. » Sie bringen mich um ! Der Welt - das ist doch zu kolossal ! « Doch der unerschütterliche Lutsch replicirte gewandt : » Ich bin für das Kolossale ! Auch insofern - wer ist dort die kolossale Dame ? « » Das ist Frau Cohn , von Cohn und Compagnie . « » Frau von Cohn und Compagnie , « notirte Jener eifrig und schmückte den trockenen Namen alsbald mit folgender Hyperbel , indem er halblaut heulend schrieb : » Und wer , der die üppigschöne Frau C. in ihrer hellfarbig gemusterten Brokat-Robe bewundern durfte , konnte ahnen , daß vierzig herrliche Lenze über ihrem Scheitel dahingegangen ? « » Sie sind bescheiden , « lachte Eugen Wolffert , der unvermuthet hinter ihm stand . » Sind wir immer . Na , sagen wir : neununddreißig Lenze . « Lutsch schien durch nichts aus der Fassung zu bringen . Seine unerschöpfliche Phantasie setzte schwungvoll fort : » Als Ebenbild dieser hoheitsvollen Juno schmiegten sich an sie ihre rehäugigen Töchter - « » Pardon « unterbrach er sich , » hat sie Töchter ? « » Ja doch , Sie schnurriger Interviewer Sie ! « lachte Eugen . Aber schon nahm ein neuer Gegenstand die Sinne des leicht erregbaren Ludolf gefangen : » Gott , was seh ich ! Auch Fräulein Rasolinska , unsre göttliche Ballerina ? - Eine Inspiration ! « Und er schrieb : » Als ein unter dem Giftbaum der Börse lagernder lieber Freund sie in ihren Diamanten erblickte , rief er begeistet : Ich gebe für Fräulein Rasolinska 200000 Mark . « Seine Inspiration hatte ihn so überwältigt , daß er Wolffert senior unter den Arm nahm und mit ihm herumtänzelte , indem er heiser dazu trällerte : » Du hast Diamanten und Perlen ... « » Sst , will er wohl still sein ! « Eugen hielt ihm lachend den Mund zu . » Sie compromittiren uns noch ! « Da sprach Lutsch die geflügelten Worte : » Der Skandal - das ist der Ruhm ! Lehren Sie mich unsre lieben göttlichen Weiber kennen ! Wir verstehen das Frauenherz ! « Dabei klopfte er sich auf den Bauch , mit der Befriedigung des guten Gewissens . » Aber ich beschwöre Sie , liebstes Commerzienräthchen , « heulte er plötzlich » sehen Sie doch nur Ihre Schwiegertochter , sehen Sie doch ! « » Ich sehe ja schon ! « fistelte dieser halb geschmeichelt , halb ärgerlich . Im Hintergrunde sah man Kathi , von einigen Herren umringt , die Honneurs machen . » Halten Sie mich ! « Lutsch kniff Eugen in den Arm . Ich gerathe in Extase ! Eine Prinzessin , eine ladylike Grazie ! Für mich eine Mädchenblüthe von intimstem Reiz ! » Intimstem ? Oho ! « » Nein , mein guter Commerzienrath , das verstehen Sie wieder nicht . Wir Kunstbeflissenen reden eine besondere Geheimsprache . Intim - das heißt bei uns : unsagbar , duftig keusch ! « » Keusch - so ! « lächelte Eugen . » Das wundert Sie ? Wenn Sie meine Kritiken genauer lesen , so werden Sie keusch und vornehm als meine Leib- und Magenwörter fast in jeder Zeile entdecken . Wenn ich so einen Mann sehe wie Sie , dann sage ich einfach : Ein vornehmer Charakter ! Nehmt alles nur in allem , er ist - « » Ein reicher Mann « brummte Eugen beiseit . » Und was edle Frauen betrifft .. sehn Sie z.B. dort dies entzückende Wesen ! « Er notirte wieder mal : » Rosaseide mit türkisblauen Schleifen nebst saphirblauem Fächer mit Straußenfedern , eine Perlenschnur um den Schwanenhals ... « » Sehen Sie , da sage ich schlechtweg : Ein keusches Weib ! - Ach , Herr Wolffert , und Ihre Gattin ! « Sein Notizbuch zitterte ordentlich unter der Hast des Bleistifts : » Eine Schlepprobe von weißem Sammt mit weißen Seerosen