchen ! “ „ Sei ’ s ! Ich frage nicht , was mir Gott beschert . Ich bin Mutter ! O , Johannes , was käme dieser stolzen Freude gleich ? Ich beneide keinen Mann mehr und unser Mädchen soll es dereinst auch nicht tun . Es soll aufwachsen im Schoß der Liebe , es soll das jugendliche Haupt stolz erheben zu der geistigen Höhe , welche das Weib erreichen muß , um dem Manne eine würdige Gefährtin zu sein ; — aber mit jeder Faser seines Herzens soll es in dem Boden wurzeln , aus dem wir doch die besten Kräfte ziehen : in dem alten geheiligten Boden der Familie ! Dann spricht es vielleicht zu einem teuren Manne , wie ich jetzt zu Dir : Wohl mir , daß ich ein Weib “ — sie legte den Kopf an Johannes ’ Brust , „ daß ich Dein Weib bin , Du Einziger ! “ „ Ernestine ! “ rief Johannes , „ das ist das Höchste , das Beste , was Du mir sagen konntest . Ja , Du wirst ein Wesen erziehen , wie es sein soll , mit Deinem hohen Geist und Deinem reichen Herzen ! — Großmutter , Vater Heim , habt Ihr gehört , was mir Ernestine soeben gesteht ? Sie ist mit dem Los ihres Geschlechtes versöhnt ! “ Ernestine legte das Kind vor sich auf die Decke und blickte wie auf ein Wunder darauf nieder . Es sei für ein neugeborenes ein ungewöhnlich schönes Kind , versicherte die Großmama mit Kennermiene und Ernestine fand es auch . Sie legte behutsam die Hand auf sein Herz und prüfte dessen Schlag : Ticktack — das kleine Uhrwerk ging vortrefflich ! — Sie lachte unter Tränen , sie hätte das Kind so gerne recht ans Herz gedrückt , aber sie fürchtete , sie könne ihm etwas zerbrechen . Die Großmama meinte , das hätten alle junge Frauen so , — mit einem kleinen Kinde umzugehen wolle gelernt sein ! Und Ernestine freute sich auf dies Studium wie auf keines , so lange sie lebte . „ Onkel Heim , “ sagte sie plötzlich : „ Ich glaubte einmal , es wäre besser gewesen , Du hättest mich sterben lassen , als mich der Vater fast totgeschlagen . Ich habe Dir seither zwar schon oft gedankt , daß Du mich am Leben erhieltest , aber so aus tiefstem Herzen , wie heute , tat ich es noch nie ! “ „ Ah pah , “ meinte der alte Mann , „ mir mußt Du nicht danken — ich war ja nur Dein Leibarzt , Dem da “ — er schlug Johannes auf die Schulter — „ dem danke , denn er war Dein Seelenarzt und brachte Dich so weit , daß Du Dein Leben im rechten Sinne genießen kannst ! “ Ernestine schmiegte sich fast demütig an den Gatten : „ Ja , Du treuer Arzt der Seele , Deine Arzneien waren bitter , aber sie haben mich gerettet ! “