über einem Kleide von weißer Seide und Brüsseler Spitzen ... « Kathi trat eben einen Augenblick aus dem Saal herein und Eugen verfehlte nicht , ihr Lutsch zu präsentiren : » Dir haben wohl die Ohren geklungen ! Du hättest Deinen geistreichen Anbeter hören sollen ! « » Geistreich , aber ach , alt .. alt ! « heulte Lutsch mit schwermüthigem Augenverdrehen , indem er Kathis Hand unter vielen Verbeugungen zärtlich küßte . » Wir armen Alten ! Dahin ist die Zeit , wo die Sonne holder Frauengunst .. « » Sie wollen wohl Complimente hören ? « Kathi schlug ihn leicht mit dem Fächer . Aber ihr Auge sah leer und gelangweilt über ihn weg und in ihrem Ausdruck lag eine müde Abgespanntheit , mit einer gewissen nervösen Unruhe verbunden . Ihre Augen irrten umher . Es war , als ob sie etwas suche - aber etwas Fernes , Unsichtbares . Schon eine Zeitlang wunderte sich Dondershausen über eine auffällige Unruhe Krastiniks , der bald vor , bald zurück trat mit einem spähenden Ausdruck , als ob er etwas erwarte . Jetzt aber , als der Oberst ihn am Rockzipfel ergriff , um ihn durch die Gäste zu den Wirthen heranzubugsiren , wehrte ihn der Graf mit raschem Winke ab . Hastig bat er im Flüsterton , ihn entschuldigen zu wollen ; ihm sei nicht wohl und er müsse heimkehren . Als Jener erstaunt zum Abschied die Hand drückte , nahm ihm Krastinik noch sein Ehrenwort ab , nicht zu verrathen , daß er mitgekommen sei . Dondershausen werde ja begreifen , daß es peinlich sein müsse , wenn Wolfferts erführen , wie man hier bloß hineingerochen und dann mit französischem Abschied Reißaus genommen habe . - - In heftigster Erregung , von widerstreitenden Empfindungen geplagt , durchwachte der Graf schlaflos die Nacht . Also hatte ihn sein Argwohn nicht getäuscht - sie , sie selber , seine einstmalige Liebste ! So gleichgültig ihm die Erinnerung verblaßt schien , konnte er sich doch eines seltsamen wehmüthigen Schauers bei ihrem Anblick nicht erwehren .. Und dann andrerseits .. ihm wurde alles auf einen Schlag klar . Die Beiden in Norwegen , Rother auch .. Hönevoß .. am selben Tage .. Rothers Brief .. das Datum stimmte .. hier konnte ein Blinder den Zusammenhang erkennen . Rother ' s lustiger Brief beabsichtigte nur eine heroische Täuschung . Seine seltsame Todesart , die man ja ohnehin kaum als Zufall deuten konnte , offenbarte sich zweifellos als Selbstmord . Er hatte den Zustand wehrloser Liebesberaubung nicht ertragen , nicht dem Glück des Andern , das ihm gebührte , zuschauen wollen . Und wohl noch mehr . Wie Rother ' s sensitive zarte Natur es verlangte , mochte er nicht das Glück Kathi ' s vernichten . Wußte er doch , daß Krastinik in Berlin und , wenn er selbst dorthin zurückkehrte , ein Skandal unvermeidlich war . So starb er denn für seine Liebe , ein ideologischer Querkopf , und endete , wie sein seelischer Organismus es bedingte , unglücklich und edel bis zum letzten Athemzug . Dem Grafen traten unwillkührlich Thränen in die Augen . Ein unbeschreibliches Mitleid ergriff ihn für dies Opfer erotischer Hingebung , ein Mitleid , das zugleich den gerechten Zorn hinwegschwemmte , der ihm gleichsam Blutrache gegen die Schuldige gebot . War sie denn eigentlich schuldig ? Sollte er nun auch sie vernichten ? War es nicht genug mit einem Opfer ? Aber was thun ! Mußte nicht irgend eine Katastrophe sich vorbereiten , wenn er nun wirklich in ihren Bannkreis trat ? Und wie das vermeiden ? War er nicht jetzt eine berühmte Persönlichkeit , dessen Bild in den Schaufenstern hing ? Mußte sie nicht schon auf seinen Namen stoßen , wenn sie eine Zeitung aufschlug ? Sie liebte doch wohl ihren Mann und der hatte sie doch nur heirathen können , weil sonst keinerlei Beweis gegen ihre Unbescholtenheit vorlag . Und nun den lebenden Zeugen des Gegentheils vor Augen - - wie sollte das enden ? Entweder verbrachte sie ihr Leben in ewiger Angst , die auch sie zum Selbstmord treiben konnte - möglich ist ja alles . Oder sie verfuhr aggressiv und suchte ihn auf die eine oder andere Weise unschädlich zu machen - möglich ist ja alles . Die Rache und die Feindschaft eines gefährdeten Weibes findet ja tausend Mittel . Oder es passirte gar das Schlimmste : Sie liebte ihn immer noch und die alte Flamme loderte wieder auf , on revient toujours á ses premiers amours , besonders eine Frau - möglich ist ja alles . Wie aus diesem Labyrinth sich herauswinden ! Da war guter Rath theuer . Vielleicht wußte Einer Rath : Leonhart . Morgen würden sie sich ja bestimmt sehn . Aber der Morgen kam und unter dem Stoß conventioneller Gratulationsbriefe brachte die Post keine Zeile von der Hand des Nächstbetheiligten . Was in aller Welt bedeutete das ! Krastinik überwand seine falsche Scham und tunkte eben die Feder ein , um den Freund per Rohrpostkarte zu sich zu bitten , als ihm der Polizeilieutnant des Reviers gemeldet wurde . Ueberrascht fragte er nach dessen Begehr . Der Beamte fragte verbindlich , aber ohne Umschweif zur Sache kommend , ob er nicht mit dem » Schriftsteller Leonhart « befreundet . » Intim . « Ja , so habe er gehört . Wann er ihn zuletzt gesehn habe ? » Vor drei Tagen . « Ob ihm nicht eine tiefe Verstimmung desselben aufgefallen sei ? » Nur wie immer . Leonhart besitzt eine melancholisch-cholerische Gemüthsart . « » Jaja , Gemüthsart ! Gemüthskrankheit darf man da wohl sagen . Litt er nicht an irgend einem körperlichen Leiden ? « » Nicht daß ich wüßte ! « » Oder an Familienkummer ? « » Er hat keine Verwandten . « » Oder an unglücklicher Liebe ? « » Keine Spur . « » Oder an finanziellen Sorgen ? « » Noch weniger . « » Also wohl an sogenanntem Weltschmerz ? « » Ja , wenn man will . Doch nicht in krankhaftem Grade , sondern mehr als tiefempfindender und denkender Kopf . « » Aber ihn drückte doch wohl irgend ein besonderer Gram oder Aerger oder sonst ' was Guts ? « Der Beamte fing offenbar an ärgerlich zu werden über die Fruchtlosigkeit dieses Verhörs . » Nun - ja ! « gestand Krastinik zögernd . » Zweifellos . Der Kummer über den Mangel an Anerkennung . « » Aha , verkanntes Genie ! Dacht ' ich mir ! « » Doch nicht so verkannt wie Sie vielleicht meinen . Nur entspricht sein äußerer Erfolg in keiner Weise seinen Ansprüchen . « » Aha , Größenwahn ! « » Auch nicht eigentlich Größenwahn , « parirte Jener mit leisem Lächeln . » Denn er ist ja völlig berechtigt zu verlangen .. kurz , der Aerger über die litterarischen Verhältnisse fraß an ihm . « » Also Berufsstörung . Unannehmlichkeiten im Berufsleben ! « notirte der Polizeilieutnant mit wichtiger Amtsmiene , als sei er nun mit dieser technischen Phrase dem betreffenden Untersuchungsparagraphen auf die Spur gekommen . Krastinik konnte sich kaum enthalten , laut aufzulachen . » Von Berufsleben kann eigentlich keine Rede sein . Das Schaffen eines Dichters ist ja kein Beruf . Doch haben sich schon öfters Dichter , um ähnlichen Kummers willen , eine Kugel vor den Kopf geschossen . « » Da haben wir ' s ! Selbstmord , Fall Heinrich von Kleist . Kennen wir . Dichter-Wahnsinn . Fall Albert Lindner , Selbstmord oder Irrenhaus . Ich sag ' s ja : Größenwahn und nichts Anders . - Verzeihen Herr Graf daß ich Sie so belästige . Ihre Informationen waren von entscheidendem Werth . « » Ja , aber .. « Krastinik kam erst jetzt zur Besinnung nach diesem jähen Sturzbad . » Darf ich fragen , warum ich Ihnen diese Frage beantworten , mußte ? « » Nochmals Verzeihung , Herr Graf . Sie wurden eben als der nächste Umgang des Herrn bezeichnet , schon als er vermißt wurde . « » Vermißt ? ! Mein Gott , es ist ihm also ein Unglück .. reißen Sie mich aus dieser Beunruhigung ! « » Sehr gern oder , Pardon , leider ! Fassen Sie sich Herr Graf . Sie standen dem Herrn nahe ? « » Sehr , sehr . So reden Sie ! « » Nun , Herr Graf lasen wohl gestern im Polizeibericht .. « » Ich lese nie die Reporternotizen der Blätter . « » So ? Nun , ein Unbekannter wurde von einem Eisenbahnzuge nahe am Halensee überfahren .. « » Gerechter Gott ! « » Er hatte sich selbst auf die Schienen geworfen Selbstmörderische Absicht unverkennbar . Später wurde gemeldet , daß ein gewisser Leonhart , Schriftsteller , seit zwei Tagen vermißt werde . Das Signalement und die Identität wurde festgestellt . - O Pardon , es scheint Herrn Grafen doch sehr nahe zu gehn ? In der That , Sie werden ohnmächtig . Darf ich ein Glas Wasser - ? « Krastinik wehrte ab . Taumelnd war er aufs Sopha gesunken , dicke Schweißtropfen perlten von seiner Stirn . » Lassen Sie , ich bitte . Mir wird schon besser . Und kein Anzeichen , warum .. ? « » Ach gütiger Himmel ! « Der Beamte schüttelte den Kopf mit überlegenem Lächeln . » Ihre eigenen Mittheilungen , Herr Graf , bestätigten ja nur , was man sofort annahm . Unbefriedigte Ruhmsucht , completter Größenwahn ! Das ist ja eben unsre Zeitkrankheit . - Empfehle mich bestens und bitte nochmals , die Störung entschuldigen zu wollen . Gestatten Sie mir , mich sofort zurückzuziehn . Die Discretion gebietet mir , Sie Ihrem begreiflichen Schmerz zu überlassen . Sie scheinen immer noch recht angegriffen . Gehorsamer Diener ! Bitte , sich nicht zu bemühen .. ich habe den Vorzug . « Der Polizeilieutnant verschwand , indem er noch einmal beim Schließen der Thür aus tiefstem Herzen den Seufzer hervorholte : » Ach ja , der Größenwahn ! « ... Krastinik lag lange wie gelähmt . Ein entsetzlicher Schreck war ihm in alle Glieder gefahren . Ihm war , als sei er selbst von den Schienen zermalmt . Eine todesstarre eisige Ruhe durchfröstelte ihn . Er erhob sich langsam und schritt auf und ab . So mußte es enden , mit einem Theatercoup ! So mußte es enden , dies überreiche dämonische Leben , das im Selbstgenuß eines titanischen Urwillens sich selbst verzehrt ! O Welt , o Leben , o Schicksal ! - - Berg und Thal begegnen sich nicht , aber wohl die Menschen . In einem inneren Kreislauf , dessen Zusammenhang wir nicht erkennen , laufen die Dinge zusammen . Das Entfernteste verknüpft sich dem Nahen . Nur ward den Wenigsten im blöden blinden Taumel ihres Daseins der lichte Blick verliehen , auf dies Räthsel zu achten . Das Unvermeidliche schreitet mit geheimnisvollem Geisterschritt aus dem Gestern in das Morgen hinüber . Kein Unglück kommt allein , jeder Schicksalswendung verknüpft sich unmerklich eine neue . Wer klingelt ? Für Niemand zu Haus . Der Telegraphenbote ? Ein Telegramm , aus London ? - - Das Papier entfiel seiner Hand . Lady Dorrington zeigte ihm an , daß ihr Gatte im Sterben liege . Er lasse ihn grüßen und ihm danken für seine Freundschaft und sende ihm seinen Segenswunsch für fernere Erfolge auf jener Laufbahn , die er ihm prophezeit , denn die Phrenologie lügt ja nie . Eine Weile stand Krastinik regungslos , vor diesem neuen Schlag wie zur Salzsäule erstarrt . So starb denn alles um ihn her . Auch er , sein heißgeliebter väterlicher Freund . Und er sollte ihn nie mehr wiedersehn ? Nie mehr ? Mächtig ergriff den Trauernden eine unbezwingliche Sehnsucht , die letzten Stunden des theuren Mannes zu theilen . Es stirbt sich nicht so leicht . Wenn er eilte , langte er wohl noch rechtzeitig an ... Wieder überkam ihn jener Drang plötzlicher Entschlüsse , der so oft schon sein Leben bestimmt . Deterministische Vererbung . Sein Vater hatte einst durch solch plötzlichen Entschluß einer Kavallerieattake unter Radetzky zum Gewinn einer Schlacht beigetragen . Nur fort hier , fort aus dieser Wirrniß ! Seinen Koffer packen - zwei Briefe an » Kollegen « senden , welche es sicher binnen 24 Stunden statt jeder besonderen Mittheilung in Berlin herumbrachten : ein Todesfall rufe ihn auf einige Wochen nach London - war das Werk einer Stunde . - - - Dreizehntes Buch . I. Und wieder schwamm er durchs Meer von London , von einem Lichtmeer umflossen . Krastinik schritt langsam an der Kaserne der Coldstream-Garde vorüber , wo am Gitter eine neugierige Volksmenge wie gewöhnlich dem abendlichen Zapfenstreich lauschte . Die Pfeifen und Clarinetten der paradirenden Rothröcke spielten den alten Jakobitenmarsch : Charlie is my darling , my darling the young Cavalier . Unwillkürlich fiel er in den Taktschritt ein . Eine stolze Freudigkeit strömte durch alle Pulse seines Wesens , ehe er sich dessen bewußt wurde . Und er dachte : Das ist der Marsch des Jahrhunderts ! Wir alle sind eingereiht und sollten mitmarschiren . O über die Thoren , die sich wollüstig im Lager der Liebe dehnen oder stillbeschaulich ihr Gärtchen begießen , statt mit klingendem Spiel ins Feld rücken ! Wie schien alles in ihm so von Grund aus umgewandelt ! Glich er doch früher ganz jenen hochmüthigen Aristokraten von » historischem Adel « , die wie die Grandseigneurs des Ancien Regime Freiheit und Gleichheit unnützlich im Munde führen und doch jeden nicht » Geborenen « nimmermehr als vollbürtigen Gentleman anerkennen . Wenn er früher seine Verachtung des militairischen Berufes ausgesprochen , so war dies nur eine » liberale « Pose und im Herzen schwelgte er doch im Soldätle-Spiel als dem letzten Ueberrest der feudalen Ritterzeit . Und jetzt - ihm war , als schreite unsichtbar der Geist seines großen Todten neben ihm her und eine Stimme - er wußte nicht woher - sprach in ihm zum andern mal : Nein , das ist nicht der Marsch des Jahrhunderts der Marsch des Intellekts . Diese scharlachrothen Söldner sind die symbolischen Satelliten des » Scharlachnen Weibes « . Vor diesen gemästeten Maschinen stellte man zwei Götzen auf - die nannte man Ehre und Gehorsam , zwei lichte Namen für ein dunkles Nichts . Aber Du , Carlyle , letzter Seher Englands , mit den hochmüthigen Junkernüstern und -Kinnbacken , der Du den Zaren als Muster empfahlst , weil er mit der Knute seine Myriaden zudrille - Du verworrener Widerspruchsgeist , der sich als unfehlbare Wahrheit proklamirte - Du lügst dennoch ! Und Dein grober Berserkerhumor und Deine cynischen Wortkolosse sind auch nur Bastarde jener Humanitätsphrasen des aufgeklärten Despotismus - und ihr stammt allesammt vom Lügenvater . Nein , die Stunde naht , wo auch in diese zurechtgeprügelten Uniform-Automaten der heilige Geist ein neues Leben hauchen wird , und die Puppen werden ihre Götzen selber zerschmeißen . Wie schon jetzt die Iren in der Armee mit der Sache ihrer unterdrückten Heimath fraternisiren , so werden sie dann alle ihr Rüstzeug ohne Schwertstreich den Söhnen der Freiheit überliefern , wenn diese Staatskarossen erst umgestülpt werden zu Barrikaden . Der Graf blieb stehn , wie gelähmt . Er erschrak vor sich selber , vor seinem Elan . War es derselbe , der einst den französischen Adel der Nationalversammlung in jener berühmten Augustnacht begeisterte , seine eigenen Feudalrechte mit einem Federstrich zum Schuttgerümpel der Vergangenheit zu werfen ? Wie und waren nicht auch dies nur ideologische Verzückungen , Phrasen einer Schein-Wahrheit ? Solche unreifen Raubthier-Instinkte mochte ein Schmoller nähren , diese literarische Verkörperung des vierten Standes und seiner größenwahnsinnigen Gelüste . Würde aber Leonhart , der eminent positive Denker , also gedacht haben ? Nein . Am Morgen hatte Krastinik zufällig auf Trafalgar Square ein Meeting besucht , lauter gediegene Radikale , die da im Chorus die Nationalhymne brüllten : » Briten sollen nimmer Sklaven sein . « Aber sie rochen meilenweit nach Rum , der ja freilich nach Burke den Pfad zum Ruhme bildet ! Und die Bestechungs-Schillinge klimperten in der Tasche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiter , weiter . Immer noch ringsum die Mitternachtsbörse , über welche die heilige Hermandad ihren schützenden Mutterarm breitet . Britinnen rechts , Französinnen links , Spanierinnen an der einen Ecke , Deutsche an der andern - - o Du einzig wahre geregelte Schwesterschaft der Nationen , kosmopolitische Weltrepublik ! O Neumondfest in Babylon , wo man die Blüthe der Jugend dem Astarte-Cultus opferte , wo alle Provinzen ihre mannbaren Jungfrauen in die Metropole sandten , um jene Marken einzuhandeln , die Rawlinson und Layard entdeckten - wir sind heut sittlicher , wir ! Plötzlich ergriff ihn ein ungeheuerer Schrecken . Ihm war , als ob der Boden unter ihm wanke , als ob er ein Sieden und Summen höre , wie wenn Millionen kleiner schwarzer Höllengeister unter der Erde nach oben krabbelten . Und ihm däuchte , daß ein gespenstiger Tritt hinter ihm herschlürfe . Der Schatten längs der grauen Eisenbahnmauer von Victoria Station - - stand dort nicht der unheimliche Gast neben ihm , der Geist des großen Todten ? Tönte nicht ein galliges metallisch gellendes Lachen - oder war ' s der Pfiff der Lokomotive , die grade über den Brückendamm wegbrauste ? Da knirschte er einen höllischen Fluch zwischen den Zähnen und schüttelte grimmig seine Faust wider den Mond , der über den Baumwipfeln des nächsten Squares emporkletterte . Und fiel betäubt an die Mauer . Seine Schläfe schlug schwer an die harten Steine . Woran mahnte ihn das Gespenst seiner verwirrten Sinne ? An seine schmähliche Schwäche , seine erbärmliche Schuld ? Wollte die Leichenhand aus dem Grab ihn züchtigen , weil er dem Todten noch immer nicht zurückgegeben , was sein ? - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Krastinik langte noch eben rechtzeitig an , um seinem väterlichen Freunde die Augen zuzudrücken . In dem tiefen aufrichtigen Schmerz , den er mit der Wittwe theilte , hatte er in den ersten Tagen vergessen , was hinter ihm lag . Vergessen , sich selbst vergessen . Jetzt , da er aus dieser wohlthätigen Erstarrung erwacht , quälte ihn mit doppelter Gewalt das alte Leid . Das Leid ? Nein , das Schuldgefühl . Durfte er sich ' s selbst bekennen , aber mußte er ' s nicht , - daß in all dem Wirrwar seiner Gefühle erst schüchtern , dann immer dreister die Versuchung ihr Haupt erhob : Nun ist der todt und für immer dahin , der uns alle beschattete mit seiner bleichen Stirn , neben dem als Dichter sich zu spreizen nur dem blinden Größenwahn noch möglich war ? Ja , er ist todt - und sein Werk , das meinen Namen berühmt gemacht , ist nun mein , mein . Der Zeuge gegen mich , der aufstehen könnte , mir die erborgten Pfauenfedern abzureißen , ist stumm für ewig . So fraß die teuflische Lockung sich in seine Seele ein , langsam und stetig wie der Keim eines Verbrechens . Wie wäre bei normalem Zustand ein so unehrenhafter Gedanke ihm je genaht ! Aber der Ruhm , - wer ihn kostete , den stumpft er ab für alle anderen Gefühle . Der Größenwahn muß sich sättigen um jeden , ja um jeden Preis . Er rang verzweifelt mit dem bösen Vorsatz und doch vermochte er nicht , ihn zu bemeistern . Und die Furcht , die Schande ! Wie würde man ihn lächerlich machen ! Wurde er nicht unmöglich in der Litteratur ? In den litterarischen Kreisen Berlins , an denen er mit allen Fasern hing ? Das Gift der litterarischen Gesellschaftsstreberei schien ihm längst in alle Poren gedrungen und vergebens suchte er nach einem Gegengift . Und zuguterletzt - konnte er nun nicht , nachdem er durch jenes Meisterwerk einen obersten Platz errungen , durch eigene Werke sich weiter behaupten ? Konnte ihn nicht der edle Ehrgeiz , sich jenes Werkes und des dadurch errungenen Namens würdig zu machen , über sich selbst hinausheben ? Was nützte es denn dem Todten , wenn man der Wahrheit die Ehre gab und seinen ohnehin schon sicheren Nachruhm noch vermehrte ? Der große Dichter bedurfte desselben nicht und der Todte bedarf überhaupt nichts mehr . Nur der Lebende hat Recht . So mühte er sich ab , mit allerlei Sophismen sich über sein Vorhaben , über seine feige Schwäche hinwegzutäuschen . Mit jedem Tage wuchs die Schwierigkeit des Eingeständnisses . Würde man nicht fragen , warum er nicht sofort das Nothwendige gethan ? Würde man nicht seine plötzliche Abreise dann erst recht mißdeuten ? Würde nicht ein immer das Böse voraussetzender Verleumder wie z.B. Schmoller sich dann gar feierlich als Bluträcher des » todten Freundes « aufwerfen , indem er am Ende gar den unerklärlichen Selbstmord Leonharts mit dem litterarischen » Raub « zusammen brachte , der an ihm begangen ? Und ob denn überhaupt nicht Jemand in der » Meeresbraut « die unverkennbare Vaterschaft Leonharts herausspürte und demgemäß Vermuthungen losließ ? Die Phantasie spiegelt tausend Fährnisse vor , die hinterher nicht einmal kommen können . Wer etwas auf dem Herzen hat , glaubt , daß Jeder es ahne . Wie die Motte zur Kerze , fliegt ein überzartes Gewissen selbst immer der Sache näher und verplaudert sich selbst Denn der Mensch kann selten ein Geheimniß bewahren und bei sich behalten , alles muß heraus . Daher die heilsame Institution der Beichte - daher die wolthätige Macht der katholischen Kirche , welche dem Drang des Mittheilens entspricht , den man sonst verbeißen müßte . Bei diesem Gedanken an die katholische Kirche durchzuckte es den Einsamen . Wie hatte es ihn stets gepackt , wenn Leonhart das Leben eines Mönchs als wünschenswerthesten Seelenzustand pries ! Ach ja , ja . Wenn ihm nichts mehr übrig blieb , wenn das Leben ihm ganz zuwider , so konnte er sich ja flüchten in die klösterliche Stille , wo aller Hader schweigt und jede Versuchung endet . » Memento mori ! « zu murmeln wie der Trappist , dem nur dies eine Wort die ewig versiegelten Lippen erschließt - das mag nur Weltlinge erschrecken , die noch genarrt von den eiteln Gaben des Lebens . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Krastinik war , bald nachdem er wieder zu sich selbst gekommen , ins deutsche » Athenäum « geeilt , um dort Berliner Zeitungen zu lesen . Mit fieberhafter Aufregung durchstöberte er alte und neue Blätter . Und nicht umsonst für das Einzige , wonach er fahndete . Zehrten doch die Feuilletons aller Blätter noch immer in üppigen Notizen von dem seltsamen Selbstmord des jungen Dichters . Sogar zu Leitartikeler schwangen sich verschiedene Organe auf , um kräftig an diesem Fall das traurige Loos des deutschen Dichters zu erläutern . Obschon sie selbst im Leben ihn gänzlich todtgeschwiegen hatten , schleuderten solche edlen Leitartikeler jetzo Invectiven gegen die versumpfte Presse . Denn das schien , bald nachdem der Selbstmord Leonharts als breite Notiz überall aufgetischt und verrückte Motivirungen aufgetaucht , nunmehr endgültig festgestellt : daß der junge Dichter sich aus Verzweiflung über seine völlige Erfolglosigkeit und den Mangel jeglicher Anerkennung das Leben genommen habe . Wäre daran noch ein Zweifel gewesen , so wurde er ja bald gehoben durch ein posthumes Ereigniß . Was mußte Krastinik vernehmen ! Sofort nach Leonharts Ende , fiel sein Verleger über seine litterarische Hinterlassenschaft her , indem er einen Vertrag auf ein neues Werk des Verstorbenen producirte , auf welches er bereits eine Vorschußsumme gegeben . Dies neue Werk fand sich vor , überraschenderweise fast ganz vollendet . Ohne Besinnen setzte der rührige Verleger zwei Schnellpressen in Bewegung und publizirte mitten in dem Skandal binnen drei Tagen das Buch . Und welch ein Buch ! Das schnellebige Berlin hätte vielleicht auch diese Affaire in acht Tagen vergessen wie jede andere , aber diese Publikation verewigte den Skandal . » Der Schwur des Hannibal « , dramatische Dichtung . - Sobald er die erste Anzeige gelesen , stürzte Krastinik zu Trübner und kaufte das Buch . Gleichsam als Motto trug es an der Stirn die wildtrotzigen Verse : Ich glaubte nie die Mär , daß am Altar , Heimkehrend aus der Römerkriege Lager , Den Sohn er Rache schwören ließ - fürwahr , Nicht ähnlich dem verschlossenen Karthager ! Der junge Hannibal sah fort und fort Das Ringen seiner hohen Geistesahnen . Er ballte nur die Faust und sprach kein Wort : Man brauchte ihn zur Rache nicht zu mahnen . Er sah , wie alles nur gelenkt vom Schein , Wie jeder Wicht der Größe Keim verpfuschte , Wie jedes stillen Werthes Melodei ' n Der Kameraderie-Tamtam vertuschte . » Noch ahnet Ihr mich nicht , Ihr glatten Katzen , Aufsteht ein Rächer aus Hamilkars Geist . Den Löwen merkt man erst an seinen Tatzen , Wenn der Gereizte Euch in Stücke reißt . « » Ihr mögt mir Netze stellen , Gruben , Schlingen - Einst pack ' ich Euch , und wen erst packt der Leu - Ja , unerbittlich will ich sie vollbringen Die Rachepflicht , dem Schwure bleib ich treu . « » Du Stadt der Krämer und der seichten Possen , Ich schwör ' s bei der Semiten Gott , dem Bal : Einst kommt er wie der Blitz herabgeschossen Und reinigt Dich - der Schwur des Hannibal . « Das Buch fiel wie eine Bombe mitten in das Leben der Zeit hinein . Es sprengte gleichsam , vom Dach bis